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IJiifol /^
HARVARD
COLLEGE
LIBRARY
ZEITSCHRIFT
Vergleichende
SPRACHFORSCHUNG
AUP DEM GEBIETE DES
DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND
LATEINISCHEN
llERADSOEQEBEN
2>r. ABAXiBZiatT XVBIT,
PROrBSSOR AM CÖrjnSCHKir OTMNASIUM 2U BERUH.
BAND XVm.
BERLIN,
PKRD. DOMMLBR'8 VERLAGSBUCHHANDLUNG
(HASSWITZ OND OOSSHANN)
1869.
Tftifol /S
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I LI Kl
Verzeichnis der bisherigen mitarbeiter.
Directar dr. Ahrens in Han-
nover*
Dr. Andresen in Berlin.
C. Arendt s. z. in Peking.
Pro£ AscoU in Mailand.
Prof. dr. Th. Aufreckt in Bdin-
borg.
Prof. dr. Ag. Benanf in Ber-
yn t-
Prof. dr. Tk. Benfcff in Gottin-
geiu
Prof. dr. BickeU in Münster.
Dr. A. Birhnger in Bonn.
Staatarath dr. 0. e. BoehiUngk
z. s. in Jena.
Prof. dr. BoUensen in Witten-
haasen a. d. Werra.
Prof. dr. F. Bopp in Berlin f-
Prof. mchel BrM in Paris.
Prot. dr. Ernst Brüche in Wien.
Dr. Jo%. Buden» in Pesth.
Prof. dr. G. Bühler in Pnna.
Prof. dr. Sophius Bugge in Chri-
atiaoia.
Dr. W. Ciemm in Oieisen.
Prof. Z>. CamparetH in Pisa.
Prof. dr. W, Corssen in Berlin.
Prof. dr. G. Curtius in Leipzig.
Dr. Eerthold Delbrück in Halle.
Dr.Lor^fM Diefenbach in Frank-
furt a. M.
Dveetor prof. dr. A. Dietrich
in Erfturt
Prof. dr. H. Düntner in Cöln.
Dr. H. Ebel in ScbneidemfihL
Dr. Gu$t, Eschmann in Barg-
steinfurt
Aug. Fick in Göttingen.
Oberbibliothekar prof. dr. E.
Förstemann in Dresden.
Dr. Froehde in Liegnitz.
Dr. G. Gerland in Magdeburg.
Schnlrath dr. A. Goebel in Kö-
nigsberg i. Pr.
Heinr, Gradl in Eger.
Prof. dr. Grafsnuinn in Stettin.
Hofratb J. Grimm in Berlin f.
Prof. dr. F. Grohmann in Prag.
Prof dr. M, Hang in Manchen.
Dr. Ludwig Hinel in Frauen-
feld (Cant. Thargan).
Hofratb dr. HoUtmann in Hei-
delberg.
Prof. dr. Ht^feld in Halle f.
J. B, Janku in Florenz.
Prof. dr. Jülg in Innsbruck.
G. Jurmann in Wien.
Prof. dr. H. Kern in Leyden.
Prof. F. Kielhom in Bombay.
Justizr. dr. Th. Kind in Leipzig f.
Prof. dr. Kirchhoff in Berlin.
Dr. Gustav Kifsling in Bremen
Dr.K. V. Knoblauch.
Dr. Reinhold Köhler in Wei-
mar.
Prof. dr. A. Kuhn in Berlin.
Verzeichnis der bisherigeD mitarbeiter.
Gymnasiallehrer dr. Gustav Le-
gerloU in Soest.
Dr. F. A. Leo in Berlin.
Prof. dr. H, Leo in Elalle.
Prof. dr. R, Lepsius in Berlin.
Prof. dr. M. Lexer in Würz-
barg.
Prof. F. Liebrechi in Luttich.
Prof. dr. C. Lottner in Dublin.
Prof. dr. A. Ludwig in Prag.
Dr. W. Mannhardt in Danzig.
Dr. H, Martens in Bremen.
Prof. dr. Mafsmann in Berlin.
Dr. Maurophrydes aas Kappa-
docien in Athen f.
Prof. dr. Leo Meyer in Dorpat.
Prof. dr. Michaelis in Berlin.
Fran% MisteH in St. Gallen.
Prof. dr. Th. Möbius in Kiel.
Prof. dr. K. MMenhoff in Berlin.
Prof. dr. Max Müller in Oxford.
Prof. dr. Friedrich Müller in
Wien.
Prof. dr. Mussaßa in Wien.
Dr. Pauk in Münden.
Dr. Ign. Fetter s in Leitroeritz.
Dr. FHedr, Pfeiffer in Breslau.
Prof. dr. A. Fielet in Genf.
Prof. dr. A. F. Pott in Halle.
Prof. dr. Karl Regel in Gotha.
Dr. Rieh, Rödiger in Berlin.
Dr. Rossekt in Berlin f.
, Prof. dr. R, Roth iu Tubingen.
Prof. dr. J. Savelsbergin Aachen.
' Prof. dr. A . Schleicher i n Jena +.
I Dr. Johannes Schmidt in Bonn.
Prof. dr. M, Schmidt in Jena.
Prof. dr. Schmidt' Göbel in Lern-
berg.
Prof. dr. Schnitterin Bllwangen.
; Dr. G. Schönberg.
! Dr. Schröder in Merseburg f.
' Dr. Hugo Schuchardt.
I Prof. dr. H. Schweizer- Sidler
\ in Zürich.
! Rector dr. W, Sonne in Wismar.
I Prof. dr. Spiegel in Erlangen.
Prof. dr. H. Steinthal in Berlin.
Director G. SHer in Zerbst.
Dr. Strehlke in Danzig.
Dr. Techen in Wismar.
Prof. dr. L, Tobler in Bern.
Prof. dr. W. Treitt in Marburgf.
K. Walter in Freienwalde a. O f.
Prof. dr. A. Weber in Berlin.
Prof. dr. Hugo Weber in Weimar.
Prof. dr. Weinhold in Kiel.
Prof. dr. Westphal.
Dr. mibrandl in Rostock.
Fr, Woeste in Iserlohn.
Oberlehrer dr. Zeyl^ \n Marien-
Werder.
Prof. Zyro in Bern.
Inhalt.
Srite
Beitiige zur lateinischen Uatlefare and etymologie. 1. Die doppelte te-
nma. Von dr. Carl Pauli 1
Zur diakktforschung. II. Alemannisch. Von dr. A. Birlinger . . 40
Die verba auf -erare -izon. Von Alfred Ludwig 52
Amor und Psyche — Zeus und Semele — Piirflravas und Ui'va9i. Von
Felix Liebrecht 56
Yil. Clemm: De compositis Graecis quae a verbis incipiunt Ange-
zeigt von Rieh. Rödiger 66
F. C. August Fick: Wörterbuch der indogerm. gmndsprache. Ange-
zeigt von B.Delbrück 78
Lachmann. Von K. G. Andresen 79
Ueber den indogermanischen, speoiell den vedischen dativ. Von B. Del-
brück 81
Jubere. Von Wilbrandt 106
Il^nTa — flyo/Jaia. Ein beitrag zur Charakteristik der griechischen
vnlgttrsprache. Von dr. Theod. Kind 118
W. D. Whitney: Language and the study of language. Angezeigt
von W. Clemm 119
Am^d^e de Caix de Saint-Ay mour: La langue latine dtudi^e dans
Tunit^ Indo-Europ^enne. Angezeigt von W. Corssen . . . . 125
Gustave Deville: ^tude sur le dialecte tzaconien. Angezeigt von
D. Comparetti 182
J.H.Oswald: Das grammatische geschlecht und seine bedeutung. An-
gezeigt von Johannes Schmidt 150
Zar kenntnifs der ältesten runen. Von Th. Möbius 158
Schlittschuh oder schrittschuh. Von K. 6. Andresen 168
Eisenmengo-. Von demselben 159
Lateinische wortdeutimgen ; 1) prope. 2) fovea. favissa. Von F. Froehde 159
Alt-, mittel-, neüurdeutach. Von £. Förstemann 161
Altoskische sprachdenkmlUer in griechischer schrift. 1 ) Grabschrift von
Sorrento. 2) Grabschrift von Anzi. Von W. Corssen . . .187
Ceres. Von Max Müller 211
Hephaistos. Von demselben 212
Franz Stark: Die kosenamen der Germanen. Angezeigt von K. G.
Andresen 216
Ph. Dietz: Wörterbuch zu dr. Martin Luthers deutschen Schriften. An-
gezeigt von A. Kuhn 287
Erklärung. Von W. Clemm 287
Antwort. Von Rieh. RÖdiger 240
VI Inhalt.
Seit«
Altoskische apracbdenkniKler in griechischer schrift. 2) Grabschrift von
Anzi (schlufs). 8) Weiheinschrift eines helmes zu Palermo. Von
W. Corssen 241
Ueber die entstehung des o aus u im lateinischen. Von F. Froehde 258
Zum ostürtnkischen vokalismus. III. Metathesis. IV. Verengung. Von
Heinrich Gradl 263
F. Baudry: Grammaire compar^e des langues dassiqnes. Angezeigt
von H. Schweizer-Sidler 284
W. Corssen: Ueber ausspräche, vokalismus und betonung der latein.
spräche. Zweite ausgäbe, erster band. Angezeigt von H. Schwei-
zer-Sidler 291
Aiiyio und ^^t/yM'^ft. Von G. Schön berg 811
Lateinische wortdeutnngen : 1) frendo. 2) infestns. Von F. Froehde . 818
Nachruf (August Schleicher). Von Johannes Schmidt . . . 816
Wilhelm Scherer: Zur geschieht« der deutschen spräche. Angezeigt
von A. Kuhn 321
Lira und porca das ^ackerbeet; fitkivti die hirse, malva die malve. Von
A. Fick 412
Allerlei: ira^fto;, ntpa^, nXarvq salzig, nlrfff/ia same, nQ^<r/*at qtUoq,
Xogdöq] hiiirto, fon, fani. Von demselben 414
Lateinisches und romanisches. TV. Die Corssen'sche benrtheilung meiner
ansichten über die lateinischen fortsetzer der indogermanischen und
gräkoitalischen aspiraten. Von G. I. Ascoli 417
Revue de linguistique et de philologie compar^e. Tome premier, I*' et
II« fascicule. Angezeigt von Job. Schmidt 446
Zu den secund&rsnffixen -an, -Ina, -inja, -tä, -tva, -vant. Von A. Fick 458
Nimis. Von Michel Br^al 456
Sach- und Wortregister. Von £. Kuhn 457
U(3'\ . ' «>-■ 1^
ZEITSCHEIFT
\ FÜR
,1
'i
( VERGLEICHENDE
SPRACHFORSCHUNG
AUF DfiM GEBIETE DES
DEUTSCHEN, GRIECmSCHEN UND
LATEINISCHEN
HERAÜSQEGEBEN
Br. ASAX.BSItT KUHN,
PROFB880R AH CÖLNISOHEX OTM2VASIUM ZU ft^SSJOS,
BAND XVm.
ERSTES HEFT.
BERLIN,
PERD. DOMMLBB'8 VEBLAGSBDCBHANDLUNO
(HABBWITZ CHD GOSSUAIIII)
1868.
Inhalt. Seite
Beiträge zar lateinifichen lantlehre und etjmologie. Von dr. Carl
Pauli 1
Zur dialektfonchung. Von dr. A. Birlinger 40
Die verba auf -erare -izon. Von Alfred Ludwig 52
Amor und Psyche — Zeus und Semele — Purüravus und Urva^i.
Von Felix Liebrecht 56
Anzeigen: De compositis Graecis quae a verbis incipiunt. Diss.
inang. Scripsit Vil. Clemm. Von Rieh. Rödiger ... 66
Wörterbuch der indogermanischen grundsprache in ihrem bestände
vor der Yölkertrennnng. Ein sprachgeschichtlicher versuch von
F. C. August Fick. Von B. Delbrück 73
Miscelle: Lachmann. Von K. 6. Andresen 79
Beilage: Prospeot über die Donner^ sehe Uebersetzung des Sophokles.
6. Auflage. Verlag der G . F. W i n t e r ^ sehen Verlagsbuchhandl ung
in Leipzig und Heidelberg.
Verlag von F. C. W. Vogel in Leipzig.
Der Bundehesh.
Zum ersten Male herausgegeben, transcribirt, über-
setzt und mit Glossar versehen
von
Ferdinand Jnsti.
Prot In Uarbttrg.
4. 540 Seiten, geh. Preis 14 Thlr.
3n unfcrm Verlage crfd^icn focben:
®pnä)XoüxkXf JRcbcnSartcn, Sietmc
gcfammclt öon
Dr. ;?lnton ISirlinger.
@cbcj. clcg. gc^. 12 @gr.
3)icfc intercffante fleine ©ammlung Wließt fid^ an ^öfcr'« „3Bic baö
iOoIt \pn6ftf* an. @te gä^It 1191 9htinmem. 2)er $ret6 fttr ba9 9 Sogen
^oxUf elegant andgefiattete SQuäf ift fe^t niebrig gefleHt.
Seritn. 9etb« Cummlet'^ SetlagdBu4(anb(utig.
(^arrrni^ tmb ©ogmann.)
Beiträge zur lateinischen lautlehre und ety-
mologie.
Jtlia
1. Die doppelte tenuis.
is sind bekaontlieh im lateinischen eine anzahl Wörter
vorhanden, welche theiU ausschliefslich , theils in wecbfel
mit der einfachen, mit doppelter tenuis geschrieben wer*
den. Die worter sind zum theil schon einer behandlung
unterworfen worden, namentlich die, welche cc enthalten^
80 von Meyer im sechsten bände dieser Zeitschrift und von
Gorssen in den kritischen beitragen und in den kritischen
Dachträgen. Allein eine weitere anzahl dieser bildungen
sind noch nicht untersucht worden, und überdies ist selbst
in den bereits behandelten manches noch nicht zu einer
solchen klarheit gediehen, dafs eine abermalige Untersu-
chung überflüssig wäre.
Um zunächst den sto£P zu sichten, so sind von den
zu behandelnden Wörtern alle fremdwörter auszusohlieTsen.
Aufser den offenkundig aus dem griechischen stammenden,
wie attagen das haselhuhn u. dgl., sind es etwa folgende:
1. Saccus sack gilt gewöhnlich f&r dem griechischen
entnommen. Gorssen krit. nachtr. 64 hält die entlehnung
f&r nicht erwiesen und zieht es mit sagum und soccus zu
einer wurzel sag decken. Dieselbe ist aber weder bei We-
stergaard belegt, noch findet sie sich im Rigveda. Das gr.
aärrm rüste aus, bepacke, fülle an, häufe auf hat bei He-
rodot das plusquamperfect i<fs(xdxccTo, aus welcher form
aber auf den wurzelauslaut nicht geschlossen werden kann.
Dazu gehört ($dyua packsattel, oberkleid, schilddecke,
worin das y wie im particip rfetTayfAivoc; des nasals wegen
Zeitochr. f. vgh sprachf. XVITI, 1. t
2 Paali
stehn kann. Von (sdyfAa sind nicht zu trennen adyoi; sei-
datenmantel, adyi] saumsattel, waflfenrüstung, kleidang.
Hier zeigt sich die wurzel also auch unabhängig vom na-
sal mit der media. Curtius grundz.' 602 zieht mit recht
auch adxoQ schild zu ödxtfa und demnach wäre als würze!
sak aufzustellen, welcher wurzelform obige Wörter nicht
widerstreiten, da sich ja in griechischen Wörtern öfter der
Wurzelauslaut von tenuis zur media schwächt, wie Curtius
im Index lect. Kil. aest. 1857 bewiesen hat. Die bedeutun-
gen der obigen Wörter weisen alle auf den grundbegriff
des ,,drüberdeckens^ hin, woraus sich leicht die des man-
tels (toga : tego), des Schildes (scütum : sku), der rfistung
(tegumen : tego), des satteis ableiten. Von diesem begriff
des drüberdeckens nun liegt aber in Saccus keine spur:
Saccus heilst das filtertuch, ein stQck zeug zum (kalten
oder warmen) uuischlag, der kornsack, der bettelsack, ein
härenes gewand, sacculus das filtertucb, ein geldbeutel,
sacceus aus Sackleinwand gemacht, sacco ich filtrire. Alle
diese bedeutungen weisen klar genug darauf hin, dafs Sac-
cus (denn dies ist ja das Stammwort der andern) ein stück
groben, rauhen zeuges sei, hauptsächlich benutzt zum
filtriren, aber auch zu umschlagen (wie unser löschpapier),
zu Säcken und grojben kleidern. Genau dieselbe bedeutaog
zeigt nur das griechische adxxog mit seinen ableitungen:
aaKxos ist grobes, dickes zeug aus Ziegenhaaren und das
daraus verfertigte, als Seihtuch, sack, kleid (auch ein rau-
her, zottiger hart), aaxxiov Seihtuch, beutel, adxxivog aus
sacktuch gemacht, aaxxaoj ich seihe. Aber die Überein-
stimmung geht noch weiter. Das hebr. piD, plur. a-'piD (also
mit kk) heifst grobes, härenes zeug, filtertucb, getreidesack,
trauerkleid, das verbum ppr (t und is sind etymologisch
gleich nach Gesenius lex. hebr. sub litt, in) seihen, klären,
läutern. Eine vierfache möglichkeit nun liegt vor: entwe-
der die Identität der semitischen worte mit den gpechisch-
lateinischen ist zufall, oder die letzteren sind ersteren ent-
lehnt, oder umgekehrt das semitische wort den Indoger-
manen, oder es findet Urverwandtschaft statt. Von letzte-
rer möglichkeit darf ich wohl absehn, das spiel des zufalls
beitrage znr lateiniBchen lauüehre and etjrmologie. 3
aber müfste f&r sehr bewunderangswürdig gelten, also bliebe
nar * entiehnuDg. Und da ist es doch wahrscheinlioher,
dafs das wort den Griechen mit dem stofFe aus ziegenhaa-
ren selbst und durch die Griechen den Lateinern, durch
diese den Goten u. a. zugeführt sei, als umgekehrt, denn
die hebräischen Wörter sind durchaus semitischen ansehens,
während die griechischen und lateinischen Wörter, nament-
lich das griechische mit seinem kk (das lat. cc erklärte
sich eher), einen gewissen barbarischen typus nicht ver*
leugnen können und überdies nicht auf eine indog. wurzel
zurQckzuftkhren sind, da sie eben zu dem oben genannten
aak „ drflberdecken ^ der bedeutung nach nicht stimmen,
und man dem von Benfey gr. wll. I, 432 gemachten ver*
suche aus lautlichen gründen kaum wird beistimmen kön-
nen. Gerhard Johann Vossius wird daher doch wohl recht
behalten müssen, wenn er im Etymologicon sagt: „Saccus,
uon a sago, — sed a Graeeo aäxxog^ quod ipsum est non
a öarro} — , sed ab Hebraeo pttJ*'.
2. bracca und bräca die hose. Da das wort zu-
erst von Ovid und zwar nur von ausländischer tracht ge-
braucht wird, später mit der sache selbst nach Rom im-
portirt wurde, da ferner die hose nord. brök, schwed. brök,
dftn. brög, ags. bröc, engl, breeches, fris. brök, niederl. broek,
ahd. pruoh, mhd. bruoch heifst, sämmtlich formen, deren
lautstand den germanischen lautgesetzen völlig entsprechend
ist, so dafs hier von entlehnung aus dem lateinischen nicht
die rede sein kann, so ist bräca (wie alsdann zu schreiben
ist) ohne zweifei germanischen Ursprungs. Das gael. brio-
gm hosen könnte auch auf celtischen Ursprung deuten,
scheint mir aber selbst der entlehnung aus dem angelsäch-
sischen verdächtig, da es sehr vereinsamt im celtischen
steht (wenigstens sind mir weitere formen nicht bekannt).
Gleichzeitig mit Ovid findet sich das wort auch im griechi-
schen, wo es beiDiod.Sic.5, 30 in der form ßodxai auftritt.
3. baccar, baccaris (auch mit cch geschrieben)
celtischer baldrian wird auch wohl celtischen namen ha-
ben, wenigstens stimmt das gaelische bächar, welches im
gaelic dictionary der Highland Society mit der bedeutung
4 Panli
tbe herb ladj's glove, digitalis angefahrt wird, ioaofern zu
baccar, als es wenigstens auch nanic einer pflanze ist-
4. beccus der schnabel Suet. Vitell. 18, welches von
den lexicis als gallisch angegeben wird. Ich vermag zwar
aus dem mir zugänglichen material keine celtischen ver-
wandten beizubringen, allein echt lateinisch erscheint das
wort jedenfalls auch nicht, weshalb ich es hier aufflQhre.
5. CO cc um die Scharlachbeere, zuerst bei Horat. sat.
2,6, 102, dem gr. xoxxog entlehnt, welches in der bedeu*
tuDg kern von fruchten sich schon im hymn. Cer. und bei
Herodot, das adj. xoxxtvo^; scharlachroth bei Aristoph. vesp.
1067 findet. Allein auch das gr. xoxxog sieht sehr nngrie-
chisch aus, ohne dafs ich freilich etwas verwandtes angeben
könnte, denn, was Benfey gr. wll. II, 159 vorbringt, ist
wenig wahrscheinlich«
6. matta die matte Ov. Fast. 6, 680. Das wort fin-
det sich aufser im lateinischen nur noch in den deutschen
sprachen, ahd. matta, mhd. matte, matze, ags. meatta. Die
deutschen Wörter stimmen weder untereinander, noch mit
dem lateinischen in bezug auf die lautverschiebung. Es
ist also höchst wahrscheinlich, dafs sie entweder dem la-
teinischen, oder auch mit diesem gemeinsam einer dritten
spräche entlehnt seien, was dann doch wohl nur das cel-
tische sein könnte. Celtisch aber vermag ich kein ver-
wandtes wort nachzuweisen, daher wohl die erstere an-
nähme die richtige sein mag. Es hat aber nun auch das
lateinische wort weder im lateinischen, noch sonst im in-
dogermanischen ein passendes etymon, denn Pottes versuch
(n% 108), es aus nadh nectere abzuleiten, wird kaum bil-
ligung finden. Sollte es daher nicht wie Saccus semitischen
Ursprungs sein und der name mit der sache den Römern
importirt sein, zumal es ein dna^ kByouevov wenigstens
des klassischen lateins ist? Vossius denkt an hebr. nxs'ü
bett, polster. Da aber das wort den Griechen fehlt, so ist
es den Römern wohl eher von den Carthagern, als von
Asien aus über Griechenland zugeführt (vgl. mappa unter
no. 9). Vergleichbares vermag ich aber nicht beizubringen.
7. mattea (mattya, mactea) leckerbissen, gilt f))r
beitrage zur lateinischen iautlehre and etymologie. 5
dem griechischen ptatrva^ /Kcxrrt/r/, auch uarrvt^g ein be-
stimmtes gericht entlehnt and die Schreibweise mattya be-
weist das wohl als begründet. Das gericht soll ans Ma-
cedonien nach Griechenland gekommen sein, und wird dar
her auch der name von dort stammen ( cf. Hesych. s. t.
fuzTtvfjg Schm.), da die herleitung von fAecaato kneten we-
gen des hier wurzelhaften gutturalauslauts y oder x schwie-
rig ist. Die formen mattea und mactea halte ich dem
streben entsprungen, das wort lateinischem munde gerech-
ter zu machen^ letzteres vielleicht unter anklang an macto
schlachten.
8. cottana, auch cottona, cotona und, wie eben
mactea, mit et fQr tt coctana geschrieben, ist der name
kleiner syrischer feigen. Da auch Hesych. das wort in
der glosse xottava* eloog (fvxwv fAtxQtav kennt, so ist an-
zunehmen, dafs dasselbe den Lateinern von den Griechen,
diesen mit der Sache von Asien zukam. Meiner meinnng
nach liegt darin das hebr. qatön klein oder eine fthnliohe
syrische form, da die gleiche wurzel z. b. im syr. qatlnö
minutus sich findet.
9. mappa serviette, nach Quintil. 1,5,57 punisch.
Lateinisch scheint das wort nicht zu sein, wenigstens die
erkl&rung Isidors aus manupa befriedigt nicht, und andere
etyma liegen gleichfalls nicht vor, so dafs wir auf Quinti-
lians autorität hin den punischen Ursprung des wertes an-
nehmen mQssen.
10. struppus riemen, struppus oder stroppus
kränz, bouquet soll das griechische avQOfpog sein. Da
dem werte offenbar die bedeutung des gedrehten, gewun<>
denen zu gründe liegt, so wird es sich wohl an avQiq>m
anschliefsen und aus atQ6q>og umsomehr entstanden sein,
als die betreffende wurzel im lateinischen selbst media im
inlaut zeigen müfste, bei entlehnung dagegen die griechische
aspirate ganz regelrecht durch die tenuis vertreten ist. Die
Verdoppelung kommt auf rechnnng der geschärften aus-
spräche, wovon nachher.
11. supparus, supparum leinenes gewand, firauen-
hemde, toppsegel. Varro 1. 1. 5, 131 giebt es für oskisch
6 Pauli
aas. Das wort macht den entschiedeoen eindruck eines
compositums aus sub und parus. Nun aber findet sich die
prftposition sub nicht in den erhaltenen oskiscben denk-
mftlem, und es könnte daher der oskische Ursprung des
Wortes zweifelhaft erscheinen. Allein bei der immerhin
doch nahen Verwandtschaft des oskischen mit dem lateini-
schen und umbrischen ist ohne bedenken anzunehmen, dafs
das lat.-umbr. sub auch oskisch vorhanden gewesen und
uns nur zufällig nicht erbalten sei. Das spricht also nicht
gradezu gegen den oskischen Ursprung des wertes. Es ist
aber noch ein grund da, der dafllr spricht. Bekanntlich
schwächt das lateinische den wurzelvocal des compositums,
das oskische versehrt ihn nicht. Zwar hat ja auch das
lateinische seine ausnahmen und es steht z. b. in gleicher
lautlage, wie sie supparus zeigt, comparo, aber es sind
doch nur die ausnahmen, worüber zu vergl. Corssen aus-
spräche I, 320. Aus diesem gründe daher, weil das a rein
blieb, halte ich Varros angäbe für richtig. Es fragt sich
nur noch, was in dem parus steckt. Man hat das griech.
(fäQOQ stück leinwand darin sehn wollen, mit unrecht, wie
ich glaube. Urverwandt mit demselben kann es nicht sein,
das anlautende p und das kurze a, durch dichterstellen
gesichert, widersprechen; entlehnung ist bei einem jeden-
falls alten worte, noch dazu einem componirten, an sich
wenig wahrscheinlich, und überdies würde auch hier die
kürze des a Widerspruch erheben, obwohl sich allerdings
auch q>d(}og mit kurzem a findet. An lat. pario erzeuge,
paro bereite schlieist es sich der bedeutung wegen nicht
ungezwungen an, ich glaube daher, es ist pa-ru-s zu tbei-
len, und darin dieselbe wurzel pa enthalten, die im griech.
ntj^vo-g, ni]-V9] einschlagsfaden, nfj^v-i^co webe, haspele,
lat. pannu-s (doch wohl für pa-nu-s?) ein stück zeug,
Schnupftuch, serviette und dgl, got. fa-na ein stOck zeug,
tuch, schweifstuch vorliegt und deutlich genug die bedeu-
tung des webens zeigt, so dafs aus ihr supparus sich au&
trefflichste ableitet.
12. mattici cognominantur homines malarum ma-
gnarum atque oribus late patentibus Paul. p. 94 L. Schon
beiirige zur latciiiinchen laatlebre und etymologie. 7
G. J. Voesiiis et. lat. s. v. und And. Dacier ad* Fest, lei-
ten das wort von des Hes. fiarvai' yvd&oi her, so dafs
es gleich dein griecfa. yvdii-wvei; sei. Es scheint, als ob
bei Hes. (uarrvai zu lesen sei, denn das wort steht zwi-
schen fÄarraßavfievog und fiavTvt^g^ und Vossius liest in
der that so, Mor. Schmidt aber hat nur ein r. Da sich
innerhalb des lateinischen keine befriedigende etymologie
ftbr matticus aufstellen läfst, so halte ich des Vossius an-
sieht fbr die richtige.
Es darf uns nicht wundern, dafs eine yerhältuifsinft-
fsig so grofse anzahl von fremdwörtern unter den ohnehin
oicht so überaus zahlreichen Wörtern mit doppelter tennis
sich findet. Denn grade die genannten Wörter bezeichnen,
mit ausnähme von beccus und mattici, s&mmtlich pflan-
zen, zeoge, kleidungsstficke, speisen, deren bezeichnung ja
so hänfig mit den gegenständen selbst der fremde entlehnt
wird. Man vergleiche z. b. unser baldrian, ackley, guir-
lande, bonquet, Sackleinen, matte, shirting, paletot, Che-
misette, beefsteak, ragoüt und dgl. mehr, ja selbst harle-
quin würde aufzuführen sein, falls mattici ein ausdruck
der comödie war.
Aulser den fremdwörtern schliefse ich von der behand-
lung aus die naturlaute und schallnaohahmungen, wie
atta Väterchen, pappa zu essen I
stioppus oder scloppus ein klatsch
und dgl., wozu auch wohl friguttio mit seinen verschie-
denen übrigen Schreibweisen gehört, ferner die eigenna-
men, wie
Acca Larentia, Appius, Cotta, Attus, Met-
tius u. a.,
denn da die bedeutung der letzteren nicht gegeben ist,
w&re ihre etymologische bestimmung auf das blofse rathen
angewiesen. Unter die eigennamen gehört auch:
13. Tapulla lex, wi% Paulus, oder tappula, wie
Festus schreibt, der name einer lex convivalis, welche, wie
es scheint, dem luxus der convivien steuern sollte und
deshalb vielfach verspottet und nicht beachtet wurde; so
erwähnt Festus eines jocosnm Carmen des Valerius Valen-
8 Pauli
tinus, offenbar einer parodie desselben, und eines verses
des Lucilius,
Tappalam rident legem concere opimi,
wie er nach den handschriften lautet, wofür congerrae, ein
sonst nicht vorhandenes wort, vermuthet worden ist, ob-
wohl es sich viel mehr empfiehlt, congri oder vielleicht con<>
geri opimi zn lesen, die fetten meeraale, welche des ge-
setees eben schon durch ihre blofse anwesenheit beim
mahle spotten. In der erklärung des wertes, glaube ich,
hat bereits Ant. Augustinus das richtige gesehn, der zu
der stelle des Paulus das wort auf das cognomen Tappula
oder Tappulus, welches in der gens Villia sich findet und
als name eines consuls in den capitolinischen fasten auf-
tritt^ zurückfahrt, so dafs sich also der ausdruck dor wei-
teren etymologischen erklfirung entzieht.
Unter den nun noch übrig bleibenden echt lateinischen
Wörtern erklärt sich die doppelte tenuis auf dreifache art,
erstens n&mlioh durch zusammenziehung rednplicirter sil«>
ben, wie in
reccidi, rettnli, repperi ftlr
rececidi, retetuli, repeperi,
worüber zu vergleichen Corssen ausspr. II, 46. Diese ent-
stehung des verdoppelten lautes ist etymologisch unfrucht^
bar. Zweitens aber entsteht die Verdopplung durch blofse
schärfung der ausspräche, und zwar zumeist nach langen,
mit Sicherheit jedoch auch nach kurzen vocalen. Drittens
endlich erscheint sie da, wo präfixe oder suffixe an wur-
zeln treten, vereinzelt ohne, vielfach mit assimilation. Es
darf als bekannt und feststehend angesehen werden, dafs
die lateinische Schreibung der gemination überhaupt in
confusion gerathen ist, namentlich- nach langen vocalen
häufig sich findet,'' wo etymologisch nur der einfache lant
Berechtigung hat. Der fall liegt nun auch ftkr die tenuis
unbestreitbar vor in hicce fbr hl-ce, denn nur so ist das
wort nach der analogie von qui zu zerlegen, und in Jnp-
piter, welches nur für Jupiter, *Djoupiter stehn kann,
denn an eine entstehung des pp aus dem sp, welches dem
skr. Djäuä pitä, dem griech. Zevg nati^Q entsprechen würde,
beitrüge zur lateinischen lanüehre and etymologle. 9
ist schwer zu glauben. Es ist* vielmehr ausfall des s vor
p anzunehmen und pp lediglich orthographisch aufzufassen
als zeichen der geschärften ausspräche. Diese geschärfte
ausspräche nun, der wir selbst oben schon bei den lehn-
Wörtern in bracca begegneten, findet sich nach langen vo-
calen in einer ziemlichen anzahl von Wörtern.
Zunächst gehört hieher eine reihe von formen mit pp,
die sich auf keine andere weise erklären lassen. Sie wür-
den nämlich nur erklärt werden können, wenn man ent-
wreder oin sufHx idg. pa annähme, was bis jetzt nicht nach-
gewiesen worden und auch wohl nicht vorhanden gewesen
ist, so dafs man also nicht lip-pus etc. trennen kann, oder
in pp assimilation sähe. Das ist z. b. von Pott etymol.
forsch.' geschehen, der u. a. lappa aus lap-ta, lippus aus
lip-tus erklären will. Nun ist allerdings die vorsohreitende
assimilation im latein nicht zu läugnen, formen wie ferre
fbr fer-se, velle ftlr vel*se, facillimus fflr facil-simus, acer-
rimus ftlr acer-simus, Collum fOr col-sum, verres fdr vers-es
weisen sie auf, aber hier ist stets eine liquida im spiel. Ffir
vor schreitende assimilation zweier tenues ist aber sonst
im lateinischen kein beispiel bekannt, weshalb wir also nur
noch das pp als schärfung von p ansehen können, wobei
es die etwa identischen Wörter verwandter sprachen ent-
scheiden müssen, ob ein kurzer vocal oder ein langer an-
zusetzen sei, obwohl von vom herein nach den sonstigen
analogien der Wortbildung die wage sich auf die seite des
langen neigt. Hierher gehören nun folgende Wörter:
14. vappa kahmiger wein wird bereits von Benfey
gr. wzll. I, 267 mit vapor dunst und vapidus kahmig zu*
sammengestellt, welche von Pott et. forsch. 11', 205, Cur*
tius gmndz. I ', 111 mit lit. kvap-a-s hauch , ausdünstung
zu Wurzel kap (kvap) ausdünsten, wovon griech. xanvo^
dampf, gezogen sind, deren bedeutung sich im lit. pa-
-kvimp-ü, welches von dem geruche verdorbener speisen
gebraucht wird, durch specialisirung ganz ähnlich gestal*
tet, wie in vappa. Letzteres hat somit im anlaut ein k
verloren und steht für *lcväpa, dessen langer vooal sich su
10 PauU
dem kurzen in vapor, vapidus verhält, wie ». b. der von
eQp^o zu eupidus, wovon nachher.
15. lappa klette wird wohl, wie schon Benfey griech.
wzll. II, 121 meint, zum plattdeutschen khbe, dem namen
der klette, gehören. Allein wenn Benfey die beiden Wör-
ter auf lit. limpü klebe zurOckfuhren will, so ist das ein
irrthum. Innerhalb des deutschen gehört kllbe zunächst
zu ahd. khban festsitzen, hangen an etwas, welches mit
seinen ableitungen zwar fiberall wurzelhaftes i zeigt, aber
doch nicht von rohd. klembern klammern und dem diesem
verbum zu gründe liegenden nomen 'klaniber, klammer
getrennt werden kann. Dadurch stellt sich das a als wur-
zelhaft, i wie auch sonst als in die i- reihe übergetreten
dar, und wir erhalten mit regelrechter lautverschiebung
als Wurzel gli^ „hangen an etwas ^ und fbr lappa die
grundform *gläpa mit abfall der muta vor der liquida, wie
er ja im lateinischen auch sonst vorkommt. Die wurzel
glap freilich vermag ich sonst nicht zu belegen. Aufser
dieser etymologie liegt noch die möglichkeit einer andern
vor, die ich wenigstens andeuten will. Die klette hat ei-
nen schuppigen kelch und deshalb könnte man versucht
sein, an eine Verwandtschaft mit griech. ksnii; schuppe
zu denken, mir scheint aber obige erklärung die bessere.
16. lippus triefäugig, dessen Verwandtschaft mit gr.
Ar^-o-t; fett, Xm-aQ^g klebrig so wenig zu läugnen ist, als
mit skr. lep-a-s salbe, sl. lep-ü leim, lit. limp-ü klebe, lip-
-ü-s klebrig, ohne dafs man es deshalb mit Curtius grdz.
I S 231 fbr ein lehnwort aus äolischem äXinncc zu halten
braucht. Es erklärt sich vielmehr rein lateinisch als ftir
llpus, älter ^leipos stehend und identisch mit skr. tepas
und sl. I^pu, letztere beide substantivirte adjectiva mit der
bedeutung „klebrig^ von wurzel lip „kleben^. Auf den
ersten blick scheint eher lit. lipüs identisch zu sein, allein
das ist eben nur schein, denn das lit. suffix üs ist dem lat.
US völlig fremd, somit entsprechen sich beide Wörter in
ihrer bildung durchaus nicht, und kann deshalb auch das
kurze lit. i nichts f&r die kürze des lat. vocals beweisen.
17. cippus grenz- oder leichenstein. Das wort tritt
beitrug zur lateinischen Uutlehre und etymologie. 11
auch in der form Cippns oder Cipas als n. propr. auf, z. b.
Ovid. met. 15, 565. Ea scheint demnach mit Sicherheit ci-
pus, alt ^ceipos angesetzt werden zu müssen. Formal ver-
gleicht sich skr. p^pas schweif, schwänz, allein ich sehe
nicht, wie sich dessen bedeutung mit der von cippus eini*
gen liefse, da pepas nebst piprä, dessen bedeutung man fbr
gewöhnlich als „gebifs^ angegeben findet, welches aber
nach mündlichen mittheilungen Grafsmanns in den stellen
des Rigveda vielmehr „bart^ bedeutet, jedenfalls eine Wur-
zel mit der bedeutung ^rauh, behaart sein^ voraussetzt.
Ich glaube daher eher, dafs das wort im anlaut ein s ein-
gebüfst hat, so dafs es f&r altes *8ceipos stände, dessen
verwandten ich im ahd. skivero steinsplitter, schiefer er-
blicke, wozu ja die gestalt z. b. des cippus Abellanus,
wie sie in der abbildung in Mommsen's unteritalischen dia-
lekten erscheint, trefflich pafst, insofern derselbe in der
that einer Schiefertafel ähnlich genug sieht. Die wurzel
muls dann als skip angesetzt werden, etwa mit der bedeu-
tang spalten, wozu ich auch gr. ^icpo^^ bei Hesych. axhfo^
Schwert ziehe.
18. cuppes leckerraaul bei Plaut. Trin. 2, 1, 17 mit
den verwandten cuppedo leckerhaftigkeit , cuppSdinärius
adj., zur leckerei gehörig, subst, delikatessenhändler, cup-
p^iom leckerbissen, cuppedia leckerhaftigkeit. Dafs die
Wörter zu cupio begehre gehören, ist selbstverständlich und
daher die Schreibweise mit doppeltem p etymologisch nicht
gerechtfertigt. Es fragt sich nur, ob der vorhergehende
vocal lang oder kurz gewesen sei. Ich glaube, dafs man
sich far die länge entscheiden mufs und zwar deshalb, weil
sich das doppel-p nur bei diesen Wörtern mit dem begriff
lecker findet, nie aber bei cupio, cupidus und den andern
gleicher wurzel, es mufs also hier ein specieller grund vor-
handen gewesen sein, und das konnte eben nur die natür-
liche länge des vocals sein. Auch die bildung der Wör-
ter spricht dafbr, denn wie albedo auf albus, so weist cup-
pedo auf ein *cuppu8 oder richtiger *cfipus, welches be-
gierig, lecker bedeutet haben mufs, dem skr. sa-köpa-s zornig,
au%eregt entspricht und das zu cupio sich ebenso verhält,
12 PauU
wie skr. sa-köpa-e zu küp-j&mi in erregung geratben, aus
welchem letzteren worte wir auch den grundbegriff der
Wurzel „incitatum^ esse gewinnen, der sich im latein auf den
geschlechtstrieb und den ganmenkitzel, im sanskrit auf den
zom specialis! rt. Von cuppes ist uns der genetiv nicht
erhalten f es scheint mir von *cüpus abgeleitet, wie dives,
durch Suffix it.
19. stüpa werg, auch stuppa und stipa geschrieben.
Curtius I, 185 und Meyer vgl. gr. I, 33 geben bereits das
richtige. Das wort ist gleich dem gr. (tttni^ auch OTvnnri^
werg, welches sich zwar erst bei späteren findet, aber als
alt durch das abgeleitete arwt^uov bei Her. 8, 52 erwie-
sen wird, und gehört zu wurzel stup dicht, fest sein, die
im gr. aTi(fO) mache fest, lat. stipo u. a. vorliegt. Der bil-*
düng nach kann nur stüp-a zerlegt werden, so daüs das
bloise a suffix ist, da ein sufBx pa nicht erwiesen ist, Pott's
deutung aber, et. forsch. JLI^ 51, aus stupta, die er selbst nur
fragend vorbringt, nach den lateinischen lautgesetzen, wie
schon oben gesagt wurde, ni<*ht möglich ist, da pt nicht
zu pp assimilirt wird. Der Wechsel der vocale wie in li-
bet neben lubet.
20. sappin US oder säplnus fichte, gehört jedenfiftlls
mit säpo seife und sapa most zusammen und setzt ein no*
men *säpus voraus, aus dem sapo abgeleitet ist, wie naso
aus näsus, und welches etwa die bedeutung „saft, harz^
gehabt haben mufs, so dafs säplnus der harzreiche bäum
ist, ähnlich wie pinus, falls es für *picnus steht. Die Wur-
zel sap, welche noch im gr. atjTico faulen erhalten ist, mufs
etwa „triefen^ bedeutet haben. Wenn lit. sakai harz, sl.
sokü safl verwandt sind, was sehr wahrscheinlich ist, so
ist ihr p aus k entstanden.
21. applüda oder aplada spreu, kleie, an dessen
herleitung von ä und plaudo wol nicht zu zweifeln ist, wie
ja auch wir noch sagen: die kleie abschlagen.
In den Wörtern mit cc, sofern eben nicht assimilation
vorliegt, könnte man nun versucht sein, das suffix ka zu
suchen, allein es ist an das zu erinnern, was Leo Meyer
vgl. gr. II, 493 sagt, dafs dies suffix zur bildung unabge-
beitrage zur lateinischen Untlehre nnd et^mologie. 13
leiteter Wörter ^^aarserordeiitlich selten^ sei, so dafs es mir
gerathener scheint, in folgenden Wörtern gleichfalls blofs
orthographische doppelung anzunehmen:
22. vacca kuh. Dies wort ist den mannichfachsten
erklämngen ausgesetzt gewesen. Gemeinhin bat man es
zn skr. ukdan stier gezogen, cc aus assimilation von ks er-
klärt und als wurzel entweder vagh ziehen oder uks be-
netzen, befruchten aufgestellt. Ebel zeitschr. IV, 451 be-
stritt das und leitete das wort aus vatca ab, indem er skr.
Tatsa kalb verglich. Ascoli zeitschr. XIII, 160 zog es zu
skr. ▼a9ä kuh, udtar pflugstier und nahm als wurzel vak
begierig sein, als suffix ka. Fick endlich, idg. wb. 158,
stellt es mit skr. vapä zu wurzel vak brüllen. Letzteres ist
das allein richtige, die wurzel lebt im ved. vä^ati er brüllt,
Täva^änas brüllend, v&^räs brüllend, f. kuh, so wie im lat.
yfigio schreie (Fick 167) und im md. wüchz geschrei, und
es fragt sich nur, ob vacca für väca oder vaca stehe.
Nach dem skr. vsl^ könnte das letztere scheinen, allein
es findet sich doch Rigv. G39, 31 auch die form v&^&s,
welche in der bedeutung „rauschend, tönend^ als beiwort
des drapsÄs erscheint, also zu unserer wurzel gehört, so
dafs das femininum vä^Ä gleich dem fem. vft^ri jedenfalls
die küh bedeutet haben kann, und weil eben sonst bei
dem Suffix a, ä die gunirung, resp. Verlängerung der wur-
zel das gewöhnliche ist, so scheint mir auch fbr vacca eher
vfica als vaca die grundform zu sein. Ob auch ukäan und
ultar der gleichen wurzel wie vacca angehören, ist hier
an sich gleichgültig, die möglichkeit möchte ich indef«
nicht Iftugnen, indem ich für uätar an das verhältnifs von
tvaätar zu takäan erinnere; jedoch sind die herleitungen
▼OD nks benetzen oder vagh ziehen gleich ansprechend.
23. vaccinium der name einer pflanze und zwar,
wie J. H. Voss zu Virg. Georg. 4, 137 meint, der von den
Griechen vdxiv&oß genannten, was nach Georges die iris
germanica L. oder das delphinium Ajacis L. ist, nicht un-
sere 'hyacinthe. Klotz dagegen s* v. hält vaccinium fQr
die rauschbeere vaccinium myrtillus L. Voss sieht dem-
nach auch den namen vaccinium für eine entstellung des
14 Panli
gr. vdxtv&og an, was an aich wohl möglich wftre, denn
*ifaxh&iov könnte ganz gut zu lat. Tacolnium werden, al-
lein das wort kann auch ebenso gut rein lateinisch und
von vacca abgeleitet sein, wie ja auch wir verschiedene
pflanzen nach der kuh benennen , z. b. leontodon taraza-
cum die kuhblume und die arten des melampyrum kuh-
weizen.
24. maccns der hanswurst in den Atellanen ist schon
Ton G. J. Vossius mit gr. fiaxxoäv desipere zusammenge-
stellt. Dies verbum steht bei Hes. zwischen f^iaxxovg^ und
uaxovvtovj woraus sich ergiebt, dafs Hes. fiaxoäv schreibt.
Andrerseits aber verlangt der vers des Aristophanes, equ.
315, ein trochäischer tetrameter,
xai to tov drjuov n()6g(anüV ^axo^ xa&i]fA€vov
an der stelle eine länge, so dafs also das verb uäxoafo
heifst und das xx, wie auch sonst im griechischen, nur dop-
pelte Schreibung ist. Es fbhrt uns somit ficcxodw auf ein
*fiäxog^ dem das lat. maccus fOr *m&cu8 gleich ist. Die
Wurzel mak heifst jedenfalls verspotten, und zwar durch
nachäffung, wie dies aus gr. ^mxog spott, fitvxog Spötter,
bei Hes. auch fjiwgog bedeutend, und ficoxaouai verspotten,
nachäffen hervorgeht«
25. bacca oder, wie nach Klotz lex. s. v. die vor-
herrschende Schreibweise der altern handschriften ist, bftea
beere ist ziemlich allgemein entweder mit sanskr. bhakä
oder mit bhag zusammengebracht worden, so dafs im er-
sten falle cc f&r ks stehn, im letzteren assimilation aus
bhag-ca geschehn sein sollte. Ich mufs an beiden erklfr-
rongen zweifeln, da, worauf schon Corssen krit. nachtr. 63
von Curtius aufmerksam gemacht worden ist, kein beispiel
im lateinischen vorhanden ist fOr die Vertretung eines an-
lautenden idg. bh durch b, vielmehr stets f oder auch h
sich zeigt. Corssen 1. c. will deshalb bacca auf würzet
pak coqüo, maturesco zurückführen, es sei die ,» reifende^
beere. Doch auch diese erklärung hat ihr bedenkliches.
Einmal pafst diese bedeutung nicht recht zu dem gebrauche
des Wortes bei den lat. Schriftstellern, wo es stets frflchte
von der art bezeichnet, wie die des oleastri, myrti, juni-
beitittge zur lateiniBcben lanüehre und etymologie. 15
peri, piperis, also kleine bärtlicbe, runde und glatte beeren,
nicht weicbee, reifes obst, wie es doeb die berleitung von
pak erwarten liefse. Äufserdem aber ist aucb die annabme
der erweicbung eines anlautenden p zu b nicbt obne be-
denken, denn die beispiele, die Corssen 1. c. 1 76 sqq. dafür
vorbringt, sind entweder lehnwörter, wie buxus, buxis,
Bruges, Burrus, oder sie geboren dem stamme ba trinken
an, dessen erweicbung aber, wie ved. plbämi, skr. pivämi
zeigt, schon voritaliscb ist. Dann bleiben als stützen nur
bustum und comburo, vorausgesetzt, dafs Corssens etymo-
logie aus Wurzel prus die richtige sei, und die von Terent.
Scaurus angeflQbrten balatium und Boblicola, also nicht eben
viele. Urtbeilen wir rein nach dem vorliegenden lautstande
von baca, so wird eine wurzel bak erfordert, wie sie un-
zweifelhaft in gr. ßdsc^TQov, fiax-rtjQia stock, ruthe und
ebenso in bac-ulum vorliegt, welches ich früher (verba auf
uo 26) anders gedeutet hatte, und es fragt sich nur, wie
deren grundbedeutung anzusetzen sei und ob sich bäca
daraus erklären lasse. Seiner bildung nach heifst ßdxrgov
ein naittel zum — gehen, pflegt man zu sagen, aber woher
das X? Beim scboliasten zu Ar. Plut 476 wird ra ßdx?,a
erkl&rt durch tvtAnava^ ^vka, oli^ rmrovrat hu rolg äixa-
(SxriQioig Ol ri^wgovuevoi, d. h. also ßdxxQov ist ein mittel
ziun — schlagen, so dafs sich nun zur wurzel bak auch
das skr. bakuras stellt, welches Rigv. 1, 117, 21 steht:
abhi däsjum b&kur^nä dh4mant&
urü gjötis ^akrathus Äriäja
anblasend den feind mit dem bakura, schüfet ihr (Apvinen)
weiten siegesglanz dem Arier; und in adjectivischer ablei-
tung Bigv. 9, 1,8
t4m im hinvanti agrüvas
dh&manti b&kuram dftim
ihn liebkosen die Jungfrauen (die finger),
sie blasen das bakurafell.
Aus letzterem ausdruck scheint mir hervorzugehen, dafs
baknras kein blasinstrument, wie das Pb. wb. vermuthet,
sondern eine art trommel oder pauke sei, also der andern be-
deatung des gr. vCfxnavov genau entsprechend und wie die-
16 Pauli
ses auf eine „ schlagen ^ bedeutende wurs&el zurückgehend.
Das abbi dh4mantä und dhamanti stört nichts wenn man ee
etwas allgemeiner abersetzt: ^ umtosend^ und y,sie lassen
erschallen^. So, glaube ich, darf man also wohl eine wurzel
bak schlagen aufstellen, ich muTs jedoch darauf verzichten,
bäca seiner bedeutung nach damit zu einen. Das got. basi
beere halte ich fbr unverwandt mit bäca.
2l>. baccina bilsenkraut ist eine bloise ableitungvon
bacca, gebildet wie der pflauzenname accipitrina von acci-
piter und benannt nach dem beerenähnlichen samen, der
dem gewächs im griechischen den namen vogxvafiog sau-
bohne verscbafite. Auch baccalia eine lorbeerart ist je-
denfalls von bacca abgeleitet.
27. cracca gleichfalls der name einer pflanze bei
Plin. 18, 16,41, nach den lexicis die vogel- oder tauben-
wicke, also vicia cracca der botaniker, ein zierliches ge-
wächs mit schlanken und ranken stielen. Ich erkläre da-
her den namen aus der wurzel kark schlank, dOnn sein,
wie sie im lat. gracilis schlank, dOnn, dem cracentes gra-
ciles des Paulus, dem skr. kr^jämi dQnn werden, krpas
schlank, hager, kä.r9Jam magerkeit vorliegt. Da im Sans-
krit gleichfalls verschiedene pflanzen ihrer schlanken gestalt
wegen kär^jas oder kärsjas benannt sind, so stehe ich nicht
an, auch cracca fQr cräca auf diese wurzel zurückzuführen
und es als die „schlanke, zierliche^ zu erklären.
28. fl accus welk ist, um anderer unhaltbarer ety-
mologien zu geschweigen, von Benary röm. lautl. 148 als
flag-cus versengt, welk erklärt und mit flävus für *flagvu8
zu flagro gestellt worden. Das wäre lautlich wohl möglich«
wenn nicht eben das suffix dann wieder als primäres ge*
fafst werden möfste. Daher erscheint mir folgende etjmo-
logie sicherer. Es giebt im sanskrit ein verbum bhra^atS,
bhra^jati oder bhf9Jati dejici, dejectum, demissum esse,
caus. bhräpajati dejicere, demittere. Eine ableituog hier-
von *bhräpas würde demnach dejectus, demissus heifsen
können. Nun aber hat flaccus genau die bedeutung von
demissus, wof&r man folgende stellen vergleiche: aures de-
mittere Hör. carm. 2, 13,34, auriculas demittere id. sat.
beitrBge ssiir lateinischen lantlehre und etymologie. 17
1 , 9, 20 mit aures flaccidae Cd. 6, 30, 5, anres pendulae
flaccent Lactaot. opif. D. 8, aaricalae flaccae Varro r. r.
2, 94, aares flaccae Cato r. r. 2, 9, ferner fracto animo et
demisso Cic. fam. 1, 9, 16, Sulla demisras Cic. pro Sull. 26
mit Messala flaccet Cic. ad Q. fr. 2, 15, 4, ferner
— floreecunt tempore certo
Arbueta et certo demittunt tempore florem.
Lucr. 5, 669, wo es mir durchaus nicht nöthig scheint, di»
mittunt zu lesen^ falls nicht letzteres, was ich nicht weife,
bandschriftlich besser bewfihrt ist, mit frons flaccescit Vitr.
2, 9, folium fiaccidum Plin. 15, 30 (39). Aus diesen stellen
folgt mit hinlänglicher Sicherheit, dafs Saccus in der be»
deutung dem demissos gleich steht, fiaccere gleich demis*
sum esse ist und dafs daher Saccus i. e. *fidous wirklich
dem oben gebildeten ^bhrfipas, idg. bhrftkas gleich ist von
Wurzel bhrak herabfallen und mit herabhangend, schlaff,
welk zu übersetzen ist
29. siccus trocken. Auch bei diesem worte hat
man sich, ähnlich wie bei vacca und vielen andern, z« b.
amor neben skr. kfimas etc. , von der sirene der gleichbe-
deotung irre leiten lassen, indem man siccus mit skr. ^1-
kas, baktr. huskö trocken zusammenbrachte. Lautlich aber
führt keine brücke von ^suskas, wie die idg. form lauten
mOiste, zu siccus, und beide Wörter sind so wenig mit ein-
ander verwandt, wie etwa mare und skr. samudras, fiuvins
und skr. nadf. Nach strenger lautlehre kann die wurzel
von siccus nur sik lauten, und so heifst sie auch, wie das
Spiegel zeitschr. XIII, 365 und Fick idg. wb. 176 bereits
gesehen haben, die mit siccus das skr. sik-ata sand, baktr.
hik-u-8, hik-väo, high-nu trocken, ha^kö n. trockenheit, u^
ha^Kajemi trockne aus verglichen haben, zu denen sich
noch das altwelsche syoh trocken (Ebel beitr. II, 164) und
vielleicht ahd. sihte seicht gesellen. Dadurch wird auch
die bildung von siccus klar, denn es verhält sich zum
baktr. neutrum haäKö, wie z. b. gr. Bvgvg zu evgog n. oder
wie lat. f idus zu foedus n., steht also für sicus, älter *sei-
cos, mit guna gebildet, wie haeKö. Nach dieser völlig
Zeitscbr. f. vgl. sprachf. XVIII, 1. 2
18 Pauli
unantastbaren etymologie bedarf es auch Gorssens an sich
wohl möglicher erkl&rung aus siticus nicht.
30. bucca backe, pausbacke, als eigenname, cogno-
men eines Aemiliers, meist Bflca geschrieben. Die ableitnn-
gen des Wortes aus skr. bhu^ essen mit suffix ka (Benary
röm. lautl. 173) oder bhuki dass. (Meyer zeitschr. VI, 221)
oder bhakö dass. ( Bopp gloss. s. v. bbak i ), wo kö zu cc
geworden sein soll, oder aus bhag essen und suffix ka
(Corssen kr. beitr. 26, zurückgenommen kr. naohtr. 64), so
wie die Zusammenstellung mit skr. mükha maul (Bopp a. o.)
oder ahd. paccho backe (Schweizer zeitschr. XIII, 303)
halte ich allesammt aus naheliegenden lautlichen gründen
ftür falsch. Von den bisharigen etymologien ist nur die
neuere Corssen's annehmbar, der es an skr. bukk latrare,
gannire, loqui ableitet. Allein die wurzel ist nicht belegt
aniser in bukkana das bellen und zeigt aufserdem in dem
kk ein so spätes ansehen, dafs sie in dieser gestait sicher
nur indisch ist. Es ist vielmehr aus ihr eine ältere form
buk zu erschliefsen, die im altsl. buöati mugire und im skr.
buk-kära gebrüll des löwen noch erhalten ist. An diese
wurzelform also lehne ich bucca, sehe aber in dem cc nicht
das suffix ca, sondern fasse büca als echte Schreibweise.
31. bucco^ bezeichnung einer person in den Atella^
neu, ist nur eine ableitung von bucca, indem es entweder
den pausback oder den, der beim sprechen den mund voll
nimmt, bedeutet.
32. bficina Signalhorn. Hier ist nach Fleckeisen f>\\
artikel 8 die Schreibweise mit einem c besser beglaubigt.
Kuhn zeitschr. XI, 278 erklärt das wort aus bov-i-cina und
hält das gr. ftvxdpf] trompete f&r ein lehnwort aus dem
lateinischen. Die erklärung aus bov-i-cina wäre sehr gut,
wenn ftvxdvtj wirklich ein lehn wort. wäre. Das wort findet
sich freilich erst in der späteren gräcität, lebt dort aber
in einer menge von bildungen, ßvxavdoa und ßvxavi^fa ich
trompete, ßvxavrjua und flvxaviauog trompetenstofs, ßvxa^
vfjTTJg und ßvxapiavrjg trompeter, so dafs schon dadurch
die entlehnung nicht grade wahrscheinlich ist. Nun aber
ist die Wurzel buk auch sonst noch im griechischen lebendig,
beitrflige zur Uteinucfaen lantlehre and etymologie 19
ibr faUen za ßvxrtjg' (fvawv Ues., ßvxrdmv Ttvkovrwv^ €pV'
CfütAv id., ßovxtfiotg' <pvatjTiK>i id., welches Mor. Schmidt
zwar als de scriptura suspectum anführt, allein, wie ich
glaube, mit unrecht, da es ja, was er selbst andeutet, la-
konisch sein kann. Es führen also bucca, sl. bnöati, bücina
and die griechischen Wörter allesammt auf eine wurzel buk,
deren grundbedeutung sich leicht als die des „blasens^ er-
giebt in allen schattirungen dieses worts, bucca die aufge-
blasene backe, bucati blasen, tönen, brüllen, bücina, ßvxdvi}
blasinstrument. Zu dieser wurzel gehört nun auch mhd.
pillchen pfauchen, schnauben, dessen refiex sich auch als
niederdeutsches puchen oder pochen schelten, räsonniren
findet, wodurch genau die wurzelform buk als die Ursprünge
liehe erwiesen wird, interessant genug, da hier einer der
seltenen ßüle vorliegt, dai's sich b als altindogermaniscb
herausstellt.
33. mücus schleim, rotz. So ist nach Corssen kr.
beitr. 26 die bessere Schreibart. Daneben aber findet sich
das wort selbst, so wie seine verwandten mücidus rotzig,
mucosus rotzig, schleimig, müculentus rotzig, mficinium
Schnupftuch mit cc geschrieben. Etymologisch richtig
aber ist die Schreibweise mücus, denn das wort entspricht
dem griech. (Avxoq^ welches, wie es scheint, in der hedeu-
tnng schleim sich findet. Die wurzel ist muk, welche vor-
liegt im skr. mui^Kämi efiundo, dimitto, solvo, wie schon
Bopp gloss. s. V. 1. muk und andre angeben, ferner im gr.
ano-uvarxia ich schnauze, f/ivxnJQ nase, f^v^a rotz. Ihre
grundbedeutung ist also fliefsen lassen. Ueber lat. e-mungo
ich schnauze, welches auch hierher gehört, in einer der
n&chsten abhandlungen.
34. mücor schimmele kahm. Die ableitungen sind
mücidus schimmlig, müceo bin schimmlig, mücesco werde
schimmlig. Auch hier steht wieder cc neben e, aber c ist
nach Corssen a. o. gleichfalls bessere Schreibweise. Ver-
wandt sind gr. fiwxrjg, -tirog pilz, fxvxrjuvog von pilzen ge-
macht, deutsch muchen dumpf riechen, muchig, muffig
dumpf, faulig riechend. So nach Benfey gr. wzll. I, 518.
Kuhn zeitschr. XV, 452. Von Curtius grundz. P, 131,
2*
80 Pauli
Meyer vgl. gr. I, 360, Corssen kr. bcitr. 26 werden ftuoh
diese worte der eben genannten wurzel muk zugewieeen.
Es siebn mücor, mücidus, müceo in dem bekannten Ter*
h<niis der endungen -or, -idas, »eo, mücor ist also dem-
nach nicht der concrete Schimmel, sondern nur das abstrac*
tum, der zustand des geschimmeltseins, es liegt aber allen
drei werten als Stammwort ein *macu8 zu gründe, wie toh
albus herkommt albor^ albidus, albeo. Diesem ^mflcus ent*
spricht das gr. fÄVxog* fnaoui^ Hes., es heifst also müceo
ich bin verunreinigt, in specie durch schimmel, woftkr sich
die Wörter festsetzten. Dies *mücus unrein, unsauber ge-
hört nun aber, wie ich glanbe, allerdings zu obiger wurzel
muk flieisen lassen, effundere, indem das verhältnifs der be-
deatungen ein ähnliches ist, wie zwischen commingo be-
sudle und skr. ni^hämi effundo, megha wölke. Es geht
auch das gr. uvxij,^ pilz auf die weise aus uvxo*^ hervor, dais
CS der verunreinigende ist, nicht etwa so, dal's der schim-
mel als pilz bezeichnet sei, denn davon wuisten die alteo
noch nichts, es wfire das ein anachronismus in der an-
schauung.
35. sücus saft, bessere Schreibweise als succus nach
Corssen kr. beitr. 27. Nach der analogie der bisher be-
handelten Wörter mufs als wurzel suk angesetzt werden,,
welche vorliegt im lit. sunkä saft, siinkti eine flüssigkeit
ablaufen lassen, altsl. susati sfiugen, sfisici mamma, ahd.
sügan saugen. Auch lat. sügo fQr süco gehört hieher mit
erweichung der tenuis, die, wie ich bald zu zeigen ge-
denke, im lateinischen sehr häufig ist. Der Zusammenhang
von sücus und sügo ist schop von Benary röm. lautl. 148*
172; Pott I', 234; Hoefer beitr. zur etym. 361 und neue-
ren angenommen. Nicht verwandt sind jedoch altsl. sokü
saft, das von Miklosicb rad. 92 zu lit. sunkä gestellt und
auch von Curtius grundz. ^ 408 verglichen wird, ferner
griech. 0:104; saft, welches Curtius gleichfalls f&r verwandt
hält, Pott aber bereits trennte, und ahd. saf saft, wie
Schade altd. wb. s. v. angiebt und das niederdeutsche sap
beweist, ein lehn wort ans dem lat. sapa, welches selbst
vielleicht zu sokü, sakai gehören mag, worüber bei säplnus
beitrage zur lateinischen lautlehre und etymologie. 21
QDter DO. 20 zu vergleichen. Die bedeutnng der wurzel
Buk ist offenbar die des saftigseins, woraus saugen und
säugen sich leicht ableiten. Das gr. av/jjv feige wird von
Hoefer a. o. dazu gestellt, allein das äol.-dor. rwcav wider-
streitet.
36. sacinum bernstein, auch succinum geschrieben,
halte ich nur für eine ableitung von sücus, so genannt
wegen der saftigen färbe, nicht, weil er ein geronnener
harzsafl ist, was den alten wohl nicht bekannt war.
37- groceio, wie bei App. Flor. p. 366, 19, oder
cröcio, wie bei Plaut. Aul. 4^ 3, 2 gelesen wird, ich
krSchze. Hier leitet schon die letztere Schreibweise auf
das richtige, deren mittleres c in groccio doppelt geschrie-
ben ist, während das anlautende c sich vor der liquida zu
g erweichte, wie in gracilis neben cracentes und in glöria
von wurzel klu. Demnach haben wir in eröcio eine wür-
zet krak krächzen anzusetzen, die sich auTserdem im lat.
gracnlus dohle, auch gracculus geschrieben, in lat. gra-
cillo ich gackere (von hühnern), beide gleichfalls mit er-
weichtem anlaut, so wie in skr. krka-väkus hahn, pfau, gr.
xiQXog' aksxrovwv Hes., gr. y,6()Xüoo<^ ein vogel, skr. kraka-
ras, krkaras, krkanas eine art rebhuhn (Fick idg. wb. 33),
endlich im lit. krokiu ich röchle, krächze erhalten findet.
Neben eröcio (-Ire) und cröcitus das krächzen des raben
weisen die formen crocito krächze und crocätio corvorum
vocis appellatio Paul. Diac. auf ein *croco (-äre) mit knr-
xem wurzelvocal hin. Die wurzel krak selbst ist weiter-
gebildet aus kar schreien, wie es vorliegt in skr. käravas
krähe, gr. xü()a^ rabe, xo{)U)vii krähe, lat. corvus rabe, cor-
nix krähe. Auch mit g weitergebildet findet sich die
wur/el im gr. xocii^toj xixQäyu schreie, x^w^oj krächze,
uord. hrökr, ahd. hruoh krähe, und mit labialem determi-
nativ im ahd. hraban rabe.
Nach analogie der Wörter mit doppeltem pp oder cc
läüst es sich nun annehmen, dafs tt in manchen formen
gleichfalls nur der orthographische ausdruck fQr die ge-
schärfte ausspräche sei, obwohl hier im einzelnen die ent-
scheiduDg dadurch erschwert wird, dafs viele primäre suf*
22 i'auli
fixe mit t beginnen, was ja bei p und c nicht der fall
war, 80 dals also das zweite der beiden t auch suffixal
sein kann. In folgenden formen aber, glaube ich, ist das
tt als schftrfung zu erklären:
38. blattio, bt&tio und blatio schwatzen, plap-
pern, mit bl&tero, blatero dass., zusammengehörig, ist ge-
bildet wie gluttio, glfltio, setzt also ein nomen *blfttns vor-
aus von der wurzel bal, bla schreien, die wir im lat. bftlo
blöken und mit x weiter gebildet im gr. ßlnx^] ^^^ blö-
ken, das kindergeschrei finden. Verglichen mit flatus er-
scheint die form *bl&tus, blatio als die normale, tt als zei-
chen der schftrfung, der vocal in blatio, blatero gekOrzt.
39. vitta binde kann auf viererlei weise den latei-
nischen lautgesetzen gemäfs erklfirt werden, entweder als
vit-ta von einer wurzel vit winden, die im got. vindan
winden vorliegt (so nach Pott et. forsch. I\ 230), oder von
derselben wurzelform, jedoch nur graphisch fbr *vlt-a, ftlter
*veit-ä, oder direct von der primären wurz(^l vi winden,
von der vit secundär, so dafs es *vl-ta älter *vei-ta za
trennen wäre, wie vx-tis ranke, rebe, welches gleich baktr.
vaetis weide, lit. vfX\% weidengerte, sl. viti argocfo^ ist
(Fick idg. wb. 171), oder endlich, wie es Schweizer in d.
zeitschr. III, 375 will, fßr victa von der secundären wurzel
vik winden, binden, wie sie in vinculum, vincio vorliegt.
Die entschcidung, welche dieser möglichkeiten die wahr-
scheinlichste sei, ist daher kaum zu geben, ich persönlich
möchte mich fQr *vl-ta erklären Und habe daher das wort
hieher gestellt. Dafs sich stets die Schreibung vitta mit
tt findet, geschah wohl wegen der Scheidung von vita,
welches selbst, nebenbei gesagt, für vitta, victa stehn mufs,
wie nitor neben nixus sicher fnr nictor steht, da die wur^
zel in beiden Wörtern sicherlich guttural auslautet.
40. lltus gestade, auch littus geschrieben. Die
bisherigen etymologien aus likh graben suff. tus (Benary
röm. lautl. 285) oder aus skr. li anhaften (Benfey gr. wzU.
I, 122, Curtius grundz.', 329) scheinen mir nicht passend,
erstere aus lautlichen gründen, letztere wegen der bedeu-
tung, denn die von Curtius gegebene Vermittlung ist doch
beitiü^ zur lateinischen laatlehre und etjmologie. 23
ZU kOnstlich. Und Qberdies liegt eine andere etymologie
viel näher. Zugestanden, dafs vor 1 und r im anlaut des
lateinischen die tenues abfallen können, wie es fast allge»
mein für laus lob von klu hören, Idmentum klage von kal
rufen, latus getragen von tal tragen angenommen wird, so
ist nichts einfacher, als fbr lltus ein älteres *chtus anzu-
setzen, welches mit gr. xAitvg abhang, hOgel, nord. hllO'
bergabhang, got. hlaiv, ahd. hleo hOgel, grabhügel, got.
hlains hflgel zu kli sich neigen gehört, wovon die verba
gr. sAipw, lat. cllno sich neigen, ahd. hlin^n sich lehnen.
Das suffix tus n. zeigt sich sonst noch, wie im skr. srö-tas
flufs, 9rö-tas ohr, re*tas same, vielleicht im lat. pec-tus
brüst. Der bedeutung nach ist lltus die absenkung, abda-
cbung des landes am meere.
41. litte ra buchstabe, wie nach Corssen kr. beitr. 19
die bessere Schreibweise ist. Alle ableitungen aus lictera
und liptera, ersteres anlehnend an skr. likh schreiben, letz-
teres an skr. lipi schrift, halte ich mit Corssen kr. nachtr.
61 sq. für nicht genögend, obwohl, wie wir nachher sehen
werden, die assimilation von et und pt zu tt dem ^atein
nicht völlig fremd ist. Ich stimme vielmehr Corssen bei,
wenn er es zu wurzel li streichen stellt, dafs aber des ahd.
sb-m schleim wegen, wie er meint, die wurzel ein s im
anlaut eingeböfst habe, ist nicht sicher erweislich, obwohl
wegen ll-mus immerhin möglich.
42. glitt US in der glosse des Paulus glittis subactis,
levibus, teneris, also glatt, locker bedeutend. Dies verhält
sich zu lit. glitüs glatt, schlüpfrig genau so, wie lippus zu
lipüs, daher wird es auch auf gleiche art %u erklären sein,
d.h. es steht fär glltus, älter *gleitos, wurzel glit glatt,
klebrig sein. Diese wurzel ist belegbar im lat. glis, glitis
lockere erde bei Isidor, gr. ykurop' yloiov Hes. und, wie
ünrtius (grundz. I', 334) meint, mit abfall des g auch in
Ug^ JkiTog glatt, kahl, Xitog glatt, kiaaog für *kiTj6g glatt,
so wie in der genannten lit. form, im lett. gllst glatt, gllsts
lefam (Benfey gr. wzU. U, 119) und im deutschen kleister,
in den letztgenannten formen mit Übergang der dentalis
vor dentalis in s. Als primäre wurzel ergiebt sich gli im
U Pauli
grieob. ylia leim, ykoiog klebrige feachtigkeit, ylivr^ leim.
Das sl. glina thon ist wohl nicht von der primären wurzel
abgeleitet, sondern, wie Miklosicb rad. s. v. aus dem serb.
glib schliefst, aus ^glibna assimilirt, welche Weiterbildung
mit bh auch im sl. glibati fest machen zn tage tritt* Es
ist noch zu erwähnen, das einige bandschriften des Paulus
glutis lesen, was allenfalls richtig sein könnte, so dafs
dann das unter no. 43 behandelte wort vorläge; glicds
aber, wie eine handschrift hat, ist sicherlich falsche schreib*
weise, wie oben mactea und coctana. ^
43. glütus, von Cato r. r. 45, t vom zähen, kleb-
rigen boden gebraucht, ergiebt sich schon dadurch als bes-
sere Schreibart fOr ginttus, dafs es das particip von gluo
ist, welches alte lexika darbieten. Seine lateinischen ver-
wandten sind glos, -tis der leim, glaten und glütinum dass.
and die ableitungen von letzterem. Als wurzel ergiebt sich
somit glu kleben , die sich nach Benfey wzll. 11, 1 1 9 auch
im lett. glfids lehm findet und, wie Curtius grundz. I^, 334
meint, eng verwandt mit gli im gr» ykia leim u. a. ist. In
meinen verben auf uo 21 hatte ich vermuthet, das g von
gluo sei aus k erweicht, es scheint mir jetzt indefs, dafs
es ursprOnglich sei.
44. glütus oder gluttus Schlund. Auch hier ist ety-
mologisch glütus die richtige Schreibung, denn glü ist Wur-
zelsilbe, tus sufBx, wie in-gluv-ies kehle zeigt Wie im-
-pluv-ium auf pluo, so gehen glütus und ingluvies auf ein
verlornes *gluo verschlingen zurück. Dies würde nach son-
stiger analogie direct auf eine wurzel glu weisen, die aber
nirgends zu belegen ist. Ich glaube daher, dafs Bopp gloss.
s. V. gar und Pott I^, 227 recht haben, als wurzel gar
verschlingen anzusetzen, und darum habe ich auch in mei-
ner abhandlung über die benennung der körpertheile 13
45. glütio oder gluttio ich verschlinge, welches
nur eine ableitung von glütus ist, mit skr. gala, lat. gula,
ahd. käa u. a. kehle bedeutenden Wörtern zu skr. girdti,
gil&ti, wurzel gar verschlingen, gestellt. Alsdann mufs die
Wortbildung folgende sein. Aus der wurzel leitet sieh zu-
nächst ein nominalstamm ""gelu ab, wie von wurzel arg
beitrftge zur lateiDischen Uutlehre tmd etymologie. 25
weiis sein ein *argu, davon kommt *geIuo wie argno, des-
sen erklftning in meinen verbis auf uo 22 ich als falsch
hiermit zurücknehme, dann tritt syncope des e ein, wie in
gnftsoor fbr genäscor (gebildet wie iräscor), von dem so
entstandenen gluo leitet sich glütus, wie von argao argü-
toB ab, glatio endlich ist wieder ein denominativum von
gltLtns, wie raucio von raucus heiser. Dem glütio in der
bildong ziemlich analog ist sl. glutiti , nur dafs dies wort
u statt eines völlig parallelen u zeigt.
Diese Verdoppelung der teouis zur bezeichnung der
geschärften ausspräche findet sich aber nicht blofs nach
langen vocalen, sondern auch nach kurzen, bald als vor-
wiegende Schreibart, bald mehr vereinzelt. Das bekannteste
und sicherste beispiel dieser art ist quattuor, wo, wie Cors-
sen kr. beitr. t9 richtig bemerkt, ein etymologischer grund
nicht vorliegt. Weiter zeigt sich diese erscheinung mit
Sicherheit in cottidie, was neben cotidie, quotidie sich ge-
schrieben findet (Corssen ausspr. I, 69), denn hier ist an
der etymologie von quot ss skr. kati interr. wie viele?, in-
def. etliche, adverb. oft nicht zu zweifeln, wie der ge-
brauch von quot diebus alle tage, quot mensibus alle mo-
nate, quotannis alle jähre ergiebt. Auch succerda schweine-
koth steht far sucerda mit kurzem u , denn der analogic
von mus-cerda noch ist es aus su und cerda zusammenge-
setzt, der stamm su hat aber im lateinischen entschieden
kurzes u, was zwar nicht aus sulnus, suile, wo vocalis
ante vocalem gekürzt sein könnte, wohl aber aus sucula
schweinchen hervorgeht. Auch vacillo wanke, schwanke
ist bei Lucret. 3, 504 in der ersten silbe lang gemessen,
weswegen Lachmann vaccillo schreibt. Der Wortbildung
nach ist vacillo ein verbum deminutivum, welches ein ein-;
facberes voraussetzt. Nach der analogie von jaceo neben
dem oansativen jacio kann dies kaum anders als *vaceo
angesetzt werden, welches wie jaceo einen kurzen vocal
fordert. Die wurzel liegt im deutschen vor. Da ja in-
lautende tennis zwischen vocalen sich bereits gotisch zur
media statt zur aspirata zu verschieben pflegt, so könnten
wir die wurzel gotisch in der gestalt vag wiederfinden. Da
26 Pauli
ferner got. gavigau das gr. calevBiv^ got. vögs das gr. öei-
Cfjiog^ xkvöoip übersetzt, abd. wSgan sich bewegen besonders
von der bewegung des hebeis oder wagebalkens gebraucht
wird^ und diese bedeutungen viel genauer zu der von va-
cillo stimmen, als zu der der wurzel vagh fahren, ziehen,
wozu obige deutsche Wörter gewöhnlich gezogen werden,
so glaube ich, dal's sie nicht zu wurzel vagh fahren, son-
dern zu vak schwanken zu ziehen sind, welche wurzel im
Sanskrit gleichfalls von der bewegung einer flOssigkeit ge-
braucht wird, wie im got. v^s, nämlich in der stelle Bigv.
7,21,3
tu&d vävakre rathtas na dhenäs
von dir her rollten die milchtränke, wie wagenlenker. An-
dre deutsche Wörter zeigen durch ihre bedeutung den Zu-
sammenhang mit wurzel vak schwanken noch deuüiöber.
Dahin gehören ahd. wagä wiege, abd. wagön sich wiegen,
schwanken, wogen, ahd. wäga wage, kippe, mhd. wägen
auf die wage legen, mhd. waege übergewicht habend, nicht
jedoch abd. wagan wagen und got. vigs weg, welche nach
wie vor der wurzel vagh fahren zuzusprechen sind. Nach
analogie dieser formen, in denen mit Sicherheit die ortho-
graphische doppelung der tenuis auch nach kurzem vocal
sich findet, erklären sich nun folgende Wörter:
46. catta, welches nur bei Mart. 13,69 steht und
vom gloss. Cyrilli 369, 16 durch ailouQug erklärt wird, mit
recht, wie sein masculinum catus kater zeigt, wofür sich
gleichfalls die Orthographie cattus 'findet nach Doederlein
synon. V, 115. Dafs aber hier die Schreibweise catus, cata
die etymologisch richtige sei, zeigt das lat. deminutivum
catulus, so wie das lit. kät-a-s kater, sl. kot-ü-ka katze.
47. flocces der bodensatz des weines, und
48. floccus die flocke sind schon von Corssen kr.
beitr. 29 als verwandt mit einander hingestellt worden. Die
weitere Verwandtschaft indessen, die nach ihm die Wörter mit
flaccus welk, fraces öltrestern, fraceo mulsch sein, fragesco
mürbe werden haben sollen, halte ich nicht für erwiesen,
da weder a mit o, noch 1 mit r im lateinischen wechseln,
ohne dais dieser Wechsel in der Wortbildung oder lautge-
beitrage zur lateinischeD lautlebre nnd etjmologie. 27
setzlieh begrQndet wäre, was hier nicht der fall ist Auch
anderweite erkläningen, wie die von Meyer Zeitschrift
VI, 222 oder von Proehde zeitschr. XIII, 455 befriedigen
nicht. Letztere giebt aber einen fingerzeig, sofern sie flo-ces
trennt und c als ableitend ansieht. Damach gewinnt man
blofs in flo die wurzel, die ich im ahd. pläan, mbd. blae-
wen, blaejen, blaeen, ags. biävan, engl, to blow blähen finde.
Der bedeutung nach pafst diese vergleichung trefflich, denn
sowohl die weinbefe, wie die wollflocke haben gleicher-
weise eine geblähte form. Bei dieser etymologie ergiebt
sich als richtige Schreibung fio-cus und flo-ces, welch letz-
teres neben flocces sich findet.
4f>. eccere soll nach Curtius zeitschr. VI, 92 das
passiv von ecce siehe! sein, dies selbst aber imperativ eines
*eco ich sehe + ce, welches in hice enthalten ist. Diese
erklärung des eccere halte ich fQr unmöglich, weil das ce
im lateinischen nicht zwischen activform und medialendung
in die mitte des wertes treten kann, wenn schon im litaui-
schen das k des Imperativs zwischen wurzel und endang
steht. Allein das ist eine speciell litauische eigenthQmlich-
keit, die nicht auf eine andere spräche übertragen werden
darf Es bleibt sodann f&r eccere noch die andre ge-
wöhnliehe erklärnug übrig, welche es gleich ecastor, equi-
rlne aus e, welches wohl blofse interjection sein wird, und
Ceres ableitet. Da sich die Schreibweise ecere gleichfalls
findet, da ferner s am ende oft abfallt, wie in amäbere ne-
ben amäberis, in poeta aus poetäs, quatuor aus quatuores
und in vielen declinationsformen , so ist kein grund, diese
erklärung für falsch zu halten. Es ist demnach auch in
eccere das cc nach kurzem vocal geschrieben.
50. accipiter babicht führe ich, wie es meist ge-
schieht, auf die wurzeln ak schnell sein und pat fliegen
zurück, ohne mich indessen im einzelnen mit den bisheri-
gen ableitungen einverstanden erklären zu können. Man
bat es theils unmittelbar mit skr. &9up&tvan (Benfey zeit-
schr. IX, 78, Meyer vgl. gr. I, 369 ), theils mit gr. (ixvnte-
Qog oder uixvnitr^g gleichgestellt. Dabei ist acci- aus aqni*
erklärt und dies gleich ä^u-, o>xv- gesetzt worden. Das
28 Pmü
lat. öcior beweist, dafs in dem betrefTenden adjectiv auch
im lateinischen der vocal zu ö sieb gestaltet hat, also kann
acci- nicht gleich uxv- sein. Ferner soll cc aus qu assi-
milirt worden sein, es fehlen analoge beispiele, also ist
diese assimilation nicht erwiesen. Endlich soll auch das
Suffix -er gleich dem skr. -van sein. Hier bandelt sich^s
um ein princip. Wer, wie ich, die ganze Benfeysche suf-
fixtheorie fQr nicht richtig h<, kann auch die identität
obiger suffixe nicht zugeben. Aber weshalb ist es denn
überhaupt nöthig, dafs die Wörter identisch sind? So we-
nig wxv7tre{}üg und atxvTiiri]^ identisch, hingegen nur fthn-
lich gebildet sind, so wenig accipiter und die andern Wör-
ter. Bleiben wir also auf dem boden der lat. laut- und
Wortbildungsgesetze I Danach setzt -piter ein simplex *pat-
-aram, lateinisch jedenfalls '^pet-rum flügel voraus, dessen
reflexe im skr. pat-ram, griech. titsoov für *7iBT-eoov flögel,
ahd. fed-ara feder (nur im geschlecht verschieden) klar vor-
liegen. In acci' aber ist die Orthographie der geschärften
tenuis vorbanden, es steht also für aci- und dies mit der
Schwächung des stamm vocals, wie sie z. b. in mauifestus,
manipulus u. a. zu tage tritt, für acu-. Dies *acus (-üs)
aber hat als Substantiv die bedeutung Schnelligkeit, wie
bei Plac. gl., wo acu pedum durch velocitate pedum er-
klärt wird, als adjectiv aber heifst es schnell und so ist
es erhalten in des Paulus glosse: acupedius dicebatur, cui
praecipuum erat in curreudo acumen pedum, und in den
ableitungen acuo ich treibe an und dem eben bei Paulus
genaunten acumen Schnelligkeit, die mit den homonymen
acuo ich spitze zu und acumen spitze, Scharfsinn aufser der
gleichen wurzel ak nichts gemein haben, da diese zunächst
von acus nadel oder *acu8 spitz abgeleitet sind, welch
letzteres in aquipenser spitzflossig, «dem namen eines see- ^
fisches, und aquifolius staclielblättrig erhalten ist Ich sehe
also in accipiter ein possessivcompositum ^schnelle flügel
habend^ und setze es gleich einem skr. *a9upatras, idg.
*akupataras und leite von dem zu gründe liegenden *aku
auch den namen des adlers, aquUa, her. Der pflanzenname
accipitrina als ableitung ist oben bei bacciua bereits erwähnt.
beitriEge znr lateiniflchen Uvtlehre und etymologie. 89
Ed findet sich vereinzelt ein altes wort suppns, wel-
che nach den stellen des Festus und Panlus Diaconus fSr
saplnus steht, nach Isidor im wQrfelspiei einen wurf be-
zeichnet. Diese beiden erklärungen beziehen sich meiner
meinnng nach auf zwei verschiedene Wörter, indem
51. suppus rückgeneigt jedenfalls mit suplnus und
ffr. vTiTiog zu sub, resp. vnd gehört und das doppelte p
gleichfalls nur das einfache vertritt, hier aber mit vorher-
gehendem kurzen vocal der betreffenden präposition, die
zu gründe liegt, aber nirgends sonst gedehnt oder gunirt
sich findet*, wohl aber mit verdoppeltem consonanten, wie
z. b. f&r supremns sich suppremus geschrieben findet in
zwei handschriften des Panlus Diaconus, wie Lindemann
s. V. angiebt, obwohl auch hier das u kurz ist. Das suffix
anlangend, so ist supus aus sub gebildet, wie superns aus
super. Ändern Ursprungs aber ist das
52. suppus des Isidor, welches der wurf heifst. Ich
erkläre nämlich die betreffende stelle trinionem suppnm
vocabant so: trinio nannte man einen wurf, so dafs nicht
suppus, sondern die ungewöhnliche form trinio für temio
erklärt werden soll. Dies suppus wurf steht nämlich nicht
ohne verwandte da, insofern des Paulus notiz: supat jacit,
unde dissipat disicit, et obsipat obicit, et insipat, hoc est
inicit uns das denominativum zu supus, wie alsdann die
etymologische Schreibweise, und zwar mit kurzem vocal,
liefert. Die wurzel findet sich auch sonst erhalten, näm-
lich lit supü schaukeln, dessen derivata zum theil auch mit
der schon oben erwähnten Schwächung des p zu b auftre-
ten. Es ergiebt sich somit eine wurzel sup mit der be»
deutung des lat. jactare, aus der supus einfache nominal-
bildung ist.
53. tippula bestiolae genus sex pedes habentis, sed
tantae levitatis, ut super aquam currens non desidat, sagt
Paulus Diaconus und schon Gerhard Johann Vossius er-
klärt es als das thier, quod „Belgae vocant waterspinne,
quasi dicas araneum aquaticum^, gewifs richtig. Bei die-
sem Worte sind wir in der glflcklichen läge, die richtige
form durch hülfe der metrik herstellen zu können. Die
80 P«üi
l&oge der paenaltitna beweist der beim Nonius angef&hrte
trimeter des Varro:
levis
tippula limphoa frigidos trausit lacus,
die kQrze der ersten silbe der auch von Paulus beigebracht4<i
vers aus Plaut us Pers. II, 2, 62, ein trochäiscber tetra-
metor:
neque tipulae levius pondus est quam fides lenonia,
zu lesen:
neque tipulae leviu' pondust quam fides lenonia.
Es ergiebt sich also das pp hier nur als orthographischer
ausdruck der geschärften tenuis nach kurzem yocal, und
tiptda oder besser wohl tipuUa ist die richtige form des
Wortes. Die formen auf uUus sind meist die deminutiva
der Wörter auf ö, önis, wie lönullus von Idno, CatuUus von
Gato u. a., so dafs man auch för tipulla ein simplex *tipo
erschliefsen darf, welches bereits von Dacier zum Paulus,
spftter von Benfey griech. wzU. II, 237 zum griech. Ti(pog
stehendes gewässer und von Förstemann zeitschr. III, 58
zu dem Ti(pf] in Arist. Ach. 884. 889 gestellt ist, welches
gleichfalls ein insekt bezeichnet. Wenn aber Fiek idg.
wb. 78 auch r/Ayi; bQchermotte mit obigen Wörtern zu-
sammenbringen will, so vermisse ich den nachweis der
lautlichen möglichkeiU Die für tipulla, rlfpog^ riiptj sich
ergebende wurzel tip vermag ich sonst nicht nachzuweisen,
Fick 1. c. vergleicht lit. tepü schmiere, aber das e stört.
54. vappo, nur aus des Probus stelle bekannt: vappo,
vapponis animal est volans, quod vulgo animas vocant;
lectum est apud Lucretium hos vappones. Hiernach wird
Fick idg. wb. s. v. väpala wohl recht haben, wenn er vappo
durch y^vxv^ Schmetterling, motte crkl&rt und es fragend
zu Wurzel vap stellt. Letztere herleitung halte ich fllr si-
cher, da auch eine reihe anderer flatternder geschöpfe ihre
Damen dieser wurzel entnehmen, so gr. i)nio?.o'^ motte, ahd.
wibil kornwurm, lit. v4balas käfer, worin b aus p erweicht
ist, wie in blusä floh und bluinis milz, die doch kaum
▼on pulex, resp. skr. pllhan zu trennen sind, femer lit
beitrlge zur lateinischen lanüehre nnd etymologie. 31
vapsh bremse, ahd. wafea wespe, latein. vespa dass. (Fick,
i. c), wo alao ps umgestellt ist, und die bedeutang von
Wurzel vap paTst aaf das trefflichste, welche nach dem
mbd. waberen sich hin- und herbewegen, nord. vftfa wan-
ken, schwanken, vafrlogi die. waberlohe, das flackernde
fener, so wie nach Odins namen Vafuör der flatternde
Sturmgott (cf. Mannhardt götterweit I, 1 53) sich als ,,flak-
kem, flattern^ herausstellt. Ich setze demnach vappo als
*yapo mit kurzem vocal an, wie das eben s. v. tippnla
erschlossene *tipo.
Aufser der doppelt geschriebenen geschärften tenuis ent-
steht nun doppelte tenuis nachweislich auch durch assimi-
lation und zwar zunächst beim zusammentritt von präpo-
sitionen mit verben oder auch andern Wörtern, so ha-
ben wir
cc aus b + c in occido, succido,
cc aus d + c in accedo;
tt aus d + t in attineo;
pp aus b + p in oppugno, suppeto,
pp aus d + p in appareo.
Der lautliche Vorgang ist hier der, dafs den betrefTenden
Präpositionen ob, sub, ad ursprünglich die tenuis zukommt,
die sie im gr. ^niy imo^ skr. &ti haben, es schwächte sich
aber hier im auslaut des lateinischen die tenuis zur media,
wie auch sonst, im compositum aber wMrde der auslaut
vor der tenuis des verbums erst wieder zur tenuis, was
Schreibweisen, wie optendere, optulerat (Corssen ausspr.
I, 56), deutlich zeigen, bis endlich dieser halben assimila-
tion die völlige folgte. Hierher gehören auch zwei nomina,
die, weil ihre etymologie nicht sofort zu tage tritt, beson-
ders zu erwähnen sind, nämlich:
55. succidia, gewöhnlich als su-cldia aufgefafst
und mit Speckseite übersetzt (nach Varro de 1. 1. 4, 22, 32),
es beifst aber vielmehr das einschlachten und das einge-
schlachtete, wie dies die redensart succidias humanas fa-
cere beweist, die nicht heifst: menschliche Speckseiten
machen, sondern menschen niederschlachten, also deutlich
die ableitung von succido zeigt.
32 Piwli
54. attegia zeit, welches angeblich arabischen ui^
spranges sein soll, aber gewifs nicht von tugurium hOtte
zu trennen ist, mit dem es zn tego zn stellen sein wird;
in der präposition ist wohl das anlehnen an die Zeltstangen
bezeichnet.
Aber nicht blofs bei präpositionen findet sich diese
assimilation, es giebt eine zahl andrer fälle, in denen sie
ebenso leicht an andrer stelle nachweisbar ist. So steht
oc resp. cqu ftir d + c in hocce, hoc für hod (neutr.)
-hce,
cc resp. cqu fbr d + c in quicquam neben qnidquam
(Corssen, aosspr. I, 17),
CO resp. cqu fär d + c in ac, welches aus atque nur
durch die Zwischenstufe acque zu erklären ist;
tt fQr d + 1 in adgrettus (Paul. Diac. p. 6 L.),
tt fbr d + t in cette fbr cedite von cedo gieb her;
pp für d + p in quippiam neben quidpiam,
pp fQr d + p in quippe fQr quidpe.
Es sind somit die assimilationen aus
b + c und d + o zu cc,
d + t zu tt,
b + p und d + p zu pp
sicher, dagegen werden yermifst die formen
g + o zu cc,
gk+t und b + t zu tt,
g-t-p ztt PP»
in welchen sämmtljchen formein die media, das erste ele*
ment, selbstverständlich auch schon von anfang an eine
tenuis sein kann. Dafs g + c, wo es zusammenträfe, zu
cc werden würde, unterliegt keinem zweifele es fehlen eben
nur die beispiele. Schwieriger liegt die frage, ob g + t,
resp. c + 1 in tt oder, was ja bei der überhaupt im latei-
nischen schwankenden Schreibung der doppellaute dasselbe
sagt, in t mit vorhergehender vocallänge übergehen könne.
Viele forscher, die man bei Corssen krit. beitr. 3 sq. auf-
gezählt findet, haben sich für die möglichkeit dieser assi-
milation ausgesprochen, Corssen selbst bezweifelte früher
(1. c.) das stattfinden derselben, giebt aber jetzt (kr. nachtr.
beitrige znr lateinischen lantlehre und etymologie. 33
45) diesdbe in einzelnen* ftUen 20. Ich kann nicht umhin,
mich hier der majorität anzuschiielsen und meine meinung
dahin auszusprechen, dafs auch Corssens jetzige ansieht
den Vorgang noch zu eng falst. Denn er giebt ihn nur
sn in autor, Adauta, Vitoria, Vitorius und dem unsicheren
Beneditus. Dabei verlangt er fAr letztere form dem lante
nach Benedittus, so dafs *hier wirklich assimilation vorliege,
in den andern formen hingegen ausfall. Beides ist aber
der Sache nach dasselbe, denn der ausfall setzt nqthwendig
lantphysiologisch vorherige assimilation voraus, wie z. b.
auch Schleicher comp. I^, 243 die sache f&r das slavische
richtig darstellt. Nun ist aber diese assimilation des et
zu tt ftkr die romanischen sprachen gradezn regel, sie tritt
nach allen vocalen ein, wie folgende beispiele zeigen:
tat. factus, directus, dictus, octo, fiructus,
ttal. fatto, diretto, dettp, otto, frutto,
prov. fatz, dreitz, ditz, oit, fruitz,
altfrz. fait, droit, dit, uit, fruit,
neben faict, droict, fruict,
frz. fait, droit, dit, huit, fruit,
wobei zu bemerken, dafs das auslautende z des proven^a*
lischen nur das alte nominativ-s ist, dafs die altfranzösische
Schreibung mit et allerdings bis ins 15. Jahrhundert reicht,
dala daneben aber die Schreibweise ohne c bereits bis ins
12. Jahrhundert zurückgeht, so dafs der ausspräche nach
die assimilation längst vollzogen war. Nun finden wir
ancb sonst, daGs romanismen oder wenigstens ansfttze dazu
sich schon meist in alter noch römischer zeit zeigen, vor-
wiegend in der lingua rustica, aber nicht ausschlieMich.
Es wird dadurch also von vornherein wahrscheinlich, dafs
auch spuren dieser assimilation von et zu tt oder t bereits
im lateinischen sich finden, namentlich in solchen Wör-
tern, die isolirt stehn, also in eigennamen und solchen
nominibus, deren Zusammenhang mit einem wurzelverb
durch specialisirung der bedentung dem bewufstsein der
sprechenden nicht mehr gegenwärtig war, während ety-
mologisch durchsichtige formen das et rein bewahrten.
Dazu kommt, dafs wir Schreibungen, wie mattea, salpitta,
ZeitTChr. f. vgl. sprachf. XVIH, 1. 3
34 PMli
cottana mit mactea, salpicta, coctana wechselo sehr; gleich-
viel nun, welches die richtige sei, jedenfalls beweist das,
dafii zu Zeiten des Schreibers bereits et und tt der aas-
spraohe nach zusammenfiel. Man braucht also nicht anza-
stehn, wo sich durch annähme dieser assimilation eine
leichte und gef&llige etymologie darbietet, dieselbe als ge»
schehen zu betrachten.
Aehnlich liegt die sache bei p + t. Auch hier ent-
sprechen sich
lat. captiyus, Septem, debita, subtus, *8ubt&na,
ital. cattivo, sette, detta, sotto, sottana,
prov. caitius, set, sotz,
altfrz. chaitif, set, dete^> soz (souz),
frz. ch^tif, sept, dette, sous, soutane,
wo ja im franz. sept das p der ausspräche nach gleichfalls
assimilirt ist, während in sous die Schreibweise eigentlich
souts sein müfste. In isolirten oder etymologisch undurch-
sichtigen lateinischen Wörtern scheint also allenfalls auch
diese assimilation angenommen werden zu können. So
bleibt nur noch die formel g + p oder c + p zu pp flbrig,
(Qr deren existenz ich allerdings nichts beizubringen ver-
mag. Durch assimilation nun halte ich die doppelte tenuis
entstanden in folgenden Wörtern:
57. pecco sündige ist von Bopp, gloss. s.v. päpas
mit diesem worte und mit griech. xaxog verglichen wor*
den^ auf welche möglichkeit bereits Pott etym. forsch«
n^ 277. 600 hingewiesen hatte, obgleich er auch eine her-
leitnng ans ped-co oder perd-co und Verwandtschaft mit
perdo, p(^jor und pessimus fflr möglich hält. Aus der stelle
Cic. parad. 3, 1 : peccarc est tanquam transilire lineas ent-
nehmen wir, dafs die bedeutung des wertes etwa die un-
seres „übertreten^ ist, also nichts böswilliges enthält. Da-
her wollte es schon 6. J. Vosdius aus pecicare von pecn
ableiten mit der bedeutung a^oytag agere instar pecudis.
Das ist nahezu richtig, aber nicht ganz. Nach der lat
Wortbildung setzt pecco ein nomen *peceus voraus, welches
nach den lat. lautgesetzen sehr wohl aus *pedicus entstehn
kann. Andrerseits erfordern pöjor und pessimus einen po-
beitrlge zur Uteiniachen Unüehre nnd etymologie. 35
sitiy ^pedns, aus dem pöjor hervorgeht ftkr pedjor, etwa
wie mfijor aus magjor, pessimus f&r pedtimus wie egressus
ftar egredtos. Von diesem *pedas ist 'pedicus abgeleitet,
wie das dem verbum albico zu gründe liegende *albicu8
▼on albus. Dies *pedus aber gehört zu skr. p4djate, wel-
ches im Bigv. zu fall kommen, biofallen, umkommen be-
deutet, femer zu sl. pad^ ich falle, von wurzel päd, deren
Bedeutung sich nach dem gr. niäop boden nnd den Wör-
tern, welche fufs bedeuten, etwa als „den boden berühren^
herausstellt, theils gehend, theils hinfallend. Damach
heilst dann *pedu8 ungef&hr „am boden befindlich, niedrig^,
p^jor niedriger, schlechter, *pedicu8 gleichfalls ^am boden
befindlich^, pecco also „am boden sich befinden, gestrau-
chelt sein, gefehlt haben ^. Gleicher wurzel ist auch lat.
pessum, welches ich ftkr den local gebrauchten accnsativ
eines verbalnomens halte, entstanden aus dem starken verb
*pedo (ss sL pad^) oder *pedio (=a skr. pädj&mi) ich faUe,
*pessus also der fall, occäsus, pessum dare in den unter-
gang geben, zu falle bringen, pessum ire in den Untergang
gehn, untergehn, constrairt wie venum dare, vönnm ire.
58. occo ich egge ist gleichfalls ein denominativnm
und zwar von dem in den gloss. Isid. erhaltenen occa egge.
Man hat letzteres wort zunächst mit gr. o^vfj zusammen-
gebracht und cc fQr assimilirt aus ks erklärt, aber so we-
nig ahd. egja ich egge, lit. aköju dass. mit occo in der
Wortbildung übereinstimmen, ebenso wenig ahd. egida egge,
lit. ak^'czos, gr. o&vri mit lat. occa. Es besteht zwischen
den betreffenden Wörtern bloise wurzelgemeinschaft. und
so wenig lat. acidus trotz des gr. ö^i;^, oculus trotz skr.
akäi in ihrer bildung ein s enthalten, so wenig auch occa
neben gr. o^pij. Nach analogie von pecco liegt es nahe,
occa aus ocica zu erklären, wie dies auch von Corssen
kr. beitr. 27 unter beistimmung von J. Schmidt wurzel ak
73 geschieht. Da aber das suf&x ka nur secundär auftritt,
so erfordert occa eine einfachere, primäre bildung *ocns
spitz, wovon ocifca die mit spitzen versehene ist. Die ge-
staltuug des wurzel vocals als o ist neben oculus, wxvg^
öcior, o^pij nicht auffallend. In occa ist somit einfaches
3*
86 PvnU
anemaiidertreten zweier tennes durch aoestofs des tieftoni-
gen vooals, der auch in pecco stattfand, geschehen.
59. mattus oder matus betrunken bei Petr. 41,
welche Schreibweisen sich verhalten, wie adgrettus Paul,
pag. 6 L. zu adgretus ibid. pag. 58, d. h. tt ist die ety*
mologisch richtige Schreibweise, aus der matus, adgretus
erst durch die schwankende Schreibung der lat Verdopplung
Oberhaupt sich bildete. Die etymologie des wertes ist
bereits von Pott etymol. forsch. 1% 245, Pictet zeitschr.
V, 323, Fick idg. wb. 135 richtig angegeben, welche das
wort dem skr. mattas freudige betrunken gleich stellen. Es
ist somit particip zumadeo und yerh&It sich zu madidus
wie stultus zu stolidus.
60. blatta schabe wird von Fick idg. wb. 123 zu
lit. blakö wanze, lett. blaktis wanze, schabe gestellt und tl
aus et erklärt. Es ist kein grund, diese vergleichung oder
assimilation zu bezweifeln, obgleich die wurzel dunkel
bleibt
61. mitto entsende ist von Lottner zeitschr. VII, 186
richtig zu lit metü werfe, sl. metn§ dass. gezogen worden,
denen sich auch sl. vümet§ werfe anschliefst. Femer ver-
gleicht Ebel zeitschr. VII, 228 skr. mathnämi agito und
gall. matara geschofs, gleichfalls richtig. Wenn er aber
nach Pott's vorgange wegen cosmitto als wurzelanlaut sm
verlangt, so verweist Corssen kr. beitr. 431 dagegen mit
recht auf ostendo, sustineo und h< nur mat f&r die Wur-
zel. Das tt erkl&rt Meyer vgl. gr. I, 93 für assimilirt aus
tj, ohne diese annähme durch analogien zu stützen. Ich
zweifle an der zul&ssigkeit derselben und erkläre das tt
lediglich als aus zusammenrückung entstanden, nämlich
des Wurzelauslauts und jenes präsensbildenden to, welches
wir ganz unzweifelhaft doch auch in flecto beuge, necto
knüpfe, pecto kämme, plecto schlage, plecto flechte haben,
hier freilich nach gutturalen, allein an sich ist ja das suffix
durchaus nicht an gutturale gebunden, und so steht es
denn in mitto auch einmal nach einem dentalen. Auch
die perfectbildung auf si, die gestaltung des supinums zu
sum, welche mitto mit den genannten verben theilt, unter-
beitrige zur lateinischen laatiehre und etymologie. 37
w
stfitxt die annähme analoger bildung. Schwächung des
wurzelvocals a za i ist vor doppelter consonanz im latei-
schen ja nichts seltenes.
62. topp er, dessen bedeutungen sich bei dem hier
stark verderbten Festus und bei Paulus als ,|Sofort, schnell^
und „vielleicht^ ergeben« In per steckt jedenfalls die auch
in semper^ nuper vorhandene enklitika. Das pp halte ich
für assimilirt aus dp, indem ich das wort in tod-per zer*
lege, tod aber f&r das adverbial gebrauchte neutrum des-
selben pronomens halte, das auch in tum, tarn verliegi.
Za ergänzen ist etwa momentum oder ähnliches, so daTs
z. b. die bei Paulus citirte stelle: topper fortunae commu-
tantur hominibus zu erklären ist: hoc ipso momento. In
der bedeutung „vielleicht'^ hat das per nicht die hervorbe-
beode kraft, sondern, wie ja auch im gr. nsQj die von qui-
dem, und tod ist nur stütze f&r die enklitika, so dafs des
Ennius vers: topper quam nemo melius seit sich so erklärt:
quam quidem nemo melius seit, und topper besser durch
„gewiis, sicherlich'^ übersetzt würde.
AuTser den genannten assimilationen sind noch zwei
andre angenommen worden, nämlich erstens die von n+c
zu cc von Corssen ausspr. I, 106. In der form nucquam
för nnnquam liegt dieselbe thatsächlich vor, und deshalb
stimme ich auch Corssens ansieht bei, wenn er
63. ecce siehe aus en-ce erklärt', wie dies schon
Pott etym. forsch. II', 138 gethan hatte.. Gegen die gleich-
falls schon von Pott angebahnte ansieht, die von Benfey
gr. wzll. I, 225, Curtius grundz.* 407, Meyer vgl. gr. 1, 113
acceptirt und verschiedenartig durchgeführt ist, dals näm-
lich Wurzel ak „sehn'^ darin enthalten sei, spricht vor al-
lem der umstand, dafs wir nirgends den vocal dieser Wur-
zel zu e sich gesf^ten sehn, er wird, wenn er nicht a
bleibt, stets zu o, wie bei Curtius Spaltung des a*lautes 34
zu ersehn. Die gleiche assimilation tritt nach Corssen 1. c.
auch ein in
64. ecquis irgend jemand, ecquando irgend ein-
mal, und ebenso in ecqui irgend einer, ecqui irgend wie,
ecquo irgend wohin.
38 Pauli
Zweitens noch hat man aseimilation von c + s za oc
angenommen in vacca, flaccus, bacca, bucca, ecce, occa
neben skr. ukjan, mrakä, bhakfi, bhukd, iki, gr. o^ivvj und
vereinzelt auch von s + c su cc in siccns neben skr. ^üäkas.
Alle diese Wörter, vielleicht mit ausnähme von bacca, ha-
ben oben auf andre weise eine ausreichende erklftrung ge-
funden, so daTs zur annähme dieser physiologisch gewalt^
sam erscheinenden assimilationen kein grund vorliegt.
Zum schluls sind nun noch einige wenige Wörter vor-
handen, deren bis jetzt vorliegende erklflrungen nicht be^
fiiedigen, ohne dals ich andere an ihre stelle zu setzen
wflAte, oder die sich bis jetzt jeglicher erklärung entzogen
haben. Es sind folgende:
65. soccus schuh, welches von Spiegel zeitschr.
Xm, 372 und Fick idg. wb. 172 zu baktr. hakhö m. fiifs-
sohle gestellt wird, von Corssen kr. beitr. 27 dagegen mit
sagum und Saccus zu einer wurzel sag bedecken. Über
welche bereits unter no. 1 bei Saccus die rede war. Mög-
lich scheinen beide erklärungen, aber der möglichkeiten
giebt es noch mehrere, wie soccus aus ^sodicns von ^sodus
s=s gr. oSog, Wurzel sad gehen, oder aus ^sopicus mit sL
sapogu zu Wurzel sap anhangen, so dafs eben eine sichere
entscheidung dadurch vereitelt wird.
66. guttur kehle hat Benary röm. lautl. 174 aus skr.
ghui tönen suff. -tur, wie in vultur, abgeleitet, Benfey gr.
wzll. II, 115 dagegen es zu skr. ^ösämi liebe, lat. gnsto
gestellt; andere nehmen es fbr gul-tur. Alle drei erklä-
rungen haben lautliche bedenken. Möglich wflre es, an
skr. ^atharas bauch, gr. yaftTtJQ^ got. qipus zu denken und
das wort aus *gvat-tur zu erklären, möglich auch, es in
*gfl-tur zu zerlegen und aus gu schreien abzuleiten, sicher
aber nichts. ^
67. gutta tropfen wird von Benary 1. c. und Benfey
1. c. U, 375 ans gud-ta erklärt und mit got. giuta zu Wur-
zel ghu (skr. hu) „giefsen'^ gestellt. So lange nicht sicher
im lat anlaut g vor vocalen als Vertreter der aspirata er-
wiesen ist, ist die erklärung nicht annehmbar. Eine eigene
habe ich nicht hinzuzufiügen.
beitrüge zur lateinlBchen laatlehre und eiymologie. 39
68. gut tu 8 kaDne, und
69. gattarniam opferkanne geböten offenbar zusam-
meD. Erateres erkiftrt Benary 1. o. aus gud-tüs von wurzel
gba giefaen, was unannebmbar. Für gutturnium giebt Paulus
£e form cotumium, wonach in gutturnium das g erwei-
ebong ist wie in gubernator, gurgulio u. a., worüber Christ
gr. UtttL 99 zu vergleichen. Dann scheinen sich die Wör-
ter an gr. xoTvXti becher, schale anzusohliefsen, obgleich
das als richer nicht angesehen werden kann.
Gänzlich der erklärung ermangeln
70. blatta purpur,
71. atta der auf den fufssohleu geht Paul. Diac,
72. aalpitta backenstreich, wofür auch salapitta
ond salpicta gelesen wird.
Das ergebnifs der Untersuchung ist also folgendes:
Die doppelte tenuis entsteht:
I. durch geschärfte ausspräche eines lautes
1) nach langen vocalen:
in hicce, Juppiter; vappa, lappa, lippus, cippus, cuppes,
8tappa, sapplnus, applüda; vacca, vaccinium, maccus, bacca,
bftcdna, cracca, flaccus, siccus, bucca, bucco, buccina, muc-
coB, muccor, succus, succinum, groccio; blattio, vitta,
littus, littera, glittus, gluttus, gluttus, gluttio (34 formen);
2) nach kurzen vocalen:
in quattuor, cottidie, succerda, vaccillo; cattus; fiocces,
floccus, eccere, accipiter; suppus, suppus, tippulla, vappo
(13 formen).
U. durch zusammentritt zweier laute
1) ohne assimilation:
in perfecten, wie rettuli etcJ, und in mitto, occa (zwei
formen);
2) mit assimilation:
a« von muta an folgende tenuis: in den präpositional-
40 BifUnger
compositis und in bocce, quicquam, ac; adgrettus, cette;
quippiam, quippe; mattus, blatta; topper (10 formen);
b. von n an folgende tcnuis: in ecce, ecquis, ecquando,
eoqui, ecqui, ecqao (6 formen).
Weitere assimilationen waren nicht erweislich, weder
vorsehreitende von tenuis an tenuis, noch die von c + s
oder 8 + c zu cc.
Lauenburg in Pommero, den 28. mftrz 1868«
Dn Carl Pauli.
Zur dialektforschung.
n. Alemannisch.
Schimpf und Ernst von Job. Panli, herausgegeben von H. Oesterlej.
Der name Johannes Pauli, des Schreibers der Gei-
ler^schen predigten, ist in der geschiebte der deutschen li*
teratur so hinlänglich gewürdigt, dafs ich da nichts hiib>
zuzufbgen brauche. Das jähr 1866 brachte uns denn
unter den verdienstvollen werken des stuttg. lit. Vereines
auch das Volksbuch „schimpf und ernst ^, doch ohne jeg-
liche sprachliche bemerkung, nur mit höchst mangelhaftem
Wörterverzeichnisse; desto besser hat der herausgeber sich
des sachlichen theiies beflissen und niemand kann zwei
herren zumal genügend dienen. Ich will darum zur spräche
Pauli^s im genannten volksbuche einiges herbeitragen.
J. Pauli ist ein Alemanne durch und durch; er sagt
die Wahrheit in derbster weise und läfst manchmal, wie
sein gesinnungsgenosse, der wackere Geiler, tiefe einblicke
in die zeit thun, einblicke in wundmale, die nur allzusehr
nach gänzlicher reformatio in capite et membris schreien
auf politischem wie religiösem gebiete. — Er ist darum
an manchen stellen ein commentar zu dem satirischen „netz
des teufeis ^ und zu Geiler selbst. Seine spräche ist die
hochdeutsche, mit hie und da stark gefärbtem alemanni-
schen anstrich. Als Schreiber von Geiler's evangelienbuch
zur dialektforachnng. 41
nnd der Geiler'scben meisterwerke schaut der origiDeDe
mann auch dort heraus, wie er sich in schimpf und em«t
zeigt Der anstrich ist der elsftssisch-oberrheiDische; die
meisten seiner sprachlichen eigenheiten sind heute noch dem
altstrafsburgischen bisthumsgebiete und dem Schwarzwalde
eigen.
Die alten kflrzen besonders zweisilbiger Wörter, die der
Alemanne noch vielfach vor seinen nachbarn bewahrt hat^
bezeichnet J. Pauli mit verdoppeltem consonanten: häsz
(lepus) 8. 30; pl. hassen s. 37. närrung 145. nässen (pl.
zu naSQ) 39. häffen, hafen 95; pl. heffen. essel (asinus)
8.95. maulessel 118. hgffelin 159. man Iisset und lessen
inf. 22. vermitten 38. mit widden 337. hössen 29. 276.
köUer, der (Köhler) 153. löss (ausculta) 65. gelösset 50.
Die echt alem. ei für i: leigen =» liegen 174 und fttr in
in letgen und Stelen 240; was heute noch weit über des
Schwarzwalds säum hinab spurenweise fortlebt, ie richtig
in kriegen 27. Das ou f. ö: koupf 21, kastfaut (vogt),
wie im Ulenspiegel foud, bont; koupf in der sage von
Karl M. und der schlänge, zOrich. mittheil. d. antiq. gcs.
ED, 4 und Geileres evangelienbuch f ]8f)a. houlz in der
dorfordnung von Achem 15. jahrh. Mone zeitscbr. 14,285.
Die alten äi in s&ijan' sind echt der Volkssprache
gemäfs ey geschrieben: kreyet (der hahn) 20. weiet der
wind 355. neyien 363 u. s. w. Das ing = ig: reisin^en
hengst 25 klingt ganz riefsisch und bairisch. n in pflun^
feder 341. Die echt alem. elsäss. Umsetzung: es birnt 140^
in mark(t) fehlt t wie echt bairisch heute noch (273).
S. 238 ist zeile 7 von unten meigten statt toeigten zu
lesen.
Dieses wenige Ober die lautverhältnisse, die mit den
Geiler^schen predigten , dem allerweltsdistillierer Brunswick
und Ulenspiegel genau stimmen. Ebenso treffen diese in
dem Wortschatze zusammen. Ein alem. Schlagwort, wie
wir es in unserer Zeitschrift XV, 193 ff. aufgeführt haben,
ist „dottenboum^ 146. 316, das neben dottenbär 235
in sofaimpf und ernst begegnet. Vgl. Ulenspiegel 136, 137:
da kamen die begynen nnd leyten den todtenboum wider
42 Birlliiger
uflf die bar. — als der boam erwent was a. a. o. wan als
sie all standen nun uff dem kircfabof umb den todten-
boum n. 8. w. Die strafsburger polizeiordnung 1628 hat
f. 94: tax der todtenbäum. Im übrigen haben unsere
liebe geheime mittrathsfreund, die fbnfl&ehen von diesena
defs taxt der todtenbäum halben geordnet — es mag
gefordert und zalt werden für einen der j^dsten und wol
ausgemachten todtenb&um 1 pfiind, zehen Schilling u. s. fr.
Ganz f&r einen ähnlichen gegenständ scheidet sich Baiem
wieder durch das uralte wort rechbrett (hraiva-) streng
yon Alemannien. Der Baier spricht ch scharf: rtehbrett(hh) ;
es sind die mit schwarzen kreuzen bezeichneten todtea-
bretter, worauf der todte gelegt, die man in wäldem und
feldern an wegen tri£%. In der zweiten hälfte des IT.jahrh.
konnte der volksthflmliche prediger Heribert von Salum
es auf der kanzel bringen: ^zween Capuziner nahmen sich
nun den todten körper an, weiten ihn auf das rechbreth
legen und gebührend ankleiden^. „Man solte sich gedulden
bis der todte auf das rechbreth gelegt^ u. s. w. Dieses
wort treffen wir nur in altbairischen, tirolischen, österrei*
chischen gebieten.
Das andere Schlagwort anke, swm. butter hat Pauli
ebenfalls. 54: da was in dem kloster wein, brot und
ancken; 9: und uff einmal hat sie ein heflin mit anken
u. 8. w. Sieh zeitschr. XV, 212 ff. — Das dritte wort ist
keib = aas; 68: sie sein gleich den thieren die die kei-
ben umbston, die grosen thier, als lewen, bereu n. s. w.
die reissen gross stQck us einem keiben u. s. w. Unsere
zeitschr. a. a. o. s. 199. Grimm wb. V, 431. Geiler, evan-
gelienbuch f. 202 sagt vom fuchs, der sich todt stellt „so
kumen dan die rappen und sizen uf in und bicken in in
und wenen er sei ein keib^. Her, im veldbauw 1537
f. 220b: „man sol (die hund) sie von keinem keyben oder
selbstgestorben thier essen lassen^.
. Entschieden ist matte alemannisch 115. 367: da kam
er uff ein matten u. s. w. man trüg in uff ein matten
oder wisen u. s. w. Unsere zeitschr. a. a. o. 207 wo ich
auf maden im bairischen und schwäbischen verwies; a
zur dialektforacbong. 43
solhe wie inn&dl/trädl (D&ian, träian), organisch ä sein;
aDein die übrigen südd. dialekte haben ä und die alte kurze
ausspräche alem.: madda; es dürfte wohl schwerlich ein
altes matu angesetzt Werden.
Echt alemannisch ist kensterli heute noch = kästen,
Idste, trog; 148: das silberin geschir in einem kensterlin;
175: und thet ein thürlin uff an einem kensterlin und
meint es wer ein fensterlad u. s. w. Grimm -Hildebrand
wb. V, 171.
S. 200 ist ausser geschrieben und bedeutet da eine
umhängende tasche: „da greiff der meister bald in seinen
ausser und zohe ein amböszlin und ein hemmerlin herusz^.
Ich setze aunser in unserer stelle. Das wort lebt heute
noch auf der Alb und dem Schwarzwald bald für brot-
sack, bald schul- und büchersack. Vgl. Grimm wb. I, 586.
aogsb. wb. 35b. Weidftser oder brotsacklein bei Forer
thierb. 33 b. Städtechroniken Y, 274 anmerkung. Schmid
wb. 32. Pauli selbst setzt 210 fAterseckel daf&r; 377:
d eschen schlechthin; ebenso 218. 229.
Dafs es zu Itan, az steht, hat schon der alte Stalder
bemerkt. Für den dienstag gebraucht Pauli z ins tag,
echt alemannisch; währeud schwäb. (augsb.) schriftdenk-
naSler nur „aftermentag^ haben und das volk auch noch
so spricht.
Echt strafsburgisch-alemannisch ist mdr mntterschwein
(scrofa), j^ist noch im Elsafs gebräuchlich und in der
Schweiz**. Frisch I, 669 c^ wo es auch im niederländischen
nachgewiesen wird. S. 353: ^ist es (speck) von einer mo-
ren oder von einem rotberg; 37: in dem da kam ein mor,
ein saw daher lauffen, die was ganz katig und wüst; 408:
da war vnngeferd ein saw, oder moor, die frafs den apf-
fel^. In Geileres evangelienbuch f. 105a: ,,wan ein eher
kambt zä einer moren und ir begert: wan die mor ein
or gegen den eher henkt, das ist ein zeichen das die mor
des ebers begert^. Her, im veldtbauw ,. Strafsburg 1567
f. 221b: «wan sie entpfangen haben, sol man die eher
von den moren absondern; dann so sie mit jnen stets
kftmpffen vnnd sie stofsen, geben sie ursach darzA, das die
44 Biriingttr
moren verwerfen. Ein eher ist fUr 10 moren genägsam
sie besteygen. Dann die moren trieben sie von sich,
darumb das sie die jungen so übel beifsen im sangen
f. 222a. Die moren rammlen dar ganze jähr, also das
sie dreimal im jabr werffen mögen a. a. o. Ein jede
mor sol man in ein sondern stall thnn, so sie werfen wil
a. a. o. Nun ist aber besser, das ein jede mor jre jungen
seug^ a. a. o. Grimm sv. bauemviol I, 1183. Frisius 666:
scrofa, ein loofs oder mor, mutterscbwein. Dasypodios
scropba, ein mutterscbwein, eyn lofs oder mor. In der
strafsbürger polizeiordnung 1628 S. 8 (appendix) ,|da8 nie-
mand kein roore in der statt ziehen soll''.
Das wort rotberg, das Pauli gebraucht fllr männliches
Schwein ist rotbarg; die zweite h&lfte lebt heute noch
an der obern Donau und dem obern Nekar; sieh barg
s=s porcus, Grimm wb. 1,1133. rotbergin schmer ist
nicht selten in arzneibflchern des Oberrhein^s sogar Schwa-
bens zu lesen.
Für mor ist jetzt alemannisch und schwäbisch laofs
allgemein; dafs es aber früher auch an der obern Donau
üblich war, bezeugt das Moradöbele, ein wald bei Tutt-
lingen.
Echt alemannisch ist schlötterlin schlagen 338
:= einem scheltworte anhängen; an der obern Donau: ^n
schlätterling werfen. Im Allgäu (Amtzeil) „'n schlät-
ter anhenka^. schlötterle anhenka, Freiburg i. B.
Frisch II, 201c. In Geiler's evangelienb., Hedion^s cbronik
und im narrenschiff. Es scheinen schlötterle, schnät-
terling ausgespritzte tropfen einer weichen masse zu sein,
z, b. von kühkoth; von etwas „schlotterndem^. Im
bairischen „a klamperl anhängen^. Der schon ge*
nannte Capuziner proyinzial Heribert von Salnm predigte
einst am feste des hl. apostels Matthäus «von kläm per-
len anhängen ''. An der obern Donau sollen besonders
die frauen ihre ohrenbeichte gleich mit dem satz bin-
nen „i h5 schlätterling gworfa^. späzlen, spätz
reden in alemannisch, altem Schriften sagt ungefähr das-
selbe aus.
sor dialektfonchnng. 45
Qefettern = wie verwandte spielen, kinderspiel
treiben; 17: es kamen uff einmal fier jungfrawen zösamm
und gefetteretten einander und schimpften mit einander.
313: da erschein ir der her Jhesus in eins kindlin^s ge-
stalt und gevetterlet und schimpft mit ir; 344: da kam
ein h&bsches kneblin geloffen in iren geren, die fraw ge-
vätteret mit dem kind u. s. w.
Heute noch an der obern Donau, im Wiesenthal volk-
fiblich. In dem festgedieht auf Hebels säcularfest am
10. mal 1860 »en usstich^ von Raupp heifst es s. 30: 's
bfiebli (Hebel) het g vetterlet, isch ummenander gsprunga^.
dort hau i gvetterlet s. 40. Eine andere stelle:
Het 's büebli gmacht, was eba d' chinder mache:
's hett gvetterlet n. s. w.
In Tuttlingen heifst heute noch das gassenspiel der Jugend
so; sonst alemannisch auch gschäfferlen und im Allgftu
an einzelnen orten gopa; am mittlernNekar ,,schimpfla^.
Vergl. Theophilus, niederdeutsches Schauspiel von Hoff-
man v. Fallersleben, Hannover, ROmpler 1853 v. 237: nn
sp^ld hei gdme dat vadderspel; Hoffinann bemerkt hiezu
s. 41 : „Gevettersspiel spielen^. Hier ist wohl kein
bestimmtes spiel gemeint Es soll wohl nur heifsen: „wie
zwei verwandte im einverst&ndnis gegen einen andern
spielen^.
Zu Isschmarren s. 139 und 318 vgl. Geiler's evan-
gelienbnoh f. 170a: „Es ist das gotzwort, es sein predigen,
das sihestu wol in den künigen und keiseren, ffirsten und
bischof, die kalt sein als ysschmarren^.
Zu „gegablete frag^ s. 73 vergl. evangelienbuch
f. 54b: sie hAbent in eine gegablete frag fikr u. s. w.
Wetten (81), anspannen, anjocben ist heute noch im
Schwarzwald flblich, ebenso da und dort im Allgftu; wäh-
rend es in Schwaben schon seit dem 15. jahrh. ausgestor-
ben ist. Evangelienbuch f. 4a: uf einem füUi, dem sun
der yngewetteten eselin u. s. w.
Unklar ist in stelle 115: wir lesen von dem grosen
Alezander, da er ein knab was, da kam er uff ein matt^;
da lüffen die jungen edlen und burgers sfln der herren-
46 Birlinger
bar Qod betten knrzweil mit einander. In dem Allgäu,
Tanheim sagen sie noeb „des berregang^ =s sogleich,
was in der Baar flfttig und blofs beifsen kann. leb baite
der (des?) berrenbar für dasselbe.
Merz (273) ist beute nocb auf dem Scbwarzwald üb-
licber ocbsenname. Vergl. in dem alem. liede von 1632
in Frommann^s zeitscbr. IV, 97, 4 :
mertz dabinda, moay bear u. s. w.
Aueb vom Lesacbtbal verzeicbnet es Lexer a. a* o. 160.
Weitling (246.382) » witwer lebt ebenfalls nocb
als witling im obern Donau- und Nekargebiete. wit-
weling im rotweiler stadtr. I, 71a. wittling, dem das
weib gestorben ist bei Jos. Maaler f. 502 b. Ebenso Fri-
sius 191.
Wage SB wiege 169. 269 ist nocb üblicb im Scbwarz-
wald als wagle, das. Scbmid 312 verzeicbnet es als dem
Elsafs eigen. Wagle im Wiesentbai (Hebel). Im leben
Liutgarts von Witticben, Mone quellens. III, s. 468 b: item
in demselben dorf was ein kind, lag in der wagen. Ahd.
waga. Graff I, 662. Im armen Heinrieb v. 868. Mhd.
wb. III, 641b.
Dem scbAbbletzer 379 entspricbt im fränkischen
altraissn oldraissn; beute nocb auf dem höchsten
Scbwarzwald altbietzer. (bietzen = flicken.)
Zwecben 195; zwuog 35 ist heute oberdeutsch nur
noch vom waschen des kopfes flblicb.
Puncktcnlocb = Spundloch 23. In alem. Schrift-
werken nur „bonten, ponten, bunten^. Scbmid 107 nennt
diese unsere formen schweizerisch. Das Grimmische wb.
II, 529 ff. bringt nur alemannische belege. Die donanesch.
bs. no. 792 hat beuten öfler; auch bei Hebel.
FQrgehen (93) bb vorübergehen sagt man beute noch
allgemein im Mindeltbale; „er ist fQr ganga^ gerne von
leuten die am fenster vorbeigegangen sind. Im evangelien-
bucb f. 83 b: ^wan er (der) bilger durch ein dorf gat, das
er die bauren under der louben siebt tanzen, er gat fQr
und lAgt, das er sein fart volbring^. In dem neuen testa-
ment nocb vor 1521 bei Froscbower in Zürich in 32^ ge-
' zur dialektforschnng. 47
druckt (augsb. bibl. des bist, y.) steht es oft $ z. b. f. 22 a:
unnd do sy horten das Jesus fflrgieng, schreyen sy und
sprachen n. s. w. f. 55 a: ynn do Jesus fürgieng, sach er
Levi, den sun Alphei um zoll sitzen u. s. w.
Sügferlin (93) = saugschweinchen , auch im rotw.
sUdtr. f. 34 a (I, 65 b); ferlin im ülenspiegel 136.
Speidel (165) =s keil von holz um holz zu zerspal«
ten, ist allgemein in der rottenburger gegend; wogegen das
alem. bissen mehr einen eisenbescblagenen „weck^ beden*
tet. unsere zeitschr. XV, 278.
Plaphart (114. 172) eine ursprfinglich nur alem.
münze; andere formen sind blaffert^ plaffert; sie fanden
niit dem anfange des 15. jahrh. allgemein eingang in der
sQdwestecke Deutschlands; man nannte sie noch länger
nebenbei Schillinge. Schon a. 1423 gab es neue und alte
blafferte. 32 bl. machten I pfund bäller. Die basler,
lanfenburger, freiburger bl. waren allbekannt. In den alem.
Schriftwerken wird blaff er t ofl; gebraucht als mafs für
dinge von kleinem umfange.
Dnnken, swf. suppenschnitte (167) i^und was er inen
sagt oder rat, so ist ir dünken uff der snppen die
best und die gesalzelt^. — An der obem Donau heute
noch defkle ss dflnckle; sieh unsere zeitschr. XV, 264.
Kutzhfit (185) „der pfaffenkleid , das sein die wei-
chen kutzhat die sie in dem winter umb das maul schla-
gen^. Als frauenkleidungsstfick ist es ebenfalls strafs-
bnrgerisch echt volksthümlich: „ein runder dicker kragen
um den hals, von zobcllfell oder marder überzogen, wel-
chen die weiber zu Strafsburg umschlagen; unter dem
halse mit einer grofsen schlauffe oder masche zugebunden^.
Amaranthes frauenz. lex. 2. aufl. s. 921. Im evangelienbuch
f. 208 a: „du sihest wol, wie mein Überrock, mein chorhemd
nnd auch der kutzhüt so weich und gut lind seint, wa
es mich an den bakken anrüret, so gibt es mir warm^.
Im niederdeutschen galt beffe daf&r. Sieh Theophilus
▼. 335 (Hoffmann v. F.) beffe, chorkappe, chorhut der
domherren. Teuth. beffe, cboirhoit. „Almucium. Malmu-
dum. Ambucius^. Kiliaen verweist bei beffe auf AI-
48 Blriinger • *•
mutse: pallium pelliceiim quo sacrifieus capnt humeros qae
tegit. Vergl. Hoffmaon dazu 8. 43. Wenc. Brack in sei-
▼ocab. 1487 hat noch „Almucium. Kotzhuot^.
Dazu gehört kutzenstreicher 89 (unten) und 303
^= Schmeichler. Vergl. auch im evangelienbuch f. 159a:
„er mufs jederman den kutzen streichen und federn von
dem ermel lassen^. Neben den kutzenstreichern haben
die d e 1 1 e r 8 c h 1 e c k e r s. 40 ihren platz, die man schlecht-
bin zusammen in der ftltem spräche „zututtler^ nennt (ado-
latores). Vgl. augsb. wb. 130.
S. 39 lese ich (zeile 28) trotten statt t rossen^ weil
ersteres in diesem sinne vorkommt in alem. Schriften und
in der spräche der rebleute noch üblich ist; trottboum
ebenso. Vergl. die ,,trabel üs treten und trotten^, ün*
sere zeitschr. XV, 278. trotteln ist noch hochdeutsch
erhalten.
Kemmet (41) ist allgemein üblich im alemannischen
und schwäbischen, wogegen die Baiern kemmich, kemmj
haben.
Die Maltzen (284), die Malazen spielen am Oberrhein
eine bedeutende rolle; noch jetzt örtlichkeiten nach ihnen
benannt. Sieh wbl. z. volksth. s. v.
Essichenden wtne (51) vergl. dasselbe „essichen-
dem wtne^ (dativ) in der donauesch. hs. 792 f. 62 a.
Hdrensack 55. In Zusammensetzung mit sack in
üblen titulaturen des excessiven weibervolks überbieten sich
besonders die volksthümlichen altern kanzelredner: schlepp-
sack, madensack u. s. w. Vergl. augsb. wb. 383a. La-
stersack kommt auch oft vor. Reinhold Köhler hat eine
hergehörige notiz: kunst über alle künste 1864 s. 215.
Erüssen (69) = krug ist echt alemannisch. Baar.
Schmid und Stalder bezeugen es. — Bei Tübingen und
und Rotenburg scheint es nicht mehr üblich.
Furt (70) hat sich alemannisch und schwäbisch in
unzähligen örtlichkeiten erhalten, wo alle äufsern anhalts--
punkte längst weggefallen sind.
Ürtin (173) 1) Zechgelage, 2) zeche, geld hat sich
heute noch auf dem Schwarzwald erhalten.
*
zur dialektfonchimg. 49
Knüwlin 85; knQlin 333 = ein kleiner knäuel
garn; knuile gegen dem Allgäu hin; knoil dem bair.
wald za;«böppele in der rotenburger gegend.
Erneissen (150) = experiri, explorare, ausschnüffeln,
gleichsam wie der hund, der fuchs mit der nase aufspüren.
Evangelien buch f. 48 a: also erneissten sie alle ort, wa
sie etwas f&nden, das sie in möchten verklagen. Vergl.
Grimm wb. IQ, 922 (erneusen). Es ist kein specifisch alem.
wort, was man etwa den beispielen im wörterb. entnehmen
könnte; die Baiem haben es ebenfalls nur mit ihren be-
liebten Vorschlagsilben der- und g: derneissen, gneis-
sen; sieh Schmell. II, 707.
Bauern figil (360) und hoiiert in die kirchen vnd
sazt einen grossen bauern vigel. Der abenthürer st&nd
uff und hofiert an des pfaffen bett ein grosse bauern fi*
gil a. a. o. Grimm wb. I, 1183: bauernviol = stercns;
bei Geiler „Sünden des munds^ bauernviol, burenviel
a. a. o.
Hopsertanz (148) noch heute üblich, meistens blos
hopsar.
Bei der kartüsz (195) vergL Grimm -Hildebrand
V,243.
Die ausdrücke wamisch (167) = wamms; Schei-
be nhdt (184) grofser, breitrandiger hut (Frisch II, 169 a);
wetschger (86,185,379) sind alemannisch und schwä-
bisch.
Ködern (148) = schleim ausräuspern und ausspucken;
koder schleim; noch heute volküblich.
Be raffen (203) bereden, heute noch allgemein üblich
bis Tübingen; besonders bei unheimlichen künsten, bei
besegnungen muis man „aübrafflet des ding döa^. Vgl.
Grimm wb. I, 1485 ff. Im evangelienbuch be raffe 1 in
nit und nit far in an vor den leuten £ 752 a. warumb
hat er sie berafflet und uberboldert f. 108 a.
Kegel (208) was ein grober kegel zä Villingen.
Vergl. evangelienbuch f. 139a: die wüsten kegel, die tag
und nacht vol seind. Ganz wie im evangelienbuch f. 36 b
kn ollen, wan zA diser zeit sprechen die groben knol-
Zeitschr. f. vergl. sprachf. XVIIL 1. 4
50 Biriiiig«r ^
lea: wir hon nit geni lang predigen, vi\ lieber lange brat-
warst. Vergl. Grimm-Hildebrand V, 387. 11.
Seilen (374) eine bettstatt; vergl. evangelienbuch
f. 33 a: item der herr schlug ein nagel mit dem andren
uIm^ als da man ein beth seilet.
Hotzeln (292): «der keiser nam die zwen heller und
fte&g an a& lachen, das er hotzlet^. Dieses hotzeln,
das F^ix Wfirz ebenfalls braucht, bedeutet heute noch
aofiitoften; in folge des körperschüttebs speisen, speichel
aus dem munde geben. Baar. Hier: ^der kaiser lachte
da£i ihm der speichel zu dem mund und besonders den
mundwinkeln in folge des lachens, des körperschüttelns,
herabrann. Die stelle bei F. WOrz: „und das kind weinet
und nicht mehr das hotzlen, umbhertragen und aufheben
erleiden kann^ (= schOtteln, schottein).
Hudlerin (351), haderlumperin bairisch = lumpen-
•ammlerin. Hieher gehört der in unserer zeitschr. XV, 2d9
richtig gedeutete kinderwiegenreim hudel, hadel u. s. w«
Bei Keiaersberg kommt hudel oft vor, worauf schon Frisch
I, 471 b aufmerksam macht. Eyangelieubuch f. 68 a: ire
httdlen, ire deider, rock und mentel: das sein die lum-
pen und die sudelen, die du auf den esel legen soltest
Et (St. Martin) het einen zerrifsnen, hudelechten
mantel £ 197b. es hudlet als umb in ist kein dapferkeit
£ 150b.
Erittling (396) das adv. ist heute noch sehr volks-
thQmlicb. — lipfel (275) — lipbefilde, begrftbnis.
Lotterbettl in (117) faule bank, pritsche meist beim
ofen, ist noch heute alemannisch und 49chwäbisch volksüb-
lich. Augsb. wb. 319a. Im evangelienbuch f. 44b: und
14gen (die frauen bei der Westerlege) das sie u£P das lot-
terbettlin kummen.
Andere bemerkenswerthe mir theils bekannte theils
unbekannte Wörter sind: blotterspil 95? dömeln 328?
gernlin 274? guoter montag 237 ist alt und bekannt,
geren: rockzwickel (216, 344) hat vielen alemann, gleich-
gestalten Auren und w&ldern den namen gegeben, m er-
ben 222. 248 ist auch schwftbisch. trüsel 140 kommt
zur dialektfoTichnng. 51
bei Geiler oft vor. b rossen 318. Bin gutee wort ist
der Verses z 59, die verstrichene zeit und das damnnm
emergens« rösch 67 allgemein damals, := resch, Ulen-
Spiegel.
Zur liturgischen spräche gehört s. 314: da die mess
askam = als der celebrant zur Sakristei heraus auf den
altar kam; noch heute schlechthin am Oberrhein 'ronfs-
komma oder wie Pauli „m& d' mess ist Voufskomma^.
M^sswein ist der opferwein 203. messliechtlin 73
sind nicht die lichter auf dem altar, sondern die in kathol.
gegenden auf einen kerzenstock neben dem altar aufge-
steckten wachslicbtlein, die verschiedene fromme intensio»
oen zum gründe haben können.
Prediggelt scheint eine besondere heute nicht mehr
bestehende abgäbe gewesen zu sein 314.
Fronampt 344 ist die solenne missa oantata der
hauptgottesdienst am sonntag oder . festtag, fronmesse
im Ulenspiegel. tagmesse: misF.a quotidiana 212. der
passion predigen am charfreitag 272. am grflnen dnr-
8 tag 213. Das wort sigrist aus sacrista (406) beschränkt
sich, scheint es doch mehr auf den alemannischen Ober-
rhetn. S. 59 ist von vieropfer die rede. Es sind ur-
sprünglich die grofsen volksthflmlichen opfer, welche das
Volk der kirche an den 4 hauptfesten darbrachte; sodann
worden, nachdem das opfer l&ngst aufhörte, nur noch die
vier feste so genannt. Noch im 17. jahrh. heifst eine ab-
gäbe im horber bezirk „vieropfer^, weil sie an den
bezeichneten tagen an die herrschaft entrichtet werden
nkofste.
Ein jeger messe 57 = eine kurze messe, missa
yenatoria schon im mittelalter genannt.
Kurze mess und lange jagd
einen guten j&ger macht.
„Wie man schnappenwerk im bapstumb je germessen
genennet hat^. Vgl. Uhland in Pfeiffers Germania 1, 1 ff.
Kirchenschmuck von Schwarz und Laib (Stnttg. Metzler)
1864 8. 59 XV. bd.
Folgendes möge noch zur sachlichen erkl&rung dienen.
4*
52 Ludwig
S. 33: in das haUyssin stellen ist die prangerstrafe
oder der lasterstein. Vergl. Osenbrnggeu, alemann. strafr.
8. 111.
S. 39. Diese geschichte von der nase erzählt man
fast ganz ähnlich von eiDem alten herrn vonThessin zu
Kilchberg bei Tübingen und seinem hofnarren.
S. 62 unten: die meinung, dafs man einer ersten mefs
znlieb ein eiserne sohle an den schuhen durchlaufen soll,
ist heute noch echt voliLSthOmlich.
S. 357. Zu dieser geschichte von der schlänge und
kröte vergl. die alem. Züricher sage von Karl dem Groisen
und der kröte. Mittbeil. d. antiquar. gesellschaft in Zü-
rich. Die sage ist ursprünglich niederrheinisch.
S. 277. Die Pelagiuslegende, vergl. mein volksthüml.
I, 416. 417.
Berlin, aug. 1868. Dr. Birlinger.
Die verba auf -erare -izon.
Nichts ist für Sprachgeschichte von gröfserem inter«
esse als für formen, die auf den ersten blick junger ent*
stehung zu sein scheinen, entwicklungsstufen aufzufinden,
welche dieselben ohne annähme eines sprungs, ohne will-
kürliche Voraussetzungen in die reihen nachweisbar suc-
cessiver bildungen einzufügen gestatten, und altern Zusam-
menhang da zu statuieren nöthigen, wo man sonst über
die annähme einer analogie zwar, aber einer gegenseitig
unabhängigen hinauszugehn kaum wagen würde. Die for-
men der derivativverba auf lat. erare, got. ahd. izon ison
(vereinzelt -eron uoberon äpas) gehören unter diese klasse,
unter die klasse von bildungen zugleich, von denen mau
am allerwenigsten aufklärung wichtiger sprachhistorischer
thatsacben zu erwarten geneigt sein dürfte. Das griechi-
sche zeigt nur acrj^teAcroo {'Ow}^ dessen -a;^er>l*, identisch mit
dem gleichlautenden dement in aaxdllo)^ skr. sahas ist,
so dafs beide verba „nicht aushalten, nicht „ertragen (vgl.
die verba auf -erare -ison. 53
aegre moleste ferre, xalenuig fpi^e^v) bedeuten. Slaviecb fin-
det sich KOX«caTii, dessen % höchst wichtig, und, was ich
hier nicht ausführen kann, bflrge fQr das hohe alter der
form ist. Ein paar litauische formen Qbergehe ich, da
höchstens timsoju mit Sicherheit hieher zu rechnen.
Wie man sieht, kommt diese bildung nur im latein und
im deutschen in einer nennenswertheu zahl vor. Das Sans-
krit, wo die form entweder -asäjä oder -ar&jä gelautet ha-
ben müfste, bietet nichts der art; dagegen der Atharva-
veda (XIV, 2, 20) eine höchst merkwürdige form asa-
paijäit:
jadi girhapatjam asaparjäit ptirvam agnim vadhtür ijam
adbä sÄrasvatjäi näri pitfbhja^Ma namas kuru.
Der sinn ist ganz einfach und nicht mifszuverstehn. Die
form asaparjäit (3. imperf act.) erweist sich durch zwei
elemente älter als die lateinischen und deutschen formen,
durch eines das sie besitzt, durch ein andres das ihr feUt.
Wir finden nämlich das im lateinischen zu -er-, im
got. ahd. zu -is- umgewandelte neutrale -as in der gestalt
-ari-, d. i. das alte schlufs-i der bildung, das wir vi^lfftch
nachzuweisen uns bemüht haben, ist hier unwiderleglich
vorhanden (vgl. saparjämi ratharjämi).
Der zweite punct, der ein höheres alter dieser bildung
erweist, ist das fehlen des -a vom -äja; wir haben statt
einer äja- eine äi- bildung. Der entwicklungsgang war
also: a i-äni a^i-äi a -äi-ä. In bezug auf letztern punct
ist diese bildung analog den von uns bereits bekannt ge-
machten formen a^aräit (Atharvav. VI, 32, 2), ^aräit (eben-
das. VI, 66, 2); dazu noch vi ^aräis (ebendas. XII, 3j 18).
Alle diese formen bieten mit genauer analogie zu dem Ver-
hältnis zwischen den consonantischen und den davon wei-
ter gebildeten a- stammen äi gegenüber jüngerem äj&. Ja
man könnte streng genommen auch niprijäj4te (Atharvav.
XII, 4, 11), da es die 3. plur. repräsentiert und als solche
nach den regeln der a-conjugation -&nte haben müfste, für
eine solche form ansetzen. Da indefs das wort am Schlüsse
des verses vorkommt, so bleibt es vielmehr wahrscheinlich,
54 Ludwig
daTa das d nur ausgelassen ward, um die nothwendige
kürze herbeisuf&hreD. Formen wie pÄra^ant (VI, 75, 1)
opäetanr (XII, 3, 38) niranajit (X,4,26) etc. sind wie
astavit als imperfecta zu betrachten. Der mangel der
▼rddhi hindert sie filr aoriste zu halten.
Eine form aber, die mit Sicherheit bieherzuziehen, ist
Äpftg&it (Atharvav. XII, 3, 54):
varääm vanuävÄpi gakba döv^ns tvakö dbümäm parjüt^
pfitajäsi I
vi^vävjaKfi ghrt4prdthö bhaviäj&nt s&jönir lok&mupa jft-
hetam II
tanväm svargö bahudhd vikakre j&thä vidä atmannanjÄ-
varnäm |
ipfi^ait kr&nim rüpatim punänö ja löhini tarn te agn&ü
guhömi II
^erlange regen, geh zu den göttem, von der haut mach
auffliegen den dunst, werde überall hindriogend ghrtabe-
träufelt, als solcher mit wasser nahe dieser welt^ (sajöni:
Tielleicht besser „als hausgenosse^ ). „Oft hat svarga die
gestalt geändert, wenn er innerhalb seiner selbst die an-
ders farbige sah; die dunkle (tvac) trieb er fort, und liefs
so erscheinen die glänzende, die rothe opfere ich dir im
feuer« (vgl. v. 21).
Dafs äpä^äit nichts anderes als imperf. 3. sing. act.
von ag-äi- ist, liegt auf der band. Die dunkle regenwolke
löst sich in die hellen regentropfen auf. Dafs wir sonst
von einem solchen stamme keine spur haben , darf gegen
diese erklärung nicht vorgeschützt werden; viele von die-
sen formen müssen früh dem sanskrit verloren gegangen
sein. Findet sich doch noch von wz. tud vereinzelt vitü-
däjasi (Atharvav. 2, 3?, 6).
Die analogie der -äi- und -äja-bildungen zu den con-
sonan tischen und a- Weiterbildungen tritt besonders in den
slavisohen nominalen -äja (-nii) bildungen hervor*). Man
vergleiche damit die sanskrit. aja-classe und die nomina
auf -aja, slavisch n- (tn) und hü: äbhögaja ilaja ^aja vä-
*) Oriech. hieher mit beatimmtheit avdw (ricfaüg avd^) nnd aifdfir<
die verba auf -ei«re -izoii. 55
-Kaminkhaja ahraja (statt ahvraja; ygL Atharvav. 8, 4, 14
brnläe statt h^rnläe hrnftju), atiparajä (Ted.) nidfadraja ^ö-
tojamfimaka (jävajaddvedas jätajaggana prävajat pati ""sakhi
8tan4jadama Ködajanmati) cxauift (skr. ^r&vaja) b^abnA hou-
pM u^iiN, offenbar verkQrzt Bos^k BorouoAik (prof. Miklosieh
bild. d. nora. im altslov. p. 14). Hieza berechtigen adjecti-
vische bildungen hS von %- stammen boshH von Bora, die
griech. oixsiog von olxog genau so entsprechen, wie griech.
6xy6ffti,.8lav. KBOiNTN. Gleich wol liegt auf diesen letztem
bildangen, und denen, die in andern sprachen ihnen zu
entsprechen scheinen, noch ein schwer aufzuhellendes
dunkel.
Prag, 25.jnni 1867. Alfred Ludwig.
Anm. Die slavischen bezeichnungen cauBNü ba%oa%
ftr nachtigall und widehopf seheinen uns unverkennbar
eine beziehung zu dem mythus von dem könig Tereus an-
zuzeigen. BHAOA« leitet prof. Afiklosich (v. lex.) von vad
als reduplicirte form ab, die als intensive reduplication im
Sanskrit vadvadÄ lauten würde. Wir wissen nicht, ob diese
form wirklich vorkommt, was natArlich der unzweifelhaf-
ten richtigkeit der erklärung keinen eintrag thut. Dage-
gen kommt gadgada vor und beides ist wahrscheinlich, ja
mit Sicherheit auf ein ftlteres gvadgvada zurfickzuf&hren.
gadgada bezeichnet den, der mit von thrftnen erstickter
stimme spricht: Et modo, si possit, reserato pectore dirasj
egerere inde dapes demersaque viscera gestit; | flet modo
seqne vocat bustum miserabile nati Ov. Metam. VI, 663 —
665. cAABiifi dagegen, welches im sanskrit prävaja wäre,
ist sicher eine passende bezeichnung fQr den vogel ä "Itvv
izliv "Itw okoqwgatM ogvig atv^ofAiva Soph. El. 148 — 149,
ond Odyssee t 518 — 523 wg S* ote HavSagiov xovgti ;|fAaH
Qt^lg jifiStiv I xakov asiSfjaiv tagog viov iarafiivoio \ StP"
Sgitav iv nndloKfi xa&s^ofjiivfi nvxivoiatv^ \ rJTB &afAa
rQianw(fa ;^<«* nokvtix^cc (pvnviqv, \ TialS* 6ko(pVQOfiivfi'*TTviov
q)ikov, ov nOTB x^^^V I ^^^^i^^ Si ä(pQaSiag ovgov Zti^i^io
ävaxTog,
56 ' Liebrecbt
Amor und Psyche — Zeus und Semele —
Purüravas und Urya^i.
Das märcheo, welches Apulejus erzählt, so wie das
andere, damit genau verwandte von des holzhauers tochter,
welches noch jetzt in Hindustan beim volke umläuft, darf
ich wohl als hinlänglich bekannt voraussetzen, um ohne
weiteres darauf bezug nehmen zu können. Ich bin nun
der ansieht, dafs der mythus von Zeus und Semele auf
derselben grundlage beruht, wie jene beiden märchen und
dafs demgemäfs alle drei nur verschiedene Versionen ein
und desselben gegenständes sind. Zeus nämlich will ebenso
wenig von der geliebten in seiner eigentlichen gestalt ge-
sehen werden, wie Amor in der seinigen, oder wie der
Schlangenkönig Basnak Dau von Tulisa seinem namen nach
erkannt sein will, und nur mit Widerwillen fögt Zeus sich
in Semeies begehr, wie Basnak Dau in das der Tulisa«
Die mutter des letztern entspricht genau der Hera, und
so wie diese die gestalt der amme Beroe annimmt um Se-
mele zu ihrer thörichten forderung zu bereden, ebenso be-
gibt der verbündete der mutter Basnak Dau's, Sarkasutis,
sich als alte frau zu Tulisa und bringt sie dazu, den ge-
liebten nach seinem namen zu fragen, den dieser ebenso
widerstrebend ausspricht, wie Zeus sich der Semele in sei-
ner eigentlichen gestalt zeigt; denn beide wissen (gleich
Amor), dafs aus der eifQllung des Wunsches nur unheil
erfolgen kann, obwohl Zeus durch seinen schwur ganz so
wie Basnak Dau durch eine höhere macht sich gezwungen
sieht, das an ihn gestellte verlangen zu erfüllen. Semele
wie Psyche und Tulisa handeln also gegen den wünsch oder
das gebot ihrer liebhaber und alle drei büfsen dafbr, je-
doch nur durch zeitweilige strafe; denn Semele und Psyche
steigen nach ablauf derselben zum Olymp empor, Tulisa
wird königin und mit ihrem geliebten wieder vereint wie
Psyche mit Amor. Man kann hierbei die frage aufwerfen,
ob in der altem fassung des Psychemythus Psyche nicht
ebenso zunächst mit dem tode büfste wie Semele; ihr lan-
ges leiden und suchen, wobei sie selbst in die unterweit
Amor und Psycho — Zeus und Semele — Purüravas und Urva9i. 57
za Proserpina binantersteigeD mufs, möchte vielleicht dar-
auf hindeutcD. Doch sehen wir hiervon ab und weisen
vielmehr ferner darauf hin, dafs Zeus bei seinem liebes-
handel mit Persephone, mit welcher er den Zagreus zeugt,
ebenso als schlänge erscheint, wie Amor vom orakel als
saevum atque ferum vipereumque malum (Met IV p. 311
Oad.) geschildert wird und Basnak Dau Schlangenkönig
]8t. Zeus ist aber auch donner- und blitzgott; dafs nun
Eros gleichfalls als feuergott aufgefafst wird (s. Jul. Braun
naturgeschichte der sage I, 425 f ), will ich nicht urgiren,
dagegen auf die italienische version des Psychemärchens
hinweisen, welche sich bei Basile Pentam. V, 4 „Lo turzo
d'oro^ findet und wo Parmetella's (Psyche's) liebhaber den
namen „donner und blitz^ (Truone e lampe) fahrt. Da wir
diesem indicium auch in einem andern zweige der vorlie*
genden mythen- und märchenreihe mehrfach begegnen, so
ist es an der zeit näher auf denselben einzugehen. Bisher
haben wir nämlich gesehen, dafs es der liebende ist, der
aus welchem gründe auch immer von der geliebten in sei-
ner eigentlichen gestalt oder benennung nicht erkannt sein
will, und dafs der fQrwitz der letztern hart gestraft, aber
doch endlich verziehen wird. Das gegenstück hierzu, wel-
ches sich leicht aus jener anschauung entwickeln konnte,
versetzt nun den liebenden in die läge, in der sich dort
die geliebte befindet. Hier ist ^r der fQrwitzige, der durch
zeitweilige trennung von letzterer ebenso gestraft wird wie
Psyche und Tulisa, obwohl endliche Wiedervereinigung der
liebenden auch hier eintritt. Das ij^otjy aber, um dessent-
willen in dieser wendun^^: die geliebte fQr eine zeit lang
entschwindet, ist ein mehrfaches; entweder will sie von
dem liebhaber nicht (nackt) gesehen werden; oder sie fin-
det die ihr von demselben geraubte hülle (taubenhemde,
schwanenhemde u. s. w.) wieder; oder sie wird von dem
liebhaber (gatten) irgendwie beleidigt. Wir betrachten zu-
erst den umstand, dafs die liebende nicht gesehen werden
will; es leuchtet alsbald ein, dafs dies das nämliche motiv
ist wie das, welches die trennung des Zeus, Amors und
Basnak Dau's von ihren liebhaberinnen zu wege bringt;
58 Liebrecht
sie wollen särnrntlich Dicht in ihrer eigentlichen natur oder
gestalt erkannt werden. In dieser zweiten version bietet
sich nnn zuvörderst der indische mythns von PurtXraTaa
und Urva^l; jedoch hat er sich von der Semele-Psycheform
noch nicht ganz abgelöst; denn nicht etwa will ürva^ sich
nicht (nackt) von dem geliebten sehen lassen, sondern sie
soll ihn nicht (nackt) sehen ^ welches begehren eben nur
dem des Zeus oder Amor entspricht, während der ange-
ftahrte grund („und das ist ja die sitte von uns franen^
Kuhn herabkunft des feuere 81) als ein sehr dürftiger er-
scheint und höchst wahrscheinlich nur als nothbehelf fbr den
vergessenen ursprflnglichen eingetreten ist. Purflravas nimmt
also in dieser version die stelle des Zeus »Amor ein und
zwar ist nicht nur auch er ursprünglich ein feuergott, son-
dern auch sein name, der nach Roth „der brfiUer^ bedeu-
tet, weist ganz deutlich auf den Zeus igiyöovnoq. Ich
komme nun zu den Gandharven des ürva^Imythns. Es
bedarf keiner weitläufigen auseinandersetzung um zu zeig^
dafs sie der Hera, der mutter Basnak Dau's so wie d^r
Amors entsprechen. Der letztern dünkt die Verbindung
ihres sohnes mit einer sterblichen ungeziemend, und ganz
gleich ist die meinung der Gandharven hinsichtlich ürva^^s.
Auch sie bedienen sich daher wie Hera und Basnak Dau's
mutter der list um die liebenden zu trennen und sie errei-
chen ihren zweck wie jene. Der blitz scheidet Urva^
von Purüravas ebenso wie Semele von Zeus, wie der licht-
blitz der lampe Psyche von Amor. Ein feuerzeug wird in
den Psychemärchen mehrfach ausdrücklich erwähnt (Basile
a. a. o. II, 183 meiner Übersetzung; in dem schwedischen
märchen bei Hylt6n-Cavallius no. 19, A. Ulf-Prinsen
Variante 2 aus Smäland und B. Prins Hatt under Jor-
den u. s. w.), und man wird hierbei nicht unbeachtet las-
sen, was Kuhn über die ältesten Vorstellungen von der
hervorbringung des blitzes durch ein himmlisches feuerzeug
dargethan hat. Auch der dreiarmige leuchter in der schwed.
Version A läfst an den gezackten blitz denken. Mehr je-
doch als dieser umstand ist ein anderer ganz besonders
hervorzulieben. An ürva^l's lager sind zwei junge widder
Amor und Psyche — Zeus und Semele — Pururavas und Ürva9l. 59
angebunden, welche sie ihre söhne oder kinder nennt (Kuhn
L c. 82, Benfey Pantschat. I, 263). Diese nun werden ihr
▼on den Gandharven ganz ebenso geraubt wie in einigen
Versionen des Psychemärchens der Psyche ihre kinder.
Bei Hylten-Cavidlius a. a. o. Ulf-Prinsen geschieht es
durch diesen prinzen selbst d. h den vater, ebenso in dem
achwed. mfirchen Gräkappan bei Bäckström Srenska
Folkböcker II, 140 ff., vgl Grimm K.M. IIP, 324 f., wo
nicht nur auf den Zusammenhang dieses märchens mit no. 88
„löweneckerchen^, sondern auch mit no. 3 „marienkind^
hingewiesen wird. In einer Version des letztern (s. die
anm. dazu 1. c. s. 7 f.) ist es die böse Schwiegermutter,
welche die kinder fortführt, und dies wird wohl auch die
ursprüngliche form gewesen sein; Venus wird der Psyche
ihre kinder geraubt haben, während letztere jetzt auf ihrer
Mdenvollen Wanderung blofs als schwanger erscheint und
die Voluptas erst nach ihrer Wiedervereinigung mit Amor
zur weit bringt; aber schon über die Schwangerschaft ist
Venus höchst erbittert (Met. VI p. 397 f. Oud,). Dieser
Venus also, wenn meine vermutbung richtig ist, jedenfalls
aber der kinderraubenden Schwiegermutter des deutschen
märchens entsprechen die gleichen raub ausführenden Gan-
dharven. Die Wiedervereinigung des Purüravas mit Urva^l
im himmel erfolgt jedoch schliefslich ebenso wie in dem
Psyohemythus die Amors mit Psyche, nachdem Purüravas
(obwohl schon ursprünglich ein feuergott) unter die Gan-
dharven aufgenommen ist, ebenso wie Psyche in den Olymp,
Der Urva^Imythus hat, wie wir gesehen, die Umwand-
lung des Psychemythus noch nicht vollständig vollzogen;
«och ist es der liebende, der von der geliebten nicht ge-
sehen werden darf, widrigenfalls trennung eintritt. Von
den nun anzuführenden Wendungen des erstem d. h. von
derjenigen mythen- und sagenreihe, wo der liebende mann
die trennung verschuldet, stelle ich die in dem mhd. ge-
dichte Friedrich von Schwaben behandelte sage des-
wegen voran, weil auch sie noch deutlichere spuren ihres
Zusammenhanges mit dem Psychemärchen bewahrt, nämlich
in d^m umstände, dafs der held das gebot, die prinzeesin
60 Liebrecht
Angeiburg, die des nachts neben ihm ruht, nicht bei licht
zu betrachten, übertritt, indem er mit einem feuerzeag,
das ein zauberer, der buhle ihrer Stiefmutter, ihm gegeben?
rasch ein ]icht anzQndet, worauf Angelburg zu scheiden ge-
zwungen ist. Er erlangt sie jedoch später wieder dadurch,
dafs er ihr beim baden das taubengewand raubt und sie
ihm die ehe versprechen mufs, um es zurückzuerhalten.
Nach mancherlei abenteuern von seiner seite erhält er sie
auch wirklich zur gemahlin in ihrem reiche, welches die
Hecht ouw heifst (offenbare reminiscenz der Asphodil-
wiese, der amoena yireta, des göttersitzes u. s. w.). Was
das in dieser sage und weiter unten noch oft erwähnte
taubengewand betrifft (es heifst auch vogelgewand, schwa-
iienhemd oder bei Musaeus Schleier „von einem unbe-
kannten gewebe, feiner als spinn webe und weifser als
frischgefallener schnee^), so stammt es ursprünglich von
dem Wolkenschleier der Apsarasen, und einen schleier be-
sitzt nach Webers beraerkung auch Urva^I, die sich damit
vor den blicken des Purüravas verhüllt (Kuhn 1. c. 91).
In dem altfranz. gedichte Partenopex de Blois soll
dieser die fee Melior, bei der er des nachts schläft, gleich-
falls eine zeit lang nicht sehen; da er aber von einer ne-
benbuhlerin gereizt, die fee fQr ein ungeheuer hält und ihr
gebot Obertretend sie beim schein einer lampe betrachtet,
so mufs er scheiden, versöhnt jedoch später die erzürnte
schöne und vermählt sich mit ihr. Der raub des gewandes
(taubenhemdes) fehlt hier, findet sich aber wieder in dem
Lai de Gruelan, welches zwar einige züge (verbot des
schauens, lampe) verloren, jedoch an deren stelle die auf-
erlegte Verheimlichung des liebesverhältnisses so wie di9
Verletzung des geheimnisses gesetzt, auch die trennung und
Wiedervereinigung der liebenden bewahrt hat. Der raub
des taubenhemdes findet sich ferner in einigen hierher ge-
hörigen orientalischen märchen, so in den von Benfey Pan-
tschat. I, 263 f. angeführten; man füge hinzu: Der Tausend-
undeinenacht noch nicht übersetzte . Märchen u. s. w. aus
dem Arabischen ins Französische übersetzt von Jos. v. Ham-
mer und ins Deutsche von Zinserling Stuttg. 1823 bd. I
Amor und Payche — Zeus und Semele — Purüravas und Urva^i. 61
8. 301 ff. „Dschamasb und die königin der schlangen^; fer-
ner den „geraubten Schleier'^ bei Musaeus, und will ich
bei dieser gelegenheit auch noch bemerken, dafs in Grimms
K. M. no. 193 ^der trommler^ wahrscheinlich aus dem
von Benfey angefahrten märchen der Breslauer Tausend-
undeinenacht, „Asem und die geisterkönigin ^ herstammt,
wo die Zaubertrommel eine ebenso grofse rolle spielt (s.
bd. X 8. 220 ff. 1836).
Air die zuletzt angeführten orientalischen Versionen des
UrTa9l-Psychem7thus enthalten nach der trennung der lie-
benden auch die Wiedervereinigung derselben; allein das
verbot des schauens ist daraus verschwunden und daf&r
der raub des vogelhemdes eingetreten. Diesem begegnen
wir auch in einem mythus von Celebes (s. Kuhn 1. c. 88
nach Schirren), der zugleich noch einen andern bemer-
kenswerthen zog des Semele-Psychemythus bietet, indem
nämlich Kasimbaha (Amor- Zeus) donner und blitz er-
regt und zwar dadurch, dafs er seiner gemahlin Uta-
hagi ein zauberhärchen auszieht. Reiner noch findet der-
selbe zug sich wieder in einer neuseeländischen Überliefe-
rung, die gleichfalls Kuhn a. a. o. nach Schirren kurz an-
fbbrt, ich aber hier nach Tyler's forscbungen über die ur-
geechichte der menschheit u. s. w. Aus dem englischen
von H. Müller. Leipzig (1866) s. 448 f. vollständiger mit-
theilen will. „Es war einmal ein grofser häuptling namens
Tawhaki, und ein mädchen vom geschlechte der himmli-
schen, deren namen Tango -tango war, hörte von seiner
tapferkeit und seiner Schönheit und kam zur erde herab,
sein weib zu werden, und sie gebar ihm eine tochter. Als
aber Tawhaki das kleine mädchen nach einer quelle mit-
nahm und es wusch, hielt er es mit ausgestrecktem arme
von sich nnd sagte: „Pfui, wie garstig das kleine ding
riecht^. Als Tango -tango dies hörte, war sie bitter ge-
kränkt und begann zu weinen und zu schluchzen und end-
lich nahm sie das kind und flog mit ihm zum himmel.
Tawhaki versuchte sie aufzuhalten und bat sie zu bleiben,
aber vergebens, und als sie eine minute innehielt, mit einem
fabe ruhend auf der geschnitzten figur am ende der first^
02 LiebKöht
Stange des baoses Ober der thür, rief er ibr zu, ihm ein
andenken zurückzulassen. Da -sagte sie ihm, er solle sich
nicht festhalten an die lose wurzel der krieobpfianze, die
von oben herabfallend in der luft hin und her schwingt,
vielmehr solle er sich festhalten an diejenige, die aus der
höhe herabhftngend ihre fasern wieder in der erde festge-
wurzelt hat. So schwebte sie empor in der Inft und ver-
schwand, und Tawhaki blieb traurend zurfick. Nach ab-
lauf eines monats konnte er es nicht länger ertragen und
daher nahm er seinen jQngern bnider und zwei sciaven
mit sich und brach auf, sich nach seinem weib und kind
umzusehen. Die brdder kamen endlich zu dem orte, wo
die enden der vom himmel herabhangenden ranken die
erde erreichten und dort fanden sie eine alte vorfahrin,
deren name Matakerepo war. Sie war angewiesen, die
ranken in ihre obhut zu nehmen, und sie safs an der stelle,
wo sie die erde berührten und hielt die enden der einen
in ihren bänden. So schickte sich denn am nächsten tage
der jüngere- bruderEarihi an emporzuklettem und die alte
frau mahnte ihn nicht herabzusehen, damit er nicht schwind-
lig werde und fallen möchte, desgleichen sich zu hüten sich
an einer losen ranke festzuhalten. Aber gerade in diesem
augenblicke machte er einen sprung nach den ranken and
fafste aus versehen eine lose, und hinweg schwang er bis
zum rande des horizonts, aber ein windstofs blies von dort
und trieb ihn zurück nach der andern seite des himmels,
wo ein anderer stofs ihn himmelwärts schlenderte, und
abermals wurde er herabgeblasen. Im augenblick als er
den boden erreichte, rief ihm diesmal Tawhaki zn, loszu-
lassen, und siehe, er stand wieder auf der erde und die
beiden brüder weinten, dafs er so mit genauer noth dem
verderben entgangen. Darauf begann Tawhaki zu klettern
und er ging aufwärts und aufwärts^ indem er während des
klettems einen mächtigen Zauberspruch wiederholte, bis er
endlich den himmel erreichte [wo er von den verwandten
seiner frau verächtlich behandelt, endlich aber von ihr er-
kannt wurde und sich als gott zu erkennen gab. Schirren.].
Die toohter brachten sie zum wasser und tauften sie in
Amor und Psyche — Zeus und Semele — PurGravas und Urva^l. 63
gehöriger oeuseel&ndischer weise. Blitz leuchtete aus
Tawhaki's achselgrubeD und er wohnt noch dort
oben im himmel und wenn er schreitet, machen
seine fufstritte den donner und blitz, der auf er-
den gesehen und gehört wird^. Die eben angeführte
neuseeländische mythe nun mit der oben erwähnten aus
Celebes (die ich aus Kuhn's buch als bekannt voraussetze)
zQsammenfsissend, will ich auf diejenigen zöge beider hin-
weisen, die sich auch in dem Urva^l- Psychemythus vor-
finden* Dafs die donner- und blitzgötter Kasimbaha und
Tawhaki dem donnerer Zeus entsprechen, habe ich bereits
beiTorgehoben, ebenso das flughemde Utahagi's. Tango-
tango's verwandte und Utahagi^s brflder gleichen den Gan-
dharven und der Venus; die Verbindung mit einem ver-
meintlichen sterblichen dQnkt ihnen erniedrigend; sie fügen
sich erst dann, da Kasimbaha und Tawhaki sich als götter
erweisen, wie die Gandharven und Venus erst dann nach-
geben, nachdem Purüravas und Psyche in den götterhimmel
au^enommen sind. Tawhaki's sclavendienst bei den ver?
wandten Tango -tango's entspricht genau dem der Psyche
bei Venus, dem der Tulisa bei der Schwiegermutter. Ka-
simbaha gewinnt Utahagi wieder durch die hilfe kleiner
thierchen, eines vögelchens, eines Johanniswürmchens, einer
fliege; ganz ebenso finden wir bei Psyche die dienstfertigen
ameiaen, bei Tulisa die eichhörnchen und bienen. Die
alte frao, welche dem Tawhaki und seinem bruder bei ih-
rer gefährlichen fahrt so freundlichen rath ertheilt, kehrt
in einer oder der andern gestalt in fast allen Psychemär^
eben wieder; bei BasUe no. 45 ist es eine fee u. s. w. Als
gmnd zur trennung der gatten finden wir in dem neusee-
ländischen mythus eins der oben s. Ö7 angeführten motive,
nämlich beleidigung der gattin (durch Schmähung ihres
kindes). In dem mythus von Celebes ist das motiv nicht
ganz klar, doch ist das ausreifsen des härchens wohl gleich-
falls als beleidigung zu fassen. Man hätte aber eher das
wiederfinden des flughemdes durch ütahagi erwarten sollen.
Wie dem auch sei, die gatten werden schliefslich in beiden
mythen wieder vereint, wie in sämmUichen bisher aufge-
64 ' Liebrecht
führten Versionen des Psyche -Urvapimythus, so dals man
die frage aufwerfen darf, ob Semele, die allerdings nach
ihrem tode gleichfalls zu dem wohnsitz ihres geliebten
emporsteigt, nicht ursprünglich eine Heraform war und die
jetzige rolle der Hera in der Semelemythe von einer an-
dern göttin ausgefällt wurde. Die abwesenbeit des in rede
stehenden zuges in der von Kuhn (herabk. 92) mit dem
Urva^lmythus verglichenen Melusinensage macht es zwei-
felhaft, ob dieselbe dem hier behandelten mythen- und sa-
genkreise angehört, wenn man nicht etwa die spätere zeit*
weilige Wiederkehr der fee um ihre kinder zu pflegen f&r
eine getrübte erinnerung jenes zuges halten will. Man
könnte aber auch noch weiter gehen und letztem als zu-
weilen ganz verloren betrachten, z. b. in der von Wolf
niederl. sag. s. 680 mitgetheilten, aus dem Spec. nat. 1. II
c. 126 (nicht 1. III) stammenden sage, und das dort vor-
kommende meerweib fdr eine ursprüngliche apsarase (Ur-
va^l), so wie das verbot nach ihrer herkunft zu fragen f&r
analog dem gleichen zuge in dem indischen mftrchen von
des holzhauers tochter und dem verbot des schauens in
den übrigen Psyche -Urva^l Versionen ansehen, in welchem
falle dann noch eine grofse zahl anderer sagen hierher ge-
zogen werden könnten. Dies schon jetzt zu thun, dünkt
jedoch nicht rftthlich; vielleicht wird weitere forsohang
später dazu berechtigen. Was die Melusinensage betrifil,
so begegnen wir in derselben dem verbot des sehens oder
nacktsehens wie bei Psyche-Urira9i, so wie dem schlangen-
schweif, der au den Schlangenkönig Basnak Dan und die
vorgebliche gestalt Amors erinnert. -Beiläufig vdll ich be-
merken, dafs in der ältesten aufzeichnung der Melusinen-
sage (bei Gervasius von Tilbury ; vgl. Kuhn 1. c.) der name
dieser fee noch nicht vorkommt, und dafs der später als
gemahl der Jtfelusine genannte Raimund, der das von ihr
gebaute schlofs Lusignan bewohnte, bei Gervasius kein
graf ist, auch nicht in Poitou seine heimat hat, sondern
in der Provence, wo sein schlofs Russet bei dem Städtchen
Trets nicht weit von Aix gelegen ist.
Hiermit schliefse ich nicht nur die reihe derjenigen
Amor und Psyche — Zeus und Semelo — Purüravas und Ünra9i. 65
mythen und sagen, welche die Urva^lform des Semeie-
Psycbemythus bilden, sondern auch diesen aufsatz über-
haupt. Ich unternehme es zur zeit noch nicht die diesem
ganzen kreise zu gründe liegende Vorstellung nachzuweisen.
Was bis jetzt zur erklärung einzelner theile und Versionen
desselben gesagt worden ist, mag immerhin fOr ein späte-
res Stadium, wo die grundidce vergessen oder umgebildet
war, mehr oder minder richtig sein, doch genügt es nicht,
weil es „allzu abstract der mythischen gestaltung ältester
zeit gar keinen sinnlichen hintergrund giebt^, wie Kuhn
herabk. 87 treffend sagt; und dies ist nicht blos auf die
dort gemeinte erklärung der ürva^imythe anwendbar. Je-
denfalls aber mufs, wer jene aufgäbe zu lösen unternimmt,
nunmehr das ganze jenes kreises ins äuge fassen, so wie
ich es im obigen dargelegt; ja noch weiter wird er seine
Untersuchungen ausdehnen müssen; denn dafs z. b. das
siebente märchen des Siddhi-kür in den kreis des Psyche-
mythus gehört, bezweifle ich nicht im mindesten (vergl.
Benfey Pantschat. I, 255 ff); hier aber näher darauf einzu-
gehen und alles sonst noch damit zusammenhängende dar-
zulegen und zu erörtern lag aufserhalb des unmittelbaren
Zweckes der vorliegenden abhandlung. Nur einen umstand
kann ich nicht umhin noch zu erwähnen, der einen neuen,
nicht uninteressanten beweis von der Zähigkeit, mit der sich
einzelne züge der sagen- und mythen weit erhalten, liefern
würde, falls sich die hier folgende Zusammenstellung als
ein solcher betrachten liefse. Als nämlich Amor von der
angehorsamen Psyche scheidend in die lufl emporfliegt,
läfst er sich noch einmal auf den gipfel einer hohen cy-
presse nieder und richtet von da an sie seine letzten worte
(Met. V p. 364 Oud.). Ebenso hcifst es in der oben mit-
getheilten neuseeländischen mythe, dafs Tango -tango, als
sie von dem gatten beleidigt zum himmel auffliegt, „eine
minute innehielt, mit einem fufse ruhend auf der geschnitz-
ten figur am ende der firststange des hauses über der
thür^, und von da Tawbaki noch einmal anredet. Auch
io dem oben angeführten- märchen der Tausendundeinenacht,
„ Dschamasb und die königin der schlangen ^ setzt sich
Zeitochr. f. vgl. sprachf. XVIII. 1. 5
66 Rödiger
Dschanschah's gemahlin, nachdem sie das taubeohemd
wiedererlangt, auf die spitze des daches und redet von da
Dschanschah noch einmal an. In der Völundarkvida 28, 3
endlich, welche, wie bekannt, gleichfalls in den kreis der
schwanensagen gehört, ist es zwar nicht die dem Völundr
entfliegende AWitr, aber doch er selbst, der später nach
Bödvildr's Schwächung sich lachend in die luft erhebt und
dann auf des saales sims sitzend mit Nidudr spricht. —
Liegt nun in dieser vierfachen fast wörtlichen Übereinstim-
mung ein überlieferter Zusammenhang vor oder blos das
natürliche ergebnifs einer bestimmten Situation? Ich meine
das erstere.
Lüttich. Felix Liebrecht.
De coinpositis Graecis quae a verbis incipiant. Diss. inaug. Scripsifi
Vil. Clemm. Gissae 1867. 173 8. 8.
An eine ausführliche behandlung einer reihe von Wort-
bildungen, die ZU den verschiedensten erklärungeu heraus-
gefordert haben, trat ich mit um so gröfserem interesse
heran, als ich mich speciell mit griech. compositis beschäf-
tigt und also auch die in frage stehende art einer, wenn
auch nicht abschlieisenden, betrachtung unterzogen hatte.
Freilich mufste ich bemerken, dafs meine ansichten weder
in der hauptsache noch auch sonst in vielen punkten mit
denen des herrn Cl. zusammentreffen.
Unsre meinungsverschiedenheit beginnt bei den ein-
gangsworten der vorliegenden habilitationsschrifl. Denn
wenn es hier heifst: „Compositorum Graecc. quae sit pro-
pria vis ac natura, quae origo et quanta utilitas tam saepe
tamque accurate expositum est^ u. s. w., so behaupte ich,
dafs, so übergenug die „utilitas" beleuchtet ist, so wenig
erschöpfendes und überzeugendes über die „propria vis oc
natura" der composita und ihre ^ origo", die jener erst
sicheren inhalt gibt, gesagt worden ist. Das sprechendste
zeugnifs f&r die noch herrschende Unklarheit und die un-
anzeigen. q'j
▼ollständige lösung des problems ist das bei J. Grimm und
auch noch bei Justi (zusammensetz. d. nomm. i. d. idg. spr.)
besonders stark hervortretende streben, das unverstandene
etwas in den compositis auf den deus ex machiua „com-
positionsvocal ** zurückzuführen, der für die verbundenen
gliedcr erst die rechte befruchtung der bedeutung herbei-
führen soll. Sie können anders nicht den oft auftretenden
bedeutungsüberschufs des ganzen gegen die theile in ihrer
einfachen addition begreifen und glauben diesem plus eine
materielle grundläge geben zu müssen, während es -in Wahr-
heit nur das ideelle produkt, der ertrag der geschichtlichen
entwickelung und fleifsigen Verwendung dieser wortbildungs-
form, solcher glieder in solcher Verknüpfung, ist. Aller-
dings tritt diese zunähme des inhalts gegen das, was die
aufsere form bietet, bei den von herrn Cl. behandelten
compp. weniger deutlich hervor; um so unausweichlicher
zwingen sie zu sagen, wie man über die entstehung der
ganzen Wortklasse denkt.
Der unbekannte recensent im litt, centralblatt vom
22. febr. 1868 hofil, es werde, wer der Untersuchung des
herrn Cl. folge, mit dem gesammtergebnifs derselben ein*
verstanden sein, nämlich dafs diese gattung von Zusammen-
setzungen ungeformte verbal- oder tempusstämme enthalte.
Diese hoffnung triffi;, was mich angeht, nicht zu und ich
denke, ivh werde damit auch nicht allein stehen. Wenn
es wirklich das richtige wäre, dafs, wie herr Cl. will, in
regmxeoavvog^ TteiiHrcuQog , öaxkO^vftog etc. reine verbal-
stamme (verstärkte und unverstärkte), in aqainovg^ ilxsai-
7i€7iXog etc. aoriststämme (mit ausgestofsenem oder erhalte-
nem stammvocal des fortbildenden verb. subst.) ursprüng-
lich anzunehmen seien, die willkürlich durch einen wer
weifs woher geholten binde vocal i, e^ o mit den folgenden
gliedern verbunden worden, ja dann hätten alle forscher
vergeblich Schweifs und mühe verschwendet, die geglaubt
haben in den ersten gliedern dieser composita durchaus
lebendige glieder des Satzes erkennen zu müssen und nicht
todte Corpora. Etwas anderes aber als todte corpora, die
nie im leben der spräche haben eine selbstständige rolle
68 Rödiger
spielen köDoen, sind diese sogeuanoten verbalstämme nicht,
denn sie sind nur abstractionen ; abstractionen allerdings,
die sowohl fQr das wissenschaftliche denken existiren, als
in gewisser weise auch filr das allgemeine sprachliche be-
wulstsein, insofern es sich den durch die verschiedensten
lebendigen verbalformen constanten lautlichen gruudstock
bis zu einem gewissen grade verselbstständigt. Als ftlr
sich selbststäodige faktoren in der Sprachbildung darf sie
meiner ansieht nach nur verwenden, wer die entstehung
z. b. der composita so vor sich gegangen denkt, dais es
dem menschen einmal eingefallen composita zu bilden und
da habe er unter andern auch verbalstämme hergenommen
und sie mit nominalst&mmen verknöpft*). Hier wäre das
belebende princip ein menschlicher „compositor^ (p. 166);
hält man einen solchen fbr ein unding und glaubt, dafs in
den sprachlichen formen selbst das lebendige princip ge-
legen haben mufs, welches sie zur eingehung von Verbin-
dungen befähigte und veranlafste, so dürfen in unserer an -
schauungsweise von ursprünglicher Sprachbildung keine
dergleichen formlose Stoffmassen vorkommen, die bewufster
göttlicher oder menschlicher hülfe zu ihrer fortentwickeluug
bedurft hätten.
Dies wird hoffentlich niemand so verstehen, als wollte
ich damit sagen, es seien später diese bildungen durch das
bewufstsein noch viel anders erfafst, als in der form von
Verbalstämmen unbestimmter gestaltung. Im gegentheil
dies ist so gewifs, als es uns gerade deshalb so schwer
wird, uns zu dem eigentlichen Ursprung der bildungen zu-
rückzufinden. Nur um diesen handelt es sich hier.
Sehr mit recht widmet der verf. ein besonderes capi-
tel des ersten abschnittes seiner arbeit, der „de formatione^
überschrieben ist, während der zweite den titel „de signi-
ficatione^ trägt, dem compositionsvocal (p. 124 — 136); denn
hier liegt die achillesfersc seiner theorie einer prüfung von
formaler seite gegenüber. Die reinen verbalstämme sind
*) Herr Cl. hat 60gar compp. aus zwei reinen verbalstäromen p. 151 ii.
a. a. 0.
anzeigen. 69
von dieser seile vermöge ihrer nicht bestimmbaren gestal-
tung fast sturmfrei, aber gibt es keinen bindevocal der
„ extrinsecus ^ und in beliebiger form als a, 17. o, €, i von
der spräche aufgenommen werden konnte*), so steht der
ganze mühsame bau in der luft. Wenigstens verstehe ich
nicht, wie nicht mit dem bindevocal herrn Ci.'s ansieht
steht und fällt, und deshalb auch nicht, wie der genannte
recensent nach anerkennung des gesammtresultats fortfahren
kann : „einzelnes bleibe allerdings disputabel z. b. die frage
Ober den bindevocal^. Bei dieser Sachlage wird man sich
billigerweise wundern, wenn herr CL das in rede stehende
capitel, auf das auch im voraufgehenden öfters hingewiesen
wird, mit dem satze beginnt: „Ac de natura quidem eins
vocalis, quae in commissura vocabulorum conspicitur, du-
bitari iam nequit, siquidem probabiliter disputata sunt, quae
praecedunt^. Wennn nun aber das voraufgehende immer
unter der stillschweigenden Voraussetzung der Wirklichkeit
eines bindevocals, wie ihn sich der verf. vorstellt, abge-
handelt ist, was dann? haben wir dann nicht eine offenbare
petitio principii? Auch kann ich mich nicht überwinden
einzusehen, dafs im folgenden irgend etwas neues oder
schlagendes fbr den bindevocal beigebracht wäre; im ge-
gentheil gibt sich herr Cl. eine bedauerliche blöfse, wenn
er p. 126 adn. 206 sich auf die goth. manaseps, vigadei-
nora, dauravards beruft, als Zeugnisse daflkr, dafs „praeci-
pue in lingua Gothica de vocali compositiva dubitari non
polest^. Wo er sich Ober die stammhaftigkeit des pseudo-
bindevocals hätte unterrichten können, ist wohl nicht nöthig
anzugeben.
Meiner auffassung des bindevocals als eines rein pa-
rasitischen anwuchses an consonantische stamme gegenüber,
sowie der beschränkung desselben auf o und eines nach a
erscheinenden t macht herr Cl. neben der unhaltbarkeit
einiger erklärungsversuche von mir besonders geltend, dafs
*) Sogar nach vocal. auslaat nimmt ihn herr Cl. an in i aXo^C^'Htiov
etc. p. 129 (cf. I aXaff i(f{i(üi')\ aach spricht er, trotzdem er sich einmal ge-
gen Grimms auffassung verwahrt, bei yXardQoqt T^iaarw^ und ähnlichen
stets von weglassnng des bindevocals.
70 R6diger
ich bei genauerer berQcksicbtigung der in rede stehenden
composita unübersteigliche hindemisse fbr meine ansieht
gefunden haben würde. Ich habe aber die „ compp. asig-
mata^, wie herr Cl. kurz die vBQm-xigavpog, agx^-&i<oQog
etc. benennt, sowie die „signiatica^ (Hxeoi-nsTilog, rgva*
'dvoüQ etc.) mit absieht bei seite gelassen, weil jene bei
ihrer schwankenden erklärnng nicht in betracht kamen,
diese aber mir schon damals als bildungen mit nomm. ag.
und nomm. act. (z. b. (payfjainotna) auf <ri (ri) erschienen.
Wie ich nachher gesehen kommt die priorität dieser ansieht
L. Meyer zu (vergl. gramm. II p. 328). Derselbe vergleicht
neben griech. ßogßogoTtxQa^ig „schlammumrfihrer^, ved.
&97amidti (c£ giviäti, göääti). Vor allen aber sind hier zu
berücksichtigen die auch von Justi herbeigezogenen, aber
durch bindevocal i erklärten dätivgra, rantideva (wenn ihre
Übersetzung „Alle gebend" und „götter erfreuend* richtig .
ist), dann aber auch griech. beispiele in denen r für <t er-
halten scheint: ßtari-dveiga „männer nährend" II. 1, 155;
'Ogrlkoxog^ eine lesart für 'O^aLloxog (nom. pr. eines Mes-
seniers, II. 5, 541. Od. 3, 488. 21,6), die durch Paus.,
Strab. und Hesych. bestätigt wird; Kaaridveiga^ n. pr.
(et Kaaaänsia, Kdaaavdga)^ „männer übertreffend"; viel-
leicht xElevördvbig (c£ rgvadvwg^ &gBilj/jv.og) neben xB?^av^
audo) (cf drjgtdouat : örjgtg, fijjTidco : iiijr/g), obgleich hier
xeXevCTijg einem zu postulirenden xilevorig conourrenz macht;
endlich y^vri-eg^ag Theoer. X, 42 würde sich der form
nach prächtig hier einfligen, wenn sich eine Übersetzung
wie »regen lösend" (oder „schweifs lösend"?) irgend recht-
fertigen liefse. Gegen eine auffassung der ersten glieder
dieser composita als participia mit bindevocal t liefsen
sich wohl auch dxscfcfi- (novog etc.) = axBari-, rfiAcerc/-
(yauog etc.) = tbIbüti- und die analogen bildungen geltend
machen.
Was nun das einzelne anlangt, so kann man über
mängel in der latinität wie über den declinationsscbnitzer
in adn. 83, über „maioris momenti est quam videri potest"
(p. 87), „de assimilatione hie sermo esse nequit" (p. 132) und
vieles der art hinwegseben, aber eine argumentation , die
anzeigen. 71
fortwährend mit den ouüaösen „multo simpiicius, verisimi-
lias est, quis crediderit, vix poteris ab iilis segregare, nemo
negabit^ u. dergl. operirt, ist unerträglich. Was gilt denn
eine solche beweisführung und doch was läfst sich gegen
diese unbehagliche art und weise der argumentation geltend
machen? Trugschlüsse laufen auch mit unter z. b. p. 70
Qber skr. bani^ (cf. p. 19); im übrigen lese man p. 5. 10.
11. 15 ob. u. s. w., dann die polemik gegen Bopp, Pott,
L. Meyer etc.
Höchst verdienstlich ist immer, wo sie auch auftritt,
die Zusammenstellung des vollständigen materiais zur ent-
Scheidung einer wissenschaftlichen frage. Doch habe ich
herrn Cl.'s enumeratio exemplorum, obgleich er p. 3 ver-
sichert ^omnia quae exstant in litteris Graecis exempla
quam potui diligentissime coliegi^, aus einer von mir früher
gemachten Sammlung noch durch 40 und mehr beispiele,
die von ihm übersehen sind, ergänzen können, noch ohne
berücksichtigung der nomm. propr. Die beispiele gehören
auch keineswegs nur der späteren zeit an und wenn dies
so sind sie doch zum theii sehr lehrreich, wie ccQcjyovav-
Ttjg Phil. Thess. „Schiffern helfend" {dgi^ywl). Abgesehen
davon und von dem obigen „omnia collegi" hat der verf.
um so weniger eine entschuldigung für Vernachlässigung
auch der spätesten beispiele als ihn sein eifer f&r verbal-
composita zur aufnähme von entschieden nicht hierher ge-
hörigen beispielen hinreifst. Aus vielen nenne ich hier:
Mai-fidx^i^ (cf. ^iaiim(S(Süii^ MaificcxTi]^)^ ' ETiapivvodoroq (zwei
verbalstämme?), yfeiTto^acg (scythisch s. MoUenhofF mo-
natsb. d. berl. acad. aug. 66), Evd&^innog Theoer. 2, 77,
amfowv (1), rvijaiTiTiog (nicht yvtjffiog?). Damit nicht ge-
nug nimmt er sogar worte auf, die er geständigermafsen
selbst nicht versteht, nämlich: llr^vi-Xiivg (p. 9), wozu er
nach abweisung der herleitung von wz. mv bemerkt „Non
liquet**, und Kdv-öwXog (p. 13), dessen ersten theil, wie
vielleicht auch in Kiv-ravqog^ die wurzel von xaivw (s=b
XTsiviv) ausmachen soll; über die species des wunderbaren
Wesens y^Swlog^ verlautet nichts. Soll man nicht zunächst
an (fsid-cDlog, äfjiaQT'aakög denken und Kavd- wie in Kdv-
72 RSdiger
üakog (Pott in d. zeitschr. VI, 103) zu s^r. kand, lat. can-
deo Candidas etc. ziehen? Was fdr ein yerbalstamm in
dem ersten theil von oiX-ovQog (name eines fisches) steckt,
weifs herr CL, wenn er nicht etwa die landläufige ver-
knOpfung mit atioj für möglich h<, wohl auch nicht zu
sagen (vergl. ävdaiX{X)og ,,mit aufgesträubtem haar^).
Ob man das verfahren in den letzten fallen noch als
i^nimia diligentia^ entschuldigen kann, will ich nicht ent-
scheiden, jedenfalls ist mit einem „diligentissime^, das sich
herr Gl. oben vindicirt, nicht vereinbar die erschrek-
kende menge von druckfehlem (trotz eines, allerdim^s ma-
geren, druckfehler Verzeichnisses) und nachlässigkeiten , die
geradezu die nutzung der Sammlung nur mit der gröfsten
vorsieht gestatten. Bei einem (fayoyrjgvg (für -y}]Qog)j kget-
'ifßirgixog (för -toi;^©^;), auch avaxa^ixfjinovoq (für -nvooq)
u. dergl. stöfst man wohl noch an , aber was soll man sa-
gen, wenn herr Gl. drucken läfst: xgatri<sifttog (fllr -ftiag);
Oßiaonvyog (fQr »nvyig); akB^dgtjg und aU^tdgfjg (p. 7. 9)
während bei Hesiod nur ale^agt] vorkommt; ^iskn'TJpvog^ wohl
fKkr fiBlTiTJTcog^ das ich allein in St. Thcs. finde (ist dies
durch den setzer hierher gekommen?); uiaoy6vf]g, sc?MV(Si''
uox^og\ dia'AafAxfjoövvog wohl fiir ^idoyorig, x?^avaijaaxog^
daxTv?^oxafi\ffüö vvog^ welche bei herrn Gl. fehlen, während
jene in St. Thes. nicht zu finden sind u. s. w. Anderer
art und doch auch nicht einzig in seiner art (cf. p. 57)
ist, was ihm p. 50 passirt; hier soll Dflntzer xgarrjamnog
übersetzt haben mit „zur besiegung den fufs habend^.
Ich wollte, ich könnte nach dieser reihe von ausstel-
lungen (und ich habe nur eine auslese von fehlem gegeben)
endlich anfangen zu loben, aber wenn ich sage, dafs mir
die herleitung des nom. pr. IIooinBtsilaog aus flgcjT^BatXaog
von ngoDrevü) ganz wohl gefällt, so mufs ich zugleich daran
denken, dafs herr Gl. in adn. 77, wo diese erklärung vor-
getragen wird, zweifeln kann, ob er dg^svoa auf dgxog
(Gl. schreibt äoyog) oder agycoif zunächst zurQckf&hren
soll, wie ijyBjiiovsvuj auf i}YBfA(av,
Soll ich die erklärung der nominal- und verbalformen,
in denen scheinbar eingeschobenes a auftritt (p. 99. 112)
anzeigen. 73
z. b. 36ia (Misteli in d. zeitschr. XVII p. 174 := Soxria)^
xauipog, x6lBV(rfia, SitSjut^, ilxvCTtjo etc., loben, nach der
alle diese formen ableitungen von aoriststämmen wäre? Noch
dazu, wenn darunter auch riksGua, veiXBfftrjQ^ axtarrig etc.
begriffen werden sollen, in denen die anderweitige abkunft
des ö so sonnenklar zu tage liegt?
Oder wird jemand mit herrn Gl. einverstanden sein
können, wenn er p. 68 „Justium praeda spoliat, qua in-
struetnm sese ad Graeca composita pervenire dicit^ und
mit Übertragung seiner theorie auch auf das gebiet des
Sanskrits uns annehmbar zu machen sucht, dafs in vidäd-
•vasu, bhar4d-vä^a nicht participialbildungen, sondern durch
t verstärkte wurzeln die erste stelle einnähmen?
Je weniger schon nach dem äufseren umfange des
bnches zu läugnen ist, dafs hier trotz alledem ein tüchtig
stück arbeit und fieifs verwendet ist, um so mehr thut es
mir leid die arbeit als so wenig gelungen und empfehlens-
werth bezeichnen zu müssen. Glaubt jemand an die ge-
gebenen proben anderen mafsstab anlegen zu müssen und
trotz meiner ansieht günstiger urtheilen zu können, so soll
es mir lieb sein.
Rieh. Rödiger.
Wörterbuch der indogermanischen grundsprache in ihrem be-
stände vor der volkertrennung. Ein sprachgeschichtlicher versuch von
F. C. August Fick, Oberlehrer am g3rmnasiQm zu Göttingen. Mit
einem Vorwort von prof. dr. Theod. Benfey. Göttingen, Yandenhoeck
und Knprecht 1868.
Der verf. des vorliegenden werkes construiert verbal-
nnd pronominalwurzeln , einfache und zusammengesetzte
Wörter der indogerm. grundsprache. Ueber seine construc-
tionsmethode spricht er sich nirgends im zusammenhange
aus. Die einzige derartige bemerkung, die ich geiiinden
habe, ist in sich widersprechend. Unter tan, tä = stan,
stä verbergen, stehlen heifst es nämlich: „Nur das sanskrit
hat den volleren anlaut st bewahrt, da aber alle anderen
74 Delbrück
sprachen im anlaut t zusammenstimmen, ist das verb hier
unter t gesetzt^. Wenn das sanskrit den anlaut st ^be-
wahrt'' hat, so stammt er doch aus der zeit vor der sprach-
trennung, und mu&te in einem Wörterbuch der indogerm.
Sprache, wie sie vor der sprachtrennang war, seine stelle
finden.
unter diesen umständen ist es nöthig, in aller kfirze
die methodischen grundsfttze f&r aufstellung indogerm. for-
men zu erörtern.
Eine form kann als indogermanisch beglaubigt werden
entweder durch äufsere (historische) oder durch innere
(grammatische) grfinde. Sprechen wir zunächst von den
historischen.
Unter indogerm. grundsprache verstehen wir die sprä-
che, welche unmittelbar vor der Völkertrennung gesprochen
wurde. Noch weiter zurück liegende perioden dieser spräche
gehen uns hier nichts an. Dagegen interessirt uns ihre
Spaltung in die einzelsprachen. Leider aber wissen wir
über die Chronologie dieser Spaltungen wenig. Wir kön-
nen wol einzelne der indogerm. sprachen als besonders nah
verwandt bezeichnen. So ist das sanskrit mit dem zend
näher als jeder anderen indogerm. spräche verwandt und
bildet mit ihm (um vom altpersischen etc. abzusehen) die
arische gruppe. Slavisch- litauisch und deutseh bilden
die slavodeutsche gruppe. ,Von einer gräcoitali-
schen sprachperiode ist man zunächst gezwungen zu schwei-
gen, weil ihr die hypothese von einer näheren Verwandt-
schaft des griechischen mit der arischen gruppe gleichbe-
rechtigt gegenübersteht. Auch scheint die annähme einer
speciellen Verwandtschaft des italischen und keltischen man-
ches für sich zu haben. Wenn ich nicht irre, so einigen
sich eine grofse anzahl jetziger forscher in der anschauung,
dafs die idg. grundsprache sich zunächst in zwei grofse
abtheilungen, die asiatische und die europäische spaltete,
dafs aber das griechische zwischen den beiden gruppen
die brücke bildet. Alle diese Voraussetzungen aber sind
weit davon entfernt, sicher zu sein. Bis sie, oder andere,
sicher gestellt sind^ mufs man folgendes festhalten: In der
anzeigen. 75
ganzen zeit von der ersten trennung an bis zur histori-
schen zeit können neue Wörter und formen entstanden sein,
die alle älter sein können, als die einzelspracben und alle
jQnger als die eine grundsprache. Wir müssen also vor-
derhand bis zu besserer erkeontnis des indogermanischen
Stammbaumes jede einzelsprache als gleich nothwendig zur
constraction einer indogerm. form erklären, jedoch mit der
einschränkung, dafs die entschieden zu einer gruppe gehö-
rigen fbr einander und die dialecte f&r die hauptsprachen
eintreten können.
Mifst man die aufstellungen des yorliegenden buches
an diesem historischen maafstab, so ergiebt sich, dal's wenige
der hier aufgestellten formen als indogermanisch gelten
können. Fehlt doch das keltische fast durchgängig. Und
:iuch wenn man das keltische als dem italischen am näch-
sten verwandt und also durch dieses vertreten betrachten
wollte, wQrde immer noch für eine grofse anzahl von for-
men die historische beglaubigung zu gering sein. Speciell
müssen wir uns dagegen erklären, aus griechisch -arischen
parallelen indogerm. formen zu erschliefseut Denn wer sagt
uns, ob sie nicht einer gräco- arischen epoche angehören,
und also beiläufig ein paar tausend jähre jünger sind, als
die wirklich indogermanische periode?
Indessen der mangel der äufseren beglaubigung wird
vielleicht aufgehoben durch die um so gröfsere kraft der
inneren. Gesetzt, eine form — vielleicht eine verbalform —
wäre nur erschlossen aus zwei sprachen, sie wäre aber in
ihrer Zusammensetzung so durchsichtig, in allen ihren notb-
wendigen bestandtheilen so vollzählig, in der gestalt und
bildung dieser bestandtheile so ursprünglich, dafs ein ken-
ner der indogerm. sprachen behaupten müfste: „so und
nicht anders hat diese form gelautet, seit unsere spräche
eine flectierende war^ — wäre dieser innere adel dem histo-
rischen nicht gleich wiegend? Es ist gewifs, dafs mit der
weiter fortschreitenden entwickelung unserer Wissenschaft
auch diese metbode mehr zur anwendung gelangen wird. Vor
der band aber bemerken wir : noch sind wir nicht durchweg
einig, welches die nothwendigen bestandtheile einer form
76 Delbrück
Sind (vgl. inediiim), noch wird gestritten, welches die ur-
sprüngliche gestalt der soffixe war, noch ist der ausdruck
ursprüDgiichkeit ein vager. Das aber wissen wir, dafs die
indogerm. grundsprache, wie sie kurz vor der völkertren-
nung gesprochen wurde, schon jämmerlich ,, verstümmelt^
war im vergleich zu der spräche jener ersten zeiten, da
es nichts gab, denn eitel wurzeln, dafs ihr also durchaus
nicht lauter unverstümmelte formen zukommen.
Weil aus diesen gründen die grammatische methode
noch nicht überall sicher anzuwenden ist, kann sie uns vor
der band die lücken der historischen nur selten ausfüllen .
Weitere methodische bemerkungen schliefsen wir am
besten an die betrachtung einiger einzelnheiten.
Von den 30 compositcn, die herr F. der Ursprache
zuschreibt, sind 20 aus griechisch - arischen parallelen er-
schlossen y nämlich aktäpad agaru anudra apakiti apad
apadhvasta amartja aroatra amuka aväta asvapna tripad
triparl dampatan padäga paruti prativaika satjakravas
samapatar dusmanas. Dafs diese sämmtlich nicht als in-
dogermanisch angesehen werden können, folgt aus dem
oben gesagten. Nebenbei sei bemerkt, dafs sie auch einer
etwaigen gräco- arischen epoche nicht zugeschrieben wer-
den dürfen. Eine Übereinstimmung wie prative^a und Tigog-
oixog^ aus welcher ein indogerm. prativaika erschlossen
wird, ist denn doch sicher rein zufällig. Nur wenn die
lautgestaltung des wertes derart ist, dafs eine bildung in
der periode der einzelsprachen unmöglich oder unwahr-
scheinlich ist, kann man auf uralte composition schliefsen.
Diese bedingung wird unter den hier genannten compositis
— wie längst bekannt ist — nur von paruti neben ntQvri
erfüllt. Gegen die parallelisirung mancher Wörter (unter
agaru padäga dampatan) lassen sich überdies etymologi-
sche bedenken geltend machen. Von den übrigen 10 com-
positen sind 3 aus der Übereinstimmung des sanskrit und
lateinischen erschlossen, nämlich anäpta aus anäpta und
ineptus, trajasdakan aus trajödapan und tredecim, nauaga
aus nävä^a und navigium. Sie können aber natürlich ebenso
gut in der zeit der einzelsprachen entstanden sein und be-
anzeigen. 77
weisen also nichts. Aus sanskrit, griechisch und lateinisch
sind erschlossen agn&ta unbekannt, tridant drei zähnig, pan-
käkanta fünfzig (amarta unsterblich). Aus dem arischen
and litauischen ist erschlossen vikpati. Eine gröfsere an-
zahl von sprachen ist zugezogen bei den Zahlwörtern tri-
dakanta dvädakan, über welche wie über paukäkauta man
vgl. Ebel beitr. I, 433. Auch bei ihnen ist die indogerm.
form nicht sicher zu construieren. Auch gegen* die meisten
der einfachen Wörter mOfsten wir einspräche erheben.
Doch wir verlassen die negative, um nicht den schein
einer Unterschätzung des Fickschen Werkes zu erregen.
Erklären wir nämlich auch die meisten seiner indogerm.
formen f&r nebelhafte existenzen, so sind doch die unter
jeder sogenannten indogerm. form sich findenden etymolo-
gischen Zusammenstellungen von grolsem werthe. Der herr
verf. zeigt in ihnen ebenso viel geist als gelehrsamkeit und
hat durch sie die etymologische Wissenschaft nicht uner-
heblich gefördert. Da herr F. die quellen, denen er seine
Zusammenstellungen entnommen hat, nicht angiebt, so is-
es, selbst wenn man ober alles linguistische material get
bietet, nicht möglich, überall zu entscheiden, wo wir eigene
combinationen des verf. vor uns haben. Denn es ist im«
merhin möglich^ dafs er bisweilen etymologieen selbständig
gemacht hat, ohne zu wissen, dafs andere schon denselben
gedanken gehabt haben. Am meisten scheinen Benfey's
arbeiten benutzt worden zu sein. Dagegen hätten die in
dieser Zeitschrift niedergelegten forschungen wohl etwas
reichlicher ausgebeutet werden müssen. Wer z. b. die be-
handlung der aspiraten bei F. prüft, wird sehen, dafs er
hier in manchen punkten inconsequent verfahrt, ^ was er
nicht gethan hätte, wenn er die classische arbeit Grafs-
manns im 12ten bände d. Zeitschrift überall benutzt hätte.
Er hätte dann sicher nicht budhna oder bhudhna, sondern
nur das letztere geschrieben, ebenso wenig digh, sondern
dhigh, auch nicht gardh sondern ghardh und wahrschein-
lich auch nicht bhug, sondern bhugh. Hat er doch in
zahlreichen anderen fällen zwei weiche aspiraten in unmit-
telbarer folge nicht gescheut. Auch in bezug auf die ags.,
78 Delbrück, anzeigen.
alis. und altn. Spiranten wfirde er unzweifelhaft ganz an-
ders urtfaeilen, wenn er Lottners worte zeitschr. XI, 188
berflcksicbtigt hätte: „Hinsichtlich der mediae aus alter
tenuis im inlaut ist besonders darauf aufmerksam zu ma-
chen, dafs, da altnord. äT, f f&r d, b im inlaut fast regel-
mäfsig erscheinen, man sich nicht durch den so entstehen-
den falschen schein regelrechter Verschiebung
täuschen lasse. In solchen fallen ist immer zuzusehen, ob
ags. d oder dh steht. Hinsichtlich des f ist das angel-
sächsische aber in gleicher verdammnifs, und mufs hier,
sofern das gotische mangelt und auch keine altsächsische
form vorhanden ist, in denen bh fQr got. b steht, f aber
beibehalten wird, das althochdeutsche entscheiden, welches
altes f gewöhnlich als f, v, altes b aber als b, strengahd.
als p aufweist^. Herr F. hat sich durch solchen falschen
schein sehr oft täuschen lassen. Schlimm ist — was hier
erwähnt werden mag, da einmal das altnordische beröhrt
ist — die Zusammenstellung von altn. rök (richtiger rökr)
mit kvyaiog finster und ihre zurückführung auf ein indo-
germ. ruga. Als ob altn. 5 einem alten u entspräche! Be-
kanntlich ist es durch einflufs eines folgenden u (v) aus a
entstanden, und rök wird wohl mit altind. rajas und got.
riquis verwandt sein, das schon im urdeutschen ein u (v)
hinter der gutt. entwickelt haben mufs.
Die lexicalischen hQlfsmittel sind sehr fleifsig benutzt,
so ist z. b. das petersburger Wörterbuch bis in's einzelnste
hinein ausgebeutet worden. Nebenher bemerke ich, dafs
bherldhrat, was F. s. v. dhran anf&hrt, nach BR. s. v.
bherlghnat aus dem wertschätz des sanskrit zu streichen
ist Gegen die unbelegten sanskritwörter ist F. barmher-
ziger, als ich fQr recht halte. Dieser gegenständ ist hier
nicht zu erledigen, doch schien es nöthig, die benutzer des
buohes zur vorsieht zu mahnen. Sie wird auch wohl an-
gebracht «ein bei den griechischen Wörtern. Denn der
gefährliche Hesychius ist viel benutzt. Im ganzen darf
man sagen, dafs das buch fftr diejenigen, die nicht im
Stande sind, alle anführungen nachzuprüfen, nicht geschrie-
AndrcBcn, miscelle. 79
beo ist. Die fachgelchrten indefs werdeo es trotz aller
mängel oft und gewifs dankbar benutzen.
Halle, Januar 1868. B. Delbrück.
Lachmann.
„Im vertrauten kreise konnte er sich frohster heiter-
keit überlassen und machte einer falschen deutung seines
namens dann die gröste ehre^; so heifst es in J. Grimms
rede auf Lachmann (kl. sehr. I, 161). Auch von anderen
ist daran erinnert worden, dafs dieser name nicht als Fs-
XaCiog zu verstehen sei*). Lieber hat man, auf goth. le-
keis leikeis, ahd. lähhi bezogen, einen arzt daraus herstel-
len wollen. Allein auch das schlägt fehl. Im mittelhoch-
deutschen kommt das entsprechende wort nicht vor, son-
dern nur mit dem n gebildete formen **)\ zudem mQste
der mangel des umlauts auffallen (vgl. ahd. kähi, smähl,
spähi, zähi; mhd. gaehe, smaehe, spaehe, zaehe). Wie
dfirfte man aber ohne weiteres ins althochdeutsche zuröck-
greifen? Pott, welcher (personennamen 640) den arzt fQr
möglich hält, vergleicht daneben Anlach, Lachner, doch
nur obenhin. Unterdessen darf hier die einzig wahre quelle
erwartet werden, und allerseits bietet sich Unterstützung
im überflufs dar. Lache bedeutet nicht blofs was wir
heute unter pfütze***) zu verstehen pflegen, sondern über-
haupt stehendes wasser, auch wohl einen teich (vgl. lacus).
Das niederl. lak und das niederd. läke erledigen, wenn dar-
nach zu fragen erforderlich sein sollte, die abweichende
Quantität in den unhochdeutschen namen Lackmann,
Liackemaun, Laackmann. An Lachmann und diese
*) Bekannt ist die scherzhafte anspielnng mit dem namen Gelasander
(Karl).
**) lachen y lächenen, Ifichenie, lachenaere: Grimms mjthol. 2. ausg. s.
1108. Mhd. wtb. I, 924.
***) dem begriffe nach wie verschieden von dem ursprünglichen pn-
teus!
80 . AndreRen, misceUe.
drei schliefsen sich nun zunächst die gleichbedeutigen ge*
schlechtsuamen Lacher, Lachner, Lackner, ferner
Lachenmeyer, Lachemair; sodann Mitte- und Mit-
lacher ^) nebst Ueberl acher. Die den wobnort oder
die herkunft bezeichnende präposition ist verwachsen in
den namen Anlach*""), Biedenlack und Biederlacl^,
Ob er lach und Ov er lack. Endlich tritt das wort allein,
ohne mitwirkung irgend einer bcziehungsform, als faniilien-
namen auf: Lache, Lach, Lack mit den Zusammen-
setzungen Horlach***) und Rohrlack.
Auch einige topographische benennungen können zur
erläuterung dienen. In Köln gibt es, wie eine Pützgasse
und einen Kliugelpütz, so auch eine gegend, welche „im
Lach* heifst; in Hannover weist Schambach (wtb. 118a)
als unteren lauf eines flOfschens den namen Steinlake nach ;
und der alte Richey (hamb. idiot. 146) lehrt, Corslake oder,
wie es heute gewöhnlich genannt wird, Curslack, ein hann-
burgisches dorf in den von Eibarmen umflossenen Vierlan-
landen, bedeute „Cords lachen*.
Läfst sich, wie im vorhergehenden bereits geschehen
ist, mit lache zu allernächst pfütze verglichen, so müssen
von diesem hergeleitete namen in besonderem grade der
heachtung werth erscheinen. Da finden wir: Putzmann,
Püttmann, Pützer, Pfützner, Pfitzner, Pütter,
Püttner, Putze, Putz, Pütz, Pütt. Also ist Lach-
mann gleich Putzmann, und weiter können noch Brun-
nemann, Dümpelmann, Hör- und Horrmann, Eolk-
mann, Puhlmann, Sieckmann, Siep- und Sieper-
mann, Sodemann, Teichmann berücksichtigt werden.
*) Vgl. Interlaken und Pott s. 50.
*•) Üeber Anlach und Laohner spricht Pott (vgl. 8. 841 und 640)
unklar und wenig folgerichtig: lache und das in lachbaum, lachstein ent-
haltene wort, wofür nach Grimms R. A. s. 544 ahd. hl&h angenommen wird,
stimmen ja nicht ttberein, da jenes im ahd. lacha hiefs. Ein zweifei aber,
welches der beiden Wörter dem namen Lachmann innewohne, kann auf die
lange, dttnkt mich, nicht erhobep werden.
♦♦♦) Mhd. horlache, schlämm pfUtze : wtb. I, 921; vgl. den namen H or-
beck.
Bonn. K. G. Andresen.
Im Verlage von Franz Dnncker in Berlin ist erschienen und durch
alle Buchhandlungen zu beziehen:
Zur Geschichte der deutschen Sprache
von
Wilhelm Scherer.
1868. 31 Bogen gr. 8. 2 Thlr. 20 Sgr.
Dr. B. Delbrück in Halle schliefst eine eingehende Kritik des
obigen Werkes in der Zeitschrift ftir deutsche Philologie mit folgenden Worten:
„Sollen wir schliefslich in aller kürze angeben, was wir an diesem
buche — das niemand, der sich für deutsche grammatik interessiert, un-
gelesen lassen wird — der besondem beachtung empfehlen möchten, so
ist dies zunächst das unternehmen einer wirklich historischen sprach-
betrachtung, wie sie unseres Wissens noch nirgend so ernstlich angestrebt
ist, sodann die herbeiziehung der phjsiologie und akustik, wodurch be-
sonders der vocalismus riele und dankenswerte aufklärung erhalten hat,
die theilung des deutschen in ost- und westgermanisch, die betrachtungen
über den accent, die Schilderung des weichlichen Charakters der ahd.
spräche dabei besonders der abschnitt über die mouillierten laute und viele
einzelnheiten, die nicht alle aufzuzählen sind.**
In Ferd. Dümmler's Verlagsbuchhandlung (ECarrwitz und
Gofsmann) in Berlin sind erschienen:
Harlan (Dr. med. et phiL ^.)^ Beiträge zur ver-
gleichenden Psychologie. Die Seele und ihre Erscheinungs-
weisen in der Ethnographie. 1868. gr. 8. geh. 1 Thlr. 20 Sgr.
^irlinger (Dr. ^nton), Die alemannische Sprache rechts
des Rheins seit dem XIII. Jahrhundert, Erster Theil:
Grrenzen, Jahrzeitnamen, Grammatik, gr. 8. geh. 1 Thlr.
10 Sgr.
Diese Schrift er^mzt in gewissem Sinne Weinhold's Alemannische
Grammatik, indem sie die Eigenthümlichkeiten der lebenden Sprache beson-
ders ins Auge fasst.
ßofp {ßvati})^ Vergleichende Grammatik des Sanskrit,
Send, Armenischen, Griechischen, Lateinischen, Litaui-
schen, Altslavischen, Gothischen und Deutschen. Dritte
Ausgabe. Erster Band. Lex. -8. geh. 1868. Subscriptions-
preis 4 Thlr.
Diese neue Ausgabe des ersten Bandes wurde zum Theil noch unter
den Augen des verew. Verfassers in Druck gelegt, nach seinem Hingange
übernahm Hr. Prof. Dr. A. Kuhn freundlichst die Leitung des Druckes.
Wir haben von dem Erscheinen dieses Bandes Veranlassung genommen,
wiederum eine Subscription auf das ganze Werk zu eröffnen, die wir uns
vorbehalten in einem oder zwei Jahren zu schliefsen. Exemplare des
zweiten und dritten Bandes liefern wir innerhalb dieser Zeit zu gleichem
Preise. Nach Erlöschen des Subscriptionspreises tritt der frühere Laden-
preis von 5 Thlr. für den Band (15 Thlr. für das ganze Werk) wieder ein.
^ahltv (Dr. f.\ Ueber die Wortzusammensetzung, nebst
einem Anhang über die verstärkenden Zusammensetzungen.
Ein Beitrag zur philosophischen und vergleichenden Sprach-
wissenschaft 1868. gr. 8. geh. 1 Thlr.
So eben ist erschienen:
Kritische Grammatilc der Sansicrita-Sprache
in kürzerer Fassung.
Von
Franz Bopp.
Vierte duichgesehene Ausgabe. Preis 3 Thlr.
Nalus MaM-Bhärati episodinm.
Textus Sanscritus cum interpretatione latina et annota-
tiouibus criticis.
Edidit
Franciscns Bopp.
Tertia emendata editio. Preis 4 Thlr.
Ardschuna's Reise zu Indra's Himmel
nebst anderen Episoden des
Mahä-BMrata.
in der Ursprache zum erstenmal herausgegeben, metrisch über-
setzt und mit kritischen Anmerkungen versehen
von
Franz Bopp.
Zweite durchgesehene Ausgabe. Preis 2 Thlr. 20 8gr.
Indische Streifen.
Eine Sammlung von bisher in Zeitschriften zer-
streuten kleineren Abhandlungen.
Von
Albrecht Weber,
ProfMsor and Mitglied der Akademie der WissentchRften sa Berlin.
Preis 2 Thlr. 20 Sgr.
nicola^fd^e iUerlagebitd^ljanblttng in 9erltn.
Soeben wird ausgegeben: Antiquarisches Teneichnifs
No. 85 Oriental. und Sprachwissenschaft — enthaltend auch
die Doubletten der Bibliothek des verstorbenen Prof. Bopp.
Berlin. Jägerstr. 53. J. A. Stargardt
A. W. Sehade'8 Bnebdruclcerei (L.8ehAde) in Berlin, StelUobreiberetr. 47.
M' ij
ZEITSCHRIFT
FÜB
VERGLEICHENDE
SPRACHFORSCHUNG
AUF DEM GEBIETE DES
DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND
LATEINISCHEN
HERAUSGEGEBEN
Sr. ASAXiBBUT SUBH,
'l PSOrSSflOR AM CÖLMUOHBH OTHHASIUM ZU BSBUH.
BANDXVm,
* ZWEITES HEFT.
BERLIN,
PBRD. DOMMIAR'S VEBLAGSBUCSraAMIOAJNO
(HABBWRX UKD aOSSMAHN)
1869.
Inhalt. Seite
Ccber den indogermaniiohen, specieli den ▼edlschen dativ. Von
B. Delbrüdk 81
Jabere. Von Wilbrandt 106
ÜQoxa — nQoßaxa. Ein beitrag snr Charakteristik der grieohitoben
Tolgfinprache. Von Dr. Tbeod. Kind W'i
Am eigen: Langaage and the study of langaage. Twel?e lectores
on the prindples of h'ngnistio science by W. Whitney. Von
W. Clemm 119
La langne Latine ^tadi6e dans Tonite Indo-Enropöenne. Histoire-
Grammaire-Leziqae, par AmM^ de Caiz de Saint -Aymour.
Von W. Gorssen 125
£tade snr le dialeote tzaconien, thise ponr ie doctorat prdsentöe
i la facolt^ de lettres de Paris, par Gnstaye Deyille, anoien
membre de rifSoole fran^abe d^Atiiines. Von D. Comparetti 132
Das grammatische geschiecht nnd seine sprachliche bedeutong.
Eine akademische geiegenheiteschrift von J. H. Oswald. Von
Johannes Schmidt 150
Miscellen: Zar kenntnib der ältesten mnen. YonTh. Möblns 153
1) Schlittechnh oder schrittechnh? 2) Eisenmenger. Von K. G.
Andresen 158
Lateinische Wortdentmigen. Von F. Froehde 159
Inhalt der Beiträge Band VI. Heft I.
Miscellanea Celtica, von dem verstorbenen B. T. Siegfried. Gesammelti
^oordnet nnd heraosgegeben von Whitley Stokes. ~ Einige fälle der
Wirkung der analogie in der polnischen declination. Von Bandonin de
Courtenay. ^ Este, ^df«, usque nnd iki. Von Wenzel Bnrda. —
Beitr&ge zur kenntnifs der sufBze im slawischen. Von demselben.
Delbrück, ttber den indogermanischen, speciell doi vedischen dativ. 81
Ueber den indogermanischen, speciell den
vedischen dativ.
Ich gebe auf den foIgendeD Seiten zunächst eine ver-
kQrzende und berichtigende Überarbeitung meiner habilita-
tionsechrift „de usu dativi in carminibus Rigvedae, Halis
1867^, bei der es mir hauptsächlich darauf ankommt, den
Stoff in einer besseren anordnung vorzulegen *).
Zu den dativen sind zu rechnen infinitive verschie-
denartiger bildung. Diese infinitive sind ursprüngKch nichts
anderes als dative von suffixlosen oder mit den Suffixen
-as -tu -ti u. a. gebildeten Substantiven, welche verbale
constmction haben, so gut wie z. b. die substantiva auf
-tar. Von vielen dieser substantiva kommen auch andere
casus als der dativ vor, von den meisten nur der dativ.
Daher erlangen diese dative eine gewisse Selbständigkeit
im bewufstsein der sprechenden, so dafs die dativendung
-S der snffixlosen nomina oder das suffix as in dativform
(-ase) sogar an eine durch classen- oder tempuszeichen
modificierte verbalwurzel antreten kann (puäjäsö von puä,
praes. püSjati. giä^ inf. aor. von gi) **). Eine grofse an-
zahl solcher vedischen infinitive führt Benfey vollst, gr.
p. 431 flgd. an. Ich flQge noch hinzu: dative von fem. mit
dem suff. i, also inf. auf ajd, wovon mehrmals vorkom-
men dr^aje zum sehen und judhäje zum bekämpfen (V, 30,
4 und 9. X, 38, 3). Femer dative von fem. auf -ti, also
inf. auf -taje wie idtdje zum suchen, pitaje zum trinken
(mit dem acc. constr. VIII, 86, 8, andere stellen wie VII,
59,5. VIII, 33, 13 sind zweideutig) vitajö zum geniefsen
I, 135, 4. sätaje zum erwerben I, 130, 6. Dazu gehört
auch itjäi um zu gehen I, 113, 6. I, 124, 1. Von subst.
*) Der grSfsere teil dieser Umarbeitung war vollendet und also auch
einige irrtUmer beseitigt, als mir — zu spftt — die energische reccns.ion von
herm Siegfried Goldschmidt (G5tt. gel. anz, 1868 no. 16) zu gesicht kam,
in der mehrere solcher Irrtümer ebenfalls hervorgehoben sind. Trotzdem
ergreife ich diese gelegenheit, zu erklären, dafs ich mir die mancherlei gold*
komer aus der recension des herm Goldschmidt dankbar aufgelesen habe,
obgleich sie freilich nicht in silberner schaale geboten wurden.
♦*) Nachweisungen über das vorkommen sind nicht gegeben, wenn die
betreffende form bei BR. leicht zu finden ist.
Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVIII. 2. 6
82 Delbrück
auf -a, also infinitiven auf äja ist ein beispid: ja^&-
thäja V, 1, 2 (um zu opfern). Von einem neutruni auf
-yan, also inf. auf -vane giebt es ein beispiel, nämlich
dävÄnd um zu geben, zu empfangen« Zwar ist an den
stellen des Rv., wo d&v&ne vorkommt, kein acc. davon
abhängig (I, 139, 6 könnte man eine attraction annehmen),
aber es wird V, 65, 3 und IV, 32, 9 ganz wie ein verbum
mit den praepositionen pr& und abhi pr& verbunden. Als
inf. auf -manS (dat. von neutr. auf -man) führt Benfey
O. und O. I, 604 und II, 97 an: d4mane zum geben (VIII,
82, 8) und vidm&nß zum wissen. Von ddmau kommt auch
ein gen., von vidm&n ein instr. (Kuhn in d. ze]tschr.XV,304)
vor. Als inf. auf- an e kann man turv&nß und dhdrvane an-
sehefi, die einzigen vorkommenden casus der subst. turv&n
und dhlirvan, die von den wurzeln turv und dhtlrv abzu-
leiten sind. Doch ist von diesen inf. auf -mane und -an^
nirgends ein accusativ abhängig, also die berechtigung des
namens infinitive zweifelhaft. Auch die construction von
bhirmand und dh&rman6 (X, 88, 1) ist nicht notwendig als
eine verbale aufzufassen, wie Roth z. Nir. VU, 25 tut,
wovon später.
Die grundbedeutung des vedischen dativs ist: die nei-
gung nach etwas hin. Er trifft also nahe mit einem
teile des locativs, dem locativ des zieles zusammen, wof&r
ich in meiner schrift „ablativ localis instrumentalis^ p. 45
beispiele angeführt habe. Ich ftkge ihnen als besonders
bezeichnend hinzu: utdparfbhjö magh&vä vi gigje filr die
Zukunft siegte da der mächtige I, 32, 1 3, und mit dem loc.
des Zieles: utdpari&u krnute säkhäjam fOr die zukunft schafft
er sich einen freund X, 117, 3. Ob nun aus dieser Überein-
stimmung etwa Schlüsse auf gemeinsame abstammung die-
ser beiden casus zu machen sind, ist doch sehr fraglich.
In den dativ tritt dasjenige ding, nach dem hin etwas
anderes sich neigt oder bewegt Wir sprechen zunächst
von räumlicher oder doch räumlich gedachter be-
wegung, und zwar
1) von körperlicher neigung oder bewegung,
und behandeln demnach den dativ bei verben wie: gehen,
aber den indogennaniBchen, speciell den vedUchen dAtiv. 83
streben, sich beugen nach-bin (hören), werfen,
befördern, ausstrecken nach-hin, zeigen, spre-
chen zu.
gehen, streben: pr4 viänave ^viikm etu manma gi-
rikSita urugftjäja vränö zum Yidnu strebe das kräftige lied
dem höhenbewobnenden, weitherrschenden regner 1, 154, 3.
pr& räj^ jantu auf beute mögen sie losgehen VII, 34, 18.
ä nö navi matinfi' jätam pärdja g&ntave | jun^ithfim a^vinft
r&tham fahrt mit dem schiffe unserer andachten heran, um
9sum jenseitigen (menschlichen) ufer zu gelangen, schirret
A^vinen den wagen an I, 46, 7 (vgl. acc. pär&m ^tav€ um
zum jenseitigen ufer zu gelangen 1,46,11). Eine reihe
Ähnlicher beispiele fQr den dativ bei ja, gam, dhäv, sru,
die in der angefahrten habilitationsschrift p. 3 beigebracht
sind (in, 31 , 13. I, 5, 5. I, 39, 7. VII, 70, 6. 1, 117, 2. I,
116, 18. 1, 184, 5. Vm, 26, 15. VI, 62, 10. 1, 184, 5. VIII,
9,11. IX, 21,1. VIII, 80, 3), lassen auch eine deutung
des dativs als dat. commodi (der aber aus demselben grund-
begriff hervorgeht) zu. n4 svapnäja sprhajanti sie begdi-
ren nicht nach Schlummer VIII, 2, 18. Tipvö rfija iäudbjati
jeder strebt nach reichtum V, 50^ 1. tv&n tkm agnä amr-
tatvä uttam^ mirtan dadhfisi pravas^ divd-divä | jäs t&tiv
d&n& nbhajäja ^anmanö m&ja: krnöäi pr&ja & Ka sOr&je du
Agni bringst den sterblichen zur höchsten Unsterblichkeit,
zum rühme tag ftkr tag, der du dOrstend nach beiden ge-
schlechtern (heftig begehrend nach göttem und menschen)
Inst und freude schaffst dem sänger I, 31, 7.
sich neigen,^ beugen hin-zu: indr&ja hi djäür
Äsurö ananmata dem Indra beugte sich der göttliche him*
mel I, 131, I9 vergl. VIII, 6,4 samudrdjeva sindhava:.
Qgr&sja Kin manj&vö ni namante rigä Kid ^bhjö nama it
krnoti (die wflrfel) beugen sich nicht selbst dem zome des
starken, der könig selbst erweist ihnen yerehrung X, 34, 8.
Di te näsfii plpjän^va j6ää maijäjeva kanjä' ^a^vaKfii tä ich
will mich neigen zu dir wie ein säugendes weib (zu ihrem
kinde) wie ein mädchen zum jüngling, so will ich dich
umarmen III, 33, 10. Analog ist der dativ zu erklären
bei hören, eig. sich mit dem ehre zuneigen. 6 6ü svasära:
6*
84 Delbrück
kftr&ve prnöta horchet ihr Schwestern dem sftoger III, 33, 9.
& Tö j&mftja prthivi Kid apröt eurem gange horcht ängstlich
die erde I, 39, 6. pniätiv&nö hi dfi^üäe d^v&s auf den opfe-
rer hören die götter I^ 45, 2 (vgl. 11, 30, 1. III, 56, 4. UI,
33, 5. Roth lit. und gesch. p. 101).
werfen, befördern: brahmadyiäd t&puäl h^tim asja
auf den frommenhasser wirf die glOhende lanze III, 30, 17.
räidvlie maruta: parimanjava Uun nk srgata dvidam auf
den sftngerhasser ihr Maruts auf den wfltenden schleudert
euren hals wie einen pfeil 1,39, 10. iva sr^a döv^bhjö
havi: entsende zu den göttern das opfer I, 13, II. Zwei-
felhaft, ob man nicht den dativ des Zweckes in ansprnch
nehmen soll, kann man sein bei: &väsr^a: sartav^ sapta
sindhün du hast entsendet zum fliefsen die sieben ströme
I, 32, 12, vergl. I, 55, 6. I, 57, 6. I, 130, 5. U, 12, 12. III,
32,6. V, 29,2 etc. iä: pr4 pbhiübhjö düt&m iva vÄkam
iöje zu ZU den Rbhu's entsende ich das gebet wie einen
boten IV, 33, 1« Kud: sa tvÄn nö vira virjija Ködaja du
o held befördere uns zu heldentum IX, HO, 7. mknö da-
n&ja ködÄjan seinen geist antreibend zur freigebigkeit (so
gedacht, dafs der geist zur freigebigkeit hingelangen soll)
VIII, 88, 4, vgl. IX, 75, 5. ap&: s4rmäja ködajan die was-
ser antreibend zum fliefsen I, 80, 5. Vergleicht man damit
stellen, in denen der dativ entschieden final ist, wie td-
bhjöd indra sva ökje^ söman Icödämi pitäje zu dir o Indra
befördere ich (oder fbr dich giefs' ich eilend aus) söma
damit du ihn trinkest 111,42,8, so filllt der unterschied
in die äugen, gü: gftsä räj^ kavitarö ^un&ti den klugen
befördere der klügere zu reichtum VII, 86, 7. hi: kr&tve
d4köäja nö hinu befördere uns zu klugheit und geschick-
lichkeit IX, 36, 3, vgl. VIII, 60, 5. t^ nö hinvautu s&ta)^
dbij^ giää die mögen uns befördern zu crwerb, andacht,
sieg I, 111,4. ukth&v&hase vibhvg' manlädn drünfi na pä-
r4m irajä nadmäm zu dem gebetföhrenden m&chtigen gotte
bring das gebet, wie mit einem rüder zum anderen ufer
der flüsse VIII, 85, 11. jihhl r^bhan nivrtä sitam adbhj&
üd vandanam äirajata svär dr^^ mit welchen (hülfen) ihr
den Röbha den bedeckten gebundenen, aus den wassern
aber den indogcrmauischai, speoiell den vedischen dativ. 65
den Vandana hinf&hrtet zum lichtschauen I, 112, 5, vgl. I^
117, 24. pra-tar: pr& vigebhis tirata pQJj&se na: mit
reiohtQmern befördert uns zur blute VII, 57, 5. pra-su:
▼ipvan ^Ivam prasuv&ntl Karijät alles lebendige belebend
zur regsamkeit (Karijäi dat. von Kari f. beweglichkeit)
VII, 77, 1. präsävld dvipat pri Htudpad itjfti er belebt
die zweifAfsler und vierfQfsler zum geben I, 124, 1. kar:
Die ursprüngliche bedeutung von kar scheint mir zu sein:
9 zu etwas bringen^. & tvim r^ipvä sakhj4ja Kakre R^-
gvan brachte dich zu seiner freundschaft (machte dich zu
seinem freunde) V, 29, 11. üsö j&d agnl' samidhö Kakartha
als du o Usas den Agni zur anzOndung brachtest (mach-
test, dafs er entzündet wurde) I, 113, 9. ut& väta pitÄsi
na Uta bbrätöta nah säkhä | s& nö ^vätavä krdhi o wind
du bist unser vater, unser bruder, unser freund, du bring
uns zum leben X, 186,2. tv&m indra sr^vitavi ap&s ka:
du Indra brachtest die wasser zum fliefsen VII, 21, 3. &kar
dhiuiT&nj itjetavi u du brachtest die wüsten zur begehung
(machtest sie gangbar) V, 83, 10, vgl. I, 112, 8. I, 116, 14«
n, 13, 5. IV, 16, 4. V, 29, 4. VII, 81, 4. X, 39, 8. X, 88,
10. Aehnlich kann auch dh& gebraucht werden: indram
erk dhiö&nä sät&jö dh&t den Indra bringt der becher zum
erwerben V, 19, 2, vgl. VH, 31, 12.
bringen: vah: ni ped&va übathnr O^tim apvam dem
Pedu brachtet ihr ein schnelles rofs I, 117,9. 9&n na i
vakSad dvipade k4tuäpad€ heil möge er bringen unseren
sweif&fslem, unseren vierflirslern 1, 1 57, 3. b h a r : asmibhjan
nrmnam & bhara bringe uns manneskraft V, 38, 4. & nas
tögrä rajim bharäpan n4 prati^änate bring uns kinder und
reichtum, wie ein draufgeld dem der auf den handel ein«
geht (nach Roth) III, 45,4. j&s te bharäd inuijate Kid
iinnam wer dir dem speisebegehrenden speise bringt IV^
2,7. nl: agnS naja supathä räj^ asmän Agni führe uns
auf schönem pfade zum reichtum I, 189, 1. &-vart: i nö
mitr4varun& n^atjä djävä hotr&ja prthivl vavrtjä: bringe
zu unserem opfer Mitra Varuna, die Näsatja, bimmel und
erde VI, 11, 1.
ausstrecken, erheben: prisrdg b&hli bhüvanaqa
86 Delbrück
pra^bhja: er streckt die arme ans sa den weseo der weit
hin IV, 53, 4. &dh& vrtr&ja pr& vadh&ä ^abhfira da erhob
er die wa£Ee gegen Vrtra II, 30, 3. üd j&d indrö mahat^
dfinavija v&dbar jamiäta säbö &pratltam als Indra gegen
den grofsen D&nava die waffe erhob, die unerreichbare
kraft y, 32, 7. Anfbgen kann man hier: die waffen schär-
fen gegen jemand: pi^lts pi^unebhjö vadhim er schärft die
waffe gegen die Verräter VII, 104, 20.
geben nnd verwantes: da: m4 nindata }& imim
m&hjä rätin dßvö dadfiü m&rtjäja tadelt ihn nicht, der mir dem
sterblichen, ein gott, dieses geschenk gab IV, 5, 2. ghöä&jfii
Kit pitrs&de durön^ p&tii^ ^rjantjä apvinäv adattam selbst
der alternden Ghoää die beim vater im hause safs, habt ihr,
Apvinen, einen mann yerscha£% 1,117,7. k&rtä vlrdja süävaja
u lök&n dita Y&su stuvat^ kiraje Kit räum schaffend dem
opfernden beiden, gut gebend preisendem sänger VI, 23, 3.
kö nö mahjd aditaje pünar dät wer giebt uns der grofsen
sündlosigkeit wieder? I, 24, 1. mah^ Kana Uim adriva: p&rä
pulkdja dejäm selbst grofsem preise (far grofsen preis) möchte
ich dich nicht hingeben Vm, 1, 5. dhä: Äsunvanta saman
^ahi dün&9ä }6 n& t$ m&ja: | asmabhjam asja v^danan
daddhi schlage jeden der beständig nicht opfert, der dir
nicht angenehm ist, gieb uns sein besitztum I, 176,4. ju-
v&n k&nyfij4piriptäja c4käu: pr&tj adhattam ihr habt dem
blinden Kanva das äuge wieder gegeben I, 118, 7. j^ tvä
nid^ dadhirß welche dich dem neide überliefert (ausgesetzt)
haben II, 23, 14. dha mit prat glauben: prad asmäi dhatta
glaubt ihm 11^ 12, 5. ^r&ddhitan te mahatd indrij4ja ge-
glaubt wird deiner grofsen kraft I, 104, 6, vergl. I, 55, 5.
I, 103,5. X, 147, 1. vi-bhag: W dä^üäö bhagati stinara
▼&SU dem opferer schenkt er reiches gut V, 34, 7. jam:
9&rma värma Khardir asm&bhjä jäsat schütz, schirm, Ver-
teidigung möge er uns spenden I, 114,5, vgl. IV, 25,5.
IV, 12, 5 etc. vgl van I, 140, 11. VII, 18, 1. pikä: (?i-
kSejam asmäi dits^jam manläine | jad ahan göpati: sjäm
ich würde ihm schenken, ich würde dem beter spenden,
wenn ich kuhherr wäre VIU, 14, 2. rä: j&smä iräsata ksa-
jan givdtun ca praKetasa: dem ihr weisen schenkt heim-
über den indogennanischeD, BpecieU den vedischen dativ. $7
wesen und leben VIII, 47,4. Aue der masse Ähnliches
bedeutender verba mag noch erwähnt werden duh: trfni
sar&i prpnajö duduhrö vagrfnS m&dhu drei tränke, den
meth haben die Maruts dem donnerer gespendet VIII, 7, 10.
Daran schliefsen sich an die verba welche opfern bedeu-
ten. siK: ^ndum indräja siukata giefset den trank dem
Indra aus ¥111,24, 13« sa: indräja sunaväi tvä pakrÄja
sonaväi tvä dem Indra will ich dich pressen, dem starken
will ich dich pressen YUI, 80, 1. hu: täsmä etÄt p4nja-
tamäja güdtam agnäü mitrija havir 4 guliöta diesem ge-
priesensten Mitra opfert im feaer das geliebte opfer III,
59, 5. dä9: jas tübhjan di^^än na täm äbö apnavat wer dir
opfert, den erreiche keine bedrängnifs IL, 23, 4. vidh: j6
asmäi havidividhan nk tam püääpi mröjate wer ihm mit
einem opfer dient, den verletzt Puäan nicht VI, 54,4.
Durch den begriff übergeben lassen sich mit den vor-
hergehenden vermitteln die verba, welche unterwerfen
bedeuten. So, um zunächst verba zu nehmen, die auch
geben bedeuten: rä: j&d indra jävatas tvam etdvad ah&m
f^Ija I stötÄram id didhiäöja radävasö n& päpatvija räsija
wenn ich Ober eben so viel geböte wie du Indra, so würde
ieh den lobsänger für mich zu gewinnen suchen, ich würde
ihn nicht der armut unterwerfen VII, 32, 18 vgl. VI, 44, 11.
parä-dä: mä na indra pljatnave md pärdhate pärä
da: übergieb (unterwirf) uns nicht o Indra dem hasser,
nicht dem stolzen VIU, 2, 15. randh: sunv&dbhjö ran-
dhajä kän lad avrat&m unterwirf den frommen jeden gott
losen I, 132,4 vergl. VI, 53, 5. star: md na: star abhi-
mätaje unterwirf uns nicht dem feinde VIII, 3,2. hä:
^ahür vi^väni bl^Öganä suddsö sie überliefsen alles gut dem
Sudäs VII, 18, 15. ril£: gäj^va patjö tanvä' riri^äm wie
ein weib dem gatten will ich dir meinen körper überlie-
fern X, 10, 7.
zeigen: ävir bhü: ävir öbhjö abhavat stiija: es zeigte
sich ihnen die sonne I, 146, 4. kit: divödasäja mdhi keti
▼am äva: dem Divödäsa wurde eure grofse hülfe offenbar
1, 119, 4.
sprechen zu: vak: mänträ vökömägndje | är^ asm^
88 Delbrück
Ka (roTat^ ein gebet wollen wir sprecheu zum Agni, der
auch lu der ferne uns hört I, 74, 1. ah: j6 m& jügjö vä
sakha Yä sväpnö bhaj&cn bhlr&vä m&hjam &ha welcher ver-
wandte oder freund mir dem furchtsamen im schlafe furcht-
bares sagt II, 28, 10/ brü: k&ksusmatö ^rnvat^ te bra-
Ylmi zu dir spreche ich der da hört und sieht X, 18, 1.
2) Bewegung des geistes nach etwas hin, wie:
seine aufmerksamkeit auf etwas richten, gnädig
sein (helfen), zürnen«
budh: asm&bhjä sü maghavan bödhi gödÄ: auf uns
wende deinen sinn, kuhspender III, 30, 21. kit: jad indra
h&ntave mfdhö yfdä vagriÄ kik^tasi wenn du auf tödtung
der feinde regner, keilträger, dein augenmerk richtest I,
131, 6. jö nö däsa drjö vä purustutädöva indra judh^jö
kiketati welcher barbar oder arier, vielgepriesener indra,
uns gottlos zu bekämpfen trachtet X, 38, 3. man: mäojS
v&n gätäv^dasä ja^adhjäi ich gedenke euch ihr ^ätav^das
zu verehren (ich richte meinen sinn auf das euch-verehren)
VII, 2, 7.
gnädig sein: mard: sa nö mrlatldf^e er sei gnädig
gegen unser einen IV, 57, 1. jÖ mrläjäti kakruie kid ägö
vajä sjäma värune anägä: seien wir sQndlos vor Varuna,
der gnädig ist selbst gegen den, der sQnde begangen hat
Vn, 87, 7. Dabei mögen verba mit dem begriffe helfen
erwähnt sein: sad: tv&n deva maghavadbhja: suiSüda: du
gott sei förderlich meinen lohuherrn VII, t, 20. sidh:
näsmäi vidjün nä tanjatü: sis^dha nicht nQtzte ihm der
Uitz, nicht der donner I, 32, 13.
zarnen: kirn asmabhjan ^ätavgdö hmlöe was zürnst
du uns o G'ätavödas? VII, 104, 14 vgl. VII, 86, 3.
Auf den begriff der neigung läfst sich leicht zurück-
führen der sog. dativus commodi, der darum an dieser
stelle durch einige beispiele belegt werden mag: ava sthiri
maghavadbhjas tanuäva spanne den bogen ab, meinen her-
ren zu liebe 11,33, 14. 4pa tj^ täjävö jäthä näksaträ jantj
aktübhi: | stiräja vi9vakakdas^ die Sterne gehen wie diebe
mit der nacht fort, um der allsehenden sonne willen I,
50, 2. ^atair apadran pan4ja indrätra dÄpönajS kavaje
ttb«r den indogennaniflcheD, speclell den vedischen dativ. 89
'rkaafttfia mit bunderten o Indra liefen damals dre Panis
hinweg *) am des dichtere Da^öni willen (von ihm vertrie-
ben) VI, 2O9 4. 4gne jägisthö adhvar^ dev&n devajat^ jaga
Agni opferwertester beim opfer verehre die götter zu gang-
sten des opfernden III, 10, 7. amäja vö marntö jitavö
djäür gihlta vor eurem gewaltigen schreiten barst der him-
mel VIII, 20, 6. tväätä Int tava manj4va indra vevigjate
bbiji Tvaätar selbst bebt aus furcht, um deines zornes
willen I, 80, 14. Äsvapajad dabbftajö sahasrä trlpitä
häthäi: | däsän&m indrö mäjdjä Indra senkte in todesschlaf
dreifsigtausend der barbaren mit seinen schlagen, dem Da-
bhlti zu liebe IV, 30, 21. tjäid kit parvatan girf ^ata-
▼anta sahasrinam | vi stötfbbjö rurögitha du hast diesen
borg, den hundertgestaltigen, tausendfachen geöffnet fflr die
lobsänger Vin,53, 5. tvä ha tjdd indra saptä jüdhjan
ptu'ö vagrin purukütsäja darda: du hast damals kämpfend
die sieben städte fQr den Purukutsa o keilträger gebro-
chen I, 63, 7. vi^väsmibhjä san ^ajatan dh&näni alle
reicbtQmer eroiegt ihr fQr uns I, 108, 13. indrasjdügirasäh
kestfiü vidat sarÄmä tänajäja dhäsim nach anweisung des
Indra und der Angiras fand Saramä nahrung fQr ihre nach-
kommenschaft I, 62, 3. västrä putrÄja mätärö vajanti die
mfltter weben gewänder fQr den söhn V, 47, 6. tväätä
dnhitr^ vahatün krnöti Tvaätar richtet seiner tochter die
hochzeit aus X, 17, 1. üpägirÄ puruhütija säpti härl ra^
thasja dhürSv i jnna^mi die schnellen rosse schirre ich
dem vielverehrten an die joche des wagens III, 35, 2. 9a-«
t&n te ^iprinn ütaja: sud&se hundert hülfen hast du, bärti-
ger, fbr den Sudäs VII, 25, 3. punini hi tv^ puruvära
s&n^ agne v&su vidhat^ r&^ani tve viel gut ist o gabenrei-'
eher in dir dem könig fdr den opferer VI, 1, 13. gäür
aai vira gavjat^ | &9VO apväjat^ bhava ein stier bist du fQr
den stierbegehrenden, ein rofs sei dem rofsbegehrenden
VI, 45, 26. sug&: panthä anrksarä dditjäsa rta jatd wohl
gangbar ist der pfad, domenlos f&r den, ihr Aditjas, der
recht wandelt I, 41 , 4. Will man sich alter categorien
*) Anders fassen BB. im wb. apadran. d. red.
90 Delbrück
bedieneD, so kann man die folgenden beispiele etwa unter
den dativae incommodi rechnen: jd vö mäj4 abbidrühe ja-
^aträ: p4^ä äditjä ripaye viKrtta: | BL^viva, t4n kti jeäa ra-
thena eure listen ihr anbetungswflrdigen gegen den betrü-
ger, eure schlingen die geöffnet sind fQr den feind, möchte
ich über diese hinwegkommen, wie ein reisiger mit einem
wagen II, 27, 16. j6 nö agn^ ärarivän aghäjür arativd
marliajati dvaj^na | m&ntrö gurü: pünar astu s6 asmäi wer
uns o Agni, ein gottloser Sünder oder nichtspender, durch
falschheit zu schaden sucht, dem sei sein eigener sprach
seinerseits schwer, d. h. dessen Zauberspruch treffe ihn sel-
ber I, 147, 4.
Ein dativus commodi ist auch der dativ bei adjectiren
und Substantiven mit der bedeutung lieb, befreundet
u.a. prija: idan nämö rudräja pr^stham diese Verehrung
ist dem Rudra die liebste VII, 36, 5 (am häufigsten findet
sich bei prij& gen. und loc). Itiru: rigä vipdm atithip
Mrur äjave könig der stamme, lieber gast dem menschen
II, 2, 8. sakhi: tan tvä vajä' vipvavärd päsmahe pura»
hüta I sakhe vasö ^aritrbhja: dich rufen wir o gabenreicher
heran, vielgerufener, guter freund den preisenden I, 30, 10.
Bei avitar Schützer finden wir in einem satze gen. und
dativ: tväm ^kasja vrtrahann avitd dv4jör asi | ut^dr^S ja-
thä vaj4m du o Yrtratöter bist der helfer eines oder zweier,
du für solche wie wir sind VI, 45, 5.
Weiter kann unter den dativ commodi subsumirt wer-
den der dativ bei den sog. participien der notwendigkeit»
welche dem lat. sog. participium futuri passivi entsprechen
(vgl. verf. abl. loc. instr. p. 66) sakhä sakhibhja Mja: ein
fireund den freunden zu preisen I, 75, 4. imd u väm bhj>
mäjö m&DJamäna juvÄvate na tu^ä abhüvan eure bekannte
regsamkeit war für euren Verehrer nicht eine anzutreibende,
d. h. brauchte nicht durch euren Verehrer angetrieben zu wer-
den (BR. s. V. bhrmi) 111,62, 1. üdjatasruKe bhavasi ^ravijja:
für den opferlöffelerhebenden bist du ein zu preisender I,
31, 5, vgl. II, 4, 3. n, 19, 4. Ebenso bei sinnverwanten
adjectiven: dßvö-döva: suhävö bhatu mähjam jeder gott
über den indogennasischen, speeiell den vedischen dativ. 91
sei mir wohl anzarafen V, 42, 16, vipv&ni b{ suä&hä täni
tübbjam alles ist für dich leicht zu besiegen IX, 94, 5.
Als letztes beispiel fl)r denjenigen dativgebraucb, bei
dem die grundbedeutung der neigung nach etwas hin noch
deatlicb zu fühlen ist, ftkhre ich an den dativ bei dem
verbum as sein. Oanz rein ist dieser grundbegriff erhal-
ten I, 55, 7: dänija mana: sömapävann astu te zum geben
hingewendet sei dein sinn, o somatrinker. Leicht abzulei-
ten aus dem begriff des neigens und zufallens ist der
possessive dativ indra tübbjam in maghavann abhüma
vajän dätr^ Indra dir o mächtiger gehören wir an, dem
geber VI, 44, 10. &thä vajam aditja vrat^ tayinfigasö &di-
tajg sjäma dann mögen wir o Aditja bei deinem dienst
schuldlos der Aditi gehören I, 24, 15. indra tübbjam
anuttä vlijäm Indra du hast unüberwindliche krafl 1, 80, 7,
vgl III, 14, 7. in, 31, 13. Vn, 34, 1 1. Interessant ist eine
andere Verbindung des verbums sein mit dem dativ, wo-
durch nicht gerade ein besitz, aber doch eine Zusammen-
gehörigkeit oder nahe Verbindung ausgedrückt wird. Meist
steht in dieser art Sätzen eine negation, jedoch kommen
auch positive vor, z. b. sjÄma te däväne v&sünäm mögen
wir für dich (hingewendet) sein zum empfangen von gutem,
d. h. mögen wir solche sein, die von dir gut empfangen
müssen oder zu empfangen pflegen 11^ 11, 1 (vgl. ebenda
vs. 12, wo eine andere wendung desselben gedankens ge-
wählt ist). räj&: sjäma dharünan dhijddhjäi seien wir be-
stimmt zu empfangen die grundlage des reichtums VII,
34, 24. vajä' sjäma bhüvanesu ^v&s^ seien wir bestimmt
zum leben in der weit IX, 86, 38. In den meisten fällen
aber findet sich dabei eine negation: nismdkam asti t&t
t4ra dditjäsö atiäk4de | jüjäm asm&bhjam mrlata nicht, o
Aditjas, ist dieser unser (frommer) eifer zu übertreffen, seid
ihr uns gnädig! VIII, 56, 19. Oewöhnlich ist das verbum
sein zu suppliren: tad vö manitö nädhrä^ ^äva: diese eure
kraft o Maruts ist nicht zu bekämpfen V, 87, 2, vergl. I,
136, 1. V, 8, 5. nahi te agne vräabha pratidhfäe gimbhasö
jad vitisthasS nicht o Agni ist deinen kinnladen zu wider-
92 Delbrück
stehen, wenn da sie aufsperrst (eig. ofFeo stehst) VIII^ 49,
14. na te dämäna gddbhs nicht können deine gaben (die
du uns zugedacht hast) verkürzt werden VIII, 21, 16. nä
ta indra sumatäjö na rija: sanKakde nicht ist dein wohl-
wollen, nicht deine schätze zu überschauen YII, 18, 30i
sadjä: so asja mahimÄ nk sannape durchaus ist seine grölse
nicht zu erreichen VIII, 3, 10- na tat te agne pramfäe
nivartanam nicht darfst du deine rückkehr vernachlässigen
III, 9, 2. jamö nö gätüm prathamö viveda näisi. gavjütir
äpabhartavä u Jamas hat uns zuerst den weg gefunden,
dieses Weideland kann uns nicht entrissen werden X, 14, 2.
naklm indrö nikartav^ na ^akrä: pdripaktave nicht ist In-
dra zu unterwerfen, nicht der starke zu überwinden VIII,
67^ 5. n& värtave prasava: s4rgatakta: nicht zu wenden
ist der schnelle lauf (der flüsse) III, 33, 4. agn^r iva pra-
sitir niha värtave ja'- ja ji^gan krnut^ brahmanas pati: wie
des feuers zug ist nicht zu hemmen der^ welchen zu sei-
nem freunde macht Brahmanaspati 11,25,3. j&sjdmit&ni
virjä' na rädha: pdrjötav^ dessen kraft unermefslich ist^
dessen reichtum nicht zu übertreffen VIII, 24, 21. na tat
te sumn4m äätav6 diese deine wohltat ist unerreichlich IV,
3U, 19. nahi gräbbäj&rana: suf^vö 'nj6darjö manasä man-
tavi u ein tüchtiger fremder aus anderem blute kann nicht
erlangt werden, nicht einmal in gedanken (nicht einmal ist
daran zu denken) VII, 4, 8, vgl. Roth Nir. III, 3. Oft
ist der dativ zu übersetzen durch ein adjectivum im no-
minativ oder accusativ. tveäisö agn^r amavantö arlcajö bbi-
m&sö na pratit4jö scharf, gewaltig sind die flammen des
Agni, furchtbar, unnahbar I, 36, 20. jäd bä'hiöthan n4ti-
vidhe sudänü akhidrä ^arma bhuvanasja göpä | t^a nö
miträvarunav avistam welcher der festeste nicht zu ver-
letzende ununterbrochene schütz ist, ihr wohlspendenden
Schützer der weit, mit dem helft ihr uns, Mitra und Va-
runa V, 62, 9. sugöpÄ asi na dabhäja ein guter Schützer
bist du, nicht zu täuschen V, 44, 2, vgl. VII, 91,2. IX,
73, 8. dvida^äran nahi tag garäja varvarti l^akr&m pari
dj4m ritäsja das zwölfspeichige nicht abzunutzende rad
dreht sich am himmel des Opfers I, 164, 11. rbhuks&nan
über den indogermanischeo, speciell den Tedischen dativ. 93
ua vartava ukth^Su tugrjävfdham | indrä s6m€ sakä sut^
den Rbhukäan, den nicht zu hemmenden, den bei den Tu-
grja weilenden Indra (besinge ich) in liedern beim soma
Vm , 45 , 29. Bei dem passiven sinn, den diese infinitive
im satze bekommen, ist es nicht zu verwundern, wenn bei
ihnen ein instr., wie auch sonst beim passiven verbum auf-
tritt, ja €nam ädidepati karambh^d iti pu^anam | na t^na
deva adi^e wer den PüSan aufruft mit dem namen „kohl-
esser", von dem ist der gott nicht aufzurufen VI, 56, 1.
asja vratÄni nidhfs6 pävam&nasja düdhjä' die werke des
Pavamäna sind nicht zu überwinden durch den bösen IX,53, 3.
nänj^na st6mö v&siäthä äuvetavä va: nicht von einem ande-
ren ist euer lobgesang o Vasisthas zu erreichen VII, 33, 8.
Analog dem lateinischen gebrauch wird auch „dienen,
gereichen zu etwas" ausgedrückt durch as mit dem dativ.
Dabei kann derjenige, dem ein gegenständ zu etwas ge-
reicht, im genitiv oder auch im dativ stehn. asmÄkam id
vrdh^ bhava uns gereiche zur f5rderung (diene zu unserer
färderung) I, 79, 11. An stellen wie I, 89, 5. V, 51, 12.
V,46,6. VI, 15, 3. VI, 46, 3. VI, 46, 11. VII, 24,1. VIII,
13, 3 ist es zweifelhaft, ob man gen^ oder dat. annehmen
soll. Der dativ ist deutlich : && nö harlnäm pata indö deväp-
sarastama: | s&kheva säkhjä närjö Tv3t4 bhava Indu liebling
der götter, herr der falben, gereiche uns männlich zum lichte,
wie der freund dem freunde IX, 105, 5,. vgl. VIII, 27, 4.
Von allen diesen gebrauchsweisen scheidet sich für
unser geflkhl deutlich ab der finale dativ, obgleich auch
dieser sinn des dativs aus dem grundbegri£P der neigung
und richtung hervorgegangen ist. Als einteilungsgrund für
das weite gebiet des finalen dativs bietet sich, so weit ich
sehe, nur dar die engere oder entferntere beziehung, in
welcher der dativ dem sinne nach zu dem satze steht, in
dem er vorkommt. In dem satze: sv4disthä dhltir ulcAth&ja
^asjatä das lioblichste lied wird zum preise gesungen I,
110, 1, oder: dävas tvastÄvase i&ni nö dhät der gott Tv.
möge uns dies zur hülfe geben lU, 54, 12 steht der dativ
offenbar weniger selbständig, als in sätzen wie der folgende:
gdür amimed anu vatsam midintam mürdh&nä hinn akrnön
94 Delbrück
m&tav4 u die kuh blökte nach dem kalbe hin, das die
äugen aufschlägt, sie schreit nach seinem köpfe hin, damit
es sie erkenne I, 164, 28 (vgl. Roth Nir. XI, 42) oder asmä
&pö mätara: sapti tasthur nrbhjas t&räja sindhava: sa-
p&r4: ihm standen still die wasser, die sieben mfltter,
den männern die leicht passirbaren ströme, damit sie
sie flberschreiten könnten Vm, 85, 1. Ich bespreche
zunächst diejenigen finalen dative, welche zu dem verbum
des Satzes in naher beziehung stehen, weil sie den besten
anschluTs an die erste abteilung des dativs gewähren,
mufs aber bekennen, dafs es mir trotz aller mühe nicht
hat gelingen wollen, eine übersichtliche gruppirung zu ge*
winnen.
Zuerst mag erwähnt werden der finale dativ bei:
gehen (kommen), aufstehen, sich setzen«
^ndra jähi pitAjö mädhu ^aviätha somj&m komm heran
gewaltiger Indra, um den süfsen somasaft zu trinken VIU,
33, 13, vgl. VII, 59, 5 et^ ^ukrisö dhanvanti sömä d^va-
sas tin üpa jätä pibadhjäi hier strömen die reinen tränke,
kommt, ihr götter, zu ihnen heran, um zu trinken IX, 97,
20. i häsÄsö n4 ar^saräni gantana mädhör mädäja geht
wie Vögel zum neste, um euch im methe zu berauschen
n, 34, 5. 4 nö makhdsja dävän^ '^väir hiranjapänibhi : |
d^väsa üpa gantana um unseren preis zu empfangen kommt
ihr götter heran. mit den goldhufigen rossen VHI, 7,27.
dviääs tar&dhjä rnaj4 na ijase um die feinde zu überwin-
den mögest du schuldrächend zu uns kommen IX, 110, 1.
&thÖpa präid judhäjö ddsjum indra: da ging Indra vor, um
den feind zu bekämpfen V, 30, 9, vgl. V, 43, 8. VI, 49, 5.
X, 57, 4 u. s. w. prä pavamäna dhanvasi söm^ndrftja p4-
tave du strömst ^ o flammender, f&r den Indra, damit er
trinke IX, 24, 3, vgl. IX, 25, 1. 36, 3. 62, 8. 100, 5 u. s. w.
pr& sadam It sr4vitav6 dadhanju: sie quollen hervor, um
in einem fort zu strömen IV, 3, 12. uK khväitr^jö nrlÄh-
jäja tasthäu der söhn der Qviträ stand auf zum beiden-
kämpf I, 33, 14. üd u 9rij& uä&sö roKamänä &sthur apä'
nörmajo rüpanta: zum glänz erhoben sich die leuchtenden
morgenröten wie der wasser glänzende wogen VI, 64, 1.
über den indogermanischen) speciell den vedischen dativ. 95
ardhvas tilthä na ütaje erheb dich uns zur hülfe I, 30, 6.
ürdhv^va snätf drpäje nö asthät wie ein badendes weib tritt
sie aufrecht hin, dafs wir sie sehen Y, 80, 5, vgl I, 123,
11. asm^ indra 84Kä sut^ ni öada pltaj3 mädhu bei unse-
rem opfer setz dich nieder o Indra, um den meth zu trin«
ken Vm, 86, 8, vgl I, 25, 10. I, 45, 9. II, 41, 21.
Die arme ausstrecken, nehmen, zu erlangen
suchen zum zweck einer sache.
vi^vasja hi ^rustaje dSva ürdhy&: prä bäbdvä prthü-
päni: sisarti zum dienste des all streckt der breithändige
gott aufrecht seine arme aus 11, 38, 2. grbhnÄmi te säu-
bhagatväja hästam ich ergreife deine band zum glQcke
(spricht der gatte bei der Vermählung zur gattin) X, 85, 36.
dhänur hästäd ädadänö mrt&sjäsm^ käaträja värkas6 baläja
den bogen nehmend aus der band des todten, für uns zur
herrschaft zum glänze zur kraft X, 18, 9. t&m apsanta
p&vasa utsav^u n&ro n&ram ivase tan dhänäja ihn (den
Indra) suchen sie zu gewinnen bei den Unternehmungen
der kraft, die beiden den beiden zum zweck der hülfe, der
beute 1, 100, 8, vgl. Vin, 49, 10. 21, 14. 24, 12.
geboren sein zu, stärken^ unterstützen,
schmücken, begeistern zu etwas.
dasjuhatjäja ^agnise du bist geboren zum feindetöten
I, 51, 6, vgl. IX, 94, 4. &süta pf^r mahat^ ranäja tv€d&m
aj^&m marütäm änlkam Pr^ni gebar die glänzende schaar
der behenden Marutas zum grofsen kämpfe I, 168, 9. ruk^
gananta stirjam sie erzeugten (gewannen) die sonne zum
leuchten IX, 23, 2. &gl^ana Ööadhlr bhö^anäja k&m du hast
die kräuter zum genusse hervorgebracht V, 83, 10. brah-
m^a indram mahdjantö arkäir &vardhajann ahaje häntavd u
die Sänger, den Indra preisend mit ihren liedern, stärkten
ihn wegen des Abi, damit er ihn töte, d. h. damit er den
Abi töte (über die sog. attraction siehe unten) ¥,31,4,
vgl in, 52, 8. VIII, 82, 7. I, 4, 9. devinäm patnir u^atfr
avantu na: prävantu nas tngäjö vÄ^asätaje der götter feu-
rige gattinnen mögen uns schützen, sie mögen uns verhel-
fen zu nachkommenschaft und reichtum V, 46, 7. jäbbi
ratham ävatan fpäi (die hülfen) mit denen ihr (unserem)
96 Delbrück
wagen zum siege verbolfeo habt I, 112, 12. Dieselbe cod-
struction bei p& helfen: tan ma rtam p&tn 9at49ära€[&)a die-
ses Opfer schütze mich, so dafs ich hundertjährigkeit er-
lange VU, 101, 6. eta' tja haritö dä^a marmrgjante apa-
sjüva: I j4bhir midäja ^ümbhate diesen (den trank) machen
die zehn geschäftigen mit somasaft gef&rbten (finger) zu-
recht, durch welche er geputzt wird zum zwecke des rau-
sches IX, 38, 3, vgl. IX, 2, 7. I, 130, 6. Kiträir an^ibhir
yapuSe vj ängatg mit buntem schmucke schmücken sie (die
Marutas) sich um schön zu sein I, 64, 4, vgl. VII, 57, 3.
VIII, 7, 25. IX, 45, 3. IX, 109, 20. - s4 im mamäda mÄhi
kärma kartavö (der soma) hat (Indra) begeistert, die grofse
tat zu tun n, 22, 1 , vergl. I, 139, 6. I, 176, 1. IX, 81, 1.
h^rsasva häntave 9üra ^Ätrün begeistre dich o held die
feinde zu töten X, 112, 1, vergl. IV, 21, 9. VIII, 19, 29.
Daran läfst sich anschliefsen der dativ des Zweckes bei
dem verbum trinken: pibä s6mam m&däja kam trinke den
soma zum rausche VIII, 84, 3, vgl. I, 130, 2. II, 19, 1 etc.
t4n indra sahasS piba trinke die^e (tränke) o Indra zur
Stärkung I, 16, 6, vgl. VII, 98, 3. III, 32, 5. IX, 109, 2. tri
6äk4m indrö manusa: säräsi sutam pibad vrtrahätjäja sö-
mam drei kufen des mannes trank Indra auf einmal, den
geprefstcn soma trank er zur vrtrascblacht V, 29, 7. pibä
sömam mahatä indrijäja pibä vrträja hantav^ trink den
soma zu grofser kraft, trink ihn des Vrtra wegen, um ihn
zu töten X, 116, 1.
heranbringen, knüpfen und lösen, rufen, an-
flehen zu einem zwecke.
jkt te jamä' väivasvat4m mänö ^ag4ma dürakam | tat
ta 4 vartajäma8lh4 ksajäja glv46e deine seele die weithin
gegangen war zu Jama Väivasvata, die bringen wir wieder
heran, damit sie hier wohne und lebe X, 58, 1 , vergl. III,
37, 1 . Vin, 58, 1 7. indram itth4 giro m4m4chägur iditä
it4: I ävrte sömapitaje zum Indra vor allen gingen meine
lieder, die von hier entsendeten, um ihn her zu bringen,
damit er soma trinke III, 42, 3.
knüpfen und lösen: väjür junkte röhitä vajür arunÄ
väjti r4the agir4 dhuri völhavg Väju schirrt die roten, die
ttber den indogeraMnischeo, speciell vedischan datir. 97
glänzenden die schnellen an das jocb zom fahren 1, 1349 3*
^ukta sdra ^ta^m pdvamänö manav idhi | antarikfiena j4*
tave Süra schirrte das rofs an, flammend über den men-
schen, um durch die luft hin zu wandeln TX^ 63, 8, vergl.
I, 48, 4. 1, 157, 1. I, 87, 3. II, 18, 3. III, 50, 2 etc. jdtbft
jugä' varatr&jä n&hjanti dharünäja kam | €vä dädhära te
manö givitavS nk mrtj&v^ Hhö ariät&tätaj^ wie sie das joeh
festigen mit einem seile, damit es halte, so habe ich deine
seele festgehalten, damit sie lebe, nicht sterbe, vielmehr
damit sie unverletzt sei X, 60, 8. ava sja 9ür4dhvanö
ninte 'smin nö adja sivan^ mandadhjäi spanne aus o beld
wie am ende des weges, damit du dich an unserem beuti-
gen opfer ergötzest IV, 16, 2. munkämi tvä havidä gfva-
nfija kam agnätajaksmät utk rägajakdmdt ich löse dich
mit dem opfer damit du lebest, von anschwelluog und ab-
zehrung (nach Grohmann Webers ind. stud. IX, 400) X,
161, 1. jat sim 4nu pr& mulkd badbadh&nä dlrgham anu
prasitl sjandaj^dhjäi als du die gefesselten (wasser) befrei-
test, damit sie den langen weg hin flöfsen IV, 22, 7.
rufen: indram prätar hav&maha indram prajatj ädhvarej
indrä sömasja pitajö den Indra rufen wir in der frohe, den
Indra wenn das opfer vorwärts geht, den Indra damit er
soma trinke I, 16, 3, vgl 1, 4, 1. I, 19, 1. I, 21, 3 und oft.
loben, preisen: ta hi ^äpvanta flate sruki deva
ghrta^küta | agnl' havjdja völhave ihn flehen sie fortwäh-
rend an mit dem buttergiefsenden opferlöffel, den Agni um
des Opfers willen, damit er es (zu den göttern) führe V,
14, 3. kirip Kid dhi tv4m fttö dütjäja der Sänger erbittet
dich zum botenthum (bittet, dafs du sein böte seiest) VIII,
92, 13. tarn it sakhitvÄ Imahö ta' räj^ tä' suvfijä ihn er-
bitten wir zur freundschaft (loc), zum reichtum (dat.), zu
heldentum (loc.) I, 10, 6. tv4m Imahe ^atakratö | indra
vrtr^ja hantav^ dich flehen wir an o weiser, Indra um des
Vrtra willen, damit du ihn tötest III, 37, 6, vgl. 5. agni'
dviiö jötaväi nö grnimasj agnl' 9a' j6q Ra dätavö den Agni
flehen wir an, unsere feinde zu entfernen, und gutes za
spenden VHI, 60, 15, vergl. IV, 32, 9- X, 74, 6. I, 3^, 13.
katj agndja: k4ti stirjfisa: kätj uädsö k&tj u svid 4pa: | n6-
Zeitachr. f. vgl. sprachf. XVIII, 2. 7
98 Delbrflck
paspl^a ya: pitar5 vad&mi prKb^mi va: kavajo vidmAnö
k&m wie viel sind der feuer, wie viel der sonnen, wie viel
der morgenröten, wie viel doch der wasser? nicht zum f&r-
witz frage ich euch ihr vftter, ich frage, um es zu erfahren
X,88, 18, vgl.I, 164,6.
Scblierslich mögen sich einige belege anreihen fCir den
oft vorkommenden fall, dafs ein dativ in nahem Verhältnis
zu einem verbum und einem davon abhängigen Substantiv
steht, tübhjam . . • dbasi' hinvantj attave dir bringen sie
speise zum essen VIII, 43, 29. tvam purd sahasräni ^at&ni
Ka jüth4 dänÄja mähase du mögest uns viele tausende und
hunderte von herden zum geschenke geben VIU, 50, 89
vgl. VI, 45, 32. tva söma mah^ bhagä tva jdna rtäjat^
I dakfö dadhäsi glvasd du o Soma giebst dem alten opfe-
rer glück und dem jungen, du giebst kraft zum leben I,
91, 7. bh&gö arjamÄ savitÄ pürädbir mahjä tvädur g&r-
hapatjäja devd: Bh. A. S. P. die götter gaben dich mir,
damit du die herrin des hauses seist X, 85, 36. 9a' na:
kä^tram urü gjötrsi söma gjön na: sdijä dr^äje rinhi gieb
uns heilsam weiten Wohnsitz, lieht o soma und lange die sonne,
damit wir sie schauen IX,91,6, vgl. 11,27, 10. devä na aju:
pra tirantu glv&sö die götter mögen unsere zeit verlängern^
dafs wir leben (oder, indem mau glväsö noch näher mit Äjus
verbindet, „unsere lebenszeit") I, 89, 2, vgl. 1, 44, 6. VIII,
18, 18 und 22. VIII, 48, 4. X, 14, 14 etc. jdnis ta indra
nij&dö akäri ein platz ist dir bereitet zum niedersitzen 1,
104, I. urü nas tanv^ tana urü käajäja nas krdhi | urü
nö jandhi glvase räum schaff fOr uns und unsere kinder,
räum ftkr unsere wohnung, räum auf dafs wir leben VIII,
57, 12. pfirvfr hi te srutäja: sänti jdtave viele pfade sind
dir zum gehen IX, 78, 2. sugdn pathö akrnön nirÄ^e gä:
wol gangbar machte er die pfade, um die kahe herauszutrei-
ben m, 30, 10, vgl. I, 113, 16. IV, 37, 7. VII, 44, 5. Vffl,
5, 9. VIII, 7, 8. VIII, 45, 30. X, 75, 2. X, 108, 6. gj6tir
andhdja kakrathur vik&kse licht habt ihr dem blinden ge-
flacht zum sehen I, 117, 17. abhi västrä suvasan^nj arää-
bhi dh^nü: sudüghä: püjamäna: | abhi kandri bhartave nö
hiranjä ströme uns flammend zu (o gott Soma) schön ein«-
aber den indogeiin«iiiseheii, specieU vediachen dstir. 99
hflllende kleider, schön milchende kflhe, glänzenden gold-
schmnck zum tragen IX, 97, 50.
An diese aufzählung von beispielen knClpfe ich einige
allgemeinere methodische bemerkungen, um schliefslich Ober
den dativ des griechischen lateinischen und deutschen ein
paar worte zu sagen.
Der ausdruck „grundbedeutung^, den ich oben p. 82
gebraucht habe, ist ebenso wichtig als vieldeutig und bedarf
also einer genaueren definition. Man hat sich der ursprflng-
lichen bedeutung der casus modi und tempora auf versciiie-
denen wegen zu nähern gesucht. Der erste war der philo-
sophisch-construierende. Er ist heut zu tage unbetreteo.
Bs ist nicht mehr nöthig, gegen diejenigen, die nur eine
bestimmte zahl von casus als möglich aufstellten, und je-
dem casus in diesem Schema seinen platz anwiesen, zu
polemisieren. Eine zweite art, den grundbegrifTen auf die
spur zu kommen, ist durch die vergleichende formenlehre
nahe gelegt. Man zerlege die casusform in ihre bestand-
theile und bestimme vermittelst der etymologie den sinn,
den die form haben kann. Wenn der zustand unserer ety-
mologischen kenntnisse eine solche erklärung der casusfor-
men gestattete, so wäre gegen diese methode nichts einzu-
wenden, aber leider wissen wir Ober diejenigen elemente,
die aus dem thema die casus bilden, aufserordentlich we-
nig, und sind also factisch nicht im stände, der syntax von
Seiten der etymologie zu hOlfe zu kommen. Mithin sind
wir ftkr unseren zweck angewiesen auf beobachtung des
Casusgebrauches. Aus dem gebrauche nun hat man
wol versucht, den eigentlichen sinn eines casus derart zu
ermitteln, dafs man die einzelnen ftlle nebeneinander stellte,
das verwandte zu umfangreicheren und inhaltsloseren be-
grifTen bereinigte, und so einen logischen Schematismus
aufbaute, dessen spitze irgend eine allgemeine kategorie
wie causalität Wechselwirkung und ähnliche bildet. Auf
diesem logisierenden wege ist es vielleicht möglich, für
mehrere (nicht ttiv alle) casus eine ganz allgemeine kate-
gorie zu finden, aber die erkenntnifs der sprachlichen Vor-
gänge gewinnt dabei nicht, da es natürlich nie anzunehmen
7*
100 Delbittek
ist, dafs einem aprechenden voIke bei dem gebrauch seiner
oasos solche philosophische allgemeinheiten im bewuistseiii
geschwebt hätten. Man darf vielmehr aus der gebraucha-
weise eines casus seinen grundbegriff nur zu eruieren Sa-
chen auf dieselbe weise, wie man die grundbedeutung je-
des Wortes zu finden sucht: auf historischem wege. £a
handelt sich nicht darum , den höheren begriff zu findeuj
unter den die einzelnen gebrauchsweisen sich logisch ein-
ordnen lassen, sondern den historischen ausgangspunkt, von
dem die bedeutungsentwickelung anhebt Um diesen punkt
zu finden, dazu verhilft bekanntlich bei einer menge von wer-
tem die directe oder indirecte Überlieferung. Bei andern ist
man lediglich auf die allgemeine erfabrung angewiesen,
dafs sich begriffe aus anschauungen , nicht anschauungen
aus begriffen zu entwickeln pflegen. Die am meisten sinn-
liche bedeutung hat im allgemeinen das präjudiz für sich,
die ältere zu sein (vgl. G. Curtius grundz. p. 87 flgd.).
Wenn man nach diesen grundsätzen den gebrauch
eines casus behaudelt, kommt man auf einige, günstigenfalls
auf einen begriff, an welchen der übrige gebrauch sich an-
geschlossen haben muis. Diese älteste erreichbare bedeu-
tung eines casus, gleichviel ob aus einem oder mehreren
b^riffen bestehend, nennen wir seinen grundbegriff*. Da-
mit ist natürlich nicht gesagt, dafs dieser grundbegriff dem
casus anhaftete, als die casusform geschaffen wurde, son-
dern nur, dafs es jetzt nicht gelingt, weiter in die ge-
schichte des casus vorzudringen, als bis zu diesem oder
diesen begriffen.
Was nun speciell den dativ betrifil, so haben hoffent-
lich die angeführten beispiele bewiesen, dafs man als grund-
begriff des vedischen dativs aufstellen mufs, „die körperliche
neigung nach etwas hin^. Und dieses scheint a«ch der
grundbegriff des dativs überhaupt zu sein. Der dativ
scheint in der that als der Vertreter einer körperlichen be-
weguog des sprechenden aufgefai'st werden zu müssen. Ich
versuche die entstehung des dativs an einem phantasierten
falle deutlich zu macheu. Gesetzt, in der wurzelperiode
der indogermanischen spräche habe jemand einem andern
ttber den indogermanisdieB, speciell Tedischen datir. 101
erziblen wollen „Ich habe dem manne das gold gegeben^.
Es standen ihm drei.^wnrseln^ mit dem sinne mann gold
geben zur verfOgung. Die Verbindung, in welche diese
wurzeln dem sinne nach treten, wurde nicht sprachlich
aosgeddlckt, sondern durch gesticulationen angedeutet, um
zu zeigen, dafs von ihm selbst die rede, deutete der. Spre-
cher auf sich, die grölse des überreichten g^enstandes
beschrieb er mit den händen, und auch der mann figurierte,
wenn auch nicht in person, sondern vertreten vielleicht
dorch den angeredeten, oder wenigstens, indem ein fleck
der erde bezeichnet wurde, wo er befindlich gedacht wer-
den sollte. Man kann das auch so ausdrflcken: die erzäh-
Inng war urspünglich eine scenische darstellung des ge-
schehenen, bei der die phantasie die fehlenden dinge als
gegenwärtig zu denken aufgefordert wurde. Es werden in
der erzAhlung anch die gesten der handlung reprodnciert,
also auch die bewegung des gebens nach dem fingierten
empf&nger hin wiederholt. Bei dieser bewegung stellte
sich, gerade weil sie selbst durch den mangel eines em-
pfiUigers wenig sprechend war, ein laut oder lautcomplex
ein (nach welcher association zwischen laut und körperli-
cher bewegung, wissen wir nicht). Dieser laut oder laut-
complex begleitete und vertrat die bewegung, er wurde,
wie wir uns modemer ausdrücken würden, eine praeposition
mit der bedeutung „nach etwas hin geneigt^. Diese prae-
position trat hinter das wort mann, und als dieses sich
mit der zeit zu einem nominalthema gestaltet hatte, wuchs
es mit ihm zusammen, und die so entstandene form nennen
wir dativ. Die form dieser praeposition könnte, nach
dem sing, zu schliefsen, ai gewesen sein. Was dem dat. plur.
nnd dual, zu gründe liegt, ist noch nicht hinreichend er-
mittelt (vgl. Curtius Chronologie 72 flgd.).
Dieser grandbegriff wie er sich aus der betracbtung
des vedischen dativs ergiebt, ist zugleich der gmndbegriff
des indogermanischen dativs, denn er ist so einfach und
ursprünglich, dafs ihm kein anderer vorausgegangen sein
kann. Auf denselben grandbegriff würde man auch durch
die betracbtung des lateinischen dativs gekommen sein.
102 Dfabrttck
Der sog. dativ des griechischen and deutsehcn sind za-
sammengesetzte casus, wie ich in meiner schrift ,,abL loc«^
etc. erwiesen habe. Ob der lateinische einfach oder zcft-
sammengeselzt sei, war ohne die vergleichung mit dem
vedischen nicht zu bestimmen. Schon daraus allein ergiebC
sich die richtigkeit von Miklosich^s behauptung: ^dw alt-
indische erweist sich als der wahre ausgangs-
punkt f&r die syntax der arischen (d. i. indogermanischen)
sprachen^ (M. der praepositionslose k>cal in den slaviseben
sprachen. Wien 1868; besond. abdruck aus den sitzung&*
her. nov. 1867 p. 26). Ist aber der vedische gebrauch der
ausgangspunkt ftkr das verständnifs, insofern er allein die
richtige anordnung an die band giebt, so ist er auch am
besten der ausgangspunkt für die darstellung. Dazu kommt^
dafs wenigstens in betreff des abl. loc. instr., wie ich glaube,
aus dem vergleich mit denselben casus in anderen sprachen
erwiesen ist, dafs die vedischen casus dem ursprünglichen
bei weitem treuer geblieben sind, als die casus der ver*
wandten sprachen. Aus diesem gründe erscheint mir meine
hypothese^ dais die vedischen casus ungefähr denselben
syntactischen umfang hatten wie die indogermanischen (abl.
loc. instr. p. 75) wol begründet*). Und darum ist denn
auch der gebrauch des vedischen dativs in dieser abhand-
lung vorangestellt.
£s ist noch übrig, einiges Ober den dativ im griechi-
schen, lateinischen und deutschen zu sagen. Ich habe
schon abl. loc. instr. 73 darauf aufmerksam gemacht, dafs
der griechische dativ oder vielmehr localis aus dem lo-
calen, dem instrumentalen und dem reinen dativ besteht,
und die paragraphen in Curtius grammatik bezeichnet, die
den reinen dativ behandeln. Mit gröfserem rechte als der
*) Schweizer in d. zeitschr. XYII, 802 meint, ich »glanbe einfach an-
nehmen zn dürfen, dafs die indogermanischen casas die bedentangen von
anfang an gehabt haben, weh he sieh aus deren gebrauch im reda eruieren
lassen** Dabei ist mein ungefähr unbeachtet gelassen, und das ^yon an-
fang an** mifsverstttndlich. Ich habe nur sagen wollen, dafs die casus im
ganzen und grofsen denselben bedeutnngsumfang in der periode dicht vor
der volJcertrennung gehabt zu haben scheinen. Von dem sinne der ca-
sus in einer noch älteren zeit der indogermaniachen spräche habe ich nicht
gesprochen.
ttber den radogeraanischeii, speciell vedischen dfttiv. 103
gewöhnlich so genannte dativ wird dem altindisohen dativ
parallelisiert der griechische infinitiv. Wenigstens scheint
mir das eine fest zu stehen, dals die inf. auf '/iBvai dative
von neutralen Substantiven, nicht loc. von femininen sind.
Es scheint mir in der that nicht der geringste grund vor-
zuliegen, warum man das homerische iöfisvai anders auf*
&S8en soll, als das vedische vidm&ne (vgl. aufser den oben
angeführten stellen von Benfey und Kuhn auch Grafsmann
zeitschr. XII, 255). Man darf also die Infinitive auf -usvai
sicher mit den vedischen dativ- infinitiven vergleichen, die
flbereinstimmung des gebrauches ist, wie man sich leicht
flberzeugen kann, in der that grofs. Auch darin Iftfst sich
der gebrauch vedischer und griechischer infinitive veif^Iei-
chen, dafs in beiden sprachen der infinitiv im sinne des
imperativs gebraucht werden kann. Z. b. tä' vö dhiji n&-
yjas)& ^viätam pratniun pratnav&t paritasaj&dhjfii den kräf-
tigen setzt in bewegung mit eurem neuesten Hede, den al-
ten auf alte weise VI, 22, 7. süktdbhir vö v&Köbhir dev&-
guätllir indrft nv kgnt ivas^ huvadhjäi mit euren gesängen,
euren gottgefälligen gebeten ruft Indra und Agni her zu
bOlfe V, 45, 4. Im sinne der ersten pers. plur. des imper.
a(^ä n4 tvä vdravantä vandädhjä agnf namöbhi: wie ein
langgeschweiftes rofs wollen wir dich loben o Agni I, 27, 1,
vielleicht im sinne der ersten sing. VI, 67, 1. Ueberall
erscheint nur der inf. auf -dhjäi, im griech. sowol der auf
'(f&ai z. b. Ilias V, 124, als der auf -eiv. Der inf auf
-dhjäi ist sicher ein dativ (zeitschr. III, 360). Auch die
(^echischen auf -^ai (Max MOller zeitschr. XV, 220) oder
"if&ai sind dative. Die griech. auf -eiv weifs ich nicht zu
eiklftren. Mögen sie nun acc. sein (zeitschr. XI, 317) oder
dative mit verkürzter endung wie Schleicher comp. p. 426
annimmt', oder endlich locale, wie neuestens Scberer zur
gesch. d. d. spr. 474 aufstellt {tpkotiv aus ffiQtn loc. eines
neutrums) — jedenfalls stammen sie von einem casus, der
die richtung nach etwas hin ausdrücken kabn, und aus
chesem sinne des casus erklärt sich auch der imperativische
gebrauch des infinitivs. Ueber denselben gebrauch im
deutschen Grimm IV, 86.
104 Delbrftdi
In dem lateinischen dativ ist eine formelle misohong
mit dem loc. eingetreten, syntactisch aber scheint er rein
zu sein. Die bedeutungen des alten localis sind vertreten
teils durch den in resten erhaltenen alten localis, teils durch
den ablatiT (verf. abl. loc. instr. p. 72). Es schrint also,
daCs der ganze dativ des lateinischen zur vergleichung mit
dem vedischen herangezogen werden dürfe. Dafs auch die
lat« infinitive anf -re dative und zwar von subst. anf -as
sind, ist jetzt wol allgemein anerkannt (Schleicher comp.
472). Auch die lat. iiif. finden daher ihre erklämng nur
rom dativ aus. Als interessant f&r die lateinische syntar
ist mehrfach, z. b. von Benfey kurze skr. gr. p. 237, die sog.
attraction bei dem vedischen dat.-inf. bezeichnet worden.
Er sagt darüber: „bei den als inf. gebrauchten dativen steht
überaus häufig das von ihnen abhängige nomen ebenfalls
im dativ, worin deutlich der innige begriffliche zusammeo-
hang zwischen dem infin. und dem partic. fat. pass. (ge-
rundivum), wie er am stärksten im lateinischen hervorbricht,
zu erkennen ist, z. b. vrträja hantave Vritrae occidendo
(ad Vritram occidendum), tamas^ viprke tenebris dividendis
[IV, 13, 3], drpe vi^väja gewissermafsen omni videndo (ad
omne videndum) [I^ 50, 1, vgl. Sonne zeitscbr. XII, 357]^.
vergl. auch Roth Nir. IV, 18 und VII, 25. Ich glaube
nicht, dafs man in der mehrzahl der hierher gehörigen ftlle
ein recht hat von attraction zn sprechen, vielmehr glaube
ieh, dafs vrträja hantave zu übersetzen ist „des Vrtra we-
gen, damit du ihn tötest^, so dafs jeder der beiden dative
selbständig zu seinem rechte kommt. Diese auffassung
pafst auf alle fHlle, in denen der dativ vor dem inf. steht^
und diese sind weitaus in der überzahl, z. b. 111,29,4.
in, 37, 5 und 6. V, 2, 9 und 10. V, 14, 3. V, 3S 4. VIH,
82, 7. VIII, 85, 5. IX, 61, 22. IX, 86, 20. X, 16, 12. X,
116, 1. X, 182, 3 u. a. m. Dagegen scheint in den weit
selteneren fällen, wie t^v asmäbhjä drpdjs stirjäja pünar
dätäm asum adjeh& bhadr4m mögen die beiden uns beute
wieder frohen lebensodem verleihen, dafs wir die sonne
schauen X, 14, 12 und X, 88, 1 (Itoth Nir. VII, 25) aller-
dings eine art attraction vorzuliegen. Doch trägt diese
über den indogermanisclien, speciell vedischen dativ. 105
SO weit ich sehe zur aufklftrung des latein. genindivums
nichts bei.
In dem casus, den man im deutschen mit dem na*
men dativ zu bezeichnen pflegt, sind vier indogermanische
casus vereinigt, nämlich der dativ, localis, Instrumentalis,
ablativ. Nur indem man den dativ in diese vier bestand-
tbeile scheidet, vermag man ihn durchsichtig darzustellen,
was A. Köhler in PfeiflPers Germania XI ^ 260 flgd. nicht
getban hat. Aus Grimms darstellung des dativs gehören
som reinen dativ folgende partien: IV p. 684 no. 1, 2, 3,
4 — p. 691. No. 5 auf p. 691 gehört vielleicht zum theil
zum localis (vgl. abl. loc. instr. 38 und 74). Femer gehört
xnm dativ no,6— 18 und p.746 A. B 1—5, 7,8,9 vielL 10.
Echte dative aus dem angelsächsischen und altnordischen,
die dem grundbegriff des dativs noch ganz nahe stehen,
fahrt Dietrich Haupts zeitschr. XIII, 128 flgd. an.
Ob die Urform des deutschen infinitivs ein aec. dat.
oder loc. gewesen sei, ist nicht deutlich, er ist also nicht
so sicher mit dem vedischen dat-inf. zu vergleichen, wie
der griechische und lateinische.
Auffallend ist, dafs mit dem dativ weder im sanskrit
noch im lateinischen praepositionen verbunden werden.
Ebenso wenig im griechischen, denn bei kv^ dva^ ^f^^fA
ini, nagd, nBQt^ ngog^ vno steht nicht der eigentliche, son-
dern der locale dativ, bei övv und jusra der instrumentale.
Von den gotischen praepositionen die mit dem dativ ver-
banden werden, verlangen den ablativischen dativ: af, us,
faora, fram, alja, vielleicht die comparativischen afar, hin-
dar, ufar, ufaro, undaro, obgleich man bei ihnen auch an
den localis denken könnte; den localis: ana, at, bi, in, uf;
den instrum.: mip. Für den reinen dativ bleiben nur du
und die späte praeposition nehva. Im litauischen ist eben-
falls nur eine praeposition der Verbindung mit dem dativ
Ahig, nämlich po (Schleicher 291). Häufiger ist diese
Verbindung im zend (nach Justi bei aibi, avi, ä, pairi, mat).
Bedenkt man aber die wahrhaft erschreckende liste von
casu8-„umtanschungen^ bei Justi p. 386, so kann man sich
der meinung nicht erwehren, dals im zend der casusge*
106 WUbmndt
brauch Oberhaupt in unordoung gerathen ist« Bei diesem
Stande der sache wird es wahrscheinlich, dafs der indoger-
manische dativ nicht mit praepositionen verbunden wurde.
Halle, juli 1868. B. Delbrflck.
Jubere.
Mancher stamm und manche wurzel des lateinischen
zeigt uns, wie leicht der lippenselbstlaut den entsprechen-
den hauch hervortreibe, wie leicht u v doch wiederum sich
dissimilire. Wie neben, ja schon vor vacuus (Accius) va-
clvus (Plaut.) erscheint, neben nocuus (Ovid.) kaum jünger
nocivus (Phaedr.), wie neben deciduus (Laber.) decidivus
(? Perv. Veneris), so sehen wir von Status nicht blofs sta-
tua (Bnn.; doch wohl imago statua eig.)^ sondern schon
bei Varro stativus. Auch ohne dafs ich noch ruvidus bei
Plin. (Forcell) von ruere neben nvus anftkhre (sollte dies
auch von sru stammen, zeitschr. XII, 413), erräth man,
was ich will: jene paare stammen aus formen mit -tLvus.
So hat der alte Lucr. noch fiavidus (nach Lachm. II, 452
auch fiuvidus); wie Forcellini neben Fluonia Fluvonia (var.
lect. auch Fluvionia) beut, so las Saumaise bei Solinus
fluvitare. Besonders in hauptwörtern sieht man vor i das
alte UV sich ofb behaupten: fiuvius; con-, defluvium (auch
diffluviare, denominativ), influvium (?), profluvium; plnvia:
com-, dis-, impluvium; exuviae, induviae, rednvia; col-,
di-, inter-, malluvium, pelluviae, proluvium, subterluvio,
subluvies, circumluvium (oder -o), eluvies, il-, reluvies.
Von Zeitwörtern finde ich nur depuvit (Lucil.); denn op-
puviare ist ja erst aus oppuvium denominativ. Verdächtig
(Forcell.) abluvio, praefluvium. Hat man nur die ange-
fahrten hauptwörter vor äugen, so mag uv im lateinischen
beliebt scheinen, wie denn confluges (im slavischen, wenn
zeitschr. XIV, 224 recht hat, in derselben wurzel diese Ver-
mittlung regel) sehr als ausnähme neben confluvium, Con-
fluentes steht; doch dürfen wir uns vor allem nicht ver-
jttbere. 107
heblen, dafs fast ohne auBnahm,e die beweglicheren Zeit-
wörter diese behäbigkeit verschmähen: fiuere, pluere, exnere,
induere, luere. Wir sahen schon oben fkw zu Iv erleichtert;
dem ähnlich wäre noch anzuführen qnadrivium aus qua-
toor, eine erleichterung, die freilich auch in quadrijugus
erscheint« Umgekehrt tritt aber auch, uv zu dissimiliren,
erschwerung des selbstlautsein: perplovere (Corsa. II, 160),
conflovont (Corss, I, 238- 261), foverint*) (Corss. II, 159)
nicht blofs als Vorgänger, vorQbergebende, jener perphiere,
sondern auch Jovis. Wie nun nach obigem, uv zu dissi-
miliren, der Selbstlaut entweder (mehr in älterer zeit) Stär-
kung oder Schwächung erlitt, so tritt nun neben den aus-
wurf des hauchs (fluere) die Stärkung desselben zur media.
Darf man nicht nach Marruvium, Marrubium auch Litu-
bium beurtheilen? Freilich bleiben Lanuvium, Simbruvium;
Pacuvius, Vitruvius so stehn; das darf nicht wunder neh-
men nach obigen beispielen, um so minder als namen
— da sich minder aus dem Zusammenhang, was oder wen
man meine, ergibt — wohl noch starrer sein möchten,
wenn ja gleich zuzugeben, dafs wiederum das festhalten an
der Wurzel hier durchaus nicht interesse war. Dübius von
düo scheint mir so unzweifelhaft als dafs das o hier dual-
enduDg; denn das b aus v entstehn zu lassen, hindert
mich wßder zeitschr. XIII, 397 noch XVI, 438. Dort die
Zusammensetzung von aiAtfigßriXHv wie tveifis zugegeben,
hätten eben diese beispiele warnen mögen in dubius Zu-
sammensetzung unsers Zahlworts mit einer wurzel die hier
als „b" erschiene anzunehmen; hier aber ist vidadhsti as
(di)vidit wohl ganz vergefsen? Ich komme noch einmal auf
Jövis zurück. Ihm aufs haar gleicht bovis; davon das von
Varro verworfene — doch also gesprochene! — bövile.
Wir thun wohl recht im anschlufs an zeitschr. II, 4 als
ursprfinglichen laut der nominative den doppellaut anzu-
setzen. Wie douco : düco, so Jupiter. Dafs es nun bös
^) Anch diese form darf angeführt werden, sollte auch Gorwen recht
b«lialten, der als das ursprüngliche hier einen doppellaut (foa-e-rint) annimmt
Efl ward eben ans fou-e-rint zwar fuerint (wie douco : düco), aber doch mit
umgebusg yon uy ttlter foverint.
108 WUbrandt
biefs, mag dem streben der gleichsetzung (mit bovis u. s. w.)
zu verdanken sein — bovis u. s. w. werden zu beartheilea
sein wie oben föverint. Wir finden nun aber formen, in
denen auch bei der consonantischen vermittelung dem ver-
einfachten doppeliaut die dehnung gewahrt blieb. Die
dehnung aber bestand in fl und — die vermittelung daan
in h! Bübile (Curt. II, 159) gefiel dem conservativen Vanro
befsor. Aehnlich Babona, bübulus. Dafs auf diese weise
das wort förmlich im stamm wuchs, mag eben seiner ein-
silbigkeit zu danken sein: bildete man doch sogar bubse-
qua — eine form die wohl meine aufiTassung von dubius
oben stOtzen mag. Onomatopoetischem einflufs nämlich
mag es hier zugeschrieben werden, wenn das dissimilirende
6v dem dissimilirenden iib wich: bübulcus, subulcus*), sü-
bare (sss ißäv) dürfen noch minder auffallen als jenes buh»
sequi). Zum dritten und letzten mal a Jove principium!
Jnbar nämlich deutet zeitschr. lU, 162 ausjuvas, der Wur-
zel entstammend, der Jupiter, Jovis u. s. w. gehören. Ich
*) Man erlaube mir diese ausdrücke nach moglichkeit auch ihrem zwei-
ten theil nach ins klare zu setzen. Promuleum, reranlcum (Corsaen I, 259)
sind ja natttrlich nicht von jenen zu trennen. Festus (: remulco est, cum
scaphae remis navis magna trahitur), sieht man, will mit seiner erkUnmg
auf remtis hin, und ich gestehe, trotzdem dafs der (freilich späte) Ansonina
rifmulcum hat, trotzdem dafs wir gewifs in erster reibe an entlehnnng aus
QvfiovXxflv zu denken haben (Am. XVIII, 5 beut rymnlcis, dat. pL): die
entstellung mag anklang an remus sein. Mit remeligines (remorae) es co-
sammenzubringen, hindert mich die bedeutung; eher mochte ich bei diesem an
ftfvtiv denken, von dem ja auch dissimilirend ftikktu- stammt (jAÜktt ist activ
zum medium mdnjate d. h. meminit, cogitat, vgl. j'ai pens^ monrir), ja dessen
Wurzel selber schon aus dem beharren in das andre übergeht; ufvfir (uifioroc)
: fiito^f f4iftaa= yn'ia&at> iyiynra) : yitoq, yf'yaa' Nicht viel leichter flUlt
promulcum mit promellere (== litem promovere Fest.) zusammenzubringen.
Dies promellere wird ja ein causativ von meare sein, wie trt/lXf.i' bei Hom.
neben ar^i-ai und unser „stellen'' tritt, wie neben dbajati ^ 9-rJTcu, wie
sich auch ßiiikka dazu verhalte (vergl. indessen dev£s ^ &ti\)i fellat, frei-
lich ohne causa tive bedeutung; vergl. also cantillare, noch besser conscribil>
lare; so kommen auch sonst causativ und deminutiv zusammen, vergl. 8tei>
gern, räuchern mit stochern, plattd. bäwe'n (gleiche, hebern von beben, wie
von tremere : it. tremulare, franz. trembler), klettern. In promulcum aber
scheinen wir genSthig^ ein lateinisches verhältnifswort anzuerkennen: prom,
entsprechend dem goth. fram, engl, from, sich zu allemächst aber anschlie-
fsend an nQOfinq, Der zeitwortstamm aller obigen ausdrücke wird auf ^Im§§ip
zurückkommen, aus dem ja sulcus wie nlcns zu deuten — wie Gurt. I, 830
wegen f^i|rm u. s. w. zuletzt auf svar zurückkommt, hätte er auch 106. 107
wohl Uxtt und fkxm; vereinigen sollen.
Jubere. 109
schliefse mich dieser ansieht i^n, lasse also X, 356 nur in^
aofern gelten, als jüba and jübar gewifs zuBammengehören.
Bei dieser Wörter Zusammenstellung mit i&etga fehlt nämlich
der nachweis, dafs je sonst ü s= e. Fälle wie scopulns,
nebula, Siculus, triobulus, auch mulgere =i a/Äskystv (Cors-
sen I, 258. 259) sind doch verschieden — als wenn man
mit peUo, pepuli, pulsus; vulsus von vello obiges belegen
wollte I Für jene ältere deutong von jubar (und juba) läfst
sich, meine ich, auch noch etwas mehr anfahren, als jene
dichterstelle, welche in merkwürdiger weise die bedeutun-
gen der wurzel, um die es sich hier handelt, zur gemein-
samen anschauung bringt, Vergil. I, 588: Restitit Aeneas
elaraqne in luce refiilsit Os umerosque deo similis; nam-
que ipsa decoram Caesariem nato genetrix lumenque
jttventae Purpureum et laetos oculis adflarat honores.
Was nämlich jubere betriffl;, so erräth man nun, wie ich dar-
fiber denke: zu jüvare (gut sein) gehört jubere (gut heifsen).
Im tit.Mumm. kommt ja jovbere vor (zeitschr.11,368). Diese
alte Schreibart ist auch meiner vermuthung günstig. Dafs
av sich zu ov oder üb dissimilirte, ist oben nachgewiesen.
Sollte nun der Steinmetz beide dissimilationen verbunden
haben? Vielleicht sprach damals (nach 146 vor Chr.) noch
nicht jeder ohne ausnähme so hart (üb) aus: jeuer setzte un-
parteiisch beide weisen nebeneinander, wie unsre, uns selbst
nach grade seltsam scheinende Schreibweise „ Stadt ^ platt-
deutschen, dann hochdeutschen gerecht wird; ja wenn
nun wirklich joussi (zeitschr. II, 363) vorkommt, was wird
das anders sein, als erinnerung, nachklang des alten jovere
(ein ziemlich beliebter tonfall: monere, docere, tongere,
horrere, mordere, sordere, fovere, movere, vovere, torrere,
spondere, tondere, torquere)? Freilich mathematisch genau
hAtteu sie jovsi oder jossi schreiben sollen. Dies jossi aber
deotet uns wieder an, in wie vielen formen des Zeitworts das
o (ja nur aus u dissimilirt) gar nicht recht durchgedrungen
gewesen sein mag, n&mlich überall wo der grund zur dissimi-
lation fehlte. Jussi, meine ich, läfst sich aus jubeo mit urspr.
oder gar p gewesnem b gar nicht erklären — man vergl.
doch nur: nupsi glupsi scripsi gegen ussi, gessil Die rechts-
110 Wilbrandt
gelehrten liefern uns manchen beweis, dafs die bedentung,
welche bei Lübker (in Klotz' wb.) zuletzt steht („ geneh-
migen **), zuerst stehn mufs, dafs jubere zu juvare sich
wirklich verhält wie pläcere zu pläcare, sedere zu s^dare.
Zwar erscheinen piftcare und södare als factitiva zu ihren
▼er wandten, auch pärare zu pärere; aber die geringe zahl
der ftlle wie die nicht einstimmigen quantitätsverhältnisse
wQrden ein einmal umgekehrtes verhAltnifs in den bedeu-
tungen gar nicht so wunderbar erscheinen lassen — was
es aber in der that kaum ist; denn doch ist auch jubere
das consequens, so: quod senatus censuit, id si populum
juvare visum erit, populus fieri jubebit*). Die alten for-
mein, die dies verh<nifs als das. eigentliche darthun, sind
aufser der: velitis, jubeatis, Quirites! 6aj. I, 99: Populus
rogatur, an id fieri jubeat. Liv. I, 46: Servius ausus est
ferre ad populum, vellent juberentne, se regnare? XXX, 43:
tribuni plebis ad populum tulerunt. Vellent juberentne
senatum decernere ut cum Karthaginiensibus pax fieret?
*) Hiernach habe denn auch ich durchaas nichts dagegen, dafs jubere
^alte causalbildung** (zeitschr. VI, 298) sei. Es ist eben: sich gefallen las-
sen. Zeitschr. VII, 60. Dafs svSpajati ^ sdpit (das. 50), wer wird das
bestreiten? Den andern gleichsetzungen dort wird man wohl seinen beifall
versagen, vgl. Gurt grundz. I, 32. 2xa>f ») (zweifelhaft nach Pape) wird aus
auair^il erklärt. Sollte das auch fttr a*diffi wirklich gelten (dort wahr-
scheinlich gemeint): was wird nun aus «rxa/'fi's axaifeiAi, axnjtrq^ üxajta'i
Bei so reichlichem vorkommen des ij^ in dieser wurzel läge doch scabere zu
vergleichen näher, als wegen entstehung des (p an ein sanskritaüix zu ap-
peUiren. Wird das. s. 6$ moveo erklärt aus mopejo, so mochte man dagegen
firagen: soU denn auch mutare ein p verloren haben? Nach obigen conflovont
u. s. w. stehe ich nicht an mutare, movere als neuen beleg für juvare (ad-
jntare), (jovere) jubere zu nehmen. S. 56 soll gar fervere, febris mit ^al-
ntyv zusammengehören; aber die frühere deutung (zeitschr. V, 347) wird uns
jetzt noch dadurch unterstatzt, dafs babhnis bei Hematt. und in der Medini-
kösa gradezu „feuer<* erklärt wird. S. 56 wird hSbes auf hl^iajati zurflck-
gefUhrt (amittit). Und warum? Verwandte dieses Zeitworts {yalav^ xavrm)
haben die bedeutungen: klaffen, erschlafTen. Ich meine: bedenkt man, wie
o^i'c und wxi'c, acupedius und equns acer einander bertthren, so wird man
sich doch vielleicht eher entschliefsen, lat hSbes auf lat. habere (»was fest-
gehalten wird*) zurückzuführen, zumal da x^ß^^ (xi/ftn?) der festhaltende
manlkorb ist. Haben wir nun nach alle ' dem wenig grund lat b , v als
entartung eines p, das nur noch selten ind. p entspreche, gelten zu lassen,
so wird auch wohl die Zusammenstellung unsres jubet mit einem jnpajati
aberwunden sein. Dies jupajati nämlich ist selber gar nichts wirkliches;
vielmehr lautet von jfiuti (junSti, junite) das causativ jävajati, ebenso von
jujöti, welches letztre ja freilich auch schon der bedeutung wegen (arcet) so
wenig passen würde als jupjati, das wirklich vorhanden (er verwirrt).
jubere. 111
Fern^ bei der freUassung und erblaseung: Oaj. I, 21 Üb«*
esse jassus et heres institutus. fr. 49: Si here8....dare dam-
natus aut quis über esse jussos est. Brisson: Liberias di*
recta ita relinquebatur: Liber esto vel liberi sunto, liberum
esse volo aot jubeo. — Jussus esse liber pro praeoiio. Gaj«
II , 117: Titius heres estol Titium heredem esse jubeo.
Brisson: Jussus possidere; praetor latitantis bona possidere
jabet. Drittens — woraus sieb der ausdruck fidejussor =»
fidedictor erklärt, wurde der bürge, nachdem ihm der In-
halt der bflrgschaflb noch einmal vorgesagt war, gefragt:
Ita tu bona fide esse jubes? Viertens: Die klage desjeni-
gen, der mit dem hanssohn contrahirt hat, gegen den haus-
vater wird bezeichnet: actio (emti, venditi u. s. w.) quod
josso, nicht blofs wenn der haussohn im auftrage des haus-
Vaters contrahirt, sondern auch wenn später der hausvater
ratihabirt hat. Endlich knflpfl an die alte stelle: Restitui
debere et posse hereditatem fidei commissam Äpronianum
SC. jubet — Brisson noch die bemerkung: Contra ea „non
jubere^ idem aliquando est ac vetare vel inhibere. Er-
klärlich, wenn jubere ,»gut heifsen^ war, „ erlauben ^I —
Man sieht, ein so belegter gebrauch mufs wohl der alte,
eigentliche sein. Dafs aber juvare und jubere wohl zu-
sammengehören mögen, dafQr noch ein paar stellen. Cic.
or. 48, 159: refer ad aures, probabunt: quaere, cur? ita se
dicent juvari. Seneca epist 106: quae scire magis juvat
quam prodest. Juven. VI, 222 : Hoc volo, sie jubeo! Sit
pro ratione voluntas! So steht denn jubet dem ind. dfvjati
ziemlich gleich (auch dies wird ja „stäuti^ erklärt) — es
ist nur mit Vorliebe fbr entwickelung der consonanten, dies
aber südlicher, vocalischer gebildet; auch ist die abwan-
delang verschieden, da dfvjati nach cupit geht. „Ichlobe%
,,ich lobe mir*^, das war also der urbegriff des Zeitworts,
dem aus Cic. angeführten probabunt nahe tretend. Man
erlaube mir noch einige parallelen mit dem oben nachge-
wiesenen gebrauch aus heimischen quellen. Loben ist bei
Wächter = bestätigen, im Schwabenspiegel =: geloben,
spondere, stipulari. In den Nib.: in die hant loben; einen
ze manne loben. So im Sachsensp. lop sss gelöbnifs, im
112 Wilbrandt, jubere.
oberl. gloss. =rs ObereinetimmuDg, bei Stalder sogar feadat*
abgäbe voa eiDeoi landgote im falle einer hand&Ddenuig
(offenbar als zeichen des einverstaDdenseins). So beut das
bremisch-nieders. wb. nicht blofs (111,25) to der S waren Lare
d. h. so dafs die geschworenen bei der scbaunng nichts
daran zu tadeln finden, sondern auch: mit Erven Lave
d. h. mit dem gutheilseu, der bewilligung seiner erben.
Endlich bei Richey (Hamb. Id.): laven d. h. rei venali pre*
tium statuere, z. b. : by em is laven un geven eenerlejr d. h.
er läCst sich nichts abdingen. Wenn ich hinzufüge, dafs
schwedisch löflesman ss fidejussor ist, so hoffe ich ge-
wonnen zu haben. Die belege davon, dafs jubere einst
„gut heiisen^ war, habe ich zwar reichlicher beibringen
können, als die spuren, dafs man einst jövöre aussprach.
Bedenkt man aber, dafs das recht wohl conservativer in
der anwendung der ausdrücke als in der ausspräche der-
selben war: so ist die vermuthung vielleicht nicht gan>:
unstatthaft, dafs das entschiednerwerden der bcfdeutung (von
y^gat hcifsen^ zu „heifsen^) band in band ging mit der
festigung des lauts. Fragen könnte man ja allerdings noch,
wie es doch geschah, dafs das uv in jüvare sich hielt.
Meine antwort: gemildert war dies sonst offenbar nicht
beliebte durch den Wechsel von üv und üv (jüvi); auch
liefse sich wohl behaupten, dafs, wenn ein unterschied gilt,
jedenfalls die sogenannte l.conj. die starrste, hauptwort-
ähnlichste von allen ist; endlich ist adjuvare, wie es scheint^
h&ufiger im gebrauch gewesen (schon bei Enn. und Pacuv.),
dafs der accent wenigstens im ganzen nur selten auf jenes
UV fiel: adjuvat wie depuvit (zeitschr. I, 548) — während
Zusammensetzungen von jubere kaum bekannt sind.
Nur als schüchterne anfrage wollen die nachfolgenden
Zeilen aufgefafst sein. Wer mir oben wegen juba beistinunt,
ferner sich vielleicht nicht mehr verhehlt, welches das Ver-
hältnis von xofifi und xofAüv eigentlich sei, nämlich xo^iri
was schmuck, (dem äuge) lieb ist, xofAilv das liebe erwei-
sen; — der mag es der prüfung nicht unwerth finden,
wenn ich vorschlage auch unser laub in derselben weise
aufzufassen, mit andern werten: dem von Grimm ange-
Kind, ;r^eiia — nQÖßaia. 113
nommenen liaban („tegere, fovere^) vielm^r die bedeatung
JQ^are zuzuweisen; so bleiben wir bei dem kreise von be-
deutUDgen, die dieser wnrzel tbatsächlich zukommen, in
einer weise die gegenseitig mit den so eben gemachten
xosammenstellungen sich stOtzen mag. Die slavischen aus-
dröcke lit. lapas, böbm. lupen u. s. w. scheinen vielmehr
mit JÜTiog^ Xkntiv (freilich dann auch Xtnxog) vergleichbar,
das laub also mehr im gegensatz isum derberen stamm
u. 8. w. hinzustellen.
Bestock, 17, mai 1868. Wilbrandt.
üqdxa — Hqoßaxa.
Ein beitrag zur Charakteristik der griechischen
Vulgärsprache.
Die griechische vulgärsprache , die ihren besonderen
ausdruck in den Sprüchwörtern und Volksliedern findet, hat
mehrere wortformen und dialektische eigenthQmlichkeiten
aufzuweisen, die sich oft durch die eigenthümlichsten Ope-
rationen , welche mit den werten vorgegangen sind , z. b.
durch ab- oder ausstofsen von vocalen oder ganzen Sil-
ben, erklären lassen. Diese spräche kennt im allgemeinen
die formen der apokope und aphäresis in unzähligen
fiUlen, und sie sind ihr selbst zu einer sprachlichen eigen-
thümlichkeit geworden, die sie auch beim schreiben und
im schriftlichen verkehr beibehält, während andere in
ihrer auffallenderen bildung mehr oder auch nur ausschliefs-
lich der eigentlichen und ursprünglichen Volkssprache, der
gesprochenen spräche {xa&oudovfiBVfj yläatta) und dem
mflndlichen verkehr des volks angehören. Eine solche
eigenthümliche form, die sich in neugriechischen Volkslie-
dern findet, ist die wortarm ngdta. Man ist bei der
grammatisch -etymologischen erklärung dieser form, die
mao aber nicht etwa gerade einem besonderen dialekte zu-
zuweisen hat, zunächst davon ausgegangen, dafs es eip
ZeiUchr. f. Tgl. tprachf. XVIII. 2. g
114 KiDd
Hohl gricehiscbes wort ist, das man vor sich bat und das
durch das volk in seiner weise und unter anwendung einer
ihm sonst geläufigen form umgebildet, sogar, wenn man will,
verstömmelt und entstellt worden ist. Solcher formen, die
durch abwerfung oder ausstofsung von vocaleu oder silben^
zu anfang oder in der mitte des wertes, entstanden sind,
kennt die griechische vulgärsprache viele, und sie können
in den einzelnen beispieien, die sie darbietet, auch ftJr die
erklärung der obigen form gewisse, gar wohl mafsgebendr
winke gewähren. Ludwig Rofs stellt davon in den „bei-
tragen zur kenntnifs und beurtheilung des neugriechischen^
im dritten bände seiner „reisen auf den griechischen in-
sein (Stuttg. 1845) s. 167 mehrere beispiele zusammen^ und
sie lassen sich noch vielfach vermehren. So sagt die neu-
griechische Volkssprache fAciri dri/iofn) statt ofipkdnov^ Qfa-
rdu) statt hqmrdfa^ Tregnaraj statt nBQtnaiM^ öfiiyio statt
öVfAuiyu)^ ebenso tt^onq^ca för avyx^Q^^» (f^ct^ixta för övy-
Xagixia^ eQfiog för egtiuog, rd cfdutv für vd (fdyiouBv, nov
n^S för nov vndyeig^ d-e rd för &^}.(ü vd u. s. w, Aebn-
lich ist es mit dem ausstofsen von consonanten, woftkr
Rofs ebenfalls beispiele anfahrt (a. a. o. s. 173), z. b. Xiu)
und selbst kcH för keyu)^ was man, wie er sagt, Ober ganz
Griechenland hört, während er dagegen solche formen, wie
ngoatov für ngoßarov^ &oaX6og för d'BoXoyog (ein dorf auf
Rhodos), oXiog för oA/yog, €t;^yö} för öei'xvio u- s. w. nur
auf einzelnen inseln (Rhodos, Karpathos, Chalke, Ealym-
nos) hörte.
Die obgedachte form ngdra kommt in Volksliedern
mehrfach vor. Schon Fauriel : Chants populaires de la Gr^ce
moderne (Paris 1825) bd. U, s. 90 theilte ein Volkslied
mit, in dem ein hirt, der auf kurze zeit seine schafe ver*
läfst, um nach hause zu gehen, sagt: 'Ano rd ngdra 1^-
XOfioti, (v. 6). lu der Sammlung von Passow: Popularia
carmina Graeciae recentioris (Leipzig 1860) heifst es in
einem ähnlichen, aus der atheniensischen Zeitschrift Flav-
d(6ga entlehnten volksliede (s. s. 305 no. 429 v. 7 uud 9)
ebenfalls von einem hirten, der von seinen schafen kommt :
läno rd ngdra fitog^^ofiai (dno rd ngdra fAov ^^^fnai, wie
n^aTOt — TTQnßaia. 115
•
auch in der UavöwQa steht), and gleich nachher um ans*
zndrQckeo, dafs er bald wieder zu ihnen zurOck mOsae:
K* ix^ (*° ^^^ IlavSiüQa steht: xai x^) ^^ ngdra ia
uQvaxd. Ebenso steht auch in einem anderen Hede no. 431
V. G bei Passow s. 306 , das im wesentlichen dasselbe mit
jenem ist nnd nur kleine sprachliche änderungen aufweist:
j-Itio tu ngdva utiq^f^uai. In gleicher weise hat der
Grieche Chasiotis in der von ihm herausgegebenen ^j^V/v"
Xoyrj rwv xard ti^v "HnuQov SrifxoxiTtmv (fCffidtuiV (Athen
1866) s. 167 ein ähnliches Volkslied über den nämlichen
gegenständ, wo ebenfalls der hirt seine schafe kurze zeit
verläfst und sagt: ctTTo rd nqdrct iQ^ovitai {xv3. für ^p-
XOfiai).
' Dem ganzen zusammenhange nach ist an allen diesen
stellen offenbar nur von schafen die rede, und es liegt
nach den oben angezogenen beispielen die vermuthung
nahe, dafs ngdra aus Ttooßara entstanden sei. Schon
an sich sprechen die obangefQhrten ähnlichen formen der
griechischen vulgarsprache dafür, und den Übergang zu
dieser form kann in gewisser hinsieht das von Rofs ange-^
merkte beispiel von der insel Rhodos machen, wo das volk
ngoitrov f&r TiQoßarov sagt. In dieser weise sehen, ety-
mologisch-grammatisch betrachtet, auch der Grieche Cha-
siotis, sowie Passow, die sache an, und namentlich bemerkt
orsterer in seinem, den Volksliedern angehängten glossar:
Tigdra^ avti ngoßara. (Fauriel übersetzt einfach: Je
viens d^aupr^s de mes troupeaux.) Diese erklärung erhält
eine art Unterstützung durch andere Volkslieder. In Ulrichs
„reisen und fbrschungcn in Griechenland'' bd. I (1840) s. 141
findet sich ein Volkslied, das den von Fauriel, Passow und
Chasiotis mitgetheilten ziemlich ähnlich ist, welches Ul-
richs von einem alten hirten in Arachowa am Parnafs hörte
und aus dessen munde niederschrieb, und das nämliche
Volkslied theilt dann auch Tommaseo im dritten bände
seiner Sammlung: Canti popolari (Venedig 1842) s. 302,
unabhängig von Ulrichs, mit. Wo in jenen vier ersten
Volksliedern rd ngdva steht, haben Ulrichs und Tom-
maseo: TiQoßata, Das volk, das seine Volkslieder singt
• 8*
116 Kind
und dabei ändert und hinzusetzt, wie es mag, hat bei dem
Worte Tigdta in jenen stellen offenbar nur an ngoßarn
gedacht. Gleichwohl ist kürzlich die richtigkeit dieser er-
klärung und ableitung bestritten worden, und sie hat so-
gar zu einem literarischen streite anlais gegeben, auch
wenn dieser streit von der einen seite offenbar mit sehr
ungleichen waffen geführt worden ist. Die sache ist diese.
Im jähre 1867 gab der bekannte griechische gelehrte Ale-
zander Risos Rangawis eine ^Grammaire du grec actuel^
in Paris heraus, in der er zugleich als proben dieses grie-
chisch mehrere stellen aus neueren dichtem und einige
neugriechische Volkslieder nebst anoierkungen mittheilte.
Dort fand sich auch das streitige wort ngdra^ und Ran*
gawis erklärte es als eine zusammenziehung aus nQayfActra.
Damit war aber ein französischer kritiker, P. Meyer, der
in der pariser Zeitschrift: Revue critique vom 4. Januar
1868 jene grammatik besprach, nicht einverstanden. In-
dem er im allgemeinen die getroffene wähl jener Schrift-
stücke und den dazu gegebenen commentar, als keiner
besonderen anerkennung werth bezeichnete, führte er als
einen charakteristischen irrthum des Verfassers an, dals
dieser, „obgleich er ein Grieche sei*^, das wort ngdta
(„Schafe**) auf die obige weise erklärte. Und Meyer setzte
hinzu: j^nqdra ist aus ngoßara entstanden**.
Rangawis blieb die antwort darauf nicht schuldig. Er
erklärte in der nämlichen pariser Revue critique vom
11. April 1868 (p. 242), dafs zwar ngdta fftr ngdyuaxa
(wofür das volk auch ngdituara sagt), die schafe bedeute,
denn so nennen — bemerkt er — in ganz Griechenland
die hirten ihre schafe*), aber „die abkürzung des wortes
nqoßata^ das den accent auf o hat, kann niemals, nach
dem geist der spräche, ngdra sein**. Wie Rangawis dies
meint und wie er dies behaupten kann, ist nicht klar. Er
selbst spricht sich darüber nicht näher aus, aber es liegt
♦) Dm bestätigt unter anderen der Grieche Protodikos: ^Iditaxi^ua t^;
¥imxfQa(i Uiliji'tx^i; xXtaaatjq (Smjrna 1866), indem er 8. 60 bemerkt:
nqoßaxci^ alyt^i ßovq^ oro* xk.
itqdta — n^oßata. 117
nahe, diesen grund nicht weiter za berOckeichtigen, zu*
mal es an Beispielen nicht fehlt, in denen die neugriechi-
sche spräche, namentlich die ;^vda/a ykwaaa, gerade in
Sachen des accents den geist der spräche, besonders wenn
man bei behandlung dieser spräche und bildung einzelner
Worte dieser xvSaia yXüöCa dem geiste der altgriechischen
Sprache sein recht zugesteht, nur gar zu häufig verletzt.
Wie Qbrigens das ausstofsen der silbe in nQ(Qß^ata —
Tigdra^ an sich und durch Übertragung des tones auf a,
eine Verletzung des geistes der spräche enthalten oder be*
dingen soll, ist schwer zu begreifen.
Der genannte Franzose Meyer läfst jedoch nach dem
allen die sache nicht auf sich beruhen. Er bezieht sich
bei mittheilung der erwiederuug des Griechen Rangawis
a. a. o. zunächst darauf, dafs die erklärung, welche ngdva
von TtQoßata ableitet, von Passow sei (worauf an sich
nicht viel ankommt, zumal auch andere die nämliche an-
sieht haben), und er meint, dafs sie „wohl ebenso viel
gelte als die andere^. Meyer scheint also die Verantwor-
tung f&r die -richtigkeit der ableitung ngdra aus ngo'
ßaxa nicht auf sich nehmen zu wollen. Dagegen möchte
ich vielmehr ftr meine person und nach dem obbemerkten
jene ableitung: ngäta von ngoßara f&r die allein richtige
halten, da die gegengrQnde in der that nichts stichhaltiges
und Qberzeugendes haben, und ngdta fbr ngayuara
oder TifjäfAfiata weit eher etwas gewaltsames haben
dürfte, als jene. Aufserdem erwähnt aber Meyer noch
eine dritte erklärung, die der Franzose Fr. Lenormand auf-
gestellt habe, und er giebt sogar dieser erklärung vor den
beiden andern den vorzug. Darnach soll nämlich das grie-
chische wort 71 Q ata vom italienischen prato sein, und es
beruhte also das erstere auf der blofsen beibehaltung des
italienischen prata, da die Italiener nicht blos i prati, son-
dern auch le prata sagen (ähnlich frutti und frutta). In
dieser hinsieht wäre niclits dagegen zu bemerken. Die
neugriechische spräche hat manche italienische Wörter ent-
lehnt, und namentlich brauchte man gerade hierbei nur an
das Dengriechiscbe xafi^og, vom lat. campus oder ital.
118 Kind, :t(taia — x^^oßma.
oampo, zu erinnern. Aber ein grolker irrthnm ist es, wenn
Meyer hinzusetzt, dafs jene ableitung des Wortes ngdra
ans dem italienischen sehr gut der stelle entspreche, wo
es vorkomme: ano tä ngäva igxoiiai^ „ich komme von den
feldem^ (richtiger: von den wiesen, da es sonst heiisen
mQfste: äno rovg xdfinovg)^ und dafs es viel besser passe,
als: ,,ich komme von den herden^ (vielmehr: von den
Schafen). Darüber w&re indefs noch zu streiten. Jeden-
falls ist es überhaupt und besonders f&r den griechischen
hirten, dem die werte in den mund gelegt werden : dno rd
ngdta ÜQxofiai^ bezeichnender, wenn er spricht: „ich
komme von den schafen, oder von meinen Schafen^, als:
„ich komme von den wiesen, oder gar (insofern es dort
auch heifst: dno td ngdza f^ov) von meinen wiesen^.
Aber das h&ngt gewissermafsen von dem gefOhle des ein-
zelnen ab, und bleibt geschmackssache. Allein es ist falsch,
wenn gesagt wird, dafs eine ableitung des wertes ngdra
vom italienischen prata (die wiesen) dem zusammenhange
nach zu den einzelnen stellen weit besser passe, als die
andere erkl&rung. Denn diese ableitung pafst vielmehr
gar nicht zu dem sinn jener stellen, und der französische
kritiker hat nur eine stelle gelesen. Was macht er denn
mit der anderen stelle, wo es heifst:
K' ix^ (oder xae *x**^) ^^ ngdta u fiovaxd — ?
Dem ganzen zusammenhange nach will hier der hirt dar-
legen, warum er bald wieder zu seiner herde zurück müsse,
denn — sagt er — l^x^ ^^ ngdta (ngoftatd) fAov fiO"
vaxd „ich habe meine schafe dort allein'^ (zurückgelassen).
Soll hier etwa auch der ausdruck: wiesen (oder: felder)
passend oder gar besser sein?
Ich überlasse dies ganz und allein dem Verständnisse
und gef&hle des lesers.
Dr. Theod. Kind.
Clemm» anzugen. 119
Lugaag« and tbe study o{ laoguage. Twelv« loctons oo the principleB
of linguistic science by W. Whitney. London 1867. 489 pp. 8.
Das beispiel M. Müller's, das verstftndDifs und das
interesse eines gröfseren publioums f&r die Sprachwissen-
schaft durch eine populär-wissenscbaftliche darstellung ihres
ziels und ihrer methode zu wecken, hat nicht nur, wie die
wiederholten auflagen des Originals und die Qbersetenngen
beweisen, vielen beifall, sondern im vorliegenden werk
nunmehr auch nachahmung gefunden. Herrprof. Whitney
in New-Haven hat es unternommen, die principien der
Sprachwissenschaft in einer reihe von zwölf Vorlesungen an
erörtern, welche die Überarbeitung und erweiterung meh-
rerer in den jähren 1864, 65 zu Washington und Boston
gehaltenen vortrage bilden. Es ist in der that eine erfreu-
liche erscbeinung, dais jetzt auch in America den Studien
eine weitere anerkennung verschafft werden soll, welche
schon lange mit immer wachsenden eifer und erfolg auf
unserem continent gepflegt werden. Dafs hr. Wh. dem-
gemftfs sein buch speciell für sein americanisches publicum
berechnet und, wo es irgend thunlich, die engl, spräche
zum ausgangspuukt der Untersuchungen gemacht hat, dflr-
fen wir ihm, wenn schon dadurch einer Übersetzung erheb-
liofae Schwierigkeiten in den weg treten, nicht verargen,
sondern müssen es im gegentheil nur billigen, wenn er es
aasdrOcklich f&r seine methode erklärt, von bekannten din-
gen auszugehen und durch induction zur erkenntnifs höhe-
rer Wahrheit aufzusteigen.
Mäher verbreitet sich der vf. über seinen zweck und
plan in der ersten Vorlesung, worin er, ausgehend von dem
unterschied zwischen erlernung einer spräche zu practischem
gebrauch und deren wissenschaftlicher erforschung^ zunächst
ansetnandersetzt, was man unter Sprachwissenschaft zu
verstehen habe, und deren werth für die entwicklung des
menschen selbst und für seine geschickte kurz berührt.
Den hauptinhalt seiner Untersuchungen |prmulirt er in die
frage: warum sprechen wir, wie wir sprechen? und ant-
wortet darauf: weil wir es von. deneu, die uns von kind-
heit auf umgeben, nicht anders gelernt haben. Raoe und
120 Clcmni
blot haben nichts mit der spracthe zu than, die erlernong
der mntterspracbe verdanken wir hlob unserer erziebüng.
Jede spräche steht nur unter dem einflusse der Persönlich-
keit des redenden, denn weder versteht einer unter dem*
selben wort genau dasselbe, wie der andere, noch beherrscht
einer in gleicher weise den Sprachschatz wie der andere,
ja nicht zwei individuen sprechen dasselbe englisch. An
dem beispiel dieser spräche werden dann auch die haupt-
bedingnngen fRr die Veränderungen einer spräche erörtert,
sowohl nach inhalt (namentlich durch Vermehrung des
wortvorratbs mit fortschreitender erweiterung der k^mt-
nisse) als nach der form, hier namentlich durch erleichte-
rung der ausspräche för unser organ und durch das stre-
ben nach Vermeidung von unregelmäfsigkeiten. Da nun
die spräche das werk der Überlieferung ist, so ergiebt sich
schon hieraus, wie in der zweiten Vorlesung auseinander-
gesetzt wird, dafs ihr nur in bildlichem sinn selbständige,
objective existenz zugeschrieben werden kann, thatsächlich
existirt die spräche nur im geiste und im munde des spre-
chenden. Mit recht wendet sich hr. Wh. gegen M. Mfil-
ler's entgegenstehende ansiebt: allerdings ist die Sprache
nicht abhängig von dem individuum, aber der grund liegt
nicht darin, dals die menschen keine macht über die sprä-
che haben, sondern im gegentheil darin, dafs sie alle macht
darüber haben, dafs eben der gebrauch die spräche macht,
usus norma loquendi. Nur die Übereinstimmung der ge-
meinschaft derjenigen, welche eine spräche sprechen, kann
dem individuum einflufs auf dieselbe gestatten. Ein grund,
weshalb man die spräche einen naturorganismus genannt
und die Sprachwissenschaft den naturwissenschaften beige-
zählt bat, liegt in der analogie theils des inhalts, theils der
methode, aber dies ist auch nur eine mehr oder minder
instructive analogie, weiter nichts. Die Sprachwissenschaft,
leine historische disciplin, bedarf zwar auch der hülfe der
naturwissenschaft, ^. b. der pbysiologie, doch ihr mittel-
punkt bleibt immer der menschliche geist. Andrerseits
benimmt die abwesenheit aller reflexion und bewufster ab-
sieht der spräche den Charakter der subjectivität^ den sie
anzeigen. 121
sonst als erzeagnifs einer freien willensthätigkeit an sich
tragen würde. Ein weiterer minder gewichtiger grund,
weshalb man die Sprachwissenschaft zu einer naturwissen-
Schaft hat machen wollen, ist der, dafs man den namen
Wissenschaft nur denjenigen menschlichen kenntnissen zu*
schrieb, welche sich auf die unwandelbaren natorgesetze
stützen. Allein das liegt, wie hr. Wh. zeigt, nicht im
begriff der Wissenschaft, sondern ist eine einseitige und
falsche auffassung. Aufgabe des Sprachstudiums ist es,
die historische eotwicklung der spräche bis zu ihrem Ur-
sprung zu verfolgen, und hierbei handelt es sich zunächst
um die etymologische erklärung der Wörter und deren zu-
rückfilhmng auf die ursprüngliche form. — Eingehend be-
spricht die dritte Vorlesung die hauptbedingnngen, welche
fbr das leben der spräche, ihr wachsthum und ihren ver-
fall in betracht kommen. Viele lautlichen Vorgänge lassen
sieh nach des vf.'s ansieht zwar begreifen, aber nicht er-
klären. Dahin rechnet er auch die lautverschiebung, ohne
jedoch die vorhandenen erklärungsversuche als ungenügend
nachzuweisen. Neben ihrer äufseren gestalt aber verändert
die spräche auch ihren inneren gehalt, ja der Wechsel der
bedeutnng ist fast noch wichtiger, als der der äufseren
laute. Dieses moment, auf welches übrigens auch schon
Steinthal hingewiesen hat, besonders hervorgehoben zu ha-
ben, ist ein wesentliches verdienst unseres buches. Der
grund für den Wechsel der bedeutung ist nach hrn. Wh.
derselbe, wie der für die phonetische Veränderung: kein
inneres band verknüpft laut und bedeutung, der Verände-
rung dieser beiden factoren steht nur eine schranke ent-
gegen» die allgemeine Verständlichkeit. Der procefs der
namengebung wird von verschiedenen Seiten beleuchteAnd
geleugnet, dafs der mangel an sog. „ sprachsinn ^ ein zei-
chen des Verfalls sei, weil der gebrauch der Wörter von
der etymologic unabhängig ist. Diese betrachtungen wer-
den in der vierten Vorlesung fortgesetzt und namentlich die
äufseren umstände, die zeitlichen und örtlichen Verhältnisse,
welche auf das wachsthum der spräche einwirken, erörtert.
BOcksicbtUcb der entstehung der dialecte kommt in erster
122 Clemm
linie die Verschiedenheit der individnen in betracht, welche
aber wieder bestimmt ist durch die gemeinsohafb derjenigen,
mit welchen man zusammen lebt und verkehrt. Dialecte
sind nicht unterschiede der art, sondern des grades. Alles,
was die gemeinschaft beschränkt und isolirung bewirkt,
begünstigt die entstchung der dialecte, während umgekehrt
alles, was die gemeinschaft bewirkt und den verkehr und
die berfihrung der einzelnen volksciassen oder volksstämme
fördert, zu einem aufgehen der dialecte in eine allgemeine
spräche hinführt. Im anschlufs hieran bekämpft die fünfte
Vorlesung die abweichende ansieht Renan's und M. Müller's,
wonach die natürliche anläge der spräche sie von der viel«
beit zur einheit hintreibt und die dialecte vor der spräche
vorhanden sind. Nach hrn. Wh. ist aber der Vorgang
ein umgekehrter, die worte verändern im laufe der zeit
ihre ausspräche, form, bedeutung und difFerenziren sich
so, z. b. das lat. verita[t]-s lautet in den neueren sprachen
ganz verschieden verite, verity, verdad, veritä. Sodann
wird der englischen spräche ihr platz in dem grofsen kreise
der sprachen angewiesen, durch ihre doppelte Verwandt-
schaft mit den germanischen uud den romanischen sprachen
gelangt der vf. zu der indo-germanischen familie oder, wie
er lieber will, der indo-europäischen. Wir gehen auf die-
sen genugsam erörterten und doch ziemlich unwesentlichen
punkt nicht weiter ein, sondern bemerken nur, dafs der
Vorwurf, der name ,,indo-germanisch^ schmecke nach na-
tionaler Voreingenommenheit, bereits von Fr. Spi^el in
den heidelb. jbb. LXI, s. 21 zurückgewiesen worden ist.
Die frage nach dem nrsitz des indogermanischen volkes
erklärt hr. Wh. f&r unlösbar, wenn er auch — und gewifs
mit^recht — zugiebt, die allgemeine Wahrscheinlichkeit
spreche ftlkr Asien. (S. dagegen Benfey's vorrede zu Fick's
indogerm. Wörterbuch s. XI). Nicht minder ungelöst scheint
dem vf. die frage nach der allmählichen abtrennnng der
einzelnen stamme, gegen Schleicher's annahmen wird s. 204
die Stellung des keltischen geltend gemacht. Was dann
weiter über die civilisation und lebensweise des indoger-
manischen Volks vor der sprach trennimg, insofern die
anzeigen. 123
spracbvergleichung darüber aufschiuCis geben kaon, mitge-
theilt wirdy dürfen wir als bekannt übergehen, ebenso das,
was in der sechsten Vorlesung über die einzelnen stamme
and über die bedeatung der indogerman. Sprachforschung
f&r die gesammte Sprachwissenschaft gesagt wird, treffend
sind hier namentlich die bemerkungen über etymologie, ihre
methode und leider noch allza gewöhnlichen fehler. Kön-
nen wir nun, so fragt der vf. in der siebenten Vorlesung
weiter, bestimmte züge eines sprachzustandes nachweisen,
der im vergleich zu dem unsrigen ein primitiver war? Indem
er diese frage selbstverständlich bejaht, gelangt er auf
dem wege historischer analyse zu den einsilbigen wurzeln
als den letzten bestandtheilen der Ursprache. Den ersten
schritt aus dem monosyllabismus heraus that die Sprache
durch Zusammensetzung der beiden gattungen von wurzeln,
der verbalen und pronominalen, es entstanden die ver*
schiedenen verbal- und nominalformen. Gegen die hier
vorgebrachten erörterungen liefse sich nun freilich manches
einwenden, dessen ausführung wir jedoch unterlassen müs-
sen, anffallend ist z. b., dafs hr. Wh. das perfect noch für ein
tempus der Vergangenheit hält und sich dasselbe nach dem
imperfect oder vielmehr dem aogmentpräteritum entstanden
denkt. Schade, dafs ihm die schrift von G. Curtius, zur
Chronologie der indogerm. Sprachforschung (s. diese zeitsohr.
XVII, 292 £f.) noch nicht vorliegen konnte. Gelungener
ist, was 8. 283 über die gründe gesagt wird, weshalb in
den alten sprachen die synthcsis vorwiegt, während in den
neueren die analysis das sprachbildönde princip ist.
Eine Übersicht über die nicht zur indog. familie ge^
hörenden sprachen giebt die achte und neunte Vorlesung,
worin sich der vf. entschieden gegen das monstrum einer
BOg, turanischen familie erkl&rt, wie es von einigen Sprach-
forschern angenommen worden ist. Mit gleichem rechte
spricht er sich dann in der zehnten Vorlesung über den
Vorzug der genealogischen Classification vor der morpholo-
gischen aus: jene, welche allerdings durch diese ergänzt
werden mufs, ist das eigentliche ziel der historischen Sprach-
forschung, indem sie mit deren resultaten für ethnologic
124 Clemm
und geschichtc der menschheit eng zusammeohäiigt. Das
verhältnifs der spracbwissenechaft uod uatarwisseDSchafb zur
ethnologie wird hierauf näher auseinandergesetzt, wobei hr.
Wh. die frage^ was denn die erstere hinsichtlich der ein-
heitlichen abstammung des menschengeschlechts lehre, als
unlösbar und — unfruchtbar abweist. Die elfte Vorlesung
wendet sich zum problem vom Ursprung der spräche und
untersucht zuerst das verh<nifs von denken und sprechen,
zwischen beiden herrscht keine nolhwendige Verbindung,
wie zwischen leib und seele, das erstere geht dem letzteren
voraus. £s folgt dann eine kritik der neueren haupttheo-
rien über den Ursprung der spräche, unter denen M. Mcd-
lers kling *kIangtheorie als g&nzlich unhaltbar bezeichnet
wird. Hr. Wh. selbst gesteht dem interjectionalen, beson-
ders aber dem onomatopoetischen *) princip eine grolse
berechtigung zu, wenn man nur festhalten wolle, dafs die
Worte nicht treue abbilder der gedanken sind, sondern nur
das mittel, diese andern mitzutheilen. Die zwölfte Vorle-
sung endlich kehrt noch einmal zu der im anfange aufge-
worfenen frage zurOck: warum sprechen wir wie wir spre-
chen? und prüft diese von neuen gesichtspuokten aus.
Hier wird dann auch der rOckwirkung der spräche auf die
gedanken und die gesammte geistige entwicklung des men-
schen gedacht und dabei auf die hQlfe der schreibkunst
hingewiesen, deren geschichte in einer skizze gegeben wird.
Ob die engliche spräche, deren aiphabet und Orthographie
der vf. .schliefslich bespricht, wirklich dereinst zu einer
Weltsprache berufen scheint, ist ein punkt, über den sich
auch unter zugeständnifs aller ihr vindicirten Vorzüge
.streiten liefse.
Doch wir dürfen uns auf das einzelne hier nicht ein-
lassen, so ungern wir uns auch die mittheilung mancher
treffenden und fruchtbaren gedanken, welche das reich-
haltige und durchaus von besonnenem urtheile zeugende
buch enthält, versagen; vorstehendes möge genügen, es
dem Studium aller Sprachforscher — auch derjenigen,
♦) Zu dieser ansieht bekennt der verf. vorrede s. 1 und 2 erst durch
neuere Studien angeregt worden zu sein.
anzeigen. 125
welche dem vf. in manchen stücken nicht beistimmen wer-
den — zu empfehlen. «-
Giefsen. W. Clemm.
La langae Latine ^tndi^e dans Tunit^ Indo-Enropdenne. HiBtoire-Gram-
maire-Lexiqne, par Am^^e de Caix de Saint -Ajrmonr. Paris 1868
(462 1. 8.).
Das ist ein viel versprechender titel, und ein bnch,
das auch nur einigermafsen erfbUt, was derselbe verhelfst,
mttfste der Sprachwissenschaft willkommen sein. Aber
schon der erste abschnitt des buches, der sich „geschichte
der indo-europäischen familie'' nennt und der folgende ^ge-
schichtlicher blick auf das lateinische und seine dialekte^
sind ganz dazu geeignet, die erwartungen jedes sachkundi-
gen von diesem buche herabzustimmen. Das brauchbare
an diesen abschnitten verdankt der Verfasser anderen, und
was er selbst hinzuthut, ist unbedeutend oder vom Obel.
Mit grofser Sicherheit läfst er zur erklärung des Ursprunges
der griechischen und der italischen sprachen Ario-Pelasger
auftreten, die sich dann in Hellene -Pelasger und Italo-
Pelasger trennen, und stellt den letzteren in Italien semi-
tische Etrusker zur Seite nach dem „beweise^ M. Stickeis,
dafs die etruskische spräche im wesentlichen semitisch sei,
ein satz , den M. Cbav^e „ enthüllt und vergröfsert haben
soU^. Von den Widerlegungen der grundlosen Stickeischen
hypothese weifs derselbe nichts. M. de Caix würde wohl
thun, sich über dieselbe bei Ascoli belehrung zu holen
(Intorno ai recenti studj diretti a dimostrare il Semitismo
della lingua Etrusca. Estr. dalF Archive Storico Italiano.
Nuov. ser. Tom. XI, p. 1 f.). Was er über das ver-
hftltnifs der lateinischen spräche zu den verwandten itali-
schen dialekten vorbringt, hat er in Mommsens römischer
geschichte gelesen oder gelegentlich aus Bopps verglei-
chender grammatik entnommen. Er geht denn auch bald
von diesem gegenstände ab und erzählt einiges über die
romanischen sprachen. Hiermit ist der erste grofse hanpt-
126 CorsMB
abschnitt seinee werkes: Histoire beendet, und es beginnt
p. 41 der ss weite: Gramraaire. Hier zeigt sieb nun gleich
in dem ersten abschnitte, überschrieben „les sons et les let-
teres", wefs geistes kind M. A. de Caix de Saint -Aymour
ist, an dem dürftigen und armseligen gerede, das er über
das lateinische aiphabet und die ausspräche so wie die
Wandelungen der lateinischen laute zu markte bringt. Von
dem heutigen Standpunkte der forschung auf diesem ge-
biete in Deutschland ist keine künde zu den obren des
M. de C. gedrungen, und er weifs von der sache, Über
die er* schreibt, nicht mehr als M. A. Rispal in seiner
l^tude sur la prononciation de la langue Latine (d. zeitschr.
XIV, 279). Mit jener von keinen zweifeln getrübten Sicher-
heit, welche die unkenntnifs gewährt, bringt er die gröb-
sten irrthümer vor in einem tone, als gäbe er sichere und
kostbare aufschlüsse. So z. b. behauptet er, jedesmal, wenn
ein laut einer kurzen silbe im lateinischen schwinde, werde
die kurze silbe gelängt (p. 76). Nun hätte er wohl dafbr,
dafs diese ersatzdehnung in hochbetonten silben mehrfach
eintritt, belege anführen können. Aber von den beispielen,
die er vorbringt, hat in den meisten keine ersatzdehnung
stattgefunden« Im acc. plur. ^novöns aus dem novös
entstand, in *meliönsis meliösis, meliöris (a, o.), in
dem sufBx -önso, -öso (s. 148) war das o vor -ns schon
lang vor ausfall des n. Als beispiel der ersatzdehnung
werden ferner die ablativformen wie rosa, populö ange-
fahrt, die ihr a und o zum ersatz für abgefallenes d ge-
dehnt haben sollen. Später kommt er zwar selber zu einer
anderen erklärung dieser vokallängen (s. 165) aber ohne
seinen früheren irrthum zu widerrufen. Von den messun-
gen Gnaivöd, med, t^d, söd- u. a. verräth M. de C. auf
p. 76 kein bewufstsein. Aber das stärkste ist doch, dafs
er unter den beispielen für ersatzdehnung auch „miles^
anftkhrt. Wenn er auf der schule die quantität der endsilbe
von nominativformen auf -es, gen. -itis, -etis nicht ken-
nen gelernt hat, dann hätte er sich doch über dieselben
aas seiner grammatik des M. Dutrey, die er so sehr schätzt,
aafscblufs holen sollen, um den leser nicht in die leidige
anzeigen- 127
nothwendigkeit zu versetzen, schliefeeu zu müssen, dafs
M. de Caix de Saint^Aymour zu der lateinischen prosodie
nur in dem verbältnirs einer entfernteren bekanntscbaft
stand, als er sein werk Qber die lateinische spräche schrieb-.
Die lautwecbsel der lateinischen spräche gestaltet oder ver-
unstaltet derselbe mit grofser Sicherheit und freiheit so,
wie sie ihm fOr seine etymologischen einfalle in den kram
passen. Nach diesen ist z. b. lubido aus ^glubido ent-
standen, lepus aus ""vepos (p. 148); das suffix -vant
wird nicht blofs zu -lento, sondern auch zu -met,
-ment, -mento, -men; iste ist eine superlativform vom
pronominalstamm i-; aus derselben ward durch die mit*»
telstufe *ispe auch ipse, das also gleichfalls ein su«
perlativ ist (p. 120); occa entstand aus *rcca, octo
aus *rcto, indem r sich in u verwandelte, und das u dann
zu av gesteigert wurde (sol p. 450). In dem abschnitte
über die redetheile ist nun insbesondere hervorzuheben die
eintheilung der indogermanischen verba nach ihren Ursprünge
liehen grundbedeutungen in drei hauptklassen : 1) bruire
oa retentir. 2) presser. 3) tendre, die jede wieder
in drei unterabtheilungen zerfallen, nämlich kl. 1 in a)crier.
b) Bouffier, c) d^truire, kl. 2 in a) presser sur. .
DU poser-ötablir. b) serrer-condenser. o) flechir-
courber, kl. 3 in a) tendre vers. b) ^tendre. 3) r6-
pandre (p. 106 f. 212 f.). Mit dieser eintheilung ist M.
de C, wie er versichert, auf dem „höchsten gipfel seiner
linguistischen Studien^ angelangt (p. 108). Indem er Cha-
vee als den eigentlichen urheber dieser eintheilungsmethode
preist, sagt er von denselben, p. 109: C'est donc lui, qui
appliquant au langage une rigoureuse methode naturelle,
a contribue le plus h elever cette ätude ä la hauteur d^une
science positive digne des preoccupations de notre epoque
et des succds de Favenir. Was ist denn die Sprachwissen-
schaft vor Chav^e gewesen? War Bopps methode etwa
eine unnatürliche? Stand Bopps lehre nicht auf der höhe
einer positiven Wissenschaft? War sie nicht wissenschaftlich
and nur negativ? Ist etwa das werk des grofsen spraohfor*
Sehers nicht würdig, dafs Zeitgenossen und nachkommen
128 Corasen
es stadieren? Es ist hier uicht der ort und nicht mehr die
zeity um über das ?oc fast zwei Jahrzehnten erschienene
buch von Chav^e: Lexiologie Indo-Europ^enne, Paris 1849
eingehend zu sprechen; aber dafs dasselbe mit den for-
schungen eines Bopp, Grimm und Diez nicht auf einer
stufe des wissenschaftlichen werthes steht, das wird wohl
auch der mildeste beurtheiler jenes buches, wenn er es mit
der Wahrheit ernst nimmt, zugeben. Der obige satz des
M. de C. ist weiter nichts als eine hohle und unklare
rhetorische pbrase, eine lobhudelei auf kosten der Wahrheit,
die dazu dienen soll, die haltlose und willkürliche lehre
von der entwickelung der bedeutung der wurzeln, die Cba-
v^ zuerst vorgebracht (Lexiolog. p. 63—79. 169 — 172 f.
183 f. 313 f. 381 f. 395 f. 405 f., vergl. Revue linguistique
I, 138 f.)) M. de C. wieder aus der Vergessenheit hervor-
geholt und neu aufgestutzt hat, eine theorie, die weder
der mannigfaltigkeit der sprachlichen thatsachen gerecht
wird, noch auf einem philosophischen, der natur der
menschlichen seele und ihrer sinneswahmehmungen ent-
nommenen eintbeilungsgrunde beruht, im lichte einer
grofsen entdeckung erscheinen zu lassen. In welcher
weise überhaupt die rhetorische phrase in dem vorlie-
genden buche des M. de C. in blfithe steht, dafür mag
hier noch ein beispiel platz finden. Vom femininum er-
fahren wir, es sei „le plus gracieux des genres^ (p* 156).
Glaubt denn M. de C. wirklich, dafs z. b. die femininen
suffixvokale ä, i durch anmuth hervorragen? dafs die fe-
mininen suffixformen skr. -tri, gr. -r(>id, tat. -tric zier-
licher oder lieblicher sind als die masculinen skr. -tar, gr.
-ro(i, lat. -tor? Ihm schwebten wohl anmuthige firauen^
bilder vor, deren reize er auf jene sprachlichen suffixe
übertrug. Rosa soll entstanden sein aus rosa+a, indem
das erste a zum stamme gehöre, das zweite das zeichen des
femininums sei; man wisse ja, dafs Manu befohlen habe,
den frauen namen zu geben mit langem vokal im auslaut.
Wie kam es nun, dafs das a in rosa kurz ist? Er ant*
wertet, p. 158: Haas! il y a lä une raison de clart6 d'ex-
pression, qui, tont en itaxkt louable dans sons but, est d^
anzeigen. 129
plorable, quant ä ses effets. L'ablatif rosa, long par soi
et par la chute du d, a foroe les Romains ä faire leur
Dominatif bref, bien qu'il düt rester long pour des raisons
positives et p^remptoires. Die vorstehende sentimentale
pbrase mit dem helas! loaable und deplorable macht schon
deshalb einen komischen ein druck, weil die lateinische
Sprache hier eine Zurechtweisung von M. de C. erhält,
wie ein geliebter schulknabe, der in guter absieht einen
dummen streich ausgeführt hat und dabei ku schaden ge»
kommen ist, von seinem hofmeister. Hätte der verf. ge*
wnfst, dafs das ä des nominativs von a- stammen in der
altlateinischen metrik noch lang gemessen wurde, hätte er
bedacht, dafs die lateinische spräche fünf casus von cornu
völlig gleich gestaltet, dafs die spätlateinische Volkssprache
nach abfall des auslautenden s und m fast alle casusformen
des Singulars von abstammen und o-stämmen völlig gleich
gestaltet, dafs die lateinische spräche in zahlreichen f&Uen
die tieftonigen auslautenden silben gekürzt hat, dann würde
er die obigen redeblumen schwerlich vorgebracht haben.
Die lehre von der Wortbildung und wortbiegung meint
der verf. zu bereichern, indem er alle möglichen sufBxe
in pronominalstämme auflöst ohne gewahr zu werden, dais
er dabei für die entstehung der bedeutung der einzelnen
stammbildenden oder casusbildenden suffixe so gut wie
nichts erklärt. Auch hier übertreibt er übrigens lediglich,
was er bei Chav^e gelesen hat (Lexiol. p. 39 f.) Um die
lateinische lautlehre und die wohlbegründeten erklärungen
anderer kümmert er sich auch hier nicht, weil er von bei«'»
den in der regel keine kenntnifs hat. So behauptet er, da«
snffix -ta, der demonstrative pronominalstamm, nehme bis^
weilen den zitterlaut r als zeichen der Bewegung und der
thätigkeit eines wesens an sich, und so entständen die suf*
fixformen -tar, lat. -ter, -tor, -sor, -trix (p. 113 f.).
Das c von hi-c vermengt er mit dem -que von quando-
-que (p. 116). Er redet mit ästhetischer entrüstung von
abscheulichen pleonasmen wie *hic-ce, entstanden aus
ht-i-ce -f-ce, indem er trotz buchdrnckerkunst und te-
legraphenwesens noch keine nachricht erbalten hat von
Zeitechr. f. vgl. sprachf. XVIII. 2. 9
180 CorMon
Bitschis schon Tor anderthalb Jahrzehnten gef&hrtem be-
weise, dafs eine form *bi-c-ce in der lateinischen spräche
niemals vorhanden gewesen ist Tantus ist nach M. de C.
nichts anderes als eine art Superlativ durch reduplication
ta+ta (p. 118), und diesen nichtigen einfall bringt er so
papier, ohne dals die erklArnng von Bopp auch nnr erw&bnt
wird. Qnantus ist hingegen „der bruder des skr. kati^
(a. o.). Aus dem angeblichen casussujff. -na des objects ist
novus entstanden, und das zahlwort novem ebenso, denn
dieses bedeute die i^neue^ zahl nach der zahl acht, die
herauskomme, wenn man alle zehn finger ausstrecke und
beiden dftume abrechne (s. 123). Und das nennt M. de C.
„die zahl neun studieren^. Quattuor stammt von wz.
kat- abschneiden, octo von wz. ak- theilen (klasse d^-
truire), decem von wz. dak- zeigen (klasse presser).
So meint der verf. auf dem räume einer halben seite das
geheimniik der Zahlwörter zu enträthseln, ohne dafs er
von den forschungen von Lepsius, Pott und anderen auf
diesem gebiete irgend etwas vernommen hätte. Was er
über steigerungssnfißxe (s. 125 f.) und über die bildung der
pronomina (s. 127 f.) vcTrbringt, ist ungefähr von demselben
werthe wie seine ein Alle über die Zahlwörter überall, wo
er seine Weisheit nicht aus Bopp geschöpft hat. In dem
abschnitt Ober die bildung von verbalst&mmen und nomi*
nalstämmen enthüllt M. de C. „das grofse gesetz, das den
Vorsitz führt bei der schöpfiing von stftmmen dieser klasse^,
nimlich „dasjenige der entgegensetzung und des bezie-
hnngsweisen vorherrschens der Vorstellungen des Stoffes
(pronomen) und der handlung (verbnm)^ (s. 142). Wenn
die idee der handlung vorherrscht, dann büfst der prono-
minalstamm ta- die hälfte ein, z. b. in da«-t; das t kann
dann auch ganz schwinden z. b. in leonis (p. 143); es
kann auch zu s werden wie in genus u. a. (p. 144). Wenn
aber die Vorstellung des stoflfes überwiegt, dann bleibt der
pronominalstamm -ta unversehrt, so in den participien auf
•tn-s, ota, -tu-m (p. 146). Bei der enthOllung jenes
„den Vorsitz führenden gesetzes^, das lediglich ein erzeug-
nifs der lebhaften einbildungskraft ist, die bei den schö«
anzeigen. 131
pfhngen des M. de C. den vorsitz ftkbrt, erfahren wir un-
ter andern, dafs in dem sufBx der lateinischen supina auf
-tu-m, -tn die wurzel tn- anf&Uen, erftkllen steckt, und
dafe comitare, flagitare u. a. durch ,,yerdoppelung^
entstandene frequentative sind. Bei der Betrachtung der
lateinischen flexion folgt der verf. M. Eichho£P (Parallele des
langues etc.) und M. Dutrey (Grammaire Latine), während
ihm auch hier die neueren eingehenden Untersuchungen
deutscher Sprachforscher fremd geblieben sind. Es genfigt
ein beispiel ans diesem abschnitte hervorzuheben, aus dem
der Standpunkt der kenntnisse und der methode des M.
de C. erhellt. Ffir seine paradigmen der deklination von
18 und qüi citiert er in den anmerkungen Inschriften; et
ist aber noch bei Muratori, Egger und Orelli stehen ge-
blieben, wenn er diese wirklich selber nachgesehen hat.
Dieser mann, der fiber die lateinische spräche ein buch
schreibt, das nach seiner einbildung an der spitze der Sprach-
forschung marschiert, weifs noch ganz und gar nichts Ton
den epigraphischen forschungen von Fr. Ritschi und Th.
Mommsen und deren bedeutung för die geschichte der la-
teinischen spräche. Ffir den nom. plur. iei bringt er in
einer anmerkung das citat: „Dans toutes les inscriptions^
(s. 185). Das ist in der that ein ebenso umfassendes als
kurzes und ffir den citierenden bequemes citat, und wenn
dasselbe richtig wäre, so wäre an der Sache gar nichts
auszusetzen. Aber leider ist von dem Vorhandensein der
formen des nom. pl. ieis, ei, eis in inschriften wieder
keine künde zu den obren des verf. gedrungen. Nachdem
M. de C. dann aus Bopp einiges über die lateinischen con-
jugationen mitgetheilt hat, gelangt er endlich zu dem dritten,
dem lexikalischen theile seines bucbes, den er schon vorher
als den „höchsten gipfel seiner linguistischen Studien^ an-
gekfindigt hat, der „den marsch der ideen in den indo-
europäischen idiomen" verfolgen soll (p. 21 3 f.). Diese läfst
er nämlich sammt und sonders ausmarschieren von den
schon oben angefahrten drei klassen von grundbedeutun-
gen, nach denen er eine art von wurzellexikon der latei-
nischen spräche herzustellen versucht. Wer sich davon
9*
132 Comparetti
Öberzeugen will, was fhr wilde, lose und windige ein&Ile
der Verfasser auf diesem ideenmarschc ohne kenntnifs der
gesetze lateinischer Wortbildung und lautlehre und längst
erwiesener etymologien vorzubringen w^t, der lese zum
beispiel, was er schreibt über pious (p. 227), tussis
(p. 231), cincinnus (p. 240), sternuere (p. 244), cor
(p. 256), clamor (p. 262), ludere (p. 264), veru (p. 284),
8entire(p. 316), averc (p. 527), queri (p. 335), cupere
(p. 359), fingere (p- 424), fenestra (p. 434), oblivisci
(p. 441), perdere (p. 448), occa, octo (p. 450), vulnas
(p. 452) u. a. Es ist zwecklos und überflüssig, sich auf
Widerlegungen einzulassen gegen jemand, der statt sach-
kenntnils dreiste behauptungen, statt beweisführungen rhe-
torische phrasen zum besten giebt« M. de C. huldigt viel-
leicht dem grundsatze: docendo discimus; aber er hätte
doch einigermafsen den gegenwärtigen Standpunkt der for-
schung kennen lernen sollen, ehe er das Wagestück unter-
nahm, andre über die lateinische spräche belehren zu wol-
len. Die blöfsen, die er sich auf schritt und tritt bei die-
sem vergeblichen versuche giebt, werden durch hochtra-
bende redensarten von der strengen natürlichen methode
der Sprachforschung, vpn der höhe einer positiven Sprach-
wissenschaft, von grofsen gcsetzen, die bei der Wortbildung
den Vorsitz f&hren, von dem marsch der ideen in dem
indo-europäischen idiom und ähnliches wortgepränge kei-
neswegs verdeckt; sie stechen gegen diesen flitterstaat nur
noch hälslicher ab.
Berlin. W, Corssen.
Ätode 8ur le dialecte tzaconien, thhse pour le doctorat pr^sent^e ^ la fk-
cult^ de lettres de Paris, par Gustave Deville, ancien membre de
räcole franfaise d' Äthanes. Paris 1866.
Eine der sonderbarsten anomalien in der heutigen
Wissenschaft ist die geringe aufmerksamkeit, die man, bei
allem eifer fbr philologische Studien, dem neugriechischen
und seinen dialekten zu widmen pflegt. Man studirt die
anzeigen. 133
altgriecbisohe spräche mit unermüdlicbem fleifse, selbst in
den epocben ihrer abnehmenden blQtbe und in ihren weni-
ger dassischen formen ; man schreibt gelehrte abbandlungen
aber die werthlose inschrift eines ostrakon, Aber einen
Abraxas, über einen zauberpapyrus; man liest, publicirt
und commentirt die albernheiten eines byzantinischen scbo-
liasten; man füllt ganze bände mit unbedeutenden anekdota;
man müht sich ab mit jedem altgriechischen wort, gleich-
viel woher es komme, und wie es beschaffen sei, — aber
dasselbe wort im munde eines Nengriechen findet keine
beacbtung und bleibt ausgeschlossen aus dem kreise ernst-
hafter und wissenschaftlicher Untersuchungen. Das Hesy-
chische glossarium gilt ßir einen schätz, weil es uns eine
menge von Wörtern und dialektischen formen bewahrt hat,
die sich in den auf uns gekommenen antiken Schriftstellern
nicht finden, und wenn morgen ein neues glossarium gefun-
den würde, welches uns andere antike neuigkeiten dieser art
offenbarte, so würde eine solche entdeck ung, und gewils mit
recht, in der ganzen philologischen weit wie ein fest gefeiert
werden. Findet man dagegen in den heutigen griech. dia-
lekten viele jener ungewöhnlichen Wörter die Hesychius auf-
fiihrt, oder andere, die uns zwar von keinem der alten schrift-
steiler überliefert wurden, die aber dennoch sicherlich von
alter berkunft sind; findet man lebendige dialektische formen,
deren existenz in der dassischen zeit uns kaum von einem
grammatiker angedeutet ist, so erscheint das als ein völlig
gleichgültiges factum, mit dem es nicht der mühe lohnt
sich zu beschäftigen. Ohne zweifei, die neugriechische
spräche hat schwere Sünden in den äugen mancher philo-
logcn. „Wie soll man sich^, sagte mir eines tages ein
junger doctor aus Bonn, „mit einer spräche abgeben, die so
tief gesunken ist, dafs sie anu mit dem accusativ construirt?^
Es hat sich wohl dieser und jeuer von den gelehrten, die
Griechenland besuchen, herabgelassen, uns einige proben
von der spräche der lebendigen bewohner des landes mit-
zutheilen, aber meistens geschah es in der ungenügenden,
ungenauen und nachlässigen art eines, der sich bewufst ist
i^ü) xov n^ayuaioq zu schreiben über dinge, auf die es im
1S4 Coinparetti
grande wenig aQkommt. Eine umfassende, tiefe und wahr-
haft wissenschaftliche erforschuug jener spräche ist bisher
noch nicht unternommen worden, und obwohl man nicht
sagen kann, dafs es ganz an neugriechischen Studien fehle,
so darf man doch behaupten, dafs dieselben noch nicht
Aber die grenzen jenes dilettantismus hinausgekommen sind,
mit welchem sie unter dem einflufs der durch die erste
griechische revolution hervorgerufenen Sympathien began-
nen. Das werk von Mnllach ist, wie bekannt^ nicht das
resnltat von unmittelbar im griechischen volk angestellten
Untersuchungen^ sondern nach den höchst dOrftigen und
unvollständigen proben der griechischen vulgärsprache ver-
fafst, die wir gedruckt besitzen. Und dafs dieses buch
dennoch das beste ist, was bisher über den gegenständ
geschrieben wurde, zeigt uns das maafs einer iQcke an,
welche die Wissenschaft, schon um ihrer ehre willen, nicht
länger unausgefQllt lassen darf.
Um so erfreulicher ist inmitten dieser Vernachlässigung,
an der zum grofsen theil die pedanterie und einseitigkeit
einer gewissen klasse übrigens höchst achtbarer gelehrten
schuld hat, das beispiel eines jungen pbilologen der fran-
zösischen schule von Athen, welcher sich dem Studium der
neugriechischen dialekte gewidmet hat, beginnend mit dem
tzakonischen , ohne frage dem bemerkenswerthesten von
allen, sei es um seiner seltsamen formen willen, sei es wegen
der fremdartigen eigenthümlichkeiten seines Wortschatzes.
In der einleitung, die seiner arbeit vorhergeht, giebt
herr Deville (mit beifügung einer karte) einige topogra-
phische notizen über Tzakonien, welches land er zweimal,
in den jähren 1863 und 1864, besuchte. Dann folgen hi-
storische nachrichten, soviel deren der vf., oder andere vor
ihm, über die alten und neuen bewohner Tzakoniens auf-
finden konnten. Die arbeit selbst zerfällt in drei theile.
Der erste enthält eine liste von 374 tzakonischen Wörtern
mit etymologischen anmerkungen; der zweite bandet von
der phonologie; der dritte von der grammatik des dia-
lekts.
In den wenigen worten, mit denen hr. D. am anfange
anieigtii. 1S5
seiner schrift derer gedenkt, welche vor ihm daaaelbe thema
behandelt haben, ist er weder so genau, noch so vollstän-
dig, noch so gerecht, wie man es hätte erwarten dürfen«
Nach seiner meinung hätte Leake nnr das wesentliche ans
Thiersch^s abhandlang in seinen Peloponnesiaca wieder-
holt; wobei hr. D« vergifst, dafs Leake schon vor Thiersch
in seinen Travels in the Morea und in seinen Resear*
chee into Oreece einzelheiten über den tzak. dialekt
mitgetheilt hatte, die auch Thiersch gewissenhaft citirt.
Allerdinga brachten die umstände, unter welchen Leake
Tsakonien besuchte, es mit sich, dafs er in einige irrthflmer
verfiel, die Thiersch dann verbesserte. Was femer Thiersch's
abhandlang betrifit, die hr. D. in seinem ganzen buch nur
swei* oder dreimal nennt und auch dann nur um sie sa
tadeln, so ist es zwar wahr, dais sie in dem grammatischen
theil mancherlei fehler und ungenauigkeiten enthält; im hi-
storischen jedoch hat sie hr. D. in ausgedehntem maalse be-
natzt, ohne sieb weiter die mühe geben, sie zu citiren.^Am
meisten aber befremdete uns das absolute stillschweigen, mit
welchem er die schrift eines Tzakoniers fibergeht, die wohl
anderswo unbekannt geblieben sein mag, aber sicherlich nicht
in Griechenland. Sie fQhrt den titel : flgayfiateia negl rijg
Aanmvixiiq (T^axavix^g) yXdöatig öwTfxx&üöa vno xov ix
AboüviÖiov Q, M, OixovofAov. !d&iivrj(fiv 1846. Da wir in einem
bericht des hm. Dehäque *) aus dem jähre 1864, in welchem
von der damals noch nicht veröffentlichtem arbeit des hm. D.
die rede ist, gelesen hatten, dafs hr. D. inTzakonien die gast-
fireundschaft eines Protopapas Oikonomos genossen, so hat- *
ten wir, in dem glauben, dafs dieser der Verfasser jener schrift
sein möge, um so bestimmter erwartet dieselbe von hm. D.
erwähnt zu sehen; jedoch war der Verfasser vielleicht ein
anderer. Wir erwähnen dies, weil jene schrift, wenn
anch sehr kurz und lakonisch bis zur un Vollständigkeit
und voller orthographischer fehler, dennoch als von einem
Tzakonier geschrieben, soweit es sich um thatsachen han-
*) Rapport fait an nom de la commission de l*6coIe fran-
9 als« d'Athänes snr les travaux etc. Paris 1864, e. 6.
136 Comparetti
delt, von grofBem gewicht und interesse ist. Aufser den
grammatischen notizen, enthält sie als probe des dialekts
einen dialog in 360 versen, von einem kleinen w5rterbueb
begleitet.
Hr. D., der direct ans der quelle schöpfte, hat sich
wenig um das bekOmmert, was andere vor ihm geleistet.
Nicht mit unrecht nennt er die angaben seiner Vorgänger
,, unbestimmt, unvollständig und sich widersprechend^.
Obwohl auch seine arbeit mancherlei ergänzungen zulä&t
und in einigen punkten einer Verbesserung bedarf, und ob*
wohl auch er sich in bezug auf thatsachen mit anderen
im Widerspruch befindet, so stehn wir doch nicht an es aus-
zusprechen, dafs er seine Vorgänger, zumal in der methode,
flbertroffen hat. Jedenfalls hat sein buch über jenen merk-
würdigen dialekt, über den Ahrens (II, s. 1) etwas zu
schnell den stab gebrochen, mehr licht verbreitet.
Die liste der tzak. Wörter, die den ersten theil der
schriFt des hrn. D. ausmacht, bietet wegen der alten wör*
ter, die sie als noch lebend aufweist, ein solches interesse
dar, dais man nicht umhin kann zu bedauern, dafs hr. D.
ihrer nicht noch viel mehr gesammelt hat. Als beispiel
führen wir die folgenden an, die Hesychius, manchmal mit
geringen abweichungen, als lakonische oder von lakonischer
form aufRkhrt.
axxo, schlauch ; äxxoQ^ doxog, yldxwveg. Das g am ende
des Wortes, im lakonischen dem <r der allgemeinen
Sprache entsprechend, ist abgefallen. Vor einem vocal
erscheint es jedoch mitunter wieder, z. b. rag äfABgij
(rijg iifAigag).
ßsgydSi, zicklein, steht, wie hr. D. richtig bemerkt, ohne
zweifei in Verbindung mit /jigxiogy eXacpog imo jfaxd'
VOJV.
daßelij feuerbrand; daßikog^ öakog^ AdxiovBg^
xovßdve^ schwarz; xovavä, fiikatva, AdxvovBg, Hiermit
rechtfertigt sich Rubnken's Verbesserung, die man an-
gegriffen hatte, um dem xova^a des MS. den Vorzug
zu geben.
fiovvraXiaj myrte; juivgrakig, ?) o^viivg^ivri^ dig Adx<avtg»
anzeigen. 137
Bei anderen Wörtern, die sich im tzak. dialekt finden,
giebt Hesychius nicht die heimath an, wie z. b., bei fol-
genden:
äÖB^e dQnn (von geweben); ärgiov, v(pog Xenrov,
äkijTa, mehl, ist das ältjrov, äXsvgov des Hesychius, das
auch Hippokrates gebraucht.
ßdpv€j lamm; ßccweta^ ägveia. Sehr bemerkenewertb,
weil es beweist, mit welchem unrecht einige die He-
sychische glosse haben Andern wollen.
X(ßvklixa, knh; xikXi^y ßoxg to tv xigag %a»^ SiearffafA--
fjiivov,
ogxo {ogxo fxi^ meine angen, (Aatia ^ov) bestätigt vor-
trefflich die interessante glosse ogxt}^ otffig. Vgl. Cur-
tius, gr. et. 587.
tyxaTS^ hecke; %Qxarog^ (pgay^og.
<povxxa^ bauch; (pvaxt], xoMa auch durch den gebrauch
einiger alter Schriftsteller bekannt, wenn auch mit ge-
wissen abweichungen in der bedeutung. Yergl. auch
ngr. (fovöxa^ blase.
Nicht immer . hat hr. D. den Hesychius zutreffend ci-
tirt. FQr äSgi (sprich adschö), grofs^ die Hesychische
glosse äSgog^ aÖQw/nivov anzufahren, ist überflüssig. Die
bedeutungen von adgog sind auch ohne Hesychius bekannt.
Für das wort aofiaai (sprich schomasi), citirt D. die
glosse aagfioi^ ö-sQfioi, Kagvcrrcot und zieht daraus den
schlufs, dafs wir es hier mit einer Verwandlung des a in o
zu than haben. Aber eine andere glosse zeigt obquoi^ &egfAoi^
jidxG)vsg. Bei dem wort \fuovxccgov8a, Schmetterling, citirt
er die Hesychische glosse ipvxrj^ L,wv(fiov Ttrr^vov; man hat
aber den Hesychius nicht nöthig um beweisen, dafs y^v^rj
aach in der bedeutung von Schmetterling von den alten
gebraucht worden. Im gemeinen griechisch sagt man fer-
ner nicht nur (wie hr. D. meint) netakovSa^ sondern auch
fpvxccgovSa ebenso wie xfjvxdgi^ und übrigens hätte hr. D.
niemals aus dem vergleich von xfjiovxctgovSa und nerakovSa
auf eine Verwandlung von A in ^ schliefsen sollen. So wie
ywxocgovda gehören noch einige andere von D. als tzako-
nische angeführte Wörter der gemeinen spräche an. So,
138 ComparetU
z. b., ^ovvovzog fl&r BVPovxoQi so aach x^f^^^^^ niedrig
(tzakoD. ;^a/<6A€) Dicht x^f^^^^^S' KogSovxxov ist das ge-
meine xogöt^ü) mit tzakonischer endung. SxovriXa teller,
ist ein wort der gemeinen spräche, und nicht das antike
xotvXrj (das tzakonische hat xovrovle^ hölzernes gefiUs),
sondern das latein. scntella, ital. scodeila. Allerdingrs
sagt man statt des antiken n(jivog (tzakon. nglve)^ wie hr.
D. bemerkt, gewöhnlich ytovgvägt^ jedoch sagt man anch
nQi^pccQi; die alte form ist erhalten in Zusammensetzungen
wie TiQivoxoxxia^ Xuongivog (yergl. Heldreich, die nutz-
pflanzen Griechenlands s. 18, 56). Andere Ton hm.
D. als dem tzakon. dialekt angehörig citirte Wörter finden
sich auch in anderen dialekten, vornehmlich im kretischen
und kyprischen. Hr. D. hat das wenige, was Ober diese
dialekte gedruckt ist, zu yergleichnngen benutzt, aber
nicht überall mit gleichmftfsiger Sorgfalt. So verstehen wir,
z. b., nicht, warum er, während er o£Fenbar das im <UtXioriAQ
veröffentlichte verzeichnifs kyprischer Wörter kennte nicht
bemerkt, dafs äSgog (tzak. adQi)^ grofs, sich ebenfalls im
kyprischen findet; dafe yaßoy schielend, mit dem kyprischen
und wohl auch gemeinen C^ßog, quer, verkehrt, eins ist;
dafs kdfiv(ti fOr iXavpwj mit etwas abweichender bedeutung
(rudern, gehn, reizen) im kyprischen, so wie in der gemeinen
spräche vorkommt, und ebenso A/^a, Aifcac^o», hunger, hung^
rig sein. Mit'C^^ klein, findet man im kypr. fjiiT^^e wieder.
Das alte xgdußrjy das im tzak. xga^ßoivi erhalten ist, findet
sich auch im kretischen xQafinovtödva (brassica cretica)
und im albanesischen grabi& (vgl. Heldreich s. 80). Da
ich das albanesische genannt habe, so will ich noch be-
merken, dafs hr. D. das Wörterbuch dieser spräche für
viele tzakonische Wörter mit nutzen hfttte zu rathe ziehn
können. So z. b.:
xxidovXa^ tropfen; vgl. alb« stjegula, regentraufe.
ßovkej bahn; alb. guli (geg.).
fiAOvCcc^ fliege, steht dem alb. miza näher als dem ge-
meinen fAvyUj oder dem altlakon. fiovia (Hesych.).
^lovvSov, saugen, erkennt man leicht im alb. ment.
finoQTixij flehte, findet sich im alb. bor ige.
aoMigen. 139
Von ftirci, klein, haben wir schon gesagt, dals es auch
im kyprischen vorkommt (kitvI^c;); wir ffigen hinzu,
dafs es sich auch in den griechischen dialekten Sod*
italiens findet {fÄiT^iädt)j so wie im albanesischen
(mitsi).
xautüi^ kind, kommt ebenfalls in den griechischen dia-
lekten SOditalienB vor (kecci), und ist verwandt
mit dem alb. ketsi (geg.), katsi, ketsi (tosk.), Zick-
lein (ngr. xaxL^tTCi).
fiBkfiyxm'ij ameise; albanes. melingore, melingone
(geg-).
unovüi^ fAnaiy ferkel, von dem hr. D. fragt, ob es das
lat. pnsns sei, ist vielmehr das alb. bitsi.
f^aov fut. von UyxoVy ich gehe (perf. i^dxa)^ ^a^hcxav, ich
f&hre, scheinen verwandt mit dem alb. etseig, ich
gehe*).
Diese Zusammenstellungen sollen natfirlich nicht be-
weisen, dafs mehrere der hier angef&hrten Wörter nicht
griechischen Ursprungs seien, wie hr. D. mit recht meint, und
wie es bei einigen derselben auf der hand liegt; aber sie schei-
nen uns wegen der fast völligen Identität der form bemer-
kenswerth, welche zwischen den Tzakoniem und Albanesen
beziehungen offenbart, die bisher von niemand beachtet
worden sind.
In bezug auf die etymologie einiger Wörter sind wir
mit hrn; D. nicht ganz einverstanden. Z. b. glauben wir
nicht, dafs ä&rjy bruder, sich, wie er meint, aus dem co-
polat. a und der wz. -S^rj (Curtius, gr. et 227) erklären lasse,
und dafs es mithin „nourri au meme sein^ bedeute. Die
Hesychische glosse dmpia, dSektpijg t] dÖBlq^ov vnoxoqtafAa^
welche hr. D. an einer andern stelle, zur erklärung des pL
ffOvr(a.d (no. 35 t) citirt, läfst sich auch auf den sing, a^if,
bruder, d&vid (nach Thiersch), schwester, anwenden«
Nachdem sich das n dem q> assimilirt, hat sich das 9>, wie
*) Ich hatte diese meine bemerknngeii dem brn. Camarda mitgetheUt,
worauf er freundlichst folgende Zusammenstellungen hinzufügte*, xaralrov,
beifsen, alb. kapsoig; rtrl, was?, alb. tse, tsi; volov, hören, alb. njo
▼wttelMiiv vwndunen: ßavpihvt Bchreien, stöhnen, alb. wajtoig.
140 CoiDpaietti
es häufig im tzakonisühen gegchieht (t^iAe, <ptlog\ oud-^^
6(pig etc.), in t'/ verwandelt; daher a&i und a&tä. Das
ursprüngliche (p ist dagegen erhalten in dem plun der di-
minutivform, {povxaia^ d. h. a(fovx(Jia^ d&ovt(fia.
avayavia „chemin montant en zigzags^. Hr. D. be-
merkt, dafs im makedonischen dialekt {^MJaxtag^ III, 1 18)
yavia ohrring bedeutet, und schliefst daraus, die eigent-
liche bedeutung des tzakonischen worts sei kurve, kreis.
Aber unseres wissens versteht man unter zig zag eine li-
nie, die ecken bildet, und keine kurve; und im alt- wie im
neugriechischen existirt das wort ywvia,
dnoxxaksj schwanger, leitet hr. D. von dno und einer
form fyxaXog (f&r fyxvog) her, die ihm durch die Hesychi-
sche glosse xaXdC^i^ oyxovrai, !Axciioi gerechtfertigt schont.
Wir glauben vielmehr, dafs hier oxx aus oyx (von oyxoq)
und nicht aus syx entstanden sei. Das suffix -As (== -Ao$)
vertritt die stelle von -da in gravida (vgl. oyxtjgog, 6y^
xv?.og^ und Pott in Kuhn und Schleicher's beitragen 11,40).
Da sich ferner das e am anfang der Wörter im tzakonischen
mituuter in cc verwandelt ( De ville s. 91), so glauben wir,
dals dnoxxake für knoyxake, inoyxrjkog steht. "Enoyxog in
der bedeutung „schwanger^ findet sich bei den alten.
Tcev äkka axgia (Kastanitza), rdv d dvxgia (Lenidhi),
übermorgen. Dieser seltsame ausdruck setzt hm. D. in
Verlegenheit, und er fragt, ob cxqia vielleicht das altgr. avy^
xvQia sein könnte. Wir glauben das nicht, mmdestens
was die bedeutung betrifit. Das einzige griechische wort,
welches sich dem sinne wie dem klänge nach mit aicgia
in Verbindung setzen liefse, ist vatBQaia (in bezug auf die
Verwandlung des e (ai) in i vergleiche man das tzak. xqU
für xqkag). Doch hat diese etymologie manches gegen sich,
und die Verwandtschaft mit dem lat. cras scheint uns nft-
herliegend (vgl. in einigen ital. mundarten crai, morgen,
und pescrai, pescherai, übermorgen).
uTtkiyyov, verjagen, hält hr. D. für das altgr. dva--
nXri6(S(ja^ wz. nXay. Aber dvanhijatSia kann nicht die be-
deutung von ixnhiGGiü haben , und überdies weifs hr. D.
wohl, dafs im tzakonischen wie im gemeinen romaisohen
das (A vor einer labialis am anfang der Wörter nicht noth-
anzeigen. 141
wendig die praeposition dvd repräsentirt. Er selbst theilt
ans femer mit, dafs -Byyov in den tzak. vcrben eine häufig
Torkommende endung ist, die dem alten and neuen -ww
entspricht. Uns scheint ^mliyyov von der gleichen wurzel
abgeleitet wie das lat. pello, wenn es nicht gar von jenem
lateinischen verbum selbst herkommt, das die griechische
form angenommen hat. Gerade mit dieser endung -£va>
pflegen die italienischen verben in die griechischen dialekte
Süditaliens überzugehen (z. b. suspirevo, ich seufze).
Femer ist zu beachten, dafs der tzakonis6he dialekt meh-
rere Wörter von sicherer lateinischer abstammung aufweist.
Hervorzaheben ist besonders das verbum
fiovQtxxov^ tddten. Hr. D. citirt das bekannte uoqrog^
'd'PFjTog des Hesycbius, und fügt desselben (lOQOifAoi^
Ol ivot^oi dg ß-dvaxov hinzu, welches keinesfalls
hierher gehört, vergifst dagegen das hiogr^v, dni^a-
v€Vy über welches freilich Lobeck zweifel geftufsert
hat. Nach unserer meinung haben jedoch diese He-
sychischen glossen mit jenem tzak. wort nichts zu
zu schaffen; dasselbe stammt vielmehr aus dem la-
teinischen, so wie ohne zweifel das aib. morti latei-
nischen Ursprungs ist. Die transitive bedeutung ist
der endung -ixxov zuzuschreiben, welche diese bedeu-
tung vielen tzak. verben beilegt (z. b. nsgoi durchgehn,
nepatxxov durcbgehn lassen). Man bemerke, dafs
sowohl morti im albanesischen als ^ovgixxov im
tzakonischen unter den übrigen Wörtern, die sich auf
denselben begriff beziehen, ganz vereinzelt bleiben.
In intransitiver bedeutung scheint die wz. (log im
tzakonischen nicht vorzukommen. Wir finden nur
naivdxxov, sterben. Fut. naiß-dvov^ perf. knaivüxa»
yovXa, kohl, welches hr. D. für das altgr. yoyyvXig hält,
ohne die reduplication, ist das lat. caulis (eher als
das gr. xavl6g\ in dem sich au in 01; verwandelt hat,
wie im franz. chou (vgl. Diez, gramm. I, 229). Die-
ses wort ist ferner nicht aussohliefslich tzakonisch;
es findet sich bei Ptochoprodromos, I, 214, und im
gemeinen romaischen bedeutet yovki koblstrunk (auch
kaxavoyovlov genannt), oder auch eine kohlart, die
142 Compuretti
man in CoDStantinopel nach Skarlatoa ipgayxoldxavov
nennt.
Andere Wörter lat. Ursprungs sind:
?M(poiaj lorbeer, lat. laurea.
ßtrVidqixa (.9 as b) Zwillinge; welches wort in Kastanitza
gebräuchlich ist, während man in Lenidhi ^cfjtfAciQtxit
sagt. Im albanesischen finden wir binj4ku, der Zwil-
ling.
xUAa, hans, ist unzweifelhaft lateinischer und nicht ita-
lienischer herkonft, so wie das gemeine onirt. So
auch
igirge, aratrnm, in dem das a am anfang sich in e ver-
wandelt hat, wie im albanesischen ans argentnm
ergjent geworden ist.
Ein wort, das zwar nicht lateinischen Ursprungs ist,
das aber die Griechen den Lateinern verdanken, ist aayo^
welches in Tzakonien vorkommt, ebenso wie das kleid, wel-
ches es in der alten zeit bezeichnete. Hr. D. führt es
nicht auf, wir finden es aber bei Oikonomos s. 31: adyo,
knavoipOQtov ttav notfAivoav dvev fiapixtcov ix rgt^^iZv xata-
axsvafffjiipov f fAtTaytiQiC,6fiBvov hv xatg(p x^^f^f^vog. Dieses
wort, welches sich auch noch bei den byzantinischen
schriftsteilem findet, hat im heutigen griechisch eine dem
ital. sajo ähnlichen form (adytov, oayidxi) angenommen.
Vgl. Diefenbach, Origines Europ. s. 414 flg.
Zum schlufs bemerken wir noch das wort varvdxa,
wiege, das gleichzeitig das ital. nannare, wiegen (ngr.
vavovgiZ^), und nacare in sich vereinigt, welches letztere
im sicil. und calabr. dialekt ebenfalls diese bedeutung hat
Was die vorliegende arbeit von derThiersch's am wesent-
lichsten und zwar zu ihrem vortheile unterscheidet, ist der
abschnitt über phonologie, deren eingehendes Studium dem
hm. D. weit tiefer in die etymologie der Wörter und der
formen einzudringen gestattet hat, als esThierschgethan. Was
dem leser in diesem theil der schrift zunächst auffällt, ist ein
gewisser mangel an Ordnung in der darlegung der phonetischen
thatsachen. Der vf. spricht zuerst von denjenigen unter den-
selben, die er archaismen nennt, und dann von den neueren
anzeigen. 143
Terftoderongen; von beiden jedoch in ziemlich bunter folge.
Die uDterscbeidnng, welche er zwischen den phonetischen
erscheinnngen älteren nnd neueren datums macht, mag,
anter einem gewissen gesichtspunkt betrachtet, sehr richtig
sein, nnd f&r einige thatsachen als unzweifelhaft gelten;
aber die unvollständige kenntnifs, die wir von den gespro-
chenen dialekten des altgriechischen und den verschiedenen
mehr oder weniger alten phasen derselben besitzen, macht
es uns unmöglich, die phonetischen erscheinnngen eines
neugriech. dialekts mit genauigkeit in jene beiden kategorien
zn vertheilen. Diese Schwierigkeit zeigt sich, z. b., wenn
hr. D. aus wenig triftigen gründen die Verwandlung des A
nnd des v in (> unter die archaismen, die metatheeis des (}
onter die modernen verftnderungen setzt, und in anderen
ähnlichen iSllen. Wir glauben, er würde besser gethan
haben, wenn er die phonetischen gesetze des tzakonischen
in der weise angegeben hätte, dafs er sie nach den orga«
nisohen kategorien der laute vertheilte und dabei gelegent-
lich die analogien dieser gesetze mit dem, was wir von den
alten dialekten wissen, bemerkte. Eine klasse von archais-
men konnte er immerhin ausscheiden ; doch hätte er in die-
selbe nur diejenigen phonetischen thatsachen setzen müssen,
die heute nicht als durchgehende gesetze im dialekt herr-
schen, sondern nur in einigen, in ihrer alten dialektischen
form erhaltenen Wörtern wahrgenommen werden.
Bemerkenswerth ist im tzakonischen das häufige vor-
kommen des lautes seh, welcher, sich im albanesischen
nnd in den griechischen dialekten von Epirus und Make-
donien so verbreitet findet*). Obwohl hr. D. demselben
im tzakonischen einen modernen Ursprung beimifst, so
sdbeint es uns doch, was diesen dialekt betrifft, nicht fiber-
flOssig daran zu erinnern, dafs das nichtvorhandensein jenes
lants im alten gesprochenen dorisch oder in seinen Varie-
täten keineswegs bewiesen ist**).
In dem theil, welcher die tzak« grammatik betrififk, ist
**) Vgl. Ham-ophiydes in dieser Zeitschrift VII, 140.
**) Chrisfs andegcmg (gr. lantl. 180) des pindarischen , das San be-
tidftnden flragmente ist unhaltbar.
144 Comparetti
es D. besser als Tbierscb gelungen, den wenigen gramma^
ticaliscben formen dieses dialekts eine ricbtigere orthogra*
pbie in röcksicbt auf ibre ableitung nnd eine glOcklicbere
anordnung zu geben. Einige irrthümer Tbierscb^s finden
sieb bei ibm verbessert, obne dafs er übrigens jenen nennt
oder den unterscbied bervorbebt« Einen grofsen febler be-
gebt jedocb br. D., wenn er sieb in allgemeine fragen einl&Tst,
die er um so mebr bei seite lassen sollte, als er sie meist in
einer weise beantwortet, die die sebr geringe reife seiner
linguistischen Studien an den tag legt. So fübrt ibn, z. b«,
die Wahrnehmung, dafs die tzakoniscbe declination den ge-
nit. plur. verloren bat, auf reflexionen über den fortfall der
casus im allgemeinen und veranlafst ibn zu folgender erklä-
rung dieser thatsache : ^On ne doit pas bdsiter ä dire que
la conservation ou la perte des flexions casuelles est en
raison directe du plus ou moins de nöcessit^ des cas. En
d'antres termes, les cas qui ont disparu sont pr^cisement
ceux qui, sauf certaines nuances dont la langne usuelle
tient genäralement assez peu de compte, pouvaient se rem-
placer par nne forme analytique, comme, par ex., le datif
dont les fonctions pouvaient etre remplies par un accusatif
jet une preposition'^ (s. 98).
Der artikel allein ist es, der im tzakonischen den acc.
plnr. vom nom. unterscheidet bei den masculinis und femi*
ninis. Hr. D. ist der erste, der uns lehrt, dafs der acc.
plur. des artikels masc. und fem. zu Kastanitza v^ ist {tijq
vor einem vocal), während er, wie man bereits wufste, in
Lenidhi rov (tovq) lautet. Hr. D. bemerkt, dafs das rtj
oder Tijg von Kastanitza nicht f&r eine contraction von rcUg
nnd mithin nicht ßXr einen acc. fem. genommen werden darf.
Er citirt stellen aus Volksliedern zum beweise, dafs man auf
Ejreta rat] statt rovg und raig sagt; aber es war ohnedies
schon bekannt, dafs man nicht nur im kretischen dialekt,
sondern auch in der gemeinen spräche t^i] statt rovg, ralg
nnd tilg sagt, was auch schon MuUacb bemerkte (s. 190).
Hr. D. ftkgt ferner hinzu, dafs sich im alten dialekt von Athen
TYig f&r xovg und ralg gebraucht findet. Aber aus all diesem
vermögen wir nicht recht einzusehen, wie er zu dem scblals
anseig«!!. 145
gelangt, dafs nj oder t^p ^nne forme exp^ditive et
abr^gee^ von rot^^ sei. Wir geb^i zu, dafs der artiket
Tijo ursprQnglich m&nnlich war, bevor er oommunis wurde,
glauben jedoch, dafs er aich zum regelmäfsigen rovg wie
der gemeine acc. fem. talg zum alten rag yerbält, und
würden daher nicht ttjq sondern roig schreiben. Das von
Mullaeh (s. 1 52) in bezug auf das gemeine taig citirte bet*
spiel des alten aeolischen dialekts, der ebenfalls taig statt
rag gebraucht, l&fst sich auch för diese dialektische mad«
Coline form anfahren, da, wie bekannt, das alte aeolisch
auch roig ftr rovg setzte. Man könnte glauben, daft in
diesem ttfO von Eastanitza eine Verwandlung des lauts u in
i stattgefunden habe, hervorgerufen durch die ähnliche
Verwandlung, die mit dem t; geschieht, das iq vielen tzak.
Wörtern seinen alten laut bewahrt, während es in andern
den beutigen laut i annimmt. Aus demselben gründe &tk^
den sich auch im tzakonischen in mehreren fällen i und ti
io ov verwandelt, und auf ähnliche weise im gemeinen
romaischen der laut e des artikels pl. nom. fem. cci in i (jy),
der Veränderung der ausspräche des ?; folgend« Doch ist
zu bemerken, dafs auch in Kastanitza das rov der gea.
masG. und neutr. unverändert geblieben ist
Bisher hatten wir auf die autorität Thiersch's hin ge-
glaubt, dafs die dativform, die im gemeinen romaisch be-
kanntlieh bis auf einige äufserst seltene Überreste ganz
verschwunden ist, im tzakonischen noch existire. Thiersch
geht sogar so weit, dafs er nicht nur behauptet, jenes fac-
tum sei „wenigstens im singuIar nachweisbar^, sondern
auch in den paradigmen der declinationen die dai sing« t^
vofifp^ r^ yovvai^i^ t^ fifjvij und für die pronomina perso-
nalia fc/, Pi, vi auffährt. Ueber diese so positive behaup-
tnng Thiersch^s, die Mullach sorgfältig registrirt (s. 97),
sagt hr. D. kein wort, indem er sich auf die bemerknng be-
eebränkt, dafs der dativ im tzakon. „est remplac^ comme en
grec moderne par la forme analytique: alg et Tarticle h Fac-
Cttsatif^. Diese seine aussage wird von Oikonomos bestä-
tigt, der nur vier casus, nämlich den nom» gen. acc. und
▼oc. anfahrt. Thiersch hat sich arg versehen« Was er r^
Zeitschr. f. vgl. sprach/. XYIIIi 2. 10
146 Compar«tti
v6fi<p schreibt, wird Tielmehr rro vofWj d. b. ^g tov vofwv
geschrieben. Der genitiv femer der fem. in a impor. en-
digt bei einigen Substantiven in €, bei andern in »; (ra
ygovaai, tSq ceuBoij). Tä yovvai^ij (nicht yovwcuCfi
Thiersch irrt sich auch im accent, der in diesen tzak. ge-
nitiven immer auf die letzte silbe fällt) ist kein dativ, son-
dern ein genitiv, und was Thiersch fbr den genitiv von
yovvaixa ausgiebt, tä yovval^s (vielmehr yovvaiCi) exisirt
nicht ftr dieses snbstantivum, sondern ist eine nach dem
beispiel anderer substantiva von ihm gebildete genitivform.
Von der form t^ fA^vi finden wir bei D. keine spur. Beim
Personalpronomen der ersten person ist (li (man sagt auch
ifiiov; vgl. das altdorische kfiiai) genitiv und nicht dativ;
der von Thiersch citirte ausdrnck di fii entspricht dem
gemeinen dog uov. Ni ist der acc, und nicht der dat.,
des pron. der dritten person. Ein vi der zweiten person
«zistirt nicht. — Alles dies bestätigt Oikonomos.
Wir schliefsen unsere kritik mit einigen bemorkungen
4lber das tzak. verbum. Dasselbe hat keine eigenthümliche
form fQr das praesens und imperfectum, mit ausnähme
des substantivverbnms, dessen praesens und imperfectum
verbunden mit den participien der fibrigen verba fikr letztere
jene beiden zeiten ersetzen. Das imperfectum des substan-
tiwerbums ist, nach D., folgendes iua^ ^cra, ixi^^ Hfiai^ h-
Tai, ijyxtj oder ijyxia'i. Um die formen des pluralis zu ei^
klären, weist hr. D. darauf hin, dafs in den dialekten
Nordgriechenlands die erste und zweite pers. pinr. aor. act
die endungen -cr^^i^, -atav {-Brav) statt der gemeinen
-flTjKflv, -axBv (-BtBv) habcu. Demgemäfs erklärt er die en-
dnng ^at als aus -avi entstanden, indem, sagt er, das i
finale paragogisch ist und das v ausgestofsen wurde. Da
femer der tzak. dialekt das 6 in den aoristen ausstölst, ist
nach seiner ansieht die vollständige form der dritten person
Tfyxi^aapi oder TjvtTjaapi. — Wir bemerken zunächst, dafs
man, um das wesen jener endung richtig zu verstehen, sich
gewisse endungen der 3. pers. pl., die dieser dialekt aufweist,
verg^enwärtigen mufs, nämlich die 3. pl. fttt. act t^a ogavi^
3« pl. ftit« pass. ß-ä OQad'ovviy 3. pl. fut. act iJ-a yiovQi(foi\
147
3. pL aor. act. iwQaxai^ 3. pL aor. pass. iwQax&a'i, Wir
b^^ifen nicht, wie br. D., der im phonologischen theil sei-
ner arbeit so richtig die ausstofsung des er, wenn es zwischen
zwei vocalen in einer endung steht, bei anderen formen des
tzak. verbums bemerkt hat, dieselbe ausstofsung in den en-
dungen -aC^ -oi Obersehen konnte. Auch in den griech. dia-
lekten SQditaliens findet sich ein solcher ausfall des <t, und
man sagt, z. b., tfiQa'i statt tiigaai und letzteres statt des
gemeinen fjvgavj rjvgave^ welches übrigens ebenfalls in jenen
dialekten vorkommt, denn die endungen -orve, -aai, -€4',
und -^vPBj -ovai (-ol* haben wir bis jetzt nicht gefunden)
werden in denselben vermischt gebraucht. Und dieses ist
nicht nur den griech. dialekten Süditaliens eigenthümlich,
sondern findet sich auch sehr gewöhnlich in anderen dia-
lekten, z. b. im kyprischen, sowie bei den ältesten romaischen
schriftsteilem. In manchen fällen ist auch die endung -ai^e
oder -aai nur angefiQgt, und verlängert nur eine bereits
vollständige form, wie, z. b., wenn aus kygaqovto kyga^
ipovvTovs und hyqaq>ovvtaöi wird, wie man, u. a., häufig
beim Demetrius Zenns findet. Kehren wir nun zum tza-
konischen zurück, so ist es hiemach klar, dafs die endun-
gen der 3. pL -cri', -ot den erwähnten endungen ^aat^ -ovai
und die endungen -avi^ -ovvi den gemeinen -av6, -ot/ye
entsprechen. Im imperfectnm des subsf an tiv verbums ist
die eigentliche form der 3. pl. ijyxi (so würden wir schrei-
ben nicht rjyxrj) ; die andere, rjyTaa'Cj ist nichts als das näm-
liche 'i]yxi mit der additionalendung -ai' {-aai). Dieselbe
additionalendung wird auch an die erste und zweite person
angehängt, i^-ai^ ^rr-ai', in derselben weise wie beim ge-
meinen imperfectnm des substantivverbums und der passiv-
form der verba überhaupt jenen beiden personen die ad-
ditionalendung -aöTt {ijfi'aatBj ija-affTS^ iyQa<povfi^aate^
iypag>ovC'aifTe) angefügt wird.
Wir haben im tzakonischen eine spur des imperf. pass.
im aorist erhalten. Der aor. pass. lautet: (agdfia (auch
itoQceua)^ wgat&BQE^ (agccTd-e^ utgäfiat, (agdt&atef (hgccT&al,
Offenbar hat die 1. pers. sing, und plur. nicht die form des
aor., sondern des imperf. {cagdfia^ wQtifiai wie ifia, ifiai),
10*
I4d Conparetti
In einem anhange giebt hr. D. als proben des dialekte
sechs kurze teak. lieder mit flberseteung und erklfirungen^
die mehrzahl im dialekt von Kastanitza. Diese proben sind
zwar etwas bedeutender als die von Thiersch mitgetheilten,
aber immer noch sehr ungenflgend. — Wir verstehen nicht,
zu welchem zwecke hr. D/in diesen anhang noch drei in*
Schriften aufgenommen hat, die weder im dialekt geschrieben^
noch überhaupt älteren datums als 1 678 sind, und eine vierte
Inschrift, die zwar alt ist, aber nur die gewöhnlichsten do-
rismen enthält. (Die letztere ist ein proxeniedeoret der stadt
Gerouthrae, welches sich der no. 1 334 des C. I. O. zur seite
stellen läfst). «— Es scheint uns eine tadelnswerthe sitte — die
übrigens nicht hm. D. allein vorzuwerfen ist — , alte In-
schriften in büchem zu publiciren, in denen es niemandem
einfallen wird sie zu suchen.
Der schlufs, zu dem sich hr. D. durch seine arbeit ge-
führt sieht, ist der, dafs iler tzak. dialekt der erbe jenes la-
konischen sei, der ehemals in derselben gegend gesprochen
wurde*). Bis auf einige einschränkungen ist dies richtig,
and hätte sich hr. D. hiermit begnügt, so würden seine be-
hauptungen in den thatsachen ihre begründung finden. Aber
gelockt durch das beispiel Thiersch^s, dem er Oberhaupt im
historischen theil seiner schrift stillschweigend gefolgt ist,
hat er noch weiter gehen wollen. Das von den Tzakoniem
bewohnte land bewohnten nach Herodot ehemals die Kynu-
rier, die zwar jonischen Ursprungs waren, unter den Dorem
aber, wie sich der grofse geschichtsschreiber ausdrückt, £x-
S$d(UQiBvvTai, Der lakon. dialekt ferner ist, nach Ahrens,
ebenfalls praedorischen Ursprungs; mithin mufs sich im tza-
konischen unter den dorismen ein uraltes jonisches element
erkennen lassen. — Dies ist im gründe nichts anderes, als
was auch Thiersch schon behauptete. Wenn man aber
fragt, welches denn eigentlich diese mysteri(ysen und vor-
*) Den namen TCaxMtia erklärt hr. D. aus dem adjectiy T^aj^onr,
welcher in der „Chronik von Morea* in der bedeatnng von steil vorkommt;
. ein beiwort, das sehr wohl auf Tsakonien pafst. Im tzakoniscben verwandelt
sich das ^ nach den zahulauteu iu seh, daher T^axcrir^a, T^axw ••#(;. — Wir
glauben kaum, daf^ diese etymologie jemanden befriedigen wird.
anzeigen. 149
sOndflutblichen jonismeD, die das tzakonische enthalten soU,
seien, so antwortet Thierscb unbedenklich: man erkenne
sie in „der Weichheit und milderung der formen, im ab-
stofs und ausfall der Konsonanten, in der anschwellnng
der Yoeale, in dem offenhalten der diphthonge und, in meh«
reren ftllen, in der entfernung der contraotion o. s. w.^,
Hr. D., der wohl bemerkt haben mag, daJb diese behaup-
toDg Thiersch^s etwas kQhn sei, beschränkt sich darauf SU
sagen, dafs der ursprQngliche jonismus des tzakonischen
sich in den „ particularit^s laconiennes du dialecte^ offen-
bare, von denen die dorismen durchaus zu sondern seien*
Thierscb bleibt übrigens bei obigem noch nicht stehn, son-
dern verirrt sich, auf dem abschüssigen wege der conjecturen,
bis zu den Pelasgern,. die hr. D., vielleicht weil sie heute
nicht mehr in der mode sind, weislich zu hause läfst.
Offenbar enthält dieser tzak. dialekt untermischt mit
vielen clementei^ andern Ursprungs, romaischen, albanesi-
schen, lateinischen und auch türkischen, deutliche spuren
des altdorischen und speziell des lakonischen, sowohl im
Wortschatz als auch in der grammatik"^). Hr. D.'s arbeit
läfst hierüber keinen zweifei. Aber obwohl sie die best^
ist, die wir bis heute über den gegenständ besitzen, so
kann sie doch keineswegs für erschöpfend gelten und UUst
noch viele wünsche unerf&llt. Wir hoffen, dafs hr. D.
dieses feld hiermit noch nicht verlassen und demselben in
Zukunft noch gründlichere und der wissenschaftlichen methode
noch treuere Studien widmen werde. Ein möglichst voll-
ständiges lexicon und eine reichhaltige Sammlung von pro-
ben des tzak. dialekts wären vorzüglich zu wünschen.
*) FOr ein curiosnm kann es gelten, dafs Hopf, in seiner geachicht«
Griechenlands vom beginn des mittelalters bis auf ansere seit
noch heute die Tzalconier fUr Überreste der slaviscben eindringlinge Griechen-
lands hftlt, nnd dafs sein recensent im llter. centralblatt im Juni 1S6S
die Phantasien Fallmerayers wiederaufzniViscben nnd zu vertheidigen sucht.
Pisa. D. Comparetti.
150 Schmidt
DaB grammatische geachlecht und seine sprachliche bedeutnng. Eine aka-
demische gelegenheitochrift von J. H. Oswald. Paderborn 1866.
Die vorliegende abhandlnng könnte unbeschadet ihres
Inhaltes zwei drittel ihres umfanges entbehren. Der Ver-
fasser, nicht Sprachforscher von fach (kath. theologe), trägt
seine, nicht immer genügende grammatische dnrchbildung
verrathenden ansichten mit wenig rOcksicht auf die zeit
des lesers vor. Mancherlei, oft weit abfahrende, exenrse
unterbrechen die darstellung. Wenn man eine sprachliche
erscheinung untersucht, so handelt es sich vor allem darmn
festzustellen, worin sie besteht, in unserem falle ist also
die schwierige frage zu beantworten: wie, d. h. durch
welche lautlichen mittel, bezeichnet die spräche das genus.
Der verf. indeis „rechnet dies nicht zu seiner aufgäbe^
(s. 71 und 58 anm.), sondern setzt die thatsache, dafs die
indogermanische spräche das genus bezeichnet, einfach vor-
aus. Dafs die Untersuchung dadurch an klarheit nicht ge-
winnt, ist natürlich. Erö£fhet wird die abhandtung mit der
thatsftchlich unrichtigen behauptung, „dafs nur die sprachen
auf der höchsten stufe der Organisation den unterschied
des grammatischen geschlechtes aufzeigen^. EKe congo-
caffrischen sprachen, welche gewifs nicht zn den höchst-
organisierten sprachen zählen, unterscheiden sogar mehr
als drei unseren genera entsprechende categorien. Von
den sprachen, welche das genus nicht bezeichnen, wird
das magyarische als beispiel herangezogen und sehr aus-
führlich erörtert. Ganz unberechtigt ist aber folgender
schlufs: „Da nun die anderen constitutivelemente der decli-
nation, die abwandlung durch casus und oumerus, mit der
motion des genus auf gleichem fufse stehen, so fallen auch
ca§us und numeri als wahrhaft grammatische formen aus,
und jede wahre, d. i. flexivische declination ist unmöglich^
(s. 15). Wäre dies richtig, gäbe es keine „wahre** decli-
nation ohne geschlechtsunterscheidung , so wäre die decli-
nation unserer indogermanischen personalpronomina auch
nicht „wahr**, und da sie von der declination der geschlecb-
tigen pronomina und der nominalen declination zwar ab-
anzeigeD. 151
weicht, aber doob nicht principiell irerachieden i«t, so folgte,
dafe auch die noininaldecliiiatioD, trotzdem dafs in ihr der
genusunterschied hervortritt, nicht „wahr*^ wäre, d. h. daCs '
es im iDdogermauischen überhaupt keine ,, wahre** declina-
tioa gäbe. Der verf. erklärt dann auch (s. 17), dals die
magyar. oasussuffize -nak, -at u. s.w. „nicht entfernt un-
seren flexiyischeu casibus entsprechen, sondern nur in rea-
listischer nachahmung die casuellen besiehungen auszu-
drflcken suchen^. ^Am beweisendsten f)Qr die unfleziTische
natur dieser casus ist der umstand, dafs lediglich das sub-
statftiv, nicht die voraufgehenden attribute das casuszeichen
bekommen: a' j6 ember := der gute mann, a' jö em-
bernek dem guten manne. Wäre das flezion, so müiste
es heiTsen aznak jönak embernek wie Ttß aya&fp aif-
tf^gwnqi^. Dies ist nicht richtig. Das magyarische falst
offenbar a' jö ember u. a. als ein ganzes und setzt daher
die ihm zukommenden beziehungselemente auch nur «iitmal
an den schluis des ganzen. Freilich bekundet dies ein im
▼ergleiche zum indogermanischen unausgebildetes gefQhl
filr Worteinheit, welches man aber nicht auf den mangeln-
den genusunterschied zurOckf&hren darf*). Die magyari-
schen suf&xe sollen nur ^^realistische bedeutungslaute^ und
damit toto coelo von den sufSzen des indogermanischen
verschieden sein, welchen man doch auch weder realismus
noch bedeutung absprechen darf. ^Mit einem werte, es
fehlt Qberall das formbildende princip und damit der höhere
Sprachgeist. Es verhält sich die ungrische spräche zu einer
indogermanischen wie ein überaus künstlich angefertigter
automat zum belebten Organismus des menschlichen leibes^.
Wer hat denn den automaten gemacht? Es folgt dann noch
eine lange Verherrlichung des indogermanischen, veibunden
mit ungerechtfertigter herabsetzung des magyarischen, welche
um so unbegreiflicher sind, als der verf. den allein wesent-
lichen unterschied zwischen den flectierenden und aggluti-
nierenden sprachen, nämlich die Veränderlichkeit der wnr-
*} Auch unsere eprachen bewahreu noch eine den obigen magyarischen
bfldungen entsprechende form im gen. sg. der a-sUbnme, wie ich aa
anderen orte zeigen werde.
152 Sohmidt
aei^ocaie 2um zwecke des beziehungsaußdruckes in ersterao
•als ^ftiifserliche phonetische erscheinungeii^ fafst (s. den
itiOL excure s. 32 ), der nach des Verfassers meinung unge-
heure abstand awischen bmden also gar keinen thatsächli-
chen anhält (NB. nur f&r den verf.) haben kann.
Der folgende abschnitt bespricht die verschiedene be-
handlung des grammatischen geschlechtes im indogcrmani*-
sehen und semitischen. Das im indogermanischen neben
den beiden natürlichen geschlechtem auftretende ueotrum
wird erklärt als das kindliche noch nach keiner von beiden
Seiten hin entwickelte, woraus sich dann die vorstellungm
des kleinen, zarten, niedlichen und in uugflnstiger beziehung
des unreif rohen, ungeheuerlichen entfalten. Da das neu-
trum beide geschlechter implicite in sich enthält, so be-
zeichnet es femer das beiden geschlechtern gemeinsame,
allgemeine, abstracte (s. 36 f.). In Wirklichkeit ist ja aber
das femininum wenigstens ebenso oft zur bezeichnnng des
abstracten gebraucht wie das neutrum, ich erinnere an ab*
stracta auf skr. -ti, lat. -tia, -tion-, gr. -avvtj^ deutsch
-nng, -nifs u. a. Uebcrhaupt kann man sich nicht verheh-
len, dafs es um eine scharfe begriffliche Scheidung der drei
grammatischen genera sehr mifslich steht. Entsprächen der
bezeichnnng der geschlechter wirklich so stark verschiedene
voi^stellungen wie die des männlichen, weiblichen und noch
nngeschlechtigen in der natnr, so wären die zahllosen Qber-
tritte von werten aus einem genus in das andere ohne
merkbare modification des begriffes sowie der umstand,
dafs manche werte zwei geschlechtem angehören, ganz
unerklärlich. Recht gut entwickelt der verf. die inneren
grQnde, weshalb Indogermanen und Semiten am pron. l.p.
sg. das gpschlecht nicht bezeichnen (s. 48 ff.). Der redende
als solcher ist nur geistige person, also über den geschlechta-
unterschied erhaben. Lesenswerth ist auch die bespreobung
der pronomina der beiden anderen personen, ganz verun-
^Qckt aber der versuch (s. 51 ff.) die dedination der indog.
geschlechtslosen pronomina als derivation zu erweisen, wel-
cher, abgesehen von vielen einzelnen Unrichtigkeiten, zeigt.
ansci^tti. 158
dab dem verf. der unterficbied zwisoben Wortbildung und
stammbildang nicht klar geworden ist
Aus der ausdehnung des genus auf das verbum im
aemitischeii scbUeist der verf.^ dafs in dieser spräche über-
haupt die Unterscheidung zwischen nomen und verbum
noch nicht so scharf und vollständig YoUzogen ist wie in
der sprachlichen Schwesterfamilie. Der schluissatz ist rich-
tig, folgt aber nicht aus den prftmissen des Verfassers.
(Vgl. Schleicher die Unterscheidung von nomen und verbum
in dear lautlichen form).
loh schlielse hiermit daa referat, welches sich auf die
wiedergäbe des gedankenganges im ganzen und greisen
beschrftnkt, eine menge einzelner Unrichtigkeiten aber,
welche der fachgenosse sofort als solche erkennen wird,
gans unerwähnt gelassen hat. Mehr eingehen auf das
Üiatsächlich gegebene und weniger philosopheme wären zn
wünschen gewesen. Im ganzen mifst der verf. der bezeich-
nnng des grammatischen geschlechtes (wie sie geschieht,
wird leider gar nicht untersucht) eine viel zu hohe Wich-
tigkeit fiEkr die morphologie der spräche und des denkens
bei. £ine störende zugäbe sind die druckfehl^, welche
die ganze arbeit durchziehen.
Johannes Schmidt
Zur kenntnifs der ältesten runen. -
In zwei artikeln der kopenhagner zeitschr. fQr philol.
und pädagog., bd. VII, s. 211—252 und 312 — 363, die
aoeb besonders gedruckt sind, hat Sophus Bugge in
Christiania eine anzahl (12) der „ältesten^ runeninschriften
behandelt. Die resultate seiner entzifferung sind filr das
TeffständniTs dieser inschriften wie die kenntnifs der in ihnen
angewandten spräche und sohrift wichtig genug, als dafs
wir den leser der Zeitschrift nicht durch eine besondre hin-
Weisung sowohl auf diese selbst, als auch die mit ihnen
154 ll5bia«
in naher Verbindung stehenden arbeiten von Ludv. W im-
mer und E. Jessen in Kopenhagen aufinerksam machen
sollten; es handelt sich uns hier weder um eine erschö-
pfende mittheilung, noch eine kritik, die wir unsem mno-
logen fiberlassen.
Unter ^ältesten runen^ aber oder „runen der langem
reihe ^ verstehen B., W. und J. diejenigen, die man bei
uns die ^ deutschen ^ nennt ( W. Grimm ), im norden aber
— seitdem man dort ihre spräche als nordische erkannt
zu haben glaubt — auch die „altnordischen^ im gegensatz
zu den gewöhnlichen, den „skandinavischen'*, der kfirzem
reihe. (Wenn freilich Geo. Stephens sein Bunenwerk
[Part I, Lond. and Cheapinghaven 186(i, fol.], was sich
nicht nur auf jene „ältesten'^, sondern auch auf die angel-
sächsischen runen erstreckt, betitelt: The oldnorthern
runic monuments of Scandinavia and England^, so thnt er
dies auf grund seiner eigenthQmlichen Überzeugung, dais
die spräche, die er in beiderlei runen findet und auch zur
eiklärung der erstem anwendet, nftmlich die angelsftchsisobe,
nicht — wie wir andern alle bisher vermeinten — eine
deutsche sei, sondern, was man dem eifrigen skandinavisten
zu gute halten möge, eine nordische; der werth und die
Zuverlässigkeit seiner sehr sorgß&Itigen runenbilder wird
übrigens dadurch in keiner weise geschmiüert).
Die von Bugge behandelten inschriften sind einmal
das goldne hörn und die steine zu Tune und zu Vamnm
nebst einigen kleinern inschriften, andrerseits die blekinger
steine zu Istaby und Björketorp; die Stentofte-, Gommor-
und Sölvesborg-inschrift nur in einzelnen werten.
Sie werden, meist unter Zugrundelegung der abbildtta-
gen bei Geo. Stephens, von S. B. gelesen und erklftrt wie
folgt:
I. (hörn, Nordschlesw.): ek Hlewagastir Holtingar
homa tawido: ick, Hlmoagast HoUs nachkomme
d. i. : sohn^ fertigte tku hom.
II. (Tune, Norw.), 1 : ek Wiwar after Wodnride wita-
dahalaiban worahto runor : tcA, Vic, toürkte nack (stmv
andenken an) Voduridj den genossen^ die
miscellen. 155
ni. (Tuue, Norw.)) 2 :* arbinga singoster arbingan Op-
liogor dohtrir dalidun [afte]r Wodaride staina:
der (d. i.: von den) erben die ältesten erben ^ die
töchier der Odlinga^ fertigten (?) nach W. den
stein.
IV. (Varoum, Schwed.): ubar Hite Harabanar [wi]t jah
ek Erilar runor warita : über dem Hit schrieben wir
beide^ ich Hrafn und Jarl, runen.
V. (Berga, Schwed.), 1: Fino: Finna (name).
VI. { ji „ ), 2: Saligastir: S. (name).
VII. (Etelhelm, Schw.): m(i)c M(e)r(i)la w(o)rta: mich
(d. ]. : die inschrift) tcürkte Merila.
VIII. (Tanom, Schw.): prawingan haitinar was: {der
stein) war (der) des Thrat>ingi geheifsen.
IX. (Himlinghöie, Dänem.): Hariso: Harisa (name).
X. (Istaby, Schw.): afatr Hariwnlafa Hapuwulafr Hae-
ruwulafi(ng)r warait runar paiar: nach (is. and. an)
Hariwulfr (d. i. : Herjulfr) schrieb Hathuwulfr Sae-
ruwulfs (d. i.: BöSulfr Björulfs) söhn diese runen.
XI. (Björketorp, Schw.): uparaba-spa. sar pat barutr
uti ar wela daude. haera malausr ginarunar aragea
falah ak Hadr oag haidrrQ(nar) noronu (altn.: upar-
faspä. aar pat brytr^ üti er vel daadt. her mdllauss
ginnrünar ergju fal ek Haddr, öak heiiTrrünar nor-
roenu): Verfluchung, der welcher dies abbricht^ (für
den) ist draufsen jedenfalls der iod; hier barg tcA,
Haddrj sprachlos der hexerei kraftrunenj bange
(d. i.: mit scheu erfüllt) bin ich vor den nordischen
ehrenrunen.
Die spräche, offenbar eine germanische, sehr antiken
gepräges, am nächsten der gothischen, obwohl bald mehr
bald minder alterthQmlich als diese, zeigt doch vorwiegend
nordischen (nordgerman.) charakter im gegensatze zum
deutschen (südgerman.).
Das hohe alter wird bezeugt (aufser dem mangel des
Umlautes, dem e sss i, o as u, dem d = d* u. a.) vorzugs-
weise durch das hervortreten der thematischen vocale, das
156 Möbitu
nordische namentlich durch das an die Btelle des goth.
flexions*8 getretne r.
Jene thematischen voce, a, i, n, vor allem das a, zei-
gen sich in: Hlewa- (L), witada-*(II.), Hart- (XI.), Hal>ii-
(X.), Haerw- (X.), in: -gastir (I.), Holtingar (L), Wiwar
(IL), Harabanar (IV.), £rilar (IV.), haiti;iar (VUL), in:
horna (L), staina (IIL), -wulafa (X;)- [Äulser dem the-
matischen a, findet sich dieser vocal aber noch in zweifa-
cher weise, epenthetisch und paragogisch; epenthet. in:
halaiban (IL), worahto (IL), Harabanar (IV.), waritu (IV.)
und warait (X.), afatr (X), -wulafa und -wulafr und -wu-
lafi(ng)r (X.), in: uparaba- (XI.), barutr (XL), arageu (XL),
falah (XL); paragogisch in: wela (XI.), haera (XL), gino-
(XI.) -].
Der nordische (d. i. : nicht-deutsche) charakter beruht
auf der deutung derjenigen rune, die in den spätem, skan-
dinavischen rnnen m bezeichnet, der aber Bugge in diesen
ältesten durchgehend den werth des r (goth. s) vindiciert;
die Istaby-inschrift (X.), wo es nicht andere gelesen werden
kann (Hapuwulafr, Haeruwulafir, runar, paiar, neben afatr,
wo eben r nicht s= s, sondern == r) dient ihm als basis.
Sonach : -gastir (I.), Holtingar (I.), Wiwar (H), ubar (IV.,
vgl. afatr X.), Harabanar (IV.), Erilar (IV.), runor (IV.),
haitinar (VIIL), barutr (XL), ar (XL), malausr (XI.),
Hadr (XL).
Deutung und erklärung obiger inschriften, wie die
principien derselben und die ansieht von ihrer spräche ge-
hören, wenn auch vorwiegend, doch nicht — wie allerdings
die Björketorp -Inschrift — ausschliefslich Bugge; neben
Bredsdorf und Munch , Dietrich und Hofmann u. a. ist es
vorzugsweise Ludv. Wimmer, der theils ganz unabhän-
gig von Bugge, theils zustimmend und im anschlnis an
ihn wesentlich dieselben resultate ausgesprochen. Dies gilt
namentlich von der erklärung der spätem m-mne als eines
r (=s goth. s) in diesen ältesten inschriften und in folge
dessen von der dentung der betreffenden spräche als einer
nordischen; ebenso hat er sich den nach weis der ihenuiiti-
schen v<>oale in diesen inschrifiben besonders angelegen sein
miflcelleii. 157
lassen. Letztares in seiner schrift über die altdänische
declinatioD (Navneordenes Bojning i aeldre Dansk. Köbh.
1868), die zugleich s. 41—45 die hörn- und Tune-inscbrift
eingehender bespricht; ersteres in zwei (auch separat ge-
druckten) artikeln der Jahrbücher (Aarböger) der kgl. nord.
alterthumsgesellsch. 1867, 1 — 64 und 1868, 53 — 75, von
denen der erstere eine kritik von Geo. Stephens' runenwerk
L enthält, der letztere die durch sie hervorgerufne antikri-
tik von G.Stephens (Aarb. 1867, 177—231) beantwortet.
— Zweifel und anfechtung haben dagegen die Buggischen
erklärungen, zunächst der sieben ersten inschriflen, von
E. Jessen erfahren, in Aarb. 1867, 173 — 176 und 274
— 282; namentlich ist es jener angelpunkt des r, insonder-
heit dessen ausnahmslose anwendung, wogegen J« mehrere
nicht ungewichtige bedenken erhebt. Auf diese wiederum
hat Bugge in einem besondern anbange zum zweiten jener
oben angeführten artikel, s. 353 — 363, geantwortet.
Eigenthümlich ist Bugge, wie bereits bemerkt, die oben
g^ebne deutung des blekinger Björketorpsteins. B. selbst
bezeichnet sie als eine sehr fragliche und stellt als princip
seiner erklärung die jedenfalls sehr sinnreiche vermuthung
auf, dafs sie, in unzweifelhaft „ältesten^ runen geschrieben,
doch nicht deren sonstige spräche, sondern die altnordische
miodestens des 11. jahrh. darbiete (formen wie ar ss er
und arageu ^^ ergja weisen auf die mitte desselben), so-
nach einer zeit, wo jene runen bereits längst durch die
jüngeren, skandinavischen verdrängt waren. Wenn jene
gleichwohl hier zur anwendung gekommen, habe der Schrei-
ber seinem fluche (üparfaspä) einen gewissen mysteriösen
Charakter verleihen wollen. Er nennt sie selbst: ginnrünar
ergja, weil sie zu seiner zeit nur noch zum zauber (aber
nicht zur schrifi;) angewendet wurden, im gegensatz zu den
damals üblichen, jedem verständlichen skandinavischen ru-
nen: heidrrünar norroenu. Rüc£flichtlich der Stentofte-,
Gommor- und Solvesborg-inschrift verweisen wir den leser
auf Bugges eigne auseinandersetznng.
Th. Möbins.
158 Andresen
1) Schlittschuh oder schrittschuh?
Als Klopstock, wie in „Wahrheit und dichtung^ (buch
15) erisählt wird, Göthen und F.eiue freunde „zurechtwies^,
dafs nicht „schlittschnh^ sondern „schrittschuh^
zu sprechen sei, „das wort komme keineswegs von schüt-
ten, als wenn man auf kleinen kufen dahin fähre, indem
man, den homerischen göttem gleich, auf diesen geflögelten
sohlen über das zum boden gewordene meer hinschreite*':
da traf er völlig das richtige, ohne sich indes, wie zu
vermuthen steht, der entscheidenden formverhältnisse hin-
reichend bewust zu sein. Trotz jener einleuchtenden er-
klärung, die der hauptsache nach schon von Richey im
hamburg. idiot. gegeben worden war*), und obgleich zu
keiner älteren zeit von „Schlittschuhen^ je die rede
gewesen ist, scheint doch diese form, mit ausnähme etwa
von Norddeutschland im engeren sinne, allenthalben das
übergewicht zu behaupten. Im mittelhochdeutschen be-
gegnet schriteschuoch, schrittelschuoch, im alt-
hochdeutschen demgemäfs wohl nicht scrtte- sondern
scritescuoh (Grimm gr. II, 681), mit dem Substantiv zu-
sammengesetzt. Der niederd. dialekt sagt stridscho,
stridschau (vergl. Schambach 214b), aus striden, engl,
stride**). Offenbar soll nun „Schlittschuh*' (dr „be-
zeichnender^ gelten (Förstemann in d. zeitschr. I, 10); dies
leuchtet jedoch keineswegs ein, am wenigsten dem geschick-
ten, selbstthfttigen und selbstbewufsten läufer, der vielmehr
von der Klopstockschen erklärung erbaut ist. Ursprung
und bedeutung zeugen gleich mächtig fbr„schrittschuh^,
gegen „Schlittschuh^, dessen gänzliche Verwerfung min-
destens aus der Schriftsprache angemessen erscheinen and
vielleicht erreichbar sein dürfte.
^ »womit man auf dem eise wacker fortschnitet**.
**) auch im hochdeutschen vorhanden; s. Grimm gr. I*, 861. 987. 1087;
mhd. wSrterb. II, 2, 690. In der Wetterau kommt noch heute «schtruten*
in diesem sinne vor (d. seitschr. IV, 82).
miBcellen. 159
2) Eisenmenger.
Die erklärung Grimms im Wörterbuch: ^Eisenmen-
ger^ eisenmischer^ trifft schwerlich das rechte, wird auch
durch das, was unter ,, fischmenger ^ bemerkt steht, still-
schweigeods wieder aufgehoben. Eisenmenger gehört ohne
zweifei zu menger, mengaere, mangsere (lat. mango, engl.
moDger) und bedeutet .eisenhändler, eisenkrämer, welches
letztere ebenfalls als familienname vorkommt. Ueberdies
sind die engl. Wörter ironmonger, ironmongery bekannt.
Aufser Fischmenger begegnet auch Stromenger*) als
geschlechtsname, desgleichen Meng er und Mang er selbst.
Die älteren Zusammensetzungen vlas- (flachs-), vieisch-,
wkU (tuch-), witemanger (engl, woodmonger) zeigt das
mhd. wörterb. II, 60 und Schmeller bair. wtb. II, 599 ; unter
diesen hat sich fleischmenger noch viel später erhalten **).
Bonn. K. 6. Andresen.
Lateinische wortdeutungen.
1) prope.
Der von Ebel zeitschr. XIY, 37. 78 zur vermittelung
von prope mit dem snperlativus proximas angenommene
Übergang des labials in den guttural läfst sich, wie Corssen
nachtr. 72 zeigt, durch kein sicheres beispiel dieses laut-
wandeis im lateinischen stützen. Corssens eigene erklärung
ist auf eine dreifache Voraussetzung gestellt, nämlich dafs es
ein von prope abgeleitetes *propicus gegeben, dieses den
superlativQS *propic-simus fbr propicissimns gebildet
und dieser wiederum durch die mittelstufe *prop-c-simus
sich in das historische proximus umgewandelt habe. Alles
das läfst sich doch nicht genügend sichern. Ich mache
daher die einfachere annähme, dafs in prope der Übergang
von c in p stattgefunden habe, der f&r lupus popina
*) Die foim Strommenger ist vieUeicht blofte entstellnng.
^ Vgl. eine FleiBchmengergasee in K51n.
160 Froebde, miiceUen.
Epona naohge wiesen und fQr unaer wort durch proximas
ebeueo angezeigt ist, wie z. b. der ausfall des r in tos tarn
durch torreo, der dentale Ursprung des b in jubeo (w.
ju-dh) durch jussi u. a. Als wurzel bietet sich skr. parK
verbinden, in berQhrung bringen, die in verschiedenen for-
men durch die sprachen geht. Mit erhaltenem r findet sie
Kuhn zeitschr. VIII, 67 in comperco, Walter XII, 378
in Parca; dafs sie auch in porcere erscheine, habe ich
beitr. z. lat. etym. p. 9 zu zeigen gesucht. Die bedeutungen
von prope ergeben sich aus dieser wurzel ohne Schwierig-
keit; analogien bieten juxta von jüngere, apud von apere,
goth. nehva, wenn die herausgeber der umbrischen Sprach-
denkmäler (II, 72) recht haben, dasselbe nebst umbr. ne-
simo zu lat. necto w. nee zu stellen. Wie von necto
necessitudo Verwandtschaft, necessarius verwandt aus-
gehen, so von prope propinquus.
2) fovea. favissa.
fov-ea grübe, loch, eine bildung vne cav-ea, ist nach
form und bedeutung dem griechischen x^'^^^ (®P* für j^cm)
loch, höhle fQr ;^<^-€ta gleich, indem ursprüngliches av im
griechischen 6(/'), im lateinischen ov wurde wie in novos,
viog. Die wurzel fav gr. x^^ (x^if)'^^)^ weiterbildnag
von x^') fii^dc^ siob Auch im slawischen und deutschen
(Diefenbach vergl. wörterb. II, 338). Der ursprQngliche
vocal hat sich erhalten in fav-issae unterirdische rftome,
höhlungen (Gellius U, 10). In beiden bildungen ist j|f durch
f vertreten, wie in dem wurzelverwandten fatisco.
Liegnitz. F. Froehde.
fBetlag ^on 3« <Bttttentag in Betliit*
@oe6en erfd^ien neu:
TiimVio-rf Tli« "17 ^*® giiechischen Fremdwörter, einge-
.uauut/l t^ X/l • XJ»y leitetiLlexikaUsch erklärt. 102S. Geh. IGSgr.
Stetig fäc y^ttolegett mib ttf)mi4fotf4ec!
@ttt betttf^»|itett§if(|tö äSocaiuIattum aud bem
Sittfange bed fifotf^el^ttim Sctl^tl^ttttbertö.
9la(]^ einer ©Ibmger ^anbfd^rift mit (Srlouteruttgen l^erauß«
gegeBen üon
®^ $^* %. 9teffe(mattii.
t0ntg0Berg 1868.
Herios Hon Sl^. ftl^ciU^ft Uru^banblung ($. ^et^n).
Bei Gteorg Reimer in Berlin ist soeben erschienen nnd dnrch jede
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3»m ©clbftuttterrfd^t für jeben geBilbetett. Son Dr, 3ul.
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Mitgliedes der kSnigL bayer. Akademie u. Professors des Sanskrit in Manchen
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Verfasser des altbaktrischen Wörterbuchs.
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$. eteint^al, 2)ad (S^od. — %tU% 2xtUtäft, ^ottentottifd^e
SRSt^cn. — $. 6teint^al, 3nm Urf^rung ber €$^rad^e. <— $. ®te{n#
t^a(, 3ut ^^vfiotogie ber ©^rad^Iaute. — %. Sßaftxan, ^nx Dergleichen'
ben $fi^o(oate. — ®. Bifirom, 2)ad ruffifd^e $o(f«e)>Dd. — 8. 2:oBrer,
lieber bte ^pt^flologtfd^e Bebeutung ber Sortgafammenfe^nng, mit ^qng
auf nationale (E^arafteriftif ber ^^xaäftxi, — $. b. Slomberg, 3n 6ac^
beS {^arleCin. Qine culturgef^idfttliii^e ^xahMt, — ®. @(erlanb, 2)te
Sebülfemng ber anflraßf((en 3nfe(n>elt — 9. 9aflian, 2)er ^anm in ber«
gleid^enber (St^nologie. — Dr. Wl. ^olgman, Sinige ^emerhmgen fiBer
a9 9er^Itni6 be9 ÜRittel^od^bentf^en }nm iReu^o^bentfd^en. — gr. b.
{^olfeenborff, Ueber bte neneren heften in S^orbamenfa. — {^ermann
(Collen, SD^pt^oIogifd^e iGorfleKungen bon^ottnnb 6eele, pf^d^ologif^ ent*
toufelt. — Dr. 9. S^fetefig, Srntt^eUnngen fiBer bie®t>ra4e ber Urem«
tDo^ner gormofa'd.
A.W. Schadt's Baebdnickerei (L. Sohad«) in B«r]is, StaUsehrelbwttr. 47.
4l^, u
ZEITSCHEIFT
FÜR
VERGLEICHENDE
SPRACHFORSCHUNG
AUF DEM GEBIETE DES
DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND
LATEINISCHEN
HERAUSGEGEBEN
von
»r. A]>AX.BEltT XUBH,
PR0PS880R AM CÖLNISCHBir OTHKAnUM CU BBRUK.
BAND XVin.
DRITTES HEFT.
BERLIN,
FBRD. DÜMMLBR'S VEBLA08BDCHHANDLDN0
(BABBWITZ miD GOSSMAinr)
1869.
Inhalt. Seite
Alt-, mittel- neaardeat«cb. Yon Förstern ann 161
Altoskische sprachdenkinfiler in griech. schrift. Von W. Gorssen 187
Gere«. Von Max Möller 211
Hephaestos. Von Max Müller 212
Anzeigen: Die kosenamen der Germanen. Eine stndie von
dr. Frans Stark. Wien. Von K. G. Andresen 216
Wörterbuch zu dr. Martin Lather^s deutschen Bchrif-
ten. Von Ph. Dietz in Marburg. Von A. Kuhn . 237
Erklärung. Von W. Clemm 237
Antwort. Von Rieh. Rödiger 240
Beilage: Statut und Reglement für die Verwaltung des Agatboi
B e n a r y 'sehen Uni versitäts - Stipendiums.
Vorläufige Anzeige.
Unter der Presse befindet sich:
DEUTSCHE GRAMMATIK
VON
JACOB GRIMM.
Erster und zweiter Theil. Neuer vermehrter Abdruck.
Herausgegeben yon
Prof. Dr. W. Scherer.
Dieser Wiederabdruck der 1822 erschienenen zweiten Ausgabe dieses
Theiles wird aus den Handexemplaren des Verfassers herausgegeben. Das
erste Buch (etwa 32 Bogen umfassend) ist nahezu im Druck beendet und
erscheint um Ostern d. J.
Ferd. Diimmler's Verlagsbachhandlung in Berlin.
3eitf(^tift für Sölfer^if^c^ologie unh ®|irad^t9iffenf((af(.
$eraudgege]6en t}on
^rof. Dr. M. ?tojartt0 unb ^rof. Dr. ^, Steint^aU
$eft 1 nnb 2 ht9 fed^eten lOanbe« enthalten u. a. folgenbe arbeiten:
3ur SWordflaafttf. SSon Dr. (gttennc 2a«|)CJ?r€«. — iKt^t^otofliWe
©orpeUungcit \)on ©ott unb ©ecle, ^jfj^cf^ologtf^ enttoidctt (@c^Iu6) öon
^ermann (Jojcn, Dr. phU. — 2)a8 rnfftWc Soff«e^o«. H. »on ©i*
Prom. — 3)ic bid^terifc^c ?}6atitaflc unb ber 2W€(^ani«mu« bc« »ctoußtfein«.
®on $. (So^cn. — SBcurt^cilungcn bou $. (Stein t^al.
¥rciö bc« «anbe« bon 4 ^cften 3 Zf)lx,, cinjetner ^eftc 25 @fir.
Betlin. %tth. Summlet^d Knlaa^hu^^mhUn
({^armi^ u. ©o^mann.)
Ffintomamii alt-, mittel-, neuurdeutsch. 161
Alt-, mittel-, neuurdeutsch.
Die Vorstellung, nach welcher man sich einen sprach-
stamm als einen bäum mit immer weiter ins feine sich
theilenden ästen und zweigen, auch mit saften, laub, blü-
then und frQchten denkt, hat in der that eine gewisse be-
rechtigung. Nur darf man dabei das omne simile Clau-
dicat nicht vergessen; ein familienstammbaum ist filr einen
sprachstamm schon in mancher hinsieht ein besseres bild;
abgestorbene stammeitern, spätere Verbindungen zwischen
früher getrennten linien, auswanderung einzelner glieder
giebt schon mehr analogien her zu der Sprachgeschichte.
Doch bleiben wir vorläufig bei dem bilde eines rein vege-
tabilischen baumes stehn; offenbar haben wir da in irgend
einem beliebigen sprachstamme nicht einen frei vor uns
von unten bis oben sichtbaren bäum, sondern einen sol»
eben, dessen stamm und dessen meiste äste und zweige
uns durch irgend einen undurchsichtigen gegenständ, z. b.
ein haus, verdeckt sind; nur seitwärts und nach oben hin
ragen einige zweige hervor; das sind diejenigen sprachen,
die es bis zu literaturen oder wenigstens bis zu literatur-
ansätzen gebracht haben.
Die gegenwärtige periode unserer Sprachforschung geht
nun offenbar darauf aus, es bis zu wirklichen Sprachge-
schichten der einzelnen sprachstämme zu bringen; das
heifst also, wir sollen jenen uns grofsentheils unsichtbaren
bäum zeichnen. Das wird ein guter Zeichner in dem
oben angeftkhrten ungfinstigen falle allerdings können, wenn
er weifs, in welcher weise eine gewisse baumart sich zu
entwickeln pflegt. Dazu gehört nun für uns linguistische
Zeichner, dais wir uns Qber den verlauf der unsichtbaren
äste und des Stammes ein möglichst sicheres urtheil bil-
den. Wollten wir uns aus den literarisch erscheinenden
sprachen eines sprachstammes die geschichte dieses sprach-
stammes bilden, so wären wir in demselben falle wie ein
genealog, der nur die Schriftsteller einer familie berück-
sichtigen wollte. Solch ein genealog könnte nie einen stamm-
Z«itBdir. f. YgL 8pxach£. XVm. 8. 11
162 Förstern ann
baam, geschweige denn eine familiengeschichte sehaffeD,
und der entsprechende Sprachforscher könnte zwar sein
werk eine Sprachgeschichte nennen, aber es würde darum
niemals eine sein.
Wir wenden das alles nun auf unsern deutschen sprach-
stamm an. Hoch Ober dem dache des den vollen anblick
versperrenden hauses ragen die ausläufer von drei ästen,
jeder mit mehreren zweigen, jeder zweig mit zahlreichen
blüthen und frOchten hervor, der nordische, hochdeutsche
und niederdeutsche ast; zur seite des hauses aber erscheint
tiefer unten ein vierter ast, kräftiger als die andern, herr-
lich im wachsthum, aber im absterben begriffen, der go-
thische; seine einzelnen zweige sind theils abgefallen, theils
unsichtbar.
Versuchen wir nun uns ein bild von dem bäume zu-
nächst ganz leicht zu skizziren; wir dürfen dies nur mit
dem vollen bewufstsein, dafs die aufgäbe schwer und die
kraft für jetzt noch gering ist.
In welchem näheren oder entfernteren Verhältnisse stehn
jene vier allein sichtbaren äste der deutschen spräche zu
einander? wo haben sie sich getrennt? wie mögen sie ver-
laufen sein, ehe sie uns sichtbar werden? ist nicht noch
irgend wo eine spur eines fünften astes (des altfränkischen)
zu entdecken, der uns helfe, die vier andern in ihrem ver-
lauf zu zeichnen? Ueber den fünften hinaus dürfen wir ja
wohl keine hoffnung mehr hegen.
Die roheste anschauung setzt das hochdeutsche den
drei andern entgegen; wer das thut, nimmt allein die zweite
lautverschiebung zum Wegweiser, ohne die doch schon wahr-
scheinlich ein halbes Jahrtausend lang das hochdeutsche
bestanden hat, macht also die tochter zur mutter. In der
dreizehnten nummer des diesjährigen literarischen central-
blatts wird ein werk besprochen, dessen Verfasser das nor-
dische dem gothisch-germanischen, das heifst den drei an-
dern ästen gegenüberstellt. Der recensent dieses werkes
rechnet dagegen das gothische einfach zum nordischen und
scheidet beides von dem hoch- und niederdeutschen. Es
sollte mich nicht wundern, wenn irgendwo auf englischem
alt-, mittel-, nenurdentBch. 163
oder niederländischem boden die ansieht aufträte, als sei
das niederdeutsche den drei andern entgegenzusetzen; ist
ja doch stets das Hebe ich dem ausgesetzt, seine nächste
omgebung f&r etwas ganz besonderes zu halten. Das go-
thische kann einen derartigen einheimischen fürsprecher
nicht mehr haben, denn die sind seit lange stumm; aber
Jacob Grimm hat die stelle eines solchen genügend ver-
treten, und das ist keins seiner geringsten Verdienste. Nun
fehlt noch eine einzige einigermafsen vernünftige anschauung,
diejenige, nach welcher ein historisch zusammengehöriges
gothisch-hochdeutsch einem nordisch -niederdeutsch gegen-
überträte; und eine solche anschauung hat, obwohl ich sie
nicht theile, eine menge der überraschendsten thatsachen
für sich.
Was hier unsem blick trübt und die frage überhaupt
zu einer Streitfrage macht, ist eine erscheinung, die ich die
ancipität der sprachen nennen möchte. So schliefst sich
ja das griechische in gewisser hinsieht dem arischen, in
anderer dem italischen unverkennbar eng an, so das kel-
tische dem italischen und andrerseits dem deutschen, so
das slavische dem deutschen und doch wieder in merkwür-
digen fällen geradezu dem eranischen. Auf welchen grund-
lagen diese ancipität beruht, kann hier nicht einmal an-
deutend erörtert werden; eine art physiologie der sprach-
trennungen mufs sich einst damit eingehender beschäftigen;
f&r Völkerpsychologie ist das eine aufserordentlich lohnende
aafgabe.
Nun aber wird es zeit diejenige ansieht zu entwickeln,
durch die sich die drei in der Überschrift zum ersten male
genannten sprachen rechtfertigen und näher bestimmen sol-
len. Es ist das nur eine ansieht, ein verschlag oder ver-
soch, keineswegs eine behauptung; wer jenen beschei-
denen versuch als eine verfehlte behauptung ansehen und
mich von solchem Standpunkte aus angreifen will, trifft
mich nicht.
Versuchen wir es also einmal folgende ansieht vorzu-
schlagen zu weiterer prüfung: die älteste einige deutsche
spräche, die sich von dem lituslavischen gesondert hatte
11*
164 Föntemann
und die wir ordeutsch oder wegen des gegensatzes gegen die
beiden andern alturdeutsch nennen wollen, lebte eine geraume
zeit, bis sich von ihr, vorbereitet durch dialektische Ver-
schiedenheiten, eine spräche sonderte, deren jQngsten aus-
läufer wir kennen und als das gothische bezeichnen. Nach
jener sooderung bestand der Qbrig bleibende theil als mitr
telurdeutsch Jahrhunderte lang in gemeiosamkeit, wenn
auch in dialekte geschieden, weiter fort, bis die vorfahren
der nordischen Völker durch ihre Wanderung Qber das meer
ihren besondern weg einschlugen. Was nicht an der wau-
derung theil nahm, redete das neuurdeutsche (d. h. die
neuurdeutschen mundarten), bis hier eine Spaltung io hoch-
deutsch und niederdeutsch eintrat.
Aber von welchen zeiten ist da eigentlich die rede?
Eine antwort auf diese frage zu verlangen heifst viel ver-
langen. Vielleicht ist indessen wenigstens die jQngste son-
derung, das ende des neuurdeutschen, uns noch einigermar
Isen greifbar. Ich denke mir, dafs im zweiten und drit-
ten Jahrhundert, als einzelne, und zwar wesentlich ostdeut-
sche Stämme nach Süden und westen zogen, dort keltisches
land besetzten und die römischen grenzen einschränkten,
diese gewaltige erschütterung sie eben zu Hochdeutschen,
zu einem besondern volke gemacht hat. Mag man ihnen
im allgemeinen auch schon vor diesem ereignisse im we-
sentlichen den namen der Herminonen beilegen, ich glaube
doch, dafs Hochdeutsche erst seit dieser zeit anzunehmen
sind und lehne es ab unter den Völkerstämmen bei Tacitus
Hochdeutsche von Niederdeutschen sondern zu wollen.
Wann aber begann das neuurdeutsche, wann also
lösten sich die nordischen Völker aus der deutschen hei-
math ab? Das müssen wunderbar gewaltige ereignisse ge-
wesen sein, die eine nicht ganz kleine volksmasse auf einem
oder zwei wegen über das nordische meer hinaustrieben;
vielleicht war es der andrang nachrückender Slaven. Solche
grofsen ereignisse pflegen weithin ihren wogenschlag zu
senden; vielleicht ist in diesem falle der Cimbernzug
die letzte spur solchen wogenschlages; dann (aber wir
behaupten nichts) wären im zweiten Jahrhundert vor
alt-» mittel-, netiiirdeutsclL. 165
angerer zeitrecbnnng die wanderangen nach norden und
das ende des mittelurdentschen erfolgt.
Und wiederum, wann begann das mittelurdeutsche
und wann fingen die stammvfiter der uns bekannten Go-
tben ihre gesonderte Sprachexistenz an? Vielleicht (aber
wir behaupten wiederum nichts) damals, als die Qbrigen
Deutschen hineinrQckten nach Deutschland, dort die kel-
tische völkerweit in unruhe und zum theil auf die wande^
rung brachten und die südlichsten solcher Kelten, von
ihren eigenen brfidem gedrängt, im anfange des vierten
Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung Rom in schutt und
asche legten.
Bestätigte sich das alles, so hätte das alturdeutsche,
in nnbestimmbarer zeit vom lituslavischen gesondert, im
vierten Jahrhundert v. Chr. ausgelebt, das mittelurdeutsche
hätte sein ende im zweiten Jahrhundert v. Chr. geftinden,
das neuurdeutsche etwa im zweiten Jahrhundert nach un-
serer Zeitrechnung.
Man rede nicht davon, dafs die Oothen noch zu Ta^
citns Zeiten an der Weichselmündung gefonden werden, sich
also noch nicht von den andern Deutschen gesondert hät-
ten und erst später nach Süden gewandert seien. Von alle
dem weifs ich nichts, wenn man den ton auf die Gothen
legt; ich weifs nur, dals bei deutschen stammen, am schwar-
zen meer wie an der Weichsel und in Scandinavien, das
wort Gothen als volksname üblich gewesen ist; vielleicht
war es einst der echte eigenname der noch völlig unge-
theilten Germanen.
Erheblicher wiegt schon der einwand, dafs ich die
erste lautverschiebung, die doch Grimm ins zweite Jahr-
hundert unserer Zeitrechnung zu setzen geneigt ist, wenn
er auch fllr die westlichen stamme eine frühere zeit zu-
giebt, dann in ganz graue fernen rücke. Dieser wunder-
bare gang der laute, so viel ausätze dazu sich auch in an-
dern sprachen finden, mufs doch im deutschen nothwendig
EU einer zeit erfolgt sein, als noch alle deutschen stamme
eine geschlossene einheit bildeten, ^elleicht also schon
mehr als vierhundert jähre vor unserer Zeitrechnung. Dann
X66 Forstemann
müssen alle die deutschen namen, die uns seit den zeiten
des Cimbernkrieges überliefert sind, schon längst verscho-
ben sein, von unverschobenen uns jede spur mangeln. Von
den neun formein der lautverschiebung lasse ich aber drei
überhaupt beim deutschen unberücksichtigt, das sind die
drei, in welchen wir die alten aspiratae untergehn und
durch mediae ersetzt sehn. An diesem Wechsel nimmt ja
das ganze lituslavische , das ganze keltische und ziemlich
häufig auch das älteste italische theil, und zwar in so durch-
greifender weise, dafs wir hier noth wendig einen einzigen
geschichtlichen Vorgang aus den zeiten vor der trennung
dieser sprachen annehmen müssen; es ist also ungenau zu
sagen, dafs im deutschen aspirata zur media geworden sei;
der Vorgang traf nicht die deutsche, sondern viel eher die
westindogermanische aspirata. Prüfen wir dagegen die
sechs andern formein:
1) g:k. Die Marcomanni haben das k (wodurch sie
z. b. dem lat. margo gegenüberstehn) schon bei Caesar, Asci-
burgium schon sec. 1; Thumelicus sec. 1 ist gleichfalls
schon verschoben, mag in der letzten silbe goth. leik cor-
pus oder -leiks similis liegen. Ebenso hat SSsai^axos bei
Strabo schon das k des goth. thagkjan, nicht mehr das g
des altlateinischen tongere. Wenn Strabo einen Sigambi^r-
namen im genetiv Baixoqiyog^ nicht -xoq schreibt, so folgt
er damit gallischen analogien wie !äSiat6giyog\ dem deut*
sehen namen kam gewifs schon der k-laut des goth. reiks
zu. Die Silva Bacenis bei Caesar setzt Grimm zu hoch-
deutschem Buchonia, zu lateinischem fagus u. s. w., nimmt
also selbst hier schon lautverschiebung an, während Glück
darin das alts. und altn. hak tergum, ags. bäc sucht. Dafs
im dritten Jahrhundert die Gothen Cniva und Gundericos
schpn die tenuis haben, ist nach alledem selbstver-
ständlich.
2) d : t. Die Tubantes, Tovßavxoi haben sec. 1 schon
das t von dem späteren Twente, Northtuianti, nicht mehr
das d vom lat. duo u. s. w. , zu dem Grimm den namen
stellt. Ebenso zeigen die Chatti, Chattuarii schon dasselbe
alt-, mittel-, neuurdeutsch. 167
t, das wir noch im sächsischen gau Hattemn bewahrt
finden.
3) b : p, bekanntlich der mifslichste fall der lautver-
sebiebung. Erwähnt werden mag, dafs der Aovniag (die
Lippe) schon bei Strabo den sächsischen consonanten hat.
Nicht das geringste widerspricht also der annähme,
dafs media bereits lange vor Caesars zeiten in deutschen
Damen sich zu tenuis erhoben habe. Schon das verstärkt
unsere vermuthung, dafs auch die Verschiebung der tenuis
zur Spirans resp. aspirata (wenn goth. th wirklich als mo-
mentaner laut anzusehn ist) zu einer sehr frühen zeit vor
sich gegangen sei. Doch werden wir es den Römern, durch
deren vermittelung wir allein diese namen kennen, nicht
verargen, wenn sie uns zwar das p : f deutlich wiederge-
ben, das k : ch und das t : th aber uns oft nicht erken-
nen lassen, indem sie die unrömischen ch und th meiden.
4) k : ch, h. Schon im ersten Jahrhundert vor unse-
rer Zeitrechnung erschallt der name Cherusci, der auf jeden
fall schon verschoben ist, mag er sich an gothisch hairus
anlehnen oder sonst einen Ursprung haben. Auch die Ha-
rüdes ftlkhrt uns schon Caesar an, und Grimm, der sie zu
hart Silva stellt, mufs hier gleichfalls schon frühe lautver-
schiebung annehmen. Im ersten Jahrhundert unserer Zeit-
rechnung sehen wir reines h in Bojohaemum (Bo^atfiov)^
wo doch die urverwandten sprachen klares k haben. Aus
demselben Jahrhundert überliefern uns die Römer die Schrei-
bungen Chamavi, Chatti, Chasuarii, Chauci, Chariovalda
trotz ihrer abneigung gegen das ch. Die Chamavi stim-
men schon zum späteren Hamaland, die Chauci zu Hug-
merchi und zu den ags. Hugas. Der inselnamen Bvqxc^viq
Burchania aus sec. 1 kann nicht mehr die altindogermani-
sche aspirata haben, da diese längst nicht mehr existirte,
sondern es mufs hier schon die junge aus tenuis verscho-
bene Spirans vorliegen, was auch die etymologie des na-
mens sei. Diesen thatsachen gegenüber wird man doch
nicht etwa das späte und entlegene Caucalandensis bei
Ammian in anschlag bringen. Auch das inlautende c^ von
168 FSistemann
Chaoci verschlägt nichts; dafs anch hier eine Spirans ge*
gölten hat, zeigt die griechische Schreibung Kavyoi (der
Vellejus mit seinem Cauchi folgt); hier ersetzten die Grie-
chen die anlautende spirans ihrem lautgesetze gemäfs durch
tenuis, während die Römer, denen es zu viel zumuthen
hiefse, wenn sie echtes Chauchi hätten schreiben sollen,
meistens die tenuis im inlaute schrieben. Catualda und
Catumerus halte ich fQr ungenaue Schreibungen. Die silva
Caesia bei Tacitus wäre noch un verschoben , wenn wir
sie in dem altsächsischen Heissi wiederfinden mQfsten; das
ist aber keineswegs der fall; Coesfeld, bei dem noch im
mittelalter ein mons Coisium liegen soll , hat mindestens
eben so grofse ansprüche auf Zusammenstellung mit Caesia»
Auch die Caninefates des ersten Jahrhunderts wollen wir
doch nicht mit Orimm zu un verschobenem centum u. s.w.
stellen; er stutzt freilich mit vollem rechte schon selbst,
wenn er an Kenemare, Eenmerland, Kinnin, Einhem dabei
denkt; wahrscheinlich liegt der name eines kleinen Aufs-
ehens darin.
5) t : th. Das oben angefahrte JSeai&axog bei Strabo
zeigt schon den gehauchten laut. Selbst JbvSoqi^ bei
Strabo spricht mehr (sowohl im anlaute als inlaute) f&r th
als fQr t; die Schreibung ist wohl erst durch keltische ver-
mittelung ungenau geworden. Die Römer^aber bringen
uns in ihrem Teutoni, Teutonoari, Teutobod, Teutoburg,
Canninefates, Catualda, Catumerus lauter t, wo ich doch,
selbst fOr die zeit des Cimbernkriegs, schon verschobene
th annehme. Gerade diese t hat man wohl ohne grund
besonders schwer wiegen lassen, wenn man einen späteren
eintritt der lautverschiebung darthun wollte (übrigens ist
in der that wenigstens die Schreibung Theutoni in den
handschriften nicht selten). Nerthus aber hat ganz rich-
tig sein th, wie das altn. Niörd'r es verlangt.
6) p : f Die beiden von Ptolemaens überlieferten Orts-
namen AovTtcpovoSov und TovXiifovqSov zeigen uns das ge-
meindeutsche f des bekannten ortsnamenelements, nicht
mehr das unverschobene p der verwandten sprachen; eben
so stehen die hier abermals zu erwähnenden Caninefates
alt-, mittel-, neuurdeutsch. 169
dem skr. patis u. s. w. entgegen. Und wenn die Frisii eich
wirklich mit einem aus der asiatischen beimat mitgebrach«
ten namen benannt haben, der dem der Perser gleich oder
nahe steht, so darf doch das Vorhandensein der lautver*-
schiebung uns nicht stutzig machen. Die Usipetes darf
man aber durchaus nicht als unverschoben den Caninefates
entgegenstellen^ denn jetzt ist es wohl als sicher anznsehn,
dafs in diesem -etes nur eine keltische plnralendung liegt
(Zeass gramm. Celt. I, 297f.). Das verderbte Pranci fQr
Franci auf der tab. Peuting. wird man vollends nicht in
anschlag bringen.
So steht also nichts dem entgegen, dafs man die erste
lautverschiebung und damit die alturdeutsche spräche bis
in sehr ferne Jahrhunderte zurückversetzt. Im übrigen be-
schränke ich mich darauf, aus meinen vorhandenen schon
ziemlich reichen Sammlungen über das alturdeutsche, des-
sen existenz ja niemand bezweifeln kann, nur wenige an-
dentongen zu geben; das mittel- und neuurdeutsche sind
es ja nur, deren berechtigung ich darzuthun habe.
Dem alturdeutschen ist mit seinen schwestersprachen
der kämpf gegen das vorherrschen des alten a gemeinsam,
doch mit grofsen eigenthümlichkeiten, und ohne dem a
so viel von seiner sphaere zu entziehn, wie es z. b. das
lateinische und griechische thut. Fünf oft wiederkehrende
lantübergänge müssen dieser periode schon zugeschrieben
werden, nämlich a : i, a : u, ä : ö, ai : ei, au : iu, sämmt-
lich auf einschränkung des a-lautes berechnet und mit aus-
nähme des dritten entschiedene Schwächungen. Hiednrch
gewinnt aber der begriff der Schwächung bei deren regel»
mäfsiger Wiederkehr eine gewisse bedeutung und diese
Schwächung neben der altindogermanischen Steigerung vol-
lendet erst das wunderbare deutsche ablautssystem.
Was die auslautenden vocale angeht, so sind die mei'
sten erscheinnngen des Westphalschen anslautsgesetzes nicht
dem leben der gothischen, sondern der alturdeutschen
spräche zuzuschreiben. Manche fälle von Synkope, so wie
aach gewisse spuren von umlaut (jedenfalls einige epen-
thesen) werden dem alturdeutschen nicht abgesprochen
170 Forstemaon
werden können, ebenso wenig wie hie und da ein vocal-
einschub. Im eoneonantismus gehört dieser periode, wie
gesagt, die ganze lautverschiebung mit vielen fällen ihrer
unterlassang und wenigen ihrer beschleunigung an. Aus-
lautende consonanten (d. h. solche, die keinen vocal hinter
sich gehabt haben) werden zwar nicht in dem mafse ge-
tilgt wie im urslavischeo, doch fallen wenigstens die den-
tale t, th, d stets ab (deshalb muls auch der abtat, sing,
untergehn). Das s des nom. sing, schwindet bei stammen
auf «ra, wenn vor dem r ein vocal vorhergeht, wie im
latein, nachdem synkope des a eingetreten ist. Die en-
dung -am des acc. sing. masc. und fem. fällt ab, im gen.
plur. ebenso das m der endung -am. Das alte m in den
zahlen 7, 9, 10, das noch einige der lituslavischen spra-
chen haben, ist im alturdeutschen schon zu -n geworden.
Assimilationen von consonanten finden nur wenige statt,
die sichersten fälle sind nv : nn, sm : mm und In : IL
Anlautende consonantengruppen werden öfters verstümmelt,
wenn der zweite consonant ein v ist; so vnrd mehrmals
SV : s, thv : th, kv : v, gv : v. Wie schon jenseits
des urdeutscben dentale ten., med. und aspir. vor t zu s
werden, so dehnt das deutsche in seiner ältesten periode
diese erscheiuung dahin aus, dafs es auch gutturale und
labiale ten. und med. (von aspiraten ist nicht mehr die
rede) vor t in die entsprechenden Spiranten verwandelt,
also kt und gt wird ht, ebenso wird pt und bt zu ft;
im umbrischeu, oskischen und altirischen finden sich schon
ansätze zu diesem wandel, ihn zu einem gesetze zu erhe-
ben ist speoiell deutsche eigenthttmlichkeit. Mannigfache
verstfimmelungen von consonantenverbindungen kennt auch
schon das alturdeutsche; die durchgreifendste ist die, dafs
statt eines nicht mehr erlaubten nh entweder h oder ng
eintritt.
Der alturdeutsche Sprachschatz besteht aus vier schich-
ten: 1) altindogermanisches sprachgut, 2) speciell germano-
slavische Wörter, 3) eigenthümlich deutsche Stammwörter,
4) eigenthümlich deutsche, aber gewifs schon urdeutsche
ableitungen und Zusammensetzungen. Die erste dieser schich-
alt-, mittel-, neuurdentsch. 171
ten erkennen wir schon jetzt als eine ziemlich grofse, die
zweite dagegen scheint noch dOnn zu sein und läfst auf
eine nicht lange dauer der germanosiavischen periode schlie-
fsen. Die dritte ist auffallend grofs, sie mufs aber bei
fortschreitender Wissenschaft noth wendig kleiner werden;
es mufs auch einmal die vielfache berOhrung zwischen ger-
manischem und lappisch -finnischem besonders behandelt
werden, und sollte es sich zeigen, dafs diese berührung
namentlich solche ausdrücke betriffl:, die nicht dem ur-
indogermanischen Sprachschatze angehört haben, so eroff*
nct sich der Sprachwissenschaft eine ganz neue perspective.
Die vierte schiebt endlich dehnt sich mächtig aus, am
mächtigsten auf dem gebiete der schwachen verba; sie
giebt zeugnifs von einem langen bestände des alturdeut-
sehen. Diesen vier schichten gegenüber steht ein nicht
geringer kreis von Wörtern des älteren indogermanischen
Sprachschatzes, welche erst während der alturdeutschen,
zum theil wohl schon während der germanosiavischen pe-
riode verloren sind. Diese einbufse ist aber durch neu-
schöpfungen überreich ersetzt oder vielmehr erst in folge
dieser neuschöpfungen eingetreten.
In der flexion ist das alturdeutsche kaum mehr schö-
pferisch gewesen, es hat aufser den lautlichen Veränderun-
gen fast nur einbufsen erlitten. Die Stammerweiterung
durch -n (schwache decl.) erstreckt sich im sanskrit nur
auf einzelne casus, ergreift aber im deutschen häufig das
ganze wort, doch wohl zunächst nur bei masculinen. Eine
Stammverkürzung tritt bei den neutris auf -is (altes -as)
schon früh im singularis ein, wo dieses suffix meistens ver-
loren geht, so dafs später die endung (z. b. ahd. -ir) als
eine blos plurale erscheint. Drei casus, locativ, ablativ
und instrumentalis, und ein numerus, der dualis, sind schon
im urdeutschen fast ganz verkümmert, ja schon vor den
letzten vorhergehenden Völkertrennungen sind diese formen
sehr in den hintergrund getreten gewesen. In der prono-
minalen declination giebt es eine speciell deutsche erschei-
nong, den acc. sing. masc. auf -na, über deren erklärung
man sich bisher noch nicht hat einigen können. Bei den
172 Förstemann
adjectiven ist es dem deutschen eigenthümlich , dafs ein
jedes derselben bald nach der pronominaldeclination, bald
als substantivischer stamm auf -n behandelt wird. Das
adjectivsuifix -eina (z. b. goth. gultheina) wird im gerina-
nischen auch für die Possessivpronomina und dann auch
für den gen. sing, des Personalpronomens (meina, theina,
seina) verwandt.
Bei der conjugation bethätigte sich das sprachleben
des alturdeutschen unter anderm in folgenden vergangen:
Wie das augment schon früher aufser gebrauch gekommen
war, so begann auch das eigentliche zeichen des perfectums,
die reduplication, zu schwinden, und die früher beim per-
fectum nur eine secundäre bedeutung habenden vocalver-
&nderungen in der Wurzelsilbe wurden nunmehr das eigent-
liche zeichen der tempusunterschiede; zu der urindoger-
manischen Steigerung im perfectum tritt eine speciell deut-
sche Schwächung im praesens und part. pass. hinzu. Von
den fünf ursprünglichen indogermanischen tempusformen
ist das imperfectum schon jenseits des slavogermanischen
untergegangen, erst das alturdeutscbe verliert auch das fu-
turum und den aorist, die im slavogermanischen beide noch
vorhanden waren ; so bleibt auf deutschem gebiete nur prae-
sens und perfectum übrig. Bei den modis geht in dieser
periode keine Veränderung vor sich, denn der conjunciiv
ist schon jenseits des slavogermanischen aufgegeben, der
indicativ, optativ und imperativ ragen noch bis in die deut-
sche zeit hinein. Während die tempusbildungen mit wz.
as dem untergange geweiht sind, 8cha£% dagegen das alt-
urdeutsche in der wz. dhä ein neues determinatives de-
ment für tempusbildungen, welches dem slavogermanischen
noch unbekannt war. Das passivum beginnt wohl schon
jetzt zu verkümmern. Zahlreicher als bei andern sprachen
entwickeln sich die praeteritopraesentia bei besonders häu-
figen geistigen begriffen.
Nicht gering ist die anzahl derjenigen Wörter, deren
bedeutung sich schon im alturdeutschen verschoben hat;
es finden sich darunter anziehende beispiele von einer
selbständig deutschen auffassung der begriffe.
alt-, mittel-, neaurdeatsch. 173
Von Syntax kann bei einer nicht zur literatur gekom-
menen spräche kaam die rede sein.
So viel in schnellem fluge über die älteste periode un*
serer spräche. Sie endete damit, dafs die Gothen aaf der
Wanderung hinter den andern Stämmen zurQckblieben und
dafs das gotbische seinen besondern weg einschlug, auf
dem es uns aber^erst spät, vielleicht nach obiger hypothese
erst mehr als siebenhundert jähre nach jenem ereignisse,
verbal tnifsmäfsig kurze zeit vor seinem fast völligen unter-
gange bekannt wird.
Die andern deutschen mundarten scheinen sich nach
der trennuDg des gothischen noch ein paar Jahrhunderte
lang gemeinsam weiter entwickelt zu haben; diese periode
gemeinsamer entwickelung wage ich hier zum ersten male
mit (lem namen der mittelurdeutscheu zu bezeichnen.
Ist etwas an dieser sache, so werden folgende Vorgänge
des Sprachlebens, die nicht einer zufällig gleichen entar-
tung der einzelnen getrennten sprachzweige anzugehören
scheinen, in diese periode fallen:
Der vocalismus bereichert sich um mehrere laute; das
1 und ü, welche im alturdeutschen wohl nur in ansätzen
vorhanden waren, gelangen zu voller entfaltung und das
ältere ei geht häufig in dies jQngere i Ober. Auch ein
kurzes o tritt auf und zwar an stelle von manchem älteren
u; man vergleiche goth. fula (pullus) zu altn. foli, ahd.
folo, ags. fola; goth. hulths (carus) zu altn. hollr, ahd.
holt, ags. hold; goth. auhsa (bos) zu altn. oxi, ahd.
ohso, ags. oxa; goth. dauhtar (filia) zu altn. döttir,
ahd. tohtar, ags. dohtor; goth. haurn (cornu) zu altn.,
ahd., ags. born u. s. w. In die stelle der dadurch gewis-
sermafsen vacant werdenden u rücken manche vom a her
ein, denn der während der alturdeutschen periode bemerkte
kämpf gegen das übergewicht des a hat hier seinen wei-
teren fortgang. So wird z. b. die plurale dativendung -am
zu -nm und nur in einem speciellen dialekt, dessen spä-
tere spuren uns in den schleswigschen runeninschriften be-
wahrt sind, scheint das alte -am unangetastet geblieben
oder wiederhergestellt zu sein. Eine Verwandlung des u
174 Fontemann
za i, die wir im dat. sing, des persönlichen pronomens der
zweiten person finden (goth. thus, thuk tibi, te gegen das
i der andern sprachen) ist nicht blos rein lautlich, son-
dern entsteht wohl zugleich aus dem streben, die zweite
person mit den stammen mi und si der beiden andern in
Übereinstimmung zu bringen.
Die wichtigste Verwandlung auf dem gebiete der con-
sonanten ist die massenhafte Vertretung von altem s durch
r; schon im alturdeutschen mag etwas an dem bestände
des alten s gerQttelt sein, wie das gothische tönende z zu
bekunden scheint. Beispiele fär diesen allbekannten laut-
wechsel zu geben unterlasse ich; sie begegnen ja in Stamm-
silben sowohl als endungen unendlich oft; vor andern con-
sonanten ist diese entartung nur auf einzelne fälle, nament-
lich sj und sd beschränkt (man vergleiche goth. laisjan,
nasjan, huzd, gazds, mizdo, razda mit ihren verwandten
in den andern deutschen sprachen). Ein sv scheint noch
unentstellt geblieben zu sein; vgl. den suevischen namen
Nasua bei Caesar mit altn. Narvi. Auch fQr das alte no-
minativzeichen -8 nehme ich sowohl bei Substantiven als
pronominen mittelurdeutsches -r an, das später im nordi-
schen blieb, im hoch- und niederdeutschen aber bei Sub-
stantiven abfiel. Dafs auch aufserhalb der eigentlich nor-
dischen gegenden in Substantiven einst ein -r gegolten
habe und nicht etwa das -s unmittelbar abgefallen sei, da-
von liefert z. b. der wohl auf alter Überlieferung beruhende
Mennor bei Frauenlob für den taciteischen Mannus ein
anziehendes zeagnis; und ist wirklich auf dem tondern-
schen hörne EQevagastir Holtingar zu lesen (vgl. liter. cen-
tralblatt 1868, no. 10), so braucht darum noch nicht nor-
discher dialekt angenommen zu werden. Der ganze Vor-
gang ist gewifs zuerst im inlaute zwischen zwei vocalen
eingetreten, dann von da auch in die nominative geschli-
chen, ganz wie im lateinischen. Und wenn jene hypo-
these, dafs das mittelurdeutsche etwa das vierte, dritte und
zweite Jahrhundert v. Chr. erfüllt hat, in der that begrün-
det ist, so steht auch darin germanisches und lateinisches
sich nahe, dafs etwa um dieselbe zeit in beiden getrennten
alt-, mittel-, neuurdentach. 17(
epraoben derselbe Übergang eingetreten ist. Ist das ganz
znfall? Ich glaube in der that daran, dafs selbst getrennte
sprachen, ohne dafs an zufall zu denken ist, von gemein-
samen lautübergängen ergriffen werden können (noch in
weit späterer zeit wird t zum z -laute, o zu uo gleichzei-
tig im hochdeutschen und romanischen).
Verstümmelungen von consonantengruppen werden sich
bei weiterer forscbung noch manche dem mittelurdeutschen
zuweisen lassen. Wenn von dem dv des goth. fidvor (qua-
taor) im altp. fior, ahd. fior, alts. fiwar, ags. feover
das d eingeborst wird, dagegen von dem tv des goth.
gatvo im altn. gata, ahd. gaza, ags. gate das v dem
härteren laute unterliegt, so wäre das ein wunderbarer Vor-
gang, wenn er in allen übrigen sprachzweigen gleichmäfsig
und nicht vielmehr vor deren trennung geschehen wäre.
Die 3. pers. sing, ist (est) scheint in dieser periode ihr t
verloren zu haben; dafilr spricht das altn. er, ags. is, alts.
is, woneben freilich im Heliand schon ist eintritt. Dafs
im althochdeutschen und zuweilen im altsächsischen das t
noch erscheint, ist wohl nur der analogie der andern verba
za verdanken; das ist wohl nicht ein bewahren, sondern
ein wiedereinführen des alten.
Ceber die erscheinung, dafs viele gothischen aspiraten
(resp. Spiranten) in den andern deutschen sprachen^ also
wahrscheinlich in der mittelurdeutschen periode, zu medien
herabsinken, hat Lettner in d. zeitschr. XI, 188 ff. gehan-
delt, woselbst die beispiele nachzusehen sind.
Bemerkenswerth ist noch, dafs sich in der dentalen
reihe im altnordischen, angelsächsischen, altsächsischen zwei
aspiraten, eine harte und eine weiche, entwickeln, von de-
nen die letztere nur in- und auslautend, nie anlautend auf-
tritt. Im hochdeutschen ist dieser unterschied wieder zu
gründe gegangen, da beide in die media übergingen. Aber
die Spaltung dieser aspiraten mufs dem mittelurdeutschen
angehören.
Der Sprachschatz mufs in dieser periode mannigfache
einbufse erlitten haben; substantiva wie goth. ahaks (och
lamba), milith (mel), adjectiva wie kaurs (gravis), bauths
176 FSntanumo
(surdas), manvas (paratus), partikeln wie ei (at), uf (sab),
and (per) gehn den andern deatsohen sprachen ab. Das
pron. interrog. verliert seinen plural (gotb. noch acc. plar.
hvans), ebenso sein fem. sing. (goth. noch hyö). Auch
die spuren der alten part. perf. act. (goth. beruseis, juku-
seis) verschwinden völlig, und die substantiva auf -ubni,
die instrumentalen adverbia auf -ba (nebst -bai in ibai
und jabai), die den andern deutschen sprachen mangeln,
werden keine gothischen neuschöpfungen gewesen sein.
Welchen ersatz sich die spräche um diese seit f&r
mannigfaltigen abgang durch neue ableitung oder zusam*
mensetzung gebildet habe, das zu entscheiden f&llt schwer,
da der goihische Sprachschatz uns so lückenhaft überlie-
fert ist; das unbelegtsein eines wortes im gothischen darf
nicht als beweis fbr dessen fehlen gelten. Aber wenn dein
altn. konüngr, köngr, ahd. kuning, ags. cyning nur
ein goth. reiks gegenübersteht, dem altn. verold, ahd.
weralt, alts. worold, ags. veruld nur ein gotb. mana-
seths oder fairhvus, dem altn. fies k, ahd. fleisc, alts.
fl^sc, ags. flaesc nur ein goth. mammo oder mime,
dem altn. heilagr, häligr, ahd. heilag, ags. h&leg nur
ein goth. veihs, dem altn. vinstri, ahd. und alts. wini-
stra, fries. winistere, ags. vinstra nur ein goth. hlei-
duma, dem altn. hundratT, ahd. hundert, alt&ies. hon-
derd, ags. hundred nur ein goth. hunda entspricht, so
werden wir, wenn auch im einzelnen ein wort im gothi-
schen verloren sein könnte, doch in vielen ftllen die ent-
stehung der ableitung oder Zusammensetzung der zeit des
mittelurdeutschen zuschreiben müssen. Gewifs ist, dab
die Zusammensetzung der pronominalstftmme ta + 8J<^
(nhd. dieser) der periode des mittelurdeutschen angehört
In der flexion geht die alte durchsichtigkeit der for-
men mit starken schritten unter. Die spuren der i* und
u-declination beim adjeotivum verschwinden völlig. Es
beginnt die neigung starke verba in die schwache conju-
gation umzusetzen zuerst bei denjenigen verbis, die nicht
durch eine grofse anzahl von analogien geschützt sind.
So gerathen z. b. die im gothischen noch klaren verba
alt-, mittel-, neniirdeatach. 177
▼aian und saian in verwirrang und schwanken in den ein-
zelnen mnndarten zwischen starker und schwacher Bildung;
nnr das angelsächsische scheint sich doch zuletzt blos wie-
der für die starke zu entscfareiden.
Die perfectreduplication beginnt sich zu verwischen,
doch behält diese periode (und auch noch die neuurdeut-
sche) noch immer beide consonanten, den der stamm- und
den der reduplicationssilbe. Der dual beim verbnm geht
immer mehr unter, verschwindet jedoch in einzelnen mund-
arten noch immer nicht völlig. Vollständig aber verschwin-
det das' nach art des griechischen, indischen und erani-
ecben gebildete urdeutsche mediopassiv, welches die Let-
ten nnd Slaven ebenso verloren haben wie alle ungothi-
acfaen stamme der Germanen.
Von bedeutungsveränderungen werden sich bei weite-
rem forschen manche beispiele finden lassen; ich erwähne
s. b. das eben gebrauchte wort finden, das im gothischen
cognoscere, im altn., ahd., ags. fast nur invenire bezeich-
net. Zum bedeutungswechsel gehört eigentlich auch der
genas Wechsel ; das goth. neutrum sigis (victoria) scheint
z. b. im mittelurdeutschen zum masculinum geworden zn
sein, vielleicht durch mifsverstand des in dieser periode
za r gewordenen s.
Mittelurdeutsche sind es gewesen, die über das meer
hin wahrscheinlich auf verschiedenen wegen, zumeist wohl
von der südöstlichen ecke der ostsee her, nach Skandina-
vien aaswanderten. Diese auswanderer waren aber zu den
verschiedensten stammen des yolkes gehörig, und so kommt
es 9 dafs eine nicht geringe anzahl deutscher völkemamen
mit über das meer in die neue nördliche heimath überge-
fbbrt werden. Zwei solcher völkernamen knüpfen sich an
die beiden gröfseren auf dem seewege liegenden inseln,
Gothland und Bornholm (Burgundarholm) ; auf dem skan-
dinavischen festlande erscheinen aufser den Gothen auch
Heraler und Rugier; die skandinavischen <PiQaiüot des Pto-
lemaeus erinnern an die Friesen, die AlXovaifüvtg dagegen
an die skandischen Hilleviones, and dafs auch die Suiones
d^B Tacitus ihren namen von Süden her schon mitgebracht
Zeitschr. f. TgL BpracMl XYUI, S. 12
178 FdftteiiMiiii
liaben, wird durch die nördlich vom schwarseo sMere er-
wähnte SvithioO' der Ynglingasaga wahrscheinlich*
Die Stammväter der Oothen und die der SkandinaYen
haben also zuerst ihre besonderen wege eingeschlagen; beide
Stämme waren im anfange die östlichsten Germanen und
hatten als solche den stofs nachdringender Völker aaszn-
halten, wurden also auch am ersten von der seite ibror
blutsverwandten abgesprengt. Worin das gothisohe zum
altnordischen tritt, beruht zum tbeil (und solche punkte
habe ich eben eine anzahl erwähnt) auf dieser reihenfolge
der Sprachtrennungen, zum theil aber (und das geht ans
hier nichts an) gewiis auch darauf, dafs beide mundarten
als die der östlichsten Germanen vor der trennung schon
in engerer beziehung zu einander standen als zu den übri-
gen germanischen dialekten; denn die Sprachtrennungen
gehn schwerlich plötzlich, sondern mehr allmählich vor si<^;
es giebt einen Übergang zwischen voller Sprachidentität
und voller geschiedenheit
Was nach allen jenen völkerzügen, die sich noch in
weit spätere zeit fortsetzten, südlich von der ostsee übrig
blieb, bildete die Völker der neuurdeutschen zeit; wa^
ihnen sprachlich gemeinsam ist, nenne ich die neuurdeut*
sehe spräche, die gewifs wieder ihre mannigfachen mund-
arten gehabt hat. Ihre zeit wird etwa dem letzten vor-
christlichen und den beiden ersten Jahrhunderten unserer
Zeitrechnung angehören.
In bezug auf die vocale des neuurdeutschen hebe ich
heraus, dafs, wenn auch gewifs in dieser periode das alte
a an umfang verliert, dennoch dasselbe sicher in manchen
f&Uen bewahrt blieb, wo wir es in dem zu literaturspra-
eben gewordenen gothischen und althochdeutschen schon
entartet finden. So ein fall liegt z. b. im gen. und dat,
sing, der Substantive auf -an vor (goth. hanins, hanin, abd.
hanin, aber ags. hanan, aitn. hana, altfries. bona, alta.
banon).
Zwischen u und i scheint mannichfEicher Wechsel statte
zvfinden; so z. b. goth. trudan, altn. trod'a, aber ahd.
tretan^alts. tredan, ags. tredan, altfries. treda u.s.w.;
alt-, mittel«, nennrdentsch. 179
dagegen goth. leitils, altn. litill, aber ahd. luzil, lia-
sii, luzich, alts. Inttil, luttic, ags. lytel neben
litel.
iu ist wohl schon neuurdeutsch in einigen fUlen zu
ü geworden: ahd. süfu bibo, lüchu claudo, sügn
sugo, ags. süpe, lüce, stlce.
Im consonantismus ist die wichtigste erscheinung das
abfallen des ans s entstandenen scbliefsenden r. Wir fin-
den es erstens bei allen nominativen der mascnlinen sub-
stantiva, wo dem goth. fisks, hairdeis, sunus, balgs
dem altn. fiskr, hirdir, sonr, belgr in den andern
sprachen nur formen ohne diesen schlufsconsonanten ent-
gegenstehn. Dasselbe wird auch wohl der Vorgang im
nom. der fem. von i-stämmen gewesen sein, wo im altnor-
dischen (z. b. äst gegen goth. ansts) wohl erst nach der
sonderung dieser spräche das r abgefallen ist, um eine
Übereinstimmung mit den andern femininen hervorzubrin-
gen. Ferner im gen. sing. fem. von i-stämmen (gotb. an.
stais, altn. ästar, ahd., alts., ags. und altfries. ohne aus*
lautenden consonanten) ; endlich im nom. plur. der n-stämme
(goth. hanans, tuggons, altn. hanar, tungur, in den
übrigen sprachen ohne den letzten laut).
Grofse Veränderungen scheint der Sprachschatz im neu-
nrdeutschen erlitten zu haben. Eine nicht geringe anzahl
von Wörtern, die uns im gothischen und altnordischen be-
gegnen, mangeln mit merkwürdiger Übereinstimmung in
den übrigen sprachen. Ich hebe als beispiele folgende sub-
Btantiva hervor: goth. niuklahs, altn. n^klakinn neu-
gebornes kind, goth. fraiv, altn. fr io same^ goth. hallus,
altn. hallr der fels (wogegen das fem. altn. höll, ahd.
halla auch in den andern sprachen lebt); auch das goth.
sauil, altn. 8 öl sonne verkümmert wenigstens in den an-
dern sprachen^ die es nur noch in spuren haben. Im pro-
nomen ist auffallend das untergehn des goth. sis, altn.
s^r (sibi), desgleichen der des goth. bvarjis, altn. hverr
(quis). Im verbum tritt neben das goth. im, is, altn. em,
ert (sum, es) im ahd. bim, bist, im ags. beom, bist
IL8.W.9 woneben indessen das alte wort noch zum theil
12 •
180 Föntemami
fortbesteht. Die ersl im altardeutschen entstandenen (den
verwandten sprachen fremden) an das part. perf. pass. der
starken verba angelehnten verba auf -nan, welche einen
ursprünglich stets passiven sinn haben, sterben im neunr-
deutschen wieder aus (goth. auknan, batnan, bignan,
bruknan, altn. batna, blikna, brotna, dafna und
viele andere).
Nicht verschwiegen werden darf, dafs viele Wörter im
gothischen und altnordischen fehlen, in den andern spra*
chen aber vorhanden sind; auf diese erscheinung darf bei
der Iflckenhaftigkeit des uns Qberlieferten goth. sprach»
Schatzes nur wenig gegeben werden. Doch mögen na*
mentlich manche Zusammensetzungen, in denen althoch-
deutsch, altsächsisch und angelsächsisch zu einander stim-
men, wirklich erst im neuurdeutscben gebildet sein, wenn
das 'auch niemals von einem- einzelnen bestinunten falle
behauptet werden darf.
Dagegen scheinen dem neuurdeutscben mit ziemlicher
gewifsheit manche neue ableitungen anzugehören; man
vgl. ags. väter, alts. watar, ahd. wazar mit goth. vato
(gen. vatins) und altn. vatn; ahd. apant, alts. aband,
ags. aefen mit altn. aptan^ aftan; alts. himil, ahd.
himil, altfries. himul mit goth. himins, altn. himinn;
ahd. tugnnd, ags. dugutf mit altn. dygtf. Das ahd.
geist, ags. gast, alts. gast begegnet im gothischen und
altnordischen noch nicht; das altn. jastr fermentum ist
zwar verwandt, gehört aber nicht unmittelbar dazu. Man
halte ferner alts. dunkal, ahd. tünch al obscurus zu altn.
dökkp. Auffallend ist auch, dafs ahd. gröz, ags. greät
im gothischen und altnordischen fehlen; dadurch wird es
wahrscheinlich, dafs hier eine neuurdeutsche ableitung vor-
liegt, dann aber wiid die Zusammenstellung mit lat. gran-
dis hinfällig. Die ahd., ags., alts. gerundia fehlen eben-
falls dem gothischen und altnordischen; sind sie deshalb
wirklich als neuurdeutsche ableitungen anzusehn, so dürfen
sie nicht, wie bisher mehrfach geschehen, an sanskritbil-
düngen angeschlossen werden.
Nun zur flexion, deren leben von jetzt ab nur noch
alt-, mittel-, nemirdeiitscli. 181
eine reihe von grenzverrückungen darstellt; es gilt hier
das recht des stärkeren (sprachlich ausgedrückt die ana-
logie). Die schwache declinatioD dringt in das gebiet der
starken und reifst hier den gen. plur. an sich (ahd. tagan6
dierum, mhd. tagen, mnl. daghen, ags. dagena, altfries.
degana). Das masc. und neutr. überwältigen das fem.;
denn die feminina der comparative haben im gothischen
und altnordischen einen i-vocal gegen a im masc. und
neutr. (goth. fem. maizei, blindozei, altn. blindari), wäh-
rend in den übrigen sprachen dieser feine unterschied ver-
wischt ist. Der acc. sing, des reflezivpronomens nimmt
die stelle mit in besitz, die firüber ein eigener dativ (goth.
sis, altn. sär) ausfüllte. Der acc. sing, des Personalprono-
mens (mich, dich) wirft sein k und h in den acc. plur.
hinüber; er lautet ahd. unsih, iwih, ags. üsic, eövic,
und so wird er auch wohl eine zeit lang im altsächsischen
gelautet haben; dem gothischen und altnordischen (uns,
086, izTis, y0r) ist diese erscheinung noch unbekannt. Der
nom. plur. reifst den acc. in allen den f&Uen an sich, in
denen sich beide casus bis dahin noch unterschieden hat-
ten; es scheiden sich noch gothisch fiskos -fiskans,
harjoB-harjans, sunjus-sununs, balgeis-balgins,
ansteis-anstins, blindai-blindans; auch altnordisch
fiskar-fiska, hirdar-hirda, synir-sonu, belgir-
belgi, blindir-blinda, aber althochdeutsch gilt f&r
beide casus visca, hirta, suni, belgi, ensti, blinde,
alts. fisc6s, hirdjös, blindft, ags. fiscas, hirdas,
blinde u. s. w. Eine abgeleitete form gesellt sich zu
der primitiven, um diese zu verdrängen, im gen. plur.
des zweiten Zahlworts; er heifst goth. tvaddje (duorum),
altn. tveggja, ahd. zueio, ags. tv£ga; daneben aber tritt
ein ahd. zueiero und ags. tv6gra ein, welches sich im
neanrdeutschen gebildet zu haben scheint; eben so verhält
es sich mit goth. baddje und ags. bSgra.
In der conjugation ist die wichtigste erscheinung des
neaurdeutschen, dafs der optativ sich in der 2. pers. sing.
des perf. in den indicativ einnistet, und zwar bei allen
starken verben; so heifst es goth. vast eras, altn. vart,
1Q2 FOntemsnn
aber ahd. wäri, ag8« yaore, altfries. wSre. Ein eindrin-
gen des perf. in das praes. beobachten wir in den abd.,
alte, und ags. nebenformen sindun, sindon fllr sind.
In bezog auf die reduplicirten perfecta werden wir anneh-
men müssen, dafs im neuurdeutschen die Wiederholung des
consouanten noch nicht aufgegeben, der vocal der Wurzel-
silbe aber schon synkopirt ist; darauf f&hrt uns die erwft-
gung des ags. hebt, leolc, reord, leort für haihait,
lailaik, rairoth, lailot.
Auch bedeutungs- und genusverschiebungen scheint
das neuurdeutsche manche erlebt zu haben; ich hebe her-
aus unser wort fleisch, das im altn., schwed. und dän.
(flesk, flfisk^ flesk) übereinstimmend speck bedeutet, da-
gegen ahd. fleisc, alts. flesc, ags. flaesc, engl, flesh
nnl. vlisch, fries. flasc die bedeutung von caro ange-
nommen hat. Das ahd. östra, ags. eÄstran scheint erst
neuurdeutsch auf eine bestimmte zeit (fest der Ostara) be-
zogen zu sein, daher im hochdeutschen, s&chsischen und
angelsächsischen die anlehnung an das christliche fest, ßix
weiches das gothische und altnordische noch das hebr.
pascha gebrauchen. Goth. namo und altn. nafn sind
noch neutra wie das lat. nomen, hochd., ags. und altfries.
gilt das männliche geschlecht. Goth. kinnus und altn.
kinn sind fem., dagegen ahd. kinni und ags. cinne masc,
goth. lithus, altn. Vitfr sind masc, ags. und ahd. tritt
daneben auch neutraler gebrauch ein. Dergleichen wird
sich noch viel mehr finden lassen.
Hat das neuurdeutsche bis ans ende unseres zweiten
Jahrhunderts gelebt, so gehören die alten uns von den Rö-
mern überlieferten namen sämmtlich dieser periode an. Den
Römern aber erschollen diese namen, mochten sie sich auch
auf ferne stamme wie Gothen und Marcoroannen beziehn,
zumeist am Niederrhein. Dort aus ubischem oder sigam-
brischem munde gelangten gewifs die nachriohten über die
Cherusker und deren bündnisse- nach dem standlager zu
Colonia Agrippina. Diese Völker am Niederrhein sind aber
die Stammväter der späteren Franken, ich nenne sie weder
Hochdeutsche noch Niederdeutsche, da ich diesen unter-
altr, mittel-, nemirdautseh. 188
schied ftr jene zeit nocli nicht kenne. Wir haben nun
jene namen darauf hin anzusehn, ob ihre lautfftrbung dem
bilde entspricht, welches wir uns vom neuurdeutschen, das
helfet Ton der gemeinsamen quelle des hochdeutschen, alt-
sächsischen, angelsächsischen und altfriesischen machen
müssen, oder ob sie sich näher an das altfränkische an-
schlielsen, wie wir es z. b. uns zur zeit des Gregor von
Tours in Gallien gesprochen denken mtkssen. Letzteres,
nicht ersteres ist in der that der fall.
So müssen wir annehmen, dafs das neuurdeutsche ein
langes ä noch nicht durch 6 ersetzt hat und dafs dieser
wandel erst im gothischen nach seiner trennung Tor sich
gegangen ist. Und doch spricht Caesar und alle andern
Römer schon von den SuSvi, Taoitus von Inguiomirus,
Segimörus, ActumSrus, Chariom^rus, glSsum, gerade wie
wir diese Vertretung am fränkischen des 5. und 6. Jahrhun-
derts kennen; bei Jemandes ist AudoflSda eine fränkische
königstochter und bei Gregor sind uns manche namen auf
-mSres, -fledis überliefert u. s. w. Ebenso begegnen uns
bei den römischen Schriftstellern zahlreiche aus i entartete
e; man erwäge die ersten silben von Hermunduri, Che-
msci, Nerthus, Segimerus, Segimundus, Segestes. Es ist
ganz undenkbar, dais die verschiedenen deutschen Völker,
den^i jene namen angehören, in so alter zeit an diesen
stellen wirklich das e gehabt haben; ebenso undenkbar,
dafs die Römer, die gerade dem i-vocal besonders zuge-
than sind, ihn hier überall ausgemerzt haben sollten. Sehn
wir aber die zahlreichen fränkischen namen auf -fred an,
ebenso die im polyptychon Irminonis neben Sig- aufser-
ordentlioh oft vorkommenden Seg-, so wird es uns klar,
dafs auch jene alten namen uns nur in fränkischer gestalt
überliefert sind. Strabo's handschriften geben 2!cyifiiJQog
neben JSeyifitjgog*, hier scheint mir das t den wirklich che-
ruskischen, das < den fränkischen laut wiederzugeben. —
Wir wissen, dafs die Gothen sich selbst mit einem u in
der Stammsilbe schrieben, und so hat auch Pytheas nach
Plinius an der ostseeküste Guttones gefunden. Warum
geben nun die römischen Schriftsteller der ersten jahrhun-
184 Föntemum
derte hier ein o? wohl wiederum, weil sie auch die kennt-
nis dieses entlegenen volkes wesentlich am Rheine erlang-
ten; dort aber wird schon damals dasselbe o gegolten ha-
ben, das ein anderes deutsches volk, die Thoringi, noch
bei Gregor aufweist. Auch das o der mittelsten silbe von
Maroboduus wird kaum marcomannisch, weit eher nieder-
rheinisch gewesen sein. — Das alte ai, das im gothisohen
und selbst im althochdeutschen so lauge treu bewahrt bleibt,
erscheint dennoch im Taciteischen BoiohSmum schon zu 6
entartet; so wird den Römern am Niederrhein der name
erklungen sein, genau so, wie den Franken der lex Salica
ein Salohemj chrenecruda, chreo und neben laisus ein Itens
galt. — Das eu in Teutones und Teutoburgum ftkr altes
iu finden wir wieder in dem beudus (mensa) der lex Sa-
lica, in leudis, in den namen auf -deus und -teus; Gre-
gor schreibt auch in gothisohen namen ein eu f&r iu. Wie
weit dieses altfränkische dem übrigen neuurdeutschen ge-
genüber selbständig gewesen ist, das können wir natflriicb
ftkr jetzt nicht mehr entscheiden.
Hiemit schliefse ich ftlr jetzt meine darstellung. Es
war für mich ein bedürfnis mit diesen ansichten hervor-
zutreten, um eine gröfsere sprachgeschichtliche arbeit, nüt
welcher ich mich schon lange beschäftige und wohl noch
länger beschäftigen werde, nicht etwa auf falschen grund-
lageu aufzubauen; sind aber meine ansichten falsch, so
wird schon diese kurze mittheilung genügen, um sie zu
widerlegen und mich eines besseren zu belehren, und darom
bitte ich in diesem falle herzlich. Wer mir aber z. b. ein
näheres übereinstimmen des altnordischen und angelsächsi-
schen entgegenhalten will, der möge erst bedenken, dals
nicht jeder fall von Übereinstimmung auf eine längere ge-
schichtliche gemeinschaft zweier Völker hinweist, sondern
auch noch aus manchen andern gründen hervorgehn kann.
Ist dagegen die hier entwickelte ansieht richtig, so
wird eine künftige geschickte unseres deutschen sprach-
stammes in folgender weise zu ordnen sein:
Den ersten theil nimmt die betrachtung derjenigen bis
ins gebiet des germanischen hineinragenden bildungen und
alt-, mittel-» neanrdentach. 185
thatsachen ein, welche schon ans einer jenseits des ger-
manoslaTischen liegenden periode stammen; im zweiten
theile ist zu untersuchen, in wie weit sich die spuren die-
ser germanoslavischen zeit noch bis in unsem sprachstamm
verfolgen lassen. Der dritte abschnitt ist dem alturdeut-
sehen gewidmet und giebt an, welche lautverhältnisse, Wort-
bildungen, flexionen u. s. w. dieser epoche zuzuschreiben
sind. Hierauf folgt die betrachtung des speciell gothischen
Sprachlebens, dann die des mittelurdeutschen , hierauf die
des altnordischen sowie der daraus hervorgegangenen neue*
ren sprachen. Die nächste stelle nimmt das neuurdeutsche
ein, die dann folgende das althochdeutsche, mittel- und
neuhochdeutsche und die neueren hochdeutschen dialekte.
Was nun noch nach ansscheidung dieses zweiges als Über-
rest des alten Stammes anzusehn ist, bildet die niederdeut-
sche gruppe, deren Charakteristik am besten mit ihrer zu
reconstruirenden grundsprache, der ursftchsischen , zu be-
ginnen ist. Darauf ist das altsächsische mit seinen töch-
tem, das mittel- und nenniederländische, sowie das friesi-
sche zu betrachten. Nun erst folgen wir unserer spräche
und unserem volke auf seiner weiteren Wanderung über das
meer, behandeln das angelsächsische und mittelenglische
und schliefsen das ganze naturgemäfs mit dem englischen.
Diese vom alturdeutschen räumlich wie sprachlich am wei-
testen abstehende spräche, die am meisten das specifisch
germanische kleid abgestreift hat, wurde eben dadurch fH*
big sich durch romanische demente so vollkommen durch-
dringen zu lassen, dafs sie demjenigen bilde, welches wir
uns von einer Weltsprache der zukunft machen, unter allen
lebenden sprachen am nächsten kommt; auch ist sie schon
jetzt die am meisten verbreitete unter allen. Die Schick-
sale des englischen und des deutschen in America mögen
einen anhang des ganzen bilden, eines Werkes, f&r dessen
harmonische durchfikhrung freilich Ar den augenblick noch
viele bedingungen fehlen, das aber immerhin schon ver-
sacht werden mag.
Bezeichnen wir schliefslich den gothischen sprachzweig
mit 1, den nordischen mit 2, den hochdeutschen mit 3,
186 F5xBtemaim, alt-, mitt«!*, nauurdentBch.
den niederdeatschen mit 4 und versuchen wir die haupt*-
▼eranlassungen anzugeben fQr die yerschiedenen combina-
tionen, in denen wir diese vier zweige zu einander stim-
mend oder von einander abweichend sehen, so ergiebt sich
folgendes :
1 gegen 2, 3, 4: hohes alter der trennung, zurück-
bleibendes gegen vordringendes.
1, 2 gegen 3, 4: reihenfolge der trennung, ostgermiH
nisch gegen westgermanisch.
1, 2^ 3 gegen 4: getrennte zweige gegen fortentwicke-
lung des grundstocks (darf ich sagen männliches gegen
weibliches deutsch?).
1, 3 gegen 2^ 4: Sodgermanen gegen Nordgermanen,
continentale gegen maritime mundarten, unter letzteren viel-
fache spätere berührungen.
2 gegen 1, 3, 4: dort nähere beziehungen zum finni-
schen sprachstamm, hier verhältnifsmäisiger mangel der-
selben.
3 gegen 1, 2, 4: dort nähere berührung mit romani-
schem, hier geringere.
Nach den gesetzen der combinationslehre ist nur noch
ein siebenter fall möglich: 2, 3 gegen 1^ 4, ftr diesen fall
aber läfst sich kein historischer grund angeben; wo solche
näheren berQhrungen eintreten, ist das walten des zufidb
anzunehmen.
Schleicher hat es (deutsche spräche s. 94) unt^nom-
men, den im anfange dieses aufsatses erwähnten dentschen
sprachbaum wirklich graphisch darzustellen. Ich wQrde
von ihm darin abweichen, dafs ich den zweig 2 nicht mit
1 von demselben punkte des Stammes ausgehn Heise, son-
dern zu Unterst 1, weiter hinauf 2, noch höher 3 ansetzte;
überdies würde ich 1 und 3 (wie es die geographischen
Verhältnisse mit sich bringen) nach links, 2 dagegen nach
rechts hin vom stamme abzweigen.
Dresden. E. Förstemann.
Consen, altoskische sprftchdenkmKler Jn grieeh. schrifL 187
Altoskische Sprachdenkmäler in griechischer
Schrift.
1. Grabschrift von Sorrento.
CIPINEIZ
Die vorstehende inschrift eines zu Sorrento in Cam-
panien gefundenen grabsteines ist die genitivform Virineis
eines namens, der im nominativ oskisch Virins lautete
vom stamme Virino- und der name eines verstorbenen
war (Mommsen, unterit. dialekte s. 190, XXXIV. Fa-
bretti, Corp. Inscr. Italicar. 2827). Das hohe alter die»
ser grabschrift folgt erstens aus der Verwendung- grie-
chischer Schrift fflr ein oskisches Sprachdenkmal, welche
auf eine zeit hinweist, ehe in Campanien, Lucanien, Brut-
tium und ünteritalien überhaupt die macht und der ein-
flofs der griechischen städte durch die eroberungen der
Samniten gebrochen wurde, zweitens aus der einnamigkeit
des verstorbenen Virins, während die Inschriften späterer
zeit in jenen oshischen Sprachgebieten mindestens zwei
namen von einer person aufweisen, den vomamen und den
familiennamen, wie z. b. in der benennung des samniti*
sehen censors von Bovianum in der altoskischen inschrift
von Pietrabbondante: Aiieis Maraieis (Verf. Z. XI,
403 f. Fabr. a. o. 2873) oder drei namen, und zwar nach der
einheimischen samn.*osk. sitte den vornamen, den familienna-
men und dazu den Vatersnamen, wie schon in der griechisch
geschriebenen alten Mamertinerinschrift: ^rsvig Kali^
vig ^TaTTitjigj Maqag TIo^inTiBg NiVfiaStrjtg (blo.
s. 193, XXXIX. Fabr. 3963), seltener sogar vier namen, näm-
lich Vornamen, familiennamen, Vatersnamen im genitiv und
Zunamen wie in der altosk. tempelinschrift von Bovianum
Gn . Staffs Mh . Tafidins = Gneius Staius Magii
filius Tafidinus(Verf. Z.XI,363f. Fabr.2872). Momm-
sen setzt daher die abfassung der grabschrift von Sorrento
in oskischer spräche mit grieeh. schrift nach griechischer
sitte und mit einnamiger bezeicbnung des verstorbenen in
188 CorwMi
das älteste Zeitalter der oskischen Sprachdenkmäler, die
auf uns gekommen sind, von dem eindringen der Samni-
ten nach Campanien bis zur ausbreitung der römischen
herrschaft Ober dieses land, also etwa von 421 bis 338
vor Chr. (Mo. s. 104. 106. 112). Dieser periode gehören
die osk. münzaufschriften von Uria, AUifae und Phistelia
an (a. o. 112. 200. 201). Der oskische name Vir-ine-is
verhält sich zu dem familiennamen osk. Virr-li-s der blei*
platte von Oapua (Verf. Z. XI, 338f. Pabr. 2749) lat. Virr-
-iu-8 wie Flamin-inu*8 zu Flamin-iu-s. In Virr-
-ii-s röhrt das doppelte r lediglich her von der geschärf-
ten ausspräche des consonanten in hochbetonter silbe, wie
das doppelte consonantenzeichen in vielen anderen oski-
schen-wortformen, z. b. in ekkum, pokkapid, triba-
rakkiuf, alttrei, alttram, JS'rami^tg, mallom^
mallud, Akudunniad, dekmanniois, kvaisstnr. ESs
ist daher unzweifelhaft gerechtfertigt Virri-ii-s und Vi r-
-in-eis vom stamme des lateinischen wertes vir- her*
zuleiten, wie im griechischen die eigennamen l^vdQiagj
jivSgBiay !dv8Qivgf 'AvSgtxog^ jivSgiaxog^ Av'^
dglfov^ jiv8Q(av^ jivSgw^ AvSgaviSag und zahlreiche
andre vom stamme von avi]Q gebildet sind. Die grab-
Schrift von Sorrento, obwohl sie nur aus einem werte be-
steht, ist besonders deshalb wichtig, weil sie die thatsache
feststellt, dals die Osker von Campanien im f&nften bis
vierten Jahrhundert vor Christus ihren verstorbenen grab*
denkmäler setzten nach griechischer sitte mit griechischer
Schrift;.
altoakisehe Sprachdenkmäler in griech. sehrüt. 189
2. Die grabschrift von Anzi.
^nT£:o^
[AX^PHIA(P>:AK£iTrHA
^EZQXBPAraA4A1E>AlAN>
Der hier dargestellte stein ist gefunden bei Anzi in Basi-
licata, dem alten Anxa in Lucanien, am abhänge eines
hügels eine halbe miglie vor der Stadt in sfldöstlicher rich-
tang, wo ihn Mommsen gesehen und ein facsimile abge-
nommen hat (onterit. dialekte taf. XII, 36. s. 191. Fa-
brctti, Corp. Inscr. Italicar. 2903. Tab. LVI). Er sagt
TOD demselben, a. o. : „dreieckiger stein rechts 1 palm, links
1| palm, unten 2 palm 2 zoll lang, mit ungemein tiefer
schöner Schrift von ziemlich altem Charakter; am unteren
rande ist der oberste theil eines jugendlichen, wie es
scheint, männlichen lockigen kopfes in hohem relief noch
erhalten. Es scheint ein fragment einer Aedicula in der
art vieler capuanischen grabsteine, welche oben im dreieck
die inschrift und auf der hauptfläche zwischen Säulen die
figar des verstorbenen zeigen, gewöhnlich in ganzer ge*
stalt, wie es auch hier der fall gewesen sein muis^. Der-
artige grabsteine von Capua sind von Mommsen in den
Inscriptiones Regni Neapolitani dargestellt (n. 3791. 3815).
Es kann also nicht zweifelhaft sein, dafs in dem steine
von Anzi ein ähnlicher grabstein vorliegt mit griechischer
inschrift und knnstdarstellung eines griechischen meisters,
falls es gelingt die oskischen wortformen der inschrift un-
ter strenger beobachtung sonst bekannter gesetze und
eigenthflmliohkeiten der oskischen lautlehre, wortbiegung
190 ConMA
und wortbildang als oskische grabschrift zu deuten. Die
tbatfiache, dafs im f&nften bis vierten Jahrhundert in SOd-
italien oskische grabscbriften in griechischer schrift abge-
fafst wurden, ist ja schon durch die grabschrift von Sor-
rento erwiesen.
Grabsteine in der form des spitzgiebels eines kleinen
hauses oder tempels mit insehrift und kunstdarstellung bil-
deten die Vorderseite von grabkammern oder beb<em von
aschentöpfen, aschenkisten und grabumen, mögen diese
behälter nun freistehend gearbeitet oder in die wände von
Columbarien eingelassen sein (Abeken, Mittelitalien s. 248.
249. 251. 256. 257. 258. 259).
Die griechische schrift des Steines von Anzi weist das
dorisch - sicilisch - chalcidische aiphabet auf (Momms. unt.
dial. taf. I). Das a hat die Form A ^ie in der Söldner-
insehrift von Ischia, die vor 326 v. Chr. abgefafst ist (a. o.
8. 197 f.); die buchstaben Q und H sind in der insehrift
von Anzi bereits gebräuchlich wie in der oskischen in-
sehrift der Mamertiner von Messina (a. o. s. 193), während
andere oskische inschriften in griechischer schrifl noch E
für langes Q aufweisen wie die insehrift von Fermo in dem
namen /.sgexXeig (a. o. 190) und 0 fQr langes ö wie die
aufschriften von Monteleone, dem alten Vibo in Bruttium,
die' in die zeit zwischen 356 bis 193 v.Chr. fallen, in
den Schreibweisen ^egCogsi und vaovriov (a. o. 191.
192. 112 f. Fabr. 3034. 3039). Das berechtigt zu keinen
schlössen über die Chronologie dieser inschriften, da das
schwanken zwischen E und H wie zwischen 0 und Q im
griechischen schriftgebrauch frühzeitig angefangen und lange
gedauert hat. Mit der wortabtheilung, die Mommsen fast
durchweg richtig erkannt hat, und herstellung einzelner
verstümmelter oder ganz weggebroohener buchstaben lautet
die insehrift von Anzi folgendermafsen:
IIa>T ^okXoA üiifA aoQOjrtofi tiv. xanidinafji KaAag
Xsixsity xwax^Qfji kioxaxBit ffjrafi €öor ßpatmfi
Hfid in lateinische schrift Obertragen:
Pot vollobom sorovom* ein . kapiditom Kahas
altoskifche flprachdenkmSler in griech. sehrift 191,
leikeit, ko'acherei liokakeit svam esot bratom
Meiaiana[i].
Dafs der griechische Steinmetz die griechischeD schrifl-
zeichen Q und H nicht immer richtig brauchte ftlr lange
Tokale, sondern auch unrichtig ftlr kurze, ist mit Sicherheit
XU erweisen. Die form xcd — ax^grn ist, wie sich weiter
unten herausstellen wird, eine locativform singularis eines
auf -o auslautenden oskischen wortstammes, deren auslau-
tender diphthong ei in griechischer schrifl durch 17» be-
zeichnet wird, während der lautbestandtheil e desselben
das aus ö abgeschwächte kurze oskische e war. Eben die-
ses kurze e des oskischen diphthongen ei wird in griechir
scher sehrift falsch durch 97 bezeichnet in den oskischen
genitivformen von o*stämmen KoTTeitjig^ ^rattiTjeig,
NiVßic3ii]ig in den angefahrten inschriften von Yibo in
Bruttium und von Messina (a. o. 192. 193. Fabr. 3035.3063).
Vergleicht man ferner nutz der Inschrift youAnzi mit 6<Tor,
80 wird man nicht anstehen jene Schreibweise für den nom.
acc. sing, neutr. des osk. relativen pronominalstammes po-
zn halten, der auf dem Cippus von Abella und der tafel
▼on Bantia pod geschrieben wird, yfieaaor der nom. acc.
sing, neutr. des oskischen demonstrativen pronominalstam-
mes eso-, eiso- in esi-dum, eiae-is, eise-i u.a. (Ebel
zeitschr. II, 61; Bugge a. o. V, 2; Verf. a. o. XI, 324. 403.
415) ist, dem auf dem Cippus von Abella die neutrale
ablativform eisod entspricht. Dafs auch in der Mamer-
tiner inschrift von Messina (o falsch für ö geschrieben ist,
zeigt die Schreibweise twvto fOr das oskische wort touto,
nominativforih des Stammes touta-, tovta, der mit ein-
ÜLcher Yokalsteigerung von wz. tu- gebildet ist (Verf. aus-
spr. I, 371 f. 2ag.) und im oskischen munde jedenfalls kein
langes o enthalten haben kann. Also thatsacfae ist, dafs
in der vorliegenden inschrift von Anzi co fälschlich auch
fbr ö geschrieben ist, dafs man mithin berechtigt ist diese
unrichtige Verwendung des griechischen schriftzeicbens (o
durch einen griechischen Steinmetzen auch für die wort-
formen j:oXXoß.(üfA^ aopo^wfij xani3iT(0fAy ßgattafA
anzunehmen, die somit ganz das ansehen oskischer accu**
192 GonsflB
sativformen oder neutraler nominativformen voll ob öm,
soroYöm, kapiditöm, bratöm gewinnen, and ala solche
sich weiter unten mit Sicherheit herausstellen werden. Zu
erwägen bleibt noch, welche bedeotung das schriftaseichen
/ in den wortformen ^o^Ao/cuic und Ka/.ag hat Eb
bezeichnete sicher nicht einen aspirirten gutturalen laut,
da dieser in der grabschrifl von Anzi durch x ausgedruckt
wird, wie die wortform xw^ax^Qf^i zeigt; es bezeichnet so
sicher den blofsen starken hauch wie in /.BQsxlBig der
weiheinschrift von Fermo und wie Oberhaupt in der grie-
chischen Schrift. Einen blofsen hauchlaut h zwischen vo-
kalen, die getrennt geschrieben werden, kennt auch der
oskische dialekt. Im umbrischen wird h zur bezeichniing
des langen vokals nach dem vokalzeichen gesetzt, und c[aD0
mehrfach auch noch der vokalbuchstabe nach h wieder*
holt; h bezeichnet aber auch den zwischen zwei getrennt ge-
sprochenen vokalen wahrnehmbaren hauchlaut, der mit dem
lautansatz des zweiten vokals ausgestoJQsen wird (AK. umbr.
sprachd. I, 76 f. Verf. ausspr. I, 16. 17. 2 ag.). Denselben
hauch bezeichnet das griechische schriftzeichen h h&ufig in
namensformen des messapischen dialektes wie Klo/^ij
KXaoß^iy Aa^iavtg^ So)^ aSovag^ MoX3a/.iag^ Mol--
Sa/i^ai/-i^ Kika/, laij^iy TaoTtvaAiaija,^ Fgai/ ai/Li^
Ja^ifiai^t^ Ka^ageij^iy Kga&SABiAif IIXaxoQqhi^i^
MoQXiAi, Ja^o/ovvij. i (Momms. unterit. dial. 8.74f.).
Dieselbe bedeutung hat der buchstabe h in der Schreib-
weise sp&tlateinischer inschriften der römischen provinzen
Gallien und Germanien, z. b. in den formen Bomanehis,
veteranehis, Hamavehis, Rumanehabns, Lane«*
hiabus, Vesunahenis, Vesuniahenis, dihaconus,
Bohetyus (Verf. ausspr. I, 111. 2 ag.)« Auch in der äl-
testen oskischen Schrift hat das schriftzeichen h dazu ge-
dient sowohl die länge des vokalischen lautes als auch den
hauch zwischen zwei getrennten vokalen zu bezeichnen.
Die länge des diphthongen au bezeichnet das schriftzei-
chen ji in der mit griechischen buchstaben geschriebenen
oskischen au&chrift einer münze des apulischen Au Sen-
ium: Av^vaxXi[vo fi] (llomms. eu o. B. 103.201; J.Fried-
iltotkiBche spnchdflnkmller in grieeh. schrift. 193
Under, die osk. münzen s. 6. Fahr 2923), nnd dann ist das
laatseicben v des diphthongen a v nach dem / wiederholt
worden in ähnlicher weise , wie in der nmbr. schrift nadi
dem längeeeichen h das schriftzeichen des vorhergehenden
Tokals nodi einmal gesetzt worden ist. Eine form *Ava8-
klo*, die ich frfiher annahm, ist nicht erweislich, die an-
nähme auch überflüssig (zeitschr. XIII, 183). Den hauch
zwischen zwei getrennt gesprochenen vokalen bezeichnet
der bnohstabe h mehrfach in der alterthQmlichen schrift
des opferstatnts von Agnone, eines der ältesten nns erhal-
tenen Sprachdenkmäler, wie anderen orts zur spräche kom-
men wird. So in der dritten pers. sing. conj. praes. pass.
saka-h-it-er vom- yerbnm saka*um, fllr saka-it-er
verglichen mit den formen der dritten pers. sing. conj. praes.
aot. sta-it as lat. stet, sta-iet =: lat. Stent (zeitschr.
Xm, 247 f. 250f.) tada-it =>lat. tendat (zeitschr. V,94f.
252f.) deiva-id (Verf. krit beitr. s. 392; zeitschr. XIII,
250 f.)« Den hauch zwischen getrennt gesprochenen voka-
len bezeicbjiet oskisches h femer in der dativform pif-h-
-ioi in der Verbindung, t. Agn. B, 15: Diovef pilhioi
regature{s=lat. Jovi pio rectori (Momms. a.o. s. 129.
287; Verf ausspr. I, 448 f. 2ag.) zu vergleichen mit der
sabelUschen benennnng einer gottheit: Regena piaCerie
Jovia s=s lat. Regina pia Ceria Jovia(yerf. zeitschr.
IX, 133. 150f.; Ausspr. a. o.) und der lateinischen: Junoni
piae(Ornt. 25, 1). Der oskisohen Schreibweise pif-h-ioi
entsprechen die nmbrischen pi-h-atu = lat. pi-ato, pi-
-h-aii ea lat. pi-avi, pi-h-aner =b lat. pi-andi, pi-
-h»az ^ lat.pi-atu8 und die volskische pi-h-om ss
lat« pi-um (Verf. d. Volscor. ling. p. 8 f.; AK. umbr.
sprachd. 11, 412 f.), während die altsabellische inschrift von
Crecohio die formen pio es lat. pio nnd peien = lat.
piaverunt aufweist (Verf. zeitschr. X, 1. 14. 21. 25). Das
gemeinsame italische grundwort dieser wortformen pl-o-
stammt von der wurzel pn- „reinigen^, ist also aus pu-io
entstanden, und die nrsprflngliche bedeutnng „rein^ hat
rieh noch erhalten in lateinischen Verbindungen wie far
piam, sal pium nnd in der sabellisohen pio bie «s: lat«
Z«itaelir. f. Tgl. ipraohf. XVlll, 8. 13
194 Consen
pio bove (Verf. krit. bcitr. s. 391 f.). Die länge des vo-
kals i ist in der oskischen Schreibweise pii*b-iol durch ii
ausgedrQckt wie auch sonst (Verf. ausspr.I, 17. 2 ag.). So-
mit ist also erwiesen, dafs in altoskischen Sprachdenkmä-
lern h wie in umbrischen die länge des vokalischen lautes,
nach dem es folgt, und den hauch zwischen zwei getrennt
gesprochenen vokalen bezeichnen kann, dafs es diese or-
thographische bedeutung also auch in den geschriebenen
wortformen Ka/.ag und ^oIXoa o>f^ der grabschrift von
Anzi haben kann, deren bedeutung weiter unten nachge-
wiesen werden wird.
Nachdem die besonderheiten der schrift und Orthogra-
phie erklärt sind, welche der grabschrift von Anzi theil-
weise ein fremdartiges, von andern oskischen sprachdeok-
malern abweichendes aussehen geben, ist der weg zur deo-
tung der inschrift geebnet. Da mar s=s jfod nom. acc.
sing, neutr. des relativen und eaor = eisod nom. acc.
sing, neutr. des demonstrativen pronomens sind, da die bei-
den wortformen Xbixbit und kioxaxsir unzweifelhaft als
dritte pers. sing, von verbalformen kenntlich sind, wie schon
Mommsen gesehen hat (a. o. 273); da die form bratom
schon in anderen oskischen und sabellischen Sprachdenk-
mälern als nom. acc. sing, eines neutralen nomen der o-de-
klination nachgewiesen ist, mag dieselbe nun einem latei-
nischen parat um gleich stehen, wie ich bisher mit Bngge
angenommen habe (zeitschr. XV, 241. 247. 248. 250) oder,
wie Stokes neuerdings aufgestellt hat und sehr ansprechend
erscheint, mit Gall. ßgarov-Se (ex voto?) Ir. br&th ge-
müth, urtheil zusammengehören (Beitr. z. vergl. sprachf. V,
342 anm.); da die form Ka/^ag die gestalt des nom. sing,
eines oskischen personennamens hat, wieTanas einer alt-
samnitischen inschrift von Aspromonte (Momms. a. o. s. 174,
VIII. Fabr. 2879) und Magag der Mamertinerinscbrift von
Messina (a. o. s. 193, XXXIX. Fabr. 3063), so ist klar,
dais die inschrift von Anzi aus einem relativen vordersats
und demonstrativen nachsatz besteht, dessen gerippe mit
seinen grundbestandtheilen subjekt, prädikat und objekt
sich folgendermaßen darstellen lä&t:
•Itoakische Sprachdenkmäler in griech. schrift. 195
ntMtt — Ka/ag A<cx6ir — , k^oxaxaiv — 9(fot
quod — Kahas -it — , -it — hoc
ßQaXfOfA . . —
— am —
Die herleitung der aocusatiyform /9(>aT(u/i = bratom von
lat parat um verwirft Stokes aus dem gründe, weil in oak.
em«*bratur f&r lat im-perator das b aus p durch ein*
flols des vorhergehenden m erweicht sein soll. Das ist
aber eine unrichtige annähme, weil m in den altitalischen
sprachen einen solchen einflufs niemals ausübt, ja die laut-
Verbindung mp sogar gesucht wird, wie em-p-tu-s,sum-
p-tu-s, com*p-tu-B u.a. zeigen. Stokes hätte vielmehr
geltend machen sollen, dafs em-bratur nur das zur zeit
des bundesgenossenkrieges in das oskische übertragene la^
teinisohe wort im-perator ist, dafs in demselben das e
in der Wurzelsilbe des zweiten gliedes das compositum aus-
gefallen ist wie in osk. me-mn-i-m f&r *me-men-io-m
(Verf. zeitschr. XI, 358 f.)? mithin also em-bratur nicht
beweisen kann, dafs aus einem oskischen einfachen worte
*paratom das wurzelhafte a geschwunden ist. FQr Stokes
gleichaetzung des osk. ß^anafA = bratom mit gall. ßga-
Tov- spricht auiser der genauen Übereinstimmung der bei-
den wortformen noch die thatsache^ dafs die bedeutung
Votum für das wort ßXc diejenigen stellen oskischer und
sabellischer Sprachdenkmäler passend ist, wo brato- vor-
kommt; so tab. Baut. 67: deivatud — siom ioc co-
mono mais egmas touticas amnud pan pieisum
brateis auti cadeis amnud — pertumum s=s lat.
iurato-, se ea comitia magis rei publicae causa
quam alicuius voti aut petiti causa — perimere
(Verf. zeitschr. XV, 249 f); und in der sabellischen inschrift
von Navelli: T. Yeti duno didet Herclo Jovio;
brat[a] data. =s lat: T. Vettius douum dedidit
Hercnli; vota data [sunt] (a. o. XV, 241f. 254). Dafs
in der vorliegenden grabschrift von.Anzi bratom das
grabmal als ein „gelobtes ding^ bezeichnen kann, also den
sinn des lat particip. votum hat, wird sich im weiteren
laufe dieser Untersuchung herausstellen. Wie im nachsatz die
13*
196 Corssen
accusativform ßgartafi abhängt von dem verbum Xivxa-
xeiT, so sind unter den formen des Vordersatzes /oX-
Ao/ft)^, aoQo^iOfi, xaniSiTb)^ die objectsaecusative fbr
die verbalform Actxstr zu suchen, und zwar, da die erste
derselben in ihrer endung -oao^ von den beiden folgen-
den auf '(ofi abweicht, so hat man zunächst in diesen bei-
den die objectsaccusative zu vermuthen. Da nachgewiesen
ist, dafs das cn derselben in der sohrift des steines von
Anzi das oskiscbe kurze o bezeichnen kann, so können
sie, in die lateinische schrift der tafel von Bantia über-
tragen, sorovöm, capiditum lauten und unzweifelhaft
accusativformen des siflgularis von o-stämmen sein.
Sie sind verbunden durch die copula 6<i/, die schon
Mommsen als dasselbe wort erkannt hat, wie [Bivt]i^ in
der Mamertinerinschrift von Messina (a. o. 193. 195.264).
In der oskischen schrift der älteren Sprachdenkmäler hat
diese copula mit der bedeutung et die gestalt inf m (Cipp.
Abell. a. o. 264; Verf. zeitschr. XI, 330), in jüngeren pom-
pejanischen inschriften mit abfall des auslautenden m die
form ini, ini (Momms. a. o. 185, XXIX, a. b; zeitschr.
n, 55); die tafel von Bantia schreibt in im (z. 6), wo das
wort vollständig geschrieben ist. Dem oskischen binde-
wort in im entspricht in form und bedeutung umbr. enem
„und% und neben der Schreibweise [Bivs]ifi desselben er-
scheint eine umbrische form eine mit abfall des m, wie
osk. ini (AK. umbr. sprachd. I, 136). Das si, ei dieeer
formen ist entstanden durch vokalsteigerung des proDomi-
nalstammes i«, wie in osk. ei-se-is, ei-se-i, ei-so-d,
e-sei, e-si-dum, e-ki-k, e-ka-k, skr. e-na*m, goth.
ai-n-s, griech. oi-vo'-g, lat. oi-no, umbr. e-no-m u.a.
(Verf. ausspr. I, 386f. 2 ag.). Da der buchstabe h im os-
kischen nur den kurzen mittellaut zwischen i nnd e be-
zeichnet, so folgt daraus, dafs in osk. i-ni-m wie in lat,
e-ni-m der gesteigerte laut der ersten silbe sich wieder
gekürzt hat (a. o. I, 387 f.). Der zweite wurzelhafte be-
standtheil von i-ni-m u. a. ist der pronominalstamm na-,
der auch in na-m, nu-m, ne-m-pe u.a. auf italischem
Sprachboden erscheint (Verf. krit beitrage s. 288 f. 290)-
altoskiBche spnehdenkmSler in griech. Schrift. 197
bt die Schreibweise [ctyejiju der MamertiDeriDSchrift, die
uDsicber überliefert ist, die ächte, dann ist das schriftzei-
cben Bi der zweiten silbe zur bezeicbnung des mittellautes
zwischen e und i statt des oskischen h verwandt, was
begreiflich ist, da der Schreiber derselben i] und a>, wie
oben nachgewiesen ist, auch zur bezeichnung der kurzen
oskischen vokale e und ö verwandt hat, also die quantität
der oskischen vokale in seiner griechischen schrift nicht
genau bezeichnete. Man würde diese auffassung auch fiir
das 6$ der ersten silbe von [civejt/i zulassen müssen,
wenn nicht die zweimalige Schreibweise der entsprechenden
nmbriscben form eine die länge des durch ei, ei bezeichne-
ten lautes hier verbürgten. Da fbr in im auf der tafel von
Bantia neunmal die abgekürzt geschriebene form in er-
scheint (Kirchhoff stadtrecht v. Bantia s. 5 f.), so ergiebt
sich, dafs auch die Schreibweise biv der grabschrifl von
Anzi abgekürzt ist för siv{if4) oder Biv{Bfi). Da auch
der Schreiber dieser inschrift in seiner griechischen schrifl
die quantität der oskischen vokale zum theil unrichtig be-
zeichnete, so braucht man in der form s-ao-t derselben
neben e-sei, e-si-du-m, el-so-d, ei-se-is, ei-se-i
(Verf. zeitschr. XI, 330) nicht nothwendig Verkürzung des
vokals der ersten silbe anzunehmen (Verf. ausspr. I, 387.
2 ag.). Da die inschrift von Anzi zu den ältesten oski-
schen Sprachdenkmälern gehört, die wir kennen, so ist diese
annähme sogar nicht glaublich.
Die beiden accusativformen sorovom und capidi-
tom, welche durch die copula ein [im] verbunden und
von dem verbum des Vordersatzes abhängig sind, bezeich-
nen nun, nach zahlreichen lateinischen grabschriften zu
schliefsen, entweder das grabmal selbst oder dinge, die
m demselben gehören, in die grabkammer oder das grab-
hftaschen hineingestellt werden, oder beide zusammen, je-
denfitlls gegenstände, die deijenige, welcher das denkmal
setzt, beschafit und weiht, die im nachsatze der vorliegenden
grabscbrift mit der benennung esot bratom zusammenge-
fafotsind. Die oskische bezeichnung für ein „denkmal^ eines
verstorbenen ist me-mn-i-m entstanden aus *me-men-
198 Consen
-io-m, am nftchRten verwandt mit lat. me-min-i, me-
-men*to, also in der bedentung dem lateinischen mon-n»
-mentu-m and dem spätlateinischen me-mor-ia «grab-
denkmal^ entsprechend. Das wort für graburne, abchen-
topf ist oskisch ola ^ lat« olla. Daher heifst es in der
fluchformel der bleiplatte von Capua: Nep deikum nep
fatium potlad, nep memnim nep olam sifei heriiad s=
lat.: Nee dicere nee fari possit nee monumentum neo
ollam sibi capiat (Verf. zeitschr. XI, 338. 344f. 356f. 358f.
360 f.)* Die lateinische spräche ist sehr reich an bezeich-
nungen fQr „grabdenkmal^. Neben den gebränchlichsten
tumultts, monumentam, sepulcrum, memoria wird
dasselbe genannt aedificium (Or. 4519. 7321), munimen-
tam (Or. 4561), später verwechselt mit monnmentum,
Schach, vok. d. vnlgl. 11, 137), heroum muneitnm (Or.
4531) als „festes bauwerk«, tectum (Or. 7369) als „über-
dachter bau", arca (0. J. Lat. 1109), wenn es die form einer
kiste oder trnhe, a e di c u 1 a(Or. 4512. 4523), wenn es die form
eines kleinen tempels mit spitzgiebel hatte, cnbicnlnm (Or.
H. 7361) als „rnhestätte^ des verstorbenen, sedes (Or.4534)
als „Wohnsitz^, domns aeterna (C: J. Lat. I, 1008.
1059) als „bleibende behausnng^ desselben. Daneben er-
scheinen die griechischen bezeichnungen in das lateinische
übertragen wie heroum (Or. 4531) eigentlich „heldengrab^
mausoleum spätlateinisch häufig, eigentlich „grab des
Mausolos^, königs von Karien, coemeterium „schlafstätte'*
des todten, dieta membrorum (Or. 4509) „todtenkam-
mer, beinhaus^ basilica (Or. 7373), wenn das grabmal
die form der basilika hatte, eepotaphium (Or. 4514.
4515), wenn es von einem garten umgeben war. Hierzu
kommen eine ganze anzahl von benennungen, die eigentlich
adjectiva waren, zu denen ursprünglich monumentum
oder sepulcrum zu ergänzen war, hergenommen von dem
zweck des grabmals, von den gegenständen, mit denen es
ähnlichkeit hatte, die zu ihm gehörten oder die es enthielt.
So ward das grabmal bezeichnet durch conditorium
(Or. 2473) und conditivnm (Or. 4511), als „herberge**
destodten, durch adcnmbitorium (Or, 4511), als „ruhe-
altoskifche Sprachdenkmäler in gpriech. schrift. 199
Stätte^, ebenso durch reqaietoriam(Or.4532; Grat. 954,1.
1030, 8), als armarium (Or.4549), wenn es einem schranke
glich, and colambarium wurde ganz gewöhnlich ein grab-
geoiach genannt, das viele grabkammern oder nischen reihen*
weise über einander enthielt und somit ähnlichkeit mit dem
inneren eines taubenhauses hatte, wie noch heutigen tages
zu ersehen ist, dann auch gelegentlich eine einzelne jener
grabkammern (Or. 4544). Ein grabmal heifst vigiliarium
( Or. 4557 ), insofern es eine statte ist, die bewacht wird,
yiridiarium (a. o.), insofern es im ^grQnen^ lag wie ce-
potaphium ein „gartendenkmal^ ossuarium (Or. 4544.
4556. 7368) „beinhaus«, cinerarium (Or. 4544. 4358)
„ aschenbeh&Iter % ollarium, insofern es nicht blofs den
aschentopf enthielt, sondern daneben auch andere krflge, Ur-
nen oder vasen (Or.4513: ollae sunt numero XXIII. Or.
4541: ollarum numero XXII. Or. 4544: columbaria
VIII, ollae XVI; a. o.: columbaria im, ollas VIII;
a. o.: columbaria numero X, ollarum numero
XXXX; a. o.: ollas ossuariasVII; a. o.: ollas XIIX;
a. o.: columbaria numero IV, ollas numero VIII et
cinerarium), die theils für todtenfeste und den dienst der
todtengottheiten verwandt wurden, theils zum schmuck und
zierrath des grabmales dienten.
L&fst sich nun nachweisen, dafsdie oskischen formen
soroYom und kapiditom in ähnlicher weise ein grabmal
bezeichnen wie das eine oder das andere der besprochenen
lateinischen Wörter, dann wird die deutung der vorliegenden
inscbrifk wesentlich gefördert sein. Zu-soro-vo-m hat
man zunächst das altgriechische wort aogo-^g zu verglei-
chen, das schon bei Homer vorkommt, wo die seele des
gefallenen Patroklos zum Achilleus spricht, H. XXIII, 91:
wg dixal oaiia vmv OfAt] aoQog afitfixalwitoi xQV<f^og
ifA^KpoQBvg. Die scholien bringen zur erklärung von
aofo-g an dieser stelle Xagvai bei, das sich an einer an-
deren stelle bei Homer findet, wo es von den geb einen
der verbrannten leiche des Hektor heifst, II. XXIV, 795 :
xai Tciys j^pi/a^/r/i' kg Xdqvaxa &ijxav iXovTBg. Es er-
hellt also, daia aogo-g an der ersten stelle einen metallenen
900 Oonsen
doppelbenkeligen krag bedeutet, in welchem die koochen
und die ascbe des verbrannten leicbnams beigesetzt und
bestattet wurden, also genau dasselbe wie lateinisch olla
ossuaria (Or. 4544). Das griechische wort tsog^o^q
stammt von wz. aar- „fest, stark, unversehrt sein^, von
der lat. sar-te heil, vollständig, sar-c-ire heilen, herstel-
len, skr. sar-va-8 vollständig, ganz, lat sol-l-istimu-m
das heilste, vollständigste, sol-i-du-s fest, stark, osk. lat.
sol-lu-8 ganz, heil u. a. abstammen (Verf. ausspr. I, 485¥.,
2ag.). 2oQ-6^Q bedeutet den aschenkrug als „festes^ ding,
weil er die todtengebeine „unversehrt^ erhalten soll, wie eol-
-in-m von derselben wurzel „die todtenkiste, den sarg^
und arca, verwandt mit arx, arc-ere u. a. (Curt gr. et.
n. 7, 2. a.) „die aschenkiste^ oder „todtenlade^ als „wah-
rende, bewahrende^. So wird ja auch das ganze grabmal
munimentum, heronm muneitum, arca genannt, weil
es ein festes gebäude sein soll, in welchem die gebeine des
todten unversehrt und sicher ruhen. Dafs das oskische
wort soro-vo-m mit dem griech. cro^o-^ von derselben
Wurzel stammen kann, ist einleuchtend. Man könnte den
stamm sor-o-vo- unmittelbar zusammenstellen mit akr.
sar*va- lat. sal-vo-, so dafs es wie diese unmittelbar
von wz. sar- mittelst des suf&zes -vo gebildet, und das o
der zweiten silbe durch den gewöhnlichen osk. vokaleinschub,
durch das o der vorhergehenden oder der folgenden silbe
hervorgerufen wäre. Aber der dem skr. sar- va-, lat. sal*
-vo- entsprechende wortstamm lautete im oskischen mit
vokaleinschub sal-a-vo-, wie er in der namensform Sal-
-a-v-s =:= lat. Sal-v-iu-s erscheint (BuU. Nap. n. 5. IV,
105. Verf. zeitschr. XI, 325, wo in der inschrift a, s. 3
der name Salavs beim drucke ausgelassen ist, Fabr. a. o.
2761). Auch ein sachlicher grund spricht dafldr das osk.
soro-vo- von dem griech. wort aoQo- abzuleiten. Aus dem
griech. in das osk. übertragene Wörter und namen sind ver-
hältnifsmälsig häufig: so thesavrom, ^niXlowri^y
Meelikiieis (MBiXix^ov)^ Meliissai (fieAiacra), He*
re.kleis (Momms. U. D. Gloss. Grafsm. zeitschr. XVI, 103).
Dafe in Italien das beisetzen der todten mit ganzem on*
altoflkiflche spnchdenkniiler in griech. schrift 301
y«rbraiiBteD leibe die ureprfiDgliche udcI einheimieche sitte
war, beweisen die gr&ber von Caere, Pyrgoi, Alsium und
Cbiusi in Etrurien, wie die Nurbagen und die riesengräber
Ton Sardinien and die einfachen unterirdischen steinkammem
von Samnium, Campanien und Apulien (Abeken, Mittelita-
lien, 8. 234 f. 251 f. 258). Auch die älteren grabm&ler von
Praeneste bieten nur Sarkophage zur aufbewabrung des
leichnams (C. J. Lat. I, 28), und bei den Altesten Römern
war das Terbrennen der todten nicht sitte. Beide arten
der bestattung bestanden dann neben einander. In den
gr&bern Etruriens finden sich sArge neben der viel gröAe-
reo zahl von aschenbebältern (Fabr. a. o. p. XXIV f.), im
grabmal der Furier zu Tusculum Sarkophage neben aschea-
krfiger (C. J. Lat I, 27). Dafs die Scipionen ihre todten
bis zur kaiserzeit nicht verbrannten, haben ihre grabmäler
bestätigt (a. o. p. 11 ), während die römischen grAber der
Vigna S. Cesario etwa seit dem Zeitalter der Gracchen
zahlreiche aschentöpfe aufweisen (a. o. p. 200). Die sitte,
den leichnam unversehrl^ zu bestatten, ist auch niemals in
Italien ganz abgekommen, bis sie durch die Christen wieder
allgemein gebrAuchlich wurde. Dais Griechen mit ihren
pflanzstAdten auch ihre sitte des todtenverbrennens nach
Italien verpflanzten, daf&r zeugen die zahlreichen in den
grAbem Etruriens gefundenen bemalten thongeftfse mit
griechischen mythologischen darstellungeninalterthümiichem
konststil. Da nun auch in dem grabstein von Anzi uns
die giebelfront eines grabmak mit griechischer schrift und
griechischer kunstdarstellung vorliegt, so ist man zu der
fidgernng berechtigt, dafs das oskische wort soro-vo- auf
demselben weiter gebildet ist von dem mit der griechi-
schen spräche und schrift nach Lucanien übertragenen
griechischen wort cogo- mit dem neutralen suffix «vo wie
im lateinischen Mener-va mit dem femininen sufiSz -va,
von dem alten nomen men-er-, das dem skr. man-as
„geist, sinn, verstand^ entspricht (Curt. gr. et. n.429, 2ag.).
Bbenso ist gebildet acer-vu-s von einem nominalstamme
ac-er- „schArfe, spitze^, verwandt mit ac-ie-s. Wie
Miner-va die „mit geist begabte^ göttin, acer*vu-s den
902 Con86n
haafen ak „mit spitze versehenes^ diog» so bezeichnet os*
kisch soro-vo-m das grabmal als „mit aschenkrug ver-
sehenes^ ding, und zu diesem ursprflDglichen adjectivum
ist das neutrale oskiscbe substantivum memnim „denkmal**
zu ergänzen wie zu oll-ariu-ra „mit asohenkrug versehe-
nes^ ding das lat. monumentum, bis osk. soro-vo-m
wie lat. oli-ariu-m die substantivische und verallgemeinerte
bedeutung ^grabkammer, grabdenkmal^ erhielten. Da in-
defs griech. aoQo-s ausschliefslich den aschenkrug bedeutet,
der die gebeine des verstorbenen enthält, olla jedes gef&fs
in einem grabe, so läfst sich die bedeutung von sorovom
am passendsten wiedergeben durch die Übersetzung cinera-
rium oder ossuarium, da ollä cinerariä (ossuarift)
praeditum monumentum zu weitschichtig ist.
Das oskische wort kapid-i-to-m ist eine Weiterbil-
dung vom stamme kapid-, der erhalten ist in lat. ca-
pi(d)-8 „ henkelkrug ** , Varr. L. L. V, 121. M: Quae in
ilia (sc. mensa vinaria) capis et minores capulae a ca-
piendo, quod ansatae, ut prehendi possent, id est capi.
(Verf. krit. nachtr. s. 295). Dasselbe wort ist umbrisch
kapir-e = lat. capid-e, und kapir-us = capid-ibus.
Die Verbindungen: capif sacra aitu = lat. oapid-es
saoras agito, capif purdita dupla aitu = lat, ca-
pides porrectas duplas agito beweisen, dafs umbr.
oapir- einen beim opfer gebrauchten, dargereichten krag
bedeutete, mit dem man eine opferhandluDg vornahm, also
einen henkelkrug, in welchem unter andern der opferwein
enthalten war, wie lat. capid- (AK. umbr. sprachd. II, 207 f.
Verf. d. Volscor. ling. p. 20 f.)* D^ oskische wort ka-
pid*l-to-m ist von dem italischen stamme kapid- ebenso
weiter gebildet wie die lateinischen adjective vestl-tu-s,
aurl-tu-s, crinl-tu-s, ignl-tu-s, pellx-tu-s, ratl«>
tu-s, turrl-tu-s, art-ltu-s, av-l-tu-s, mell-l-tu-s,
Cerr-l-tu-s, patr-l-tus u. a. von den stammen vesti-,
auri-, crini-, igni-, pelli-, rati-, turri-, arta-,
avo-, mell-, Cerr- (für Cerer-), pater- (Pott|[et. forsch.
11,1010. Verf. krit. beitr. s.518. Au8spr.I,304f.2ag), indem
von diesen nominalstämmen zuerst denominative verba der
altoskiBclie Sprachdenkmäler in griech. echrift. 203
i-oonjugation gebildet wurden und von diesen weiter verbal-
adjective mit dem suffix -to. Osk. kapid-l-to-m bedeu-
tet also ein ,,mit henkelkrflgen versehenes" ding wie lat.
crinl-tu-m „mit haaren versehen", turrl-tu-m „mit
thürmen versehen". Indem zu kapid-l-to-m ursprünglich
das neutrale memnim ergänzt wurde, bedeutete es ein
mit henkelkrQgen versehenes grabgemach wie oU-ariu-m,
zu dem monumentum oder sepulcrum ergänzt wurde,
eine mit krfigen ausgestattete grabkammer, bis das oskische
wie das lateinische wort die substantivische und allgemeine
bedeutung „grabgemach, grabkammer" erhielt. Wie in
etrurischen gräbern sich vielfach bemalte griechische henkel-
gefäfse, amphoren von thon, mit darstellungen der griechi-
schen mythologie gefunden haben (Abeken Mittelitalien,
8. 256 f.), so ist es begreiflich, dafs das lukanische grab*
tempelchen von Anzi mit seiner griechischen schrift und
dem reliefbUde des verstorbenen an der vorderen giebel-
seite ebenfalls eine oder mehrere henkelgef&fse, amphoren
barg und daher kapiditom genannt wurde.
Somit haben sich zwei altoskische benennungen filr
„grabgemach, grabkammer" herausgestellt, sorovom ei-
gentlich „aschentopfstätte" und kapiditom eigentlich
„henkelkrugstätte", jene der lateinischen cinerarium oder
ossuarium, diese der lateinischen ollarium entsprechend.
Wie in der oskischen grabschrift zwei synonyme Wörter
filr grabgemach nebeneinander vorkommen, so häufen sich
in lateinischen grabschriften nicht selten die ausdrücke fbr
grabdenkmal, grabkammer, grabgefHis; so heifst es Or.
4358: ollarum et cinerariorum, Or. 4512: haedicu-
las et oUas, Or. 4512: aedibus et columbariis, Or.
4507: aedificia — monumenti, sive sepulchrum est,
et ollarum quae in bis aedificiis insunt, Or. 4509: hör-
tulum maceria cintum cum monimentis et dieta mem-
brorum quinque et atriolo.
Um die wortform ^oAAo/ o>^, vollohom zu deuten,
hat man zunächst zu untersuchen, welche bedeutung das
schriftzeichen h, h in derselben hat, ob es zur bezeich-
Qung der vokallänge eines 0 dient, oder zur bezeichnung
304 Coreson
des hauchlautes zwischen zwei getrennt gesprochenen vo-
kalen o, die verschiedenen bestandtheiien der Wortbildung
angehören. Wenn das erstere der fall wäre, so würde der
Steinmetz dasselbe vokalzeichen, das er vor dem f. geschrie-
ben hatte, auch nach demselben gesetzt haben, also o, da
ja bei der im oskischen gewohnlichen bezeichnung der vo*
kaliänge ein und dasselbe vokalzeichen doppelt geschrieben
wird. Aus dem umstände, dafs vor dem / ein o, hinge-
gen nach demselben ein cn geschrieben ist, mufs man also
folgern, daüs diese beiden verschiedenen schriilzeichen zwei
getrennt gesprochene vokale o bezeichneten, mithin / das
zeichen des hauches beim lautansatz des zweiten ist. Dafs
das ft> xn joXXoß-ia\i ebenso wie in aogo^taii und xa-
nidiTtafi nach der Orthographie der vorliegenden inschrift
einen kurzen o-laut bezeichnen kann, erhellt aus dem oben
gesagten. Es fragt sich nun weiter, welchen verschiedenen
wortbestandtheilen die beiden getrennt gesprochenen vokale
o in vollohom angehören können. Man könnte vermu-
then, an der stelle des h sei ein consonant zwischen den
beiden vokalen ausgefallen. Das könnte nach sonstigen
analogien auf italischem sprachboden nur einer der beiden
halb vokale v oder j sein. Aber auch f&r den ausfall die-
ser laute findet sich im bereich der älteren Sprachdenk-
mäler des oskischen dialektes keine spur, und da die grab-
acbrift von Anzi beide gewahrt hat in den Wertformen so-
rovom und Meiaiana[i], so darf man nicht voraussetzen,
dafs in vollohom ein v oder j zwischen vokalen ge-
schwunden sei. Ist das richtig, dann erhellt also, dafs in
vollo-h-om sich das auslautende o eines wortstammes
voUo- und das anlautende o eines sufBxes -om berühren.
Dafs an einen auf o auslautenden nominalstamm ein wort-
bildendes sufHx -o getreten wäre und sich getrennt neben
demselben erhalten hätte, ist im ganzen bereiche der ver-
wandten altitalischen sprachen durchaus ohne beispiel. Man
mufs also schliefsen, dals vollo- ein verbalstamm ist und
-om die endung eines verbalnomens, und zwar dasselbe
sufBx, das im oskischen, umbrischen und volskischen zur
bildung des infinitivs verwandt wird. Im oskischen ist mis
altoskische sprAchdenkmiÜer in griecli. schrift 905
dieses iDiinitivsufBx bisher nur aus jüngeren sprachdenk-
mftlern bekannt und lautet dort stets -um; so in dem in-
finitiy des bilfsverbum ez-um ==» lat. esse, yon yerben,
welche im lateinischen der dritten conjugation angehören,
deren stamme also ursprünglich auf kurzes ä auslauteten,
das sich auf italischem sprachboden zu ö, ü oder zu e, i
geschwächt hat: ac-um ^ lat. agß-re, deik-um, deic-
-um = lat. dice-re, a-ser-um = lat. as-sere-re,
pert-um-um ^ per-ime-re, von auf & auslautenden
verbalstämmen : censä-um = lat. censß-lre und moltfi
-um =s lat. multäre; von einem auf 1 auslautenden ver-
balstamnie fati-um = lat. fatö-ri, aber mit der bedeu-
tung fari (Momms. U. D. Gloss. Kircbh. stadtr. v. Baut.
s. 34. 5'3. 65f. 79f. Verf. zeitschr. V, 107. XI, 338. 344).
Im umbrischen lautet diese infiuitivendung in den älteren
mit umbrischer (schrift geschriebenen Sprachdenkmälern
-um, in den jüngeren lateinisch^fgeschriebenen -om; so in
er-u, er-om ^ lat. esse, a-fer-um ^ lat. *ambi-
fer-re, fa^i-u, fap-u = lat. facere, a-seri-o = lat.
ob-serva-re, ai-u = lat. al-re (Fleckeis. z. krit. altlat.
dichterfr. s. 6. 8; Verf.| ausspr. I, 90, 2 ag.), stiplo- für
*stipla-u = lat. stipula-ri (AK. umbr. sprachd. 1, 148).
Im Yolskischen lautetr^dieselbe infiuitivendung auf -om aus
in fer-om = lat. fer-re (Verf.fd. Volscor. ling. p. 9).
Der infinitiv wurdet also in^'diesen sprachen gebildet, in-
dem ein neutrales suffix -o an verbalstämme jeder art trat,
darunter auch an solche, die auf ä, i und 1 auslauteten,
also den lateinischen auf ä, l und & der ersten, vierten
und zweiten conjugation] entsprachen. '^«Dafs es aufser die-
sen denominativen verben im lateinischen auch solche ge-
geben hat, deren stamm' auf o auslautete wie die griechi-
schen auf -O'Wy habe ich schon früher aus den participien
aegrö-tu-s und Nodö-tu-s von ehemaligen verbalfor-
men *aegrö-re, nodö-re geschlossen (krit. beitr. s. 518.
1863) und Curtius hat darauf noch mehr spuren dieser
o-conjugation im lateinischen aufgesucht, unter denen na-
mentlich cust-ö-(d)-8 von einem alten verbum *cu-
8t5-re nicht zu bezweifeln ist (über die spuren einer la-
206 Consen
teinisehen o-conjogatioD. Symbol. Philol. Bonn. I, p. 274 f.;
vgl. Verf. ausspr. I, 304. 355. 2 ag), während andere abwei-
chende erklftrnngen zulassen (Verf. krit. nachtr. s. 146).
Man ist hiemach berechtigt yoI16-h-om Ar eine 08-
kische infinitivform der o-conjngation zu erklären, die
griechischen wie (fTavqO'eiv darin entspricht, dafs sie
vor vocalischem anlaut des infinitivsufSxes kurzes o auf-
weist. Diese infinitivform vollo-h-om entspricht dem
lateinischen yal]a-re in allen wesentlichen bestandtheilen
des wortstammes ebenso wie das griechische yerbum atav-
QO-iiv dem lateinischen -staura-re in in-staura-re,
re-staura-re (Verf. ausspr. I, 357. 2 ag.), Val-1-a-re
stammt mit val-Iu-m „befestigung, umfriedigung^, val-
-vo-lu-s „hülle", vol-va „hülse", skr. var-anda-s „be-
deckter gang, halle", goth. var-j-an „schützen, wahren,
wehren", ahd. war-i „schutzwehr, brustwehr, landwehr"
u. a. von WZ. var- „decken, bergen, schützen" (Verf. a. o.
459 f. 465 f.). Osk. vol-1-o-h-om stammt also von der-
selben Wurzel und bedeutet „festigen, befestigen" wie lai
vall-a-re. Für das bauen eines festen steinernen grab-
denkmals brauchen lateinische grabschrifben aufser facere
(Or. 4500. 4507. 4510. 4512. 4514. 4536. 4541. 4542), per-
ficere (Or. 4531), comparare (Or. 4549. 4507. 4572),
aedificare (Or, 7372), exstruere (Or. 4519), instru-
ere (Or. 7321), auch munire (Or. 4531) und contegere
(Or. 7373). Also ist im oskischen f&r den bau eines fe-
sten grabmals, in welchem die gebeine des verstorbenen
sicher und ungestört ruhen sollen, der ausdruck: vo Ho-
hem sorovom ein[im] capiditom, etymologisch er-
klärt: vallare <foQ^ et capide praeditum (sepul-
crum), eine ebenso natürliche Sprechweise wie im latei'*
nischen: munire cinerarium et ollarium. In der wei-
ter unten gegebenen lateinischen Übersetzung der ganzen
grabschrift von Anzi ist vollohom nur deshalb nicht mit
vallare übersetzt, weil dieses wort in dem Sprachgebrauch
lateinischer grabschriften f&r das bauen eines grabmals nicht
verwandt wird und Überdies den schein bieten würde, als
solle vollohom so viel bedeuten wie maceria cingere
altoskische sprachdenkmKler in griech. achrift. 207
(sepulcrum), ein grabmal mit einer mauer einscbliersen.
Diesen sinn kann aber vollohom nicht gehabt haben,
weil im Vordersätze der grabschrift ein verbum durch den
Zusammenhang geboten ist, das die allgemeinere bedeutung
^fest bauen^ hat, wie sieh im verlaufe dieser Untersuchung
immer klarer herausstellen wird.
Der infinitiv vollohom hängt ab von A«ex€ir, lei-
keit, dem verbum finitum des relativen Vordersatzes der
mit mar =: pot beginnt. Wie lateinische grabschriften ver-
balformen in der dritten pers. sing. ind. perf. act. enthalten,
die das ,, darbieten, bauen, herstellen oder weihen^ des
grabdenkmals bedeuten, so hat man auch in leikeit eine
dritte pers. sing. ind. perf. act. zu suchen mit einer dieser
bedeutungen. Schon Mommsen hat in diesem oskischen
leikeit eine dem lateinischen licet verwandte verbalform
vermuthet. Ich glaube erwiesen zu haben, dafs lat. por-
-ric-ere „darreichen^, pol-lic-e-ri „flör sich darreichen,
versprechen**, de-licare „weihen, widmen**, lic-e-ri,
lic-i-t-ari „ftir sich bieten**, lic- et „ist dargeboten, ver-
gönnt**, osk. lik-i-tud =: lat. lic-e-to, ahd. reihh-an
„sich erstrecken, herbeireichen, darreichen, darbieten**, nhd.
reichten, goth. leih-v-an, ahd. llh-an, von einer Wur-
zel rik- „sich erstrecken, ausdehnen, hinreichen, darrei-
chen, darbieten** abstammen (Verf. ansspr. I,50lf. 2ag.). Zu
dieser habe ich auch bereits die altoskische perfectform
leik!-ei-t gestellt. In derselben ist der wurzelvokaH zu ei
gesteigert, wie in lat. in-veid-i-t und zahlreichen an-
dern italischen perfectformen Steigerung des wurzelvokals
eintritt (a. o. I, 550 f. 557 f.). In der gestaltung des bil-
dungsvokals des italischen perfects entspricht osk. leik-
ei-t der umbrischen perfectform tr€b-ei-t, der bedeutung
nach lat. struxit (a. o. I, 559 f.) und den lateinischen per-
fectformen de-dei-t, fuu-ei-t, po-sed-ei-t, red-i-
-ei-t, ob-i-ei-t, ven-i-ei-t (a. o. 1,560. 608 f. 724 f.).
In diesen und anderen italischen perfectformen bezeichnet
das schriftzeichen ei, ei den langen mittellaut zwischen
dem ursprünglichen bildungsvokal I dieses perfects und 6,
der in manchen oskischen und lateinischen formen der drit-
208 Corisen
ten pers. sing, auch zu S geworden ist (a. o. I, 609 — 620.
816f.)* Dft Also por-ric*ere „darbieten^ bedeutet, lic-
-e-ri ^för sich darbieten % pol-lic-e-ri ^för sich dar^
bieten, versprechen", de-Iic-a-re „weihen, widmen**, so
ist klar, dafs die oskische perfectform leik-ei-t die be-
deutung „hat dargeboten, versprochen, gelobt oder geweiht^
haben konnte ( a, o. I, 559 ), und daft die oskischen worte
leikeit ,— vollohom sorovom ein[im] capiditom
zu übersetzen sind: pollicitus est — exstrnere cine-
rarinm et ollarium. Das darbieten oder hergeben eines
grabdenkmals oder begräbnifsplatzes wird in lateinischen
grabscbriften ausgedrückt durch die verba d are (Or. 4538.
4539.4540), don are (Or. 4500), adsignare (Or. 4539),
mancipio dare (Or. 4541), concedere (Or. 4553. 7323),
iegare (Or. 7330). Es ist also natürlich, dafs die oski-
sche grabschrift von Änzi ein verbum mit ähnlicher be-
deutung enthält, und somit ist die deutung von leikeit
= lat. pol-licitns est in jeder beziehung gerechtfertigt
Diesem verbum des relativen Vordersatzes entspricht
im naohsatz A<oxcrxetr = liokakeit als verbum finitum,
von dem die objectsaccusative esot bratom abhängen, das
also wie jenes die dritte pers. sg. ind. perf. act. sein mnis.
Da ein diphthong io auf italischem sprachboden durch vo-
kalsteigerung nicht möglich, da auch nicht ersichtlich ist, wie
die beiden laute i und oin liokakeit bestandtheile zweier
verschiedener Wörter sein sollten, die durch Wortzusammen-
setzung in berührung gekommen wären, so mufs man
schliefsen, dafs liokakeit aus *lokakeit entstand durch
hinzutreten eines lautes zu dem anlautenden I, der in grie-
chischer Schrift durch I bezeichnet ist und weder etymo-
logisch bedeutsam ist, noch der Steigerung des vokals o
dient. Ein solcher durch I bezeichneter lautzuwachs von
consonanten zeigt sich in Sprachdenkmälern mit oskischer
Schrift in tiurri = lat. turrim (Momms. U. D. s. 302),
eitiuvam, eitiuvad neben eituas, eituam der tafd
von Bantia, sabell. eituam (Verf. zeitschr. IX, 153), Ninm«
sieis, Niumeriis neben lat. Numerius (Momms. a. o.
6.282), Diumpais, das neben latLumpheis steht wie
OBkiflciie BprachdrakmlUer in griech. aehrift. 209
osk. Akudunniad neben lat. Aqoilonia (a. o. 256. 246)9
w&brend in Viibis, liimito, piiho, Kiipiis, Viinikiis,
Meliissaii, Piistiai das ii wahrscheinlich nur die be-
zeichnung eines langen nach e hinneigenden lautes I ist
(Verf. ausspr. I, 17, 2. a.). Im volskischen erscheint ein
durch I bezeichneter lautanwuchs des vorhergehenden con-
sonanten in der perfectform sistiatiens fSr ^sistatens
=85 lat. statuerunt (Verf. d. Volscor. ling. p. 5 f.). Die
entstehuug des iu, ia, ie in diesen altitalischen wortformen
ist bereits verglichen worden mit der entstehung des ie in
betonter silbe aus e in den romanischen sprachen, z. b. in
den neapolitanischen wortformen lamiento, mieza,
pienza, pulveriella, tiene (Momms. a. 0. 313. Schuoh.
vok. d. vnlglat. II, 328 f.). Auf dieselbe weise ist io an
der stelle von o zu erklären in liokakeit. Also den con-
sonanten t, d, n, 1, bei deren ausspräche der verschlufs in
der mundhöble zwischen der Zungenspitze und den vorder-
z&hnen oder dem Zahnfleisch unmittelbar Ober denselben
gebildet wurde, gesellte sich ein halbvokalischer palataler
dem i ähnlicher nachklang bei, der entstand, indem sich
nach lösung jenes verschlusses der mittlere theil der zunge
gegen den mittelgaumen hob. So entstand auch in den
romanischen sprachen und im albanesischen Ij aus einfachem
1 (Schuch. a. o. 11,490). Dieser halbvokalische palatale
nachklang, der durch dem buchstaben i bezeichnet wird,
ist ein ähnlicher lautzuwachs der dentalen laute in den
angeftihrten oskischen und volskischen wortformen, wie der
dnrch das schriflzeichen V ausgedrückte halbvokalische,
dem vokal u ähnliche labiale nachklang der gutturalen te-
nuis im lateinischen laute qu (Verf. ausspr. I, 73. 75 f. 2 ag.)
und der gleiche lautzuwachs des g in wortformen wie stin-
guere, unguere, linguere, tinguere, nrguere u.a.
(a. o. 86 f.).
För die etymologie der perfectform liokakeit fflr
*lokakeit in der oskischen wortform weist der gebrauch
der Wörter locus, collocare in lateinischen grabschriften
den weg. Der begräbnifsplatz heifst ganz gewöhnlich ein-
fach locus (Or. 4498. 4503. 4517. 4539. 4562 u.a.) und
Zeitechr. f. vgl. gprachf. XVITI. 8. 14
210 Consen, oskisdM spnchdenkniftler in griedi. tehrift.
mit genauer bestimmenden zas&tzen locom terrae (Or.
4500), locus agrei (Or. 4562), locus sepulturae (Or.
4502.4504), locum immortaiem (Or. 7364), locus diis
manibus consecratus (Or. 7345). Das zuweisen und
herrichten des begräbnifsplatzes und des grabmales wird
ausgedrückt durch die redeweiseu coucessit locum (Or*
4553), loca dua concessa (Or. 7323), locum adsig-
nari (Or. 4539), comparavit locum (Or. 4566); voaa
beisetzen des leichnames am begräbuifsplatze wird gesagt
corpore conlocato (Or. 4552). Oben ist gezeigt wor-
den, dafs leikeit = lat. pol-licitus est vom „darreichen,
hergeben^ des grabmales für den verstorbenen gesagt ist;
also mufs man sohliefsen, dafs liokakeit für *lokakeit
mit dem sinne von locavit, collocavit von dem „setzen^
desselben auf dem begräbnifsplatze zu verstehen ist. Von
aoristformen oder perfectformen auf -xa wie griech. if-i9i;-
-xa, rä-, &ei*xa ist im bereiche der lat. spräche und der
ihr zunächst verwandten ital. sprachen keine spur zu finden;
also kann man auch nicht in osk. liokakeit eine solche
▼ermuthen. Liok-ak-ei-t flkr ^lok-ak-ei-t ist vielmehr
ein compositum, bestehend aus dem stamme osk. loko-,
lat. loco- und der 3. pers. sing. ind. perf. -ak-ei-t vom
verbum ak-um, das auf der tafel von Bantia ac-um lau-
tet und ag-ere bedeutet (Kirchh. stadtr. v. Bant. s. 15),
indem das auslautende o des Stammes loko- vor dem an-
lautenden vokale des zweiten compositionswortes schwinden
mufste. Wörtlich Obersetzt bedeutet also liok-ak-ei-t :
locu-m eg-i-t. Diese erklärung wird dadurch noch ein-
leuchtender, dafs die lateinische spräche zahlreiche compo-
sita aufweist, deren zweiter compositionsbestandtheil ein
von der vnirzel ag- in ag-ere abgeleitetes wort ist. Solche
sindaure-ax, rem-ex, aur-ig-a, prod-ig-u-s, rem-
-ig-iu-m, nav-ig-iu-m, lev-ig-are, mit-ig-are,
gnar-ig-are, pur-ig-are, amb-äg-e-s, farr-äg-o,
im-äg-o, or-lg-o, rob-ig-o, aer-üg-o, lan-üg-o n. a.
(Verf. krit. uachtr. s. 60; ausspr. I, 577- 2 ag.).
Berlin. W. Corssen.
(Fortsetzung folgt.)
Max HoUer, Oeres. 211
Ceres *).
Wie vat und vas dialectische nebeoformen sind, so
auch at und as. Sie sind nicht auseinander, sondern ne-
ben einander entstanden, und der gebrauch hat jeder von
ihnen zuletzt ihre bleibende stelle angewiesen**). In der
ältesten Sprache schwanken manche worte noch zwischen
der enduug auf as und at. Von ushäs kennt der Rigveda
nur den instr. plun ushadbhiA, nie ushobhi^. (S. anm. zu
Rt. I, 6, 3). In der inetaplastischeu declination der stamme
des participiums auf vas, nehmen alle pada-casus das suffix
vat, die anga und bha-casus das snfBx vas.
Hiernach halte ich CerSs, Cereris, flQr eine nebenform
zu skr. iSaräd, welche im sanskrit «aras, «aräsaA, gelautet
haben würde. Saräd heifst herbst, d. h. die reifende oder
kochende Jahreszeit, von der wurzel sslt oder sri, welche
indische grammatiker in den erweiterten formen «rä, «rai,
9X1 anfahren, von welcher aber das regelmäfsige participium
mta lautet. (Rv. IX, 114, 4; X, 16, 1; 2; IX, 83, I5 I,
162, 10; X, 27, 6; VII, 18, 16). Zu derselben wurzel gehört
das lat. calere, während die causativform «rap, das griech.
xagaog^ frucht, auch das deutsche herbst erklärt.
Herr professor Grafs^ann weist in seiner schönen ab-
handlung über die italischen götternamen (zeitschr. XVI,
175) die frühern ableitungen des wortes Ceres von der
wurzel kar, oder von dem sanskritischen götternamen Sri
ab, und schlägt statt dessen, namentlich auf oskische formen
gestützt, eine ableitung von der wurzel krish vor. Diese
wurzel bedeutet aber zu entschieden das furchen ziehn oder
pflügen, um auf die fruchtgöttin zu passen, und kommt in
der technischen bedeutung des ackerbaus in keiner der
nordarischen sprachen vor. Das deutsche kar st paTst
nicht hierher, und gehört wohl zu kehren.
*) Auf den wonach des verf. ist in dieeeni und dem folgenden artikel
•eine transcription des sanskriUlpbabeU beibehalten worden, anm. d. red.
*♦) Das sufBx at vertritt im Veda auch das sufßx an, z. b. ydvat, Rv.
X, 89, 8, statt yüva, wie bei magbavan und maghavat. Siehe M. M. sau»>
kritgrammatik, §. 200.
14*
212 Max MttUer
Hephaestos.
Professor Kuhn leitet "Htfaiötüq von sabheja ab, wo-
von der Superlativ sabbeyish/Aa lauten wQrde. Es bieten
sich dabei zwei bedenken. Erstens, wie läfst der begriff
sabheya, häuslich, eine Steigerung zu, zweitens, kann ish/fta
je auf das taddhttasuffix eya folgen?
Während nun sabbeya als beiwort des Agni im Veda
nie vorkommt, so erwähnt professor Kuhn selbst ein im
Veda sehr gebräuchliches beiwort des Agni, nämlich yä-
vishfAa, der jüngste, und da prof. Kuhn dieses yavish/^a
nicht zur erklärung von i/ffaiaros heranzieht, so darf man
wohl schliefsen, dafs er die phonet. Schwierigkeiten för un-
überwindlich hielt. Die Schwierigkeiten sind nun allerdings
nicht unbedeutend, ich glaube aber doch sie lassen sich
entfernen. Wäre rjcfaiaxoq ganz regelmäfsig gebildet, so
wäre es eben fQr mythologische zwecke unbrauchbar ge-
wesen, denn ganz durchsichtige und verständliche appella-
tiva werden nur selten zu trägern mythologischer ideen.
Die frage ist also, war eine solche bildung, wenn auch
nicht nach streng griechischer, so doch nach streng arischer
grammatik zulässig, und dies glaube ich mit ja beant-
worten zu können.
Für yüvan haben wir die nebenform yavan, die theils
im Sanskrit Superlativ yavish^Aa, theils im zend yavan her-
vortritt. Hiervon würde ein abstractum im sanskrit yävyä
lauten, was das griechische r^ß^j ist.
Die nächste frage ist nun, ist es möglich, dafs das
ursprüngliche v, welches hier durch ß vertreten, jemals
durch (f vertreten werden kann. Es ist dies eine alte
Streitfrage, und, so weit das material sich jetzt beurtheilen
läfst, darf man die Vertretung von skr. v durch cp nur mit
gröfster vorsieht annehmen. In acfog für svas steht sie
fest, andere fUle (zeitschr. VIII, 407) sind zweifelhaft.
Andrerseits ist es aber nicht richtig, wenn man das <jp in
acfOQ als durch das vorhergehende a bedingt darstellt
(Curtius, grundzüge, p. 530). Denn in allen andren mit
8v anfangenden werten wird v nie zu </^, und auch in diesem
Hephaeatoi. 213
pronomiDalstainme hat es sich nur dialectisch neben iog
und Ob* erhalten. Wir dürfen also Vertretung des y durch
(p nur dialectisch oder local annehmen, und da götternamen
oh ihren alterthOmlichen und localen Ursprung durch dia*
lectische eigenthümlichkeiten bethätigen , so darf 17^77 be-
dingungsweise als nebenform von ijßtj gelten.
Dafs in gewissen arischen dialecten das sufBx ista
oder ish^Aa die Wurzelsilbe verstärkt^ hat bereits prof. Kuhn
nachgewiesen. Von dirgha haben wir dräghiyas und drä-
gishfAa, von sthüla, sthaviyas und sthavishfAa, von yuTan,
yaviyas nnd yavishf^a. Geben wir fQr yuvan vriddhi statt
guna zu, so wie in dräghish/Aa, so gewinnen wir *yä*
vishiAa, und im griechischen tjqiarog,
Giebt es nun aber in irgend einem arischen dialect
einen praecedenzfall fQr einen Superlativ, der im griechi-
schen uns rj^a^iOTog statt tjipiGTogj der jüngste, gäbe? Ich
glaube ja. Im zend finden wir statt sthavish^Aa, «tävaesta,
d. h. wir finden vriddhi des wurzelvocals, wie in 7J(fa$aTog^
und beibehaltung des auslautenden stammvocals vor dem
snperlativsuffix ista. Nach analogie von «tävaesta könn-
ten wir von yavan ein yävaesta bilden, und dieses bildet
den fernen, aber doch noch fafsbaren hintergrund zu '^(fai-
fSvog.
Was nun yavisb^Aa selbst betrifft, so ist es ein ste-
hendes epitheton des Agui, und, so viel ich weifs, keines
andren gottes im Veda. Viele götter werden yüvan ge-
nannt, aber Agni allein yavishfAa. Die stellen sind zahl-
reich. Der vocativ findet sich: I, 22, 10; 26, 2; 141, 10;
147,2; 189,4; n,7, I; HI, 15,3; 19, 4; IV, 2, 10; 13;
4,6; 11; 12, 4; V, 1, 10; 3, 11; VI, 15,14; 48,8; VH,
1,3; 7,3; VIII, 23, 28; 84,3; X, 1,7; 2,1; 4,2; 45,9;
69, 10; 80, 7; 87, 8; als adyudatta, II, 6, 6. Der nomi-
nativ, I, 141, 4; IV, 12, 3; VI, 6, 2; VII, 4, 2. Der accu-
sativ, 1,44, 4; VI, 5, 1; VII, 3, 5; 10, 5; 12, 1 ; X,20, 2.
In allen diesen stellen bezieht sich yavish^Aa, als name
oder bei wort, auf Agni, nur in zwei stellen (I, 161, 1; X,
143, 2) kommt es als adjeotiv und ohne beziehung auf
Agni vor.
214 Max Midier
Wie sehr y&vishfAa zum eigenDamen Agni^s wurde,
zeigt das weiter abgeleite yavishfAya, welches ebenfalls
eine feststehende bezeichnung Agni's ist. Ais vocativ : Ry.
I, 36, 15 (ädyudätta); I, 36, 6; 44,6; HI, 9, 6; 28,2;
V,8,6; VI, 16, tl; 48, 7; VH, 16, 10; VIII, 60, 4;
8; 75,3; 102,3; 20. Als accusativ, V, 26, 7.
Wie bereits bemerkt, ist der positiv von yavishiAa
sehr häufig auch von andern göttern gebraucht, und zwar
bedeutet es überall jung, stark, lebendig. So nennt man
Indra Agkram yüvänam, den nie alternden, den jungen:
III, 32, 7; VI, 19, 2. Er heifst yüv4 kÄviA, I, 11, 4; der
junge seber; yüv& säkhä, VI, 45, 1 ; VIII, 45, 1 ; der junge
freund; yüvä, jung, überhaupt, 11,16,1; 20,3; VII, 20, 1;
VIU, 21, 2. Die Maruts heifsen oflt die jungen, die leben-
digen oder frischen, 1,165,2; 167,6; VIII, 20, 17; 18;
auch kAvaya* yüv4na», V, 57, 8; 58, 3; VI, 49, 11.
Auch ihre schaar heifst die junge, wilde schaar, 1,87,4;
V, 61,13. Aufserdem gilt dasselbe beiwort för Rudra,
V, 60, 5; II, 33, 11 ; ftr Vanaspati, III, 8, 4; ßlr Savitar,
VI, 71, 1 ; für Soma, IX, 14, 5 und für die A«vins, I, 117,
14; in,58, 7; VII, 67, 10; VI, 62, 4 etc., fär ihre doppel-
ganger, Miträ-Varufiau, VII, 62, 5. Vishnu heifst 1, 155, 6,
yüv4 Äkum4raA, jung, aber kein kind.
Auf Agni angewandt bedeutet nun yüvan offenbar
jung, frisch, lebendig, sei es nun das lebendige feuer des
altars oder das ewig neue feuer der sonne. So heifst es
II, 4, 5 : ^u^urvän ykh mühur ä yüvä bhät
Agni der, wenn er gealtert, stets wieder jung wird.
I, 144, 4: div& na naktam palitäA yüvä a^ani
Nachts wie am tage ward er, nachdem er ergraut, jung
geboren.
Agni heifst, wie Indra, yüvä käviÄ III, 23, 1; V, 1, 6; 45,
9; Vm, 44, 26; und einfach yüvan I, 12, 6; IV, 1, 12. In
einer stelle finden wir in demselben verse sowohl den po*
sitiv als den Superlativ.
VI, 4, 1 : huvä vaft sünüm sähasaA yüvänam ädrogha»
väAam mati-bbiA yävish/Aam
Uephaestöfl. 215
Ich rafe för euch den ji^gen söhn der kraft, mit liedern
ihn dessen rede untrüglich, den jüngsten.
Sodann lesen wir
VII, 4, 2: akh gritsa& agniA taruitaA j;it astu, j&tah ya-
vishthsLh a^anisbfa mätüA
Obgleich noch zart, soll Agni doch gescheit sein, da er
entsprofs als jüngster seiner muttcr.
Hier bedeutet yiivishfAa, der jüngste, gleichfalls yoU
Ton Jugend, toII von lebenskraft, nicht etwa natu mini-
nins, der jüngste oder letzte unter den göttem.
Dafs bei den Griechen von anbetung des feuers und
Verehrung des feuergottes, wie im Veda, nicht die rede
sein kann, versteht sich von selbst, aber der elementare
Untergrund des legendenhaft gestalteten Hephaestos, kann
darum doch, wenigstens in seinem namen, bewahrt sein.
(Siebe Welcker, griechische götterlehre, p. 659).
Eine ähnliche etymologie für den römischen Vulcanus
hatte bereits Schlegel entdeckt, der es vom skr. ulka, feuer-
brand, ableitete. Dieses wort findet sich auch im Veda, und
zwar in bezug auf die funken des feuergottes,
IV, 4, 2 : asai/itditaA vi sriya vishvak ulkäA,
Ungefesselt streue überall hin deine funken 1
Professor Grafsmann hat auf die ursprünglichere form vari--
-as, als etymon für Vulcanus, hingewiesen. (Zeitschrift
XVI, 164).
Oxford, Dovember 1868. Max Müller.
216 Andrenen
Die ko8«iiamen der Germaneu. Eine stadie von dr. Franc Stark. Wien,
Tendier 1868. 8. 188 und XII Seiten.
In den Sitzungsberichten der phiL-hist. klasse der kais.
akad. d. wiss. (bd. 52. 53) hatte der Terf. seine yieljährigen
mObevoUen und grflndlichen Untersuchungen über die alten
germanischen kosenamen zuerst yeröffentlicht; das gegen-
wärtige buch, wie im Vorworte gemeldet wird, enth<jene
abhandlung vollständig umgearbeitet und reichlich erwei-
tert. Von Förstemanns altdeutschem namenbuche will es
sich mit rOcksicht auf die vor allen dingen wichtige er-
keuntnis und Scheidung der wortstämme grundsätzlich ent-
fernt halten, will somit namentlich eine menge etymologi-
scher irrthümer, welche sich vorzflglich bei der Würdigung
der hypokoristischen formen dort und anderswo kund thun,
hinwegräumen. Als nöthig für seinen zweck hat es der
verf. betrachtet sehr häufig auf keltische namen, denen er
überhaupt eine mehr als gewöhnliche aufinerksamkeit wid-
met, zu verweisen; unter den heimischen unhochdeutschen
dialekten ist ihm neben dem sächsischen insonderheit der
friesische eine überaus reiche quelle gewesen.
Darnach wie die deutschen personennamen in den Ur-
kunden ihrer form nach erscheinen, nämlich entweder aas
zwei Wörtern zusammengesetzt oder nur aus einem gebil-
det, ergibt sich die vollkommen zutreffende eintheilung al-
ler kosenamen in zweistämmige (Gerd t, Tamm^ Wilm)
und einstämmige (Benno, Hein, Wolf), über deren ge-
genseitiges Verhältnis der verf. den grundsatz, welcher seine
schriflb durchdringt, schon in der einleitung dahin aus-
spricht: die einfachen, einstämmigen namen sind Verkür-
zungen der zusammengesetzten. Von den einstämmigen
kosenamen, die aus der Zusammensetzung nur ein wort be-
wahrt, das andre abgeworfen haben, handelt die erste grö-
fsere hälfte des werkes; in der zweiten werden die zwei-
stämmigen kosenamen aufgeführt, in welchen beide theile
des zweigliedrigen namens vermöge der zusammenziehung
bruchweise vertreten sind, z. b. Thiemo, Timmo aus
Thietmarus, Bolf = Rodolfus. Beide klassen von
anseigen. 217
Damen sind vielfachen Veränderungen unterworfen durch
neue verkflrzungen , denen auch assimilation und gemina*
tion hinzutritt, vornemlich aber durch die besondem for«
men der deminution. Angehängt sind dem buche drei ex-
curse: 1) Qber zunamen, 2) über den Ursprung der zusam-
mengesetzten namen, 3) über besondere friesische namens-
formen und Verkürzungen.
Gegenüber einer so werth vollen, auf die umfassend-
sten Sprachkenntnisse nicht minder als auf die fleilsigste
und geschickteste benutzung der quellen gegründeten ar-
beit eröffiiet sich vermöge der roannigfaltigkeit des behan-
delten Stoffes und nicht geringen Schwierigkeit einiger Sei-
ten desselben, zum theil auch wegen einer gewissen eigen-
thümlichkeit der wissenschaftlichen darlegung, welche sich
in einigen wesentlichen punkten offenbart, allerdings ein
überaus reiches feld der beurtheilung, auf dem gleichwol
beschränkuDg auch fßr den kundigsten, geschweige für den,
der nicht überall selbständig und unabhängig zu forschen
vermag, pflicht zu sein scheint.
Den nachtheil, welcher sich durch herbeiziehung frem-
der, namentlich keltischer demente in die deutsche Sprach-
forschung geltend macht, hat der verf. anzudeuten nicht
unterlassen; von gröJberer bedeutuug erscheint es ihm
jedoch^ dals erst durch erkexmtnis und Würdigung der kel-
tischen namen an vielen hundert stellen der eine oder der
andre Ursprung mit Sicherheit könne nachgewiesen werden,
unterdessen darf man es wohl beklagen, dafs nichts desto
weniger ziemlich häufig des Verfassers immerhin berech-
tigte zweifei über germanische oder keltische uationalität
entgegentreten, und um so mehr beklagen, als diese zwei-
fei in der regel blofs mitgetheilt, nicht begründet werden;
vgl. 8.22 not., 24 Bucca, Argimirus, 26 Bertram-
nas, Bechta, 27 Narduinus, Nardo, 44 Sundo,
49 Malo, 53 not. 5, 55 Sania, Durius, 61 not. 2, 66
not. 2, 70 Chriotger, 82 not., 146.
Die frage nach dem Verhältnis der einfachen zu den
zusammengesetzten namen beantwortet der anfang eines
eigenen sehr anziehend geschriebenen excurses, welcher
218 Andresen
von der entstehung der zusammengesetzten namen handelt.
Hier nach wiederbolnng des satzes, dafs die zweistämmi-
gen namen die ursprünglichen, die einstämmigen secundäre
Bildungen seien, fiDgt der verf. hinzu, dafs gleichwohl in
vorhistorischer zeit alle personennamen anfanglich einfach
gebildet, die zusammengesetzten erst allmählich, jedoch
noch innerhalb jener periode entstanden zu sein scheineo.
Wenn es mühe macht diesen unterschied, auf den sich das
umgekehrte Verhältnis der beiden namenklassen und ihrer
Priorität gründen soll, klar zu erkennen und aufzufassen,
so dürften die beispiele, welche zur veranschaulichung der
ursprünglichen namengebuog dargeboten werden, der deut-
lichkeit noch geringeren Vorschub leisten. Nachdem aas
den Vorgängen innerhalb der historischen zeit eine ähn-
liche namenbildung in der vorhistorischen zeit gefolgert
worden ist, heifst es beispielsweise: „Hiefs der vater Ebur,
die mutter Swinda, so mochte die tochter Eburs wind a,
der söhn etwa Swindebur genannt worden sein^. Das
klingt an sich ganz gut und annehmlich, aber es drängt
sich unwillkürlich die weit wichtigere frage auf: Sollen
hier, wo ausdrücklich von vorhistorischer zeit die rede ist,
Ebur, Swinda als nicht hlofs scheinbar, sondern wirk-
lieb einfache oder aus bereits zusammengesetzten gekürzte
namen gefafst werden? Der Zusammenhang spricht für die
erstere geltung, mit welcher sich indessen nicht leicht ver-
einigen läfst, was s. 1 57 ausdrücklich aber wieder beispiels-
weise von Swinda gelehrt wird, dafs es nämlich keine
ältere bildung sei als Irminswint, sondern einer jünge-
ren zeit angehöre. Soll angenommen werden, dafs Swinda
der vorhistorischen periode für einen einfachen, Swinda der
historischen zeit für einen aus Irminswint oder einer
andern gleichartigen Zusammensetzung gekürzten namen zu
gelten habe? Eine vollständig befriedigende antwort auf
die frage nach dem historischen Verhältnis der beiden nar
menklassen zu einander darf nirgends, daher auch in die-
sem buche nicht erwartet werden; ohne zweifei empfiehlt
sich Starks ansieht weit mehr als die von ihm bekämpfte.
Aber sollten nicht bei den einstämmig auftretenden namen
anseigen. 219
anterschiede gemacht, nameo wie Bruno, Hugo, deren
der verf. Oberhaupt nicht erwähnt, als wirklich einfache
Damen betrachtet und den beigehörigen Zusammensetzun-
gen nicht voran aber ebenbürtig zur seite gestellt werden
dürfen?
Wenn man es bisher beinahe als einen grundsatz hin-
stellen zu können glaubte, dafs deutsche personennamen
im gegensatze zu den fremden, welche in vertraulichem
gebranche vorzugsweise ihres ersten theiles verlustig gehn,
nur hinten abgekürzt zu werden pflegen*); so liefert die
vorliegende Sammlung beispiele des entgegengesetzten vor^
ganges, den der verf. gleichwohl ausdrücklich als aus-
nähme betrachtet wissen will, in hinreichend beglaubigter
menge. Eben dahin habe ich von jeher Nöldeke, ]Söl-
dechen gerechnet (aus Arnold), vermag jedoch diese
namen urkundlich nicht nachzuweisen, halte sie vielmehr
fftr spät gebildet; aufs haar gleichen sie dem s. 134 ver-
einzelt stehenden aber vollkommen gesicherten Nardus
= Eginardus.
Es ist bemerkenswerth , dafs die namen auf -man,
welche doch auch zu den kosenamen gezählt zu werden
pfl^en**), keinerlei berücksichtigung gefunden haben. Wahr-
scheinlich spricht ihnen allen der verf. hypokoristische be-
deutong ab, obgleich sich fragen läfst, ob namen wie
Güntzmann, Thideman, welche früh genug begegnen
um aufgenommen zu werden, in andrer weise zu verstehn
seien***). Auf jeden fall war es von bedeutung und in-
teresee zu erfahren, wie ein so hervorragender Sammler
über solche namen, deren er sich in demselben umfange
wie aller übrigen wird bemächtigt haben, zu urtheilen ver«
mag. Mit noch mehr grund vielleicht dürften formen auf
-scb (Dietsch, Fritsch, Göttsch, Hinsch, Nitsch)
vermifst werden, deren manche dasselbe alter haben, dem
andre herbeigezogene namen anheimfallen.
*) Tgl. Grimm gramm. III, 690. W. Wackernagel umdeutsch. 82.
**) vgl. Fr. Becker im progr. Basel 1864 s. 17. Weinhold die perso-
nennamen des Kieler stadtbuchs 1866 s. 10.
***) vergl. Oone Onsteman s. 170. In Kappe Iman s. 182 erkennt
der verf. Kappe =s Kampe.
220 AndreMD
Mit beziebung auf die oft sebr scbwierige und swei*
feihafte erkläning der einzelneD kosenameD aus den ibnen
zu gründe liegenden zusammengesetzten formen bat es der
verf. unterlassen dem leser die stufen der glaubwQrdigkeit,
sei es durcb eine einleitende aUgemeinere bemerkung oder
durch besondere zusätze, deutlich zum bewustsein zu brin-
gen. Wenn Lflbben in Haupts zcitschr. X, 299, wo er
bypokoristische formen aus dem friesischen vorf&hrt, sich
zu der angemessenen mittheilung veranlafst siebt, dafs er
in den Urkunden auf keine fingerzeige gestofsen sei, etwa
auf ein „qni et dictus^ oder ähnliches; was er gefunden,
habe er theils aus dem heutigen gebrauche, theils aus ana-
logie erschlossen: so unterrichtet uns Stark am Schlüsse
seiner einleitung blofs mit den Worten, dafs er in hinrei*
chender zahl beispiele gefunden habe, welche den vollen
und verkürzten namen einer und derselben person nach-
weisen und endgiltige folgerungen gestatten. Dieser nacfa-
weis, soll er als voUst&ndig gesichert und beglaubigt gel-
ten, betrifft doch in der that, wie nicht anders zu erwar-
ten steht, eine verhältnifsmäfsig sehr geringe anzahl von
namen*); h&ufiger wird ein zweifei angedeutet oder aas-
gesprochen und bisweilen sorgfältig begründet*'^); über-
wiegend jedoch findet man den vollen namen dem ver»
kflrzten ohne weiteres beigescbrieben, und es f&llt nun die
prafung, welche der Verfasser, vorausgesetzt dafs es ihrer
bedarf, mit viel geringerer mühe hätte fibernehmen kön-
nen, dem leser zu. Freilich in den meisten ftUeo darf
man einem so kundigen und geschickten, dabei vorsich-
tigen und gewissenhaften f&hrer getrost folgen; aber im-
mer bleibt es wfinscbenswerth genau davon unterrichtet zu
sein, ob dieser ffihrer bestimmt und unwiderleglich zu be-
weisen oder blofs treffend und annehmlich zu schlieisen
*) Qrimizo =s Theadgrim 14, Eda = £&dvine 16, Sicco =
Sifrid 20, Bucco sr Bnrchard 24, Atto = Adelbert 40, Weselo
= Wernher 98, Lampe ssaLambert 124, Aleffssa Adolf 189, Fick
sss Friderich 186.
**) Einmal erstreckt er sich gleichm&fsig über eine menge mit s gebil-
deter deminntiya aaf mehr als drei Seiten (86 fg.).
anzeigen. 231
vermag. Wenn Lfibben a. a. o. mit deutlichster iinterschei-
dong lehrt, dafs Ficko aus Friderich urkundlich ge-
kürzt erscheine und darnach auch wohl Focko, Hicko,
Ucko als hypokoristische formen von Folchart, Hil-
derich, Ulrich anzusehen seien; so fQhrt Stark diese
selben ableitungen so auf, dafs sie der leser, welcher in
dergleichen Untersuchungen nicht eben bewandert ist, fOr
historisch ausdrücklich beglaubigt anzusehn leicht veran-
lagt wird. Ferner bemerkt der verf. in der einleitung zu
den zweistfimmigrn kosenamen s. 103, dafs er nur solche
zusammengezogene namen benutzt habe, deren volle for-
men urkundlich überliefert seien. In diesen worten kann
doch nur liegen: die zusammengezogene und die von dem
verf. zu gründe gelegte volle form sind urkundlich gesi-
chert; keineswegs erstreckt sich, wie man im ersten augen-
blicke zu verstehen geneigt sein köonte, die Versicherung
auch auf eine historische beglanbigung des Zusammen-
hangs dieser beiden formen. Einmal finde ich die durch
ein in der alten quelle zwischengesetztes „sive^, wie sich
annehmen läfst, bestens verbürgte identitfit des gekürzten
ond des vollen namens nicht ausdrücklich hervorgehoben;
mindestens verzeichnet Förstemann 775: „Immo sive Ir-
minfrid% während sich Stark« (24) zu derselben stelle
mit „Immo = Irminfridus^ begnügt.
In der höchst dankenswerthen und lehrreichen rück-
schau über die einstämmigen kosenamen (95 fg.), wo sich,
nebenbei bemerkt, die vermuthung fast bis zur gewiisheit
geltend macht, dafs die deminution ein der blofsen Verkür-
zung nachfolgender Vorgang gewesen sei, wird dreimal
auch ableitendes d genannt, ohne dafs dieses ausdrucks in
der abhandlung selbst noch auch im Sachregister erwäh-
QUDg geschieht. Namen dieser art finden sich s. 58 not. 2.
Mag immerhin einsieht in das angedeutete Verhältnis dem
unterrichteten und erfahrenen leser zugetraut werden, so
erfordert doch auch eine so streng wissenschaftliche arbeit
wie die vorliegende, ja in gewisser hinsieht sogar in hö-
herem grade, deutlichkeit und Ordnung. Diese durften in
dem gegebenen falle vorzüglich auch insofern vermifst
222 Andresen
werden, als in derselben rQckscbau und zwar auf der nftchai-
folgcnden seite die bezeicbnnng ,,ableitnngen mit t (gotb. d)^
gebraucht wird; wossa stimmt, dafs das register s. 191 mit
bezug auf s. 146 der abhandlung, wo der einzige name
Albito*) verzeichnet uteht, sich desselben ausdrucks be*
dient. Ferner enthält das register zu s. 56 eingeklammert
die friesische deminution ts, st, je, tje; an der betreffen-
den stelle der abhandlung aber sieht man blofs den namen
Eggest, und obwohl andere namen solcher art später fol-
gen sollen, fahrt doch das buch eine selbständige behand-
lung derselben nirgends vor. Zwar stehn ihrer mehrere
8. 74 (wovon diesmal das register nichts meldet), aber ans
den Sammlungen anderer entlehnt; bei namen auf -je,
welche hier und schon früher, kaum später begegnen, wird
durchweg, wenn ich mich recht umgesehen habe, auf Ru-
prechts Programm (Hildesh. 1864) verwiesen: Taatje,
Wardje 70, Wemje 71, Oetje, Eltje 72, Goetje,
Hieltje 73, Schwantje, Altje, Geertje, Ihntje,
Lttitje, Mentje, Nantje, Ontje, Suntje 74.
Wer das vorliegende buch fleifsig durchmustert^ wird
einer Qberraschend grofsen menge von formen gewahr, de-
nen heutige familiennamen begegnen. Wenn dies bei be-
kannteren namen, deren erklärung auf der band liegt oder
doch leicht gewonnen werden kann , nichts zu bedeuten
hat, so gewähren dagegen andere fälle ein ganz besonderes
interesse, und es hätte sich gewifs der kleinen möhe ver-
lohnt, dafs eine weit gröfsere anzahl unserer heutigen ge-
schlechtsnamen verglichen wäre, deren wahrer Ursprung
schwerlich im allgemeinen so bekannt sein dQrfle, als dafs
W ei gel, woran der verf. s. 56 zu erinnern nicht vermieden
hat, älterem Wigel entspricht. Folgende namen z. b.,
mit denen schon manchmal sehr unvorsichtig und verkehrt
umgegangen worden ist, finden hier ihre blofs stillschwei-
gende erklärung: Vack 28, Ihne 63, Sello 67, Ranke 71,
*) In einer note wird dazu Hubetho = Hubertus verglichen, welcher
HAine an Gebetho s=Gebehardu8 s. 68 erinnert, beide aber zugleich an
Egbeth, Arneth n. a., deren dentalauslaut der verf. aU zum Btarame ge-
hörig betrachtet.
anzeigen. 28S
Sandrat 83, Pertz, Bonitz 87, Betzel 93, Hipp
118. 128, LQbbe, Nobbe, Wöbbe, Wübbe 119. 128.
129, Seibt 136, Abeken, Kopke 144, LObke, Wöbcke
145, Bening 171, Wohlers 183, Sibbern, Dibbern
187. Ausdrücklich dagegen macht das buch auf einige
im allgemeinen wohl viel weniger bekannte heutige ge-
schlecbtSDamen meist aus Österreichischem gebiete aufmerk-
sam, vermuthlich in der absieht zu zeigen, dafs alte mehr
oder minder ungeläafige namensformen von zum theil etwas
zweifelhaftem Ursprünge noch nicht verklungen seien, z. b.
Struntz 77, Luntz83, Streinz und Strenn 85, Bunz
87, Lumbe 113, Baming 116, Zippe 119. Schwerlich
indessen entspricht das heutige deminutiv Röckl, wie
B. 91 vorföhrt, einem alten Rudikilo, sondern wird mit
Stöckl, Zöpfl und dergleichen handgreiflichen namen
ZD vergleichen sein. Und hei Spatz dürfte wohl weniger
an abd. Spatizo (8.81), obgleich das Verhältnis der for-
men nichts vermissen läfst, als an Sperling und Lüning
gedacht werden. Für die erklärung des familiennamens
Dulk kann der namc Gosen von Dulk = Goswinus
^ Dnlchius a. 1463, der sich s. 130 zu anderem zwecke
aufgeführt findet, von gröfserer bedeutung sein alsTulko,
dem er s. 28 gleichgestellt wird; man möchte einen be-
kannten ort darin vermuthen«
Bei dem aufserordentiichen Verdienste, das sich Stark
um die erklärung einer grofsen menge bisher noch nicht
enträthselter, zum theil noch nirgends ernstlich besproche-
ner namen erworben hat, und bei der geschicklichkeit, mit
welcher er zu deuten versteht, kann es nur bedauert wer-
den, dafs in mehreren fällen die zurflckführung der ver-
kürzten form auf ihren Ursprung, wo nicht unterblieben, so
doch nicht ausdrücklich vorgeführt, sondern nur etwa vor-
ausgesetzt worden ist. Man betrachte z. b. die bekannten
friesischen namAi Onno und Oncken. Die frage, welche
8. 70 in der anmerkung aufgeworfen wird: „Onno =
Anno?** ist nur geeignet in gröfseres dunkel zu versetzen,
zumal da Anno selbst eigentlich unerledigt geblieben ist
und 8. 70 und 169 fQr jene namen vom u ausgegangen
224 Aadroaen
wird. Freilieb schliefst das Verzeichnis der an der letzte-
ren stelle vereinigten namen mit dem compos. Unbald,
ohne dafs sich ein Zusammenhang wahrnehmen liefse; der
stamm an aber scheint mindestens zu dem^ was Ober Anno
und verwandte namen s. 51 *) vermuthet wird, nicht zu
stimmen. Zu Danzo 8.88 (vergl. Dentzelin 94) wird
zwischen Danizo und Dantizo die wähl gelassen, aber
weder ein voller name noch eine andeutung Aber den sinn
des Stammes kommt zum Vorschein. Ueber den Ursprung
von Momme (Momsen), Monno, Momke, Monike,
welche s. 173 von Mammo, Manno, Manke getrennt
auftreten, während Nomme, Nonno,Nomke mitNaame,
Nanne,Nanneke zusammengenommen vorgeführt werden,
belehrt ebenfalls kein fingerzeig. Bisweilen dagegen hat
sich der verf. über die quelle eines schwierigeren namens
sowie Ober die bedeutung des zu gründe gelegten Stammes
ziemlich eingehend ausgesprochen; man vergleiche Kadal-
41, Sund- 44 fg., Reitke und Skeltko 70, N&zo und
Stazo 81, Piezo 83, Strinzo 85, Hripo 114, Joppo
117, Cnebba 122, Hobba uud Hobbo 128, Totila 150.
Am ausführlichsten sind s. 33 fg. Dudo und Poppo, so-
dann 108 fg. Wamba, dessen erklärung durch goth. vamba
(venter) einsichtsvoll zurückgewiesen wird, behandelt wor-
den. Bei Dudo und Poppo, deren formelle beschaffenbeit
dem verf. veranlassung gibt diese namen im zusammenhange
zu untersuchen, was er mit Scharfsinn und grolser gelehr-
samkeit ausführt, sei es gestattet einige augenblicke zu
verweilen. Bekanntlich wird Dudo mit Liudolt, -olf
gleichgestellt. Nach besprechung der ansieht Lappenbergs,
dafs es hier auf einen Wechsel der stamme liud und thiud
ankomme, wirft St. eine andre frage auf: ist etwa Düdo
aus Lüdo durch assimilation des 1 zu d entstanden?
Schliefslich neigt er sich jedoch zu der annähme, Dudo
sei keine Verkürzung von Liudolt, -ol ff sondern ein aus
anderem stamme**) hervorgegangener zuname. Zwischen
*) im register Bteht verdruckt 15.
<*) vgl. Weinhold b. 16.
atuE«igeii. S26
dieeen erklärnngen, deren jede aufmerksamkeit verdient, zn
entscheiden fällt schwer. ^Venn sich sichere analoge bei-
spiele in hinreichender anzahl für die angegebene assimi-
lation von Düdo aas Lüdo (Liudo) beibringen liefsen,
meint der verf., stehe der deatung nichts im wege; er
selbst vermag nur span. Nnno (aa Munio) und das be-
rühmte engl. Bobby, Bob flir Robert zu vergleichen.
Ich habe mich nach andern beispielen umgesehen, aber nur
auf dem gebiete lebender mundarten noch ähnliche Alle
getroffen. Dafs in Basel Jakob in traulicher rede Böppi
oder Beppi genannt werde, versichern W. Wackemagel
in Pfeiffers Germ. V, 318 upd Fr. Becker im progr. 1864
8. 18. Der letztere fQgt hinzu, in Oesterreich sei Beppi
=s Joseph^ also aus Seppi, wie deutlich zu sehen ist,
entstanden. Femer gehen auf Joseph, Josepha im spa-
nischen Pepito, Pepita zurück; vgl. südd. Pepel und
Pep7 bei Pott person. 112, der aus dem italienischen an-
fser Peppo (Oiuseppe) auch Pippo &» Filippo vorf&hrt.
Dem namen Bob steht im englischen nichts vollkommen
gleich: Ted (neben Ned) für Eduard*) zeigt, wie
Nanny aus Anna, einen anderen obwohl verwandten
Vorgang. Die deutschen kosenamen Lili, Lolo, Lulu,
Mimi sind reduplizierte formen. Nun aber erhebt sich
eine neue frage: Müssen die hypokoristischen namen den
vollen formen, aus denen sie hervorgehn, unbedingt der-
gestalt entsprechen, dafs ihre entwickelung auf dem wege
der Sprachgesetze oder nach der analogie der spracher-
scbeinungen hinreichend erkannt werden kann? Im allge-
meinen darf diese frage und insbesondere flir die alten
deutschen kosenamen gewifs bejaht werden; die englische
Sprache jedoch zeigt unwidersprechlich einige Verkürzun-
gen, die nicht in derselben weise ihre erklärung finden,
vielmehr jedem wissenschaftlichen verst&ndnie zu wider-
streben scheinen. Dick = Richard oder Mab = Abra-
ham brauchen nicht hervorgehoben zu werden, weil sich
assimilation, die freilich hier anders als bei Bob auftritt,
*) Vgl. HSfer in feiner seitschr. I, 828.
Zeitoehr. t vgl. spnchf. ZVm. 8. 15
226 AndrMtn
behaupten Iftfet. Wer aber vermag das P in PegssasMar-»
garet und Fat = Martha, das T in Till « Will*)
lautlich zu erklären? Mit vollkommenstem rechte bemerkt
Pott 110: ,,die ärgsten namen verderber sind die kinder,
ihnen gerade aber ahmen gern in tAndelhaftem spiele die
erwachsenen nach^. Wie nun, wenn in Poppo, dessen
allseitig angenommene Identität mit Folcmar von St. be-
stritten wird, ein ähnliches Verhältnis vorliegt wie in Peg
und Pat? Dafs vorzüglich der buchstabe P su absicht-
lichen oder unabsichtlichen verderbungen von Wörtern und
insonderheit namen erfahrungsmäfsig geeignet zu sein scheint,
darf hier nicht übersehen werden; die für vertrauliche be-
nennungen Oberaus günstige form der reduplikation träte
unterstützend hinzu. Freilich gehört viel dazu alle hin-
dernisse, die sich dem, was hier als blofser einfiül hinge-
worfen ist, entgegenstellen, annehmlich hinwegzuräumen,
namentlich die entlegenheit der zeit und in ihr der mangel
von analogien. Auch ist die frage zunächst durch die von
dem verf. selbst für die möglichkeit, dals Poppo aus Rod-
bert entstanden sei, herbeigezogenen modernen koseformen
veranlafst worden; das aber wird wohl auf allgemeinere
beistimmung rechnen können, dafs Poppo, alles in allem
genommen, eher = Folcmar als sss Rodbert zu fas-
sen sei.
Mit beziehang auf eine ziemliche anzahl älterer nie-
derdeutscher namen auf -bern und -lef entfernt sich das
buch von einer sehr verbreiteten, den meisten wohl fast
stillschweigend giltigen ansieht. In den friesischen namen
Albern, Frethebern u.a. warbern, sächs. barn(kind)
erkannt worden**); St. aber lehrt s. 187, dals dieses -bern
aus -brand durch metathesis und apokope des dental zu
deuten sei, vermag auch Sibern «ss Sibrand und TIa-
brenn neben Tjabbern urkundlich zn belegen***). In
*) Vgl. Höfer 881; doch scheint die angäbe bedenklich. Aach mnTeer*
halb Englands gibt es fthnliche erscheinnngen, z. b. D^d^fe, wenn es wmhr
ist, dafs so im Hennegan fttr Josephchen gesprochen wird (s. Pott HS).
•♦) S. Weinhold 14.
***) Vgl. Lobben bei Hanpt Z, 299. Roprecht 8.
anseigeil. 227
mhw anmerkung nimmt er jedoch wiederum eine reihe
namen aus und läfst in ihnen jenes bern, das ^kind^ be-
deutet, walten. Weicher grund der erkenntnis und Schei-
dung hier vorliege, ist mindestens nicht deutlich genug
richtbar; es wird manche leser auf den ersten blick be-
fremden, dafs der im text befindliche friesische name Rod-
bern dem in der anmerkung angeführten ebenfalls friesi-
schen namen Rodbern nicht identisch sein soll. In Pfeiff.
Germ. IX, 483 hatte der verf. nach Crecelius dem alts.
Thiadbarn das friesische Thiadbern'') gleichgestellt;
jetzt entspringt ihm Tjabbern, Tiabbern aus Thiat-
brandus, während alts. Tiatbarn bei barn verbleibt.
Sind nun jenes Thiadbern und dieses Tiabbern iden-
tisch oder nicht? Es folgen die Zusammensetzungen mit
-lef z. b. Thiadlef alts. Detlef""). Dafs dieser name
dem ahd. Diotleip entspreche, hat bisher jeder geurtheilt,
auch Lübben und Ruprecht; Stark jedoch deutet aus
Thiadulf (s. 140. 186), indem er von der metathesis -lof
und deren Veränderung in -lef unterrichtet (139. 185).
Auf dieselbe weise werden auch Radle f, Riclef u. a.
uamen *""*), denen in Pfeiff. Germ, noch ein ganz anderer
stamm von dem verf. zu gründe gelegt war, erklärt****).
Und wiederum gibt er s. 141 zu, dafs neufries. -lef bis-
weilen auch ahd. -leip sein könne, z. b. Radlef, Riclef
bei Crecelius. Genau entspricht Godlef dem ahd. Got-
leip, St. aber fragt (s. 140) nach Godolf. Man sieht
somit, dafs es dem leser fürwahr nicht leicht gemacht
wird, was er bestimmt zu wissen verlangen trägt, deutlich
zu erkennen.
Sehr interessant und belehrend ist die abhandlung der
ans -boldy -bod und -bert gekürzten namen auf -b et.
*) Weinhold 62 yerzeichnet verschiedene formen.
••) Viele formen bei Weinhold 68.
^^*) Vergebens habe ich mich, beiläufig bemerkt, sowohl hier als in den
andern angezogenen Schriften nach dem auch heute noch geläufigen namen
Edlef umgesehen.
**** ) Im althochdeutschen begegnen Radolf, Richolf sehr häufig, R a^d -
leip, Richleip sehr selten. Lttbben 806 und Ruprecht 8 haben gleichfalls
Riclef SS Richolf, Weinhold 64 Radelev, Radelof, Radolf.
15*
228 AndreMB
Ob jedoch Sibet, wie 6. 136 und 164 TorfikhreD,
808 Sibold SB Sigibold zu leiten sei, darf zweifelhaft
ersobeinen: die mittelform Sibod (10. jahrh.) erinnert mehr
an Stboto = Sigiboto*). Genau wie -bet zu -bold
steht -et zu -old, und hier ist es yorzflglich der name
Arnet (nebenform Arm et), von welchem der verf. zur
beortheiluDg einer reihe anderer namensformen derselben
art ausgeht, wobei er zugleich daran erinnert, daft in eini*
gen auch r vor dem auslautenden dental unterdrückt sein
könne (Folket, Ulbet). Dafs Arnet = Arnold ist,
steht fest, auch wenn es nicht urkundlich beglaubigt wftre;
aber auch Arent, Arend und Arnd bedeuten denselben
namen. Wenn Bereut, Berend nicht unmittelbar aus
Bernhard hervorgegangen, sondern zunächst auf die ans
dem vollnamen zusammengezogene form Bernd (vgl. s. 130)
gewiesen zu sein scheinen, so hält es schwer sich davon
zu überzeugen, dafs Arent fUr Arnet stehe, da sich
Arent zu Arnd buchstäblich verhält wie Bereut**) zu
Bernd. Wird aber geltend gemacht, dafs ja Bereut
den älteren formen Berenhard, Berinhard entsprechen
könne, so darf für Arent, obgleich im althochdeutschen
bei diesem namen nur Arn- (nicht Arin-, Aran-) zu be-
gegnen scheint, vielleicht ein ähnliches Verhältnis in an-
spruch genommen werden (vergl. den zunamen Ahren-
hold).
Abfall des auslautenden dental bei vorhergehender li-
quida erstreckt sich Qber viele beispiele, namentlich aus
dem friesischen (Sibel***), Reiner). FOr die namen auf
-er kann jedoch die erklärung oft zweifelhaft sein, weil
auch mit heri zusammengesetzt wird (Eier, Lflder).
Der name Härder soll nach s. 179 nicht, wie man ge-
*) Vgl. Grimm kl. sehr. 2, 366. Dieser vollname wird aaoh tob Polt
287 und Lobben 802 zu gründe gelegt.
**) Die form Bern et kommt bei Stark nicht vor, wohl aber als heuti-
ger alemannischer kosename bei Becker 16 (vgl. d. familiennamen Bennett
in Hamburg), der übrigens das -et anders fkrst, da er auch Warnet ana
Wernher yerzeichnet; Wernet stimmt su Wernhard (F5nt 1268), wie
der hamb. geschlechtsname Gern et zu Gernhard (F6rst 61 S),
***) Bartel fehlt gans im bveha.
wohnlich annimmt, ausHardheri, sondern aus dem aller-
dings Tiel häufigeren Hardger entspringen. Geht dem -er
em b vorher, so ist der zweite stamm entweder brand
(bern) oder bert, z.h. Lubber*), Rember (s. 188).
Den namen Wnlber deutet der verf. (129 und 187) als
Willibrand, Wilbrand. Hier scheinen noch andre er-
klArnngen möglich zu sein: Wol brand sss Wolf brand
(Ruprecht 6 und 9), Wolbert (Förstem. 1334. Stark 129).
Ffir die zusammengezogene form Eert wird s. 130 zwi-
schen Evert und Erhard geschwankt, s. 181 Evert al-
lein aufgenommen; man möchte Erhard vorziehen und
Gerdt = Gerhard vergleichen. Ebenso unwahrschein-
lich dOnkt mich die annähme, dafs Evert aus Evehert
entstanden sei; man vergl. die hochdeutsche keiner vermit-
telang bedflrfende form Ebert. Unter namen auf -hart
begegnet s. 181 auch Melchert, ohne dafs zugleich nach
dem stamme gefragt wird, der sich durch das, was För-
stemann 900 bietet, auch nicht aufhellen läfst. Bis auf
weiteres darf es gestattet sein den namen Melchert, der
erst ans dem 16. jabrh« geschöpft ist, als Me Ich er aus
Melchior**) zu erklären. Bei Erloff (23) stehen -olf
und ableitendes -of auf der wähl, unnöthig, wie es scheint;
denn wie Eglof aus Eglolf (Agilolf) hervorgeht (Grimm
gramm. n, 330), so istErlof als Erlolf (För6temann389)
zo nehmen«
Ans der grolsen zahl höchst lehrreicher etymologien
verdient die treffende erklärung einiger berühmten namen,
deren Ursprung man oft bald so bald anders verkehrt an-
gegeben findet, insbesondere hervorgehoben zu werden:
Abel (Adelbold, Adelbolda), Ferdinand = Fri-
denand***), Harm (Harms) aus Herman****). Andere
*) Von Lindbert leiten Lttbben 801 und Ruprecht 8; vgl. Weinhold 86.
In dem ersten gliede kSnnte, an sich betrachtet, auch linb stecken (vergl.
linbhait» Linbheri bei Förstern. 868).
**) Alle drei sind heutige familiennamen. Anfüguig eines t an die aus-
lautende liquida kommt sumal in späterer zeit bei eigennamen oft genug
tot; YgL Pott 217.
***) Bei Fdsstemann nicht Torhanden. Zur metatheais vergL Ferdo as
Fredo •. 97, ftmer Alfert, Lempfert, Siefert.
****) Und nicht ana Hieronjmus, wie unter andern W. Wackemagel
im Sehweis. mna. 1, 98 und Becker 19 geartheilt haben.
230 AndreMu
dentungen, wie sich bei solchem gegenstände erwarten l&fst,
mögen dem bedenken räum geben. Die möglichkeit, welche
e. 32 versuchsweise auftritt, dafs die frauennamen Ima
undHelmswint identisch seien, bleibe hier dahingestellt;
desgleichen die erklärung des vomamens Flavius, dessen
sich langobardische und westgothische könige bedient ha-
ben, aus dem goth. frauja: näher liegt es einige andere
ableitungen zu beurtheilen. Wenn Sibo s. 114 mit recht
aus Sigi- mit folgendem b (-bold, -bert a.s. w.) ge-
leitet wird, so ist nicht einzusehen, weshalb dessen bekann-
tes deminutiv Sibicho (Sibuko, Syveke) auf Sige-
bodo, wie aus der darlegung des verf. hervorzugehen
scheint, beschränkt bleiben soll. Zu Lemke s= Lara-
precht wird s.143 angemerkt: „falls Lemke st. Lampke
und nicht statt Lanike d. i. Landico steht ^. Abgese-
hen von der Schwierigkeit, welche hier einem Übergänge
von n in m entgegenträte, gibt es noch vollnamen mit
Lem*, die den sichern Ursprung aus Land- mit folgen-
dem labiallaut beweisen (Lempfried, Lempfert, Lem-
fer,Lempert); zudem ist neben Lemke ja auch Lembke
bekannt''). Während es s. 69 von Hemke heifst, dafs
es vielleicht aus Helmke hervorgehe, findet sich s. 172
Zusammenstellung mit Henke. Was Förstemann 599, Pott
158, Weinhold 26 bieten, hier bei seite gelassen, genfige
es bei der zweifelhaftigkeit des Ursprungs folgende äofser-
lich vollkommen abereinstimmende gliederung hinzusetzen,
die etwa zu weiterer forschung dienen mag: Lemke**),
Lemme (Stark 143), Lempe, Lampe (124) und Hemke,
Hemme (172), Hempe, Hampe (beide 125). Wie die
erste gruppe sicher aus Lambert, Lamprecht stammt,
so kann, blofs lautlich genommen, der zweiten Haginbert
zu gründe liegen. Was s. 144 von Kobeke bemerkt steht,
vorzüglich die Verweisung auf das äufserst schwierige
Cobbo weiter zu verfolgen schafft mflhe und bedenken;
♦) Vgl. Weinhold 84. 86.
**) Vgl. Lamke und Lampsma bei Ruprecht 38, Lammeke (Lam-
me co: Weinh. 84) bei Stark 178, wo wieder auf land Terwiea«& wird,
Lambert nnberflckaichtigt bleibt.
anEeig«n. 281
kaam kann man es sich versagen die vermnthnng auszu-
sprechen, dafs wir es hier wiederam mit einem nndeut-
schen namen zu thun haben, nemlich mit Jakob*). Die
4* anmerk. auf s. 130 lautet: ^Gerdt kann bisweilen auch
Goerdt, Gord d.i. Godhard sein^; unter Gerd (138)
aber triffl; man den namen Goerdt nicht. Bis auf wei-
teres dürfte sich der satz umkehren und noch bestimmter
sagen lassen: Goerdt ist Gerdt; vgl. die heutigen ge-
schlechtsnamen Görhardt, Görcke, Göring. Die un-
bestrittene herkunft des namens Bening aus Bernhard
(171) hat den verf. veranlafst auch eines gewissen Coerdt
Penninck aus dem 16. jahrh. zu erwähnen. Der muis
wohl fem bleiben, da in seinem nachnamen deutlich die
mflnze steckt, woher eine menge heutiger familiennamen
rfihren, die ich hier, soviel ich ihrer habe wahrnehmen
können, mag die beziehung sein welche sie wolle, zusam-
menfasse: Pfennig, Penning und (altwestf.) Piening,
Gottspfenning, GQldenpfennig, Bedepenning,
Repenning und Reepen, Rennenpfennig, Schim-
melpfeng und Schimmelpenninck, Schmelzpfen-
nig, Wehrenpfennig, Weifspfennig, Winnenpfen-
nig, Wncherpfennig, Zehnpfennig, Zitterpennig.
Dem grundsatze, dafs die einstämmigen namen verkOrzun-
gen der zusammengesetzten sind, ist auch die deutung des
namens Eampo (Campe) anheimgefallen. Zwar weist
St (18) aus dem 15. jahrh. einen Friesen Olteke Eam-
ping nach, der gleich darauf Olteke Eaperdes (»Ka-
pert, Eampert, Eamphert^) genannt wird; allein
sollte das zur beseitigung der Selbständigkeit des einfachen
Wortes, welches sich so trefflich als beiname eignet**),
genflgen? Mit nagal zusammengesetzte namen kommen
wenn auch in sehr geringer anzahl vor; heifst es aber von
einem Giselbertns: „dictus Nagil^ (s. 50), so scheint
dieser zuname einfach zu nehmen. Eher leuchtet ein,
wenn von einem „Wolfhardus cognomine Lupus*
*) Vgl. Drisek« ans Andreas n. d. gl.
**) Vgl« 8. 168 UUkir Käppi (Umpfer, bald) im altnordiseh«n.
282 Andreseil
die rede ist (IS), dafs Lupus nur die Übersetzung des aus
Wolfbard verkürzten Wolf sei, obgleich diese kürzuog
wohl nicht ftkr alle fälle zugegeben werden darf. Um
ganz überzeugt zu sein, dafs Cirk = Sirck (Sigerik)
und nicht aus Cyriacus zu deuten sei (135), müfsten
andre beispiele des c für s (vom z ^ s sind hinreichend
gegeben) vor äugen treten. Weinhold 25 sichert den Ur-
sprung von Gesa aus Gertrud durch eine hannoversche
Urkunde; Stark aber bezieht sich, ohne dieser ableitung zu
gedenken, auf Geltrud (Giseltrud), läfst jedoch weder
den historischen noch den sprachlichen beweis hinreichend
erkennen. Wem von beiden mag geglaubt werden? Von
allen selten wird gelehrt und bestätigt, der friesische name
Jeppe sei ss Ebbe (Eberhard); diese erklärung findet
flieh zwar s. 40 ebenfalls angenommen', doch mit der ein-
schränkung: „wenn nicht bb Geppo^, und s« 128 ist le-
diglich von diesem zweiten stamme die rede. Was soll
nun das rechte sein?
Dafs die einstämmigen namen Bruno, Hugo keine
berücksichtigung gefunden haben, steht schon oben be-
merkt. Hinzugefügt kann hier werden Hatto, da die
s. 31 aufgeführte form Variante zu Hanto ist; ferner Odo,
Oddo (Förstem. 163; Weinh.39), Scacco(Weinh. 45.46),
Sido, Wendela und Windila (Forst. 1254. Weinh.58),
auch Hinz und Heinz. Mit beziehung auf s. 80, wo
von namen mit Fold- gehandelt wird, fällt mir ein, dafs
ich noch nirgends den heutigen geschlechtsnamen Folt-
mar, der doch nicht aus Fol km ar entstellt zu sein braucht,
verzeichnet gefunden habe. Grofses interesse gewährt
Fruohwin (42), zu fr noch an gehörig, bei Förstern, un-
vorhanden; die nahe berühruog mit Frowin (Grimm myth.
2. ansg. 192) legt die frage nahe, ob der von Pott 599
aus einem programm entlehnte name Froh win jener oder
dieser form gleichstehe (vgl. Froholf zu fruochan). Wes-
halb der verf. bei Hippeke (145) auf Hebe (127) ver-
weist, ist nicht einzusehen, da dieser letztere name einen
anderen stamm birgt, als bei Hibbo (118) und Hippe
(128) angegeben steht. Aaldrik (neben Wiohtert) als
anzeigen. 233
beispiel der bei Friesen sehr beliebten euphonischen ein-
Schiebung eines t (oder d) ist wohl deshalb wenig treffend,
weil sich in diesem namen ein Vorgang offenbart, der Ober
ganze sprachen, ältere und neuere, verbreitet ist; vgl. av-
Sgog^ Hendrik, Hundrich, fähndrich, baldrian, franz. moin*
dre, tendre n. s. w. Die s. 32 aufgeworfene frage, ob
Kalle = Karli, Karl, wie Weinhold 5 vermuthet, zu
ndimen sei, fordert nach meinem urtheil bejahung; vergl.
altn. kall (senex) statt karl (Grimm gramm. I^ 306), dän.
källing aus altn. kerling (anns), engl. Kell, Kelley aus
Charles (Höfer I, 329). Assimilation femer von Id in 11
(22) ist zu gewöhnlich, als dafs es einer hinweisung auf
das altnordische in diesem überwiegend so knapp gehalte*
nen buche bedurfte. Dagegen hätte bei der sogar als zwei-
felhaft bezeichneten Synkope des r in dem namen Bechta
weit eher Bechtold als engl. Bat (aus Bartholomaeus),
weil im englischen manches der art lieber fbr sich be-
trachtet wird*), herangezogen werden sollen. Dafs von
einem so ausgezeichneten kenner der friesischen spräche,
wie sich St. offenbart, die annähme einer Verwandtschafts-
bezeichnung in dem namen Söster stilisch weigends zu-
rückgewiesen wird, fordert aufinerksamkeit. Er fragt nach
Übereinstimmung mit Sestrit, und doch begegnet auch
im altd. Suester, Sustar (Förstern. 113); Weinhold
15 — 16 bezeichnet Fader, Moder, Broder, Söster,
Fedder als friesische verwandtschafl^namen. Drücke,
s. 72 blofs aus Seger entnommen, ist für Gertrud einem
grofsen theile der Rheinprovinz überaus geläufig, auch
Drückchen, in Hamburg Drütje (Pott 113); aufDrud-,
wie St. daneben ftir statthaft hält, darf nicht zurückge-
gangen werden. Weshalb s. 84 bei Matza, Metze der
Ursprung ausMahthild verschwiegen bleibt, dagegen den
gleich hinterher folgenden namen Hiza, Hizoihr stamm
beigeschrieben steht, beantwortet sich etwa aus der nicht
selten hervortretenden, schon oben angedeuteten ungleich-
artigkeit der behandlnng. In der langen reihe von bei-
♦) Dahin gehört auch Wat, Watty aus Walter (22).
234 Andreseil
spielen der nachbildaiig ans dem bereiche der nrsprfing-
liehen deutsehen namengebung (158 fg.) werden die drei
namen der alten heldensage, Heribrant, Hiltibrant
und Hadubrant, ungern vermifst Gegenfiber den vielen
fiülen, wo die erklärung entweder gar nicht oder nicht
deutlich and ausdrücklich genug hervortritt, sondern oft
blofs wissenschaftlich vorausgesetzt wird, hält es einigemal
schwer sich von der nothwendigkeit einer nebenbemerkong
zu fiberzeugen, z. b. dafs der name „Gord von Kord,
Kort d. i. Curt s=s Conrad zu scheiden^ sei (138 n. 3).
Den flberflufs bezeichnet auch die wiederholte hervorhe-
bung des aus der grammatik hinlänglich bekannten aus*
falls von d, g, b; vgl. s. 37 fg. 48. 84. Mehr f&Ut natür-
lich die fast buchstäbliche Wiederholung ganzer sätze aa^
sowie die doppelte aufftlhrung von namen mit gleichen be-
legen. Man sehe z. b. was s. 139 und 141 von -olf, -lof
und -lef gelehrt wird, halte im allgemeinen 139 fg. zu
185 fg.; man vergleiche Fidi s. 27 und 185, Ulbet 69
und 164, Meleff 186 und 187.
Die bezeichnung des ersten Stammes eines vollnamens
mit „anlautend^, des zweiten mit ^auslautende erscheint
nicht angemessen, um so weniger als die grammatik diese
ausdrücke zu wesentlich verschiedenen zwecken zu gebrau-
chen pflegt. Ohne noth bedient sich der verf. fitst bei
jeder gelegenheit des fremden harten und rauhen wertes
„ekthlipsis^.
Zu den am schlufs genannten Verbesserungen mufs
(aufser dem bereits bemerkten druckfehler in der zahl)
hinzutreten: s. 27 assimilation des rd (statt dr im buch);
störender ist, dafs sowohl s. 104 als im register 190 der
auslautende statt der anlautende konsonant (vgl. den
überblick s. 147) geschrieben steht.
Endlich ein wort über die beiden register, auf deren
ausführlichkeit im vorwort hingewiesen wird. Durchaus
angemessen ist das Sachregister und erfüllt jeden ersicht-
lichen zweck. Welcher grundsatz aber bei abfassung des
namenverzeichnisses gewaltet hat, kann man auch nach
einer sorgfältigen Untersuchung desselben nicht vollkommen
anzeigen. 235
deutlich erkennen, zu geschweigen, dafs auf jeden fall fbr
die praxis nicht hinreichend gesorgt worden ist. Anfangs,
als so viele namen nicht zu finden waren, fiel mir ein, es
sei immer nur der erste name einer vergleichenden bespre-
chung aufgenommen worden; aber gleich überzeugte ich
mich, dafs dies nicht der fall sei, was zudem keinerlei
denkbaren vorzug hätte. Es fehlen z. b. Eilger 49,
Egert 180, Melchert 181, Hillerck, Htnerk 184,
Hedlef 186. Wird entgegnet, das seien ja nicht eigent-
lich kosenamen, da ihre zweistämmigkeit deutlich offen
liege, so ist darauf zu erwidern, dafs för das Verzeichnis
auf diesen unterschied, dem überdies der rechte grund
mangelt, nirgends aufinerksam gemacht worden ist, und
ferner, dais in der that dergleichen namen öfters aufnähme
gefunden haben, z. b. zu s. 186 folgende lange reihe:
Aleff, Alof, Frellof, Gerleff, Graleff, Jallef,
Jullef, Luloff, Maroklef, Meleff, Rhenleff, Rio-
lef, Roelof*). Dennoch scheint es darauf hinaus zu
kommen, dafs der verf. sich vorgesetzt hat die einstAm-
migen und diejenigen zweistämmigen namen, welche ver-
möge der zusammenziehnng ebenfalls aus nur einem worte
gebildet scheinen (s. 10), zu verzeichnen, den übrigen je-
doch, auch wenn ihnen sonst eine eingebende besprechung
widerfthrt, im allgemeinen die aufnähme zu vei^sagen, eini-
gen jedoch zu gestatten. Den eben angemerkten friesi-
schen namen können hinzugefügt werden: Afbaldus 23,
Anagild, Anricns 51, Assemund 30, Bindelefa
186, Borghers 182, Freemar, Freerik 38, Fre-
thebern, Geilbern 187, Gilbert 48, sogar voUaus
Lamtbertus, Lamtramnus, Lamtvinus 45. Wer
sich aber belehren lassen will über Ferdinand, mufs in
der abhandlung selbst suchen; schwerlich wird er wissen,
dafs ihm allerdings im register Fern den weg weist.
Ebenso steht es um andre namen, deren erörterung grade
in diesem buche hervorragt und besondere aufmerksamkeit
*) Anfser Hedlef fehlen za dieser seite Oberhaupt nur Didelef und
Eakelef.
286 AndrtMni «Maigtii.
Terdient, s. b. Cirk (135), welcher name fiberdies
form wegen vollberechtigt erscheinen molBte, Härder
(179) u.a. Bisweilen trifft man statt zweier blofs eine
verweisang, z. b. zu Hemke, wo aolser 69 noch 172 nach«
zusehen ist.
Am Schlüsse dieser anzeige will ich den wünsch, des*
sen vollste berechtigung keinen zweifei leidet, auszuspre-
chen mir erlauben, da& es dem gelehrten verf., dem wir
fflr seine ausgezeichnete leistung so viel dank schuldig
sind, recht bald gefallen möge seine auf die erforschung
der namen jüngerer und jüngster bildung gerichteten stu«
dien (vgl. s. 157) ebenfalls der öffentlichkeit zu übergeben.
Eine solche arbeit, mit gleicher geschicklichkeit, wie sich
voraussetzen läfst, auf dieselben hervorragenden kenntnisse
und denselben andauernden fleifs gegründet, wird insbe-
sondere für die betrachtung der deutschen kulturgeschichte
von noch g^öiserem und jedenfalls mannigfaltigerem ge-
winne sein als selbst die gegenwärtige abhandlung, aus
der die Sprachforschung begreiflich am meisten hervor-
leuchtet; sie wird neue gesichtspunkte eröffnen, eine menge
hergebrachter und eingewurzelter irrthümer aufdecken, zahl-
reiche berichtigungen fast unvermerkt auszustreuen im
Stande sein und mit rücksicht auf die aufserordentlich vie-
len an sich" zweifelhaften f&Ile, die auf dem gebiete der
neueren gescblechtsnamen offenbar werden, noch mehr
proben jener Überlegung und vorsieht, wdche in der eben
besprochenen Schrift so vortheilhaft entgegentreten, zu «ei-
gen Veranlassung haben.
Berlin. K. G. Andresen.
Wörterbuch zn dr. Martin Luthen dtutsohen schriAen. Von Pb. Diets
in Marburg, 1. und 2, Ueferung von A — Dach. Loipiig 1S68. 884 as.
- lez.-8.
Ein vollständiges und zuverlSssiges Wörterbuch za
Luthers deutschen Schriften ist auch neben dem Grimm-
schen Wörterbuch nicht überflüssig, da es schon immerhin
Clemm, erklären^. 237
Ton groJber bedentang ist, den Wortschatz Lnthera in sei*
ner sonderang von dem anderer zeiten überblicken zn kön-
nen. Wenn sich nan aafserdem noch hier und da iQcken
im Grimmschen wörterbuche zeigen, so ist deren ausfallnng
durch die Yorliegende arbeit um so erwünschter, als der
Terfasser sich seiner aufgäbe durchaus gewachsen zeigt, die
er mit fleifs, verstand und umsieht ausgeführt hat. Das
buch ist nicht nur für den theologen und den besseres bi-
beWerstftndnifs suchenden laien, sondern auch f&r den
Sprachforscher von bedeutung. A. Kuhn.
Erklärang.
In herm R. Rödigers recension meiner dissert. de com-
positis Oraecis, quae a verbis incipiunt oben p. 66 ff. fin-
den sich thats&chliche Unrichtigkeiten, die mit stillschweigen
fibergangen worden werden, wenn sich nicht im anschlufs
an ihre erwfthnung die beantwortnng einer wissenschaftlich
wichtigen frage wenigstens andeutungsweise versuchen
Hefte.
Da ich mich über die entstehung der fraglichen com-
poeita in meiner schrift ausführlich ausgesprochen habe,
so kann ich nicht umhin, allen antheil an den seltsamen
vorBtellnngen meines hm. recensenten, wonach z. b. bei
meiner auffassung „ein menschlicher compositor als das
belebende princip*^ verbal- und nominalstämme zusammen-
gefllgt haben müfste u. dgl. m. abzulehnen. Hr. R. scherzt
wohl nur, wenn er sich auf p. 166 beruft, wo ich mit be-
zug auf gewisse komische Zusammensetzungen die betref-
fenden dichter vocabnlornm illorum compositores nannte. —
Wie viele sich mit hm. R. über die „offenbare petitio
principü*^ wundem werden, dafs ich mich im verlaufe mei-
ner Untersuchung auf das berief, was ich vorher, ohne ir-
gendwie eine „stillschweigende Voraussetzung^ zu postulie-
ren, gezeigt zu haben glaubte, mag dahin stehen, aber ist
nicht die reihe des verwundems an mir, wenn ich „trotz
memes widersprachs gegen Ghrimm bei f^l^avdQog^ xQva»
238 Clemm
'ävMQ and ähnlichen stets von weglassung des bmdeyocals
gesprochen^ haben soll? Da£s diese compp. je einen com-
positionsTOcal gehabt hätten^ konnte schon nach ihrer aof-
fahrung unter der rubrik: vocalis compositiva inserta non
est (p. 12) oder: membra nulla interposita Tooali conjiin<^
sunt (p. 24) kaum behauptet werden. — Gegen Justi habe
ich die schwachen participialformen nicht, wie hr. R« an-
giebt, in den ersten gliedern von skr. compp. wie vidad-
-vasu, bbar&d-vä^a geleugnet, sondern vielmehr in den letz-*
ten von karma-kft, pbana-bhft u. äbni., von jenen heilst
u. a. p. 49: in eis prioribus membris, quae sunt parti-
cipiorum praesentium debiliores, quas Focant, for*
mae cet. — Bei der Sammlung und Ordnung meines ma-
terials suchte ich allerdings eine solche Vollständigkeit zu
erreichen, dafs von dieser seite her wenigstens keine er-
heblichen einwände gegen meine resultate gemacht werden
könnten, aber mit den werten : omnia exempla qoam
potui diligentissime coUegi habe ich mir darum keineswegs
ein unverdientes lob anmafsen und etwa die mögliohkeit
ausschliefsen wollen, als liefsen sich nicht noch manche
beispiele nachtragen. Schon die schlu&bemerkungen meiner
abhandl. konnten mich, abgesehen von anderem, vor solcher
mifsdeutung bewahren. Uebrigens hätte das fehlen einxel-
ner, ohnehin in der masse verschwindender beispiele grade
bei hm. R. vielleicht gnade finden dürfen, da er in seiner
Schrift ganze dassen zahlreicher (ihm freilich unbequemer)
composita weggelassen hat, die ihn trotz „ihrer schwan-
kenden erklärung^ sehr nahe angiengen. — Dafs jenes ver-
hängnifsvolle diligentissime, seinem Zusammenhang entrissen,
gar noch herhalten mufs, den gegensatz zu versehen und
druckfeblern zu markieren, ist jedenfalls leichter erklärlich
als hm. R.S immuth über ausdrücke wie yerisimilius^ molto
simplicius u. a., die selbst als stützen meiner „unerträgli-
chen^ argumentation angesehen werden. Wäre dies der
fall, so würde sich hr. R. vermuthlich nicht mit dem aas-
druck subjectiven miüsbehagens begnügt, sondern den dro*
henden einsturz meines „mühsamen baus*^ bei dieser gele-
genheit in scene gesetzt haben. — Da die bestimmtheit^
erklärung. 239
mit welcher eine behauptnng auftritt, den mangelnden be-
weis f&r ihre richtigkeit nicht immer ersetzt, so wünschte
ich, es hätte hm. R. gefallen, die aufgeftindenen »trug-
Schlüsse^ wenigstens an einem Beispiel zu erläutern und
aach eine der „Terbalformen (sie) mit scheinbar eingescho-
benem (T^ zu nennen, die ich von aoriststämmen abgeleitet
haben soll. Hierffir wäre ich ihm ebenso dankbar gewesen,
ab ich es ft&r seine sorge um mein latein sein wQrde, wenn
er mir nur auch in dieser beziehung ein besseres vorbild
dnrch seine eigne schrift gegeben hätte, aus der ich ihm
eine blumeniese hier gerne erspare. Oder sollte ich mir
wirklich z. b. die classicität von gen. pl. bovum, ex eis
(membris) solute positis quocunque etiam modo conjunctis '
cet., quamvis insolentiorem formam und von vielem der art
zum muster nehmen?
Möge es mir schliefslich erlaubt sein, die meinung hm.
R.8 als irrig zu bezeichnen, wonach „meine ansieht mit
dem bindevocale steht und fällt *^. Zwar — impavidum
ferient minae, aber so gefährlich ist es wohl doch noch
nicht. Denn wer einen compositionsvocal nicht annimmt,
kann das e, i, o als thematisch d. h. als zu den betreffenden
tempusstämmen gehörig ansehen, ohne dafs dadurch meine
aoffiaasung wesentlich verändert wird. Schleicher und na-
mentlich Curtius haben den weg gezeigt, auf welchem hier,
wie ich glaube, fortzuschreiten ist. Wer also in *ix^'ai ==
fy^ig, *q>BQB^at «= q^i^aig^ in Hx^-rey (pige-re u. s. w. das
zweite £ nicht mehr für den sog. bindevocal, sondern für
thematisch hält, wird bei ix^'(pQuv^ (pepi^xagnog u. ähnl.
zu der gleichen auffassung berechtigt sein; wer im aorist-
stamm Xv-aa das a dem stamm selbst zuweist, wird in
Xvci-novog u. ähnl. lieber an eine Schwächung jenes a zu ^
als an einen compositionsvocal glauben. Sollten aber des-
halb die ersten glieder jener composita weniger leicht für
Verbalstämme gelten dürfen? Ich dächte nicht. Doch es
handelt sich hier nur um eine andeutung, nicht um die
aaaführung. Was hr. R. von „rein parasitischen anwüch-
sen^ redet, ist schwerlich überzeugender.
Qielsen. W. Clemm.
240 K5dig«r, antwort.
Antwort.
Auf die TorsteheDde erkl&rang habe ich nar wenig eq
erwideni. Dals ich heim Cl. durch ein veraehen meiner«
seits zugetraut habe, er wolle ein zur veretärknog des Ter*
balstammes affigiertes t aufser in karmakrt, pfaanabhrt,
^rutkarna u. dergl. auch in vidadvasu etc. anerkannt wis-
sen, thut mir ehrlich leid, und wie ich es jetzt thne, wäre
ich jederzeit, wenn nur darauf aufmerksam gemacht, bereit
gewesen es offen einzugestehen. Meine übrigen behaup-
tungen aber glaube ich trotz der auslassungen des herm
Cl. im wesentlichen durchaus aufrecht erhalten, und ohne
weiter für die sache unfruchtbare erörterungen anzuknQpfea,
es dem urtheile derer, die sich f&r unsere Streitsache in-
teressiren, überlassen zu können zwischen uns zu ent-
scheiden.
Der neue verschlag zur erkl&ruDg des an die Terbal-
Stämme antretenden a, », o, der natürlich meine angriflb
gegen den früher von herrn Cl. vertheidigten bindeTOcal
nicht zu unberechtigten macht, scheint mir sehr gewinn-
bringend nicht zu sein.
Dafs mein ton in der anzeige etwas hart sei, ist mir
auch von befreundeter seile gesagt worden; mein ehrliches
bestreben aber mich rein auf dem boden der objectivitit
zu halten beweist, denke ich, der schlufi^ der anzeige, d&r
ausdrücklich um etwa nöthige correction des an die Tor~
gebrachten thatsachen angelegten mafsstabes bittet.
Zum schlufs möchte ich zu meiner vertheidigung noch
auf eine nach meiner anzeige erschienene schrift aufmerk-
sam machen, deren Verfasser mit mir in seinem urtheile
über herm Cl.s arbeit vielfach zusammentriflFi: „Gustav
Schönberg, über griech. compp., in deren ersten gliedern
viele grammatiker verba erkennen. Mitau 1868'.
Rieh. Rödiger.
3m Verlage beS Unterzeichneten ifl evfc^ienen unb in allen $u(^^anb«
(ungen gu ^aben:
Säibliot^tf ber ältefien beutfc&en Sitteratutbenfmalert
herausgegeben üon ßloxVi ^qjne, Dr. phil., ^riuatbocent in
^aOe. '
I. iSaub. lllfilas ober bte uns erl)aUenen jDenkmaler ber gott^ifd^en ^pra^e.
2:e(t, ©rammatif unb SB8rter6u($. Gearbeitet unb herausgegeben toon
^erb. ^ttbro. 3tamm< ?a(lor an @t. ?ubgeri in ^ermflebt. 35iertc
Auflage, beforgt ))on Dr. ^ori^ %(^^^i $nt>atbocent in ^aUe.
1869. gr. 8. 380 leiten, geb. 1 Zf)U, 20 @gr.
2)iefe 4. Sinflage ifl fotool im Se^e (bnrd^ ^enu^ung loon Uppfirdm9
Snateften) a{9 im ©loffar, bad gang neu gearbeitet unb aufd bo^^ette unb
me^ir erweitert ifl, »efentlic^ öerbeffert unb »ermejrt.
II. SBanb. ;aitnieberbeu(fd)e Denkmäler. 1. !$:eil: ^elianb. ÜJ^it au^Wr^
iidftm ©toffar herausgegeben toon Dr. idori^ ^et)net 1865. gr. 8.
388 leiten, gc^. 2 X^Ir.
III. 33anb. fitbmif. iWit auöfübrücbem ©toffar herausgegeben t5on Dr.
^ori^ geijne. 1868. gr. 8. 288 (Seiten. 3»eite Zuflöge, ge^.
1 Z\)U. 10 @gr.
IV. Qanb. ;%ltnttberbeutrd)r Denkmäler. 2. !i:ei(: kleinere altnieber-
beutr^e jDenkmäler. üJ2it ausführlichem ^(offar herausgegeben V)on
Dr. ^orifj J^ei^ne. 208 ©eitcn. 8. ge^. 1 Zf^U.
9IS grammatifc^eS Hilfsmittel reibt fidf biefen Gänben an:
fkviV}t (ßrammatik ber allgemeinen 5prQd)|läinme. ($iOtV\\^, ^Itboc^beutfd^,
2Htfä(^fif(b, Slngelfäcbfifc^, «Itfriepfcb, 9IttnorbiJ(b. 1. Steil: ^urjc.
^aut- unb <flrrion6lei)re ber a(tgermanif(^en <8^ra(bfiämme. heraus*
gegeben toon flX, Sei)ne. 1862. gr. 8. 342 «Seiten, geb. 1 S^fr.
10 @gr.
2)ic Strbeiten fiH, ^eijne^e^ ber aucj neuerbingS ttjieber oU jÄitorbelter
an (5rimm*0 beutrd)em lOorterbu^e feine gfängenbe gä^igfeit, (^(of[are gu
öerfaffen, betoiefen \)at, flnb t)on ber geteerten Söett als toorjüglicj an*
erfannt.
gerner crfc^ien:
aSBalt^ec öon aq[Uttattiett» ^elbengebt^t in 12 ©efängen
iiberfeftt unb mit ©rlauterungen unb Seitragen jur J^elbenfage
unb SKptl^ologie »erfe^en Don jFranj finnig. 160 Seiten. 8.
ge^. 10 ©gr. l^übfd^ cartoniert 12 ©gr.
$aberborn. Sfetbinanb Sc^öning^.
In Ferd. Dttmmler's Yerlagsbachhandluiig (Harrwitz und Gofs-
mann) in Berlin sind erschienen:
^ann^arbt (WillyelmX Die Korndämonen. Beitrag zur
germanischen Sittenkunde. 1868. 8. geh. 12 Sgr.
«odjljol^ (^rof. «. f.)^ 53eutj^er (Slaufce unb ©rau(% im
@^)iegel ber ^eibnif^en Sorjeit. 3»ci S3anbe* 8. 1867.
a3elin^)a^)ier. gel^. 3 Sl^lr.
2)icfeS SBerf bringt über eine große Slnjal^ »eit verbreiteter, nament*
ücb oberbeutfc^er (Sitten unb (S^ebräudbe, bie merbottrbigfleu SJZitt^ilungen
unb f^arfllnnigflen Sluffc^tüffc ; »ir führen Jier nur an: OberbeutMc lOei^en»
brauci^e; !2)erifno((encuItuS; Merfeefenbrob; ^eutf^e!Cßc(^entaQe;9(eman'
nifc^eS S^o^n^auS; 9{ot^ unb ®Iau, bie beutfd^en 8eib# unb 92ationatfarben.
In Ferd. Dümmler's Verlagsbnchhandlan^ (Harrwitz und Gof»-
mann) in Berlin ist erschienen:
^irUngcr (Dr. ^nton), Die alemannische Sprache rechts
des Rheins seit dem XIII. Jahrhundert. Erster Teil:
Grenzen, Jahrzeitnamen, Grammatik. 1 868. gr. 8. 1 Thlr.
10 Sgr.
Dieses Werk ist gewisserfnafsen eine Er^znng Ton Weinhold's
Alemannischer Grammatik, dtQ das Alemannische besonders in seiner
älteren Gestalt darstellt, w&hrend die vorliegende Arbeit mehr die lebende
Sprache berücksichtigt
In der Dieterich'schen Bachhandlang in Göttingen ist erschienen:
Philologischer Anzeiger.
• als Beiblatt zum Fhilologus
herausgegeben von
Professor £. von Leutsch.
Jahrgang 1869. 12 Nummern. 1 Thlr. 20 Sgr.
Der Philologische Anzeiger, als Beiblatt znm Philologua, wird mit
demselben dahin streben, dem phil. Pnblicmn die aaf dem Gebiete der
claasischen Philologie erscheinende wissenschaftliche Literatur des In- und
Auslandes schnell zur Kenntniss zu bringen und deren Werth zu ermitteln.
3n betn untergei^neten Verlage ftnb fclfjenbe @d^riften erf^ienen:
!Bmtai)0 (^id^atl)^ Ueber Kritik und Geschichte
des Groethe'schen Textes. 1866. Velinpapier, gr. 8.
geh. 15 Sgr.
Diese kleine Schrift stellt durch zahlreiche Beispiele unwider-
leglich fest, wie verderbt der Text ist, den wir bisher in Goethe's
Werken lasen. Sie ist allen Verehrern unsers grofsen Dichters zu
empfehlen.
®rimm f^acob), Ueber den Ursprung der Sprache.
Sechste Auflage. 1866. 8: ff eh. 10 Sgr.
, Rede auf Wilhelm Grimm und Rede
über das Alter. Herausgegeben von Herman Grrimm.
Dritte Auflage. 1865. Vefinpapier. 8. geh. 10 Sgr.
jitritttlial (Prof. Dr. $.), Ged&chtnifsrede auf
Wilhelm von Humboldt an seinem hundert fthrigen
Geburtstage gehalten. 1867. Velinpapier, gr. 8.
geh. 6 Sgr.
;?lbf l (Dr. (L\ Ueber ®pxaä)t alö ÄuebrucI nationaler
©enfwetfc. ein JBortrag. 1869. gr. 16. ge^. 5 ©gt.
^hrlin^rr (^nton)« @o fprec^en bie ^ä)\Dahtn.
@))rtd^n)orter, 9fteben9arten, Stetme. 1868. SSelin^a^iet.
(9 Sogen). 16. 12 @gr.
jTa^antB (9)rof. 0L\ Hebet ben Urf^rung ber (Sitten.
Stoßet abbrnd. 1867. 8. gel^. 8 ©gr.
Berlin. 9erb. SJtrninlet*^ Setloo^lm^^oiiMmg.
(^armit nnb dhofimann.)
A. W. 8ehade*0 Baebdrsekenl (L. Schad«) In BwUtt, SttfteehrilbMttr. 47.
1f
ZEITSCHRIFT
fOb
VERGLEICHENDE
SPRACHFORSCHUNG
AUF DEM GEBIETE DES
DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND
LATEINISCHEN
HERAUSGEGEBEN
Dr. ABAXiBBlkT SlffBir,
PROIS880B Ali OSLHUOBBH OmVAmCM SV BBBU«.
BAND XVm.
VIERTES UND FÜNFTBS HEFT.
BERLIN,
FBRD. DÜMMLER'S TERLAGSBÜCHHANDLUNO
(BAKBWITZ ÜBD GOSSHAinf)
1869.
Inhalt. Seite
AltoBkische Sprachdenkmäler in grieohiflcher icbrift. Von W.
Co rasen. (Fortsetzung) 241
Ueber die entstehnng des o aas u im lateinischen. Von F. Froehde 258
Zum ostfränkischen vokalismus. Von Heinrich 6 radl . . . 263
Anzeigen: Grammaire compar^e des langues classiqaes, contenant
la th^orie ^iementaire de la Formation des mots en Sanscrit,
an Grec et en Latin avec r^ferences auz ianffues Germaniques
par F. Baudrj, 1'* partie: Phon^tique. Angezeigt Ton H.
Schweizer-Sidler 284
Ueber ausspräche, vokalismus und betonung der lateinischen
spräche. Von W. Corssen. Zweite umgearbeitete ausgäbe.
Angezeigt von H. Sohweizer-8idler 291
Miscellen: Ariyat und J^gi^yvvfji^, Von G. Schönberg . . . 311
Lateinische wortdeutungen. Von F. Froehde 313
Nachruf. (Aug. Schleicher). Von Johannes Schmidt • . 315
Anzeige: Wilhelm Scherer, zur eeschichte der deutschen
Sprache. Angezeigt von Adalbert Kuhn 321
Miscellen: l)Lira u. porca das aokerbeet, fieXhijdie hirse, malva
die malve. 2) Allerlei: xdgffioq^ nlpai u. s. w. Von A. Fick 412
Beilagen: Prospectus. Lexicon Sophooleum composuit Fridericus
Ellendt. £ditio altera. Berolini. Sumptibus fratrum Bomtraeger.
Verzeichnifs von linguistischen Werken. Verlag von Trübner 9l Co.
in London.
In Ferd. Dümmler's Yerlagsbachhandlimg (HarrwiU und Gofs-
mann) in Berlin ist erschienen:
ISein^olb (Aarl)^ ^rammatifc ber beutfd)en Ittunbarten.
Erster Theil: Alemannische Grammatik. 1863. gr. 8.
geh. 3 Thlr. 10 Sgr.
Zweiter Theil: Bairische Grammatik. 1867. gr. 8. geh.
2 Thlr. 20 Sgr.
Nachdem darch Jacob Grimm die geschichtliche Grammatik der ger-
manischen Sprache in bewondemswerther Art geschaffen und durch eine Reihe
von Forschern einzelne Theile derselben von verschiedenen Standpunkten be-
handelt worden, wandte sich die Auftnerksamkeit mit Vorliebe der Ergrttn-
dang der deutschen Mundarten zu. Eine Anzahl von Idiotiken entstand,
durch welche die Keuntnifs des deutschen Wortschatzes bedeutend gefördert
ward. Noch fehlt es aber an einem Werke, welches die grammatischen Ver-
hältnisse der einzelnen deutschen Dialekte nach festerem Plane nicht blos
nach ihrem heutigen Zustande, sondern nach ihrer ganzen Entwickelung be-
arbeitete, welches demnach eine wichtige und Ifingst verlangte Ergttnzimg zu
Grimmas Grammatik gäbe.
Prof. Weinhold beabsichtigt diese Lttcke auszufüllen und will die Dia-
lekte der Alemannen, Baiern, Franken, Tfattringer, Sachsen und Friesen in
einer Reihe von Bänden graumiatisch darstellen, so dafs die Lautverhältnisae,
die Wortbildung und die Wortbiegung von den ältesten Zeiten an und so-
weit die Quellen zugänglich smd , wie* J. Grimm dies an den germanisehen
Hauptdialekten lehrte, entwickelt werden.
Consen, altoskische Sprachdenkmäler in gn ech. schrift. 241
Altoskische Sprachdenkmäler in griechischer
Schrift»
(Fortsetzung.)
In der bildung des perfectsuffixea entspricht liok-ak-
. e i - 1 genau der oskischen perfectform leik-ei-t,der umbr.
treb-ei-t, den lat fun-ei-t, po-sed-ei-t u. a. In
osk« ac-nm und liok-ak-ei-t verhält sich die wurzelform
ak- zu der wurzelform ag- in lat. ag-ere u. a. (Verf.
aasspr. I, 396« 2 ag.) wie die wzf. pak- in pac-i-t, pac-
•i-sc-i zu wzf. pag- in pag-unt, pang-o (a. o. 393)
und wzf. plak- in lit. plak-ü, schlage zu wzf. plag- in
plag-a, schlag, plang-ere n. a. (a. o. 395). Von den
hier seit alter zeit neben einander erscheinenden wurzelfor-
men, die auf k und auf g auslauten, ist die erstere aller
Wahrscheinlichkeit nach die ältere, so dafs schon in der
Yorzeit der indogermanischen sprachen eine erweichung der
tennis zur media stattgefunden hat. Nach dem gesagten
bedeutet also liokakeit in der grabschrift von Anzi so
viel wie col-locavit.
Die unmittelbar Forhergehende form xio.axsQfjissko.a,-
oh er ei hat ganz die gestalt einer locativform eines o-stam-
mes wie alttrei, poterei-, thesavrei, Frentrei u. a.
(Momms. U. D. s. 230), wie diese beiden letzten Wertfor-
men mit dem suffix -ro gebildet. Es ist auch einleuchtend,
dafie» .ach- in jener form wurzelhafter bestandtheil und ko-
die oskische präposition com- ist, die auch in dem oom-
poeitum com-parasc-ust-er erscheint (Verf. zeitschr.
IX, 162). Welches der vor .ach- verschwundene buch-
stabe gewesen ist, wage ich auch nicht vermuthungs weise
auszusprechen. Jedenfalls liegt die schlufsfolgerung nahe,
dafs die locativform ko. acherei unmittelbar vor liok-
akeit ^ lat collocavit gestellt ein nomen ist, das den
ort bezeichnet, wo das grabdenkmal gesetzt ist, etwa mit
dem sinne in consecrato loco oder in loco maceria
cincto, in consaepto oder in area. Weiter vermag
ich tiber jene wortform nichts su ermitteln.
Z«it8ehr. f. vgl. sprmchf. XVm, 4. 16
242 Comaü
Nach der bisher geführten Untersuchung kann Ka-
-^-a-^ = Ka-h-a-8 nur der nominativ des snbjectes des
Vordersatzes sein, das, wie sich ergeben wird, auch im
nachsatze bleibt, der name desjenigen mannes, der das
grabmal „dargebracht^ oder „versprochen hat^: leikeit,
und es „gesetzt hat^: liokakeit. In Ka^/^-a-g^ Ka*
-h-a-s ist das schriftzeichen / die bezei ebnung des laut-
hauches zwischen zwei getrennt ausgesprochenen vokalen
wie in ^o^Ao->-o^f4 = vollo-h-om. Der name zeigt die-
selbe alterthümliche nominativform eines auf ar auslauten-
den männlichen Stammes wie Tan-a*s in einer sehr alten
samnitischen inschrift von Aspromonte unweit des alten
Bovianum (Momms. U. D. s. 174, VUI) und Mag-a-g
in der Mamertiner inschrift von Messina (a. o. s. 193,
XXXIX), beides altoskische vornamen. Dieselbe nomi-
nativform alter männlicher a- stamme hat sich erhalten
in den altlateinischen compositen parri-cid-a-s und
hosti-cap-a-s (Verf. ausspr. I, 588. 2ag.). Die geni-
tivform eines so gebildeten mannesnamens ist erhalten
in der au£schrift einer nolanischen vase mit etruskischer
Schrift: Marahieis Puntais (Mommsen a. o. 8. 314),
wo Punta-is gen. sing, eines Zunamens Punt-a-8 ist.
Marai. Maqai, in den Verbindungen: Paakul Mulukiis
Marai und Magat ^Yaovviov (Momms. unterit. dial.
p. 178, XVI. 192, XXXVIU) sind keine genitivformen
von Mar*a-s, sondern abgekürzte Schreibweisen für *Ma-
raiieis, eine namensform, die sich auf der tafd von Pie-
trabbondante vollständig erhalten hat (yer£ zeitschr. XI,
403 f. 411 f.) oder Ar Maraies einer lukanischen bronze-
platte ( Pabretti , Memorie d. deputaz. di storia della Ro-
magna anno 3^. Im messapischen sind die nominativfor-
men von mannesnamen auf -a-s häufig; so Ja^tjiovag^
Ja^if^ag^ Ja^Ofiag^ Jijravo^ag^ /.i/a^iag, Oboto^
gccg^ KccXarogag^ KqiO ovagj ^anagsSovagy Ao^
yerißccg, Mok8aj.iag^ Mogxo/^iag ^ So/^tdovag^
nXaxogag u. a. (Momms. a. o. s. 74 f. 80. 81). Der lu-
kanische name Ka-h-a-s scheint desselben Stammes zu
sein wielat. ca-tu-s, Varr. L.L. VII,46: Apud Ennkim:
altoskische dprachdenkmlüer in griech. schrift. 24S
j^Jam cata signa fera sonitum dare vooe parabant^, cata
acuta; hoo eoim verbo dicaat Sabini; quare: ^oatus
Aelius Sextu8% non, ut aiunt, sapiens, sed acutus,
et quod est: „Tuno cepit memorare simul cata dicta%
accipienda acuta dicta. Dieses ca-tu-s „scharf, scharf-
sinnig, klug^ von WZ« ka- (J. Schmidt, die wurzel AK-,
8. 10. 11) ist weiter gebildet in den römischen namen
Ca-t-iu-8, Ca-tu-lu-s, Cft-ti-1-lu-s (Cft-ti-l-u-s),
Ca-t-o, Ca-t-ul-lu*s. Demoach bedeutet Ka-h-as
„der scharfsinnige, kluge, schlaue^ wie Tan-a-s, verwandt
mit skr. tan-u-s dünn, griech. tav-a^o-g lang, lat. ten-
-u-i-s, ahd. dunn-i dünn (Curt. Gr. Et. n. 230. 2ag.)
„der schlanke^ und Mar-a-s verwandt mit lat. Mar-
•ia-s, Mar«o, mer»u*s, Mar-(t)-s, griech. /ua(>-ju a(»-
^zo-g u. a. (Verf. ausspr. I, 404 f.) „der glänzende^. Die
einfache namensform Kahas beweist, dafs die grabschriffc
von Ansi aus ebenso alter zeit stammt wie die von Sor-
rento mit ihrer einnamigen aufschrift Virin eis, und da*
fbr sprechen auch die Orthographie der inschrift und meh-
rere alterthümliche wortformen derselben, von denen noch
weiter unten die rede sein wird.
Aus dem bisher gefundenen sinn der inschrift ergiebt
sich, dafs neben dem namen Kahas des mannes, der das
grabmal setzt, auch der name des verstorbenen in dersel-
ben enthalten sein mufs, dem dasselbe gesetzt wird. Die-
sen kann man nur suchen in den letzten buchstaben der
inschrift fitiaiava^ deren letzter, von dem nur ein schrä-
ger Schenkel erhalten ist, jedenfalls zu a ergänzt werden
kann. Da hinter diesem a auf dem architrav des tempeU
giebels, den der grabstein von Anzi darstellt, jedenfalls
noch platz ist f&r den buchstaben i, so darf man jene
buchstabenfolge ergänzen zu einer dativform Mtiatava[i\
Zwei namen fQr den verstorbenen, etwa einen Vornamen
und einen familiennamen , darf man nicht annehmen, da
auch derjenige, der das grabmal setzt, nur den einen na-
men Kahas fahrt. Mei-ai-ana-i könnte dativ eines fe-
mininen namens sein, wenn nicht das an dem unteren bruch
des grabsteines noch sichtbare köpf haar der auf demselben
16*
244 ConM&
dargestellten person zeigten, dafs der yeratorbene ein i
war. Also mnfs man von jener dativform auf eine nomi-
natiTform *Mei-ai-ana-8 derselben art wie Eaha-e,
Mara-8, Tana-s schliefseD, welche die anffixe -aio
(-aiio) und -ano enthält wie die oskischen namensfortneD
Pomp-aii-an-8 , Pomp-aii-aoa-i, Bov-ai-ano-d.
Das grandwort, das nach ablösung dieser suffixe übrig
bleibt, Me-io<- ist schwerlich etwas anderes als der stamm
Ma-iio* in der dativform Ma-iio-i des cippns von Abella
und in dem namen Ma-io-g der inschrifb Ton Ischia, also
von Mah-ii-s =s: lat. Mag-iu-s nnr durch den ausfali
des gutturalen lautes verschieden (Verf. Z. XI, 327 f.)*
Es bleibt endlich noch die wortform (tf a^ := svam
der vorliegenden inschrift zu erkl&ren. Die erg&nzung des
letzten unvollständigen buchstabens derselben zu ju ist um
so sicherer, da nur dieser den räum zwischen dem raade
des Steines und dem e von scot ausf&Ut, während die er«
gänznng desselben zu A zu anfang der zeile einen leeren
räum auf dem architrav des durch den grabstein darge-
stellten tempelgiebels Qbrig lassen wQrde. Dieses sva-m
erscheint als eine feminine aecusatiTform des pronominal*
Stammes sva- wie osk. pa«m, pa-n, lat. qua-m vom re-
lativen pronominalstamme ka- (Momms. unterit. dial. s. 291.
Verf. zeitschr. XI, 403. 414. Ausspr. I, 115. 2 ag.), lat
ta-m vom demonstrativen pronominalstamme ta- und lat
na-m vom pronominalstamme na- (Verf. krit. beitr. e. 289«
290). Osk. sva-m kann also jeden&lls adverbielle bedeu-
tung haben wie ta-m, qua-m, pala-m, cora-m, per-
pera-m, promisca-m, protina-m, bifaria-m, tri*
faria-m (Verf. ausspr. I, 769 anm. 2ag.) und die art und
weise bezeichnen. Sva-m ist zunächst verwandt mit der
altlateinischen form sua-d, einer femininen ablativform des
pronominalstammes sva-, die sie bedeutet (Fest. p. 3öL
Verf. a. o. I, 196 f. 201 ), und dieselbe bedeutung ist daher
auch far osk. sva-m anzunehmen. Es bedeutet im zu-
sammenhange der grabschrifl von Anzi als adverbium zu
dem verbum liokakeit s=s lat. collocavit, dais Kahas
das grabmal „so^ gesetzt hat, wie es eben fertig dasteht
altosiuBohe sprachdenkmVler in griecb. sohrift.
845
▼or den äugen deqenigen, der die inscfariffc desselben liest.
Als ortsadverbium kann man sva-m nicht fassen, da die
bestimmung des ortes fbr das grahmal schon in der Ter»
stflmmeltexi locativform ko. ach er ei gegeben ist.
Nachdem ich ron der Orthographie der grabschrift,
Ton jedem lautbestandtheil und büdungsbestandtheil ihrer
wortformen wie von ihrer bedeutang rechenschaft abge-
legt habe, gebe ich hier die inschrift noch eipmal in grie*
chischer und lateinischer schrift mit der Übersetzung in
das lateinische, die letztere f&r einige wortformen doppelt
einmal im engen anschlufs an die etymolc^e der oskischen
Wörter, dann gemftfs dem sprachgebranche lateinischer grab-
schriften:
sorovom einim
praeditum aoQtp et
et
leikeit^
pollicitas est,
esot
hoc
ßgartafA
bratom
Votum
Pot Yollohom
Quod yallare
Quod exstruere cinerarium
xaniSiTiOfi Ka/ag
kapiditom Eahas
capide (sepulcrum) Cahas
ollarium
xw.ax^Qfji^ kioxaxBit a^ajA
ko. acherei liokakeit svam
in CO ö collocayit sie
Meiaianai.
Meiaianae.
Die grabschrift von Anzi wird also durch die einna*
migkeit der in derselben erwähnten personen neben der
griechischen schrift in dieselbe zeit gewiesen, wie die grab-
schrift von Sorrento, also in die jähre von 421 bis 338
vor Christus. Auch die Verwendung des schriftzeichens >c
zur bezeichnung des zwischen zwei getrennt gesprochenen
vokalen entstehenden lauthauches theilt die besprochene
grabschrift von allen oskischen Sprachdenkmälern nur mit
der opferurkunde von Agnone. Diese zeigt sehr alterthOm-
Hche bncbstabenformen mit nnregelm&fsigen stumpfen und
S46 Conaen
spitzen winkeln, spitz anslanfenden enden der schenke!
and Verlängerungen derselben Über ihren Scheitelpunkt hin-
aus ohne jede ligatur, bnchstabenformen , wie sie die äl-
teste oskische schrift der münzaufschriften von Phistelia
aufweist, die Mommsen vor 354 vor Chr. setzt. Die spä-
tere oskische schrift, wie sie namentlich der Cippns von
Abella aufweist, zeigt hingegen durchweg eine spätere, sehr
regelmäfsige, rechtwinklige form der bnchstaben, deren
schenke! niemals über ihren Scheitelpunkt verlängert und
deren schenkelenden durch kleine querstriche geschlossen
sind, und zahlreiche ligaturen auf einander folgender bnch-
staben. Auch die wortformen der opferurkunde von Agnone
zeigen spuren eines bedeutend höheren alters wie die wort-
formen des cippus von Abella.
Wenn somit durch ihre einnamigkeit wie durch ihre
Schrift und Orthographie die grabschrift von Anzi bis in
das fQnfte Jahrhundert vor Christus zurückgewiesen wird,
so wird dieses ergebnifs durch alterthfimliche und sprach-
geschichtlich wichtige wortformen bestätigt. Die nomina-
tivform Eahas wahrt nicht blos das a des männlichen
wortstammes, sondern auch das s des nominativs wie Ta-
nas, Maras in altoskischen und lat. parricidas nnd
hosticapas aus altlateinischen Sprachdenkmälern der äl-
testen zeit. Der infinit! v voll oh om zeigt die ältere en-
dung -om, während spätere oskische Inschriften nur -um
aufweisen, wie oben nachgewiesen ist. Die neutralen ac-
cusativformen der pronomina esot nnd pot haben das ur-
sprüngliche t der neutralen nominativformen und accusa-
tivformen erhalten. Zwar bieten handschriften des Festoa
noch die Schreibweisen pit-pit, pip-pit fQr die der la-
teinischen quid-quid entsprechende oskische pronominal-
form; aber in diesen kann auslautend t statt d geschrie-
ben sein, wie in Inschriften der kaiserzeit it, quit, qnot,
quitquit, quitquam, illut, aliut. Kein oskiecbes
Sprachdenkmal hat aufser der grabschrift von Anzi das ur-
sprüngliche neutrale t der pronominalformen gewahrt; schon
die opferurknnde von Agnone hat dasselbe zu d erweicht
in -pid 3s lat. quid von potereipid wie die ältesten
altOBkische spraehdenkmXler in griech. schrift. 247
Ulis erhalteneD lateinischen Inschriften in id, quid, qnod,
w&brend seit der Angusteischen zeit f&r dieses d i^ieder
das ursprüngliche t geschrieben wird (Yerf. ausspr. I, 192
— 194. 2 ag.). Die perfectformen leikeit und liokakeit
haben das t des Personalpronomens der dritten person un-
versehrt erhalten wie ombnet in der altoskiscben tafel
von Pietrabbondante (Verf. zeitschr. XI, 414) und öbSst in
der ebenfalls altosk. weiheinschrift des helmes von Palermo,
die weiter unten zur spräche kommen wird (Verf. ausspr.
I, 195). Die Opferurkunde von Agnone enth< keine for-
men der dritten pere. sing. ind. perf. act. ; aber sie wahrt
das ursprüngliche t in der dritten pers. sing. conj. praes.
stait r» lat. stet (Verf. zeitschr. XIII, 250 f. 253 f.) und
in der 3. pers. plur. ind« praes. eestint as exstant (a. o.
XI, 370. XIH, 231). Das auslautende t der 3. pers. sing,
ind. perf. ist schon zu d erweicht in der sonst sehr alter-
thQmlichen form einer samnitischen tempelinschrift von Bo-
vianum dadikatted = lat dedicavit (a. o. XI, 363.
368 f.) und in unated a» unavit in der inschrift eines
samnitischen censors von Bovianum (a. o. 403. 416) und
regelmAfsig in den formen späterer oskischer Sprachdenk-
mäler: deded, kombened, proffed, opsed, profat-
tedy aamanaffed (a. o. XIII, 253. Verf. ausspr. I, 195.
2 ag.). In der 3. pers. sing. ind. praes. hat noch die spät-
oskische form faamat das auslautende t gewahrt (Verf.
seitschr. XIII, 253. 259) und dem altoskiscben stait ent-
sprechend findet sich noch auf der tafel von Bantia die
3. pers. sing. conj. praes. tadait (a. o. 253). Aber in der
regel ist das auslautende t dieser conjunctivform im oski-
sohen zu d erweicht wie in fuid, fusid, hipid, pruhi-
pid, fefacid, potiad, heriiad, deivaid (a, o. XIII,
252. 253. Verf. ausspr. I, 195. 2 ag.). Die endung der
dritten person pluralis -nt hat sich nur erhalten in der
altoskiscben form eestint, sonst zu t erleichtert wie in
86t SS sunt und in den futurformen censazet, triba-
rakattuset, angetuzet (Ver£ zeitschr. XIII, 250. 254f.)
oder zu -ns abgeschwächt in der 3« pers. plur. ind. praes.
eitons (a. o. XIII, 259 f.), in der 3. pers. plur. ind. per£
248 Gonsen
teremnattens und uapsens, ovnaBvg (a. o. 254) and
in den formen der 3. pers. plor. conj. deicans, potlans,
tribarakattins, patensins (a. o.). Im oskischen nnd
umbrischen hat so wenig wie im lateinischen ein onterschied
bestanden zwischen sogenannten starken und schwätzen
verbalendungen (Verf. zeitschr. XI, 350f. XIII, 250). Die
älteren oskischen Sprachdenkmäler haben das -t und -nt
der dritten person von verbalformen im ganzen treuer ge-
wahrt, als die späteren. Die formen leikeit und lioka-
keit bezeugen also das hohe alter der grabschrifk von
Anzi einmal durch Währung des t, dann aber auch durch
die bezeichnung des urspranglichen eharaktervokals I durch
6i, das die späteren oskischen sprachdenkmiüer in den
formen wie deded, kombened u. a. zu e abgeschwächt
haben.
Für die geschichte der italischen conjngation sind
wichtig die beiden formen vollo-h-om ss lat. valla-re
und kapidl-to-m, wie oben nachgewiesen ist, eigentlich
eine neutrale participialform eines oskischen verbum *ka-
pidi-om, das lateinischen wie vestl-re entspricht, indem
sie das Vorhandensein einer o-conjngation und einer i-con-
jugation für den oskischen dialekt aufser zweifei setzen.
Sicher sind also in den formen poti-ad, poti-ans
vom verbum poti-nm =s lat. potl-ri conjunctivfonnen
wie audi-at, audi-ant von audl-re (Verf. zeitschr. XI,
338. 344 f. 356 f. Ausspr. I, 425. 2 ag.) erhalten; ebenso
gehören der i- conjngation an die conjunctivfonnen heri*
-iad, umbr. heri-iei (zeitschr. XI, 334£ 355) u. a. (Verf.
ausspr. I, 468 f. 2 ag.). Auch fa-t-l-om „sprechen^ ist.
hiernach ein verbum der i-conjugation, gebildet vom nomen
f a - 1 i - = griech. (pa-Ti-^ während das lateinische deno-
minativum fa-t-e-ri „gestehen^ der e-conjugation gefolgt
ist (Verf zeitschr. XI, 344. Ausspr. I, 421 f ). In amfr-e-t
= lat. amb-i-unt von einem verbum '^amfr-l-um as
lat. amb-i-re (Kirchh. stadtr. v. Bant. s. 9. Zeitschr. U,
382) ist ursprüngliches i vor der personalendung t zu e
geschwächt wie in den perfectformen deded, oombened
u. a. Also auch amfr-e-t gehört in demselben sinne det
altoskische sprachdenkmiler in griech. schrift. 249
i-conjugati<m an wie lat. amb-l-re nhd das einfache I-re.
Hingegen wird man die oskischeo formen liip-id, pru-
-faip-id, hip-o*st, prn-bip-u-8t neben lat. hab*a-
-erit, pro-hib-u-erit, habe-re, pro»hib6-re, umbr-
habe, habe-ta (Eirchh. a. o. 8. 37. Zeitschr. IQ, 419.
XI, 371. AK. umbr. sprachd. I, 140) nicht umhin können
fbr formen eines verbum der e-conjugation ^hape*um zu
bähen, das dem lateinischen habe-re entspricht. Von
einem oskischen verbam ^lonk^-um = altlat. *loace-re,
lucö-re ist auch der oskische beinamen des Jupiter Lu-
ce-t-iu-8 ausgegangen (Serv. Verg. Aen. IX, 570. Momms.
unterit. dial. s. 274. Verf. krit. beitr. s. 471. Ausspr. 1, 367.
2 ag.). Demgemäfs verhält sich auch der oskische name
einer göttin Gene-ta-i „erzeugerin^ zu einem oskischen
yerbum *genS-um „erzeugen^ wie lat M one-ta zu mo-
ne-re (Momms. unterit. dial. 253* Zeitschr. I, 93. V, 10.
Verf. ausspr. I, 438. 2vag.). Die yerbalform ei-tu-ns =
lat. e-unt (zeitschr. V, 129. 402. VI, 24. 28. XIH, 259)
▼on einem verbum *ei-tu-um entspricht lateinischen de-
nominativen verben wie sta-tn-ere, fu-tu-ere.
Der oskische dialekt hatte also wie die altlateinische
q>rache abgeleitete verba, deren stamme auf ft, ß
I und ö auslauteten; im oskischen dialekt überwogen
aber bei weitem die abgeleiteten verba der a*conjugation
auf -ft-um wie die lateinischen auf -a-re. In beiden
sprachen ist von diesen verbalstftmmen eine ffiUe von no-
minalbildungen ausgegangen (Verf. zeitschr. V, 96 f. Krit
beitr. s.338f.). Auch im umbrischen dialekt überwiegen
unter den abgeleiteten verben die der a-conjugation und
die nominalbildungen von denselben (AK. umbr. sprachd.
I, 140 f. 146.147. t«3.).
Die schrift, die Orthographie, die alterthümlichen und
sprachgeschichtlich wichtigen sprachformen und die einfa-
chen namen der personen sprechen also übereinstimmend
dafür, dafs die grabschrift von Anzi zu den Älte-
sten oskischen Sprachdenkmälern gehdrt, die wir
besitzen, und mit den ftltesten münzaufschriften von Uria,
AUifiie und Phistelia dem Zeitalter vor dem beginne
250 Consen
der Samniterkriege angehören. Wie die in einheimi*
scher schlangenförmig gewundener schrift eingemeifselteD
aitsabellischen Inschriften der steine von Creochio und Gn*
pra maritima überragt auch die grabschrift von Anzi an
alter alle uns erhaltenen Originalurkunden der altlateinischen
spräche. Wenigstens fehlt es bis jetzt an beweisen daf&r^
daüs irgend eine der altlateinischen aufschriften auf kunst-
werken oder der weiheinschriften auf bronzetafeln ans dem
fünften Jahrhundert vor Christus herrühre, obwohl das
keineswegs undenkbar wäre.
3. Die weiheinschrift eines helmes zu
Palermo.
Diese inschrift ist eingeritzt in einen heim unbekannten
ftindortes, der gegenwärtig im museum zu Palermo verwahrt
wird. Fabretti erhielt von derselben einen papierabklatsch
nach einem kalkabdruck von Giovanni, Vorsitzendem der
commission f&r alterthfimer und schöne künste von Sicilien
und hat die inschrift nach demselben mitgetheilt und be-
sprochen in den Verhandlungen der königlichen akademie
der Wissenschaften zu Turin (Adun. d. cl. di sei. mor. stör,
e filol. tenut. il di 29 di maggio 1864). Fabretti bezeich*
net dieselbe als „un iscrizione recentemente scoperta, la
quäle si legge grafSta su due elmi provenienti dal Sannio
o dalla Lucania ed or conservati nel Museo di Palermo*'.
Nach diesen werten mufs man schliefsen, daft nach Fa-
bretti's ansieht ein und dieselbe inschrift auf zwei helmen
geschrieben steht, wie sie auch im Corpus InseriptioiMim
Italicarum wiedergegeben ist (n. 2890 a. b.). Derselbe be-
merkt aber: ,,11 calco del secondo elmo, per la leggeresca
del graffito, non presente Tiscrizione tanto ohiaro per ri*
produrla in facsimile^, spricht auch in seinem aofiwtse
immer nur von der facsimilierten inschrift des einen helmes.
gltoskische spraehdenkniKler in griech. schrift. 251
Allein von dieser kann also hier die rede sein, und was
auf dem anderen - helme geschrieben stand oder steht, bleibt
vorläufig ganz dahingestellt.
Die vorliegende inschrift weist die bucbstabenfonnen
des dorisch- sicilisch-chalkidischen alphabets auf, namentlich
der dorischen vasen, schliefst sich also zunächst an die in
Campanien, Lucanien, Bruttinm und Messina gefundenen
oskischen Sprachdenkmäler in griechischer schrift an(Momms.
nnterit. dial. s. 190—199, taf. XII). Nur das t hat in der
helminschrift von Palermo die archaistische form f wie
das etruskische aiphabet der noianischen gef&fse (a. o.
taf. Xni, 1. 2. 4. 13. 14) und des thongefäfses von Bo-
marzo und das umbrische wie das phönikische aiphabet
(a. o. taf I.). Die schrift jener inschrift ist linksläufig wie
die aufechriften zweier ziegel von Monteleone mit oski-
schen namen (a. o. s. 196). Linksläufige anfschriften auf
knnstwerken können aber ein besonders hohes alter der-
selben nicht erweisen.
Fabretti liest die obige inschrift: TQsßg KasiftEg
SiStT und erklärt sie Trebins Seztius dedit (a. o.
p. 2). Von dieser deutung kann ich nnr die erklärung des
letzten wertes, der verbalform SsSev =s tat. dedit filr
vollkommen richtig halten« In den vorhergehenden Wörtern
sind zwar nominative von oskischen namen enthalten ; aber
diese sind aus paläographischen und sprachlichen gründen
anders zu erklären, als Fabretti aufstellt. Derselbe behaup-
tet , der buchstabe > bedente in der inschrift k. Aber eine
soldhe form des k ist den dorischen alphabeten völlig firemd,
nnd der buchstabe > bezeichnet in denselben niemals etwas
anderes als die media g (Momms. U. D. taf. I). Schon hier-
aas folgt, dafs die buchstaben ^ > der helminschrift von
Palermo nicht anlautendes ks eines oskischen wortes be-
deoten können; dagegen spricht auch, dafs die oskische
lantfolge ks in der griechischen schrift der Mamertiner
v<m Messina durch | bezeichnet wird, in der oskischen
wortform fi^SSsi^ fttr meddeiks (Momms. nnterit. dial.
8. 193). Da femer der oskische ziscUant s in allen Sprach-
denkmälern mit griechischer schrift sonst ohne ausnähme
252 Comen
durch griechisches^ bezeichnet wird, so ist es üDglauUicb,
dafs in der vorli^enden helmauischrift eben dieser laut
durch ks bezeichnet wQrde. Um das glanblioh machen,
beruft sich Fabretti auf die Schreibweise Ivv fbr (Tvp,
Aber in griechisch ^vv Terglichen mit den nebenformen
xvv^ (Svv und lateinisch cum, com- ist sk jedenfalls ein-
mal der aniaut der präposition gewesen (Curt. gr. et. s. 477.
626. 2 ag). Dafs hingegen die oskische wortform für die
sechszahl nur mit s anlauten konnte nicht mit ks, beweisen
lat. sex, umbr. se-men-ie-s »s se-mes-tri-bns (AK.
umbr. sprachd. II, 411) und das entsprechende sahlwort
aller verwandten europäischen sprachen wie des sanskrit
(Curt. a. o. n. 584). Also kann es weder eine griechiaehe
Schreibweise *i^ 0*6 IT re^ f&r einen oskischen namen 2Bor%^
=s lat. Sextius gegeben haben, noch eine oskische wort-
form ^Ka^öT^g = lat. Sextius. Der buchstabe > der
in rede stehenden Inschrift kann also nur die gutturale
media g bezeichnet haben. Da nun im oskischen dialekt
nach allem, was wir von demselben wissen. So wenig wie
in irgend einer verwandten Sprache eine wortform *Y<f%aT%q
bestanden haben kann, oder gar ein Wortungeheuer wie
*TqBß6y, so folgt mit zwingender noth wendigkeit, dafs
der buchstabe > sowohl von dem vorhergehenden Tgeßg
als von dem folgenden JSearsg zu trennen ist, dafs er
gar nichts anderes sein kann als der anfangsbuchstabe eines
oskischen namens oder titeis. Nun ist > die gewöhnlidie
sigle des oskischen Vornamens Gaaviis ss lat Gains; so
auf oskischen münzen: O. Paapi O. Mutil embratur
= Gaius Papius Qai filius Mutilus Imperator
(Momms. unterit. dial. s. 253. Leps. Inscr. Umbr. et Oao.
Taf. XXX, 44. 46. Priedl. d. osk. mttn«s. Taf. IX, 6. 9) und
auf einer tufeteinsäule der nekropole von Cumae: G. Silli
G. = Gaius Sillius Gai filius (Verf. zeischr. XI, 325.
Fabr. C. I. Ital. 2760). Einen mit g anlautenden titel dnes
oskischen beamten kennen wir hingegen nicht. Es ergabt
sieh also, dais auch auf dem heim von Palermo der bach-
etabe > den oskischen namen Gaaviis bedeutet. Denmadi
ist die Inschrift desselben zu lesen:
•ItotkiBche spnchdeiikiiilller in grieoh. schrift. 253
Tg^ßg r. Jtaateg SbSst.
Auoh fkmilienDamen werden zwar in oskischen Inschriften
abgekürzt geschrieben; aber dafs vomame und zuname
ToUständig ausgeschrieben wären, hingegen der familienname
blofs durch den anfangsbnchstaben angedeutet, ist in oski-
schen Inschriften völlig ohne beispiel. Das > kann also auf
dem heim von Palermo nur den Tomamen Gaviis bezeich*
nen. EKe singularform des verb. Je^crsslat. dedit zeigt,
dals Tor derselben nur eine person genannt sein kann,
welche den heim einer gottheit geweiht hat, der name eines
kriegers, der ihn im kämpfe getragen oder erbeutet hat. Ein
und dieselbe person wird in osk. inscbriften mehrfach durch
▼ier namen bezeichnet, nämlich vomamen, familiennamen,
Vornamen des vaters im genitiv und zunamen, zum beispiel :
L.(?) Staatiis L. Elar[i8] as Lucius Statius Luci
filius Clarius (Yer£ zeitschr. XI, 363), Gn. Staus Mb.
TafidinS|S=:Gnaeius Staius Magii filius Tafidinus
(a. o.), L. Slabiis L. Aukll = Lucius Slabius Luci
filius Aucilus (Momms. nnterit. dial. s. 179, XVIII).
Da nun Tgeßg F, Sbötsq eine einzige person bezeichnet,
und die sigle F nur den vomamen Gaviis bedeuten kann,
so mufs man schlie&en, dafs das P nach Tpeßg vor ^e*
cfTis den Vatersnamen im genitiv bezeichnet wie das L
nach Slabiis vor Aukil, dafs also Tgsßg den familien.
nameo des genannten kriegers bedeutet, ^eareg den zu-
namen. Daraus ergiebt sich unweigerlich die schlufsfolge-
ruQg, dafii in dem vorliegenden tezt der inschrift der Vor-
namen des kriegers fehlt, sei es, dafs der Schreiber ihn
ausliefe, sei es, dafs der anfangsbuchstabe desselben, in das
metall des helmes leicht eingekratzt, undeutlich geworden
oder verschwunden ist; und diese letztere annähme hat die
Wahrscheinlichkeit fikr sich, da nach Fabretti^s angäbe die
inschrift des anderen helmes so leicht eingeritzt ist, dafs der
kalkabdmck oder der papierabklatsch die zQge derselben
nicht vollständig wiedergab. Man kann natürlich nicht mit
Sicherheit wissen, welcher buchstabe zu anfang der inschrift
▼srchwunden oder weggelassen ist, welches der vomame des
kriegers gewesen ist. Indessen dafe bei den oskisch redenden
256 Corflsen
Heiren-iu, Sil-ie-s, Stat-ie, Pont-il-s, Paapii,
Stat-ii-8, Paap-ii, Heirenn-i-8, Paap«i (Momms.
unierit. dial 8. 229. Oloss. Verf. zeitschr. XI, 325. 339 f.
401 f. Xm, 191. Fabr. a. o.) und neben diesen auch Het-
ren-8, Upii-s, Salav-s, Treb*8. Bei dieser vielge-
staltigkeit der nominativformen, kann es nicht verwundern,
zwischen den lokanischen forme» wie Mara-ie-s, Afar-
*ie-s u. a. und den nominativformen wie Treb-s der vor-
liegenden helminschrift in eben diesem Sprachdenkmal eine
zwischenform Sest-e-s = lat Sest-io-s anzutreffen, ent-
standen aus *Sest-ie-8, indem i vor e schwand. So ist
dasselbe geschwunden in den formen der dritten pars, plur«
Alt. I und II censa-zet, tribarakattu-set, angetn*
-zet, deren suflSx -set, -zet dem umbrischen suffix -reat
der dritten pers. plur. fut. II von benu-rent, fakn-rent,
habu-rent entspricht wie dem lateinischen suf&z «rint
von vene-rint, fece-rint, habue*rint und -runt von
erunt, sufßxformen die alle von italischen grundfonnen
*es-ie-nti, *es-io-nti einer ursprünglichen form *a8-
-ia-nti, eines conjunotivischen iutnrums der wurzel ae-
„sein^, ausgegangen sind (Verf. zeitschr. Xin,254f. XI,
354. Ausspr. I, 563, anm. 2 ag.). Da die oskischen vor^
namen meist mit dem sufBx »io gebildet sind (Momms.
unterit. dial. s. 242), so ist es erkl&rlich, wenn in der helm-
inschrift von Palermo ein ebenso gebildeter zuname Sest-
*e*s == lat. Se,st-iu*s erscheint neben dem lateinischen
Zunamen Sextu-s. Wie osk. meddis aus meddiks enf^
standen ist, so führt der grundbestandtheil ses- in Ses-
-t-e-s auf eine oskische form *eeks der sechszahl = lat.
sex, die auch in umbr. se-men-ie-s == se-mes-tri-bus
zu gründe liegt. Die helminschrift von Palermo ist nach
der vorstehenden Untersuchung folgendermafsen zu Ober*
setzen :
[6.] Trebs 6. Sestes dedet.
[G.] Trebius 6. f. Sestius dedit
Der sinn derselben ist: [Gaius] Trebius Sestius söhn des
Gaius, ein oskisch redender kriegsmann, hat nach fiberstan-
denen feldzügen und kämpfen einen heim, den er entweder
altoskische sprachdeDkmäler in griech. ichrift. 257
selbst getragen (Hör. Od. III, 26, 3 f.) oder Tom feinde er-
beutet hat (a. o. UI, 5, ISf.)) der gottheit geweiht, der er
ftar ihren schätz in den gefahren und mQhsalen des krieges
dankbar ist. Man darf annehmen, dafs jener krieger einer
der samnitischen schaaren angehörte, die im fünften nnd
vierten Jahrhundert vor Christus erobernd Lucanien und
Bruttium durchzogen, zu denen auch die Mamertiner ge-
borten, die sich später nach Agathokles tode Messinas
bemfichtigten. Aus der oskischen inschrift von Messina in
griechischer schrift erfahren wir, dafs zwei /neSSei^ genannte
beamte nnd die gemeinde der Mamertiner dem Apollo ein
heiligthum weihen (Momms. unterit. dial. s. 1 93, XXXIX).
Dafs die weiheinschrift des helmes von Palermo nicht aus
Samnium stammt, wo sich oskische inschriften mit griech.
schrift überhaupt nicht gefunden haben, sondern aus Cam-
panien, Lucanien, Bruttium oder Messina, wo griech. schrift
oskischer Sprachdenkmäler erwiesen ist, liegt auf der band.
Und da Messina doch mit Palermo in der nächsten und
onmittelbarsten Verbindung steht, so liegt die vermuthung
nahe, dafs der heim mit der oskischen weiheinschrift in
griechischer schrift aus Messina stammt, und dafs der
kriegsmann, der ihn weihte, ein Mamertiner war, der viel-
Idcht dem samnitischen kriegsgotte Mamers seinen dank
darbrachte.
Dafs die besprochene inschrift aus späterer zeit stammt
als die grabschrift von Anzi, beweist der ausgebildete ge-
brauch der vier namen für eine person nach oskischer sitte.
Die Mamertiner inschrift zeigt in der bezeichnung der beiden
fi€3ÖBi^: ^JxBviQ Kcelivig ^raTTit]ig = Stenius
Calinius Statu filius und MaQaq Ilo^nvies Niuf4,'
(fäifiig = Maras Pomptius ^Numisidii filius die-
selbe oskische sitte der benennung, nur dafs hier die Zu-
namen fehlen. Mommsen setzt diese inschrift in die zeit
bald nach dem tode des Agathokles (a. o. s. lOG)»- also in
die zeit des Pyrrhus. Da nun die helminschrift von Pa-
lermo sowohl durch die griechische schrift als durch die
Wahrung des auslautenden t der perfectform dedet, von
der schon oben die rede gewesen ist, sich als ein os-
Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVIII. 4. 17
258 Froehd«
kiflclies spraohdenkmal der filteren zeit kundgiebt, so ist
man berechtigt zu folgern, dafs dieselbe dem Zeitalter vom
beginne der Samniterkriegc bis zum beginne der
pnnischen kriege angehört.
Berlin. W. Corssen.
üeber die entstehnng des o aus u im lateini-
schen.
Die unmittelbare entstehung des o aus wurzelhaftem o,
wie wir sie im deutsehen, slawischen, im kyprischen dialect
(Schmidt zeitschr. IX, 366), im neuumbrisohen (Aufrecht
und Kirchhoff umbr. sprachd. p. 62; Corssen voc. I, 251 )
finden, wird von Schleicher (compend. p. 71) sowie von
Schweitzer (an mehreren stellen dieser Zeitschrift) fbr das
lateinische in abrede gestellt. Dagegen lassen andere ge*
lehrte wie Pott, Curtius, Corssen, Fick diesen lautübergang
in ihren etymologischen arbeiten zu und Curtius fahrt in
der tabelle der regelmäfsigen lautvertretung o schlechthin
als Vertreter des u ftlr das lateinische auf. Die folgenden
bemerknngen wollen einen beitrag zur entscheidung der fbr
den lateinischen vocalismus sowohl wie für die etymologie
nicht unwichtigen frage geben, und unterziehen zu diesem
behufe die beispiele, welche zum erweise des bezeichneten
lautwandels angef&hrt werden können oder angeführt wor*
den sind, einer genaueren prüfung.
In den wenigen Überresten der latinit&t bis zum han-
nibalischen kriege ist ein bezügliches beispiel nicht über-
liefert; denn die formen exfociont und macistratos in
der wiederhergestellten columna rostrata sind f&r jene zeit
jedenfalls nicht beweisend (vgl. Ritschi de tit. col. r. cqmm.
II, p. 4). Oefler finden wir langes o wurzelhaftem u gegen-
über; allein hier ist nicht sowohl unmittelbarer Übergang
als synizesis aus älterem ou anzunehmen in der weise, wie
robigo fbr^^roubigo aus der wurzel rudh, oder cono-
tos (carm. arv.) aus co(j)uncto8 (Corssen voc. ü, 43) her-
aber die entstehUDg des o aus h im Uteinischen. 259
vorgiog. So entstand Roma aus ^Rouma von wz. erii«
(Corasen zeitscfar. X, 18); losna auf einem praenestinischen
Spiegel (corp. insc. lat. Ö5) aus *iou8na von wz* Ins leuch-
ten, die in altn. l^sa lios, lat. illustris erscheint; ferner
Poloces (a. o.) aus *Polouces sss rioXvSsvxtig^ coraverunt
(a. o. 75) aus couravcrunt ').
Es ist indessen aus dem fehlen von beispielen noch
nicht mit Sicherheit zu schlie&en, dafs der Übergang von
u in o in jener alten zeit unerhört war. Denn gleich im
anfange der folgenden periode der lateinischen spräche, in
der Volks- und Schriftsprache mehr und mehr auseinander
gehen, sehen wir in ersterer denselben in einzelnen bei-
spielen hervortreten. So bediente sich Livius Andronicos
nach Festus zeugnis (p. 297 M.) des plebejischen sortus
fbr surrectus. Der spräche der landleute gehörte die form
jogalis (wz. jug) an, die bei Cato r. r. 10. 14 überliefert
ist. Ebenso gestattete der volksmund die giiechischen Wörter
xväfopice (fÄ^la) Und ayxvga zu cotonea (mala) und an«
cora* Dafs dagegen molucrum (Afran. 343 B.) dem
griechischen entlehnt sei (Festus p. 141), scheint mir nicht
ausgemacht; weder fprm noch bedeutung nöthigen zu sol*
eher annähme. Weiterhin zn Ciceros zeit sprach das volk
oonnus (aus cus*nus, vgl. Aufrecht zeitschr. IX, 232), wie
aus ep. ad fam. IX, 22 zu erschliefsen ist. Wahrscheinlich
haben wir unseren lautObergang anzunehmen in dem auf
inschriften öfter vorkommenden Posilla f&r pusilla (corp.
insc. lat. 953. 1035. 1098. 1306), obgleich die etymologie
des Wortes noch nicht hinreichend aufgekl&rt ist. Wepn
stndere dem griechischen antvöuv entspricht, so ist die
form stodia (Orelli 4859) ein beiepiel aus der augustei*
sehen zeit. Dais u in rudis ursprOnglich sei, ist meines
Wissens noch nicht erwiesen, so dafs sich über erodita
(corp. insc. lat. 1009) nicht sicher urtheilen l&fst. Fernere
*} Da UL a aus oa öfter gr. «i> entopriclit wie in Ju-piter neben Ztv-^
in jogera jameDtum neben ^tvyt^ ^ivyfta nnd s vor c im anlani Uteinischer
Wörter nicbt selten abgefallen ist, so wäre es möglich con-rare dem griechi-
schen a*it*-üC^uv in der wurael gleichxusetsen; jedenfalls ist fttr die et3rmo-
logie die eonstmction (curare procnrare aliquid) Ton Wichtigkeit ^
17*
860 Froehde
beiBpiele Bind noch Fortona (a. o. 1289), sescoDciam
(a. o. 1430), domo» gen. (Augustus nach Mar. Vict. de
met. 1,4). In der kaiserzeit nimmt der Qbergang von n
in o mehr und mehr Oberhand und gelangt endlich zur
herrachaft. Vgl. Schuchardt voc. des Yulgärlat. II, 49 ff.
Dies werden etwa die beispiele sein, die sich zum er-
weise des in rede stehenden lautwandels als aberliefert an*
fiCkhren lassen. Allein alle diese formen gehören der Volks-
sprache an, und sowohl die sorgftltigeren Schriftsteller der
archaischen litteraturperiode wie die des klassischen Zeit-
alters haben sich, die fremd Wörter, wie natQrlich, ausge-
nommen, ihrei enthalten. Denn auch die Schreibung sob*
oles, auf die sich Pott (praep. 652) beruft; und die aller-
dings im Lachmannschen Properz (V, 1. 77) steht, ist nicht
alt (vgl. Schuchardt a. o.). Ebenso lassen sich die formen
fore forem, in denen Schleicher und Schweitzer eine
ausnähme anerkennen wollen, anders beurtheilen. Nämlich
nach analogie von pluo nuo u. a. aus *plovo *novo geht fuo
auf älteres *fovo zurfick, dessen infinitivus *fovere in der-
selben weise zu fore zusammengezogen werden konnte, wie
aus •pover (puer na^tg) por in Marcipor entstand. Wo
sonst noch im lateinischen formen mit o und n nebenein-
ander stehen, ist das letztere unächt So sind die Schrei-
bungen funte frundes frunte (Prise. I, 35 H.) nicht die ur-
sprOnglichen und es konnte daher der stamm fönt nicht
einem griechischen x^^h ^^^ überdies gar nicht vorhanden
ist, unmittelbar gleichgesetzt werden (vergl. Corssen beitr.
215). Für culina sagten die älteren coli na (Non. p. 55.
18). Ich sehe keinen nöthigenden grund, mit Fick (wörterb.
d. indog. grundspr. p. 45) dieses wort zu einer indogerma-
nischen Wurzel kflr kfil, einer modification von kar zu zie-
hen; es schliefst sich einfach an calere an und steht auf
gleicher stufe mit poicer colpa indostruus u. a. (Prise. I,
27 H.).
In einigen Allen steht lateinischem o im griechischen
V gegenüber; doch ist hier nirgends die priorität des letz-
teren hinlänglich erwiesen*). Neben i9t;^a = fores finden
*) üreprttngliehes a g«ht im griechischen vor o oft in v tther; so auch
ttber die entstehuog de« o aus h im Uteinischen. 261
wir &atg6g (Curtios d. 319) nnd die wurzel ist dhvar. In
foria conforio neben gr. (fVQO) menge, besudele, (fOQVVia
(fOQv^ (Hes.) (fOQ€vg ist vielleicht der anlaut aus sp zu er-
klären und wurzelgleicfaheit mit <mvQanfog aniXiftog anzu-
nehmen. Die Schwierigkeit formica mit ^vgfit^^ zu ver-
einigen, wird erhöht, wenn man mit Curtius (n. 482) von
einer wurzel mur ausgeht. Nichts nöthigt ferner folinm
=s (fvlXov zur wurzel bha zu ziehen, wie Curtius (n. 418)
f&r möglich hftlt; vielmehr wird die ableitung von wz. fla
(Curtius n. 412) auch durch das deutsche blatt empfohlen.
Ansprechend ist Kuhns gleichsetzung von spolium nnd
gr. axvkov (zeitschr. IV, 25). Diese Wörter aber auf wz.
ska tegere zurückzufahren, wie Corssen (nachtr. 121) will^
ist um so mehr bedenklich, da spolium immer die abge-
zogene haut oder rQstung bedeutet, wie denn auch spo-
liare nur berauben heifst. Meines erachtens hat Passow
recht, axvXov mit öxvXktü rupfe, raufe, schinde zu ver-
binden. Nun wird mit recht Verwandtschaft angenommen
zwischen ötcvXXu) und öxdXXtü (Curtius n. 114). Die wur-
zel 0xaX entwickelte sich zu *axfaX^ welches einerseits zu
cxvX wurde (vgl. lat. quisquiliae ■= xocxv^ficcTtu)^ wie in-
dog. WZ. stvar, skr. tvar, lat. turbare, abd. stören storran
(disturbare sss ahd. zistorran) zu arvQ in arvgßäf^Wj andrer-
seits sich zu *<rj:aX iXvX in avXdio erleichterte, wie stvar zu
avQ in cvgßrj. In spolium nnd anoXdg schlug dan^ xf in
p um.
Endlich ist noch einiger etymologien zu gedenken, die^
wenn sie stichhaltig wären, den Obergang von u in o be-
weisen würden. Fick (indogerm. wörterb. p* 78) erklärt
ton de o aus tons^d-eo und bringt das wort zusammen mit
zend. tus scheeren, schädigen« Allein dieser erklärung
widerstrebt nicht nur der vocal, auch die auslautenden
consonanten stimmen nicht reckt, während der vergleich
des lateinischen wertes mit riväu) nage (Curtius grundz.
n. 237) keine Schwierigkeiten bietet. Derselbe gelehrte
in nv(iTO'i xi^^ti; geflecht, flacherreuse, xvgi- ivq fischer neben lat. cratei,
rnlUi. hard, skr. wz. 9nith, kart (Diefenbach goth. w5rterb. 11, 589; Fiok in-
dog. wörterb. p. 84).
262 Froehde, flb«r die entitehnng des o ans v im lateinftebeo.
fährt p. 186 scortum auf eine indogermanische würzet
skur zurück, die er ans skar entstanden annimmt. E9
ist ebenso leicht, scortum anf die letztere wurzel zu be-
ziehen. Auch solea, fflr welches Fick (a. o. p. 177) als
indogermanische grnndform snljS ansetzt, beweist den Über-
gang von u in o nicht. Curtius (grundz. n. 218) stellt
dieses wort, das, wie er richtig erkennt, von solum nicht
getrennt werden kann, zur wurzel sad in idatpog ot'Jcrc,
scheidet es demnach von dem lautlich and begrifflich glei*
oben goth. sulja und setzt überdies den Übergang von d
in 1 voraus. Ich habe meine abweichende meinung beitr.
znr lat. etymologie p. 5 angedeutet und die w5rter der
Wurzel sval zugewiesen, die im griechischen und deutschen
klar vorliegt:
altn. svalir pl.gebälk, svoli stamm, ahd. swelli schwelle,
basis, goth. gasnljan &efiekiovi^ ^ sulja (favSdXioVj
sauls Säule, altn. sylla balken, schwed. syll schwel-
lenbalken, basis;
gr. aikfiara gebälk, ail/Äa stamm, ruderbank, ivtf^
(fektiog ftlr kvtSjrsluog wohlgebälkt, vlia sohle;
lat. solum grundlage,. sohle, boden, solea sohle, schwel-
lenbalken (Yerrius Flaccus bei Festus p. 301).
Keltische zugehörige verzeichnet Diefenbach goth. wörterb.
11,289. Von solum wird solidns, dessen nentrum eben-
falls den festen boden bezeichnet, um so weniger zu tren-
nen sein, als das griechische okog im lateinischen andere
Vertreter hat (Curtius grundz. p. 484). — Verrins Flaccus
bei Festus p. 2!)9 erklärt auch solium ftlr gleicher wurzel
mit solum, eine ansieht, die durch den gebrauch des letz-
teren fflr thron bei Ennius (ann. 99 Vahlen) bestätigt wird.
Auch vXt] fCkr övkri holz, Stoff, basis im chemischen sinne
wird verwandt sein; daher denn auch silva für ^sulva bäum,
wald. Ueber sella und subsellium, die im vocale ab-
weichen (vergl. jedoch serenus neben sol), entscheide ich
nicht.
Dafs homo nicht zur wurzel bhü gehört, zeigt Schweitzer
zeitachr. 111,344; focus, welches Benfey ( wurzellez. II,
274) zu &v(o stellt, zieht Pott ( wurzelwörterb. 257) mit
Onull, cum ostMLokiachen ▼okalismn«. 263
Grimm zu bfihen; über jooua artbeilt jetzt richtig Pott
a. o. p. 915. Getheilt sind die ansichten Ober die praepo-
sitioD ob. Während Pott praepos. 510 in ihr das altindi«
8che upa erkennen will, wird sie von .anderen wie Ebel
(zeitschr. VI, 202), Cartios, Fick mit gr. ini^ skr. api
identificirt.
Das resultat der vorstehenden betrachtung ist demnach
folgendes. Der unmittelbare Übergang eines radicalen a
in o findet sich in der Volkssprache ziemlich frflh, die
Schriftsprache bietet kein sicheres beispiel.
Liegnitz. F. Froehde.
Zum ostfränkischen vokalismus.
in. Metathesis*).
Die Vokalumstellung von diphthongen trifil im gebiete
des ostfränkischen diaiektes, wie in dem verwandten sprach-
kreise, nur die beiden laute (mhd.) ie und uo, sammt des
letzteren umlaute üe, = nhd. ie, ü, il. Die durchgreifende,
regelmäfsige metathesis ist eine so hervorstechende mund-
artliche eigenheit, dafs sie allein schon, auch wenn keine
andern gründe vorhanden wären, das erwähnte 'gebiet als
von den andern umgebenden mitteldeutschen trennen und
abseits stellen würde. In Oberdeutschland findet sich heut-
zutage gar nichts entsprechendes**); von mitteldeutschen
dialekten sind es nur zwei, die mit dem ostfränkischen die-
ses Charakteristikum haben, nämlich die vom Niederrheio
stammenden siebenbürgisch-sächsischen mundarten ***) (in
*) Veigl. brec]b»uig und assimilation im XVII. band« dieaer seitachriA
8. 1 — 10. [Wir halten den ansdnick metathesis fttr viele der hier bespro-
chenen lantverhältnisse fttr verfehlt; die riditigkeit der vergleichungen bleibt
jedoch im ganzen von dieser benennnng nnbertUirt Anm. d. red.].
**) Abgesehen von der dnreh ganz Dentscfaland (Baiexn, Tirol, Schwaben
n. s. w. bis in westfUische gebiet) häufigen nmstellnng ui ss mhd. in (and
Sfter ie) and einigen anderen minder hünfigen nmstellnngen).
*^) In diesen aber ohne regelmäfsigkeit ; neben den omgestelltsii fonneo
264 Gradl
allen theileD, sowohl den sieben stuhlen, wie im Burzen«-
und Nösnerlande) und die Kinzig-Lahn-dialekte *). Zu*
sammenhängend findet sich in Niederdeutschland das grö-
fsere gebiet des westfälischen, in einer solchen läge, dafs
sowohl das siebenbürgische als frQh abgetrennter ausläufer
erscheint, als noch jetzt die Verbindung zwischen westphä-
Ksch und der südbessischen**) mundart fast völlig gewahrt
bleibt. In früherer zeit mnfs die ausdehnnng dieses ge-
bietes eine gröfsere gewesen sein als heute, wo nördlich nur
noch das südliche Ostfriesland ergriffen ist; westlich vom
westfälischen gelegene gegenden zeigten wenigstens ehe-
mals eine der metathesen; so steht (vom altrheinischeo
ei ist wohl abzusehen, insofern dieser laut durch epen-
these entstand, s. h.) ou für uo im mittelniederländi-
schen; aufserdem weisen noch spuren in einzelnen wer*
ken und denkmälern, die in oder um jene gegend ver-
legt werden müssen, den einstigen besitz der metatfaese
auf (vgl. unten aus könig Rother). Ohne weiteren Zusam-
menhang findet sich die Umstellung nur noch in Hinter-
pommern (neben rein ndd. e und 6, 6) und in Natangen;
sowie theil weise im walsischeu striche Vorarlbergs (äi =&
der beiden diphthonge, die besonders am lande gang und gftbe scheineD,
existieren die jüngeren und meiner ansieht nach erst ans diesen assimilierten
a (aus ai ^ ie) und ö (aus an s= uo); s. unten.
*> Das gebiet dieser wird, wie aus Firmenichs proben hervorgeht, im
allgemeinen durch den westabhang des Spessarts, dann durch den Main and
das Tannnsgebirge, weiterhin durch den Westerwald, durch die niederdeutsche
und hessische (ober- und westhessische) sprachlinle, die sich von der Mar-
burger gegend zum Yogelsberg und von hier zum Spessart zieht, abgegrenzt ;
es umfafst somit die grafscbaft Hanau, die Welterau, einen theil vom ehmaligen
Kassau, die Wetzlarer und Giefsener gegenden u. s. w. Jenseits dieses ge-
bietes lassen sich indefs noch einzelne spuren, bald seltener, bald häufiger,
verfolgen; so besitzt Sachsenhausen bei Franlifurt a. M. (welch letzteres eine
verschiedene mnndart hat) noch ausschliefslich die metathesen (äi und ou);
die gegend zwischen Höchst und Hofheim (zwischen Frankfurt und Wiesba-
den) bietet noch einige (^i und au); am Taunus (z. b. um Schwalbach) und
Westerwalde (Hachenburg) findet sich nur noch die Umstellung des uo (zu
ou) sammt umlaut, keine des ie; ja schon in Limburg und Weilburg treten
neben den umgestellten lauten auch beispiele mit rein mitteldeutschem i und
n (5) vor.
**) So nenne ich den komplex der Kinzig-Lahn-dialekte, da ihr haupt-
kem im ftlrstenthnme Oberhessen liegt, während diese bezeichnung der mund-
art des kalUer theiles, westhessisoh den Fuldagegenden aagemesaener ist.
zum ostfränkischen vokalUmus. 265
sonstigem aleni. io, wogegen die Alle mit A = iu = ie
in beiden mundarten zusammenfallen). Ganz unerklärlich
( — wenn nicht ein fränkischer Schreiber angenommen
wird — ) sind einige metathesen in altoberdeutschen denk-
mälern, wie die ou (= uo) in Notgers canticnm Abbacuc
(s. u.). Gewöhnlich läfst sich diese metathesis spurenweise
auch schon in den älteren perioden des dialektes nachwei-
sen; für solche spuren (und nicht ftlr verderbte for-
men oder fehler des abschreibers, vgl. Grimm gramm. 1, 99
und 357) halte ich die ao althochdeutscher denkmäler, so-
wie die ou des älteren Titurel, beide laute gleich jetzigem
au, äu, ou"^).
Die altwestfälischen laute ia und ua zu gründe gelegt,
sind ai und au (sammt umlaut äQ) die reinen formen der
metathese. Sie sind geblieben a) im stammlande der me-
tathese, b) in den zweiggebieten dort, wo sie an der gränze
des deutschen gebietes (s. u. ai, au von der Oberangel)
oder inmitten von nichtdeutschen sprachen (wie in Sieben-
bürgen) stehen. Sonst wirken umliegende dialekte (und
vielleicht das im altsftchsischen auch als regel vorkom-
mende ie, uo, wonach ei und ou) gewöhnlich verdumpfend.
(Da ich indefs hier vom gemein - ostfränkischen ausgehe,
mufs ich das 4i, au der Oberangel als „aufhellung^ an-
setzen.).
Die metathesen des ostfränkischen sind:
*) Solche ao sind (von eigennamen abgesehen), wie die fttr ö, vorzüg-
lich eigenthum (charakteristikam?) von denkmälern, die in das gebiet der
metathese faUen. Es haben sie die hrabani sehen glossen (98: gaomono, 801:
hertaom), die ezhortatio in der kafsler handschrift (exhort. A. : gaotes) und
der in die nähe fallende Isidor (1 : saozono), aufserdem das emmeraner gebet
(tepler handschrift = A; 86: gaotan). In bairischen orknnden nnd denk-
mälem findet sich ao sonst nur in eigennamen; dabei ist zu beachten, dafs
solche falle immer einen fränkischen Schreiber verrathen können (deutlich
zeigt das Rieds diplomatarinm Ratisbonense, das mir fOr jetzt zu geböte
steht, wo nur drei Schreiber: Kerhelmus nrk. no. 4, Taugolfus no. 6. 6. 14,
EUenhardus no. 16. 21 diese ao haben — ) oder auch einen niederbairischen,
da sich vom östlichen Franken aus .die an, ku (Schnegraff schreibt aon) llngs
des bairischen waldes eindrängten. Von nom. pr. geben: Juvavia no. 6 (798)
Caofttein, Meichelberg hist. frising. 1,664: Aodalhart, 367: Aogo, Kozroh
örtlicfak. des bist. Freising 182: Aogo, 290: Aodalpald, 264: Aodalheri, 800:
Aodalhart etc. (Beispiele ans Ried s. unten).
266 OnuU
^i (bei Schmeller and FrommanD 6i, 5i geschrieben) ss
mhcl. ie; Schmeller gramm. §. 301. Weinhold bair.
gramm. §.81. Frommann ausgäbe GrQbels 111,239.
Bavaria, landeskuüde von Baiern, II, 1863, 8.203.
Nassel laute der tepler mundart (herausg. vom histor.
vereine in Prag, 1863) s. 11« Petters bemerkungen
über deutsche dialektforschung in Böhmen (lesehalle
deutscher Studenten in Prag, 1862) s. 70.
a) SS mhd. ie*) allgemein l)in dentschen werten; z. b.
b^i'^'n (bieten), böig'n (biegen), dfeib (dieb), fa -
-drfeifs'n (verdriefsen), föicht'n (fichte; viehte), fl&ig ~d
(fliegen), fr^is'n (frieren), knei (knie), kröich.n%
kreigh (krieg), l^ib (lieb)^ laicht (licht; subst. und
adj.), l^id (neben neuerem Itd), l^ig'n (Iflgen), möis
(mies, moos), n^iss*n (niesen), g'nM'n (mhd. genie-
ten), sch^ia' (schier), sch^i^m (schieben), schM'
schlich (scheu, scfaiech), sch^ils'n, sM^'n, sp^üs (ne-
ben häufigerem spifs), t^ia (thier), ba-treig*n (be-
tragen), z^ia (städtisch zöig'^n =, ziehen) a. 8. w.
Aus der älteren Sprache: etwey (Stromer, pQchel
▼on meinem geschlecht, in Chroniken fränk. Städte,
1,33^ 12. 57, 28), verdein (: sein Hans Sachs arm.
und reicht.); — 2) aus älterem £o, aus zwei silben,
in reduplicierenden präteritis u. s. w.: ^i (je), w^i
(wie), feia' (vier), löifsat (ich liefse), r&iffat (ich
riefe); — 3) aus fremden e in Stammsilben: br&if
(brief), föiwa (fieber), sp^igi, z^ig.l; — 4) aus
fremden e (und i) in den nachsilben ier, iereo
Oberpfalz, Pegnitz; (im böhmischen theile Ostfiran-
*) Als regel itehen die drei metatheseo im eigentlichen ostMnkitchen
(Nab-Vils, Ober-Eger, Mies-Badbusa), dann im Altmtthl-, Pegnits- and
Mittel-Eger-dialekte; das andere ttbergangsgebiet (am Regen) seigt schon ne-
ben den rein ostfrftnkiichen formen äi, oa, Ml die bajoariicfaen eindringlinge:
ia (^a'), ha, IIa (g^pr. ia) (^a*); vgl. Petters bemerknngen s. 70. 71. Die
an (ae uo), die überidl weitet ttber das gebiet hinaasreichen (s. o. beim afld-
heesbehen), ziehen sich in den grenzgegenden Baiems gegen SadwestbShmea
noch ziemlich weit hinunter; die wftldlergedichte von Schnegraff bezeichnen,
den laut mit aon (besser ab, wo 6 zwischen o und n schwebt: die anfheUnng
des o in on inficiert auch den zweiten laut und hellt n zum ö). Weinhold
bair. gr. §. 68 ttber dieses aon, nach ihm a'n.
zum ostArtokisdieii vokalismns. 267
kens daftlr ia*, ta'n): quärtöia', fexöia'n (vexieren),
prow^ia'n u. 8. w.
b) ie durch formenassimilation und fiexionsöbergänge,
1) = mhd. iu im singular der praesentia der ie-
klasse (eindringen des vokals aus dem plural) all-
gemein (ausgenommen Oberangel und theile des Re-
gengebietes, wo ui (s. n.) und einzelne striche der
Mitteleger z. b. Petschauer gegend , wo &Q = die-
sem mhd. iu, steht); z. b. b^igt, fl^igt, gäifst, kr^icht,
g'neifst, reicht = er biegt, fliegt etc. (mhd. biuget,
fliuget . . .) und im pronomen aller geschlechter
und endungen, wie: dei die (m. f. u. n.) (ie aus dem
neutrum übergegangen); — 2) «= mhd. i in folgen-
den (allgemein geltenden) verben, die aus der t-klasse
in die ie-klasse flbersprangen : gl^ifs'n (gleissen),
grdi£F*m (greifen), kr^ig'n (bekommen; krtgen, da-
neben schon mhd. kriegen). (Das allein noch stark
gebrauchte zweite wort verrftth diese flexionsmo-
tion, da es im part. g'groffm (gegriffen, schon bei
Ayrer: ergroffen : geloffen 1808, 17) bat.
c) ie ans brechung von i, S u. s. w.; die meist nur lo-
kalen ftlle unter „brechung^ (vergl. diese zeitschr.
XVII, 3).
^i^, durch auf hellung, bewirkt durch nachfolgende na-
sale (m, n, *n), allgemein; z. b. d^i*n, dei^na (die-
nen), d^i^sta' (dienstag), ^i^mats (jemand), k^i* (kien,
föhrenholz), nei^mäls (niemals), rii*ma (riemen); in
gr^iwrl, gräiwrl (fettgriebe; Egerl.) bewirkte selbst
schon das dem m verwandte w (= b) solche auf-
hellung.
at, unvermittelte auf hellung, am Regen und im angrän-
zenden Böhmerwaldgebiete (vgl. unten &n, afi); (fehlt
bei Schmeller). Beispiele: äitza (jetzt), w&i (wie).
oi, unvermittelte verdnmpfung (wenn Firmenichs Schrei-
bung oi den laut richtig wiedergibt, der aber solche
oi auch statt gemein ostfränkischer äi, öi = mhd. e
gibt und einmal 5i setzt, knöi == knie); in König-
stein (obere Vils) Firmenich Germaniens völkerst. UI,
268 Gradl
306 f.; z. b.: doi (die), fa -droifsli' (verdriefsHch),
foich (vieb; unorg.), loiwa (lieber), oisa (jetzt), woi
(wie) u. a.
h uud
e siehe unter Verengung.
Zu vergleichen:
westfälisch ai (regelmäfsiger laut in diesem gebiete)*):
a) = mhd. ie, 1) daif (dieb), daip (tief), flaige, flai«-
ten (fliefsen), gaiten (giefsen), knai, kraipen (kriechen),
laigen (lügen), ver-laisen (verlieren), saik (siech),
sghaiten schalten (schiefsen), 2) wai, vair (vier), hailt
(hielt), hait (hiefs), laip (lief), lait (liefs), raip (rief),
slaip schlaip (schlief); 3) braif (brief); 4) kurairen,
marschairen, mundairen (montieren), passairen, pur-
gairen, scharmairen; b)==mhd. iu: 1) (seltener) teie
(ich ziehe), (durchgängig) dai, sai (die, sie); c) bre-
chung 1) = i: vaih, mai (wir); 2) = 6: hai (er),
saihen, geschaihen, tain (zehn); vgl. Wöste in Fromm,
m, 560, 2. Hoffmann ebend. ¥,44,24. Malier ebend.
II, 126, 10. Wöste supponirt das alt westfälische ia
(mittelwestf. ai ? ) ; — durch die in diesem striche des
wf. häufige beumlautung entsteht: äi (Mark-Süder-
land, Mittellüneburg um Winsen etc., seltener im
herzogth. Bremen um Sittensen): gebäit (gebiet), däird
(thier), däime (dirne), fläiten, knäi, läiwen (lieben),
räid (ried); wäi, läit (liefs); quartair; säi; fräih (friede,
Winsen), väih; häi (er), säihen (Wöste schreibt aoch
äi z. b. beier hier, feier vier, plaseier pläsier); durch
verdumpfung entstehen aü, öi, öu und zw.: äü (in
den fürstenthümern Hildesheim und Lippe; ersteres
auch ii, letzteres ausschliefslich die verdumpfung):
verdraüssen, haOr (hier), kraOg (krieg), laüd (lied),
maüte (miethe), schaür (schier), spaüss (spiefs); waQ^
*) Dasselbe reicht von der magdebmrger borde an durch Brannschweig,
über den Harz, durch Sudhannover, Lippe, Nord waldeck und den gröfaeren
theil von Westfalen (obere und mittlere Lippe, Buhr und Leuna) bis an
das Bergisohe im sttdwesten und an das Siegerland im sOden.
zum ostfrftnkiflchen TokaliBmus. 269
▼Aur (vier), lauf (lief), laut (liefs); praü8ter, kuraü-
ren; ^i (in der grafsch. Mark, um Tecklenburg und
WiedenbrQck,']m hzth. Bremen um Sittensen u. s. w.
Firm, gibt in diesem falle gewöhnlich 5i oder öü,
auch eei, das ich als ei beurtheile): D^ierk (Diet-
rich), deiner (diener), h^ir (hier), reeimen (riemen);
höil (hielt), löip (lief), leeiten (liessen) ; pr^ister ; d^i ;
h^i (als brechungsvokal besonders im Ravensbergischen
g^iem (gern), k^ierl (kerl), w^iern (währen und wer-
den)), öu (in Hildesheim, s. Malier a. a. o.): kröupen
kriechen), schöuben (schieben); ni (vereinzelt in RO-
then: Mflhlheim): fluig (fliege), kruig (krieg).
sQdost friesisch ^i (nach Fromm. Si, vgl. daselbst V,
141 f.): verd^inen^ d^ip (tief), fl^igen; reip (rief);
sp^igel (Spiegel). (Vgl. das nachf. über altrhein.).
rheinisch: (der laut ei in der älteren spräche dieser
gegenden, vergl. der seele trost, ist, wie vorhin er-
wähnt, wohl durch epenthese eines i entstanden;
dafür sprechen nämlich die andern längen, die statt
der niederdeutschen form ä, e, ö, ü, mit epentheti-
schem vokal i oder e als ai, ae, ei, ee, oi, oe, ui,
ue = mhd. ä, S, ei, ö, ou, uo, ü auftreten). Im
neurheinischen vermischen sich die ausgedehnten
brechlaute nur an einzelnen punkten mit der me-
tathese, so dafs es schwer wird, diese zu erken-
nen. Zwei striche indefs scheinen letztere ange-
nommen zu haben, das Aachnische und Luxemburgi-
sche. So zeigt Aachen: beie bieten, deiv dieb, hei
hier, leiv lieb; leif lief, reif rief; meist mist, weische
wischen; beissem besen, eisse essen und so viel^ bre-
chungen; Eupen (nördlich von Aachen): deeyv dieb,
leeyd lied; feeyl, heeyl hielt, leeyp lief; neeyt nicht
u. s. w. Im Luxemburgischen gewährt Luxemburg
(atadt): hei, leiven (lieben), speigel, neischt (nichts),
geseiht (sieht) und de'w dieb und tief, le'w lieb,
ze'hen, we', -e'ren = ieren, ze'ht er zieht, kre'n krie-
270 <«r«dl
geo, bekommen, de' die, der, ve'h vieh u. a^ Gre-
venmachern: hei hier u. s. w.
älteres mitteldeutsch, z. b. könig Rother: leib, heiz
etc. (Massmann) »s lieb, hiez (Wackernagel).
sfldhessisoh ^i (Dillenburg, Herboro, Hadamar, Gie-
fsen, Nidda, Hanau, Alzenau, Falkenstein bei Frank-
furt): a) aa; mhd. ie: 1) diier thier, deine dienen,
fl^ihe fliegen, l^ihe lügen, t^if tief, zöihe ziehen n. s. w.
2) w^i; veir vier; bl^is blies; 3) sp^igel; b) 1) b^it't
bietet, verdr^isst, fröiert (Nidda) und freist (Dillen-
burg) friert, kr^icht; d^i, s^i; 2) kröie bekommen;
c) 1) deir (Falkenstein) dir, v^il viel, niit nicht, s^iht
sieht, sp^il, gew^iss gewifs; 2) geleibt gelebt, seihe
sehen (Hadamar); äi (Butzbach, Friedberg, Sachsen-
hausen): däib, verdäine, fläige fliegen, l&ib, läid, ge-
näise geniefsen; häiss, läif, läiss (unorganisch selbst:
gräib, mäich == grub, machte, in die reduplicierenden
ie-klassen übergesprungen); fläifst, zäikt zieht; väil
viel, näit nicht, stäil stiel.
siebenbürgisch ai (um Hermannstadt, Kronstadt):
dai, dainst, fiaissen, laiw, schair; äi (Bistritz, Ro-
senau): däi, knäi, läif; ^i (ebenda, Zeiden): d^i, ver-
dr^issen, zeihen. (Vgl. Schuller ged. in siebenbflrg.-
sächs. mundart, Hermatinst 1841).
hinterpommerisch (spurenweise auch, wohl von hier
abgetrennt, in Neuvorpommern, im Flatower kreise
um Zempelburg und in Natangen: Schippenbeil,
Friedland) ai: bair hier, verdaine, dair und daird
thier, daiw dieb, laif lieb ; vair vier, fail hait laip lait
raip =3 fiel, hiefs etc.; praiste priester; kuraire, re-
gaire; sai, dai; vaih vieh, laiwre liefern; saihen sehen;
Neuvorpommern: laid lied; Zempelburg (neben rein
niederdeutschen lauten): laiw; lait liefs; praiste prie-
ster; dai die; saihen sehen; Natangen: dai. — In
Holstein haben Segeberg und Oldeslohe die meta-
these; ist hier Zusammenhang mit Pommern oder mit
Bnm oetfrinkfgchwi vokalUmos. 271
westfUisohem gebiete ansonehmen? Beispiele: bair,
▼air.
waisisch ohnfti knie, ohnäia koien, fläiga fliegen, Ifiiga
lagen, täif tief. (Vgl. Fromm. IV, 326).
ou =s mhd. uo; Scbm. §. 378. Weinhold bair. gr. §. 103.
Frommanns Grübel III, 240. Bavaria 11, 203. Mas-
sel 12. Fettere bemerk. 70.
a) s= mhd. uo, allgemein, nur mit den beschrfinkongen
am sfidrande wie bei hi a). Z. b. bloud (blut), bouch
(buch), brouda' (bruder), fleuch*'^ n (fluchen), fouda'
(fuder), gout, houf, houst'n, hout, kou' (kuh), mou-
da* (st&dtisoh mutta' := mutter), ron' (ruhe), rouda ,
roufs (mfs), schnoua' (sohnar), souch'n (suchen),
stout (stute), woust (wüst), zou (zu, betont) u. s. w.
b) durch brechung, vgl. diese zeitschr. XVII, 3.
(Aus der filteren spräche fallen, meiner ansieht nach,
hieher: Ried diplomat. Ratisbon.: Aodalpald (no. 4),
Aogo Aopi (no. 8), Taomgiso Herimaot (no. 21);
alt. Titurel: mouter, mouse (vgl. Grimm gr. 1, 357).
äu, auf hellung, durch die nasale m, n bewirkt, Verbrei-
tung wie vorhin, vergl. öi. Z. b. bläuman (blume),
gräummat (grummet), gräun gräuna (sprossen treiben
von lagerfrQchten,mhd.gruonen), mänm* (muhme), t&u"
(thun, dagegen tou*n, sie thun, weil hier der nasal
nicht unbedingt am vokale steht). Z. b. bau* (bube),
kauch'^n (kuchen) u/s. f.
o, Verengung, vgl. das nächste kapitel.
Zu vergleichen:
w&ldlerisch (als vom ostfrfinkischen ausgehend, zu-
n&chst) aö (über ö s. v.): baöb (bube), faöfs, haöt,
maöfs, g*na6g, raöa (ruhen), schaöb, taöch; s. Wein-
hold bair. gr. §. 68.
westfälisch au (vergl. ai): a) = no: l)dauk (tuch),
faut (fufs), haut (hut), kauken (kuchen), klauk (klug),
krauoh (kmg, schenke), planch (pflüg), rau^e (ruthe),
raupen (rufen), räum (rühm), schaul (schule), schauster
272 Gradl
(schaster), spaale (spule), staul, tau (zu); 2) iu prae-
teritis: drauch (trug), faur (fuhr), schlauch (schlug),
selbst unorganisch: fraug (fragte, Grubenhagen-
Göttingen, vgl. unser schlechtes nhd. frug), jaug (jagte,
am Deistergebirge); b) durch brecbung: spauk (spuck,
Celle). (Anm. Lippische beispiele, wie: kaum kern,
taurn thurm sind nicht unter die metathesierte bre-
cbung zu rechnen, insofern hier eo == mhd. uo ist,
sondern gehören zur einfachen brechung). Hoffmann
in Fromm. V, 45, 29. 30. Möller ebd. II, 131. 132.
Wöste ebenda III, 560, 2. — Aelter westfäl. au, c. b.
schau \ s. Wöste in Fromm. V, 160, 158 = schuh. —
ku (Mark und anderswo), leichte verdumpfung, oft
nur mechanisch; z. b. mäuder (Altena in der Mark,
nach dem filteren dialekte). ou (Mittellüneburg, Süd-
oldenburg, einzeln Minden, Ravensberg, einzeln Teck-
lenburg, in Corvey, Marsberg): a) blouen (bluten),
gout (gut), moud (mutb), mour (moor), mous (mus),
mout (mufs), Woudan (Wuotan); b) dourt (trespe,
altsächs. durth), fourd (die fürt), oursäke (ursache),
tourn (thurm), wour' (wurde), alle in Limburg (Mark),
aber schwerlich hieher gehörend, dagegen: wouern
(geworden, Ravensberg); mit vokal verschlag iau
(Willingen im waldeck'schen Upplande): fliauken
(buchen), stianl (stuhl). (Ueber umlaute für uo s.
später).
(südostfriesisch au, nur: raue, ruhe. Nur wird
dieses beispiel nicht hergehören, ebensowenig wie der
ähnliche laut ö im Saterlande, der zwischen o und u
schwebt.)
mittel niederländisch ou z. b. bouc (buch), ghenonch
(genug), plouch (pflüg), rouken (mhd. ruochen), rou-
pen (rufen), souken (suchen) u. a., vgl. Grimm gr. I,
482.
rheinisch ( — für die jetzigen mundarten aus dem
westf. o. stkdhess. erhalten, da altrheinisch die meta-
ihese des uo nicht kennt — ); Aachen au: gaud.
snm OBtflrlloUschen vokalifmns. 273
kanh, rauh, staal, zau; ou: mout (mosste); (aa f&r
o vielleicht hieher, da oa oder u a» 6) : kaucb (koch),
lauch (loch); Eupen ou: blout, dou^ thue, gout,
8chou\ souhe (suche); droug(trug); pouckel(buckel);
kou8s (konnte) (die au s= u vor n nicht hieher);
oui: wouys (wuchs); luxemb.: Grevenmaohern, Lu-
xemburg ou (o*"): bloume, fouss, goud, moudeg (mu-
thig), rouheg (ruhig), zou; brechuug: froum (fromm)
und in den praeteritis (vgl. auderortiges u für mhd.
ie in diesem falle): foung, houl, houng (fieng, hielt,
hieng = pld. fnng, hui', hung).
älteres mitteldeutsch ou z. b. Kother: schouch (wo
Wackern. leseb. schöch gibt und das handBchriftliche
wort bisher falsch als „schonch^ *) gelesen wird.
sfidhessisch ou (Sachsenhausen, Kinzig, Nidda, Gies-
sen, Dillenburg, Herborn, Hadamar): a) blout, bou'
(bube), brourer (bruder), blourig (blutig), flouch, fouls,
gout, hont, mourer (mutter), moufs (mufs), stoul, tone
(thun), zou u. s. w.; b) koummer, soummer (kummer,
sommer, Hachenburg), tout (das tuten, Weilburg),
wour (wurde, Limburg), zoug (der zug. Höchst);
gezou'e (gezogen, Friedberg) ; 6 u (Firm, schreibt oou,
in Hachenburg): doout (thut), gooud, moous (mus);
au (Höchst): gaut, kauche (kuchen), tauch (tuch);
mit Vorschlag eau (Butzbach): deau (thue), geaut,
zeau. Schm. §. 378. 379.
siebenbürgisch: au (um Hermannst., Zeiden, Ro-
senau): bauf (bube), blaut, gaud, grauw (grübe),
maufs, rau' (ruhe), zau; aou (wohl au?, Bistritz):
gaout; eou (Rosenau): meoufs; aui (au') (Zeiden):
fau'fs, mauTs; ou (Bistritz): bloum, vgl. Schuller.
hinterpommerisch au: a) blaut, dank (tuch), fauder
(futter), gaud, bann (huhn), kau' (kuh), staul, tau (zu);
♦) Ebenso falsch, wie das als „gnand« (Wackern. 1218, 18; Herrn, v.
Sachsenbeim) gelesene gnaad, wie ich analog andern an dort (=s A) anactse.
Zeitachr. f. vgl. »prachf. XVIU, 4. 18
274 Gmdl
b) faur (fuhr), schlaug, unorganisch: fraug (fragte,
„frug^), mauk (I, machte); Zempelburg au: gaud,
maus, tan; (kauke kochen, kaume kommen?, mhd. 6
zu o); Natangen au: schau' (schuh); Segeberg =
Oldeslohe au: faut (fufs), gant, schaul. (In West-
schwerin au , keine ai z. b. bland, dauk, dann, faut,
unfraudig unachtsam (zu altem vruot), gaud, raupen,
schau' schuh, schaule; spauk der spuck.
Motger cant. Abbacuc: fou5, mout u. a.
hü (aus ö(k, zu sprechen als ^i) = fle; Schm. §. 388.
Weinh. bair. gramm. §. 104.81. Frommanns GrObel
in, 240. Bayaria II, 203. Nassel 12. Petters andeu-
tungen 5 und bemerk. 70. a) =: mhd. üe, allgemein
(abgesehen von den einschränkungen am Regen etc.,
wie bei ou und hi): bl^Q'a (blühen), br^ü'a (brflhen
und brüten), fr^a (früh), fibfia'n (führen), mdü' (mühe),
(m^üd, m^ü'n (und städtisch m^üfs'n = müssen),
r^üa'n (rühren), s^Ofs (süfs), tr^ü' (trüb), wM*'n
(wüthen), in pluralen und deminutiven: b^Ücha%
b^üch-1 (bücher, büchlein), f^üfs- und f^üfs-l (ftllse,
fftfslein), keü' (kühe) u. s. w.; b) = mhd. uo (organ.
oder unorg. umlaut) : ffeütta* (futter; bairisch. wald),
l^üg'ln (=3 ostfr. ]oug*ln, mhd. luogen; Mittelmies;
oder *luogilan?), m6üda (mhd. muoder, nhd. mieder),
nfeüt (nuth; Eger), s^üg'n (suchen; Doppau; vergl.
suohjan), wfeOa* (flufswehr; Egerl.; mhd. wuor);
c) durch brechung, s. d. zeitschr. XVII, 4.
eü^, auf hellung vor m, n, n*, umlaut von äu, fundorte
wie dort; z. b. bl^ü^ml (blümlein), gr^ü*^ (grün),
h^Ü^^a (hühner).
oü, verdumpfung, unvermittelt, vgl. oi = ie, fnndorte
wie dort; z. b. va'-droüfslfe' (verdriefsHch), foüan
führen; Firm, schreibt foihen), foütta'n (flattern).
&ü, aufbellung, unvermittelte, umlaut zum obigen au ss
uo, ebendort,- z. b. bÄüb-1 (büblein), kiüchi (küch-
lein) u. a.
ä, Verengung, a) = uo, b) = üe s. Verengung.
Zu vergleichen:
zniii ostfirttnlriteheii vokalismiis. 275
westf&liscb &i, &ü (wo au) a) blaien blauen (biQhen),
fallen faulen (ftkblen), faite faflte (f&fse), grain graOn
(grün), hafen haQ'en (hüten), wailen waülen (wOhlen);
b) batike (buche), daden (thun; Lippe), fafier (fuder,
(fnder, Braunschweig), firaOgen (fragten, geg. um Han-
nover), niaüme (mutter, zu muhme; Minden, Schaum«
bürg), raube (rfibe, mhd. ruobe), schlaflg (schlug;
Winsen), safiken (suchen), tafit (that; Ravensberg)
u.a.; c) datier (dOrr; Ravensberg), kaüem (kom;
Tecklenbnrg), spaOkerie spatikeding (spuck; Celle)
u. a. äü (Erwitte): äfiwen (necken, wortl. fiben);
däOt (thut); ftu (Lippe; zu unterscheiden von äü)
regelmäfsig fAr uo: blftume, däun (thun), fauler (fu-
der), föut (fufs), gäut, haut (der hnt), käu' (kuh),
schau' (schuh), schftnle (schule), tau (zu); ^u (Büren;
häufiger Driburg): d^uen thun; fräu (früh), göut,
haut, k^u', t^u (zu); ^ü, ^i, öi (Sittensen bei Zeven;
Deister gebirge): slöig (schlug), söiken (suchen, söite
(süfs) u. a. und: freu (früh), meüten (begegnen), seüte
(sflfs); wöir (würde; Limburg); oi (häufig; Boke und
Thüle bei Paderborn, Büren, Marsberg, Brilon, Ru-
then, Mühlheim, Driburg, einzeln Braunschweig, Göt-
tingen: Grnbenhagen, Celle; immer neben au, aü):
doit (thut, Ruth. Mühlh.), foiren (fahren, Brilon), foite
(füfse), moidig (geneigt, Braunschw. Gott. Grub.),
moie (müd, Brilon), soiken; foiwe (fünf, Villingen
im waldeck'sehen Upplande, kroim (krume, Magdeb.
böhrde), toiern (thurm, Ruth. Mühlh.); foüem (fahren,
Marsberg), foüjer (fuder, Yechta), roüwe (rübe, Mars-
berg) u. B. w.; äau (Willingen): häaun (huhn); äöü
Padberg bei Brilon) : bedräöüwen (betrüben) ; — mit-
telwestftlisch oi (vgl. Wöste in Fromm. V, 72, 80j.—
Hoffmann in Fromm. V, 45, 34. Müller ebend.n,131.
Wöste ebend. III, 253, 4: au, aü, ai.
südostfriesisch öi (selten) z. b. möi'e (müde). (Im
Saterlande: f&üre fahren).
rheinisch; Aachen kü z. b. faulen (flihlen), maü' (müd),
spaülen (spülen); bausch (leise, eigentlich hübsch);
18*
276 Grädi
Enpen öQ, öfli z. b. blöQge (blühen), f&üt (f&sse),
fröOg fröfigg (früh), möüss (müssen), pöfilje (kleiner
pfuhl), röüre (rühren), stöülje (stOblchen); döügdeg
(tüchtig), döürg (durch), pöükelje (buckelchen),
schöüleg (schuldig); Luxemburg ^i: bleiben, bedreivt
(betrübt), verföiren (verführen), fr^ileng (frühling),
reihern (rühren).
Süd hessisch ^i (^ü; Dillenburg, Falkenstein, Hadamar,
Limburg, Wetzlar, Giessen, Nidda; Firm, schreibt
el, öi, 5Ü): gebleit (geblüte), br^ih (brühe), fr^i'
(irüh), vergn^igt (vergnügt), k^ih (kühe), m^ih (mühe),
mfeid (müde), rMft (er ruft), treib (trüb); kr^imel
(krümlein, Dillenburg), m^il (mühle, Nidda), teichtig
(tüchtig, Falkenstein), zeigere (zögern, Falkenstein);
feu (Firm, öu; Friedberg, Nidda): b^ust (er büfset),
gl&uig (glühend), höuer (hühner), heure (hüten), ro^ufs
(mufs), s^uss (süfs), weule (wühlen); oi (Dillen bürg,
Friedberg, Hanau, Hadamar; Schwalbach): bloikt
(blüht), broil (brühl), groin, koih (kühe), koil, moid,
spoile (spülen). Schm. §. 39 1 .
siebenbQrgisch ai (um Hermannst., Zeideu, Kron-
stadt u. s. f.): draiw (trüb), fallen, grain (grün), mai^
(mühe), maid, gemaidig (gemüthlich), saifs; ^i (Kron-
stadt): ber^imt (berühmt).
hinterpommerisch aü: blaügt (blüht, Neuvorpom-
mern), bedräuwt (betrübt), faüre (führen), plaüge (pflü-
gen); baüke (buche; auch Usedom); Zempelburg oi:
broidesch ( brudersfrau, wörtlich bruderische), groin;
Natangen iai: fiait (flKfse), siait (süfs).
ui aus älterem iu (= mhd. iu, ie, nhd. eu, ie) und zwar
1) SB mhd. iu, am Begeu, im bair. walde, an der
Oberangel; bei Pfraumberg vereinzelt) ; Schm. §. 260.
Weinh. bair. gramm. §. Itl. Bavaria 1,360. Petters
andeut. 46; z. b. fluigl (er fliegt), huit (heute), luigt
(er lügt), nui (neu), ruifs'n (plorare, abd. riu5an).
2) = mhd. ie, ebenda, vgl. dieselben; z. b. fa-druifsn
(verdriefsen), fa'-luisn (verlieren), tuif (tief) u. a.
Zo vergleichen:
zun ostfriüikischen vokalUmns. 277
bajoarisch (von woher es in den sfidosttheil unseres
dialektes eindrang) ui vgl. Weinbold bair. gr. §. 111,
westlich V. d. Isar Schni. §. 313. Bavaria I, 360; ti*
rolisch (Unterinuthal ausgenommen) Schöpf in Fromm.
III, 97, 1. 2. Maister 11. 12; kämt. (Lavanttbal und
theilweise Gailthal) Lexer XI, in Oststeiermark und
im heanzischen; in Südböhmen Germania VI, 490.
aufserdem schon im althochdeutschen und mittelhoch-
deutschen häufig; gegenwärtig noch im schwäbischen
(Rapp, Fromm. II, 106); weiterhin im mittelrheini-
schen, im märkischen u. s. w.
IV. Verengung.
a durch unvermittelte Verengung:
1) 4 (aus au) = mhd. ü; an der Schwarzach und im
Böhmerwalde rcgelmäfsig, um Haid (nördlicher) schon
mit au wechselnd; sonst im ostfränkischen nur in
wenigen beispielen. Weinhold bair. gramm. §. 7. 41«
Schmeller §. 157, z. b. Schwarzach, Böhmerwald: äfs
(aus), bäa' (bauer), brät, brä^ (braun), häss (haus),
krät, träa (trauen), zä^ (zäun) etc.; Haid: brät, krät
etc.; ostfränk. allg.: äf, äfs, hä'^'m (neben häu'*m,
haube), klä** m (klauben), lätta' (lauter), säff'm (sau-
fen), säwa' (neben säuwa', sauber), schäf*l, schrä'*'m
(schraube), täk'^n (röhr, mhd. vocab. tüche).
Zu vergleichen:
siebenbürg, ä (= auslaut. ü): bä (bau), bä'n, trä*n
(trauen).
2) ä (aus äi, durch äe, äa?) = mhd. ei; a) im ganzen
gebiete des Pegnitzdialektes (moment aus dem west-
fränkischen) Grübel 111,230. Schm. §. 140. Weinh.
bair. gramm. §. 7, 39: z. b. ä (das ei), älä^ (allein),
* bräd, fläscb, hämli' (heimlich), kä" (kein), lab (brot
— laib), läna (lehnen), mäna, g-schrä (geschrei), zwä
(zwei) u. s. w.; ß) als regel auch im übergangsdia-
lekte zum obersächsischen, nordöstliche Mitteleger
(Duppau etc.) z. b. äma' (eimer), klä% mana u. s. w.;
278 Gradl
y) ausnahmsweise (woher?) findet sich ä in theiiiing
mit äi (äa) noch im dialekte der Stadt Mies in fol-
genden fallen (die andern haben eben äi, aa): aT
(ein), äma , bä% gäs'l, gäfs (galfs), häd', hämli\ häsa,
häfs, kä*, kir, kläd, l&b, lad, l&tta (leiter), msLna,
räs-n, säf'n (seife), ftä% fträch'n, w&k'n (aufweichen),
w&na, wäz (weizen), zwä (zwei).
Zu vergleichen:
a == mhd. ei in: westfränk, Schm. §. 140, Fromm.
II, 189, 1; schles. Weinhold dial. 28, 7; obersächs.
( voigtländisch , erzgebirgiseh, — in andern strichen
i, 6, e — ), Odenwald, Taunus, Wetterau, im Trieri-
schen); bajoarisch z. b. kämtisch LexerXI, iglauisch
Noe in Fromm. V, 203, 2. 205, 2, vorarlbergisch (um
Bludenz) Yonbun in Fromm. IV, 326; jüdischdeutsch
vgl. Stertzing in Fromm. VI, 470, 4 a; aus älteren pe-
rioden: in angels. (Grimm gramm. I, 357), woraus
altengl. ä, neuengl. ö sich verdumpfte, in altnordisch
öfter neben regelm. ei, z. b. ämr (eimer), fair (feil),
ebenso in altfriesisch (neben regelm. I) z. b. äthom
(eidam), fläsk (fleisch), fräsa (gefahr), cläth (kleid)
u. a. , dann als sehr seltener fall in ahd. denkmälern
z. b. halog (heilig, zweimal in einer bekehrungsfor-
mel, s. Wackemagel lesebuch 20, 21. 22) und änich,
wänich (einig, wenig) in Lamprechts Alexander.
3) a (aus au) = mhd. ou; überall und (auslautsfälle und
wenige andere ausgenommen auch) regelmäfsig; Schm.
§. 171, Nassel s. 5. Grübel III, 229, z. b.: ä' (auch),
bäm, h4pp (haupt), hafi^m (häufe), käfi**m (kaufen),
lab, da -lä*'m (erlauben), g-la^m (glauben), la^'-m (laube),
laflf-m (laufen), rafi'ra (raufen), s&m, schab, t&b, täff-m
(taufen), träm, zäm, zäwa'n (zaubern); aufserdem in:
fra (frau, wenn unbetont).
Zu vergleichen:
a = ou in allen bajoarischen und mehreren mitteldeut-
schen dialekten regelmäfsig z. b. bair. Weinh. bair.
gramm. §. 7. 41. Schm. §. 171. Lexer XI. Schöpf in
Fromm. III, 17, 9. 89, 5. Noe in Fromm. V, 205, 2;
xum ostfHinkiacheii vokulisnitts. 279
westfrftnk. Schleicher 6; schles. Weinhold 28,8; obers.
(Altenbnrg, Voigtland, Erzgebirge), pfälzisch, wet-
terauisch; sonst als regel im altfriesischen s. Grimm
1,409, vereinzelt im altsächsischen ( Freckenhorster
rolle, s. Heyne 44).
4) ä (aus 4Q) = mhd. öu (unter gleichen Verhältnissen,
nur seltener als 4 = ou) Schm. §. 179. Weinh. bair.
gramm. §. 40. Nassel s. 5. Schöpf a. a. o. III, 89, 6
z. b : bäma, si' (sich bäumen)^ fräl'n fräla (fräulein),
hä (heu), kräl (mhd. krewel, kröuwel), strä (streu),
strä-n (streuen), tamisch (betäubt, zu mhd. toum),
träma (träumen), zäma (zäumen). (Dagegen schon:
baflma bäume, h4app*l häuptlein, haüff'l kl. häufe
u. a.).
Zu vergleichen: wie vorhin,
ä, durch vermittelte Verengung*):
5) & (aus 4i) = mhd. i; überall, besonders vor 1, öfter
vor r, auslautend seltener. Schm. §. 237. GrQbel III,
231. Bavaria II, 201. Nassel 8.4 z. b.: äl (eile), bä
bä (bei; auch in den wenigen Zusammensetzungen mit
bei — , die der dialekt erhielt, wie:) b&-bäz (beifuls,
ahd. bi-böz), bä-läd-1 (kl. beilade, nebenfacb), da*
(dein), fäl'n (feile, feilen), käl (keil), mal (meile), m&*
(mein), pfäl (pfeii), sä (sei; sim), sä* (esse), wäl (weil;
weile), zäl (zeile).
Zu vergleichen:
a = t vor 1 etc. im bajoar. häufig, s. Schmeller a.a.O.,
Wurth in Fromm. VI, 252, Noe in Fromm. V,205, 2.
6) ä (aus 4i für ai, äa) s=s mhd. ei, vereinzelt vor 1, m
z. b. älfa (elf), föm (feim, faum), häli' (heilig; n. b.
seltsam ist bei diesem worte, dafs es in den mei-
sten dialekten lautformen zeigt, die ein früheres t
voraussetzen lassen, obwohl doch unbedingt ein ei und
die ihm entsprechenden laute zu stehen haben!).
*) Die fiüle, die ich als vennittolte yerengnng von denen mit nnver-
mittelter scheide, stehen bei den oben citierten grammatikem meist ver*
mischt.
280 Gndl
h&mm (heim ; eindringling neben rein dial. häim* ), ndT
(nein; vgl. Ober dieses wort Schmeller §. 140anm.)«
Zu vergleichen:
österr. Wurth in Fromm. VI, 252.
7) & (aus iu) =i mhd. ü, vor 1 und m. Schm. §. 159.
Nassel 8.4. 5 z. b. däma (daumen), fal, gäl, hal-n
(mhd. hüren; s. diese zeitsehr. XVII, s. 31), k&l (ku-
gel, mhd. küle), kämm (kaum), mal, mäl^töia (maul-
thier), mäl-b&a' (maulbeere), pfläm (flaum), ram,
8&ffm (saufen), säl (s&ule), fa'-säma (versäumen),
schftm.
Zu vergleichen:
Schm. a. a. o. Wurth a. a. o. No§ Fromm. V, 205, 2.
8) & (aus aQ) = mhd. iu, wie 7, z. b.: kl (eule), bäl
(beule), käl-n (keule), mala (mäuler), näli' (neulich),
äb^schäli^ (abscheulich); noch auslautend in wä (in-
strumental wiu von wa5) und vereinzelt in -rat (-reut
in Ortsnamen).
Zu vergleichen:
Schm. a. a. o. Wurth a. a. o. Nog a. a. o.
ä durch unvermittelte Verengung:
1 ) ä (aus äa) =s mhd. ei, in nicht flektierten Allen (die
flektierten haben ohne Verengung äa), in städtischen
dialektcn; Vilz, Nab (obere), Eger, Misa. Schmeller
§. 143, z. b. i. (das ei), äfst (eifs, geschwür), bräd,
häfs, kläd; lab, lad, last (leisten des Schuhmachers),
mäd (maid = meit; magd), räf, scbrä., schwSfs^
sträch, straf, tag (der teig), wach (weich), zwä. (zwei;
neutr.); (der landdialekt hat: äa, äafst, bräad, bäafs,
kläad etc.).
ä, durch vermittelte Verengung:
2) ä (aus äa, äi) = mhd. ei, ebenda wie im vorigen
falle, doch ländlich und städtisch, stets vor 1, z. b.:
fäl, wülföl (wohlfeil), häl (heil, gesund), häl'n (heilen),
säl, säla (seiler), täl, täl*n.
3) ä (aus äa) = mhd. ei, Obervilz, Oberostnab, auch
vor m und n, s. Schm. §• 143 und unten 6, z. b.
bä^ (bein), läm (lehm), stä^ (stein).
znm ostfräokiflchen vokalismus. 281
4) ä (aus äa) = rabd. ä, vor I z. b. mal, mäl'o (mit
färbe), quäl.
5) h (aus äu) =s mhd. ö, vor m, n z. b. bäna (bohne),
frän- (frobn-), Räm (Rom), echä" (schon), trän
(thron). — Dieses & scheint aber viel besser mit ö
bezeichnet werden zu mQssen, da sonst vor n das
volle au steht (wie: hau" höhn, lau" lohn, schäuna
schonen, täu~ ton).
e, durch vermittelte Verengung:
1)6 (aus ^i, äi) = mhd. d, vor 1 z. b. sali (seele).
2) e (aus ^Q) = mhd. 6, vor 1, n z. b. k61lToub*m (kohl-
rübe, mhd. köl, kole), to'-Iena' (tag-l5hner), sch^nna
sch^nnst (schöner, schönst, zum positiv scheu" =
schön).
3) ^" (aus ei", dieses auf hellung aus fei) = mhd. ie,
vor m, n (die betreffenden fälle mehr städtisch, wäh-
rend ^i" mehr auf dem lande), z. b. ^mmats (jemand),
nemmats (niemand), rema (riemen); an der Tepl und
Mies auch: verzfea (vierzehn).
4) e" (aus ^ü", dieses auf hellung aus feO) = mhd. üe,
vor m, n (sonst wie oben) z. b. blemm*l (ländlich:
bleüm^l == blömlein), hena (1. heüna , heü^a =
hühner).
e, durch vermittelte Verengung:
i) h (aus fei) = mhd. ie, vor 1 z. b. nfellara' (mhd. ieg-
licher), trell'rl (etwas herabhängendes, vgl. mhd. triel
u. 8. unten). (Fehlt bei Schmeller, s. dagegen 2).
2) fe (aus feü) = mhd. üe, vor 1; Schm. §. 393 (besser
bezeichnete ich hier und in 3 e) z. b. brfell (bröhl),
frfelling (frühling), kfell (kühl), schfeUa (schüler, Chor-
knaben), schwfell (schTvül; selten gebraucht), g'spfeUa
(spOlicht, von:) spfelhn (spülen), stell' (stuhle und
stfell-rl = stOhlchen), g-wfell (gewühl), wfelbn (wühlen).
3) e (e, aus feü und dieses unorg. umlaut^ durch die
dem i ähnliche natur des 1 bedingt, flQr ou) = mhd.
uo. Schm. §. 383: z. b. mfelta (multer), schfell* (schule),
spfell-n (spule; spulen), ftfell (stuhl), tfellna (Vertiefung
an einem körper, Schm. 1, 366, ahd. tuolla).
282 Gndl
1, durch unvermittelte verengang:
1 ) (nach alter Umwandlung aus ia) = mhd. le z. b. (all-
gemeiner): frtsl (krankheit; sonst fr&is'n ^^ frieren),
imma* (immer), lid. (häufiger als 16id; lied), nimma
(nimmer), sptfs (auch als waffe, selten sp^ifs), stia^
(stier), ztrli' (zierlich); (im böhm. theile Ostfrankens
auch immer): -ta (fremdendung -ier) und la'n (-ieren),
s. oben. Anm. Die meisten dieser worte scheinen nur
lehn Worte des dialektes, d. h. aus dem schriftdeut-
schen in denselben herübergetragen.
Zu vergleichen:
i fQr ie ist Charakteristikum des mitteldeutschen (eben
das ostfr&nk. gebiet, wo hi steht und einige kleine
striche in Westfranken, wo ia nach sekundärer bre-
chung erscheint, vergl. Schm. §. 307, ausgenommen);
schon in alten denkmälern des mitteldeutschen tritt
deses i auf und selbst rein -mhd. zeigen von ihm
beeinflufste f&lle).
6, durch vermittelte Verengung:
1)6 (aus öa, äa) ^ mhd. ei (s. oben ä 3) vor m, n.
Pfraumberg: bö" (bein), 16m (lehm), ft6* (stein).
ö, durch vermittelte Verengung:
1)6 (aus ou) = mhd. uo, vor 1; an der oberen Pegniiz
(Schm. S. 376) und derMitteltepI; z. b. schol (schule),
spul'n (spule; spulen), stol (stuhl).
n, durch unvermittelte Verengung.
1) u (statt ua) = mhd. n (vgl. i =s mhd. ie); mehr in
lehnworten und im städtischen dialekte, z. b. bü^'n
(bude), grüTs, hüa (meretrix), lüda , mutta , üfa*
(ufer) etc.
fi, durch unvermittelte Verengung:
1) ü = mhd. fie, s. v.; z. b. Idda'lich (iQderlich), mAda*
(mieder), drds'n (drfise), pr&f'm (prOfen), d^'m (Qben).
Nachtrag.
Eine weitere art von Verengung tritt ein, wenn ein
wort, das unflektiert und lang gesprochen, die phonischen
zum ostfrKnkischeii vokalianius. 283
brechuDgsvokale &a, £a, ea, ta, 6a, 6a, üa, üa *) hat, id einen
flektierten fall kommt oder doppelconsonanz nach diesem
brecbungevokale eintritt ; ea verliert dann n&mlich der diph-
tbong das tonlose a und steht als ä, e, h etc«, z. b.:
dämpfn, ganz* (der ganze), sändi' (sandig), tänz-n (un-
flektiert äa" =s an) ;
krm* (die arme), starr (n. b. vor r läfst der landdialekt
auch in diesem falle den tonlosen laut a nach dem
vokal einstehen!) (unfl. äa' ss ar).
b^rgb, harr, st^r'^'m u. s. w. (s. o.) (unfl. Sa* = er).
mirk*n (merken), hirbst, kirz'n (kerze), ir'^-m (erben), irl*
(erle) u. s. w. neben: bia', fa -dia ^-m, iarl etc. (siehe
a. a. o.).
homa (von hörn), ordli' (ordentlich) neben boa'n (boh-
ren) etc.
durft-n, kurza' (ein kurzer), tuma' (thürmer) neben düast,
fdsLZ etc.
för^ wQrft' neben fda', fAa fit etc.
Das durch brechung entstandene äaT und ösT (=s mhd.
an, on) lautet an der Pegnitz, Unternab und Obermies,
Oberradbusa stets nur &*, o^ z. b. drä* (dr6~ = daran),
kr (k6- = kann), kr^k (krö'^k = krank), lä^d, 16"'d
(land), mk" (mö~ = mann), sä*d (sö^d aszs sand), döna
(donen, strotzen), gwönat (gewohnheit) u. s. w.
An der Pegnitz und im bairischen wald wird auch
das durch zerdehnung entstandene ia (ss mhd. e, 5 vor
einfachem konsonanten), üa (=s mhd. o vor einfachem kon-
sonanten) und da (= ü, ebs.) immer, sonst in Ostfran-
ken nur vor I, als i, ü, d gesprochen.
*) Vgl. hier und zum folgenden Über phonische brechung diese seitschr.
XVn, s. 4—8.
Eger in Böhmen, november 1868.
Heinrich Gradl.
284 Schweizer-Sldler
Orammaire coinparde des langues classiques, contenant la th^orie ^Mraen-
taire de la formation des mots en Sanserit, «n Grec et en Latin aveo
reA^rences aax lacgues Germaniques par F. Bandry, 1'* partie: Pho-
ndtique. Paris, libr. de L. Hachette et Ci«. 1868.
Wir begrQfsen das werk, dessen erster theil hier vor-
liegt, als eine sehr gelungene darstellung des gewinnes,
den die beiden classischen sprachen und das sanskrit selbst
aus der vergleichenden Sprachforschung gezogen haben.
Das buch ist mit der unsern nachbarn eigenen klarheit
geschrieben, der stofF schön geordnet, die auffassung durch-
aas verständig und mafsvoll; danach müssen wir kaum
erst noch besonderes anführen und ausführen, dafs die
kenntnisse des verf. sehr umfassend sind und er aufser
Bopps grundlegendem werke auch andere deutsche for-
schungen fleifsig benutzt hat. Die references aux langues
Germaniques, welche, ohne einen haupttheil auszumachen,
doch nicht selten vorkommen und die blicke, welche der
verf. auf die romanischen sprachen wirft, bilden eine hüb-
sche zugäbe. Gewifs wird herrB. sich nicht nur in Frankreich,
auch in Deutschland vielseitigen dank und verdienst um
weitere Verbreitung der diesfälligen Studien erwerben, wenn
er das ganze gebiet der elementar- und formenlehre in
derselben weise behandelt; für die Wortbildung findet er
treflfliche vorarbeiten im eigenen lande, von denen wir die-
jenige Regniers mit besonderem lobe hervorheben. £iQ
ähnliches werk, wie dieses von B., fehlt uns Deutschen
noch, während wir an streng gelehrten darstellungen der
meisten partien der griech., latein., deutschen elementar-
und formenlehre keineswegs arm sind und darauf stolz sein
dürfen unsern nachbarn den wesentlichsten sto£P geliefert
zu haben. Wir werden im folgenden nicht darauf ausge-
hen unser lob im einzelnen zu begründen und eher punkte
herausheben, in denen uns die ansichten des verf. zweifel-
haft oder ungenügend erscheinen: gerade dadurch können
wir unser interesse au dem buche thatsächlich beweisen
und zeigen, dafs uns die lobenswürdigkeit des ganzen den
blick im einzelnen nicht getrübt hat.
Obgleich in den veden metrisch kurz gewordene ö und
anzeigen. 385
6 nadigewiesen sind, mag der verf. dem sanskrit, wie man
es bisher gethan, ein ö und e mit fug absprechen, und
jedesfalls sind die 6 und e der europäischen sprachen ganz
anderer art und, wie Curtius so trefflich nachgewiesen hat,
für diese sprachen charakteristisch; aber gerade darum dOr-
fBD wir auch fOr das gotische ö und e mit recht voraussetzen
und diese laute werden dort in viel gröfserem umfange
geherrscht haben, als man bis vor kurzer zeit zugegeben
hat. Vgl. Scherer, zur geschichte der d. spräche, an meh-
reren stellen. Unrichtig ist auf s. 8 der ausdruck, dafs
oä z. b. im skr. krin&mi „ich verkaufe'^ aus nl, oder um-
gekehrt karömi „ich mache ^ vor den pluralendungen zu
kurmas „wir machen^ geworden sei. Die sache ist doch
einfach die, dafs das ursprünglichere nä in deraccentuier-
ten silbe als na, in der nicht accentuierten als ni er-
scheint, und dafs ü durch den ton zu au gehoben wird,
unbetont zum theile bleibt, zum theile ganz wegfällt. Der
schlufs (s. 9) aus den alphabetischen zeichen für lange
und kurze vocale, dafs die quantität vom sanskrit bis aufs
lateinische mehr und mehr undeutlich geworden sei, be-
ruht auf falschen prämissen. Einmal ist das lateinische
an sich nicht eine weitere entwickelung des griechischen,
dann ist ja die Unterscheidung von länge und kürze im
griechischen alphabete nicht so sehr alt, und seinerseits .
hat das lateinische, haben überhaupt die italischen spra-
chen versuche jener Scheidung aufzuweisen, die viel um-
fangreicher sind als die griechischen. Wir erinnern an die
doppelte Schreibung der vocalzeichen, an EI und I longum
für I, an den apex. Was der verf s. 10 ff. anzunehmen
scheint, dafs positiou den vorausgehenden vocal an sich
lang mache, können wir nicht einräumen. Wir stellen viel-
mehr, wir denken, in Übereinstimmung mit allen deutschen
Sprachforschern den satz auf, dafs in den classischen alten
sprachen die positiou zunächst keinen einflufs auf die quan-
tität des voransgehenden vocales ausübte, dafs also davor
von natur lange und von natur kurze vocale stehen konn-
ten, imd nnn bei der aufeinanderfolge gewisser konsonan-
ten die silbe lang wurde, wenn auch der vocal an sich
286 Schweiser-8id]«r
kurs war. Nicht nur die griechische, auch die lateinische
lautbezeichoung sprechen laut dafür, indem sie naturlangen
vocal genau bezeichnen, wie in ictum, paastor u. s. f.,
niemals den von natur kurzen vocal vor position als Ter-
l&ngert aufflkbren. Schwieriger sind die fälle von gemina-
tion eines m, n, 1, s, einzeln auch der explosiven, aber
nicht schwierig fOr die frage, ob sie einen naturkurzen
vocal verlängern. Die erklärung, welche herr B. von
der positionslänge gibt und welche von seiner annähme
einer Verlängerung des vocal es ganz unabhängig ist, ist
nicht nur sinnig, sie ist sehr wahrscheinlich ; die einzelnen
f&lle aber, wo sie schwankend ist oder wo sie erst durch die
hexametrische poesie im lateinischen aufkam, sind nicht
genau verfolgt und einige aus dem deutschen beigebrachte
Wörter nicht richtig angef&hrt: sunu hat im althochdeut*
sehen kein fi, sondern u, und sonne lautet dort sunna.
Endlich ist hier die aus Corssen citierte stelle mifsver-
standen. Wesen und Stellung des accentes sind in un-
serem buche mit geist und besonnenheit dargestellt, und
in feiner weise ist die möglichkeit und Wahrscheinlichkeit
der historischen wandelung nachgewiesen. Die auseinander^
Setzung des Verhältnisses von ä, e, 6 (s. 30ff.) kann ge-
wichtiger und tiefer werden durch benutzung der schon
oben von uns angeführten arbeit von G.Curtius. Zu vömo,
vdco s. 33 stellen wir noch altes voto für veto, voci-
vus f. vacuus, vocatio f. vacatio. Die deutschen bei-
spiele s. 34 sind nicht gerade glücklich gewählt. O findet
sich im althochdeutschen einige male bestimmt als Schwä-
chung von a, wie in gewonaheit gewobnKeit u. a., be-
sonders aber erseheint es als, wie es Grimm vielleicht nicht
richtig nennt, gebrochenes u, wenn in der folgenden silbe
a, o, e auftritt, es sei denn dafs mm, nn oder mit m, n
gebildete consonantengruppen die brechung hemmen, und
das ist nun gerade in sunna der fall. Im skr. puru,
pulu (s. 35) etc. ist auch der einflufs des folgenden r mit
anzuschlagen, und o im griechischen ^oAt;^ ist nicht etwa
gleich u zu setzen, sondern ist selbständige griechische
Schwächung von altem ä, vgl. ßixqvg neben gürn. Wenn
anseigen. 287
vom Terf. selbst gewils sehr richtig in soror u.E. blofs
einflufs von v angenommen wird, so dQrfen auch indische
Qkt& and iäta nicht so erklärt werden, als sei hier ä
einfach ausgestofsen und y, j vocalisiert. Aus den quellen
ftar archaisches latein ist wenigstens die Duiliusinschrift
auszuscheiden, wie das nach Ritschis forschungen nicht
mehr bezweifelt werden kann. Was die Schwächung von
a in u und i Tor p, b betrifft, so hätten wir namentlich
ein beispiel gerne aufgef&hrt gesehen, in dem wir die stu-
fen noch verfolgen können, nämlich die Zusammensetzun-
gen mit rSpio, von denen corrüpio etc. vor corripio
existiert hat. und u war auch die Vorstufe von i in in-
silire etc., wie uns consul, consiilo zeigen. Auch con-
dumnari st. condemnari ist so zu erklären. Die anm.
s. 42 gegebene etymologie von causa, caussa von wz.
cnd „hauen, schmieden^ wird wenige befriedigen. Nicht
genau ist die erklärung von eo, queo, eum etc. s. 43.
Herr B. nimmt doch wohl mit Corssen u. a. an, dafs der
vokal der wurzeln T von ire und qui von quire, i von
is in der flexion gesteigert wurde, zunächst also ei, 3
lautete; nun blieb eben diese form vor den vocalen a, o, u
mit allmählicher Verkürzung, während sie sonst in l Qber-
gieng. Schade ist es, dafs der verf., wo er von der ver-
kfirzung der endvocale oder der vocale vor schliefsendem
consonanten im lateinischen spricht, nicht die arbeiten von
Bdcheler, Fleckeisen, Ritschi, Wagner u. a. benutzen
konnte.
Der tkbergang von as (skr.) in ^ in edhi „sei^ f&r as-
dhi, und derjenige in o vor tönenden anlauten werden hier
so erklärt, dafs i und u als compensierende vocale aufge-
lafst sind. Orflndlicher ist die deutung von A. Weber,
dafs, nachdem sich das s in die specialisierten hauche j
oder V aufgelöst, diese schliefslich mit einwirkung der in
ihnen liegenden vocale i und u verschwunden seien. Kq^It'^
Ttav werden wir nicht leicht anders erklären können als
so, dafs wir doppelte Vertretung des i annehmen, wie in
fui^av. Das lateinische hat denn doch (69) den hiatus in
deesse, cooptare u. ä. gemildert und häufig. ganz ge-
288 Schweizei^idler
tilgt, und quercuum, taus, filii sind gerade die jlln*
gern formen; fluere hiefs eigentlich floTere (vgl. per*
plovcre), dann flouere, flüere, fluere. Die griechi*
sehen <p^ x^ ^ nimmt B. für Spiranten, wie viele neuere
and ältere, stellt aber zugleich die ansieht auf, dafs sie
ursprQnglich wahre aspiraten gewesen seien. Die grieobi-
sehe erscheinung, dafs in der reduplicationssilbe die tenues
statt dieser laute auftreten, was sie denn doch eher als
wahre aspiraten erkennen läfst, möchte in die urzeit zu-
rückreichen, aber, waren sie in der classischen zeit Spiran-
ten, so begreifen wir nicht recht ihre Vertretung im alten
latein durch die tenues, im spätem durch ch, ph, th.
Auch das lateinische (82) hatte einstmals buchstabe und
laut z, und das oskische behielt ihn immerfort in doppelter
geltung. In der genitivendung -azurn entspricht oskisches
z dem gotischen und ißt, wie das gotische im althooh-
deutschen, im lateinischen durch r vertreten. Die darstel-
lung von dem fortschreiten der assimilation würde (s. 100)
der verf. nach einsieht des Index zum ersten bände des
C. I. L. von Mommsen etwas anders gefalst haben. Wir
können doch nicht obenhin sagen, lat. g gehe in v über.
Das goth. quius, ahd. quäh zeigt ganz deutlich eine
vorausgehende entwickelung in gv. Auf derselben seite
112 ist von der Schwächung eines c in g die rede. Diese
findet seltener im anlaute als im inlaute zwischen zwei vo-
calen statt. C (fQr C*ajus) aber haben wir immer mit wei-
chem anlaute zu sprechen, rührt doch diese sigle noch aus
der zeit her, wo c und k neben einander galten, jenes f&r
g, dieses für k. Arguo (s. 121) ist von Meunier und B.
sicher falsch alsad-guere „entgegen schreien^ gedeutet
Der sinn dieses wertes mit seinen ableitungen spricht laut
daAir, dafs arguere von einem lat. argus = *doy6g ab-
zuleiten ist und eigentlich „hell machen^ bedeutet. Vafer
(s. 126) ist uns doch nicht so dunkel, indem an seiner her^
knnft aus wz. vabh^ v(p^ w^ban kaum zu zweifeln ist.
Laut und bedeutung stimmen trefflich. Zu humerus als
beispiel von unechtem h läfst sich noch humidus u. s. f.
fQgen; übrigens sind diese Wörter in unfern texten in der
Anzeigen. 2S9
regel richtig ohne h gedruckt. Die erweicbnng Ton h in
g wird im iolante wohl immer mit nasaliertem vocale ver-
bunden sein. Die deutsche lautverschiebung ist s. 142 ff.
mit bertIcksicbtiguDg der nach Grimm aufgestellten ansich-
ten behandelt; in eine neue phase ist die erkl&rung der-
selben durch das geistreiche buch von Scherer getreten,
welches B. noch nicht benutzen konnte. Die wandelnng
von griech. v \n g nimmt auch der verf. (s. 154) nicht an,
findet aber die Veränderung von v in >l, wie sie neuere
sprachen etwa aufweisen, bei mehreren beispielen wahr-
scheinlich, nämlich bei anja, äXXog'j dh^nu, &ij)Lvg na^,
nanciscor, kay^cc^w; TtksvfÄtov neben mf&ifi<av. Frei-
lich sind alle diese beispiele, wie Curtius nachgewiesen,
nicht streng beweisend. Gegen ausfall des fi zwischen
zwei vocalen im inf. hat Benfey (Or. und Occ. I, 606) be-
grOndete einwendungen gemacht. Es ist in der that keine
Ursache vorhanden, die uns hinderte neben der endung
^pLtvai eine endung 'tvai aufzustellen. Zu s. 158 ist zu
bemerken, dafs Ascoli neuerdings (siehe die folgende seite)
nachzuweisen versucht hat, dafs die lateinischen novem,
Septem, decem neutra, versteinerte neutra von a-stäm-
men seien, und bei wegfall von pi begreift sich das grie-
chisch auslautende a um so leichter. Auf derselben
Seite, wo B. von diesen Wörtern spricht, ist nun wie früher
vom griech. q^ X fbr v, hier vom lateinischen die rede, und
es steht die sacfae nicht sicherer: das fremd wort groma
fUlt aufser betracht, und lympha ist kaum gleich yt;^^)!?,
höchstens später durch ph st. p ihm genähert worden; lat.
ist lumpa und dieses steht gleich osk. diumpa quellwassen
Es wird auch s. 164 lateinisches labor unrichtig an wz.
labh ^greifen, nehmen^ gehalten, es sei denn, dafs der verf.
diese als mit rabh gleich nachweise. Das slavische und
das deutsche wort lassen uns in labor r als ursprüng-
lichen anlaut erkennen. lam wurde nicht nur (wie es
s. 192 scheint), wenn das gefflhl für die Zusammensetzung,
wie in qnoniam, verloren war, zweisilbig gelesen, nunc-
iam ist bei Plautus und Terenz immer dreisilbig. Ait
ist 8. 193 zu kurz abgethan. Wir müssen beachten, dafs
Zeitechr. f. vgl. sprachf. XVIII. 4. 19
890 Schw«iMr^dler
dessen arsprüngliebe messung die spoodeisohe gewesen ist,
dann alt, sohliefslicb erst alt. Fleckeisen, zur kritik der
altl. dichterfragm* p. 7 ff. Noch einige andere kleinigkei-
ten könnten wir auiTQhren, in welchen eine andere auffas-
sang möglich oder die richtige wäre ; das buch als ganzes
bleibt aber eine hübsche und besonnene arbeit
Zürich. H« Schweizer-Sidler.
Während in obigem buche eine treffliche übersicht-
liche darstellung ,der für das sanskrit, griechische, latei*
nische wichtigsten resultate der vergleichenden sprachfor*
schung gegeben ist, liegt uns von Ascoli eine gröfsere
abhandlung „di un gruppo di deainenze Indo-Europee^
Tor, in welcher er mit grofsem Scharfsinne (nicht bIo(s
„nicht ohne Scharfsinn^) und mit Sichtung eines umfassen-
den materiales neuen gewinn zu erringen sucht und nach
unserer meinung errungen bat. Wir theilen denselben in
aller kürze mit. In den armenischen Zahlwörtern fQr 7,
9, 10 sieht er *n, -an für spätem zusatz, nicht fär uralte
Übereinstimmung mit dem sanskritischen Schlüsse der ent-
sprechenden Zahlwörter an. Diesen sanskritischen schluis
selbst bestreitet er und meint, dafs er blofs irrt'jümlich
aus einigen formen der casus obliqui entnommen sei: ein
n-stamm (panKan, saptan, aötan, navan, da^an)
habe hier nicht existiert, sondern vielmehr im nominativus
unflectierter a-stamm (panka etc.). Die lateinischen Se-
ptem, novem, decem aber gelten dem yerf. als ver-
kannte mit flexion des nominativus und accusativus verse-
hene neutralformen eben solcher a- stamme, wie denn die
griechischen invd etc. beweisen, dafs im auslaute derselben
ein fi al^efallen sei. Aber die alte form -am zeige sich
in einem worte noch weiter verbreitet unter der gestalt
von av, ö, in dem worte für 8. Dieses dürfe nicht als
dual gefaCst werden, aber, und das fährt den verf. auf den
dualis Oberhaupt, der lautliche procefs sei hier derselbe als in
dem genannten numerale. Die äu, w, € etc. des dualis seien
antelgen. ^1
ans -am hervorgegangen, wie das än^hn skr. dadftu ich
gab. Ein solches ftu trete auch in skr. asftu, griech. ^;/fti
n.s.f. und schliefslicb in ffigta u. s. £ auf. — Diese abband-
lung ist, wie der kundige leicht aus den resultaten schliefst,
wichtig finr lautlehre und formenlehre, und enthält beiläufig
manche treffliche vergleichung von einzelnen Wörtern.
Zfirich. R Schweizer-Sidler.
Ueber Bttsspraclie, ▼okalismiis and betonvng der Uteinisehea spracbe. Von
W. Cor s Ben. Zweite umgearbeitete ausgäbe. Enter band. Ss. XV
und 819. Dmck und verlag von B. 6. Tenbner. Leipzig 1868.
Mit welchem rechte diese zweite ausgäbe des trefflichen
buches vonCorssenden namen einer völlig umgearbeiteten und
erweiterten verdiene, zeigt schon das mafs ihres umfanges
gegenüber der ersten. Der stoff, dessen behandlung in der
letzteren nur 232 Seiten einnimmt, ftllt im vorliegenden
bände der zweiten bearbeitung über 800 Seiten, nämlich
aiphabet und schrift, ausspräche der consonanten und vo-
cale, und der erste theil des Tocalismus, d. i. die entste-
hnng der diphthonge und langen vocale, und die trflbung
der erstem. Es war dem verf. Tergönnt jetzt nicht nur
reicheres, sondern auch besser gesichtetes material lateini-
scher inschriften verschiedener zeiten und neue funde auf
oskischem und sabellischem Sprachgebiete zu benutzen, es
traten femer in dem Zeiträume zwischen der ersten und
zweiten ausgäbe faliscische inschriften ans licht, welche
Mommsens vermuthung, dafs sich in Palerii eine der latei-
nischen nahe verwandte bevölkerang gefunden habe, aufs
glänzendste bestätigten; endlich haben inzwischen die for-
schnngen innerhalb der lateinischen und überhaupt itali-
schen Sprachdenkmale, so wie diejenigen auf dem felde
weiterer historischer Sprachforschung und der lautphysio-
logie ein frisches leben gelebt. Corssen selbst aber bethä-
tigte sich fortwährend aufs eifrigste in mehrern dieser kreise,
19*
292 SchweUer-Sidler
bald abwehrend, baf3 weiter bauend, und nahm im Obrigen
meist alles dessen achtsam wahr, was irgend welche bezie-
hung auf die grofse aufgäbe hatte, welche er sich als pro-
vinz gewählt. Haben nun wirklich alle theile des Corssen-
3chen buches, so weit es uns vorliegt, grofse bereicherung
erfahren, so gilt dieses doch vor allem von demjenigen,
welcher die entstehung der diphthonge und langen vocale
behandelt. Wir folgen dem Verfasser mit lebendigem in-
teresso durch ein volles wurzelverzeichnifs und die man-
nigfachen und theilweise recht einläfdichen daran gereihten
erdrterungen Ober italische wurzel- und Wortgestaltung, und
fireuen uns, wo er die ersatzlängen im zusammenhange dar-
legt und immer noch einzelne räthsel löst; kein forscher
aber wird undankbar sein ftkr die entwickelung, welche der
verf. den gesteigerten vocalen in wortbildungssuiBxen und
flexionen angedeihen läfst, mag ihn auch da und dort eine
erklärung minder befriedigen. Kurz, wir halten daflQr, dafs
diese neue ausgäbe des vocalismus fflr jeden, welcher vom
heutigen standpuncte der wissenschaftlichen kenntnifs des
lateinischen sich unterrichten will, ein geradezu unent-
behrliches hilfsmittel sei.
Die wissenschaftlichen principien von C. sind bekannt,
und auch wir haben dieselben schon mehr als ein mal dar-
zulegen versucht und dieselben bis auf einen gewissen grad
vollberechtigt gefunden. Der verf. fahrt seinen kämpf wohl-
gerüstet und wehrt sich nach allen Seiten hin mit nie er-
mattender beharrlichkeit. Es kann ihm dabei auch einmal
begegnen, dals seine polemik kleinlich wird, was wir be-
sonders dann nicht gut heifsen können, wenn es einem die
Sache so ernst nehmenden, forsShungseifrigen und scharf«
sinnigen manne, wie Ascoli, gegenüber geschieht. Wenn
ein Italiäner, welcher deutsch schreibt, den ausdrnck spalt
für Spaltung braucht, verdient er wahrhaftig darum kei-
nen spott. Eine schwächere seite sind auch an diesem buche
Corssens die allzu freie benutzung des sanskritwurzelver-
zeichnisses und besonders die unzulängliche kenntnifs der
altdeutschen formen, welche doch so häufig beigezogen
werden und in der that für die anschauung der diphthon-
anzeigen. 293
gen- und längenentwickelung im lateinischen sehr wesent-
lich sind. Wir dürfen diese kleinen schwächen um so we-
niger verschweigen, da das werk sonst gerade durch seine
grüudlichkeit imponiert und im übrigen trotz des ungeheu-
ren reichthums an stoff nur selten ein versehen einschlei-
chen läfst. So wird ein Germanist sich vielleicht wun-
dern, wenn er von C. die deutung von h^lt, hialt u. 8.f.
als ursprünglich rednplicierender perff. angezweifelt sieht,
aber noch mehr, wenn er s. 400 mitten in einer trefflichen
auseinandersetzung zu lesen bekommt: i^die wurzel sa ist
auch erhalten im as. got. sibuu „sieben^ vgl. mit griech«
cda) „ siebe ^, wo nach dem zusammenhange doch nicht
vom gotischen zahlworte die rede sein kann, oder wenn
er unter wz. bhug als beispiel gleichartiger Steigerung mit
skr. bhöga, fügi das ahd. poko, ein ander mal als bei-
spiel der deutschen ö- Steigerung chömen aufgeführt,
fuogan und dergleichen geschrieben findet; und umsonst
würde es sein hier kenntnifs der vocalbrechung und des
vocalumlautes, kenntnifs der vocalischen auslautsgesetze
und genauere Unterscheidung der germanischen dialekte
zu suchen. Nach diesem allgemeinen urtheile wenden vnr
uns zum einzelnen, nicht um armselig zu kritteln, son-
dern um, wo möglich, wenn auch nur im kleinen zu er-
gHnzen und die Wahrheit zu fördern. Zun&chst f&Ut es
uns auf, bei der behandlung des alphabets die so be-
deutende abhandlung Kirchhoffs „Studien zur geschichte
des griechischen alphabets*^ nicht mit einem worte erwähnt
zu finden, i:nd doch haben auch Mommsen in seinen neue-
sten ausgaben der römischen geschichte und Kitschi in dem
allerdings erst nach erscheinen unseres buches veröffent-
lichten lichtvollen aufsatz „zur geschichte des lateinischen
alphabets '^ das gewicht der resultate von Kirchhofis for-
schung für erkenntnifs des Ursprungs, der gestaltung und
der Ordnung der italischen alphabete in vollem mafse ge-
würdigt. Wir dürfen wohl erwarten, dafs unter den nach-
tragen des zweiten theiles die ergebnisse von Kirchhoffs
und Ritschis Untersuchungen mit verzeichnet werden. Ueber
das merkwürdige ROA\A aber wird sicher der verf. anders
294 SchweiMr-Sidler
urüi^en als Ritscbl. Das kaon doch eben, wie uns R.
selbst lehrt, nichts anderes bedeuten als Roama, darf
aber darum nicht mit robur in Verbindung gebracht und
jfticht ▼, u aus b erklärt werden, sondern best&tigt nur wie-
der die feine deutung von Corssen, welche mit der ge-
schichtlichen aufiassung Mommsens, einer aufTassung, welche
uns auch Cato an die hand gibt, trefflich stimmt. S. 14
werden die Plautinischen messungen similumae, sagita
UL a. erwähnt und gewifs ganz zutreffend erklärt; denn
nicht darum, weil die doppelconsonanten nicht geschrie-
ben wurden, wie einige meinten, konnten die silben vor
ihnen als kurz gelten, sondern darum, weil sie nicht mit
deutlich geschärften consonanten gesprochen wurden.
Dafs gewisse, später doppelt geschriebene laute, selbst
solche, deren doppelung sich durch assimilalion erklärt,
anter bestimmten bedingungen in der scenischen spräche
nicht volle metrische länge begründen, ist in neuester zeit
wieder von Christ hervorgehoben und geschickt begrün-
det worden; bemerkenswerth ist aber, dafs das in sagita
wohl ursprünglich einfach lautende t geschärft und der
accent versetzt ward, eine vereinzelte willkürlichkeit, welche
eben dadurch ermöglicht ward, dafs vorEnnius eine feste
abgrenzung in dieser beziehung noch nicht bestanden hatte.
Wie Ennius die viel wichtigere doppelte Schreibung ge-
schärfter consonanten in die schrift und metrik eingef&hrt
bat, so gilt der dichter Accius fOr denjenigen, welcher die
doppelte Schreibung gewisser vocale au%ebracht habe, um
deren naturlänge anschaulich zu machen; Bücheier aber
wdlte — in seiner gediegenen schrift über die lateinische
declination — aus dem von Cato fQr diem geschriebenen
diee schliefsen, solche Schreibung sei vereinzelt schon vor
Accius vorgekommen. Das bestreitet C.s ib anm.und nimmt
diee fbr einen ehrwürdigen Überrest der vollen form die-
sem. Diese volle form als ursprüngliche anzunehmen, hat
C. vollkommen recht, aber so jung, dafs ein derartiger
rest noch zu Catos zeiten bestanden hätte, ist gewifs der
ausfall des s nicht anzusetzen. Ebendaselbst spricht Cors-
sen von h als längezeichen im umbrischen und oskischen
antelg«n. 296
und fflbrt den analogen gebrauch der deataohen Schrift seit
dem spätem mittelalter an. Aber sparen eines soldien h
UQ'I noch viel häufigere spuren der doppelten schreibang
von vocalen, um deren natarlänge su bezeichnen, finden
sich im deutschen um ein bedeutendes frfiber; Grimm, gr.
1% s. 89. Wir dürften darum auch gar nicht daran den-
ken, dais Accius seine schreibang von einem andern zfreige
des italischen Stammes herholen mufste, wenn nicht auf-
fielo, dafs er nicht auch OO schrieb, was allerdings entleh-
nung von Oskem oder Sabellern wahrscheinlich macht.
Was die Schreibung mit EI, I longum oder einfachem I
ftkr I betrifft, so müssen da noch, wie über die Schreibung
mit apex, die feinen und sprachgeschichtlich wichtigen er-
drtemngen Useners in dessen aufsatz i^varronische ex-
cerpte^, rh. m. n. f. bd. 24, hinzugenommen werden, um un»
dieselbe ftlr die ausspräche richtig werthen zu lassen. Was
Gorssen unter einer behandlung der ausspräche der latei-
nischen consonanten versteht, ist bekannt: er erörtert in
dem betreffenden abschnitte überhaupt das charakteristi-
sche des consonantensystems, die möglichen und wirklichen
Verbindungen derselben, ihre stärke und schwäche, und
gewinnt dadurch in streng methodischer weise aufschlufs
über die etymologie einer grofsen anzahl von lateinischen
Wörtern und bildungen. Eine nicht unwesentliche frage
ist hier, wie die aspiraten der verwandten sprachen in den
italischen und im lateinischen insbesondere vertreten, ob
wir berechtigt seien eine voritalische stufe anzunehmen,
auf weicher den italischen Spiranten, wie im griechischen,
tennes aspiratae vorangiengen, oder ob, wo lateinische Spi-
rans im anlaute, media im inlante einer skr. media asp.
entsprechen, eine blofs mechanische theilung stattgefunden
habe, und was sich daran anschliefst. Diese frage bespre-
chen wir nicht, da Ascolt, der von C. sehr heftig an-
gegriffen worden ist, ohne zweifei den kämpf fbr seine
voritalischen aspiraten und fQr seine anschauung der spi-
rantenentwickelnng im italischen mit allem rüstzeuge aofiieh-
men und durchführen wird. Die analogien anderer sprar
eben begünstigen die ansieht, welche Ascoli in letzter
296 Schweiser-Sidler
zeit mit besonderem eifer vertheidigt bat, in hohem grade,
nnd C. ist kaum berechtigt die diesfäliigen italischen vor-
ginge unmittelbar an die sanskritische lautgestaltung an-
zuknüpfen. Schliefsen wir uns auch Äscolis ansiebten
Ober die entwickelung der italischen Spiranten an, so ver-
lieren diese darum nicht dem griechischen gegenüber an
ihrer Selbständigkeit. Wir greifen aus diesem abschnitte
nur einzelnes heraus. Dafs Corssen nun um so muthiger
seinen satz festhält, es sei in alter zeit kein -cit, -et in
blofses -t mit vorausgehender länge übergegangen, d. h. die
assimilation von tt aus et sei erst spätlateinisch und ro-
manisch, um so muthiger, da seine erklärung von suspl-
cio, convicium boden gewonnen hat, das ist natürlich,
und er läfst auch heute noch (s. 37) das einzige setius.
An welchem aber ein ursprüngliches g vor t geschwunden
sei, als annähernd zutreffendes beispiel solches Vorganges
gelten. Götze wollte jüngst Corssens herleitung von 86-
tius aus seg-nis bestreiten und meinte, dessen trennung
von secus sei formell höchst auffallend, es stimme aber
auch die bedeutung von setius nicht zu derjenigen von
segnis. Der beweis für diese ansieht ist nur durch die
beigebrachte analogie nicht schlagend geleistet, existiert
doch ein adjectivstamm penito, von dem penitius com-
parativ ist, und ist doch eben das adverbium penitus
nicht unmittelbar von einer wurzel gebildet, wie es das
adverbium secitus sein mü&te, wenn man es mit secus
gleichstellt und wie dieses von wz. sec herleitet. Aber
vergleicht man socius, secta, sector (verb. intens, von
sequor), so wäre sectus keine unerhörte form, und davon
kann sectior, s6tior kommen. Sei dem wie ihm wolle,
das steht durch die Überlieferung fest, s6tius ist = se-
ctius, und dieses ist ein beleg für t =s et, tt mit ersatz-
länge. Und das gibt uns das recht invitus aus invici-
tus oder invictus zu erklären. Denkt man bei invitus
an skr. vi und vergleicht vitus mit skr. vitas geliebt,
erwünscht, mit zendischem vitas erwünscht, gut, invitus
mit zend. e vitas „bös, nicht erwünscht^, so ist und bleibt
der Umschlag des part perf. pass. eines transitiven yerbuma
297
in die active bedeatoDg sehr aufTallend, und man erwartet eher
hoc mihi invitum facit als me inyito; überdies wäre
die vereinzelte entlehnung eines particips doch wohl ein
Aufserst seltener fall. Wie wir demnach bei invitns als
einem invicitus, invictus von wz. vec = jx ass vap
meinen uns beruhigen zu müssen, so trennen wir nicht
vitare von jrex, iixw^ nicht invitare von vocare, um
sie in gar künstlicher weise mit skr. wz. vi zusammenzu-
bringen. Sehr instructiv und, denken wir, abschliefsend
ist Corssens darstellung der assibilation von t und c. Ge-
gen die ableitung jedoch von Bonifacius, älter Boni-
fatitts (s. 57), sind jüngst schon im rhein. museum. be-
scheidene, aber begründete bedenken erhoben worden. An-
Ift&lich der alten assibilation von t in s bringt Corssen
seine früher aufgestellte scharfsinnige erklärung von osk.
patensins aperuerint und umbr. combifian^ust in er-
innerung. Unbedingt ziehen wir aber die deutung vor,
welche C. ebenfalls als die seinige ansprechen kann, sie
jedoch am angefahrten orte unserer Zeitschrift schliefslich
zurücksetzt. Von einem patenti konnte nur patentaum
kommen wie lat. praesentare von praesenti u. s. f.;
es liegt also dem oskischen worte ein thema patentio
oder patentia zu gründe, und so ist selbst der Übergang
von t in 8 noch mehr gerechtfertigt. Unter den beispie-
len einer erweichung von c in g führt der verf. auch pro-
mulgare auf und stellt daneben promulcum und re-
mulcum, womit er in aller stille die deutungen von
prom. aus provulgare oder proinvulgare beseitigt
und wiederum einem beispiele für den Wechsel von v und
m seine beweiskraft nimmt. Wir denken, C/ fasse re-
mulcum und promulcum als ableitungen von meliere
(in promeliere) und wolle promulgare als „hervor-
ziehen^ deuten. An dieser deutung wird der verf. gewifs
durch Wilbrandts bemerkungen, zeitschr. XVIII, 108,
nicht irre werden. Auf s. 118 heilst es von ob wieder,
es sei entweder verwandt mit griech. kni^ skr. api, oder
mit skr. upa. Wir denken doch das erstere als nach form
und bedeutung allein richtig erwiesen zu haben. Wir ken-
296 Schw«iser-8idler
Den keinen fall^ wo ureprßDgliohes u im lateinischen o ge-
worden wäre and nehmen dieses selbst in före (vor r)
nicht an, noch minder in jöcus. Nicht geben wir noch
einmal auf diejenigen mit f anlautenden Wörter ein, deren
etymologie jetzt noch streitig ist, wie famulus, faber,
facere u. a., mQfsten wir doch nur altes wiederiiolen und
bekämen die alten nach unserer Überzeugung nun einmal
nicht genügenden einwürfe zurück. Ueber die wz. bhaj
im Sanskrit aber dürfte sich nun doch Corssen, weil nicht
durch uns, durch Böhtliogk-Itotb belehren lassen. In fa-
mulus ist immerhin beachtenswerth, dals a kurz ist, wie
denn überhaupt die quantität und dlfUlige erklärung des
ausweichenden im vorliegenden buche — freilich bei so
reichem materiale begreiflich — da und dort zu wenig
beachtuDg findet, so in äcerbus, fimus, Venafrum.
Noch leichter scheint es uns form und bedentung von feo
zu begreifen, wenn wir feveo als grundform ansetzen; und
daneben stellen wir unbedenklich und unbeirrt durch des
verf., wir meinen, leicht zu beseitigende einwendnngen als
alte präsensform von fu fövo auf. Ueber die wz. bhar,
bhra, bhru (s. 145) hat schon Ascoli bd. XVI d. zeitschr.
neues beigebracht, nun sind Böhtlingk-Roth s. v. bhur
zu vergleichen; und blofse Weiterbildung von bhra ist
bhram, neben dem ein bhru leicht erklärlich ist. Sehr
ausführlich läfst sich C. s. 152 ff. über das mit ab gleich-
bedeutende af gegen Curtius aus, und wir werden ihm
einräumen müssen, dafs seine deutung von af aus einer
form adhi, adh lautlich gerechtfertigt ist, wie keine an-
dere. Da wir im lateinischen kein zweites beispiel aufzu-
weisen vermögen, in welchem etwa urspn ausl. tenuis
aspiriert worden und dann sich wieder zur media ges«ikt
hat, so werden wir uns bei Corssens ansieht beruhigen.
Aber minder durchschlagend erscheint die anm. s. 160 f.,
in welcher C. im gründe nur die lautlich sporadisch sich
geltend machende erscheinung^ dafs auch im lateinischen
s folgende tenuis zur aspirata, resp. Spirans umgestalten
könne, bestreiten will.' Fallo aber ist ein nicht wegau-
liomendes beispiel, und der verf. wird umsonst nachzuwei-
aaaeigeii. 299
sen Teroucbeo, daft es einst im sanskrit ein sbhal vor
sphal gegeben habe. So scheint es uns denn auch uner-
laubt funda von o^eväovrj und der wz. spand zu tren-
nen. Die bedeutungen des lat. funda sind schon von der
gewöhnlichen lexikographie ohne alle kfinstelei zu einer or-
ganischen einheit vereinigt worden. Dals aber funda und
C€p€v86vti zu spand gehalten werden, verwehrt uns nicht
anch pendere zu derselben wnrzel zu ziehen: warum
dürften wir nicht nur, warum sollten wir nicht auch auf
dem wurzelgebiete zeitlich verschiedene entwickelungen an-
nehmen, warum sollte nicht anch diese forschung eine Chro-
nologie inne halten? Dafs plsbes (s. 165) so erklärt werden
könne, wie Corssen erklärt, ist unbestreitbar; aber fQr
denjenigen, der nicht darauf ausgeht das lateinische vom
griechischen möglichst scharf zu trennen — ein bestreben,
das bei unserm verf. stark hervortritt — , liegt die vec^
gleichung von nXij-d'oq mit p leb es sehr nahe und die
ein Wendung Corssens triffi nicht zu, dafs sonst (?) den
griechischen neutris auf -og im lateinischen solche auf -us
entsprechen; haben ja doch gerade die neben einander
stehenden formen nabhas, vi<pog^ nübes, sadas, iSogj
sedes den begründer einer wissenschaftlichen Sprachfor-
schung auf die richtige erklärung der lateinischen formen
auf -es geflQhrt. Unter abies s. 170 ist wieder skr. edh
als Steigerung von adh aufgeführt. Solches edh aber wird
wohl einstimmig von den sanskritkennem als dialektische
— und als solche erklärbare und nicht ohne analogie da»
stehende — nebenform von ardh angesehen. Der wurzel
arbh, welche mindestens nach analogie erschlossen war,
begebe ich mich um so lieber, da der verf. dem dh von
ardh sogar im inlaute doppelte Vertretung auf italischem
boden einräumt. Wir meinen, dafs der verf. seine künst-
liche deutung von quotidie und quotannis (s. 175 f.)
nicht lange festhalten wird. Während er selbst in einem
folgenden abschnitte seines buches sehr wahrscheinlich
macht, dafs die pluralformen auf -eis, -Is in der o-de-
cUnation relativ spät und vorübergehend gewesen seien, soll
qvotannis seinssquot annis (f. anni) snst, und da-
300 Schwetzer-Sidltf
nach quotidie = quoti dies aas dem alten quöti mit
gesteigertem i und nom. pl. dies. Die einfachste erkl&ning
wird immer die sein, daüs wir in quotidie einen locati-
Yus ^am wie vielten tage (es sei), in qaotannis einen
ablativus sehen. S. 186 anm., wo vom abfall eines t im
perf. die rede ist, meint der verf., die von Ritschi fbr die-
ses tempus angenommene form deda = dedant s=s de-
dgrant könne nicht gehalten werden, nnd es sei in der
^betreffenden inschrift DEDA vielmehr als Deda, Stamm-
form zu Dedia, Didia zu nehmen, wie denn auch frü-
here geradezu Didia übersetzten. Seine einwendungeo
sind sehr gegründet, aber die namensform steht ihm ent-
gegen: Didii gab es, aber nirgend Didi, und um die
frage abschliefsend zu beantworten, müfste wahrscheinlich
gemacht werden können, dafs in Pisanmm ein i zwischen
d-a nicht gesprochen oder dafs vom Steinmetzen nach-
lässig geschrieben wurde. Wir fibergehen die sehr inter-
essante anmerkung über apud, apor (s. 197), über altes
8 und die nominativendung in Cusianes (s. 229); in an-
merkung zu s. 232 ff. tritt C. einläfslich und gegen Pott
polemisierend wieder auf die lateinischen formen dies, in-
terdius, dius, diu ein. Wir erklären. uns im wesent-
lichen mit seiner beweisflQhrung und seioen ergebnissen ein-
verstanden: das nur können wir nicht einräumen, dafs
jemals das neutralsuffix -us, lat. -os, -us mit langem vo-
cale vorgekommen sei, selbst nicht in dem zur vocalstei-
gerung allerdings sehr geneigten lateinischen. Diese ein-
wendung wird uns kaum hindern dius und in interdius
-dius für acc. sing, zu nehmen, da uns die bezeichnung
interdius, diüs nach vergleichung der stellen nur Weis-
heit der lexikographen zu sein scheint. Aber anders ver-
hält sichs mit diu. Soll dieses aus dius entstanden sein,
dann mufs die spräche letzteres mifskannt und als acc. pl.
gefafst haben: immerhin ist der bleibende abfall eines s
nach langem vocale und in einer form, neben welcher
noch in litterarischer zeit jenes s stand -^ angenommen, es
wäre u in dius, interdius wirklich ü gewesen — etwas
höchst singniäres. Wir sehen heute noch nicht ein, warum
anzeigen. 301
diu nicht ablativns sein könnte, sei es nun f&r diö, sei
es von einem stamme di(y)u. DaTs interdiu, interea,
posth&c u.a. noth wendig mit accusativus zusammenge-
setzt sein müfsten, wird uns zu glauben scliwer, und hät-
ten das die Römer geglaubt, so wären die formen eä,
häc nicht stehengeblieben. Wie erklärt Corssen aduor-
sum eäd im S. C. de Ba.? Wir denken mit dagegen,
und posteä ist danach. Grimm, gr. III, 130 f. ist auch
f&r das lateinische wichtig. Dafs sich C. (s. 243), wie
schon früher, durch Crain zur deutung von vis „du willst^
ans yir*s hat treiben lassen, können wir nicht gut
heifsen. Einmal ist es sehr unwahrscheinlich, dafs in
derselben conjugation die wnrzel zwischen r und 1 gewech-
selt habe, und zumal eine wurzel, welche in dieser beden-
tung auf europäischem boden nur mit 1 erscheint, ander-
seits gibt es ja auch kein beispiel, wo statt eines auslau-
tenden rs sich ein s zeigt. Es hat also hier so oder so
ein beispielloser Vorgang stattgefunden, und Götze bat mit
recht heryorgehoben, es heifse vis und nicht vll, um das
zeichen der zweiten person zu retten, d. h. das Sprach-
gefühl verlangte hier s. In einer anmerkung auf dersel-
ben Seite handelt der verf. über die form Prosepnais
etc. Wir wollen seine übrigen einwürfe gegen Useners
Zusammenstellung von nsQOBcpovtj und Proserpina nicht
bestreiten, aber den widersprach hervorheben, dafs hier
dieselben werter mit si^fix -Ina aufgeführt werden, welche
8. 606 Ina erhalten. Curtius wird die annähme von einem
aoristus U im lateinischen (s. 261 ff.) und wie die benen-
nnng gemeint war, selbst vertheidigen, jedesfalls hindern
an dieser annähme nicht die indicativischen formen tägo
n. ä.; ist es doch rein zufällig, dafs das griechische nicht
auch im indicativus augmentlose formen ausbildete, und
sicher, dafs die nasalierten gestalten ursprünglich eine be-
deutungsmodification anzeigten. Kühn ist die s. 268 ff« anm.
ausgesprochene vermuthung, nicht nur duo sei ein ver-
steinerter dualis, sondern in duom-, duumvirum seien
noch genitive dieses numerus erhalten. Der form und dem
geiste der italischen sprachen nach ist diese vermuthung
303 ScbiraiMr-Sidler
höchst nnwahrecheinliüh. Ob in den namen Tities etc.
(281 anm.) die angeooininene pluralendong -68 = -ei niciit
im widersprach stehe mit dem später Ober die pluralen-
duDg yoQ o-siämmen vom verf. gewonnenen resnltate, möch-
ten wir von ihm selbst hören: ein flexomines kennen
wir übrigens nicht mehr, aber ein sehr merkwürdiges
flexuntes. Sehr instructiv ist die anseinandersetzung
über -aiius, -aias, -ejus s. 303ff.; gerne hättmi wir da^
bei das lautliche und sachliche verh<nifs von skr. -ejas
berührt gesehen. S. 307 scheint uns der verf. doch nicht
klar bewiesen zu haben, wie cuius, hu ins zu ihrer na*
turlftnge vor i, j gelangen. Wenn i von cuius, huius
sich zum palatalen reibelaut verhärtete, so blieb eben wie-
der u allein übrig.
Aber so manches wir noch in diesem abschnitte des
imposanten buches zu fragen, einzuwenden, und so oft wir
besonders auf schöne funde aufmerksam zu machen hätten,
wir eilen in unserem referate darüber hinweg, um nicht
die wichtigsten partien des buches ganz übergeben zu
müssen. Die partie über die zweilautige und einlautige
Steigerung der vooale ist, wie wir schon oben anführten,
sehr wichtig flQr die anschauung des bewegliehen sprach*
liehen lebens in Italien, es kommen da aber noth wendig
auch Wörter flQr staatliche, rechtliche, religiöse begriffe zur
spräche, und der verf. verweilt bei derartigen auseinander-
Setzungen mit besonderer liebe. §. 351 durfte deutsches
koufön darum nicht als gleichartiges beispiel aufgef&hrt
werden, weil dasselbe wie eihhön (unter aequare), sin-
nen f. signare u. a. reines lehnwort ist und uns nichts
berechtigt ein got. chuf, huf anzunehmen. Wie es aber
mit lehnwörtern rücksichtlich der Verschiebung gehe, das hat
Wackernagel „utndeutschung^ vor jähren nachgewiesen*
unter der wz. skn „ aufschiefsen ^ hätte mit demselben
rechte als codex etwa abd. scöz, nicht aber scöz
„spröfsling^ das ein ö für u dnrch brechung hat, an%ef&hrt
werden dürfen. Warum der verf. s. 357 und in ähnlicbeii
fällen in deutschen Wörtern -auvan, -ouvan schreibe, ist
nns anklar. Zu pu „schlagen^ (& 358) zählen wir aoek
303
pavere ^niedergeachlageD, feige Bein% und unter die erste
rmhe in krii (8.360) ahd. biosyn, hlösön mit gebro*
ebenem u, ein interessantes desiderativurn. Flüvius 8.363
wird, wie porricere s. 369, druckfebler sein. Sowobl
über die bildung als über die entwicklung der bedeutung
von laedere, taedSre, pudere finden wir in unserm
buche feine Weisung. Wir können nicht läugnen, auch
▼erba denominativa im eigentlichen sinne des wertes sind
in die dritte conjogation eingebrochen und zwar nicht nur
▼erba der art wie metuere, fQr die wir ein metujere
vorauszusetzen nicht als ungereimt erachten, sondern auch
solche, welche das einfache thema auf -ä haben, wie lae-
d-a, claud-a u. a. Taedet und pudet sind wie mi-
seret hübsch als causative denominativa erklärt, „es macht
voll, es schlägt nieder, macht unglücklich^. Dafs taedet
von WZ. tu ausgeben und diese „strotzen^ beifsen könne,
ist unbestreitbar. Für aequus, imitari etc. wird eine
verlorene wz. ik (s. 374) statuiert, welche im deutseben
als ah, im sanskrit als uK (nicht upl) erscheine. Solche
verlorene wurzeln haben natürlich immer etwas bedenk-
liohes, und auffallend wäre hier schon das, dafs im latei-
nisohen ic, im sanskrit u^, nur im deutschen ah sich
zeigte, überdies im lateinischen c vor m ohne ersatz aus-
fiele* Da überdies aequus auch ohne annähme einer
wz. ik sich erklären läfst, so fragt sich immerhin, ob nicht
in diesem einen falle das reduplicierende m weggefallen
sein dürfte, da mimi in der that eine um vieles unange-
nehmere lautgebung ist als mama u. a. Eline wurzel iv
zu statuieren, um skr. eva etc. zu erklären, sehen wir kei-
nen grund, und über das wesen der wz.inv im sanskrit
ist offenbar — wir wagen diesen ausdruck — C. nicht ge-
nau unterrichtet. Die wurzel zu öva ist keine andere als
i „gehen^. Unter wz. is (s. 375) ist mehreres durchein-
ander gerathen. Skr. idti (nicht iSdi) „wünsch^ ist nicht
dasselbe wort mit iäti „opfer^, welches ja nach bekannten
skr. lautgesetzen von ja^ „opfern^ stammt, und selbst bei
aisos u. s. f. denken wir noch, wie vormals, eher an skr.
iura, Uqoq und die wz.iä «saftig, kräftig sein^ als an
304 Sehweiser-Sidler
iä „wünschen^. Vergl. Böhtl.-Roth s. V¥. 18, iura, id,
idä. S. 376 ist ein skr. pr^ti „freude^ verzeichnet: freude
beifst priti; präti ist = pra-iti 99 Weggang^. Saecu-
lum ist s. 377 sehr höbscb und, wir meinen, auch unan-
fechtbar als ableitung von wz. si gedeutet. Erwähnung
und alli&Ilige formelle Widerlegung hätte die erklärung
Mommsens (hinter seiner römischen Chronologie), der sae*
culum als saepiculum von saepire genommen hat,
verdient. In den deutschen Wörtern spähi u. s. f. (s. 379)
ist die quantität nicht beachtet. Das deutsche fleh an
(8.394) mag trotz des ihm entsprechenden got. thlaihan
— freilich ist uns der Übergang von f in th noch immer
nicht erwiesen — mit placare oder precari gleicher
Wurzel sein, aber offenbar ist es nicht ein beispiel der Stei-
gerung von a in 6, sondern got. ai und ahd. S sind durch
verschiedene Ursachen bewirkte brechungen von T, oder, ist
im got^ai, im ahd. S, so haben wir dort Steigerung von
I, hier die vor h gewöhnliche Verdichtung von kl. Leider
müssen wir auch die schöne reihe s. 396 ff. anfechten. Die
vedische wurzel sagh, skr. sah heifst nirgend „schlagen,
tödten^, sondern bedeutet nur sustinere, ^d^eiv und von
ihr stammt got. sigis. Die italische wz. sag mag „scharf
sein^ bedeutet haben, mag mit got. sakan „streiten^ zu-
sammenhangen, aber nicht mit skr. sagh. Eher könnten
wir hier eine alte lautsenkung von c in g annehmen und
Zusammenhang mit secare gelten lassen. AnläTslich der
Wurzel sap s. 399f., deren spröfslinge im lateinischen mit
vielem geschick behandelt sind, ist auch des got. sibja
u. 8. f. gedacht, nicht aber der längst von Kuhn n. a. ge-
machten Zusammenstellung mit skr. sabhja, sabha, einer
Zusammenstellung, welche uns den begriff der sippe voll-
ständig aufhellt und lautlich vollkommen zutrifit. Ein sehr
reiches und viel licht verbreitendes abschnittchen ist wz.
mar mit ihren ableitungen. Ob gerade die sehr scharf-
sinnige deutung von Mavors aus *maga = f^^XV und
vortere das richtige treffe, mOssen wir dahin gestellt sein
lassen; lautlich ist sie (vgl. mavolo) unanfechtbar. Unter
der WZ. sa widmet der verf. verdienter mafsen dem alten
anzeigen. 305
gotte Sfitornas beeondere aofmerksanikeit. Die alte form
SAIITYRNVS d. b. Saeturnus wiU er so erklären, dafs
iD ae eine mittelstufe zwischen ä and 6 liege (sömen etc.).
Wir kennen aber kein lateinisches wort, in welchem
solche schreibang stattgefunden hätte and sehen ans ge-
nöthigt ae als aS, al zu fassen. Gar nicht unwahrschein-
lich ist nun, wie wir schon vor jähren vermuthangsweise
äofserten, ein Zusammenhang dieses namens mit skr. sa-
▼itar, dem zeugenden sonnenwesen; dabei sind aller-
dings die lautlichen Schwierigkeiten, die C. vorbringt, nicht
zu übersehen, welche auch wir nicht, so dafs es uns ge-
nflgte, wegräumen können. Unter wz. fac s. 423 tritt u. a«
focas auf, ein wort, welches die alten aaf foveo zarQck*
fthren; und dafs es zunächst zu diesem gehöre, meinen
auch wir. Wie wir jöcus nicht als unmittelbar fbr jücus
gesetzt ansehen können, sondern ein joacus voraussetzen,
so dOrfte auch föcus fQr foucus stehen. Wie in jübeo
ftkr jöbeo, joubeo, pöpulus fQr poupulus, so ist in
före fbr foure, fovere, jocus ftkr joacus^ föcas ftkr
foocus diphthongentrAbung und verkflrzung eingetreten.
Unter den wzz. pa und sna gewinnen wir manch sprach-
liebes and sachliches, manches fQr erkenntnifs italischer
Wortbildung und mythologie. Wir bemerken nnr, dafs
fedan im angelsächsischen (s. 424) sein e blofs durch Um-
laut vermittelst i erbalten hat, und dafs Grafsmann (s. 435)
sehr mit unrecht getadelt wird. Wenn dieser der skr. wz.
nabh die bedeutung „hervorbrechen, quellen^ gibt, so ist
diese bedeutnng durch grammatiker und den Sprachge-
brauch viel besser gestützt, als manche wurzelgestaltong
und worzelbedeatang, welche Corssen nnbedenklicb als
ausgangspunkte hinstellt. Ebenso wenig durfte Curtins'
deutung von vofiog o. s. f. gescholten werden , wenn wir
auch dem verf. einräumen, dafs die seinige lautlich mög-
lich und sehr scharfsinnig ist. Geht denn nicht aus vifABiv
zutheilen sehr leicht ein ertheilen nnd das urtheil hervor,
und kann nicht auch namerus ohne Schwierigkeit nnter
diesen begriff befafst werden? Nach Mommsen and Haltsch
dttrfte nammns gar ein griechisches lehn wort sein, wie
Zttitochr. f. vgl. spnchf. XYni. 4 . 20
d06 ScliwMxer49idler
hemiDaa. a. moneta wird doch kaum die pr&gestitte
des geldes als die denkzeichen schaffende, die kennzeichen
schaffende geheifsen haben, sondern nur nach der Juno Mo-
nMh so benannt sein. Nicht unwichtig för die beurthei-
luQg der römischen rechtlichen und sittlichen anschauun-
gen ist der gesichtspunkt, ans dem sie religion und gesetz
benannt haben. Corssen fafst 445 nicht nur religio als
bindenden glauben, auch lex als bindende Satzung«
Dafs lös nicht als Spruch erklärt werden dQrfe, hat schon
Curtius herTorgehoben , aber die vergleichung mit altn.
log und die von Lottner herrflhrende herleitung von ws.
i£;^ .aller beachtung empfohlen. Wir dflrfen aber die latei*
niscben und oskischen Wörter nicht trennen, ein griech. ^
erscheint aber im oskischen inlaute als h und wir hätten
wohl lihud etc. zu erwarten. För die italischen Wörter
müssen wir also Corssen beistimmen, die germanischen aber
führen uns entschieden auf wz. Xex^ ligan zurQck, und C.
wird sich dazu verstehen mOssen das gesetz auch als lie-
gendes oder gelegtes anzusehen, wie er denn doch die
,iSatzung^ als richtige anschauung anerkannt und die ^lage,
gruudlage^ keineswegs etwas todtes bezeichnet. Bekannt-
lich werden auch die got. bellagines von den Germani-
sten einstimmig als bilageineis gefafst. Wiederum von
mehrfachem Interesse ist die behandlung von wz. rag,
unter welcher nicht nur lat. r^x, auch got reik-s und
sogar skr. rä^an aufgeführt werden. Schon Kuhn, ind.
Studien 1,332 ff. vermittelte diese Wörter, und nicht min-
der deutet dies Benfey im Wörterbuch s. v. rä^an an. Aber
Kuhn glaubt mit recht, dafs die grundanschauuog die des
vorleuchtens sei. S. 453 ist sehr ansprechend Ober jaoio
gehandelt, nur wird der Vorgang innerhalb des lateinischen
ohne zweites beispiel sein. S. 458 läugnet Corssen, dafs
skr. sldati u. s. f. aus reduplication si-sad-, sisid- ent-
standen sei, seheint Oberhaupt den Wegfall eines wnrzel-
eonsonanten und dann eintretende contraction einer ur-
sprünglich verdoppelten form anch dem sanskrit abspre-
chen SU wollen. Ueber t^nima u. s.w. treten wir unten
im zusammenhange ein, hier möchten wir nur fragen, ob
•itt«igMi. ao7
Corssen aach in den sanskritdeoider., wie piki utid an-
dern bei Benfey kurse sanskritgr. 8. 54 vereeicbneten eine
solche zusammenziebung Iftngne. Jedeefalle kann das nicht
als zareichender grund einer derartigen negierenden be-
haoptung gelten, dafs daneben noch redaplicierende formen
▼orkoramen, welche unversehrt fortbestehen: die sprachen
. erscheinen uns in ihrer entwickelang und schon beim er*
steu eintreten in unsem gesichtskreis in einem vielfach ent-
wickelten zustande. Eine analogie zu der begrifbentwicke-
lung von s^rus aas sar bildet skr. Kira von Kar gehen
and dara von wz, du. Gern stimmen wir dem verf. bei,
wenn er s. 466 v^rus von var ,,decken, schützen^ ablei-
tet; denn so sinnig und von reicher analogie unterstützt
die deotung Ascolis aus vas „bleiben, sein^ ist, so ist
doch immer noch unerwiesen, dafs in diesem worte r aus
s entstanden sei. Bei beiden ableitungen aber gewinnen
wir ein gesteigertes a d. h. €. S. 471 mag die deutung
von Venus richtig sein, aber das sinnliche braucht nicht
krafs hervorzutreten, und in venustus tritt es sehr zu-
rflok. Doch über die betreffende wurzel hat Kuhn im
zweiten bände der Zeitschrift trefflich gehandelt, und wir
erwähnen nur noch, dafs nicht blofs deatsches wini^ auch
got. vßns, ahd. w&n, i?jtig^ dahin gehören. Ob cdra
,iwachs^ (s. 472) von kar, Kar „laufen^ herstamme, ist
uns doch noch nicht ganz ausgemacht, da unsers wissens
sonst die anschauung des auseinanderfliefsens, zergehens
Dicht in dieser wurzel liegt, während allerdings ein saus-
kritwort dr&vaka von wz. dru „laufen, zerlaufen^ f&r
wachs angefahrt wird. Callis und xiXEvd-og zeigen
ans, dafs auch in den europäischen sprachen die anschauung
des bestimmten gehens an dieser wnrzel hafi;ete. Ahd.
sprizan ist s. 475 unrichtig als sprizan unter die reihe
spar gestellt. Aber so gerne wir noch Ober manches ein-
zelne in diesem wurzelverzeichnisse einträten, wie tkber
res, persona, solätium (?), lictor, dirus (von wz.
dar), harviga, wz. tar, ancile, pllum, rlpa, lltus,
hbra, vitium u. a.: wir mttesen uns bescheiden und wen-
den uns sohliefslich noch den abschnitten unseres bnohes
20*
a06 Schir«iMr-8i<Uer
za, die gewisse oonjugatioos* uad dedinationsformeQ ent»
wickeln.
ZuDäehst werden wir dem verf. recht sehr dankbar
sein fttr das reiche material, welches er behufs einer voll-*
stiodigen überschau der italischen perfectformen vorfilfart.
Wir werden auch bereitwillig den Scharfsinn anerkennen,
mit welchem er seine heutige anschauung, das lat. per-*
fectum sei vielmehr ein aorist, begründet und ihm sogsir
eiorftumen, dafs seine ansieht vom einseitig italischen stand*
punkte aus nicht mit erfolg wird angefochten werden kön-
nen. Aber angenommen, meint C, was nicht richtig sei,
das italische perfectum entspreche dem sanskritischen, grie*
cbiscben, deutschen perfectum, man dürfte es von da aus
beurtheilen, so sei auch im sanskrit und deutschen die re-
duplication nicht ein noth wendiges dement dieses tem*
pus, und das fkr. p^tima sei nicht aus pa(p)atima oder
paptima, got. gebum nicht aus gaabum odergagbum
2u erklären, ja auch holt, hialt seien nicht erwiesen =3
haihald. Ueber fehlende reduplication im sanskrit hätte
0. ober Benfey's ausf. gramm. s. 573, note 6 eitleren aol-
leu als 8. 83. Freilich würde auch dieses citat nicht viel
verschlagen« Auch die vedensprache ist relativ jung, und
wir wissen ja genugsam, da(s in ihr schon völlig prakriti«*
sehe wortformen sich finden. Das classische sanskrit nahm
aber die spräche in die sucht und schaffte mundardicbe
auswüchse und Verstümmelungen weg. Es kommt doch
Oorssen gewUs nicht in den sinn das alter des augmentes in
gewissen formen zu läugnen, die in den veden öder im
Homer desselben aber entbehren, während sie in der da»-
sischen spräche dessdben nie ermangeln. Und wir könn-
ten ja Oberhaupt viel davon ertählen, wie oft in sprachen
ein blofser rest einer form eine bedeutung beibehalten hat,
welche ihr eigentlich nur als voller und ganzer zugekom-
men ist. In einer zeit, welche vor der litterarischen Ober«
lieferung der spräche liegt, sind nun auch formen wie pö-
tima u.a. entstanden, welche wir, fassen wir bildung und
flezion des skr. perfectums ins äuge, platterdings nicht an-
ders erklären können, denn als weitere zusammenziehung^
d09
▼an geslalteo wie paptima u« a., ob wir nun an ausato-
(auQg oder an assimilation und nachberige vereinfacboDg
deoken wollen, welcber dann ersatzdebnoog folgte. Was
.das germanisohe betrifft, ao sollte man in der tbat anneb*
men^ nacb der jüngsten darlegung Scberers, welcbe nnsera
bedünkens die gelungenste partie in seinem genialen, übri*
gens vielfach zu widersprucb reizenden buche ist, dürfte
ein gebum u. a. aus gagbum nicht mehr angefochten
werden; um aber ein giltiges urtheil abzugeben, muls man
die deutsche starke conjugation und Scher ers entwickelang
derselben im zusammenhange betrachten. DaTs bei alt aus
haihald (nicht h&ihald) entstanden sein mOsse,. und dais
stiaz u. 8. denselben procefs darchmachtea, kann den
thatsachen, wie eben diesem hei alt und angels« leolc
gegenüber, nicht geläugnet werden. Wenn nun in zwei
enge verwandten sprachen ein derartiges ineinanderwach*
sen v6n reduplication und wurzel vorkommt, so ist das
natürlich kein beweis ftkr eine ähnliche erscheinung im la»
teinischen, aber es läfst uns eine solche selbst dann be*
greifen, wenn sie aus den in der litterarischen spräche be*
stehenden lautgesetzen und lautvorgftngen nicht f&r jede
einzelne dahin gehörende form erklärt werden könnte. Aber
Gorssen will im lateinischen perfectum ja kein eigentliches
perfect, er will darin einen aorist sehen. Dagegen darf
trotz Corssens einwürfen zunächst die bedeutung des tem-
pns geltend gemacht werden. Das sanskrit und deutsche
brauchen wohl die perfectform aoristisch, nicht aber das
sanskrit und griechische den aorist zum ausdrucke des ge-
genwärtig vollendeten. Zweitens fiele die immerhin ziem-
lich reiche anzahl rednplicierter lateinischer aoriste, ohne
daCs dabei eine bedeutungsdifferenz waltete, auf, und drit*
tens: wie sollte eine spräche, die das augment verloren
hat, in welcher zwei einzige kümmerliche reste vom im-
perfectum geblieben sind, gerade ein mit dem augmente
auftretendes präteritnm, von dem sie aber das augment
durchaus verwirft, im gegensatze gegen das reduplicierende
tempns der Vergangenheit zum ausdrucke der bestimmten
Vollendung wie des aoristes wählen? Da& aber bei gewis-
310 ScbwttiteF-Sldler
•
ser beschaflenbeit der wurzel die redapUcation fallen konnte,
das bat seine volle analogie wieder im germanischen. Wir
dOrfen wobl im ganzen Scberers aafklärangen fflr das
deutsche perfectnm auch fbr das lateinische folgen, und-
es liegen uns auch im lateinischen die gestalten Terschie*
dener Zeiten vor, aber alle zuletzt ausgegangen von redu«
plicierten formen. Auch die endungeu oder, sagen wir
lieber, der themavocal des lateinischen perfectums wird
uns nicht zwingen in demselben einen aorist zu sebcD.
Das aoristische liegt gewifs nicht in dem l. Dafs diese«
scbliefslicb aus ft, ä entstehen konnte, wird Corssen am
wenigsten l&ugnen, er, der das ursprflnglicbere -is, -it im
prftsens mit recht schützt. Nach diesem allgemeinen, das
aber meist schon von andern vorgebracht ist und womit
wir den hochverdienten forscher zu belehren uns nicht ein«
bilden, wagen wir auf dem vorliegenden gebiete noch
einige einzelheiten zu bezweifeln. Es ist uns doch gar
nicht ausgemacht, dafs die Wörter, wie pluere u. s. f.
(s. 551), ihre perf. mit «vi gebildet haben. Warum soll*
teh sie nicht gerade, wie ihre einstigen praesentia, einst*
male auf -oui gelautet haben und ov, ou dann wie in
andern fUlen zu ü, u geworden sein? Also plov-i,
plou-i, plüi, plüi. Denn pluueram bei Plantus und
ähnliche formen sind entweder noch Schreibungen wie
flu vi US statt flovius, oder es ist das lange u durch dop-
pelte Schreibung bezeichnet. Wir kennen wohl auch die
ansieht, dafs hier eine neue Steigerung des einst prfisenti-
sehen ov stattgefunden habe, sehen aber keinen grund un-
sere einfachere dagegen aufgeben zu müssen. Von diesen
verben vermögen wir nun schon um före willen, dann mit
rücksicht auf das sanskrit und deutsche nicht das verbum
fuo zu trennen, und die Schreibung fuuimus kommt
unsere wissens auch bei ihm vor. Sehr interessant sind
die perfectformen der nicht lateinischen italischen dialekte.
Hier hat offenbar die Zusammensetzung n^t fuo weiter
um sich gegriffen; aber aus covortuso, benust u.a.
dürfen wir noch nicht schliefseo, dafs dieselbe Zusammen-
setzung auch schon in der ersten pers. sing. per£ in dem-
3U
•elbeD umfaDge sioh eingedrftogt habe. Dafs wir auf das
einmalige uupseDS (s* 554) so hohen werth legen, fordert
gewifs der werL selbst nicht. Und was berechtigt nns
fefftkust zu schreiben? Nichts als die nach unserer an-
sieht immer noch sehr precäre Satzung, föci enthalte ein-
fach eine vocalsteigerung. Tntüdi und -toudi, -tüdi in
Gonttldimus können sehr wohl bildnngen verschiedener
Perioden sein.
Von annfthemd ähnlicher Wichtigkeit als die darstel-
lung des perfectums ist diejenige eines theiles der casus,
deren nähere betrachtung wir auf ein ander mal verspar
ren. Wir wfirden unsere anzeige mit einem kleinen ver*
seiohnisse von druckfehlem schliefsen, das wir uns ange-
legt haben, wenn dieselben nicht von jedem anfinerksamen
leser sofort als solche erkannt wfirden. Das groisartige
werk ist fibrigens, wie wir dessen von der Teubnerschen
Verlagshandlung gewohnt sind, prächtig ausgestattet Wir
scheiden von dem buche mit warmem danke nnd dem
wünsche, dafs diesem ersten theile die Qbrigen bald folgen
mögen.
Zfirich, im februar 1869.
H. Schweizer-Sidler.
AfJYO) und j^QfjywfAi.
Curtius vermuthet gr. d. gr. et. 167 die wurzel Ver-
wandtschaft von k^yo} mit kaya((6g^ Xdyvoq^ langneo etc.
Das bleibt nur eine vermuthung, der die herbeigezogenen
Hesychischen glossen Xayäa-öai aq)Biva^j XayyevH (pviyu
nichts helfen. Bfir hat sich bei genauerer betrachtung der
Homerischen formen von Xriyuv^ ano^kijyBiv die fiberzeu-
gnng auegebildet, die wurzel des fraglichen wertes sei mit
der von jrgijyvvfu ursprfinglich identisch. Die gründe Ar
diese Überzeugung will ich hier kurz angeben.
Für den abfall eines consonanten vor dem X von A17-
312 ScbSabMg
yeiv sprechea die beiden AA, ron denen das erste dorch
aasimilaiion entstanden ist, in einigen Homerisclien formen
▼on anO'Xrjyeiv: II. XV, 31 tv aTio-XXij^Tig anaraiav; Od.
XII, 224 ano-U,ij^uav ivalgoi; Od. XIII, 151 ano-lkiiiioffi
di nofinijg; Od. XIX, l66 ovxir dno-Xltj^Hg tov ifwv
yovov i^€(}iowfa. Ferner bat das adjectiv a-kkr^xrog bei
Homer immer doppeltes A, und schlieislich führt die posi-
tionslftnge Od. VIII, 87 rJToi otb kij^euv a^iSmp &iIog aoi-
öog auf anlautende doppelconsonanz in Xr^yiiv.
Dafs aber der sonst geschwundene consonant das f&r
jsQtiYVVfÄi nachgewiesene digamma ist, schlierse ich aus vie*
len stellen des Homer, in welchen man Xi^uv^ a;co-(A)Ai7-
yuv statt durch das blasse „schwinden, ablassen^ durch
das sinnlichere „brechen, abbrechen^ besser wiedergiebt.
Vgl. die angefahrten stellen Od. VUI, 87 und XIX, 166.
Die hier, so wie II. IX, 97 hv aol fiiv ktj^Wj öio ä^ ap|o-
^m; IL Xin, 230 r^ vvp fiijt dnokyye^ xikevi ts (ptaxi
ixdavq) hervortretenden ausdrucksweisen „die rede abbrechen,
den gesang abbrechen, unterbrechen etc.* sind auch im
deutschen gebräuchlich, und, wie wir eine handlung ab-
brechen, so sagt auch der Grieche: dno-Xki^^ioai di nofuiijg
oder II. XIX, 423 oif Ai;|a), nglv Tgwag adr^v ikdaai no-
kifioio oder II. XXI, 224 Tgoiag d* ov ngiv AiJS« imiQ-
ifidkovg ivaQi^üQv. — Dazu ziehe man die lautlich, da g
und k ofb wechseln, sogar im accente correspondierenden
adjectiva ä-kkjjxvog und ä-gptjxtog z. b. in Od. XII, 325
fjiijpa Sa ndvT äkkijxrog dvi Noxog und in II. II, 490 9)10177
aQQTixTog. Wie wir in der letzten stelle im vergleiche mit
der angefahrten Od. VHI, 87 auch äkknxxog statt aQpiixrog
setzen könnten, so wQrde auch in II. XX, 150 agpfixTov
vB(pikt]v ojfAoiarv ^aavTo das abgeschwächtere dkknixvo^
(ununterbrochen) ebenso gut den sinn wiedergeben, was ein
beweis daf&r ist, dafs die bedeutungen beider Wörter in-
einander verschwimmen. Ferner vergl. II. XXI, 305 ovSk
^xdfAavÖQog ükt^ye ro ov fAivog und II. IX, 636 ool d* äk-
hiXfov r€ xaxov tb &vfiov kvl arij&iüci deol &ifSav uvaxa
xovgtjg etc. — Endlich gewinnt auch der herrliche ver-
gleich II. VI, 146:
miseelleB. 313
Olli n€g tfvXXifjv ytvhj^ toir^ di xai avSgwV
(fvlka rä fiip r äv€pio<; xafAcidtq xUt^ alXa öi ^' vkt]
Ttii.id'ümaa q.vu^ Üagog d* kmyiyvBTfu wgri'
wg avSQWv ytviti i} fiiv <pvBi tj S* anoktjyeu
durch wiedergäbe von anoXfjyei mit „bricht ab^ oder
„bricht zusammen^ in berOcksichtigung von q^vei „sprie&t
empor *^ sehr viel an correetheit und Schönheit. Hierzu
stellt sich sehr gut Hes. op. 419 (pvXXa hjyai jttoq&ow
„das laub bricht vom zweige^« — Schlielslich beweist mir
noch käxig äolisch figäxogy das von den If^dria Qayhvta
Xen. Cyr. I, 6, 6 unmöglich und so wohl auch nicht von
gnyog zu trennen ist, die ursprüngliche ideutität der wur-
zeln von XiiiYtJii und jrgtjyvvfAi. Mit der zeit hat sich dann
nach entstehung der form if)Xijyiiv die al^eblafstere be*
deutung „schwinden, ablassen^ etc. in diesem worte fest-
gesetzt, wfthrend die sinnlichere in ^gtjywfjit blieb.
Mi tau, den 11. november 1868.
G. Schönberg.
Lateinische wortdeutungen.
1) frendo.
Dais frendere mit seiner grundbedeutung „zerreiben^
von fremere gänzlich zu trennen sei, zeigt unter anderen
Corssen beitr. 208. Allein das von Walter zeitschr. XII,
413 verglichene gr. xQ^l^^^^S hat, wie Fick indog. wör-
terb« 69 erkennt, sein abbild in ags. grimetan, ahd. gra*
mizön knirschen, grimmig sein^ so dafs es bedenklich ist,
mit Walter das a im griechischen worte als vocaleinschub
zu fassen. Dagegen stimmt zu frendere nach laut und
bedeutung ags. grindan meiere, conterere, frendere, wozu
altn.grenna attenuare, granda nocere (vgl. termentum,
detrimentum ), grand granum, ahd. grint furfures capitis
(vgl. furfur von wz. ghar). Wenn nun zu derselben wurzel
mit Diefenbacb goth. wörterb. II, 432 ags. grist, gerst
3U FWUkU
molitara, farina su ziehen ist, so erweist sieb der nasal als
uQursprOnglicb und wir werden zu einer wurzel ghardb
geführt. Da ferner dh ein geläufiges wurzeldeterminativ
ist, so liegt es nahe, die wurzel ghardh in ghar-dh zu
zerlegen und als secundärbildung von gbar zerreiben sii
betrachten. Ich treffe sonach mit Corssen zusammen, der
a. a. o. frendo zur wz. ghar stellt, die nähere begrftnduDg
dieser ansieht aber fehlen Iftfst.
2) infestus.
Potts herleitung des lat. infestus von infendere
(et. forsch. I ', 2ö5. 11% 485), der Corssen (beitr. 183) und
Curtius (grundz. n. 311) folgen, hat das bedenkliche, daCs
sie das wort hinsichtlich seiner bildung isolirt. Die in der
formation mit fen-d-o übereinstimmenden verba, die den
nasal im perfectum behalten, stofsen ihn auch im supinom
nicht aus, vgl. accensum, tentnm tensum, pensum,
scansum u. a.; und so bildet infendo das regelm&Tsige
particip infensus. Andrerseits kommen supina auf stum,
das seltsame mixtum mistum ausgenommen, nur von
verbis mit dem wurzelauslaut s: tostum, pistum, dep-
stum, textum, gestum, ustum, haustum. Es setzt
demnach die obige erkl&rung in doppelter hinsieht ein ab-
weichen von der analogie voraus. Die folgende deutung,
welche lautlich kein bedenken hat, scheint auch den gmnd-
begriff des wertes noch schärfer zu erfassen. In allen
sprachen ist vertreten die wurzel skr. dharä dreist sein,
wagßn, sich wagen an, caus. sich an etwas vergreifen, Ober
jemanden kommen, jemand bewältigen, bezwingen, beiUH
ruhigen, etwas verderben, zu gründe richten (petersb. wör>
terb.), zu der unter anderem dharSanam angriff, mii»-
bandlung^ dbaröakas angreifend. Ober etwas herfallend,
gehören. So wird auch infestus recht eigentlich vom
feindlichen angriff gesagt im unterschiede von infensus,
das mehr auf die gesinnung geht; die bedeutungen von
infestare „feindlich behandeln, angreifen, beonrubigen,
verderben^ entsprechen genau genug den angef&hrten von
miaetlltii. 315
dhardajati. Manifestus, welches von iDfestus nicht
getrennt werden kann, deutet sich auf einfache weise:
(homo) manifestus ist so viel wie manu oppressns. Ob
confestim und festino hierher oder zu gr. 0q>töav6q^
^(f'oSQog eifrig, heftig, ungestüm gehören, ist nicht er-
sichtlich.
Das r der würzet mufste in infestns nach lateinischem
lautgesetz ausfallen. Zu anderen von Corssen (beitr. 396 ff.)
bebandelten ftUen der art wird vielleicht fa6*ti-go (vgl.
fa^ti-go, castigo, vestigo) spitzen, fastiginm spitze zu f&«
gen sein^ das sich auf die von Kuhn zeitschr. XI, 372
nachgewiesene wnrzel bharä mit der gmi^dbedentung des
emporstehens spitzer gegenstände unschwer zurfickfllbren
I&fst. Zu ihr gehören skr. bbrdti £ spitze (z. b. des ber-
ges), altn. bust fastigium tecti, ahd. parran rigere, par-
runga superbia, invidia, nhd. barsch, börste u. a. Dafs
mit fastigium fastus, fastidium (bildung wie custodia)
gleicher wurzel seien, scheint Corssen (beitr. 1 97) mit recht
anzunehmen (vgl. ahd. parrunga und die ähnliche Verwen-
dung der synonymen wurzel von abhorreo), aber seiner
berleitnng der Wörter von wz. bhfis glänzen fügen sich die
bedeutungen nicht.
Liegnitz. F. Froehde.
Nachruf.
Aagnst Schleicher,
geboren den 19. februar 1821 zu Meiningen, gestorben den
6. december 1868 zu Jena.
Hio est iUe Bitaa cni nemo ciyis neqne boetia
Qaivit pro factis reddere opis pretinm.
Vor wenig mehr denn Jahresfrist ward der Sprachwis-
senschaft ihr begründer entrissen, und schon stehen wir
wieder an einem frischen grabe. Bopp war, wie wenigen,
das glück bescbieden seine mission ganz zu erfüllen, er
316 Naebref.
gieo^ zur ewigen ruhe ein, nachdem er den grofsen ge^
danken seines lebens yerwirklicht and ihm allgemeine an-
erkenuung errungen hatte. Er hat eine wisscmschaft hin-
terlaasen, deren grundlagen durch ihn f&r alle zeiten sicher
gestellt sind.
Schleicher ist vom plötzlichen tode mitten aus frucht-
barem schaffen hinweggeraffit worden voll von entwQrfen
zu rastloser arbeit, ohne vollenden zu können was er als
das hauptwerk seines lebens betrachtete. Wohl ist ihm
ein beneidenswertfaes loos gefallen im voUgef&hle der kraft
noch auf dem wege zum gipfel des ruhmes abgerufen su
werden, die aber, welche gleiches strebens die von ihm
gebrochene bahn verfolgen, empfinden schmerzlieh den Ver-
lust des flahrers, dessen vorbild sie anfeuerte und dessen
Zuspruch sie stärkte.
Schleicher hat sich nicht ausgelebt, und doch was hat
er geleistet! Mit ausnähme der etymologie gibt es kein
gebiet der Sprachwissenschaft, welches nicht durch seinen
Scharfsinn wesentlich gefördert ist.
Wider willen war er zum Studium der theologie be-
stimmt, doch sein reger geist war nicht geschaffen sich
einem starren dogma zu unterwerfen, fbhlte sich vielmehr
zur Philosophie hingezogen. Auch die Hegeische lehre
vermochte den nach sicherer, objectiver erkenntniss stre-
benden nicht dauernd zu befriedigen; er gieng in die schule
strenger philologischer kritik und wandte sich, in ihr me-
thodisch gebildet, dem theile der philologie zu, welcher
der subjectivität am wenigsten Spielraum gestattet, der
grammatik. Dies war das feld, auf welches ihn neigung
und ungewöhnliche begabung gleichmäfsig hinwiesen; dafs
er nicht alle theile desselben mit gleicher lust angebaut
hat, lag tief in seiner natur begründet. Ueberall suchte
er das gesetz der entwickelung, welches die persönliche
willkflr des forschers ausschliefst, den labyrinthen der ety-
mologie war er daher nie hold, sie bot ihm nicht genü-
gende bürgschaften ihrer ergebnisse, welche selten noth-
wendigkeit, meist nur möglichkeit Ar sich beanspruchen
können; oft genug hat er sich geringschätzig über sie aus-
Nachruf. 317
gesprochen. Um so eifriger widmete er seinen fleifs den-
jenigen Seiten der Sprachwissenschaft, welche, weniger dem
individnellen ermessen anheimgegeben, in sich, selbst ein
regulativ gegen den irrthum tragen: der lantlehre, stamm-
nnd Wortbildung und der morphologie. Was Bopp in gro*
Isen zQgen angelegt hatte, ist nicht zum wenigsten durch
Schleicher weiter ausgef&hrt, schärfer gefafst und berich-
tigt worden. Aber nicht die resultate allein, zu welchen
er auf diesen gebieten gelangte, haben sein ansehen be-
gründet, sondern vor allen dingen die art, wie er sie ge-
wann und die gewonnenen der Wissenschaft einzuordnen
▼erstand. Schleicher besafs ein glänzendes organieatori-
sches talent. Wenige Wissenschaften bringen ihre jtlnger
so sehr in gefahr auf unermesslichem meere die richtung
zu verlieren, wie die Sprachwissenschaft. Dem vorgebeugt
KU haben ist Schleichers nicht geringstes verdienst. Er
ist es, der die Sprachwissenschaft in ein System gebracht
und die ftllle des Stoffes unter feste, aus der natur der
Sache selbst geschöpfte gesicbtspuncte geordnet hat. Mu-
sterhafte klarheit und methode haben seinen arbeiten einen
so durchgreifenden einflufs verliehen.
Mit der beherrschung des ganzen uud der erkenntniss
des allen indogermanischen sprachen gemeinsamen verband
er einen scharfen blick für die eigenthümlichen Charakter-
zfige der einzelsprachen, welchen er stets gerecht wurde.
'Eat bekannte es gern, dafs er ein sclave der lautgesetze
wäre, welche er bis ins einzelste beobachtete, verlor aber
dabei nie das grofse ganze aus dem äuge. Gleichweit ent-
fernt von einer aufgezwängten teleologie wie von einem
rath- und ziellosen untergehen im stofFe, vom idealismus
wie vom materialismus, strebte er stets das eigenthümliche
wesen der erscheinungen zu erfassen und das in ihnen wir-
kende gesetz zu ermitteln. Hierbei kam ihm seine frtkhere
philosophische schule zu statten. Das, wodurch Hegel
einen nachhaltigen befruchtenden einflufs auf die neueren
wissenschaflen geübt hat, ist dafs er den begriff der ent-
wickelung in den Vordergrund gerückt hat. Die organi-
sche entwickelang in ihrer continaitftt, ohne Sprünge, nach
318 Nachruf.
inneren treibenden Ursachen, ist der leitstern, welchem
Schleicher bei allen seinen Untersuchungen gefolgt ist.
Streng hielt er darauf, dafs man nicht gesetze, welche in
früheren perioden des sprachlebens wirkten, unbesebens
auch auf spatere übertrüge oder umgekehrt. Hiermit hängt
zusammen, dafs er die Verwandtschaft der indogermani-
schen sprachen auf einen rationalen ausdruck zu bringen,
d. h. ihren Stammbaum festzustellen und die Ursprache zu
reconstruieren suchte. Mögen auch manche der hier ein-
schlagenden fragen noch nicht endgiltig gelöst sein, so ge-
bührt doch Schleicher das unstreitige verdienst sie ange-
regt und künftiger forschnng ihre bahnen vorgezeichnet zo
haben*). Nicht genug, dafs er die Verwandtschaft der in-
dogermanischen sprachen genau zu bestimmen unternahm,
wies er auch unserem ganzen sprachstamme seinen platz
in der sprachenweit an und entwarf nach mafsgabe des
morphologischen baues die grundzfige eines natürlichen Sy-
stems der sprachen. Dies System wollte er zugleich als
die einzig würdige Classification der menschheit betrachtet
wissen, für welche er mit recht forderte, dafs man sie
nicht wie die der thiere nach leiblichen merkmalen auf-
stellte sondern nach dem eigenthümlicb menschlichen, d. h.
eben nach der spräche.
Erhob sich so sein geist zu den höchsten und weit-
grcifendsten aufgaben menschlicher Wissenschaft, so ward
er doch nie müde die anscheinend trockensten Untersuchun-
gen der lautlebre mit gewissenhafter Sorgfalt und nüchtem-
heit zu f&hren. Und unter seiner behandlung blieb nicht
leicht etwas trocken, überall wufste er das wirkende gesetz
herauszufinden und den stoff sachgem&fs zu ordnen. Am
glänzendsten bewährte sich sein beobachtnngstalent und
seine gestaltungskraft auf dem felde der slawolettiscben
sprachen. Seine litauische grammatik wird lange zeit die
*) Die mSglichkeiti ein bild der nnprache zn entwerfen , findet sich
snertt angedeutet in SolüeiGhen formenlehre der ■ kirchenslawiachen epradie
fl. 4. Befremden mafe efl, dafs an einem orte, wo die mftnner erwKhnt wer-
den, »deren arbeiten auf die anfheUong des znstandes des indogermanischen
Tolkes Tor seiner trennnng gerichtet sind**, Schleichers name fehlt.
Naebruf. 319
grandlage für das Studium dieser spräche bleiben. Auch
das slawische ist hauptsächlich durch seine formenlehre
des altkirchenslawischen den blicken der Sprachforscher
näher gerückt worden. Leider sollte er die Tergleichende
grammatik der slawischen sprachen, welche er als die
hauptaufgabe seines lebens betrachtete, nicht Tollenden.
Einen theil derselben, vielleicht den schwierigsten, hat er
zum drucke fertig hinterlassen, die grammatik des jetzt
verschollenen polabischen, von welchem nur dürftige und
sehr entstellte aufzeichnungen unkundiger auf uns gekom«
men sind. Hier gab es eine arbeit, wie sie Schleicher zu-
sagte und der wenige aufser ihm gewachsen waren : es galt
den Worten und sätzen, welche deutsche, der spräche nicht
mächtige aufzeichner nach mangelhaftem gehöre ans vol-
kesmnnde aufgeschrieben haben, ihre wahre gestalt zurück*
zugeben. Schleicher hat vnederholt diese polabische gram-
matik sein bestes werk genannt. Die übermäfsigen an-
strengungen, welchen er sich unterzog um es zum abschlusse
zu bringen, haben seine gesundheit so untergraben, dafs
sie dem anfalle einer lungenentzOndung nicht mehr wider-
stand leisten konnte. Wenige tage vor seinem tode war
er noch mit der Vollendung des mauuscriptes beschäftigt.
So schlofs ein rastlos f&r die Wissenschaft wirkendes
leben mitten im besten schaffen. Was wir an ihm verlo-
ren haben, darübar herrscht nur eine stimme. Nicht nur
aus ganz Deutschland, aus fast allen ländern Europas hat
man den hinterbliebenen die aufrichtigsten und zartesten
beweise der werthschätzung des verstorbenen und der traner
um seinen tod dargebracht.
Schleicher war eine natur von bewundernswürdiger
kraft und rücksichtsloser aufrichtigkeit. Was er als wahr
erkannt hatte, danach handelte er gewissenhaft, und das
verkündete er, unbekümmert ob es ihm bei anderen scha-
dete oder nicht. Nicht geschaffen zu concessionen an
herrschende von der seinigen abweichende meinungen zwang
er jeden, der mit ihm in berührung kam, für oder wider
ihn partei zu ergreifen. Dabei war er weder intolerant
noch suchte er anders denkende zu seiner meinung zu be-
320 Nachruf.
kehren: ,,ich kann ja nicht verlangen, dafs alle menschen
mir gleich organisiert seien ^, diese ftufsernng konnte man
oft aus seinem munde vernehmen. In stiller surQckgezo-
genheit lebend war er schwer zugänglich. Wem es aber
gelungen war ihm näher zu treten, der konnte keinen treue-
ren und aufopfernderen freund finden als ihn.
FQr seine schfller war ihm keine mühe zu schwer,
keine zeit zu kostbar. Stets war er für sie zu sprechen,
mochte er in seinem garten arbeiten oder, was er in den
letzten jähren oft tage lang hintereinander trieb, mit mi-
kroskopischen pfianzenuntersuchungen beschäftigt sein, oder
am schreibpulte schaffen. Wer das glück hat sein schüler
gewesen zu sein, kann ihn nie vergessen.
Alles was er war und wufste durch eigene kraft er-
zielt zu haben, muiste dem manne ein stolzes bewufstsein
geben. Niemals aber ward dies berechtigte Selbstgefühl
zur Selbstüberschätzung, vielmehr bewahrte der schlichte
mann eine fast beispiellose bescheidenheit, verbunden mit
dem dränge nach immer höherer Vervollkommnung. „Ich
habe mein ganzes leben hindurch nach klarheit gestrebt,
und es soll ja alles noch viel, viel besser werden % waren
die letzten worte, welche er, aus fieberträumen noch ein-
mal zu sich kommend, sprach.
So lange der name Bopp lebt, wird Schleicher sei-
nen platz neben ihm behaupten.
Johannes Schmidt.
Kuhn, anxeige. 321
Wilhelm Scherer, zur geschieh te der deutschen spräche. Berlin 1868.
Das vorliegendo buch des scharfsiDDigen und gedanken-
reicben Verfassers fa/st den begriff der gesehicbte hoher
auf^ „als dafs sie eine blos gedankenlose anfaäafang wohl-
gesichleten materials sei**, es forscht daher bei der ge-
sehicbte der spräche nicht blos nach dem, was geworden
ist, sondern uuch danach, warum und wie es so geworden
ist. Bei einer forschung auf dem boden der geschichte
der germanischen sprachen, die nur ein einzelnes ghed der
indogermanischen sind, mufste dem tiefer dringenden for-
scher daher die umscbau auch bei den äbrigen sprachen
des Stammes sich von selbst aufdringen, und Scherer hat denn
auch von einer sehr ausgebreiteten sprachkenntnifs zu seinem
ssweck weitreichenden gebrauch gemacht. Aber wir müssen
zu unserm bedauern erklären nicht immer den richtigen.
Erklären wir uns näher: Scherer legt da, wo es ihm um
ergrfindnng der ältesten sprachformen zu thun ist, fast
aasschliefsiich die ihm als solche erscheinenden des sanskrit
and zend zu gründe, ohne z. b. das griechische immer in
ausreichendem mafse zu berücksichtigen. Ferner scheint
er fast zu glauben, dafs alle vedischen formen einer ein-
zigen Sprachperiode angehören, wenigstens kann ich seinen
eifer gegen nichtbeachtung der lautgesetze bei der bishe-
rigen erklärung derselben nicht anders verstehen, als dafs
er meint, so verschiedene formen könnten nicht, wenn ans
einer gemeinsamen grundform hervorgegangen, in einer
Sprachperiode neben einander liegen, daher müfsten die
verschiedenen formen verschiedenen Ursprungs sein. Die
vedischen lieder gehören nun aber sehr verschiedenen epo-
chen an und wenn man verschiedene formen eines und
desselben wortstammes oder einer flexion neben einander
in ihnen findet, deren entstehung auseinander mehrfach
sich an verschiedenen stufen, die sie durchlaufen haben,
nachweisen läfst, so hat man allen grund anzunehmen, dafs
sie auch wirklich sich historisch auseinander entwickelt
haben^ die verschiedenen formen demnach auch verschie-
denen Zeiten angehören, wenn auch selbst oft die volleren
Zeitochr. f. vgl. sprachf. XVITI. 6. 21
322 Kohn
formen der älteren zeit noch neben den kürzeren der späteren
stehen, wie bei Homer die formen auf oio^ oiai neben de-
nen anfot;, otg. Schon wer den in halt der yerschiedeneu
lieder betrachtet, wird diese Überzeugung leicht gewinnen,
wenn er sie die stufen von der Verehrung reiner elementar-
götter bis zu der des brahma oder purnSa, der die kästen
aus seinem kdrper scha£%, durchlaufen sieht, und nicht
glauben, dafs eine priesterschaft, die ein interess^ hatte den
Ursprung der kästen von der gottheit darzuthun und des-
halb das bekannte stück in die Sammlung aufnahm, die es
vielleicht gar that, um dem buddhismus entgegenzutreten,
dieselbe spräche gesprochen haben müsse, als das stammes-
baupt, welches den gott pries, der ihm im kämpfe um die
heerden in den thälern von Sapta Sindhavas den sieg ver-
liehen. Wer formen wie dhitä dem metrum gemäfs spre-
chen, aber duhitä in den geschriebenen text setzen konnte *),
der mufste einer zeit angehören, wo der Sänger sich
nicht zu scheuen brauchte auch von päliformen gebrauch
zu machen. Diese entschieden vorliegende historische
entwicklung in den vedischen formen hat Scherer fast
gar nicht beachtet, wie wir mehrfach zu zeigen haben
werden.
Wenn er aber dies schon bei den vedischen und sans-
kritformen thun mufste, so war es noch in viel höherem
mafse bei denen des zend nöthig, wo die Überlieferung der
texte eine solche ist, dafs man nur bei einer gröfeeren an-
zabl von übereinstimmenden fällen eine form als hinreichend
gesichert ansehen kann, und wo überdies örtliche und zeit-
liche Verschiedenheiten der spräche vielleicht in weit hö-
herem mafse vorhanden sind, als es die in den ersten an-
fangen stehende kritik der texte noch ahnen läfst.
In beiden fällen scheint mir daher vom geschichtsfor-
scher der deutschen spräche der geschichtliche boden mehr
oder minder verlassen und das gebiet des ganz subjectiven
erkennens von Ursachen in gro&em umfange betreten. Es
ist gewi& ein hohes ziel, was der vf. als die aufgäbe der
\
*) R. Vin, 118, 8. par^javrddham mahisi' U' sdrjMja dahiti bhant.
aiiMige. 323
gesammten Sprachwissenschaft hiostellt, wenn er sagt (wid-
muDg s. Xni): „Wenn ich mur also sämmtliche wurzeln,
prädikative wie formale, au%elöst denke in ihre einfachsten
elemente, so könnte ich mit geringem fehler die anfgabe
der gesammten Sprachwissenschaft, abgesehen von der laut-
lehre, definiren als eine geschieh te der macht Verhältnisse
jener einfachen laute, wie sie in Übertragung und differen-
zirung ihre existenz und ihren sinn zur geltung bringen^;
aber ich glaube doch, dafs wir uns hflten müssen uns jetzt
schon zu sehr in den elfentanz dieser einfachen laute hin-
einreifsen zu lassen, damit uns der albleich, sei es nun der
wauwau- oder der i-a- spräche, nicht allzusehr sinn und
h^z bethöre. In diesen fehler scheint mir Scherer nicht
allzu selten zu verfallen und in seinen erklärungen sprach-
licher formen das nur ihm als richtig erscheinende resultat
zur grundlage kühn aufstrebender gebilde zn machen, die
vor der nüchternen historischen forschung nicht bestehen
können. Bei dem heutigen Standpunkt unserer Wissenschaft
werden wir uns vielfältig noch bescheiden müssen vorerst
nur die thatsachen sicher zn stellen und von den Ursachen,
aus denen sie hervorgingen, so lange abzusehen als nicht
neue thatsachen uns denselben näher führen.
Der ganze abschnitt über die entstehung der nominal-
und Verbalflexionen der indogermanischen Ursprache bei
Scherer hätte daher nach unserer ansieht nach inhalt und
form noch wohl ungeschrieben bleiben können^ ohne dafs
des verf 's hauptzweck, die geschichte der deutschen spräche
zu erhellen, dadurch beeinträchtigt worden wäre. Wir
glauben sein buch hätte dadurch wesentlich gewonnen.
Aber er ist nun einmal da und ich bin dem wünsche des
Verfassers selbst eine anzeige desselben zu liefern nur nach
längerem widerstreben gefolgt, konnte mich aber dieser
aii%abe nicht entziehen, da Scherer das, was wir bisher
für gesicherte resultate hielten, allzu oft als falsch und
unbegründet hinzustellen bemüht ist. Die gründe, ans
welchen wir seine ansichten f&r irrthümer halten, werden
wir im folgenden darlegen, aber wir werden nur auf seine
von der Ursprache entworfene skizze eingehen, da unsere
21*
334 Kahn
auseinandersetzQDg so schon einen umfang gewonnen hat,
der ffloh nor durch die bedeutnng des Verfassers und die
geistreiche art, in der er seine ansichten vertritt, recht»
fertigt.
Noch eins aber mQssen wir bemerken, ehe wir zur
prflfting des bnches im einzelnen schreiten; das betrijEft die
darstellung desselben. Sie ist meist eine so knappe, dafs
es oft schwer hält den Verfasser zu verstehen; er verlangt
femer, auch ohne ausdrflcklich auf schon dagewesenes zu
verweisen, dafs man dasselbe bis ins einzelnste wie er im
köpfe trage, während es ihm doch eine geringe mühe ge«
wesen wäre durch Verweisung auf den betrefienden ort den
leser zu einem sicheren urtheil in den stand zu setzen.
Aber noch viel schlimmer steht es in solchen fUlen, wo
er die beweise nicht schon in früheren theilen des buches
gegeben hat; er verweist da zur Vervollständigung derselben
sehr häufig ohne oder doch nur mit sehr allgemein gehaltener
Ortsangabe auf die späteren theile des buches und macht
dadurch ein mifsverständnifs leicht möglich. Kommt nun
.. dazu, dafs der Verfasser sich in wesentlichen punkten ge-
legentlich selbst widerspricht, was er in der widmung s. IV
auch selbst sagt, so mflssen wir doch billigerweise den
ansprach erheben, dafs er all dergleichen in den nachtragen
hätte berichtigen mQssen. Das ist aber mehrfach nicht
geschehen. Wir bitten deshalb, wo wir ihn mifsverstanden
haben sollten, nicht uns die schuld aufzubürden, sondern
dem eilenden eifer, der ihn drängte dem schon dem gipfel
sioh nähernden freunde naohzuklimmen, um einen blick in
das gelobte land zu thnn (widmung s« XIII f.), ehe sich
noch die nebel völlig zerstreut hatten.
Die Untersuchungen zur formenlehre beginnt Seh. mit
6er frage: „Ist die Unterscheidung der verba auf ä und mi
eine ursprQngliche oder secundäre in den arischen spra-
clien<<?
,,Man hat bisher unbedenklich das letztere angenom-
men. Mir scheint dagegen das erstere kaum einem zweifei
so unterliegen^.
Was hier zunächst die fragestellung betrifft, so ist der
anaeig«. 3)5
ausdnick „verba auf ft^ ein neuer, an dessen stelle ,|Terba
auf o^ verständlicher gewesen sein wflrde; femer aber er-
wartet man, dafs nun im folgenden die frage entschieden
werden solle, ob die conjugation, welche gewöhnlich die
bindevocalische genannt wird, oder ob die bindevocaUose
die ursprflnglicbere sei. Darauf kommt es aber dem yerf.
hier gar nicht an, er will nur nachweisen, dafs jene in der
1. sg« ein anderes personalkennzeichen habe ab diese, näm-
lich gar keins.
Er behauptet nämlich (s. 173), „dafs jemals ein pro-
nominales dement mit dem nominalstamm auf fi in der
1. sg. ind. praes. dieser verba zur worteinheit verbunden
gewesen sei, läfst sich auf keine weise erhärten, wenn auch
ein solches pronomen als subject des satzes einst natflrlicb
nicht gefehlt haben kann^. Diese reine nominalform wird
dann als ein nominativ ohne s erklärt.
Zunächst ist es denn doch eine harte zumuthung an
unsern glauben, dafs wir annehmen sollen, die sogenannte
bindevocalische conjugation im sanskrit habe ihre endung
erster pers. sg. mi nicht ursprQnglich gehabt, sondern erst
von der bindevocallosen her übertragen. Damit aber kön-
nen wir freilich nichts beweisen. Bedenklicher ist jedoch
schon, dafs das älteste griechisch bei Homer auch in der
a>-conjugation noch die eigenthümlichen endungen der con-
jugation in ^ui zeigt, da wir in ihm sowohl i&ilcDi^t, xrei-
VMfii u. s. w. als id-khiCi, kdß^ai u. s. w. finden. Sollen
diese formen auch nur spätere bildungen sein, wie Seh.
mit Hirzel bei den äolischen (piX^pLi u. s. w. annimmt? Da
beeret ouh geloube zuo! Also die geschichtliche entwick-
lung wäre gewesen -ä, -o;, o/^i, -(u? Etwa um 1. sg. ind.
und conj. besser scheiden zu können? Warum wurde dann
die Scheidung wieder aufgegeben? Scherer scheint gewicht
auf die Übereinstimmung der westarischen sprachen in be-
zug auf diese form ohne mi zu legen, sowie darauf, dafs
auch das ostarische im altbaktrischen daran theil nehme.
Wir können ihm daher selbst noch aus dem sanskrit der-
gleichen formen beibringen, nämlich 1. sg. von conjunctjven,
die auf ä statt äni ausgehen, so z. b. stavä R. II, 11,6.
326 Kahn
X, 89, 1. nirajft R. IV, 18, 2 (v^gl. ebd. gamäni, anu gSni,
prMhfti, judhjfti), pr& yoKfi R. VI, 59, 1. pr4 bravfi R.
X, 39, 5 Q. a« Sie verhalten, sich also genau za den regel-
rechten formen stavftni, nirajäni, prabravftni wie die vedi-
sehen nom. acc. pK n. tft, ja, bhuvanft zu den regelrechten
tftni, jäni, bhavanäni. Der umstand, dafs auch hier zwei
solche formen nebeneinanderstehen, kann uns natfirlich nicht
dazu bewegen, die kürzere ftkr die ältere form anzusehen.
Doch f&r Seh. ist es vielleicht ein unerwartetes troesteltn,
wenn es nicht etwa durch eine dritte, wieder abbruch er-
leidet Neben dem eben angefahrten pra vöKs stehen näm-
lich einige male gleichbedeutende conjunctivformen 1. sg.
auf am, nämlich R. I, 32, 1 indrasja nü vlijä'ni pr4 völcam
des Indra heldenthaten will ich nun preisen. R. I, 154, 1
viänor nü kam virjä'ni pr& voKam des V. heldenthaten will
ich nun preisen. R. V, 31, 6 prä te ptirvfini k&ranäni vo-
Kam deine früheren thaten will ich preisen. Dazu gehören
auch offenbar die formen auf am nach mä wie mä riöam
dafs ich nicht schaden leide R. X, 18, 13. mä tvä nagnä
dar^am dafs ich dich nicht nackt sehe (^at. br. XI, 5, 1, 1
und nun erklärt sich, denke ich, auch weshalb der conjunc-
tiv in 2. und 3. sg. bald si, ti, bald s, t zeigt; jenes sind
präsentische, dies aoristische conjunctive. Aus pra vokam
aber wurde pra voKä wie aus katham ved. kathä u. a. So
hatte vermutblich auch das perf. in 1 . sg. einmal am , fbr
das ä eintrat, denn zweimal finde ich eine solche form:
bibhajä R. Vni, 45, 35. gagrabhä R. X, 18, 14, die durch
das gr. a im perf. weitere bestätigung erhält, denn auslau-
tendes a ist der regelrechte Vertreter von ä oder am, vgl.
das a (t;) im nom. der feminina und das des accus. n68ct
mit skr. ä und pädam. Auf die form mit am werden auch
die perfecta wie dadhäu, papäu zurflckgehen.
Uebrigens ist dem scharfsinnigen forscher bei der be-
hauptung eine kleine bemerkung ganz entgangen, dafs er
nämlich von der ersten sg. auf -ä spricht, während er die-
selbe doch fQr den reinen nominalstamm ohne s erklärt,
dieselbe also auf kurzes a ausgehen mOrste. Er hat diesen
fehler erst später bemerkt (eine erscheinung, die sich grade
anzeige. 327
bei sehr wesentlicheo punkten im buche Afters findet und
nicht weiter beurtfaeilt zu werden braucht) und darum auf
8. 228, wo er ein neues personalsuffix der 1 . sg. auf a ge-
funden zu haben glaubt, hinzugef>: ^Mit diesem a muüs
man offenbar das & der ersten hauptconjugation im west-
arischen*) und in mehreren formen des ostarischen gäthä-
dialekts combiniren, an dessen stelle im sanskrit und alt-
baktrischen durch formübertragung von der zweiten haupt-
conjugation das mi getreten ist. Ich nehme daher die
8. 173 darüber geäufserte ansieht zurück^.
Aber selbst wenn man dem verf. zugeben wollte, dafs
nun auch diese nicht geringe Schwierigkeit hinwegger&umt
sei, bleibt doch noch anderes. Vor allem hält es Scherer,
der doch sonst so streng auf beachtung der lantgesetze
h<, nicht der erwähnung werth, dafs rein auslautendes
ä der Ursprache nur durch griechisches ä oder a, lat. a
▼ertreten werde, wie der nom« sg. der 1. decl. der feminina
und der nom. acc. der neutralen a-stämme (vedisch & statt
des Sni des klassischen sanskrit), ebenso wie die endung
cr^a gegenüber skr. thä oder tha zeigt. Der beweis bleibt
ihm also zu f&hren, dafs griechisch auslautendes oi, lat. 5
irgendwo unzweifelhaft indischem ä im ausfaut entspreche,
ohne daCs ein danach abgefallener consonant die Ursache
der verdumpfung zu co, o gewesen wäre.
Endlich hat Seh., wie schon oben gesagt, offenbar auf
die Übereinstimmung der westarischen sprachen in betreff
der Unterscheidung der verba auf & und mi besonderes ge-
wicht gelegt, da er die worte gebraucht: „die westarischen
sprachen kennen die Unterscheidung s&mmtlich (über die
scheinbare lettoslav. ausnalime s. s. 189 '')^. Wie steht es
nun mit dem thatsächlichen verhalt bei den lettoslavischen
sprachen und in wiefern berechtigt derselbe von einer
scheinbaren ausnähme zu sprechen.
üeber das altslovenische sagt Miklosich vgl. gramm.
der slav. sprachen III, 88 f.: »Wenn man die altslovenischen
*) so nennt Scherer die europKischen gUeder der indogermaniecheii fa-
niUie.
338 Kubn
personalendungen mit denen des sanskrit vergleicht, so sieht
man, dafs in der 1. sg. praes. aus dem ursprünglichen mi
regelrecht Mk entstanden ist^ welches nur ausnahmsweise
sich erhalten, in der regel zu u abgeschwächt mit dem
vorhergehenden vokale zu & sich verbunden hat^. Im
neuslovenischen tritt sowohl in der sogen, bindevocalischen
als in der bindevocallosen conjugation Qberall m ein (Mi-
klosich ebd. s. 198). Im bulgarischen dagegen erhält siclj
das m in der bindevocalischen conjugation nur in den ver-
ben von kl. V. 1. und VI., in allen öbrigcn fällen schmilzt
m mit dem vorhergehenden vokal zu % oder k zusammen
(ebd. 230). Im serbischen erhält sich m in der regel, doch
daneben steht auch y (ebd. 25")). Im kleinrussischen geht
das m der ersten sing, mit dem vorhergehenden bindevokal
in n über, die verba der kl. V. 1. haben aju und am (ebd.
294). Im russischen bildet die persooalendung der l.sg.
mit dem bindevokal ein y in allen jenen föllen, in denen
im aslov. & steht (ebd. 342). Im cechischen erbält sich
das m in den verben der kl. III., IV. und V. 1., in den
übrigen tritt u ein, wofür die schrift i vorzieht (ebd. 407).
Im polnischen hat sich das m bei den verben V. 1. erhal-
ten, bei allen übrigen geht es mit dem vorhergehenden
bindevokal in q, altsl. &, über; die Volkssprache zieht auch
hier manchmal m vor (ebd. 490). Im oberserbischeu hat
sich das m im praes. der verba V. 1. erhalten, sonst bildet
es mit dem bindevokal o den vokal u; dialectisch kann
sich m überall erhalten (ebd. 532). Das gleiche findet im
niederserbischen statt (ebd. 564). In den wenigen verben
der bindevokallosen conjugation dagegen erhält sich das m
(mit oder ohne folgenden vokal) durchweg.
Das litauische zeigt in der bindevokalischen conjuga-
tion ü, in der bindevokallosen mi, doch ist die letztere
bedeutend umfangreicher als in den slavischen sprachen.
Das lettische zeigt im ersten falle u, im zweiten mu.
Wir finden also in der bindevokaliscben conjugation
überall entweder 1) das m, oder 2) einen aus demselben
hervorgegangenen nasalen nachlaut, oder 3) einen vokal,
der aus dem bindevokal mit dem nasalen nachlaut hervor-
anzeige. 829
gegangen ist. Wenn wir nun auch dem verf. zugestehen
wollten, dafs die verba ad 1. ihr m erst einer neubildung
verdankten, wie sie Hirzel för die äolischen (piXr/ui u. s. w.
angenommen, sollen denn die ad 2. und 3. erst wieder aus
diesem durch neubildung entstandenen m abgeschwächt
sein? Wir werden auf s. 189* verwiesen, aber da findet
sich gar keine anmerkung; dagegen findet sich eine solche
auf 8. 190, wo von einem weiteren Umsichgreifen der se-
cundären enduiigen im litauischen gesprochen wird. Seh.
sagt: „3. sg. praes. v^a steht ohne zweifei fbr v4£at, nicht
für veisLÜ. Und wenn dieselbe form auch fbr den plurai
gilt, so sind eben veita für ve^at und ve^an (welches n ja
litauisch nicht gesprochen wird) für veäan, nicht f&r ve-
äanti zusammengeflossen. Ebenso steht 1. sg. veiä ganz
regelrecht für ve^am, wäre aber doch sehr auffallend für
vezämi, und dies gilt auch für das slavische: vgl. lit. esmi,
ksl. jesmT. Im lit. dualis liegen gleichfalls die secundären
formen vor äugen **.
Hier wird also behauptet, dafs die litauische 3. sing.
v6£a zunächst ans ve^at, nicht unmittelbar aus ve^&ati her-
vorgegangen sein könne. Ebenso stehe ve^ü ganz regel-
recht für ve^äm; das soll doch wohl nur heifsen, an die
stelle der vollen primärendungen sind die secundären ge-
treten, mi habe sich frühzeitig zu m abgestumpft und dies
sei mit dem voraufgehenden vokal in ü Übergegangen, und
wenn Seh. dann fortföhrt „und dies gilt auch für das sla-
vische^, 80 kann man das doch wohl nur so verstehen,
dafs auch &, u, y aus vorangegangenem am oder am ent-
standen seien , dafs sich also asl. "pletämi, plet^, klr. ""ple-
tämi, *plet^, pletu wie *ve4ämi, *veääm, veiü verhalten.
Demnach wird doch Überall der nasal als ursprünglich
vorausgesetzt. Wo bleibt denn da die scheinbarkeit der
ausnähme? erscheint denn nicht überall ein, wenn auch
abgestumpftes, personalkennzeichen? Ist denn auch nur der
schein eines beweises in den werten des Verfassers zu fin*
den, dafs dasselbe erst aus einer neubildung entstanden
sei, dafs das reine verbalthema auf a in der 1. sg. praes.
der slavischen sprachen das ursprüngliche sei? Soll etwa
330 Kuhn
die entwicklung veia, veiämi, vei&m, veih und analog in
den slavischen sprachen gewesen sein? Dann yermissen
wir den beweis dafür vollständig.
Denn die blofse Behauptung s. 176, dafs nur im rus-
sischen die altkirchenslavische mit dem altgermanischen
und griechischen übereinstimmende abscheidung der verba
in mi bewahrt sei, kann doch für einen beweis nicht gel-
ten. Man sollte nach des verf. werten meinen, dafs das
russische und altslovenische in* der ersten person reinen
yokal, wie zend. E (griech. o»), goth. a zeigten, während
doch, wie wir gesehen haben, Miklosich altsl. &, russ. y
aus älterem am hervorgehen läfst Oder ist Scherer etwa
gegen Mor. Haupt, Miklosich und Schleicher der ansieht
Kopitar's gefolgt, dals a nicht nasalisch sondern reiner
vokal sei? Dann hätte dies doch wohl ausdrücklich aus-
gesprochen, resp.- durch neue und bessere beweise, der von
Miklosich ausfQhrlich bekämpften ansieht gegenüber, dar-
gelegt werden müssen.
Die besprechung des m in der 1. sing, praes. ind. im
althochdeutschen führt den verf. auch zur erwägnng der
neben einander stehenden formen gäm und g6m, stäm und
stem; über die letzteren sagt er, dals sie die f&rbung des
reduplicationsvokals zu e voraussetzen. Das neben einan-
derstehen von gianc und genc läfst doch wohl auf älteres
giam fQr gern schliefsen, ebenso auf stiam für stem. Da
schon in den veden gigämi und tisthämi auch im klassi-
schen Sanskrit das i in reduplicationssilbe zeigen und für
älteres gigämi, stistämi stehen, kann diese bildung schon
aus der arischen urzeit herrühren.
Für die 1. plur. praes. im gothischen nimmt Scherer
(s. 189) an, dafs sie ma gewesen und aus den secundären
endungen eingedrungen sei. Dies soll bei der litauischen
analogie [das lit. hat me] wahrscheinlicher sein als West-
phals deutung aus ms für mas. Wir werden uns natür-
lich dieser ansieht nicht anschliefsen können, sobald wir
das conjunctivische ma nicht mit Scherer aus'm-t-am
oder m 4- äv entstehen lassen, und bei der bisherigen er-
anseige. 331
kläniDg verbleiben, die sieb auf die sichere analogie von
dat. fiskam aus ^fiskamis, ^fiskams gründet.
Bereits bei besprechung der gothischen auslautgesetze
(s. 106 ff.) nämlich hat sich der verf. gegen die anffassung
Westphals gewendet, der einen hilfsvocai (a) im gothischen
als stdtze ftLr indog. t, d, n im auslant angenommen hatte;
er sagt „dafs ein an sich bedeutungsloses lautelement eigens'
dazu geschaffen wurde, um ein anderes zu schützen, läuft
gegen alle erfahrung und bisherige kenntnifs des spraoh-
wesens^ u. s. w.
Man kann vielleicht Scherer den satz in dieser form
für das gothische zugeben, ohne dafs man damit gleich
einräumte, dafs sich überhaupt im auslaut keine vokale
nach ursprünglichen consonanten entwickeln können und
so gewissermafsen doch die auslautenden consonanten vor
abfall schützen, man denke z. b. an das e im zend, wel-
ches sich hinter r entwickelt, aq die niederdeutschen stark
betonten icke, d^tte (welche schwerlich den ahd. ihha, goth.
thata gleich stehen); aber wenn man den satz auch in
WeAphals fassung nicht zugibt, wird man doch kaum
Scherer^s eigene erklärnng dieser erscheinung glaublicher
finden, welche in dem pronominalen hilfs-a die anhänge-
Partikel am wiederfinden will, wie sie sich in ita gegen-
über idam, in ina gegenüber imam darstelle. So wie wir
über diese beiden Wörter hinausgehen, verliert der antritt
eines am alle Wahrscheinlichkeit, da ja dasselbe nach Sche-
rers eigener auffassung, die er später über das accusative
m entwickelt, bereits in dem hvan-, than- von hvana,
thana steckte. Hier wird also gleichbildung mit der de-
clination der starken adjectiva anzunehmen sein, möge
diese nun auf welche weise immer entstanden sein. We-
nigstens wird niemand durch eine erklärung befiriedigt wer-
den, welche goth. ina, hvana auf andere weise entstehen
läfst als ahd. inan, hvenan.
In diesem falle bietet uns Scherer denn doch wenig-
stens eine anlehnung an das sanskrit; viel weiter geht er
nun aber bei der erklärung des a im conjunctiv des verbi
332 Kuba
(8. 111). Hier soll das au der 1. sing., das a der i. du.
plur. und 3. plur. aus derselben partikel am, die hier dem
griech. äv gleichgesetxt wird, welche sich mit den endon-
gen verschmolz, entsprangen sein. Der widersprach, in
den Scberer mit sich selbst geräth, indem er das am oder
äv in der 1. pers. sg. in u übergehen, in den flbrigen su
ä d. i. goth. a werden liefs, hat ihn denn auch offenbar
vermocht diese erklärung der 1. sing. conj. s. 472 in den
nachtragen f&r falsch zu erklären, weshalb er auch schon
s. 206 goth. sijau als fast genaue parallele zu skr. sjftni er-
kannte. Allein die erkiftrung des a der übrigen personen
ist beibehalten. Diese wird niemand glaublich finden, zu-
mal wenn man sich ähnliche erscheinungen anderer spra-
chen vergegenwärtigt. Das italienische setzt dem lat. ama-
mus, amant amiamo, amano u. s. w. zur seite, an die
stelle des lat. sum, sunt treten sono, sono, das neugriechi-
sohe bildet die 3. pl. ygdffovve oder yga^pow^ tiyQd<paif€
oder Hygacpav u. s. w. in offenbarer nachbildang zu 1« pl.
ygdcpouB^ T^ygccrpccfie^ ygdcpa^e^ das nhd. sie sind, wir
sind. Wir werden also wohl nicht anstehen dürfen^ auch
nimaina, nemeina aus der analogie von nimaima, nemeima
entstanden zu erklären. Nur dürfen wir bei der ersten
plur. nicht auf das ma der secundären tempora des klas-
sischen Sanskrit zurückgehen, sondern auf das vielfach er-
scheinende mä, dem das goth. ma der regel gemäTs ent-
spricht. — Scbliefslich möge doch übrigens bemerkt sein,
dafs der hilfsvokal anderen bewährten Sprachforschern
nicht ganz so ungeheuerlich erscheint wie Scherer, denn
Miklosich vergl. gramm. I, 85 sagt: „ Dagegen nimmt die
auf T auslautende 3. sg. und plur. aor. und imperf. nicht
selten ein i an, wodurch das vorhergehende t geschützt
und erhalten wird^. Er läfst dann beispiele folgen and
verweist am sohluis s. 87 auf die ähnliche eben bespro-
chene erscheinung im gothischen.
Für die erklärung der althochdeutschen endung der
ersten pluralis auf mes schlägt Scherer (s. 190f.) einen
ganz neuen weg ein, indem er zunächst auf die unüber-
steiglichen lautlichen Schwierigkeiten hinweist, welche die
anzeige. 333
erklärang von mos aus skr. masi bietet. Man kann das
unbedenklich zugeben, ohne doch darum die noch viel
grö&eren Schwierigkeiten der erklärung Scherers, nämlich
aas mansi, zu übersehen.
Wenn er nämlich zunächst sagt, dafs es sicher aei^
dafs mds von lat. mtls (Corssen vokalismns I', 360) nicht
getrennt werden könne und eine deutung der 1. pl. praes.
gewifs auch auf die griechischen doppelformen fiag und
fisv ihr augenmerk richten mQsse, so ist das zu unterlas-
sen ja wohl auch bis jetzt niemandem eingefallen; es fragt
sich nur, ob die auffassung von diesen formen, die Scherer
bat, die richtige ist.
Wenden wir uns zuerst zur endung mus, so weist
uns Corssen a. a. o. die länge müs in einer plautinischen
stelle, einer der Aeneis und einer der metamorphosen nach,
in den letzteren durch metrische gründe gerechtfertigt (vers-
hebnng vor der hauptcäsur); da nun niemand glauben
wird, dafs das u in myrtus (metam. 9, 98), laurus (ib.
15, 634) wie in mehreren anderen fällen (vergL Corssen
a. a. o. 362 — 363) an gleicher stelle jemals lang gewesen
sei, so bleibt nur die eine plautinische stelle übrig, die
möglicherweise auch andre deutung zuläfst, jedenfalls aber
zum beweise der länge des u doch wohl nicht ausreicht.
Wir werden also das u von müs und das e von mos wohl
einstweilen noch zu trennen haben.
Was aber die doppelformen fiBg und uev betrifft, die
auf ursprünglicheres ^evg zurückweisen sollen (verf. ver-
gleicht S^kq>iv und dek(pis fbr äskcptvg und ähnliches), so
wird auch diese auffassung sehr bedenklich, denn die laut-
regel ist doch im griechischen eine andere, wie ut]v und
fiiig ftr *fztjvg oder *u6vg^ Big für ^ivg, oiQQriv^ riQtjv, not'
jUJ/y, Xif4i]Vf nv&fiijpj ctv^Tjv für *aggBvg, tSQBvg^ nv&piBvg
u. s. w. zeigen. Die stamme auf -Ii/ und -füv^ die doch
aber hier wegen des vokals nicht in betracht kommen kön-
nen, schwanken allerdings zwischen v und g im nominativ.
Wir halten deshalb auch hier an der bisherigen auffassung
fest, dafs iibv aus i^g hervorgegangen sei und dafs der
nasal sich beim schwinden des g ebenso entwickelt habe,
334 Kuhn
wie im päli die optativendung ü aus dem skr. us, wie
im prskrit instr. -hl aus altem -bbis hervorging.
In betreff der althochdeutschen endungeo der 1. plur.
werden zunächst alle bisherigen erklärer zurechtgewiesen,
dals sie sich nicht weiter umgesehen als das paradigma
ftihrte, selbst Graff nicht, dessen materialien doch gerade
auf das nach Scfaerers ansieht richtige hinleiteten. Nun,
unter nmst&nden ist es jedenfalls gut, sich das paradigma
anzusehen und daran festzuhalten, damit man nicht ver-
schiedene formen durcheinander werfe, wie es dem verf.
z. b. in betreff einiger sanskritformen begegnet ist (man
vergl. das unten zu s. 228 bemerkte) ; flßr unsern £bJ1 scheint
denn doch auch die erwägnng der flbrigen, nicht im pa-
radigma Steheoden formen doch wirklich nicht von allzu-
bedeutender erheblichkeit.
Die Untersuchung ergibt nämlich aufser der form auf
m^ noch eine solche auf mus. Ihre verhältnifsmäfsige sei*
tenheit ergibt wohl, dafs sie nur in dialektischer eigen-
thümlichkeit ihren grund haben wird, und man darf sie
daher wohl, wie auch Weinhold bair. gramm. §. 283 an-
nimmt, als durch verdumpfung aus mes entstanden anse-
hen; jedenfalls kann sie f&r mansi oder maus nichts bewei-
sen, da wir, wenn sie daraus hervorgegangen wäre, doch
wohl statt ihrer muos zu erwarten hätten.
Eine zweite ganz vereinzelte form (in zwei beispielen
bei Graff II, 580) ist mas; sie beruht offenbar ebenfalls
nur auf dialektischer eigenthOmlichkeit, welche für unbe-
tonte vokale a eintreten liefs. Das eben besprochene mus
könnte sich übrigens auch leicht ans mas entwickelt haben.
Jedenfalls mQssen diese beiden formen auch nach Scherers
eigener ansieht nichts zum beweise der ezistenz eines frü-
heren mansi beitragen, da er sie bei seiner beweisfllhrang
nicht weiter herbeizieht.
Von einer dritten nebenform, nämlich der auf meo^
sagt Scherer, dafs Graff von ihr verhältnifsmäfsig viele bei-
spiele habe und zwar aus sehr verschiedenen quellen;
darunter die von ihm ins 8. jahrh. gesetzte und daher min-
destens noch aus der ersten hälfte des 9. jahrh. stammende
anzeige. 335
glossensamiulaDg 6c. 4. „Und so geläufig, fahrt or fort,
war dieses men neben mas den sohreibern, dafs sie es auch
im lateinischen gelegentlich fbr mus setzten, snbigamen
z. b. schrieben statt subigamus^.
Statt „ yerhältnifsm&fsig viele ^ zu schreiben, hätte
Scherer wohl am besten gethan zu sagen, dafs es im gan*
zen nur zehn beispiele in zwölf handschriften seien, welche
Graff beibringe. Ebenso schmilzt die grofse Verschieden-
heit der quellen etwas, weun man sieht, dafs fünf ftlle
aus den gloss. monsee. stammen. Dazu kommt, dafs dem
doch sonst so gründlichen gelehrten, der über das para-
digma hinausgehen will, entgangen ist, dafs Graff in sei-
nem Verzeichnisse dieser formen (II, 589) für illemen den
codex Gc. 4 als quelle angibt, während unter dem betref-
fenden verbum (1, 229) dafür Gh. 4 steht; damit wird
das 8. jahrh. für diese form zweifelhaft, neue Untersuchung
mufs erst ergeben, an welcher von beiden stellen bei Graff
der drnckfehler steckt Gewifs läfst sich aus dieser ge-
ringen zahl von beispielen nicht der schlufs ziehen, dafs
den Schreibern dieses men so geläufig gewesen sei, dafs
sie es gelegentlich auch im lateinischen flQr mus setzten,
sondern es wird eben ein anderer grund flQr den Ursprung
dieser formen zu suchen sein. Vielleicht gibt die notiz
von Graff, Diutisca III, 172, dafs die von ihm verglichene
bandschrift der monseeischen glossen aus dem 9. jahrh.
abschrift eines älteren codex sei, in welchem r und f noch
zu verwechseln war, einen fingerzeig über die entstehnng
des n in men. Wenn nämlich die älteren quellen, aus
denen jene glossen stammten, die aufzeichnungen irischer
bekehrer oder ihrer nachfolger gewesen wären, so wäre
eine Verwechselung von p (r) mit p (s) ebenso leicht mög-
lich gewesen als eine solche mit n (n), um so mehr als
die facsimiles altirischer handschriften bei O'Curry (Lectu-
rea on the mannscript materials of ancient Irish history,
Dnblin 1861) vielfältig den unter die linie hinabgehenden
strich der ersten beiden bnchstaben fortlassen und nament-
lich n und r dadurch fast ganz zusammenfallen. Dazu vergL
man, was Zenas in der vorrede zar gramm. celtica p. XX
336 Kuhn
über den codex Paulinus der Würzburger Universitätsbi-
bliothek sagt: Atque hie codex is est, caius meminit Eck-
bartus in Commentariis de rebus Franciae orientalis (I,
272. 452. 847), ex quo etiaro quaedam excerpsit, sed falao
passim. Nee mirum; magnum enim esset praedito ocnlis
minus acutis, insuper ignara linguae, minutissimas istas
literas, pallidas saepius marginem versus, quarum quaedam
(e. gr. n, r, s) sibi valde similes apparent, recte legere
et reddere. Dieselbe ähnlichkeit der zeichen für n, r, 8
findet sich auch , wie mir mein College herr dr. G. Wil-
manns mittheilt, in der angelsächsischen schrift. Wer da-
nach suchen wollte, würde bald beispiele solcher verwech-
selangen in den glossen finden; hier nur einige, die mir
grade zur band sind, fiSr r aus n : in den strafsburger alt-
sächsischen glossen steht kraru (das zweite r bei GrafiT
cursiv zum zeichen, dafs die handschrift deutlich so liest)
von Schmeller unzweifelhaft richtig in kranc gebessert:
eulogio, benedictione ofelene Mart. 2, der Cod. hat
ofelere Diut.II, 183; für r aus s: in den merseb. glossen las
Leyser aerehiad, Heyne das richtige aeschiad* (so MS.I)
= exigunt. Die vergleichuug der fehlerhaften Schreibwei-
sen des codex Paulinus (wie sie Zeuss a. a. o. XXI an*
gibt) mit den gleichen des Sg. 913 (Vocabularius S'. Galli)
zeigt mehrfache Übereinstimmungen. Das parietas uuanti
und culmes first des Vocabularius und ähnliches könnten
auch die mas und mus der 1. plur. sehr wohl erklären
helfen. — Eine andere möglichkeit wäre auch, dafs wenn
die ursprünglichen Schreiber der glossen Iren waren, sie
die ihnen geläufige irische endung der ersten pluralis auf
me mit dem angehängten pronomen ni (dessen i geschwun-
den wäre) an die stelle des deutschen mes gesetzt hätten,
zumal drei dieser formen aus handschriften stammen, die
mit geheimschrift geschrieben sind, wodurch dann die les-
barkeit f&r den uneingeweihten noch weiter erschwert
wurde als durch die blofse vertauschung der vokale mit
den im aiphabet nächstfolgenden consonanten. Doch wie
auch immer der Ursprung dieser räthselhaiten form zu er-
klären sein möge, der umstand, dafs sie blos in glossen
anzeige. 337
vorkommt, nirgend in den ältesten zasammenhängenden
texten zu finden ist, läfst doch wohl mit recht daran zwei^
fein, ob sie jemals in der spräche vorhanden gewesen sei.
Aber auch wenn diese formen auf men wirklich rich-
tig überliefert wären, so wäre ihnen doch für begründung
einer form ^mansi nicht mehr oder vielmehr ebensowenig
gewicht beizulegen, wie dem griechischen fiev neben /neg^
deren ableituug aus *mansi, wie wir sahen, in den lautge-
setzen erhebliche Schwierigkeit findet. Scherer nimmt
Schwächung des a von mans zu mens an und dafs fbr die-
ses die form mes, mit 6 als ersatz der nasalirung, einge-
treten sei. Hier wäre doch der nachweis anderer fälle
nothwendig gewesen, wo ahd. ö in gleicher weise vor s
oder andern consonanten durch ersatzdehnung für vocal +
nasal entstanden wäre. Mindestens hätte doch Scherer
auf 8. 104 zurückverweisen müssen, wo er die entstehung
der ahd. acc. plur. bespricht, die aus den formen auf ans,
ins, uns durch äs, Is, üs hindurch za äs, is, fis gewor-
den und dann das s abgeworfen haben sollen, wobei in
der parenthese kurzweg bemerkt wird, „wie aus 1. plur.
mansi ahd. mes wurde ^. Selbst wenn man zugibt, dafs
diese erklärung der formen der ahd. accusative pluralis die
einzig mögliche sei, so müfste doch mansi auf germani-
schem gebiet schon nach dem allgemeinen gesetz, das die
auslautenden kurzen vokale vernichtete, mans geworden
sein, und dies mans oder das daraus geschwächte mens
hätte doch nach analogie der acc. phir. althochdeutsch zu
mä oder me, dann zu ma oder me werden müssen. Ebenso
wenig beweisen für den Ursprung des 6 aus en die in der
anmerkung auf s. 430 beigebrachten fälle, die mit m£s zu-
sammengestellt werden, da in den sicheren darunter ä aus
Vorangegangenem ia, wie genc, föne aus gianc, fianc, ent-
standen ist, abgesehen davon, dafs es sich hier um be-
tonte Stammsilben nicht wie bei mes um eine tonlose en-
düng handelt.
Alles dies berührt naturlich nur die erklärung,
welche Scherer von der endung mes gibt, an der existenz
derselben sowie daran, dafs das e lang sei (denn es wird
Z«it8chr. f. vgl. Bprachf. XVIII. 6. 22
338 Kuhn
wiederholentlich mees geschrieben) ist damit kein zweifei
ausgesprochen. Wir werden daher nach einer wo möglich
befriedigenderen erklärung suchen mQssen.
Den weg zu einer solchen bahnt uns zunächst die
beobachtung, dafs schon in den ältesten quellen die form
auf blofses m neben mes erscheint und dafs kein den Über-
gang vermittelndes mä oder me neben beiden erscheint.
Das ^eht doch sehr danach aus, als sei mes keine ur-
sprQngliche, sondern erst eine später angetretene cndung
und für diese vermuthuug sprechen noch lauter die na-
mentlich im perfectum auftretenden formen mit doppelter
endung wie birunmös, quamunmes, comenra^s, gisahuumes,
gihalotunm^.
Femer erscheint diese endung bei Otfried nur im im-
perativen conjunctiv, wie Kelle in Haupt zeitschr. XII, 103
nachgewiesen hat. Dazu erwäge man, dafs Mfillenhoff
altd. sprachproben vorrede s. IV sehr wahrscheinlich macht,
dafs suohhemös, araughem^s u. s. w. sehr wohl die der
1. plur. praes. indic. gleichlautende 1. plur. des imperativs
sein könne und auch noch andre fälle nachweist, in wel-
chen eine gleiche auffassung platz zu greifen scheine.
Von diesem gebrauche aus möchte daher wohl das
mes auch erst in andere formen eingedrungen sein und das
wird um so wahrscheinlicher, als sich, vorausgesetzt dafs
in mes ein angetretenes pronomen erster person stecke,
dieser gebrauch dann in den mittelhochdeutschen formen
ohne personalzeichen, wie heize wir, nemc wir gr. I, 932;
werde wir, schaffe wir, tribe wir, Weinhold alem. gramm.
8. 337 (mit weiterer aufgebung des auslautenden vokals
verswlg wir, läz wir ebend. 341, fuog wir 366) fortsetzt.
Ja im bairischen dialekt tritt dieser gebrauch noch mit
bewahrung des alten m in der form auf in trage mer, gebe
mer oder gemme', segme^ stemme^ zuweilen mit doppeltem
pronomen: mir gemme% mir segme^ oder hamme' mir,
gemme' mir, Schmeller bair. gramm. §. 909, Weinhold bair.
gramm. 290, so dafs schon Schmeller §. 912 vermuthete,
dafs das alte ro^s dem bairischen angehängten mer ent-
spreche.
anzeige. 339
Wenn daher unsere voranssetzung dnreh die ganze
fernere entwicklung der spräche einige stütze erhfilt, so
entsteht nur die frage, in wiefern die annähme einer form
m6s neben gotb. veis, ahd. wir (daneben noch älteres wer)
sich begründen lasse. Hier zeigen denn nun die neueren
Volksdialekte vielfach die form mir, mir an stelle des wir,
wir. lu den nordischen dialekten findet sich die prono-
minalform mit m im dual und plural bereits ums jähr 1300
als mit, m^r und heutzutage ist me die alleinherrscfaeado
(Aasen, norsk gramm. Christiania 1864 s. 179). In den
slavolettischen sprachen lautet der nom. plur. des pron.
1. pers. mit ausnähme des bulgarischen durchweg mit m
an, altsl. uu, neuslov. mi, serb. mi, kleinruss. my, russ. mu,
£ech. my, poln. my, oberserb. my, niederserb. my, lit. m^,
lett. mSs. Im päli tritt ebenso majam statt skr. vajam
auf. Da ist denn doch wohl die annähme keine allzu-
kQhne, dafs auch das germanische frfihzeitig eine form
mit gleichem anlaut entweder neben der alten form mit
w gehabt oder neben ihr gebildet habe. Eine dem
8kr. vajam analog gebildete germanische form wQrde daher
mit V vajas, mit m majas gelautet haben. Jenes hätte
eigentlich goth. vais, wie ^habajasi zu habais, werden müs-
sen, ist aber zu veis geschwächt, majas mufste mais wer-
den, aus dem regelrecht ahd. mes hervorging, wie aus
goth. habais ahd. habes. Ich bin mir wohl bewufst, dafs
diese ganze entwicklung nur auf einer hypothese beruht,
aber das zusammentreffen der endung mes mit dem nom.
plur. des selbständigen pronomens der ersten person lit.
m^s, lett. mes spricht doch einigermafsen für die Wahr-
scheinlichkeit derselben, eine Wahrscheinlichkeit die noch
erhöht wird, wenn man die nahe berührung des nom. plur.
des pronomens der zweiten person zwischen goth. jus und
lit. jus, lett. jus mit in betracht zieht.
In dem abschnitt über das personalpronomen s. 213ff.
ist Scherer durch eine Untersuchung der personalendungen
zu dem resultat gekommen, dafs man bisher durch will-
kührliche annähme grofsartiger Verstümmelungen klarlie-
gende dinge in Verwirrung gebracht habe. Dies resultat
22*
340 Kuhn
ist z\var nicht in dieser form ausgesprochen, aber doch
deutlich genug aus den werten herauszulesen. Scherer
schlägt daher, wie er glaubt, einen richtigeren weg ein
und geht bei demselben von dem satze aus^ dafs unbeton-
tes a einst selbständiger monosyllaba, die mit ihrem ver-
bal- oder nominalstamm zur worteinheit verschmolzen sind,
oftmals spurlos verschwunden sei (s. 216).
Wie beweist nun Scherer diesen satz? Mit den wer-
ten: „die belege werden im verlauf des vorliegenden auf-
satzes alle zur erwähnung kommen. Der beweis gegen die
Verstümmelungstheorien wird dadurch geführt, dafs man
auch ohne sie auskommt^.
Es ist denn doch erstens eine eigenthtimliebe art der
beweisf&hrung, dafs man dem leser versichert, ein 8ats> sei
wahr und ihn indirect auffordert sich die beweise selber
aufzusuchen in einem aufsatze, der beinah anderthalb hun-
dert Seiten umfafst. Zweitens ist es doch wunderbar, dafs
der gegen die willköhrlichen verstQmmelungstheore-
tiker auftretende mann des gesetzes, der uns wenige zeilen
vorher gesagt hat, dafs die sprachen, deren leben und ge-
schichte wir beobachten können, uns lehren, da& feste
gesetze über allen Wandlungen des auslauts wachen, dafs
derselbe mann des gesetzes uns sagt, die von ihm bespro-
chene erscheinung zeige sich oftmals, woraus wir doch
wohl schliefsen sollen, dafs auch ausnahnien vorkommen.
In welchem verhältnils nun diese ausnahmen zu dem ge-
setze stehen, wäre doch aber gerade nöthig zu wissen;
wir möchten doch gern die Überzeugung von der gesetz-
mäfsigkeit der erscheinung wie der Verfasser gewinnen oder
uns überzeugen, dafs er geirrt hat. Einstweilen, ehe wir
von dem verhältnifs der zahl der beispiele für das gesetz
zu der der ausnahmen nicht näher unterrichtet sind, kön-
nen wir doch in dem satze auch nur eine willkührliche
annähme und kein gesetz sehen. Wie aber der Verfasser
ohne die Verstümmelungstheorie auskommt, werden wir im
folgenden noch mehrfach zu erkennen gelegenheit haben.
/^ Im folgenden entwickelt denn Scherer demgemäfs seine
Xneue theorie der endungen des medii und passivi im gegen-
anzeige. 341
salz ZU den bisherigen auiFaseuDgeD, sieht sich aber gleich
von vorn herein genöthigt zwei ausnahmen von derselben
hinzustellen, nämlich die endungen griech. /i?/2/ und skr.
thäs, die ihm als ,, versprengte reste einer sonst
gänzlich verschwundenen formation und zwar eines
eigentlichen mediums gelten^. Nun, bei der in betracht
kommenden geringen zahl ursprönglicher endungen
— es sind, wenn wir den dual bei seite lassen, eben nicht
mehr als sechs — sind denn doch zwei endungen von eini-
ger bedentung und es wird ein starker glaube dazu ge-
hören, sie als solche versprengte reste anzusehen. Ja der
zweifei wird sich noch mehren, wenn wir gleich nachher
erfahren, dafs die dritten personen, die ursprönglich gar
keine verbalbildungen waren, in des Verfassers darstellung
gar nicht in betracht kommen und somit nur noch vier
ursprüngliche endungen übrig bleiben.
Scherer läfst nun die formen des activs aus denselben
grundformen wie die des passivs hervorgehen und läfst sie
uur durch den accent differenzirt werden; dvik tva gibt
dv^käi und dvik tvä gibt dviks^, wobei freilich gleich
wieder ein neues dement i zur erklärung herbeigeholt wer-
den roufs. Doch sehen wir einstweilen davon ab, und
wenden wir uns zu einem zweiten beispiel Scherers s.219,
wo er sagt: „Setzen wir die 2. sing. aor. Häiig^ so zweifelt
kein mensch, dafs als grundform 4 dhä sa anzunehmen sei.
Dem liegt passivisch i&ov d. i. d^eao^ vormals a dha sk
gegenüber. Wir sehen, das ursprünglich unbetonte active
a der personalendung hat sich verloren, das ursprünglich
betonte passivische blieb erhalten^.
Wir machen erstens darauf aufmerksam, dafs hier
ganz stillschweigend eine Verschiedenheit in der quantit&t
des wurzelvokals angesetzt wird, über die man doch von
Scherers Standpunkt aus nicht so leicht hinwegkommt,
zweitens darauf, dafs selbst wenn man zugäbe, dafs der
accent im medium ursprünglich auf der letzten silbe stand,
man doch über das o der eudung nicht so leicht hinweg-
eilen darf, wie es Scherer thut. Ich glaube wenigstens in
dem aufsatz über einige medialendungen (zeitschr. XV,
842 Kuhn
406 ff.) dargethan za haben, dafs auBlautendes o im grie-
chischen nicht der Vertreter eines ursprünglich rein aus-
lautenden a sein könne. Da Scherer diesen aufsatz ge-
kannt hat, denn in der anmerkung zu oben stehendem
Satze citirt er ihn, so durfte er meine behauptung doch
nicht mit stillschweigen ßbergehen, sondern er mufste sie
wenigstens widerlegen, wenn er ihr nicht beistimmte. Aber
selbst noch wenn wir uns auf Scherers Standpunkt stellen,
bleibt das o von ao unerklärlich, denn das aus tva ent-
standene sa soll ja accusativ sein (flexionslos und dem no-
minativ gleichlautend) und der flexionslose accusativ des
selbständigen pronomens 2. pers. lautet doch nicht ao son-
dern cri, selbst noch wenn er nicht enklitisch ist, sondern
seinen vollen ton hat. Und hier sollte das stärkere o ge-
blieben sein, selbst nachdem nun der accent auf die an-
lautende silbe getreten war? Wir werden einstweilen, ehe
diese Schwierigkeiten nicht gehoben sind, doch noch lieber
an der alten erklärung festhalten. Das thun wir auch in
bezug auf die erklärungen, welche Scherer von allen an-
deren medialendungeu im folgenden gibt, da es uns nicht
möglich ist in voller ausdehnung darauf einzugehen, ohne
ein ebenso umfangreiches buch wie das seine zur Wider-
legung zu schreiben. Nur einzelnes wollen wir nicht Qber-
geben.
Scherer hat nämlich die ansieht dnrchgefQhrt, dafs
das i der activendungen des praesens sowie das im me-
dium hinter dem a des pronominalstammes erscheinende
ein blos deiktischer zusatz oder vielmehr die zu lediglich
verstärkender function herabgesunkene lokal partikel i, l
sei (s. 219). Die medialendung der 1. sg. praes. ä im sans-
krit ist ihm daher, da er a als personalsufBx der 1. pers.
gefunden zu haben glaubt, aus a + i entstanden. Diese
entdeckung hat er aber erst, wie wir bereits oben s. 327
sahen, auf s. 228 gemacht und da er s. 219 gesagt hatte,
dafs das i den beruf hatte im activum praesens und futu-
rum, im passivum praesens und perfectum auszuzeichnen,
so, sagt er nun s. 228, finden wir das personalsuffix a con-
anzeige. 343
sequenterweise im imperf. and aor. medii und im perf.
activi wieder.
Scberer handelt hier von den endungen des sanskrit
und da sehen wir denn, dafs es doch manchmal gut ist,
ein spraehvergleicher nach der yorstellung mancher hoch-
gelahrten leute zu sein, welche glauben, dafs den sprach-
vergleichern das Studium von lexikon und grammatik
der sprachen genQge. Jedenfalls kann man das Studium
derselben nicht ohne sie treiben, ohne in irrthOmer zu
gerathen, wie es dem verf. begegnet ist, welcher die Lsg.
imperf. und aor. medii auf a ausgehen läfst und wenige
Zeilen weiter sagt, dafs dieselbe person im potentialis und
precativ auf i ausgeht, während doch das umge-
kehrte der fall ist. Die stellen aus Bopp's sanskrit-
grammatik brauche ich wohl nicht herzusetzen.
Den schlufs seiner Untersuchungen Ober das ich am
verbum bilden bei Scherer die sätze (s. 229). „Nun er-
halten wir die reihe: a, ama, ma. Ich meine: das prono-
men a, seinen Superlativ ama und dessen Verstümmelung
[also doch! aber freilich nur im inlaut] durch aphärese
ma. Aus der Verstümmelung [schon wieder!] stammt das
mi des praesens: so zeigt sich, wie die a- stamme mit ih*
rem ä das ursprungliche bewahren^.
Diejenigen, welche hier das i des imperf. und aor.
vermissen möchten, mache ich, da es Scherer nicht ge-
than hat, darauf aufmerksam, dafs er dies erst auf s. 234
bespricht. Es ist ein bisher noch nicht bekanntes pronomen
der 1 . pers. i und gleich dem i des pronominalstammes
3. pers., welches als pronomen 1. pers. fungirt. Wir kom-
men zu s. 234 darauf zurück. — Nach Scherers oben hin-
gestellter reihe und den vorangehenden entwicklungen sind
also das mi der mi-conjugation und das am der praeterita
aus ama hervorgegangen; ehe das i (hier die locativpar-
tikel) aber antrat, war das a der letzten silbe schon ge-
schwunden. Hier wäre erwünscht gewesen zu erfahren,
wie sich Scherer die entwicklung bei consonau tisch aus-
lautenden wurzeln gedacht bat. Haben sich wirklich admi
344 Knhn
und dvesmi nach seiner ansieht in der reihenfolge adma^
adm, admi, dvggma, dv^m, dveämi gebildet? Wir vermis^
sen hier wie überall im ganzen buche die durchfQhrnng
der gewonnenen theorie an beispielen, die Schleichers dar-
steHung überall so klar machen. Man fragt doch billiger^
weise, worin das bedflrfnifs gelegen haben solle, dafe die
mi-conjugation und namentlich die consonantischen wurzeln
gleich von vom herein die verstümmelte endung ansetzten,
während doch ama viel bequemer war? Man fragt, welche
absieht hatte die spräche dabei, dafs sie im praesens
U.S.W, der sogenannten a-conjugation das ich durch den
bescheidenen positiv ausdrückte, während sie es in der
mi-conjugation und im imperf. und aorist als „allerhöchst
ich** im Superlativ auftreten liefs? Doch wir haben oben
die grofsen bedenken, welche sich der annähme einer per-
sonalendung a der 1. person entgegenstellen, entwickelt
und sind dadurch der nothwendigkeit enthoben, weiter auf
die angeblich daraus hervorgegangenen superlativentwick-
lung einzugehen. Uebrigens ist es Scherer sowohl hier
als bei der besprechung von amät, amä(s. 231) entgangen,
dafs das sanskrit den pronominalstamm ama nicht nur in
diesen adverbien sondern auch als selbständiges pronomen
in der mehrfach vorkommenden formel „amö ^hä sä tvä
der (bin) ich, die (bist) dn^ besitzt, vgl. petersb. wb. s. v.
Wenn Scherer ferner s. 231 auch den skr. pronominal-
stamm ana mit ama identificiert, der aber vom *ana jener,
wie es im litauischen u. s. w. auftritt, zu trennen sei, wenn
er sich auch in der Unmöglichkeit befinde für jetzt anzu-
geben, was zu dem einen und was zu dem andern gehöre,
so werden wir doch wohl thun, auch noch ferner beide
auseinander zu halten, zumal das sanskrit mit ana immer
das hier im gegensatz zum dort bezeichnet: ijä diese
(die erde), asau jener (der himmel, die sonne).
Was in bezug auf das I als pluralzeichen mehrerer
casus von asäu auf s. 232 gesagt wird, ist für den, wel-
cher s. 263 noch nicht gelesen hat, vollständig unverständ-
lich. Wir kommen darauf bei der besprechung von Sche-
rers acht pluralformen zurück.
anzeige. 345
Auf 8. 233 ff. wendet sich der verf. nun zur betraoh-
tUDg des selbständigen pronomens der 1. person, in dessen
a (a-hä) er natQrlich auch hier den positiv a erkennt;
dasselbe a auch im pluralstamm asma anzunehmen, wie
das Petersburger Wörterbuch thut, scheint ihm nur vom
speciell sanskritischen Standpunkt aus möglich. Da näm-
lich das germanische in un-sis, un-s noch ein n zeigt, so
setzt er amsma, ansma (eigentlich amasma, anasma, also
der superlativstamm von a+sma) als grundform an. Grade
Ober die hauptfrage aber, wie er sich den Ursprung von
UQsis, uns aus ansma denke, findet sich hier so wenig wie
später (ausgenommen einmal eine leise andeutung aufs. 249,
wo neben ansma in parenthese „ansva?^ gesetzt wird und
noch einmal s. 265) irgend eine erklärung*). Sollte seine
annähme flberzeugend sein, so waren doch die lautverhält-
nisse der verglichenen stamme nicht mit so vollständigem
stillschweigen zu übergehen und die griechischen äfifAsg
und rijÄslg, das z. ahma- waren denn doch auch noch in
die Untersuchung hineinzuziehen. Es mufste erklärt wer-
den, warum unsis, uns das aus m entstandene v aufgaben,
izvis es dagegen bewahrte. — Die wahrscheinlichste er-
klärung des unsis, uns bleibt immer noch die von Bugge
zeitschr. IV, 247 f. gegebene, wo das n als ein nasaler ein-
Schub erklärt wird. Das päli zeigt in der 3. plur. aor.
Isu statt des skr. iäus, in der declination -amha neben
-asma beliebig wechselnd; vielleicht ging dem -amha ein
-amsa voran, das dann auch unser unsa erklären würde.
Auf s. 234 wird auch das s. 228 unbeachtet gebliebene
personalkennzeichen i der betrachtung unterzogen, ohne
dafs eine Verweisung auf jene stelle geboten würde. „Ge-
rechtfertigt wird es, sagt Seh., durch die art und weise,
wie auch in der 3. person der pronominalstamm i dem
stamm a zur seitc steht^. Das wäre ein genügender be-
weis dafür, dafs das i jemals pronomen der ersten person
gewesen sei? Eine einfache vergleichung wirklich histori-
scher Vorgänge auf sprachlichem gebiet ergibt wohl eine
*) Ueber das verbttltnÜB von sma zu sva wird s. 269 gehaadelt.
346 Kuhn
natQrlicbere erklärung. Die eodimg 6 der 1. 8g. pf. ätm.
wird im päli za i (vg]. die formen bei Weber in d. zeitschr.
d. d. morgenl. gesellscb. XIX, 657), ebenso wird auch das
i des imperf. und aorist ätm. schon im sanskrit aus vor-
angegangenem ä entstanden sein. Das ist freilich verstQm-
melungstheorie, aber wir werden ihr sowohl hier als noch
mehrfach im folgenden ihr gutes recht wahren mQssen;
die ideale weit, in, welcher die identität des ich und nicht-
ich sich vollzieht, erleidet natQrlich auch dadurch ab*
brach.
Die erklärung des prftsentischen i scheint den verf.
in bezug auf das imperativische dhi der zweiten person
etwas in Verlegenheit gesetzt zu haben^ allein er fafst sich
bald s. 237 und sucht in dhi nur das resultat eines neben
tva stehenden Stammes tvi, wie dvi neben dva, die pron.
Stämme ki, di neben ka, da, die partikel hi neben ha ste-
hen, wie auch in der ersten person i und a nebeneinander
gefunden seien.
Dafs das letztere richtig sei, haben wir eben bestrit-
ten, ob die übrigen analoga nicht vielleicht anders zu er-
klären seien als durch ursprünglichen doppelstamm, bleibt
doch fraglich, dvi z. b«, das als erstes glied in compositis
auftritt, verhält sich zu dva, wie der vokal der reduplica-
tionssilbe in gigämi, tiäthämi zum vokal der Wurzelsilbe.
Ferner sind doch die partikeln hi und ha nicht etwa iden-
tisch, so dafs die vokaldififerenz, vorausgesetzt sie seien
reine wurzeln, in der begri£Plichen ihren grund hätte, also
f&r unsern fall gar nicht pafste.
An dies glücklich gefundene tvi „knüpfen sich noch
weitere beobachtungen^ s. 237.
„Wir finden dha resp. tva wieder in der i . plur. med.
skr. praes. perf. mähe (zend. maidhe), imper. mahäi, was
auf secundäres maha schliefsen läfst, welches das griech.
fiB&a in der that darbietet. Als urform müssen wir matva
aufstellen. Daneben läfst das skr. secundaire mahi auf al-
tes matvi schliefsen mit dem i-stamm der zweiten person.
Das wir ist als ich und du gefafst und durch ein
dvandva- compositum gegeben, wie sie in den zahlwör-
aDseig«. 347
tern, z. b. quattuor-decim, fidvör-taihun aus uralter zeit
vorliegen.*
Also mabe, maidbe, mahäi steben ftlr ursprOnglicbes
madbe, mabi flQr madbi. Das 6 des praes. ist nacb der
daröber aufgestellten erklärung Scherers ganz in der Ord-
nung, da madba + i madbe ergab; aber wie kommt es
denn in den imperativ, von dem der Verfasser eben noch
gesagt hat, dafs in ihm an das präsentisebe i nicht ge-
dacht werden könne. Und das secundaire maha soll wirk-
lieb durch griech. fjie&a sieb darbieten? Soll griechisch
auslautendes a etwa der regelrechte Vertreter von sanskrit
auslautendem a sein, so hätte Scherer das erst beweisen
mflssen.
Aber die form tvi fQbrt noch zu weit grofsartigeren
entdecknngen. Scherer sagt nämlich weiter s. 237: „Ging
das verständnifs fQr den eigentlichen sinn von matvi ver-
loren, so konnte sie leicht als mat-vi aufgefafst und mat
fbr einen ganz Qberflflssigen ablat. sing, gebalten wer-
den, so dafs vi sich als stamm des plurals ergab, den wir
im skr. vaj-äm, germ. *vaj-as (goth. veis) in der that vor-
finden*.
Nun in der that ohne die alte verstümmelungstbeorie
kommt der verf. bei seinen erklärungen aus, aber nur in-
dem er eine neue noch viel gewaltsamere an ihre stelle
setzt. Er beruft sieb freilieb ftkr seine ansiebt auf eine
ähnliche Verstümmelung des anlauts, die im pronominal-
stamm khäma der gätbäs gegen jüäma vorliege, aber die
verstflmmlung durch fortfall der silbe jü ist ja erst seine
erklärung, f&r die er erst ein hypothetisches jugb oder jug
ansetzen mufs, während alle anderen forscher bei erklä-
rung dieser schwierigen form ein anderes verfahren einge-
schlagen haben. Jedenfalls sind die seltenen formen des
gätbädialekts, zumal bei dem zweifelhaften zustande des
textes und seiner erklärung, nicht sebr geeignet um an
sich gewaltsame combinationen zu atOtzen. Als probe, wie
bedenklich es noch mit der erklärung dieser zendform
überhaupt aussieht, wollen wir nur bemerken, dafs Hang
ihr firüber die bedeutung y,jou^ gab, später aber ange-
348 Kuhn
nommen hat, dafs sie „that, such^ pluralisch bedeute,
welches aus Y. 46, 10 deutlich hervorgehe (Essays p. 107).
Auf s. 218 hatte der verf., uachdem er die formen
dvekSi und dvikS^ beide aus dvik tva durch differenzirung
aus verschiedenem accent erklärt, weiter gesagt: „Diese
bemerkungen gelten für das ganze passiv [= medium
8. 217]. Die personal bezeichnuDg war dieselbe wie im
activum, nur der ton ein anderer". Nun war aber bereits
6. 1 93, wie wir gesehen haben, als endung der I . plur. act.
mansi angesetzt und danach hätten wir dieselbe endung
auch im medio-passivum erwarten sollen; wir haben be-
reits oben gesehen (zu s. 237), dafs flir dies eine andere
endung angesetzt wurde. So führt der verf. seinen leser
stets in die irre, während er doch mit leichter mühe gleich
hätte auf die ausnähme hinweisen können. Doch hören
wir den verf. Qber die form mansi! Sie soll aus dem ge-
nitiv mama, z. mana mit dem pluralen s gebildet sein; so
entstand mamas, manas, mit verlust des a mans. Die for-
men mama und tatva, titvi (die letzteren werden der 2. pl.
medii zu gründe gelegt s. 237) sind durch reduplication
entstanden. „Es sind genitivformen, heifst es s. 239, de-
ren Zusammenhang mit dem plural sich später aufklären
wird." Wichtig wäre doch bei der begründung einer von
der bisherigen so abweichenden erklärung gewesen, schon
hier darzulegen , wie die formen des gen. sing, zu pinra-
lischen werden; allein wir werden auf die zukunft verwie-
sen. Da erfahren wir denn, vorausgesetzt dafs ich die
richtige stelle gefunden habe, auf s. 260, dafs Scherer acht
verschiedene arten des pluralausdrucks kennt, welche der
arischen Ursprache zugeschrieben werden müssen und: „der
plural wird erstens durch reduplication bezeichnet in
*mama (aus mansi gefolgert, oben s. 239) und tatva (s. 237).
Ueber reduplication als ausdruck der mehrzahl Pott etym.
forsch, n, 67. Doppelung s. 176 — 205. 275. 299f. 302.
Dafs der plural matva „wir^ nicht unter den pluralbildan-
gen aufgeführt werden kann, versteht sich nach dem dar-
über bemerkten von selbst". Dazu vergl. man noch 8.267.
Also der zusammenbang der genitivform mama mit
anzeige. 349
dem plural sollte sich doch später aufklären, und wie ge-
schiebt das? Dadurch dafs wir wieder auf die hypothese
von s. 239 zurückverwiesen werden. Die Verweisungen auf
Pott waren doch hier wohl überflussig, denn dafs in meh-
reren sprachen pluralbildnng durch reduplication entsteht,
ist doch eine allzubekannte thatsache. Hier war doch
nachzuweisen, wie dies genitivische mama in den plural
gekommen ist und warum sich die spräche nicht mit der
reduplication zum pluralausdruck begnügt, sondern noch
ausdrücklich einen plural auf s, wie sich Scherer ausdrückt,
daraus gemacht hat. Einen nom. pl. auf s, der doch sonst
nicht erscheint, denn das s. 239 verglichene z. jus vom
stamme ju zeigt ja noch längung des vocals vor dem s,
also nach Scherers auffassung symbolische pluralität durch
Verlängerung -H s (vgl- s. 260).
Aber wir wollen einmal zugeben, dafs mansi, maus,
die ursprünglich dem mas^ mus, usg^ ^£i/, mes, m vorherge-
gangene endung gewesen sei. Wie wird es wahrscheinlich,
dafs das n in masi, mas, ma im skr. spurlos verschwunden
sein soll? Dem sanskrit ist ja eine Verbindung von anu-
svära mit s eine ganz geläufige, wie zahlreiche formen zei-
gen, häsi (aus hau + si), häsa, äsa, däsu, amäsi (a-man-si),
ja amästa, amästhäs u. s. w. Nur auf die nomina auf an
könnte sich Scherer berufen, welche im loc. plur. das n
vor 8 ausstofsen, wie rS^asn, nämasu, allein das kann er
auch nicht einmal, da er fQr diesen fall gar keinen an-
-stamm annimmt (vergl. s. 317 und 428), sondern einen
a^stamm. Aber mansi soll ja gar nicht die ursprüngliche
endung sein, da das i erst später antrat; die ältere en-
dung soll ja maus sein, aus dem doch nach indischem aus-
lautgesetz man und nicht mas werden mufste, wie äsan
f&r äsans (äsans tatra) u. s. w. beweisen. Also nur man
oder mus (wie in der 3. pl. potent, us aus ans) hätten aus
maus hervorgehen können.
Woraus ebendaselbst gefolgert wird, dafs das griech.
f4.Bv, fjieg secundairsuffixe seien, welche das t nie besafsen,
ist mir nicht ersichtlich. Ebenso wenig, warum im altir.
ammin (für ammin nach Schleicher comp. s. 668), dessen
350 KuhD
n am folgenden wort erscheint, sich noch eine spur der
alten endung mans oder mansi erhalten zu haben scheine.
Abgesehen davon, dafs die eine form schwerlich viel be-
weisen wftrde, wird sie auch von Schleicher ganz anders
erklärt; indefs ist mir auch diese erklärung wegen des
ephelkystischen n bedenklich. Sollte sich die form nicht
einfach aus dem angehängten pronomen ni (nos) erklären,
dessen auslautender vokal schwand? Die gebräuchliche
form ist ja ammi, Zeuss 476.
Auf s. 241 schreitet Scherer zur aufstellung der ari-
schen grundformen des selbständigen pronomens, wie er
sie erschlossen hat; wir können hier nicht in der ganzen
ausdehnung darauf eingehen und beschränken uns auf ei-
nige kurze bemerkungen.
Ob das 8. 242 mit ^; (J, egö unmittelbar zusammenge-
stellte ahd. ihha desselben Ursprungs sei, ist mir zweifel-
haft, da es Graff Diut. I, 146 durch aegomet glossirt
wird. Auch Grimm hat sich schon aus demselben gtiinde
gegen die von Scherer ohne neue gründe aufgestellte an-
sieht erklärt (gramm. III, 12).
Als grundformen des accus, sing, werden s. 242 ma,
m4m, tva, tvam angesetzt. Dafs skr. mäm in den veden
ein paarmal ma-am gelesen werden mQsse (beitr. IV, 182)
ist dem verf. wohl entgangen, dadurch würde wenigstens
ma neben kf^e eine stütze gewinnen. Dafs diese formen
auch durch das lateinische vorausgesetzt werden, läfst sich
von Scherer's Standpunkt aus, der zwei Stammformen tva
und tvi annimmt, doch wohl nicht behaupten, umbr. tiom,
siom, lat. me, ta würden doch nach ihm auf die stamme
mi, tvi zurückgehn.
S. 243 wird zum ablativ, der im paradigma mat
nach dem ostarischen angesetzt ist, bemerkt: „Doch halte
ich auch mamat fQr keine neubildung^. Sollte man nicht
meinen ein skr. abl. mamat wäre eine so allbekannte that-
sache, dafs er, offenbar wegen seiner weitreichenden Ver-
wandtschaft in den übrigen sprachen gleiches Stammes,
nicht als eine neubildung angesehen werden dürfe? Diese
form mamat nun kommt f&nfmal in dem zwiege^spräch
anzeige. 351
R. IV, 18)8. 9 vor, wo sie von Säjana durch pramädjat,
pramatta, im petersb. wtb. durch modo-modo erklärt wird.
Wie Benfey, der sie vollst, skr.- gramm. 8.332 für einen
ablativ genommen, diese form aus dem Zusammenhang der
stelle erklären mag, ist mir nicht klar. Jedenfalls ist sie
als abl. 1. pers. ganz und gar zweifelhaft und das petersb.
wtb. hätte schon darüber anskunft geben können. Aber
sie pafste so schön zu mancher hjpothese Scherers, dafs
er noch ein paarmal z. b. s. 267. 274 darauf zurückkommt,
um sie als stütze anderer beobachtungen zu gebrauchen.
S. 243 wird bei besprechung der formen des nom. pl.
1. pers. gesagt, dafs die altpr. mes^ lit. m6s (aus mks ge-
dehnt), ksl. my durch abfall des anlauts (as*, urspr. ans-),
der durch den auf der endung liegenden ton herbeigeführt
sei, zu erklären seien, was mir wenig wahrscheinlich er-
scheint, wenn man lit. esmi, altsl. lecuik vergleicht, wo, we-
nigstens im litauischen, der ton auf der endung ruht und
trotzdem der anlaut bewahrt ist; man würde, wenn diese
formen aus ansma, asma entstanden sein sollten, minde-
stens die bewahrung des anlautenden s, wie bei skr. l.pl.
smas, zu erwarten haben; vgl. neuslov. smo, bulg. smi. Man
wird mit Bugge (zeitschr. IV, 245 f.) in diesem falle an-
bildung an den singularstamm anzunehmen haben.
Ebend. werden ansmä, juämä als ursprüngliche instr.
plar. angesetzt, denn in asmäbhis, juämäbhis sei das bhis
„offenbar pleonastisch ^ angetreten, „wie mi im lit. instr.
sing, tä-mi, denn auf andere weise wäre das ä hier nicht
za rechtfertigen'^. Verlängerung von vokalen in offener
silbe im inlaut ist aber auch in anderen fallen nachweis-
bar, so in havlman, bharlman, saviman neben haviman
u. s. w., so in den intensiven ganigam neben ganigam,
Karlkr neben Karikr, narnrt, narinrt, narinrt, Kanlkas, pa-
nipat u. s. w.
S. 250 möchte Seh. beim nom. pl. I mundartlich mir,
II altn. ther zunächst an das dem verbum in fragender
Stellung nachfolgende pronomen denken: kallidh ther fär
kallidh er, bringem mer für bringen wir. Er vergleicht
indefs den anlaut von päli majam (neben amhg) „wir^ und
352 Kuhn
tamhe »ibr^, welche Übertragung vermutben lassen. —
Scbon oben (s. 339) ist von dem früh auftretenden nord.
mer die rede gewesen. Beide auffassungen verbindet Aasen
(norsk. gramm. s. 179): Formerne me og de synes frem-
koQine ved en tillempning efter. eentallet, hvor man alle*
rede havde et paar former med m i förste og d i anden
person; desuden künde de ogsaa bestyrkes ved den til-
svarende endeise i verberne, f. ex. er um ver (s. ere vi) og
erudh ^r (ere I). Der umstand (s. oben), dafs frühzei-
tig auch das duale mit neben vit erscheint, läfst den von
Aasen vorangestellten grund als den richtigen erscheinen.
Auf s. 260 ff. entwickelt Scherer seine kenntnifs von
acht verschiedenen arten des pluralausdrucks , welche der
arischen Ursprache zugeschrieben werden müssen. Dabei
sei zunächst erinnert, dafs in den meisten der acht Wie
nicht vom plural im ganzen, sondern vom nom. resp. auch
acc. plur. gesprochen wird, mithin doch nur pluralzeichen
dieser casus und nicht pluralausdruck im allgemeinen ge-
handelt wird.
Als erste bezeichnung des plurals gilt die reduplica-
tion, wie sie angeblich in mama (aus mansi gefolgert) auf-
treten soll. Diese annähme ist, denke ich, genügend im
obigen beleuchtet.
Als zweite wird die symbolische bezeichnung durch
vokal Verstärkung des ableitungssufSxes genannt, wie sie
sich in den zendischen neutris auf anh (d. i. as), an, man,
deren nom. acc. plur. auf äo (äs), an (an), man (man):
man-äo, däm-än, dun-män findet, aufgeführt. Die frage ist
hier nur die, ob das verstümmelte oder ursprüngliche for-
men seien; bisher hat man aus vergleichung mit dem sans-
krit gründe für die bejahung der ersten alternative herge-
nommen*) und Scherer stellt eine bloise behauptung ohne
solche auf.
Die dritte formation geschieht mittels eines beigef&g-
*) z. b. Hang p. 94: anh. The nom. and acc. plur. is So, a con-
traction of a fuUer form. p. 96: an, man. The nom. and acc. plur. is
either equal to the sing, or i is added to an; now and then an alone re-
mains e. g. dSmSn.
anzeige. 353
ten sma in a-sma, ju-sma. Hier haben wir also wirklich
ein dem ganzen plural durchziehendes sufSx, welches plu-
ralität bezeichnen könnte, denn die casuszeichen treten ja
dahinter an, wenn nicht wieder an diesen mehrfach ein
doch wohl ebenfalls wieder nach Scherer (s. o. maiis) den
plural bezeichnendes s erschiene. Und nun erscheint dies
sma in der pronominal - declination auch im singular, so
dafs es doch jedenfalls eine andere bedeutung als plurali-
sche gehabt zu haben scheint. Das naheliegende sama,
sima, ahd. sama, engl, same scheinen doch eher auf die
bedeutung von selb zu führen, so dals es wie myself,
thyself, himself u. s. w. unser derselbe gebildet wäre. Wir
kommen mit Scherer weiter unten auf dies sma zurück.
„Viertens ist a pluralzeichen. Im neutrum allgemein,
wie bekannt^. Aber es soll auch im nom. acc. plur., wie
das zend evident lehre, stattfinden, wo „vac-a, ptar-a,
vastär-a, bhrftthr-a, arshan-a, hävanta^ beispiele consonan-
tischer stamme seien. Sollen denn das die ursprünglichen
formen sein? Neben vada steht ja vaöo, neben dastSra
stehen dätSro, nipätfira^ka Spiegel gr. 144. 163. Scherer
sagt: „dafs nicht etwa s abgefallen, zeigen ptaorSr-Ka,
maäja-ka^. Ist denn das ka so eng mit den formen von
anfang verbunden gewesen, oder kann es nicht auch noch,
nachdem eine Verstümmelung eingetreten war, angetreten
sein? und gibt uns denn der zustand der zendtexte irgend
eine gewähr, dafs wir es mit einem einheitlichen sprach-
typus ^iner zeit zu thun haben?
Dies pluralische a soll auch noch in mehreren anderen
formen erhalten sein, auf die wir nicht weiter eingehen,
da wir den thatbestaud im zend, wie oben gesagt wurde,
anders erklären.
Hervorzuheben ist nur, dafs auch die skr. personal-
endung a der 2. plur. perf. dabei herangezogen wird. Das
a „ist Stammauslaut und das personalpronomen hat sich
damit nicht zur worteinheit verbunden, sondern ging ver-
loren *.
Was meint der verf. hier mit stammauslaut? Es soll
wohl heifsen pluralkennzeichen? Soll denn das a von ye-
Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVIII. 6. 23
354 Knhn
yovn-^rs, das das ganze perfect, singiilar und plural (mit
ausnähme 'der 3. sing.) durchzieht, einen anderen Ursprung
haben, als das von tutuda und wie denkt sich der verF.
das yerhältnifs z. b. bei dadhä, ist davor der wurzelvokal
abgefallen?
„Endlich, sagt der verf., gehören hierher die personal-
endungen ma, tha, ta des plurals: wenn wir die Urformen
ansetzen ma und tva. Sie unterscheiden sich in nichts
von der reinen Stammform resp. von den snfBxen des Sin-
gulars. In der actuellen spräche, des sanskrit z. b., findet
thatsächlich keine lautgleichheit statt: neben dem plur. tha
des praesens steht sing, si , neben dem plur. ta des imper-
fects sing. s. Aber wenn die vorliegende pluralbildung ein-
geftkhrt wurde als noch unverletzt und unverändert im sing,
ma und tva bestanden, was für ein mittel stand der spräche
zu geböte, um plural vom singular zu unterscheiden? Kein
anderes als der accent. Und dafs er thatsftchlich so, also
wieder differenzirend (vgl. s. 218) verwendet wurde, dOr-
fen wir dem skr. ton der zweiten hauptconjugation und
des perfects wohl glauben, der uns im ersten aufsatze die-
ses buches so wichtige dienste zur aufklärung des germa«
nischen ablautes leistete.^
Also ma und tva waren die ursprünglichen endungen
des Singulars und des plurals und nur durch den accent
als diese oder jene characterisirt. Worin bestand denn
nun die einf&hrung der „vorliegenden pluralbildung^, wo
zeigt sich denn ein neues a hinter ma und tva des plu-
rals? Ich verstehe den Verfasser wirklich nicht. Denn
wenn der verf. s. 219 den Vorgang im sing, so dargestellt
hat, dafs nach seiner ansieht das im singular unbetonte a
der endung schwand und erst, nachdem es geschwunden,
das locale i antrat und wenn man nun auch annehmen
wollte, dafs der erste Vorgang, das schwinden des a der
pronominalwurzel , hier eingetreten sein soll, so ist diese
annähme ja durch des verf.^8 satz vom schwinden des a
nur in unbetonten silben unmöglich gemacht^ da wir
es hier mit einer betonten silbe zu thun haben. Die au-
sätze Scherer's lauteten ja 2. sg. act. dvik tva, 2. sg. pass.
anzeige. ' 355
dvik tvi, folglich mufs, wenn auch die 2. plur. act. dem
Singular gegenüber durch den accent difTerenzirt werden
soll, diese wieder dvik tva lauten, und dies betonte a kann
nicht verschwinden: als daher die angeblich „vorliegende
pluralbildung^ eingeführt wurde, konnte diese form ntir
dvik-tvä-a d. i. dik-tvä lauten. Folglich mufste die endung
tbä und tä lauten, wovon bei Scherer nichts zu finden ist.
In den veden kommen nun dergleichen formen mit ä wirklich
vor, was aber gar nichts fdr Scherers annähme beweist,
namentlich so lange nicht, als die noch daneben stehenden
vedischen formen auf na: tana, thana (sthana, jathana,
sjätana, pipartana, dadhatana, aitana), die Scherer gar nicht
zu kennen scheint, sowie vor allen das lateinische tis
unerklärt bleiben.
Bemerkung verdient übrigens doch auch noch, dafs
jeder, der Scherers entwicklungen Über mansi gelesen, glatH
ben mufste, er halte mansi für die primäre endung, man«
dagegen für die secundaire, denn s. 239 hatte er ja aus*
drücklich gesagt: „Ja wir dürfen nun bestimmter griech.
fi€i/, fzeg als secundairsufßxe ansehen, welche das i am
Schlüsse nie besafsen ^. Man wird daher einigermafsen
überrascht sein hier abermals ein neues snfBx der 1 . plur.^
und zwar doch wohl ein secundairsuffix angesetzt zu fin-
den. Gegen die ansetzung desselben gilt übrigens derselbe
grund, der gegen tha, ta als mit pluralem a gebildet vor*
gebracht wurde.
Es wird gut sein, die ansätze des Verfassers für die
urzeit einmal durch ein beispiel klar zu machen, da er
dies, wie wir schon gesagt haben, nicht zum nutzen seiner
beweisi&hrung, fast durchgehends unterläfst. Da würde
also z. b. von wz. dft geben 1. sg. act. lauten: d&-ma ge^
ben -f- ich (s. 217 f.) oder geben + mein (s. 259) = ich
gebe, 1. sg. pass. dä-m& geben + ich, geben + mein aae ich
werde gegeben, 1. sg. praet. act. dd-ma oder ä-dä-ma (über
die unwesentlichkeit des augments s. 231) (da) -h geben -+-
ich =c ich gab s. 219, 1. pl. praet. act. dä-mä geben -i- ich
SB wir gaben s. 262. Nimmt man ftlr unsern fall noch
die drei gleichlautenden formen des nom. acc. voc. sing.
23*
a56 Kulm
von diman das geben, Dämlich dÄma und die vedischen
drei gleichlautenden des plural.: dima sowie die sechs
ebenso lautenden von ddman das band, die fessel hinzu,
so hat man ein stattliches contingent von ddma oder dfima,
mit dem es den Urariern schwer geworden sein nmfs sich
verständlich zu machen.
Die fünfte pluralbildung zeigt X oder i. Scherer sagt:
„Die länge ergibt sich, wie Friedrich Müller sitznngsben
35, 60 hervorhebt, aus den skr. pronominalformen ami,
amiföm, amXbhjas, amibhis, amiäu (immer der ton auf
dem l)^. Hier wie bei der dritten bildung wäre doch die
bemerkung am orte gewesen, dafs die pluralbildung in die-
sen ftUen nicht erst hinter der casusendung sondern am
stamme vor derselben auftrete. Ferner, warum soll das i
von ami u. s. w. berechtigen I als pluralzeichen anzusetzen,
ist es denn so unumstöfslich, dafs wir es mit einem plu-
ralzeichen, nicht mit einer blofsen Stammvariation zu thun
haben? Warum hat denn das masc. im acc. plur. amün,
neutr. nom. acc. amüni und das ganze femininum im plur.
amü, wie masc. fem. und neutr. im sing, ebenfalls den
stamm mit u zeigen? Wäre es da nicht consequent gewe-
sen, wenigstens auch eine durch vokalverlängerung (no. 2)
entstandene pluralbildung mit ü anzusetzen? Nimmt man
das oben (s. 344) besprochene ama hinzu, so erhält man
die nebeneinander stehenden pronominalstämme ama, ami,
amu, denen Benfey vollst, skr.-gramm. s. 334 anm. 4 ka,
ki, ku, auch a, i, u (?) verglichen hat. Jedenfalls sehe
ich danach keine berechtigung grade allein das I heraus-
zugreifen.
Was im übrigen das i als pluralzeichen betrifft, so
soll es natürlich nicht geläugnet werden; ob es in allen
den fUlen, die Scherer ansetzt, anzunehmen sei, ist eine
weitere frage, deren erledigung uns hier zu weit fähren
würde. Wir bemerken nur, dafs wenn Scherer sagt: „das
allgemeine skr. i des nom. acc. voc. plur. neutri pflegt man
als Schwächung von a aufzufassen. Schwerlich richtig.
Denn wenn skr. dhämäni, vartmäni neben zend. dämän,
dunmän stehen, so mufs doch wohl i einer pluralbildung
•DMife. 357
Dach der zweiten art blos hioasageaetst seiD u.8. w«^, so
sieht man das zwingende doch nicht ein, da neben skr.
dhamäoi ja noch formen wie dhfimä, dhfima stehen, zend,
dämän also die mittelstufe zwischen dhämäni und dhftmli
sein kann, gerade wie wir im conjunctiv vokäni, voKam
und Yoitä nebeneinander haben, yergl. s. 326. Grade da(s
das zend. auch näm^ni und ndmenl zeigt, könnte doch
wahrscheinlich machen, dafs auch dort die symbolische
bildung mittels vocalverstftrkung nur die zweite stufe einer
einst volleren bildung war« Dazu kommt, dafs es sich
mit i- und u- stammen im sanskrit Ähnlich verhält, indem
sie neben purOni, bhanni noch purQ, bhün (?), puru,
bhüri aufweisen. Aber das ganz vereinzelte nftmöni im
zend läfst kaum Oberhaupt einen schlufs auf die pluralbil*-
düng der neutra zu,, da daneben noch einige male nämä-
nls vorkommt, was eine bildung wie von einem masc. oder
fem. i-stamme zu sein scheint, da diese im nom. acc. plur.
mehrmals mit der enduug Is auftreten. Dieser ansieht nei-
gen sich wenigstens Spiegel und Justi zu; der erstere
sagt s. 153: «Unregelmärsig scheinen die formen n&m^ni
(Yt. IV, 2) und nam^nls (Yt. I, U. 16. 19); es scheint ein
erweitertes thema auf i gebildet zu sein^. Der letztere:
§.511. „Wörter der 8. decl. gehen über .... in die zweite
naman (n&meni?)'^. Wenn daher Scberer fortfiihrt: ,,Und
eine weitere nebenform desselben 'dialekta näm^nls belehrt
uns Qber die natur dieses i : wir finden Is selbstst&ndig ab
acc. plur. masc. vom pronominalstamm i, hier neutral wie
auch sonst neutrale nom. acc. plur. auf as im plural be*
gegnen'', so wird er doch wohl zugeben, dafs auf eine so
einzeln stehende form eines einzelnen wertes, über dereo
Ursprung wir durchaus nicht in entschiedener klarheit sind,
die entstehung der ganzen kategorie der neutralen nonu
und acc. plur. auf ani , ini u. s. w. im sanskrit nicht auf-
gebaut werden könne, zumal ja die endung is als die ur-*
sprüngliche angesetzt wird und die Verbindung von mas-
culinen und femininen formen der pronomina mit neutris
offenbar nur eine syntactische eigenthümlichkeit des zend
ist, von der Spiegel s. 262 f. einige beispiele gibt* Es ist
858 Kohn
der umgekehrte fall von dem uns gelftufigen, dafs wir das
nentrum setzen, wenn anch masculina und feminina folgen,
wie: das sind meine freunde, das ist eine pracht u. s. w.,
worQber Grimm gr. IV, 275 ff. ausftkhrlich gesprochen hat.
Dagegen das zend. täo^fiia imäo näm^nis dies (sind) meine
namen Yt. I, 16. täo^ka mS näma zbaja^a bei diesen na-
men rufe mich an Yt. XV, 48; wo täo, täo^ka das wenig«
stens im letzteren falle mit dem neutrum verbundene pron.
fem. im plural ist. Im ersteren falle darf man, wie oben
▼ermuthet wurde, gradezu Übereinstimmung von uomen
und pronomen auch im verbum annehmen. Die erschei-
nung bedarf jedenfalls erst viel eingehenderer Untersuchung,
ehe man kurzweg aus einem angeblich neutral gewordenen
18 die endnng i der neutra ableitet.
Die sechste bildung (s. 265) ist nom. voc. plur. skr.
ftsas, zend. äoöhö, altp. ftha. Es soll eine combination der
dritten und vierten bildungsweise sein (sma und a) und
zwar indem smas = dem smas des nom.4>lur. der perso-
nalpronomina (ansmas, jusmas) sei. Daraus entstand svas
und wie sva „du^ zu sa, so wurde svas zu sas. Hier
wird also wenigstens eine erklärung über den Ursprung
des Schwindens von v im germ. plural des pron. 1. pers.
sowie desjenigen der endung &sas gegeben. Aber sie ist
eben nur eine vermuthung, die keine weitere Unterstützung
durch die sprachen findet. Erstens liegen die falle sich
doch nicht ganz gleich, denn nicht sva wurde zu sa son*
dem tva, ob durch sva hindurch ist ja von dem Stand-
punkt des verf.'s selbst aus zweifelhaft, da er auch die er-
kl&rung von skr. sva, 2. sing. imp. med. aus dem reflexiv
f&r möglich hftlt (vgl. s. 223. 236). Er sagt zwar s. 223,
dafs tva durch sva hindurch zu sa gelangt sein müsse,
aber der Übergang von tva in tha liefse doch auch den
von tha in sa als möglich erscheinen, wenn sva bei der
erklärung wegfallen sollte. Zweitens ist die lautverbin-
düng sm im sanskrit sowohl im anlaut als im inlaut eine
ganz geläufige und nur im fem. der pronomina, wo die
consonantenhäufung smj eintreten würde, ist von den bei-
den letzteren consonanten das m ausgestofsen und nichi
anzeige. 369
das j , wohl weil dies eben der das fem. cbarakterisirende
coDSonant war, denn sonst wären masc. neutr. und fem. in
gemeinsamem tasmäi zusammenge&llen. Ebenso ist nicht
recht wahrscheinlich, dafs m oder das au seine stelle ge*
tretene ▼ von ^unsmis, ^unsvis neben dem beibehaltenen ▼
von izvis ausgestofsen sein sollte, denn wollte man dies
auf grund etwa der consonantenh&ufung thun, so wird das
sehr unwahrscheinlich, da das gothische ja doch andere
consonantenhäufungen ähnlicher art wie taibsvs, rohsns,
haifsts svumfsl ohne widerstreben erträgt. Scherers neue
erklärung scheint mir nur ein neuer milsglQckter versuch,
die räthselhafte form zu erklären; „die ursprünglichen for-
men der personlichen pronomina sind wohl kaum zu er-
schliefsen '^y sagt Schleicher comp. §. 266 s. 650 und der
vorliegende versuch erscheint mir wenigstens als ein neuer
belag dazu.
Schliefslich bemerke ich Qber die fassung des schlufs-
Satzes von no. 7 bei Scherer, dafs sie wohl kaum recht
verständlich sein möchte; sie lautet: „Dies smas folgte
meiner ansieht nach selbständig dem werte, dessen mehr-
heit es bezeichnete, als die neue formation aufkam: ä setzt
sich dazwischen, wirkt als bindemittel, Verschmelzung fin-
det statt im nominativ, während sma in anderen casps
verloren geht^.
Was heifst „die neue formation mit ä^? unter no. 4
ist doch nur vom pluralzeichen a die rede gewesen, also
sollen wir hier doch in dem ä die Verbindung des stamm-
haflen und pluralen a erkennen, und nun: „ä setzt sich
dazwischen^ zwischen pivä z. b. und smas? Also pivä +
ä + smas? Das hat Seh. doch wohl nicht gemeint, er sagt
es aber mit deutlichen werten.
Zur Sache endlich ist die fast an zanber gränzende
auffassung vom verschwinden des sma („während sma
in allen anderen easus verloren geht^ sagt Seh.)
aus allen übrigen casus des pluralis doch jedenfalls zu cha-*
rakteristisch für des Verfassers ganz willkflhrliche auffas.
sung grammatischer formen, als dai's sie mit stillschweigen
übergangen werden könnte.
360 Kuhn
^Siebentens: fts^. Dafs hier das näo des gfithädia*
lekts ftkr nö grade auf nSs d. i. na + as zurfickgehen soll,
dfirfte doch nicht so obenhin zu behaupten sein, ohne dea
Ursprung des äo im allgemeinen etwas genauer untersucht
zu haben als bisher geschehen ist. Schon lat. nös neben
acc. plur. öS dtt* zweiten könnte ja auf ursprüngliches
nans, etwa für maus (vgl. äni f&r ämi) führen, zumal da
näo auf den accusativ beschränkt ist. Wenn ferner ange-
nommen wird, dafs selbst das neutrum auf a im zend die
pluralbildung mit as zeigen solle nnd zwar sowohl beim
nomen als beim pronomen, so ist schon oben zu no. 5
8. 357ff. darauf hingewiesen, dafs diese erscheinung zum theil
auf syntactischer eigenthfimlichkeit beruhe, andrerseits wird
das fio auch hier erst nocli näher untersucht werden mfis-
sen, ehe man seine identität mit äs schlechthin behaupten
kann. Die wenigen beispiele mit äop beruhen doch wohl
unzweifelhaft auf thematischen nebenformen von mascu-
linstämmen. WOrde Scherer wohl incesta vom masc. in-
cestus ableiten wollen, oder loca von locus?
„Achtens: Der plural bleibt unbezeichnet u. s.w.** Wir
kommen darauf unten ^l^ s. 319ff. zurück.
Es wird hier am schlufs der aufzählung von acht arten
des plnralausdrucks nicht überflüssig sein noch einmal zo
bemerken, dafs nur die dritte ein pluralzeichen aufweist,
welches wirklich den ganzen plural durchzieht, aber dafs
dadurch, dafs es anderwärts auch im Singular erscheint,
seine pluralnatur verdächtig wird. Aufserdem erscheinen
nur noch bei no. 3 und 4 die angenommenen pluralzeichen
hier und da in anderen casus als im nominativ und accu-
sativ. Der beweis, dafs wir es überall mit wirklichem
pluralausdruck zu thun haben ist also gar nicht erbracht.
Wenn Scherer daher s. 26? sagt: „ üeberblicken wir nun
sämmtliche arten des plnralausdrucks und vergleichen sie
knit den übrigen formen der dedination, so gewahren wir
bald, dafs sich fast alle acht irgendwo mit anderer beden-
tung wiederfinden. Wie ich jetzt im einzelnen zeigen will.^
so brauchte uns das um so weniger in erstaunen zu. setzen,
als f&r ihr erscheinen im plural nicht die pluralbedeatung
anzeige. 361
nacbgewiesen ist, die andere bedeutnng mit der sie im sin-
galar auftreten mithin vielleicht die ursprfingliche ist und
mit plaralität gar nichts zu thun hat.
Betrachten wir diese spukenden wiedergänger etwas ge-
nauer. Von dem angeblichen zusammenhange zwischen re-
duplication, pluralität und genitiv ist schon oben die rede
gewesen (s. 348).
^Die oben nur als möglich hingestellte Verstärkung
des Wurzel vokals gewähren die genitive tava und sava.^
heifst es weiter s. 267, d. h. also von wz. tu z. b. wOrde
mit dem unter no. 2 au%esteilten biidungsmittel der plural
tau lauten, also vom stamme tua regelrecht tava, von sua
ebenso sava. Indefs ist dem verf. selbst diese erklärung
nicht ohne bedenken, er verweist daher auf Aufrecht-Kirch-
hoff I, 56 anm. 3, die ja aber vom stamme tu und nicht
von tua wie Scberer ausgegangen waren und den guna aus
antritt des denselben erfordernden a erklärten.
Auch die erklärung der ostarischen locative auf äa
von u- Stämmen, wonach die vokalsteigerung casusbildend
sein soll, ist nicht zuzugeben, sor lern es ist vokalsteige-
rung des themas vor dem suffix, das auch hier ursprQng-
lich i gewesen sein wird, wie die vedischen locative viänavi,
sünavi, sänavi (daneben auch sänö) wahrscheinlich machen.
Erst nach abfall des i scheint als ersatzdehnung die weitere
Steigerung von ö zu äu eingetreten zu sein.
Die Verwendung von sma im sing, der pronominalde-
klination weifs Scherer s. 268 nicht anders zu begreifen
als wenn es selbst ursprünglich zum ausdruck des dativs,
ablativs und locativs diente. »Die drei casus haben die
Vorstellung des beisammen, der Vereinigung, der nachbar«
Schaft mit einander gemein: diese liegt zu gründe, ob ich
mich aus einer gemeinschaf); loslöse (ablativ), mich zu ihr
hinwende (dativ) oder in ihr verweile (locativ)".
Nun, die auf hebung der gemeinschaft (ablativ) so all^^^
gemein durch einen begriff des beisammen auszudrücken,
wäre doch jedenfalls etwas wunderbar, aber sie ist doch
nicht unerhört, wie das englische z. b. to part with one
sagt und das vulgaire deutsch mit ohne zur auf hebung
362 Kuhn
des zusammeDseins verwendet {z. b. kaffee mit ohne milch).
Aber viel auflalliger ist, dafs der eigentliche socialis, der
instrumentalis, grade dies sma nicht zeigt. Scherer fragt
daher mit recht, wie es komme, dafs er in dieser gruppe
fehle. Doch er sagt, er fehle wohl nur scheinbar.
„Man denke, fahrt er fort, an die skr. präp. smat (z.
mat, griech. fjLSzdy goth. mith) und das im stamm unver-
kürzte skr. säm (z. ham, preufs. sen, lit. sü), griech. ä/na^
ahd. samant. Ich zweifle nicht: alle vier genannten casus
wurden einst durch die postposition sma (sammt) ausge-
drückt: in jenen dreien schwächte sich die bedeutung, das
wort verlor seine Selbständigkeit und schmolz an das pro-
nomen, welchem es folgte; im sociativen sinne aber hielt
es sich lebendig, blieb freie präposition und nahm verschie-
dene ableitungssufBxe an.^
Da das gothische und griechische den socialen instru-
mental nicht kennen, so kommen hier nur sanskrit und
zend in betracht, die also den zweifei des Verfassers ge-
hoben haben müfsten durch die beobachtung, dafs der in-
strumental bei pronominibus oder pronominaladjectivis, denn
um diese handelt es sich ja hier nur, häufig mit einer prä-
position, die vom stamme sma oder sama herstammte, ver-
bunden sei. Davon findet sich aber bei ihm nichts. Die
hier in betracht kommenden präpositionen smat und sam
finden sich aber gar nicht so häufig als ,,freie^, dafs sich
daraus die erscheinung erklären liefse. Von smat habe
ich mir einige fälle verzeichnet R. I, 51, 15; V, 41, 15;
ibid. 19. VIII, 18, 4, wo es dreimal in Verbindung mit
süribhis, einmal mit nadibhis auftritt. Die beispiele wer-
den gewiüs noch zu vermehren sein, allein der umstand,
dafs es sich im Sämaveda gar nicht findet, zeigt doch
wohl, dgls sein gebrauch kein allzu lebendiger gewesen
sein könne. Häufiger ist es als adverb oder in compoaitis
in gebrauch und Säjana gibt ihm da gewöhnlich die be-
deutung von SU, bhrpä, pra^asja, prapasta, nitja. Die freie
präposition sam mit instr. ist ebenfalls nicht so häufig;
wenn ich nichts übersehen habe, so erscheint sie als solche
im ersten astaka des Bigv. gar nicht. Häufiger tritt die
anzeige. 363
Präposition sakä mit locativ, genitir and instrumental in
gleicher bedeutung auf, aber der instrumentalis ohne pr&-
position am häufigsten, doch gehört sie nicht zu der klasse
der nach Scherer mit sama zusammenhangenden präposi-
tionen. Ich bemerke übrigens auch noch, dafs nach Ben-
fey vollst, skr.-gramm. §. 785. 2, 6 smät auch den accu*
sativ regiert; beläge hat er indefs nicht gegeben. Mit dem
zendischen mat steht die sache ziemlich ebenso wie mit
smat. Der instrumental steht bei dem worte, sei es nun
prä- oder postposition , in der mehrzahl der fälle, dazu
kommt der ablativ (oder dativ?) und der genitiv, ob auch
der accusativ ist zweifelhaft, Spiegel gr. s. 299, Justi wb.
s. 224, aber Justi gibt im ganzen nur zehn f&Ue, zu denen
sieh vielleicht noch einige finden werden, ohne dafs da-
durch das verhältnifs wesentlich anders würde, ham, häm
kommt nur als adverb und verbalpräfix vor, nicht als freie
Präposition. Vgl. Justi wb. s. v. s. 320. Damit erledigt
sich, wie ich denke, die vermuthung Scherer^s gänzlich
und das hauptbedenken gegen seine auffassung von sma
bleibt bestehen. Dazu kommt aber noch ein anderes:
Benfey hat im Or. und Occ. III, 131 darauf aufmerksam
gemacht, dafs sma auch mit anderen casus der pronomina
in Verbindung erscheint, dafs es ihnen nämlich nachfolgt-
wie es im abl. dat. loc. mit ihnen componirt ist; so tä
smä R. I, 102, 3. tasja sma R. I, 12, 8. asmäkä sma R. I,
102, 5. jena sma R. HI, 62, 1. äsu ämä R. VI, 44, 18. tä
sma Yaj. S. 18, 59. tasja sma, tä ha sma Taitt. Br. III, 11,3.
Da ist doch wohl der gedanke nicht mehr möglich, dafs
sma ursprünglich nur zum ausdruck des dativ, ablativ,
localis gedient habe. Uebrigens mag bemerkt werden, dafs
in erklärung dieses suffixes fast alle forscher bisher ihren
eigenen weg eingeschlagen haben. Pott, wie bereits ge-
sagt, gibt ihm die bedeutung „selbst'^, Bopp sieht darin
ein pronomen der 3. pers. (vgL gramm.II, 111. 421), Ben-
fey den Superlativ von sa (sa+ma) „am meisten eins'' =
„ganz, all*^, also asma „ich all'' sss wir, juäma „du all'' as
ihr (vollst, skr.-gramm. §.773.111). Schleicher sagt (comp.
s. 627) : „sma, wohl aus sa-ma einer stammbildung auf ma
364 Kahn
von der pronominalwurzel sa (hie), ist ein demonstrativuni,
das sicii als selbständiges wort im altindischeo nur in der
Partikel sma (vielleicht ursprQoglich instrumentalis) findet,
welche etwa „damals, einst^ bedeutet
Auch das lokativsuffix sva des zend weifs Scherer in
sehr künstlicher weise mit sma in Zusammenhang zu brin*
gen (s. 269 f.)* Aus dem physiologisch und durch beispiele
nachgewiesenen Übergang von m zu y folgert er: ,,e8
müsse ein dem sinne nach von ma nicht unterschiedenes
Suffix va, es müsse namentlich ein superlativsuffix va in
der arischen Ursprache gegeben haben ^. Die folgerung
könnte doch höchstens die sein: da m oft in v übergeht
und ein saperlativsQffix va mit derselben bedeutung wie
ma existirt, so wird auch va aus ma hervorgegangen sein.
Scherer aber schlieist, da ma superlativsufBx ist und m
in V übergeht, so mufs va ein superlativsufBx sein. Kanu
denn das va nicht eine vom ma unabhängige existenz ha-
ben? In dem oben angeführten äsu ämä R. VI, 44, 18, das
ffir äsma sma stehen müfste, wäre also das suffix doppelt.
Es wird wohl mit z. sva, skr. su auch eine andre bewandt«
nifs haben, als Scherer annimmt.
„Ausfall des v wie im plur. sas f&r svas, smas möchte
ich auch in dem sanskrit secundairsuifix sät annehmen^,
s. 270. Da der ausfall von v bei äsas (s. oben s. 3ö8)
nicht bewiesen ist, so wird er auch hier zweifelhaft blei*
ben ; Benfey vollst, skr.-gramm. s. 244 erklärt sät als abla-
tiv des pronominalthemas sa. Da auch der davon gebil-
dete locativ sasmin in den veden vorkommt, sät auch dem
griechischen dig gleich steht, thut man wohl besser dabei
stehen zu bleiben. Dabei möge beiläufig bemerkt werden,
dafs neben -sät auch sä vorkommt (Yv. 1 1 , 80 sarvä ta
bhasmasä kuru), worin ich nicht etwa einen instrumental
sehe, sondern einen der päliform gleichstehenden ablativ.
Es ist entschieden ein irrthum, alle vedischen formen ohne
unterschied als die ältesten anzusehen, wie dies auch Sche-
rer mehrfältig thut; wir haben es mehrfach mit formen
verschiedener epochen zu thun, die in einer Sammlung bei*
samm^en stehen.
anzeige. 365
An die betrachtang der vier casus, welchen ema dient,
reibt Scherer eine solche der casosformen, in welchen bhi
als grundform erscheint und man wird seinen entwicklun-
gen, die manches in den verschiedenen indogermanischen
sprachen erst in das rechte licht setzen, im ganzen zu-
stimmen können, wenn man auch schwerlich die ansieht
von der grundbedentung des bhi theilen sowie die weitere
entwicklung zugeben wird, welche diese wurzel gar in den
wurzeln bandh, bhid, bhi wiederfinden will.
Wenn Scherer s. 283 beweisen will, dafs das instru-
mentalsuffix & im sanskrit auch im locativ erscheine, so
scheinen mir die thaisachen, auf die er sich beruft, nicht
dazu zu berechtigen. Er sagt: „der locativ sg. der stamme
auf a, ä lautet im veda bisweilen ä, die stamme auf I, ü
scheinen gar keine sing, locativendun^ anzunehmen, d. h.
ihre einstigen locative ja, vä wurden contrahirt".
Es wäre erstens gegenfiber der gewaltigen zahl der
locatiye auf 6 von a-stämmen, die kleine zahl von beispie-
len bei Benfey vollst, skr.-gramm, s. 301 §. 3T0 I. 1. b,
welche das locative ä beweisen sollen; gnhä, madhjä, sa-
manä sind adverbia, die sich entschieden ebenso gut als
instrumentale fassen lassen, wie es die herausgeber des Pe-
tersburger Wörterbuchs bei den beiden ersten thun; madhje
und guhäjäm, die wirklichen locative kommen ja oft genug
vor. ja^nä-jagnä Sämav. I. 1. 4. 1 = R. VI, 48, 1 ist un-
zweifelhafter instrumental, wie schon der parallelismus mit
girä in demselben verse ergibt. Ebenso ist in der stelle
ja^nä-ja^nä va: saman4 tuturvdni: R. I, 168, 1 der instru-
mental anzunehmen: „mit jedem opfer tritt alsbald euereifer
ein^. vasantfi ftir vasante gibt der scholiast zu Pä. VII,
1. 39 (vasantft jageta). Es findet sich öfter in der spräche
der brähmanas (Weber theilt mir 10 stellen mit, darunter
acht aus dem Käthakam) und ist mehrmals mit locativen
(prävräi, grldm^, ^aradi) verbunden, so dafs die locativbe-
deutung nicht zweifelhaft sein kann; aber auch hier wie
bei ja^& wird die bedeutnng des socialis „mit dem frflh-
ling^ = „im frühling^ die ursprüngliche sein und die alte
form auf fi wurde dann neben dem locativ auf e auch lor
366 Knhn
cativiscb verwandt, nachdem der instrumental seine neue
gestalt auf -ena angenommen hatte. Die letztere findet
sich (ob zuerst?) Yagurv. 21, 23. — rasa (Sä. IL 6. 3. 16. 1
= Rv.VlIL72. 13 Müll.) nimmt Benfey für rasäjäm, wäh-
rend Säjana es durch rase (also von rasa m.) also wie
jagnä, yasantä erklärt. Der instrumental wäre auch hier
wohl denkbar, obwohl die gewöhnliche construction den
locativ erfordert. — Was aber die stamme auf l und a
betrilS^, so zeigen wenigstens die letzteren allerdings mehr-
fach eine locativendung, aber nicht das spätere am son-
dern i, so tanvi, kamvi und aus denen erklären sich die
daneben stehenden tanü, Kamü (man berOcksichtige na^
mentlich die formen mit aus ü entwickeltem uv wie tanuvi)
grade wie sänau aus sänavi. Bei den l- stammen konnte
natürlich durch antritt des i aus älterem *iji ebenso nur l
hervorgehen.
Scherer fährt fort: „Man findet ferner den locativ
näbhä vom stamme näbhi, und aus einem solchen ä, das
sich an die stelle des Stammvokals setzte, ist meiner Über-
zeugung nach auch das skr. äu im locativ der i* stamme
hervorgegangen^. Nicht blos näbhi, sondern zahlreiche
andere stamme auf i zeigen diesen locativ auf ä, wie ürmS,
nßmadhita, ^ätätä, svarSätä (Bf. vollst, skrgr. s. 302 anm. 3)»
sarvatätä, devatätä, jönä, agnä u. s. w. Dais aber ä aus äu
hervorgegangen, nicht äu aus ä, machen doch wohl die
oben (s.361) schon angefahrten visnavi, stlnavi unzweifelhaft.
Die i- Stämme hätten analog ürmaji, jönaji bilden müssen
und da mag, wie in der declination aller u- und i-stämme
im deutschen sowohl als im sanskrit frühzeitig eine Ver-
mischung eingetreten sein und dann aus ürmavi, jönavi,
urmäu, jönäu und ürmä, jönä wie bei den u-stämmen sich
entwickelt haben. So ist auch wohl das nebeneinanderste-
hen der gleichbedeutigen stamme ijant, Ivant, kijant, klvant
aus dem Wechsel von j mit v zu erklären, worauf wie häufig
vor V Verlängerung des vokals eintrat.
Im auschlufs an den so vermeintlich von ihm gefun*
denen locativ auf ä erkennt dann Scherer (s. 284) auch in
den formen wie ^iväjäm, nadjäm, vadhväm locative auf ä.
anzeige. 367
die nur durch das aotreteo der partikei am weitergebildet
sind. Wir können, da wir die grundform nicht zugeben,
auch diese auffassung nicht theilen, und ohne hier eine
andre erklärung aufstellen zu wollen, erinnern wir nur an
die scholien zu Pänini (värtika zu Pä, VII, 1. 39 bei Böht-
lingk n, 310), wo "es heifst: dhuri daksinäjäs (R. I, 164, 9)
daksinäjäm iti loke. Ob diese erklärung richtig ist, lassen
wir dahingestellt; es genügt hier, dafs die indische gram-
matik den genitiT-ablativ als locativ glaubte auffassen zu
dürfen. Man vergleiche übrigens z. gen. loc. a^tvaithjäo,
a^tvaithjö und den locativ der u-stämme bei Spiegel s. 141.
Die im folgenden angefahrten zendischen locative der
i-stämme auf ä, a, o und der u-stämme auf a, ö, vö sind,
wie Spiegel bei der declination dieser stfimme gezeigt hat,
blofse verstümmelungien der zum theil noch daneben ste-
henden ursprünglichen formen (Spiegel gr. 132. 141).
Dafs übrigens der instrumental auch locativbeziehungen
ausdrücken könne, wollen wir durchaus nicht läugnen, vgl.
auch Spiegel s. 133; sein gebrauch als socialis mufste schon
von selbst dazu führen; nur dafs im sanskrit, wie es uns
vorliegt, der locativ mit einer ursprünglichen enduug auf ä
oder a sich finde, bestreiten wir*). Wenn auf s. 285 lat.
ac vermuthungsweise („gleichsam ä Ica^) zur skr. partikei
ä gezogen wird, so müfste dann atque davon getrennt wer-
den, wozu sich kaum jemand verstehen möchte.
Das locativsuffix i leitet Scherer von der enclitischen
skr. partikei I, Im ab. Diese ist freilich ihrer bildung und
bedeutung nach etwas unfafsbar, aber eine lokale bedeutung
könnte man ihr ja wohl bei ihrem vermuthlichen Zusammen-
hang mit dem pronominalstamm i zuschreiben. Da in den
veden und im zend neben der locativendung i auch l vor-
*) Diese anzeige war bereits zam dmck fertig, als mir das letzte heft
des XXII. bandes der Zeitschrift der deutschen morgenländischen gesellschaft
znging, in welchem Bollensen s. 617 ff. bei den a, i, n-stämmen das zusam-
menfallen von locativ und instrumental im veda behauptet und femer antritt
von ä zur bezeichnung beider casus nachzuweisen sucht. Mir scheint auch
diese ansieht nicht haltbar, doch würde eine ins einzelne gehende prUfnng
hier zu weit ftlhren; nur das sei bemerkt, dafs man in den meisten der
letztgenannten fälle, die B. aufiftthrt, mit der instrumentalbedeutung vollstän-
dig ausreicht und dafs sie in mehreren absolut nothwendig ist
368 Kuhn
kommt (wenn auch in den veden sehr selten, dhmätarl,
etarl, kartari, vaktan, sarasi), so könnten diese locative sich
aus dem antreten der partikel erklären lassen. Weiter
können wir aber dem Verfasser nicht folgen. Denn wenn
er nun gleich als älteste form i m ansetzen möchte, so steht
dem doch das überlieferte im entgegen und wenn dies im
nun gar in tasmin u. s. w. stecken soll, so wäre aus den
lautgesetzen erst zu beweisen, dafs sanskrit auslautendes m
io n übergehen könne. Aufserdem bliebe auch immer noch
das sogenannte euphonische s nach tasmin u. s. w. vor t
zu erwägen, das in analogen fällen auf ursprünglich aus-
lautendes ns oder nt hinweist (äsans tatra, asmäns tatra).
Soblie/slich wird die vermuthung ausgesprochen, dafs im
neutral* oder accusativbildung vom pronominalstamm i sei;
QDS liegt nur kein im vor. Ueber die bildung von Im
aber gehen die ansichten noch sehr auseinander: Rosen zu
Rv. 1,4,7 läfst es aus imam entstehen, Bopp vergl. gr.^
8. 522 anm. und Lassen anthoL^ s. 137 lassen es aus ijam
contrahirt oder aus dem accusativ ^im durch Verlängerung
entstanden sein. Jedenfalls scheint es wie auch im zend
(Spiegel 375) noch mehrfach als accusativ des masculini
aufzutreten und dafs es auch (vgl. zend Im) den nominativ
des fem. vertreten könne, ist wohl daraus abzunehmen, dafs
es R. VII, 66, 8 aus metrischen gründen zweimal einsilbig,
also doch wohl Im zu lesen ist.
Ueber die zendische locativform ja, die litauische je
zu entscheiden ist schwer; die femininformen auf -taitja
könnten Verkürzungen des oben erwähnten gen. loc. jäo
sein; Spiegel s. 116 sagt: „Einige male scheint jedoch
auch die vollere endung ja statt i vorzukommen^, vergL
8. 151. Schleicher sagt über das lit. je comp. 569: „Die
Stämme auf u und i und die feminina auf ä (10) haben
die endung -je, die vielleicht zu skr. -j-äm zu stellen ist,
aber auch eben sowohl anderen Ursprungs sein kann^.
Läugnen läfst sich nicht, dafs wenn die endung ja des
zend durch die wenigen beispiele vollkommen sicher gestellt
wäre, sie die beste erklärung fQr den goth. dativ gibai aus
gibä-ja liefern würde.
anzeige. S6^
Der Vokativ der feminina aaf ä im sanskiit, welcher
bekanntlich auf € aasgeht, soll mit der inteijection i oder
I zusammengesetzt sein (s. 288); aber diese ist bis jetzt
blos aus lexikalischen and grammatischen Schriften Qber^
liefert, kann also möglicher weise, eine sehr späte onomato-
poetische bildung sein, so dafs sie zur erkldrung so alter
formen nicht herbeigezogen werden darf. Äufserdem wäre
es doch sonderbar, dafs nur die feminina auf ä mit solcher
„herbei^ iy,d»** würde jedenfalls passender sein, weil all«
gemeiner) bedeutenden partikel angerufen würden, während
die übrigen feminina auf langen Stammvokal im vocativ
Verkürzung ohne antretendes i zeigen und auch kurzvoka*
lische stamme aller genera zwar guna annehmen, aber i^n
der interjection frei bleiben. Dafs ein mechanischer laut-
wechsel von ä in 6 stattgefunden, ist daher immer noch
die wahrscheinlichere erklärung, zumal da vedisch auch
das noch schwächere a in einigen fallen daneben steht.
Auch die Vereinbarkeit des gothischen s4i, ahd. se mit
dem imperativ goth. saihv, ahd. sih wird s. 288 bestritten,
da sie den lautgesetzen widerstreben, „am nächsten bietet
sich gleichfalls ein pronominalstamm sa, etwa im locativ
auf I, im sinne von »da**. Vergl. Pott präpos. s. 414^.
Der Verfasser nimmt freilich diese erklärung s. 475 wieder
zurück, da auch sie den lautgesetzen widerspreche, aber
die zunächst liegende, wenn man das durch sai übersetzte
iSov vergleicht, will er doch nicht anerkennen ! Dem nieder-
deutschen s^ mal steht sich mal zur seite, latzteres beson-
ders zum ausdruck der Verwunderung, ähnlich scheiden
schon die alten sprachen vom gothischen abwärts (gramm.
ni, 246), so dafs man doch wohl' eine ausnähme von den
lautgesetzen wird statuiren müssen. — Wir bemerken übri-
gens, dafs sich das citat ans Pott wohl nur auf das „da*^
beziehen soll, denn auf derselben Seite sagt Pott: „ahd*
se-nu tho, ecce eig. sieh nun jetzt^.
Nachdem der Verfasser so f&r die interjectionen a, ä und
i, I die bedeutung „herbei" geftinden hat, wendet er sich
zum zend, wo sich die inteij. ai (in der bedeutung ol Spie-
gel s. 225) und die präposition äi „zu" finden, und da die
Zeitochr^ f. rgl. sprachf. XVni, 5. 24
370 Kuhn
vedischcn Infinitive auf -tavai einen accent auf der wurzel
und auf der endung zeigen, so erscheint es ihm unzweifel-
haft, dafs das dativsuffix da her seinen Ursprung habe
(s. 289). Nur in der Voraussetzung, dafs die interjection
ursprünglich gleich der präposition gewesen wäre und das-
selbe wie diese bedeutet hätte, könnte diese doch hierher
gehören; bei anrufung der guten wesen, die um ihre hülfe
angefleht werden, könnte das wohl passen, wie aber ist es,
wenn auch die bösen, wie Agro Mainjus (Vd. 19,32) da-
mit angerufen werden? Doch lassen wir^die interjection!
Wenden wir uns zur präposition, die ja mit ihrem sinne,
vergleichbar dem frz. ä , dem engl, to , eine sehr passende
bedeutung f&r den dativ gäbe, so ist ihre existenz nur in
einem falle (eigentlich in zweien Vend. in, 14. 78, von de-
nen aber der eine aus dem andern geflossen scheint) nach-
weisbar, also immerhin etwas zweifelhaft. Spiegel führt
sie, soviel ich sehe, gar nicht an, Justi setzt hinzu ^^gL
aiti?". Eine nähere betrachtung der stelle (sie lautet Jat
vä anäpem fii äpem kerenaoiti jat vä äpem ai anäpem ke-
renaoiti Oder wer trocknes (land) mit wasser versieht
(wörtl. zu wasser macht) oder wer wasser zu trocknem
(lande) macht)^ sseigt, dafs sie nicht eben geeignet ist, die
dativnatur des äi sehr klar zu machen, da andre verwandte
sprachen ftkr diesen fall den accusativ verwenden. Dabei
möge die von Justi angedeutete möglichkeit der unur-
sprünglichkeit von äi doch auch nicht ganz unberücksich-
tigt bleiben. Wenn nun auf dies einmal vorkommende äi
hin daraus der zweite accent auf den infinitivformen
-taväi erklärt wird, so hat das auf den ersten blick schein-
bar viel ansprechendes, berücksichtigt man aber, dafs nach
dieser infinitivform auch die partikel u häufig eintritt, so
wird die erklärung Benfey's, welcher (kl. skrgr. s. 235
§. 402 III. 1) die form aus pätave hi erklärt, allen an-
Spruch des Vorzuges verdienen, sobald man nur nicht pä-
tave, sondern pätavai hi als ursprüngliche form ansetzt;
jedenfalls kann der Verlust des h kein bedenken machen,
da er auch aus dem instr. plur. auf äis unzweifelhaft (wo-
von unten mehr) hervorgeht. Dagegen wäre es doch, wenn
anzeige. 371
man Scherer's annalime folgen wollte, sehr aufftUig, dafs
das bewufstsein des Ursprunges von tavai aus tav + äi,
welches sich durch das festhalten des doppelten accentes
kund geben soll, nicht mindestens auch bei den übrigen
dativen auf äi bei den diaskeuasten des Bigr. (denn diese
haben ja erst die accente, und nicht selten irrthümlich,
gesetzt) noch fortgedauert hat. Und warum sollten denn
nur die feminina das äi festgehalten, die masculina und
neutra es zu 6 geschwächt haben? So ganz unberöcksich-
tigt darf doch auch nicht bleiben, dafs in der nominalde«
clination in den brähmana^s die' form mit äi als entschie-
dener genitiv und ablativ neben äs auftritt. Rücksichtlich
der entstehung des äi aus ä oder a + i oder l ist ferner
noch zu bemerken, dafs nach sanskritischen lautgesetzen
in beiden fällen hätte e daraus werden müssen, im zend
aber entsteht äi aus a + e z. b. vehrkäi aus Tchrkag, Spie-
gel gramm. s. 29. Ich will allen diesen bedenken gegen-
über nicht verschweigen, dafs die ezistenz der präposition
ai einige Unterstützung durch das in den brähmanas nicht
seltene et, aus ä + it, mit der bedeutung „zu, hinzu*^ (mit
dem accusativ und einem zu ergänzenden verbum der be-
wegung) erhalten könnte, vgl. B.-R. wtb. I, 582 und Weber
ind. Studien IX, 249 ; doch würde skr. & im zend entweder
durch ae (ai) oder öi vertreten sein müssen.
Der verf. fährt dann fort: ^^Dafs dann in der regel
ai (nämlich skr. e,' das aus a+i entsteht) den dativ be-
zeichnet, thut nichts zur sache, trifft man doch im veda
die themen auf l (ja) mit der dativendung j& flir jäi d. i.
jä-ai [doch wohl jä + äi?]. Guna und vrddhi können für
die älteste zeit nicht strenge getrenot werden, gleich das
e der feminina auf ä im vokativ [für ä-Hi oder ä-l-l]
kann es lehren, nicht minder die medialendungen^.
Dagegen ist zu bemerken, dafs das e in vrkj6 für
vrkjäi u. a. doch nur eine seltene ausnähme und äi
durchaus die regel ist; das e ist in den meisten fallen
durch formübertragung aus dem masculinum auf ä ent^
standen, wie die faJle bei Benfey vollst, skr.-gramm. §. 726
in, 2 klar machen. Was ferner die ausdrücke guna und
24*
372 Knhn
vrddhi hier sollen, igt nicht zu verstehen, da es sich um
einfache vokalverschmelzung von ä+i handelt.
Die ganze folgende entwicklung von s. 290 — 294 ober
ÜB des instrumentalis geht wieder vom zend aus, es mag
daher genOgen auf Spiegel gramro. s. 375 zu verweisen,
welcher sagt: „Im plural ist äis [nämlich das selbständige
pronomen] ziemlich zweifelhaft und wird von der tradition
ganz anders gefafst, doch spricht XLIII. 1 1 für diese auf-
fassung^, und s. 378, wo er von den partikeln des gathftr.
dialekts spricht, sagt er: „Ueber das zweifelhafte äis ha-
ben wir schon oben §. 47 gesprochen, die bedeutung ist
äniserst unsicher ''. Das ist denn doch. wohl keine basis,
um darauf weiter zu bauen! Das ganz einzeln stehende
nadjäis für nadibhis kann doch auch nichts weiter als eine
formübertragung beweisen. Wenn Scherer schliefsUch auf
s. 293 sagt: „die jetzt beliebte erklärung mflsse nicht nur
die Verdünnung des labialen reibungsgeräusches zum blo-
fsen hauch für die urzeit behaupten, sondern auch über
die Schwierigkeit hinwegsehen, dafs aus a-bhis nach Schwund
des bh nur ais, nimmermehr äis werden konnte^, so ist
doch nicht einzusehen, warum nicht auch schon in der ur-
zeit die Verdünnung des labialen reibungsgeräusches zum
blofsen hauch stattgefunden haben solle, wenn man den
begriff urzeit nur nicht gleich bis dicht an die eisperiode
ausdehnt; hat doch das dentale reibungsgeräusch unzwei-
felhaft mehrfach ungemein früh eine solche Verflüchtigung
erfahren, z. b. in der imper. endung hi neben dhi, und
wenn sich aus vedischem ebhis präkr. ehi entwickelt, warum
soll nicht in einer noch früheren zeit äis aus äbhis durch
ähis hindurch entstanden sein; wenn asmäbhis und judmä-
bhis ä vor dem bh zeigen, kann doch dasselbe ursprüng-
lich allen a-stämmen zugekommen sein; in ^ivöbhis kann
ja das 3 ebenso wohl Schwächung aus älterem ä sein wie
in präkr. siväS aus älterem (iväjäi, dem giväjäs voranging;
^ivebhis und ^iväis sind eben nur verschiedene entwicke-
lungen aus einer gemeinsamen form ^iväbhis.
Aus den hypothetischen ausätzen eines mittels redupli-
cation und sma gebildeten pluralis werden dann verschiedene
anxeige. 373
chronologische folgerungen gezogen, die wir, so lange die
hypothesen nicht besser begründet werden, als oben s. 348 ff.
353 gezeigt ist, nicht anerkennen können. Es soll z. b*
die deklination der a-stämme älter als die der übrigen sein«
Das läfst sich vielleicht, auch wenn man von anderen
grundlagen ausgeht, wahrscheinlich machen; daher wollen
wir es nicht bestreiten. Wenn der verf. am schlnfs sagt:
„Ebenso fanden wir im verbum bei den a-st&mmen die äl-
testen flexionsverhältnisse s. 222. 229^, so fragt man doch
billig, ob das noch ein flezionsverhältniis zu nennen sei,
wenn der blofse stamm verwandt wird, um z. b. nach
des verf.^8 ansieht die 2. sg. imper. act. zu bilden ; über die
zweite älteste flexion nämlich das s. 229 f&r ursprünglicher
als mi gehaltene ä der l.ps. sg. ist oben s. 324 ff. ausi&hr-
lich gesprochen und seine existenz bestritten worden.
Das ablativsuffix at, das genitivsuffix as, der nom.
sing, des pronomens 3. pers. sa, werden in rein hypotheti-
scher weise auf einen stamm atva, der seinerseits wieder
ein superlativstamm für atma sein soll, zurückgeführt.
Mit der endung oder vielmehr dem „element^ as, das sei-
nem ablativ-genitiv-locativischen sinne nach adverbien z. b.
von Zahlwörtern dvis, tris, katur (f. Katurs, z. Mathrus)
bilde, sollen dann auch, wie der verf. annimmt, die formen
skr. avas-, uparis-, paris-, zd. vis, paitis, pairis, altp. abis,
patis, griech. afAcpig^ gr. lat. e|, ex, ciip, abs u. s. w. gebil-
det sein. In der anmerkung dazu werden ansichten ande-
rer über dies s angeführt und auch die zendische form
der adverbia auf äa beigebracht, die Windischmann, dem
Spiegel folgt, mit griechischen verglichen hat (frada, apaäa^
mit ngoacD, nooctfoi und oniöCu) u. s. w.). Scherer sagt:
„das leuchtet auch mir ein: als grundform des Suffixes
wäre zunächst svä anzusetzen. Anders Curtius etymologie
s. 256". Warum svä anzusetzen wäre, wird nicht gesagt,
jedenfalls ist es durch die zendformen nicht wahrscheinlich
gemacht. Und soll denn nun die im text stehende erklä-
rnng über das -s daneben bestehen bleiben?
Ueber die s. 315 besprochene singularform des zendi-
sehen Personalpronomens auf bjas (vgl. auch s. 276) ver-
374 Kahn
dient doch aufser dem, was Spiegel s. 183 beibringt, auch
das 8. 369 von ihm beigebrachte berücksichtigt zu werden ;
jedenfalls steht diese casusendung des zend einmal unter
den verwandten sprachen allein, dann vor allen dingen in
ihrer erklärung noch nicht unumstöfslich fest.
Auf 8. 3 1 6 geht Scherer zur behandlung des nomina-
tivs über und sagt: „Es gibt für den nominativ dreierlei
bezeichnungsweisen: erstens vokal Verstärkung des bil-
dungssuffixes, zum theil mit Veränderung des thema's;
zweitens beigefügtes am; drittens anfaängung von s^.
„Unbezeichnet bleibt der nominativ im plural; im
neutrum, gleichviel ob es mit einem neutralzeichen (d, m)
versehen sei oder nicht; im femininum auf ä, l (ja), ü (vä),
in den pronominalsufSxen ma, tva des verbums, sofern ist
als subjecte anzusehen. Aufserdem im demonstrativum sa.
Das zend regclmäfsig und das sanskrit in gewissen fällen
verwenden zwar allerdings die grundform sas, aber dem
gewöhnlichen skr. sa entspricht goth. sa, griech. 6, im
gäthadialekt einmaliges he (vgl. k6, je) u. s. w.^
Wenn Scherer hier sagt, dafs der nominativ im plu-
lal unbezeichnet bleibe, so ist oben s. 352 ff. zu 260 ff. schon
gezeigt worden, dafs er die meisten seiner pluralformen
nur am nominativ nachgewiesen hat, es bleibt also viel
wahrscheinlicher, dafs sie bezeichnungen des nominativs
und des pluralis zugleich enthalten. Ferner ist die allge-
meine fassung, dafs der nom. im fem. auf a, I, ü unbe-
zeichnet bleibe, da doch damit wohl der sing, gemeint ist,
ungenau, denn das lateinische zeigt ja in der 5. decl. noch
ein ies fQr altes iäs auf. Darauf dafs feminina auf ä in
compositis im skr. nom. sing, auch s zeigen, will ich kein
gewicht legen, da dasselbe aus dem masculinum einge-
drungen sein könnte (vergl. das paradigma bei Benfey kl.
skr.-gramm. §. 487), aber auch gnä zeigt es vedisch und
die einsilbigen stamme der feminina auf l, ü im sanskrit
zeigen es ja ebenfalls, vedisch auch mehrere mehrsilbigen
(vgl. Benfey a. a. o. §. 497 ). Solche thatsachen darf man
doch nicht mit stillschweigen übergehen I Und das prono«
men sa soll auch zu den unbezeichneten nominativen ge-
anzeige. 375
hören? trotz des sas padläta, sas tava and ähnlicher for-'
mein und trotz des so und z. bö? Und zeigt denn nicht
auch das griechische noch das alte g in ^^ ö* og und weist
nicht das o in 6, welches ja aus a im auslaut s geworden
sein inQfste, darauf hin, dafs das g noch lange bestanden
haben niufs, als die griechischen anslautgesetze bereits
Festigkeit erlangt hatten? Und diese ältesten formen sas,
Bö, hö (ha^kit), og, die uns in Sprachdenkmälern^ die zum
theil mindestens tausend jähre älter sind als die gothischen,
überliefert sind, die sollen wegen des Qbereinstimmenden
skr. sa, goth. sa, griech. 6 filr nichts gelten in der sprach-
lichen entwicklung? Und das einmalige he im gäthädialect
(bei Justi unter ta finden sich noch ein paar beispiele),
soll denn das auch för die urspranglichkeit des einfachen
sa zeugen, trotzdem dieser vokal i doch aller wahrschein«
lichkeit ans ursprünglichem ä hervorgegangen ist (vergl.
Spiegel §. 18)? So findet sich ja auch im vedischen Sans-
krit noch einmal sä fQr sa oder sas R. I, 145. 1 (vgl. Bol-
lensen zeitschr. d. d. morgen], ges. XXII, 638).
Nach dieser auseinandersetzung Ober unbezeichnete
nominative wendet sich Scherer dann zu den bezeichneten
und zwar zuerst zu denen, welche vokal Verstärkung des
bildungssuifixes zeigen. Er nimmt diese art des nomina-
tivausdrucks in mehreren fallen an, „in denen man unbe-
rechtigt einstiges s und verschiedene andre consonanten
abfallen zu lassen pflegt. Man legt sich die lautgesetze
der Ursprache nach willkührlichen hypothesen zurecht ^.
Auf diese weise sollen rägä, pitä, balavän, durmanäs ge-
bildet sein.
Was hier zunächst die willkührlichen hypothesen be-
trifft, nach denen man sich die Ursprache zurechtlegen
soll, so verweisen wir auf das, was wir oben s. 3409". über
sein gesetz, welches das a bedroht (s. 216), gesagt haben
und könnten fast hier schon zu der vermuthung kommen,
wenn dem verf. jenes als gesetz, dies als hypothese er-
scheint, so stelle sich das vielleicht nur in dem geiste des
verf.'s so dar, während in der Wirklichkeit die Sache sich
876 Ktihtt
umgekehrt verhalte. Doch wir wollen die weitere daretel-
long des Terfassers prQfeo.
Er sagt: ^Zu dürmanäs stimmt, abgesehen vom ac^
eent^ griech. Svafievfig genau ^. Soll das fQr seine aufFas-
SüDg sprechen? Doch wohl nicht^ denn eben darauf stützt
sich ja auch die entgegenstehende.
Femer heifst es bei dem nominativ-fi von stammen
auf -an, da£s mit ihm ,,im lateinischen gleichfalls ä (hom6)
oorrespondire^. Hier tritt dieselbe falsche auffassung des
auslautenden (aus a oder ä + nasal hervorgegangenen) ö
hervor, die wir schon bei der 1 . sg. praes. kennen gelernt
haben (s. 327). Das fi soll nun symbolische vokalverstfirkung
eines Stammes auf -a statt -an sein, wie er auch im nom.
aoc. sing, der neutra (vartma) und vor consonantisch an-
lautenden Casusendungen sowie als zweites glied der com-
posita hervortrete.
Es werden also zwei verschiedene stfimme in der de-
clination dieser Wörter angenommen, aus denen sich die
flexion zusammensetzen soll, der eine mit, der andre ohne
nasal, rä^an und rä^a, aus letzterem entsteht durch Sym-
bolik rä^ä als nominativ, sowie rägabhjas u s. w. Der
verf. sagt das auch noch an einem andern orte, n&mlich
s. 428, wo er das auftreten dieser doppelstämme im ger-
manischen bespricht und sagt: „in der regel tritt vor m
ein a-stamm fQr den an-stamm ein wie im sanskrit:
hanam grundf. bana-bhjas wie skr. rä^a-bhjas^. Wie gut
es doch manchmal ist, wenn man blos das paradigma be-
fragt! rfi^a, als a- stamm, müfste ja rSg^bhjas bilden und
so bildet er ja wirklich als zweites glied eines compositi!
Es wird doch also ftkr räga-bhjas dabei bleiben müssen,
dafs es, wie das auch immer geschehen sein möge, vom
thema r&gan stamme, dafs dagegen mahärägebhjas Ton
mahärä^a gebildet sei. Wenn man aber wirklich, wie
Scherer will, zwei so geschiedene stamme annehmen könnte,
dann mQfste ja noch ein dritter in r^ü-e und ein vierter
in rä^&n-am angenommen werden. Will das Scherer wirk-
lich annehmen, glaubt er, dafs nämn-as und das aus dem
metrum der ved^n sicher erschliefsbare nämanas (vgl. no-
anzeige. 377
tninis, goth. narains) von zwei verschiedenen themen abge-
leitet sind? Wir glauben es kaum. Selbst wenn man also
zugeben wollte, dafs die an -stamme das nominativ-s nie
gehabt h&tten, so würde doch wenigstens die symbolische
Tokalverstärkung höchst problematisch bleiben und ersatz-
dehnung f&r ausfall des n die viel natQrlichere annähme
sein.
Scherer fährt fort: „Gegenüber b&lav&n bezeugen die
griechischen adjectiva auf oetg den nom. auf -vants, also
eine nebenform mit s". Also die annähme ist: in alter
zeit bestanden von diesen stammen zwei nominative, ein
symbolischer und ein unsymbolischer balav&nt und bala-
vants. Fiel ihm denn nicht ein, dafs das freilich im pa-
radigma stehende balavSn doch oft genug vor dental oder
palatal mit dem zischlaut erscheine (balaväns tatra, bala-
vän^ Ka) und dafs diese zischlaute sich fast ausnahmslos
als reste älterer flexionen erweisen ? Hier war also das alte
nominativ-8 gerettet. Und daneben doch die vokalverstär-
kung? wird Scherer einwenden. Kann sie anderen grund
haben als ersatzdehnung ftkr den ausfall des t zu sein?
Oder wäre das (a von rvnrwv auch blos symbolische Stei-
gerung, während in diSovg die sigmatische form hervor-
träte und müfste man f&r jenes einen nebenstamm rvnrov
ansetzen? Unter allen umständen behalten wir in balaväns
die beiden angeblichen bildungsmittel des nominativs, vo-
kal Verstärkung and s, von denen doch eins jedenfalls über-
flüssig wäre.
Von den stammen auf tar sagt Seh. endlich , * dafs er
sie oben s. 96 noch falsch beurtheilt habe und schliefslich,
dafs sie noch nicht völlig aufgeklärt seien; um so mehr
können wir uns wohl einstweilen bei der bisherigen an-
nähme beruhigen.
Aber selbst wenn man von allen diesen gründen ab-
sehen wollte, so erhält die „wiUkührliche hypothese^ von
der vokalverlängernng nach weggefallenen consonanten doch
auch noch von anderer Seite her eine glänzende Unter-
stützung. Es sind dies einige vedische aoristformen der
2. und 3. sing., die den vollen beweis liefern, dafs die bis-
378 Kuhn
herige ansieht in ihrem rechte ist. Sie gehören der f&nf-
ten bildung bei Bopp (der ersten bei Benfey) an und sind
von consonantisch auslautenden wurzeln gebildet, während
das spätere sanskrit diese aoriste nur bei Tokalisch aus-
lautenden bewahrt hat. In der 2. und 3. sg. act. trat nun
hier der fall ein, dafs die personalkennzeichen unmittelbar
an den auslautenden consonanten treten mufsten und dafs
dies einst, als die späteren auslautgesetze des sanskrit noch
nicht' zu voller geltung gekommen waren, wirklich gesche-
hen sei, beweist das aus jener periode noch Qbrig geblie-
bene dart, 3. sg. aor. von wz. dar. (R. VI, 27, 5}. Als aber
die sanskritischen auslautgesetze zur ausbildung kamen,
mufsten s und t abfallen und nun trat Verlängerung des
wuizel Vokals ein, als deutliches zeichen wirklicher ersatz-
dehnung. Ich lasse einige beispiele folgen:
WZ. k dar: „somo akää: (padatezt: akäär iti) der soma
strömte« für akSart. R. X, 89, 7. IX, 107, 9. VergL Nir.
V, 3 und dazu Roth erl. s. 54«
WZ. tsar: ^löpd^a: slham pratjdnKam atsä: — der fuchs
beschlich den löwen von hinten«. R. X, 28, 4.
WZ. bhar: „mät^va putram prthivf purlsjäm agnf sve
jönäv abhär ukhä wie die mutter erde den söhn puilsja,
so trng die schOssel den Agni in ihrem schoofs«. Väg. S.
12, 61, vgl. R. X, 20, 10. Dazu 1. sg. abharam: ,Jam4d
aha' väivasvatdt subändhör mäna äbharam Von Yama, Vi-
vasvats söhn, brachte ich des Subandhu geist herbei^. R.
X,60, 10.
WZ. sr^9 sar^: „pr4 bähii asräk saviti sdvimani, Sa-
vitar streckte die arme aus beim schaffen« und: „prisräk
bahti bhüvanasja pragäbhja: — er streckte die arme aus
für die geschöpfe der weit«. R. IV, 53, 3. 4. Vgl. dazo
3. sg. pass. asargi.
WZ. drp, dar 9: „tasmäd äkakdänam ähur adrag iti
sa jadj adar^am itj ähä 'thä 'sja ^raddadhati — deshalb
sagen sie zu einem der etwas berichtet: „„sahst du es««
und wenn er sagt: „„ich sah es««, so glauben sie ihm«.
Alt. Br. I, 6. — „KakSur väi satjam | adrä 3 g itj äha |
ädar^am iti | tat satjäm — das äuge (sieht) ja die wahr-
anzeige. 379
heit; ^^sahst du es"** sagt man. »„Ich sah es***. Darum
(ists) die Wahrheit. Taitt. Br. I, 1, 4, 2.
WZ. prKh, praKh: „&kä€travit käetravfdä hj apr&t
der ortsunkundige fragt den ortskundigen". R. X, 32, 7.
WZ. kr and: binvän6 vikam iSjasi p&vamäna Tidhar-
mani | äkrän dev6 nä siirja: — getrieben lassest du die
stimme ertönen, du der sich läuternde rauschest in dem
gefäfs (vidharman) wie der göttliche Sürja ". R. IX, 64, 9
vgl. ebend. 69, 3 und 97, 40. Daneben steht akran ohne
Verlängerung, wie dar neben dart, ebenso nur abibhar im
imperf. u. s.w. Von wz. kar findet sich neben akar auch
akat im patapatha Brähmana, vergl. das petersb. wb. s. v.,
von WZ. var^ findet sich vark, parävark vergl. auch P&.
11,4,80 und Comment. s. 107.
WZ. jam: „siirjara9mir härike^a: pur&stät saviti ^6tir
üd ajän Ä^asram — der sonnenstrahlige, goldhaarige Sa-
vitar brachte im osten das ewige licht herauf". R. X,
139, 1. „tan no mahdn üd ajän dev6 aktübhi: — das brachte
uns der grofse gott (Savitar) mit strahlen herauf". R. IV,
53, 1, Von demselben aorist stammen auch der imper.
jandhi, jantam, janta und der conjunctiv: jaman.
WZ. vah: „tv4m agna llitö ^ätavedö 'väd dhavjäni
surabhfni krtvf du gepriesener Agni G'ätavedas f&hrtest
die opfer, sie duftig machend". R. X, 15, 12.
Auch das mehrfach vorkommende äräik (w. riK) R. I,
113, 1. 2. III, 31,2, zu dem die entsprechende 2. sg. aor.
ätm. rikthäs lautet, R. III, 6, 2 gehört dieser biidung an,
sowie das häufig erscheinende adjäut (w. djut) und mänk
(w. muK): Jo 'smän dv^ti ja Ka vajä dviämas tam ato
mä mäuk — wer uns hafst und wen wir hassen, den löse
nicht von dort ". Väg. S. I, 25. Ueber die biidung vergl.
noch Pä. VII, 2, 97 und VIH, 2, 62. ßopp skr.-gramm.
374 b, Benfey vollst, skr.-gramm. §. 840.
Hier sehen wir also in akäär, atsär, abhär, asräk,
adräk, aprät, akran, ajä, aräik, avät, adjäut, amäuk für
akäart, atsart, abhart, asrakt, adraks, aprakt, akrands,
ajamt, avahs, ar^ßs, adjött, amökt die vokalverlängerung
als ersatz fCkr den abgefallenen schlufsconsonanten eintre-
380 Kuhn
ten, denn wenn man auch mit Scherer, was unten noch
weiter zu besprechen sein wird, die dritten persoüen als
ursprünglich flexionslose ansehen wollte, so haben wir doch
an adrUk, akr&n, av3t, aräik die 2. ps. sing«, bei der Sche-
rer selbst das s als ursprOngliches personalkennzeichen an-
sieht und diese sind von um so grdfserer bedeutung als
sie mit der nominativbildung auf s bei consonantischen
Stämmen in vollständiger analogie stehen. Von einer sym-
bolischen vokal Verlängerung aber, um damit verschie-
dene personen am verbum zu bezeichnen, wird doch hier
unter allen umständen nicht die rede sein können. Wenn
aber Scherer, wie wir oben anf&hrten, in bezug auf die
annähme der vokalverlängemng als ersatzdehnung sagte,
dafs man sich die lautgesetze der Ursprache nach willkflhr-
lichen hypothesen zurecht lege, so fragen wir, ob er die-
sen grundsatz überhaupt etwa nicht anerkennen will? Wie
erklärt er dann z. b. das ä von punä ramate für punar
ramate, das X von ravi ramate f&r ravir ramate u. s. w.?
Ist das nicht ganz analog dem falle, dafs aus durmanass
(etwa mit der durchgangsstufe durroana:s) durmanäs wurde?
Und weisen nicht zahlreiche vedische auslaute wie -mä
der l.ps. plur. und anderes auf gleichen Ursprung? Beru-
hen nicht di« aor. pass. wie aläbhi neben alambhi, abhält
neben abhanji auf demselben vorgange? Vor allen dingen
darf man aber nicht übersehen, dafs diese lautregel kein
durchgreifendes gesetz geworden ist, darum sehen wir ne-
ben akrSn noch akran, neben abhär noch abibhar und
ebenso sehen wir bei stammen auf -ant tudan, brhan ne-
ben balavän, mahan und rti^rrwi/, ri&Biq^ SiSovq^ aiyaXouq
neben balaväns, ebenso im griechischen noiuim für ^noi-
lAtvet neben noifirjv^ im skr. rägasu neben rä^ und ähn-
liches. Ein, wie ich meine, recht überzeugendes beispiel
dieser doppelten art der bildung bei einer und derselben
würzet sind das masc. nom. sing, avajäs von ava+jag
und msc. nom. sing, upajad von upa+jag, vgl. das pe-
tersb. wb. s. vv. und die dazu citirten stellen aus Pänini.
So lange daher der verf. nicht beweist, dafs es überhaupt
keine ersatzdehnung gebe, werden wir unsrerseits seine
anzeige. 381
annähme von der nominativbildung durch blof'se vokalver-
Stärkung des bildungssufBxes als eine willkübrliche hypo-
these ansehen müssen.
Doch dürfen wir zum schlofs eine ansieht nicht mit
stillschweigen übergehen, mit der Scherer unsere ansieht
über die obige aoristbildung vielleicht zu widerlegen su*
chen möchte. Es ist dies die von Benfey, Orient und oc-
cident III, 248 f., ausgesprochene ansieht über die bildung
der in rede stehenden zweiten und dritten personen sing,
aor. Benfey nimmt an, dafs sie, wie abbärält aus abhar-H
Sfilt entstand, so abhär f&r abhärs, abhärt aus 2.8g. da
für äss, 3. sg. äs fär äst (diese alterthfimliche form äs 3.sg.
findet sich bekanntlich noch in einigen vedischen stellen,
vgl. petersb. wb. s. v.) gebildet seien, dafs sie also nur äl-
tere bildungs weisen zu der gemeinsamen 1. sg. abhäräam,
mit einem werte sigmatische aoriste seien. Dagegen spre-
chen nun aber jene beiden oben angeführten stellen der
brähmanas, in denen adar^am augenscheinlich als die l.sg.
desselben aorists erscheint, ebenso wie das oben angeführte
fibharam, ferner der ganz analog gebildete aor. pass. med.
adar^i u. s. w., von dem noch unten zu reden sein wird,
endlich auch die conjunctivformen ohne s, die neben dem
indicativ ohne s stehen, wie 1. sing, darpam (mö sma tvä
nagnä darpam Qat. br. II, 5. 1. 1 *))) 2. sg. jamas, 3. plur.
jamao (Sä. II, 4, 1, 16, 2. R. VII, 69, 6. III, 45, 1), neben
denen die formen vom sigmatischen aorist wie jäsat u. s. w.
stehen, welche zu dem indic. act. ajäsit, med. ajästa ge-
hören.
Scherer wendet sich s. 319 ff. zum nominativ- oder
subjectivzeichen -s der masculina und feminina und sagt:
„Es mufs dem todten neutnim gegenüber das lebendige
bezeichnen*^. Und dies leben findet er deutlich ausgedrückt
im demonstrativ asäü, welches er GXr identisch erklärt mit
dem locativ Äsäu von 4su „lebenshauch, leben ^. „Wie
wenn einst, fährt er fort, dies asäu „im leben ^ d.h. „im
*) Doch koonie darf am aach indicativ sein, da auch dieser nach mi
folgt
382 Kahn
leben befindlich, lebendig" den Wörtern, die wir jetzt mit
nominativ-s finden, anstatt des -s nachfolgte?" Also es
wird angenommen, dafs es eine zeit gegeben haben könne,
wo man sagte putra asäu söhn + lebendig statt des spft^
teren putras der söhn. Wer aber den gewöhnlichen ge-
braach des asfiü kennt, wird sagen, das bedeute ja wohl
grade das gegentheil, da asäu im gegensatz zu ajam, ijam,
dieser weit hier, die jenseitige, den himmel, und alles was
ihr angehört bezeichnet, as&u lokas, asäu äditjas, ami je
rksäs jene weit, jene sonne, jene Sterne, folglich müsse
putra asäu wohl den todten und nicht den lebendigen söhn
bezeichnet haben. Und dies asäu, welches einst so ge*
waltigen umfang gehabt, dafs es vor dem -s alles leben-
dige im nominativ bezeichnete, das sollten nur die arischen
sprachen bewahrt haben, in allen übrigen sollte es spurlos
verschwunden sein? Doch wir wollen vom pronomen asaü
absehen, obwohl wenn, wie Scherer vermuthet, in ihm die
lösung des räths^els vom Ursprung des *8 stecken soll, doch
wohl angenommen werden mufs, er halte sie beide filr ui>
sprünglich identisch und nehme nur an, dafs sie später
durch den accent differenzirt seien (s. 321). Wir wollen
annehmen, asäu habe ursprünglich nur im leben bedeutet
und sei masculinis und femininis nachgefolgt, das prono-
men asäd sei erst auf arischem boden daraus entwickelt,
obwohl es schwer wird zu begreifen, wie die spräche vom
begriffe „im leben" zu dem von ,Jener, jene" fortgeschrit-
ten sei, wie kam nun aber die spräche dazu an stelle des
asäu -s zu setzen? Folgendermafsen : asu kommt einem
nomen actionis von wz. as „verweilen, existiren ,* sein "
gleich, jede nackte wurzel kann als nomen actionis flectirt
werden, neben asäu war daher ein gleichbedeutender loca-
tiv asa möglich. „Aus dem letzteren kann in ansehung
der laute das nominativ -s sehr wohl entstanden sein: mit
aphärese sa und nach geschehener Verschmelzung verlust
des a der letzten silbe. Die bedeutung stimmt, wie es
scheint, ganz genau. Grade der begriff eines lebens hö-
herer art bildet sich in asu und seinem derivat asura all-
mählich immer mehr heraus, einerseits im zend der herr,
r
anzeige. 383
der höchste herr, andrerseits im sanskrit die geister, die
götter, der höchste himmelsgeist. Spiegel beitr. IV, 326^.
Also: ^die bedeutung stimmt, wie es scheint, ganz
genau". Doch die von as&n und asa, fragen wir? Wie
wäre es möglich, dafs sie nicht stimmten, wenn sie der
Verfasser erst zu seinem zwecke macht!? Dafs ein nomen
actionis von as so schlechthin leben bedeuten könnte, wenn
es sich gebildet hätte, werden freilich andere bezweifeln,
nnd dafs asu geeignet sei, das sinnliche leben zu bezeich-
nen, ebenso, wenn sie sich an R. X, 15, 1 erinnern, wo
von den vätern gesagt ist, asü ja ijus „die ins geisterleben
gingen**.
„Aber damit ist noch nicht alles erklärt. Wie kommt
der determinative locativ in den nominativ eines demon-
strativums.**
Neben dem pronominalstamm sa, sagt Scherer, scheint
die nebenform as existirt zu haben.' Die lichtspnren die-
ses Scheins sollen in der lateinischen conjunction ast so-
wie in lat. iste und seinen verwandten auftreten. Daraus
wird auf einen nominativ asa geschlossen (der seinerseits
erst wieder aus atva entstanden sein soll S. 312): „Dies
asa, glaube ich, vermischte sich im Sprachgefühl mit dem
determinativen locativ von wz. as. Im locativ asa wie im
locativ äsäu wurde nur mehr ein pronomen empfunden,
demgemäfs wohl asäü nach dem muster von as4 accen-
tuirt, und dem sa, sä sowie dem asäü nach maafsgabe der
determinativa vorzugsweise (nicht ausschliefslich was den
stamm sa betrifiFt) der nominativ masculini und feminini
als provinz zugewiesen: wenn auch damit f&r die stamme
sa und as nicht der anderweitige gebrauch abgeschnit-
ten war*.
Also nachdem zwischen asa er und as& im leben
Vermischung im sprachgefQhl eingetreten war und in asä
im leben nur noch ein pronomen empfunden wurde, trat
der Wandel zu sa, s ein. Vermischung des sprachgef&hls
konnte doch aber nur eintreten, wenn die eine dieser for-
men ihren begriff verloren hatte, das soll „asÄ im leben"
gewesen sein, in der man nur noch das pronomen „asa
384 Kuhn
er^ empfand, folglich war doch der begriff ,,101 leben ^
daraus entwichen, ob konnte also nicht mehr geeignet sein,
das lebendige auszudrücken, wie doch Scherer beweisen
wollte.
Auf grund solcher problematischen locativ*nominative
werden dann die formen der sogenannten achten pluraU
form, in welcher der stamm ganz unverändert bleibt, eben-
falls als alte locative erklärt. Aber nur bei den Stämmen
auf an fehlt ja das locativzeichen oft in den veden und
sie lauten auf n aus, aber nicht die auf as auch auf blo-
fses s. Aufserdem lautet ja aber der nom. acc. plur. der
neutr. an-stämme weder vedisch noch im klassischen Sans-
krit auf an aus, sondern dort auf a (auch ä), hier auf äni,
was auch die veden oft zeigen. Was aber die neutra auf
as betrifft, so ist bei ihnen flexionslosigkeit eine ganz ver-
einzelte und seltene erscheinung, f&r die Scherer (nach
Benfey kl. skr.-gramm. s. 306) die beispiele duvas und
fldhas angegeben hatte (s. 266). Nun findet sich duva:
allerdings flexionslos R. 1,34, 14: sänti kanvesu vo düva:,
also das verbum im plural beim neutrum im Singular, ganz
wie sich im zend bei collectiven oft dieselbe erscheinung
zeigt, Spiegel gramm. §.319 s. 327f. *). Ebenso erscheint
ß. I, 64, 5 neben dem singularen üdhar das adjectiv div-
jäni im plural, aber in derselben weise wird öfter bei
verbundenen adjectiven und Substantiven die flezion nur
an einem derselben ausgedrückt**). Man kann also hier
nicht von flexionslosen pluralen reden und am allerwenig-
sten von locativ-nominativen. Denn wenn Scherer auch
an ragas, was nach Benfey vollst, skr.-gramm. s. 301
anm. 1 für ragasas stehen soll, erinnert, so wird dies wohl
fortfallen müssen, da Benfey es schon in die kleine skr.-
gramm. s. 306 nicht mehr aufgenommen und in seiner
Übersetzung (orient und occident III, 146) als regelrechten
accusativ gefafst hat.
*) Vergl. auch Jetzt noch BoUensen zeitschr. d. d. morgenl. ges. XXII
B. 618.
**) Auch bierza vgl. Bollensan a. a. o.
aiueige. 385
Auf die kühne skizze der stammbildung, welche der
verf. im folgenden entwirft, können wir nicht weiter ein-
gehen; sie enthält unzweifelhaft manchen fruchtbaren g^
danken, aber der grundgedanke , auf dem sie ruht, dais
alle sprachformen aus locativausdruck entstanden seien,
muthet doch der arischen Ursprache eine allzu grofse ein-
seitigkeit zu, als dafs wir ihn für richtig halten könnten.
Nur auf die bildung der 3ten verbalpersonen müssen wir
noch etwas näher eingehen.
Aus dem präpositionalstamme an (ursprünglich ana
ftlr a-ma mit der bedeutung „an, in, auf, bei^ (s. 340)
wird nach dem Verfasser durch antritt des ablativischen
Suffixes t ant, durch antritt Von as anas oder ans gebil-
det. „Als stammbildungssufBz, fährt Scherer fort, ist ant
aus dem part. praes. act. hinlänglich bekannt; ans trafen
wir in ähnlicher function im compardtivsuffix »jans und
im lettoslavischen vertritt es unter gewissen bedingungen
das yane des part. perf. act. (Schleicher ksl. formenlehre
6. 166 f.). Dieses v-ans, ebenso wie v-ant, m-ant enthält
natürlich gleichfalls unser sufSx. Die demente v und m
dürfen wir, falls die obige deutung (tf. 323 f.) richtig, auf
die WZ. av und am zurückführen: „gesättigt mit, gefüllt
mit^ giebt einen passenden sinn, die suff. vant und mant
sind also participia praes. beider wurzeln intransitiv ge-
nommen'^.
Danach wäre also z. b. tudant gebildet aus tud-an-t
und hieise „schlagen -J- an (in, auf, bei)-)- aus (von her)"
oder etwa „vom im schlagen her", oder falls das ablati-
viscbe Suffix, wie nach Scherer oft, rein lokativisch zu
fassen wäre „schlagen -h an (in, auf, bei) -hin, also etwa
„im im schlagen". So unverständlich die ablativische auf-
fassung des Suffixes ist, so überflüssig scheint die doppelte
lokativische bezeichnung, doch wir wollen sie einmal gel-
ten lassen. Kommen wir denn auf diesem wege zur deut-
lichen bezeichnung eines nomen agentis, bleibt diese dar-
stellung nicht bei dem nomen actionis stehen, fehlt es nicht
an der bezeichnung des subjects, an dem die handlung
zur erscheinung kommt? Doch wir haben ja an den no-
Zeitflchr. f. vgl. sprachf. XYni. 5. 25
886 Kuhn
Qiinibus agentis auf k ein analogoii ; auch das sind ja nach
Scherer (8.331 f.) zu nominativen gewordene locative auf a.
Von ihnen sagte er ja (s. 332): ^Und nun: bedenkt man,
dafs das verbum substantivnm im satze ebensowohl stehen
als fehlen kann, so wird man sich unsere nomina agentis
leicht zurechtlegen als lokative neben denen das partic.
praes. der wurzel as fehlf^. Also zu dem gefundenen be-
griff der participia praesentis auf ant müfsten wir den des
fehlenden partic. praes. der wz. as ergänzen. Kommen
wir damit weiter? Ist denn das part. praes. von wz. as
nicht eben solcher locativbegriff, bei dem es an der be-
zeichnung des subjects fehlt?
Ein zweites suffix soll ans sein, da es aber nur in
der form jans oder ijans des comparativs und in vans (nur
durch Verstümmelung in ans) auftritt, so sind wir jeden-
falls nicht berechtigt eine form ans anzusetzen, denn dafs
jans eine participiaie bildung von wz. i sei, ist doch nur
Scherers vennuthung (s. 224). In ganz anderer weise
könnte man aber ijans, jans als participialbildung fassen,
nämlich so, dafs es f&r ijant stände, s also aus t hervor-
gegangen wäre wie in vans aus vant (griech. -or), ijant
ist wörtlich: „in dies gehend^ = soviel. Das scheint mir
eine passende grundlage sowohl des comparativs als der
lat. zahladverbia auf iens, ies zu bilden. Damit fiele dann
die Scherersche annähme von dem participialsuffix ans
gänzlich. Ebenso ist doch auch nur vermuthung, dafs
vant und mant participia praesentis von wz. av und am
seien. Bei vant fOr avant könnte die annähme noch eini-
germafsen wahrscheinlich scheinen, doch würde die bedeu-
tung eigentlich sein: „sich freuend an, sich sättigend an",
also z. b. dhanavant „sich an schätzen freuend, sättigend^
und, da man sich in der regel nicht an fremden sondern
an eigenen zu freuen oder sättigen pflegt: „damit begabt,
versehen^. Die wurzel am dagegen mit der bedeutung
„anfüllen mil^ ist wieder blofse hypothese, man vergl. das
8. 323 bei Seh. darüber gesagte mit dem petersb. wörterb.
I. 336; V, 1030. Aus ihr kann also die bedeutung nicht
abgeleitet werden, höchstens könnte man Übergang von
anzeige. 387
vant iD maut durch Übergang von v in m annehmen, ob*
wohl der umgekehrte Vorgang der gewöhnliche ist und
vant sonst regelrecht in vielen fallen an die stelle von
mant tritt, vgl. Benfey vollst, skr.-gramm. s. 239. — Uebri-
gens darf doch nicht unbemerkt bleiben, dafs die suffixe
vans und vant jedenfalls ursprünglich identisch sind, wie
sowohl die declination von skr. vans (plur. vad-bhis, vad*
-bhjas, vat-su, du. vad^bhjäm, neutr. sg. vedisch mehrfach
-vat) als die des griech. tag, og^ gen. orog u. s. w. ergibt.
Umgekehrt zeigen mant und vant den Übergang in den
s-stamm im vocativ auf mas, vas.
Wir wenden uns nun zu Scherer's ansieht von den
dritten personen des verbums, von denen er s. 342 sagt,
dafs in ihnen den raumpartikeln, wortpartikeln gleichfalls
das wichtige geschäft grammatischer formung übertra*
gen sei.
Er beginnt mit einer kritik der bisherigen ansieht, in-
dem er sagt: „Dafs in der 3. sing., sofern sie ein t ent-
hält, das demonstrativ ta stecke, hat man bisher einstim-
mig angenommen. Ich will nicht erst untersuchen, was
man bei dieser erklärung stillschweigend voraussetzte und
was man zu erwägen und zu bedenken sich ersparte. Selbst '
wenn man als bewiesen annimmt, dafs der prädicative ver-
baltheil ein nomen agentis sei, so mufs man von den drit*-
ten personen des participialfuturums lernen, dafs die spräche
hier keines personalausdrucks bedurfte. Der neupersische
aorist, der aus dem alteranischen participialperfect (vergl.
Schleicher comp. s. 387 f. [wo aber nichts davon steht],
Pott Zigeuner I, 386) stammt, flQgt an die erste und zweite
person ein personalsuffix, die dritte läfst er unbezeichnet
(Fr. Müller Sitzungsberichte XLIV, 240)«.
Statt gerade herauszusagen, worin denn nun der feh-
ler der bisherigen auffassung stecke, was man stillschwei-
gend voraussetzte oder zu erwägen und bedenken sich er-
sparte, verdächtigt Scherer blos die bisherige ansieht;
das ist doch keine kritikl Aus den folgenden werten scheint
hervorzugehen, dafs er wenigstens das eine damit meine,
dafs es zweifelhaft sei, ob der verbaltheil ein nomen agentis
25*
388 Kahn
nach der bisherigen aafTassung oder nicht etwa ein locativ
auf a eines nomen actionis nach der seinigen sei, in bei«
den fällen wfirde doch aber bei der bisherigen auffassung
des ti, t aus ta der begriff derselbe bleiben, denn tuda-ti
fQr tuda-ta wäre in jenem falle „schlagend + er'', in die-
sem „im schlagen + er ^^9 worip ich doch keinen wesent*
liehen unterschied sehen kann. Man erwog und bedachte
aber auch, nach den ferneren worten des Verfassers zu
schliefsen, offenbar nicht, dafs die spräche hier keines per-
sonalausdrucks bedurfte, was man aus den dritten personen
des participialfuturums lernen mufste. Fehlt denn nun
aber der personalausdruck bei den dritten personen dieses
tempus wirklich, oder ist er nicht immer durch das sub*
jeot des betreffenden, resp. vorigen satzes gegeben und
kann er darum nicht wie auch in anderen f&Uen am prä-
dicativen theile des satzes fehlen?*) Die congruenz mit
dem subjecte wird ja durch den casus und numerus, ja
selbst einmal durch das genus ausgedrQckt (vgl. Bopp vgl.
gr.II,539) und aufserdem ist die auslassung von wz. as doch
auch aufser der 3. ps. nicht ganz unerhört (Bopp skr.-gn
§. 422). Ferner hat der Verfasser auch vielleicht das noch
* andeuten wollen, dafs man hier eine reine nominalforn»,
einen uncharakterisirten nominativ vor sich habe, wie ja
im folgenden die dritten personen durchweg als solche no«>
minalformen aufgewiesen werden sollen und schon früher
bei der 1. sing, auf angebliches ä diese theorie der reinen
nominalform aufgestellt wurde (s. 173). Wir haben dort
gesehen, wie hinf&llig die ganze auffassung war, mQssen
aber hier noch einmal näher darauf eingehen. Scherer
bat sich dort auf das factum berufen, dafs verschiedene
sprachen den nominativ ohne s noch bewahren und auf
den folgenden aufsatz verwiesen. Damit ist doch wohl
der Über das personalpronomen gemeint, in welchem s. 316
von solchen nominativen gehandelt wird; wir haben oben
8. 374f. gesehen, dafs der Verfasser die noch daneben ste-
*) Dabei sei beraerict, dafs diese bildung docli entschieden eine ver-
httltnirsmäfaig junge ist nnd Bollensen Orient and occident 11, 488 ihr vor-
kommen im Bigv«d» gans Uognet.
uuseige. 889
benden bezeichneten nominativformen unbeachtet liefs oder
entgegenstehendes wegzudemonetriren sachte. Derselbe
sagte dann in der angefahrten stelle, dafs diese reine no-
minalform in verbaler Function manches vergleichbare zur
Seite habe und fbbrtc als solches den gebrauch des part«
perf. passivi und der davon abgeleiteten form auf -vant
zur bezeichnung des activä im sanskrit an, bei welchen
asmi sowohl stehen als fehlen könne. Er berief sich da-
bei zugleich auf meine recension von Böhtlingks sanskrit-
Chrestomathie (H. A. L. Z. 1846 s. 1076). Aber von rei-
ner nominalform kann doch in diesem falle nicht die rede
sein, sondern nur von auslassung oder nichtvorhandensein
der copula bei einer nach numerus und genus flectirten
participial- oder von einem particip abgeleiteten adjeotiv-
form, wie ihm die beispiele „kim arthä ^aptavän tväm
warum (hat er) dich verflucht?^ „tata: kenaKid aham adi-
dta: darauf ward ich von einem angewiesen^, „majä 'pi
dbarmapastränj adbltäni auch von mir (wurden) die rechts-
bflcher gelesen^ zeigen mufsten. Dafs, wenn das subject
die redende oder angeredete person sei, das entsprechende
pronomen hinzugefügt werde, hatte ich damals ausdrück-
lich bemerkt, wie ich auch jetzt noch glaube, dafs der
personalausdruck für die dritte person nur dann fehlen
könne, wenn er sich unabweislich von selbst ergibt. Sche-
rer hatte dann ferner das eranische participialperfect ver-
glichen, mit dem es eine ähnliche bewandtnifs zu haben
scheint, da fast nur die 3. sing, davon vorkommt Spiegel
gramm. §. 225 s. 253 ; doch läfst die geringe zahl der bei-
spiele kaum ein sicheres urtheil zu. üebrigens möchte
doch zu erwägen sein, ob in diesem sogenannten participial-
perfect nicht alte aoristi medii stecken (man vgl. die oben
8. 378 f. besprochenen aoriste consonantisch auslautender
wurzeln und die weiter unten zu besprechenden mediopassiv-
formen derselben auf i und ta). Endlich hatte Scherer
auch dort schon auf die 3. sing, des periphrastischen fu-
tumms hingewiesen, bei dem die weglassung des asti regel
sei. Dieser gebrauch fallt nun aber ganz mit dem obigen
gebrauch des participii perfecti oder des participialen ad-
390 Kufan
jectivs zusammen, indem bei den dritten personen aller
numeri die copula fehlt, der numerus aber ausgedrückt
wird, während das masculinum (man könnte auch sagen
Femininum, da das sufiBx tar ja in beiden fällen nom. *tä
hat: pitä, mätä) die beiden anderen genera vertritt. Also
auch hier keine reine nominalform, sondern ein flectirtes
verbalnomen, dessen beziehung auf das subject der inhalt
des Satzes oder der Zusammenhang der rede ergibt. Schon
in den veden tritt diese form auf, doch einmal meist mit
Zurückziehung des accents auf die Wurzelsilbe, dann auch
meist mit präsensbedeutung (vgl. Bopp vgl. gramm. §.814.
111,192)*). Die verbale natur dieses nomen agentis of-
fenbart sich aber in dem davon abhängigen accusativ, wie
er auch in Verbindung mit einigen anderen verbalen no«
minibus erscheint. Wir lassen^ einige beispiele des gebrau-
ches aus den veden folgen, die über den Ursprung des par-
ticipialfuturi keinen zweifei lassen werden, aber auch zu-
gleich zeigen mögen, was man aus dieser ausdrucksweise
für den personal ausdruck der 3. person in ältester zeit ler-
nen mufs.
I. Ohne Copula:
Rv. 1,86,3: sä gantä gömati vra^^ — er schreitet
einher (oder: wird einherschreiten) im rinderreichen stalle.
R. II, 9, 6 : SÄ ... . jäätä devän Äjagiätha: svasti
rev&d didihi — du ... . die götter verehrend, am besten
heil schaffend leuchte reichlich.
R. 11,41, 12: indra ^^äbhjas pari sarväbhjo äbhaja
karat | ^dtä p4trün viliaräani: — Indra schaffe uns von
allen selten her Sicherheit, er besiegt (möge, wird besiegen)
die feinde, der weise.
R. III, 13, 3: s4 jantä .... agnf tä' vo duvasjata ditä
jö vanitä maghä' — er wird spenden den Agni ver-
ehret, der geber der gäbe verleiht.
R. V, 30, 1 : kvä sja vira: ko apa^jad indra j6
räjä va^ri sutasomam ikhän täd öko gantä — wo ist der
held? wer sah den Indra? .... der mit reichthum, der don-
*) Man sieht, dafa das participialfUturum verhftltDifsm&rsig jung sein
mufs (vgl. oben s. 888).
anzeige. 391
nerer, nach dem gepre&ten soma yerlaogend zu diesem
hause kommen wird.
R. III, 26, 6: marütäm Öga imahe pfäada^vaso an-
avabhrarädhaso gäntaro jagnäm — der Maruts kraft rufen
wir an, die mit bunten rossen, bleibenden lohn verleihen,
die zum opfer kommen.
K. IV, 29, 4: äkhä jö g4ntä nädbamänam Qtf — der
zum flehenden mit hülfe kommt (kommen wird).
R. II, 23 9 13: bharesu hävjo namaso* pasädjo g&ntä
vagesu sänitä dhanam-dhanam — der im kämpf anzurui»
fende, mit Verehrung zu ehrende kommt in den schlachten,
spendet schätz um schätz.
R. VI, 45, 2: anä^ünä kid arvatä indro ^ätä bita dh&-
nam — mit langsamem rosse selbst ersiegt Indra erfreu«'
Jrchen reichthum.
R. X, 1 07, 1 1 : bhogä: ^atrünt samaniköäu g^tä — der
freigebige besiegt in den schlachten die feinde.
R. I, 129, 2: ja: ^tiräi: svä: sanitä j6 viprair vägä
tarutä i. ä. — der durch beiden den bimmel gewährt, der
durch Sänger nahrung ersiegt, den u. s. w.
R. II, 9, 2: tva vasja ä vrsabha pranetä — du leitest
(wirst leiten) o segenspender zum reichthum.
R. VIII, 16, 9 — 10: indrä vardbanti käitaja: | pran&»
tarä vasjo akhä kartärä gjoti: samatsu — den Indra er-
heben die menschen, der da zum reichthum leitet, der licht
schafft in den schlachten.
R. VII, 57, 2 : nikStiro hi marüto grn&ntam pran^tiro
jagamänasja manma — die Maruts merken auf den sänger,
sie leiten den gedanken des opfernden.
R. V, 61, 15: jüjam martam vipanjava: pranetära itthi
dhijä prötäro jdmabtstiän — ihr nach* preis begierigen (Ma*
ruts) leitet den sterblichen durch rechte andacht, ihr hört
(ihn) in den anrufungen der opfer.
n. In Verbindung mit as oder bhü:
R. II, 41,2: nijütvän väjav ägahi ajä' ^ukrö ajämitej
gantäsi sunvatö grbä' — mit deinem vielgespann Väju
komm herbei, der klare soma wurde dir geprefst, du wirst
(mögest) zum hause des opferers kommen.
89$ Kohn
R. I, 17, 2: gantfträ hi 8thö Vase haTam viprasja mA-
vata: — denn ihr beide kommt auf den ruf eines Bänger»
wie ich zu helfen.
R. Vn, 60, 5 : ime ketiro anrtasja bhtlrer mitro ar-
jnmk T&runo hi santi — sie sind die rächer vieles Unrechts,
Mitra, Aijaman, Varuna.
R. VIII, 36, 1 : avitisi sunvat6 — du bist ein f3rderer
des opfernden.
R. IV, 16, 8: bhüvo aviti — mögest du ein förde-
rer sein.
R. VII, 96, 2 : s& no bödhj avkrf — sei du uns hei-
ferin.
R. VIII, 46, 13: s4 nö tS^^t avitd bhuTat —
er möge uns in den schlachten helfer sein.
R. III, 19, 5: 84 tvä' no agne \it^' h& bodhi — so
sei du Agni uns hier ein helfer.
R. I, 27, 9: 8& v^ä yi^väkaräanir 4rvadbhir astu
t4rutä I viprebhir astu sanitä — er der weise möge nah-
rung durch rosse ersiegen, durch s&nger gewähren.
R. IV, 37, 6 : sä dhlbhir astu sanitä — er sei ein Spen-
der mit gebeten (er sp. g.).
R. I, 40, 8: n^ja varti na taruti mahädhane nirbhe
asti va^rfna: — nicht gibt es einen wehrer des donnerers,
nicht einen sieger im grofsen noch im kleinen kämpf.
R. VI, 66, 8: ndsja varti n& taruti nv ästi märuto j&m
avatha y^asätau — nicht gibt es einen wehrer noch einen
meger dessen, dem, ihr Maruts, im kämpfe beisteht.
R. VI, 23, 3 — 4: pÄtä sutäm indro astu sömam pra-
nenfr ugr6 ^aritdram Xlti | kartä vlräja süävaja u lokä' ddtä
Tasu stuvat^ kiräje Icit | gänt^' jänti s&vanä häribhjäm ba-
bhrir y%ram papi: sömä dadir gä: | kärtä virä' n4rjä s4r-
vavlrä ^rötä havä grnata: stomavähä: — Indra möge den
geprefsten soma trinken, er, der mächtig den Sänger mit
seiner hülfe leitet, er möge räum schaffen dem trankopfer
spendenden manne, gut verleihen dem preisenden Verehrer;
er kommt auch zu so kleinen spenden mit den falben, den
donnerkeil führend, den soma trinkend, kühe verleihend;
er macht den mann zu einem tüchtigen mit reicher schaar
anzeige. 398
umgebenen, er hört die annifung des preisenden und nimmt
das loblied an.
R. VI, 36, 1 : satrd vagänäm abbavo vibhakti — stete
warst du ein vertheiler von nahrung.
R. X, 61, 27: j^ sthA niKetäro amürä: — die ihr un-
trfiglicbe merker seid.
Noch mögen einige andre beispiele verbaler nomina
folgen, die mit dem aceusativ, bei verbis der bewegung
auch mit dem locatiy, verbunden werden. Vgl. die oben
ans R. VI, 23, 4 schon angeftkhrten babhri, papi, dadi.
R. I, 89, 7: vidätheäu ^&gmaja: — die zu den opfern
kommenden.
. R. II, 23, 11: vräabhö gagmir ähavä' niätaptfi pdtmm
— der stier (starke), der zum kämpfe kommt, den feind
vernichtet.
R. IX, 61, 20: ^aghnir vrtr4m amitrijä sÄsnir vd^a
div^-dive I göS4 u a^vasi asi — den feindlichen Vrtra triffst
du, nahrung spendest du tag f&r tag, kühe- und rosse-
spender bist du.
R. VI, 50, 13: Uta sja deva: savit4 bh&go nö p&' n&päd
avatu ddnu p&pri: — und der gott Savitar, der glückliche,
schütze uns, der wasser sprofs, der den thau spendet.
R. II, 17, 8: bhögä' tväm indra vajä' huv^ma dadiä
tvam indr4' pftsi vä^än — dich Indra, den freigebigen,
wollen wir rufen, du verleihst, Indra, heilige werke und
kräfte.
R. IV, 24, 1: dadir hi vir6 grnat^ v4süni — er der
beld verleiht dem sänger schätze.
R. VIII, 21, 6: &lchä Ka tvaind n&masä v&dfimasi kirn
mühu^ Md vidhidhaja: j s&nti kimäso harivö dadis tvä'
smö vajä' sÄnti nö dhija: ( — herbei rufen wir dich mit
dieser Verehrung; warum zögerst du nur einen augenblick?
wir haben wfinsche, o H., du (bist) ein gewährer, wir sind
da, das (sind) unsre gebete.
R. Vin, 21,7: fndrö vä gh^d ijan maghä' särasvati
vä subhagä dadir vasu | tvä' vä Ijritra däpüd^ — entweder
verleiht Indra dem opfernden so groCse gäbe oder die reiche
Sarasvati (so grofses) gut oder du o K'itra.
394 Kahn
R. I, 15, 10 : jät tvä . . . . jÄgämahe &dha sma oo dadir
bhava — weil wir dich verehren, darum sei ans auch ein
Spender.
R. II, 14, 1: kämt hi vira: sÄdam asja pitim — denn
immer ist der held (Indra) ihn zu trinken begierig.
R. IX, 88, 4: indro n4 j6 mah4 karmani kakrir hanti
vrtrinäm asi soma pürbhft — der wie Indra grofse thaten
thut, der feinde vernichter bist du, soma, Städtezerstörer.
Taitt. brähm. I, 1, 2, 2: agninakäatram itj apakajanti |
grhdn ha dahukö bhavati — es ist des Agni gestirn, so
(sagen sie und) verwerfen es, das haus wird er verbrennen.
Taitt. br. I, 4, 4, 7 : rudro 'sja pa9ün ghätuko sjät —
Rudra wird sein vieh erschlagen.
Die beispiele werden genQgen, um den Sprachgebrauch
in das rechte licht zu stellen. Wir sehen also die nomina
agentis ohne verbale form in der 2. und 3. person prädi-
kativ gebraucht, wo dem subjecte eine bleibende eigen-
Schaft beigelegt wird, daher wird auch von der beschrän-
kung auf eine bestimmte zeit durch einen entsprechenden
verbalen ausdruck abstrahirt; soll die eigenschaft aber erst
zur erscheinung kommen, so wird bei der 2. sowohl als
3. person ein verbaler ausdruck von wz. as oder bhü bei-
gefOgt, ebenso wenn die Vergangenheit ausgedrückt wer-
den soll; doch steht er auch zuvt^eilen beim ausdruck der
gegenwart und zwar sowohl bei der 2. als 3. person, vor-
zugsweise aber, wie es scheint, nur dann, wenn die nomi-
nalnatur des bezüglichen wertes vorwiegt, was durch die
Verbindung mit dem genitiv statt der mit dem casus des
verbi hervortritt (R. VII, 60, 5; I, 40, 8; VI, 66, 8; VI,
36, 1). Jedenfalls ist aber die beobachtung von vnchtig-
keit, dafs die dritte person überhaupt, wenn auch seltener,
mit der copula erscheint und wenn man dazu berücksich-
tigt, dafs der knappe ausdruck der lieder den wegfall der-
selben sehr begünstigt, so wird man sich dem Schlüsse
nicht entziehen können, dafs die spräche des lebens wahr-
scheinlich auch in diesem falle den vollen personalausdruck
in weit gröfserem umfang gehabt haben werde, dafs mit-
hin der schlufs auf abwesenheit alles personalausdrucks in
anzeige. 395
der arepracbe in diesem falle wenig Wahrscheinlichkeit
habe.
Der verf. wendet sich darauf zur 3. person pluralis
und wie er die bisherige erklärung der 3. sing., wie wir
sahen^ blofs verdächtigte, so sagt er hier: „dafs Ober die
form der 3. plur. welche nt enthält irgend etwas annehm-
bares aufgestellt sei, wird niemand behaupten wollen^.
Jedenfalls lag ihm ob nachzuweisen, worin die nnannehm-
barkeit der bisherigen erklärungen bestand, um damit die
nothwendigkeit einer neuen und besseren darzuthun. Aber
mit einem so allgemeinen satze, wie der: „Wer mit mir
die strenge beobachtung der lautgesetze fUr den grnnd-
pfeiler aller sprachlichen Wissenschaft hält, der mnfs u.s.w.^
kann er doch im ernst nicht meinen, die irrthOmer in den
bisherigen ansiohten bewiesen zu haben. Es lag ihm um
so mehr ob, die etwanigen verstöfse gegen die lautgesetze
darzulegen, als er selbst, wie wir mehrfach gesehen haben,
z. b. bei der hcrleitung von vajam aus einem thema matvi,
sich sehr eigenthtkmliche ansichten von denselben gebildet
zu haben scheint. Wenn er strenge beobachtung der laut*
gesetze von andern verlangt, dann durfte er doch das von
ihm selbst aufgestellte über den schwnnd des a im aus-
laut nicht blos „oftmals^ wirken lassen. Er kommt also
auch hier Ober die blolse. insinuation der willkOhr nicht
hinaus, ohne sie zu beweisen. Doch gehen wir weiter.
Scherer verlangt nun, dafs fOr die endung dritter person,
den plural mit eingeschlossen, eine erklärung zu suchen
sei, welche auf alle verschiedenen gestalten des sufSzes
gleichmäfsig anwendung leidet.
Er geht dann weiter zur erwägung „sämmtlicher for-
men^ d. h. es kommen doch vorzugsweise nur die des
sanskrit, zend und altpersischen, einmal auch die des grie-
chischen und umbrischen zur erwägung. Und zwar wer-
den nun die folgenden aufgestellt:
„In der 3. sing. perf. act. erscheint a, und skr. zend. e
der 3. sing. perf. (vedisch auch praes.) med. ist davon in-
nerlich nicht verschieden.^
Darauf dafs weder die gothische noch die griechische
396 Kuhn
act eodung erwähnt werden, legen wir kein gewicht, da
sie auf ehemaliges a zurückweisen , aber das lateinische t
soll unbeachtet bleiben und wir sollen glauben, dafs tudu-
dit nach anderem princip gebildet sei als tutöda? Wenn
ferner gesagt wird, dafs skr. zend. 6 im ätm. erscheinen,
ebenso vedisch auch im praesens, so ist an der ersehe!-
nung allerdings nicht zu zweifeln, es fragt sich nur, ob
sie nicht Übertragung aus der 1. sing, sind? Soll man glau-
ben, dafs bei der Übereinstimmung von 968^, petä mit xe««
(Tttf, xeJrai das neben ^ete stehende ^aje ursprünglicher
als 96te sei, oder das e von tutüde älter als das rai, Ton
titxmzai^ Wenn man auf diese weise der eignen erklä-
rung entgegenstehendes ignorirt, dann ist es leicht schliefs-
licfa alles auf eine form zurückzuführen.
Ferner: „In der 3. sing. aor. pass. erscheint im skr.
und zend. i: z. b.'skr. a-tod-i von wz. tud.^
Auch das richtig ; aber dies atödi wäre eine alte pas-
sivform? In älterer zeit fielen doch die functionen des me-
dii und passivi zusammen und die bildungen der allgemei-
nen tempora im sanskrit und griechischen sind ja deutlich
selbständige entwickelungen dieser sprachen; also mufs
diese form als passive relativ jung sein; daneben stehen
auch in den veden mehrfach noch die regelrechten formen
auf ista, wie agani und gäni (s. petersb. wb. s. v. gan)
neben a^aniäta u. a. (vgl. Benfey vollst, skr.-gr. §. 878—883).
Man wird nun schwerlich mit Bopp (skr.-gr. §. 458) an-
nehmen dürfen , dafs die form auf -i aus der auf iäta ge-
kürzt sei und ein blick auf die oben besprochenen aoriste
wie akdär u. s. w. zeigt, wenn man sie mit diesen passi-
vischen vergleicht, dafs sie aoristi medii sind, die sich hier
in passivischer bedeutung erhalten und zuletzt die sigma-
tische bildung in dieser person vollständig verdrängt hal-
ben. Zu jenen aoristis activi mufste aber die regelrechte
mediale form der l.sing. auf i auslauten, und so findet
sieh wirklich von act. ädäm (ä + wz. da), ved. ädam, med.
ädi*) (Benfey vollst, skr.-gramm. §. 840 n. 1 und petersb.
*) Wenn wir hier statt der sigmatischen form die nncomponirte mediale
anseige. 397
wb. 0. V. da + 5), Ton wz. vr avri, was aber R. IV, 55,5,
wie das metrum ergibt, avari zu lesen ist; so würde zu
adarpam adarpi, zu ajamam ajami, zu a^anam agani als
mediale form gehören, und so entsprechen mit Übertragung
der endung der ersten person auf die dritte (vgl. das ve-
disch so häufige e der dritten für t6) die dritten personen
ajämi (jam), akäri (kr), adar^^i (df^), asargi (srg) u. s.w.
den activen ajän, akar, adräk, asräk u. s. w., wobei die
Übertragung der kürzeren endung auf die dritte person
um so leichter platz greifen konnte, als die entsprechende'
person des activs ihre personalendung in folge der aus^
lautgesetze ganz verloren hatte.
Ferner wird von Scherer bezweifelt, dafs in den alt-
pers. imperfecten ak'unaus (wz. kar) und adarsnaus (wz.
dars) das s der endung aus t hervorgegangen sei, da man
für diesen phonetischen Übergang keinen hinlänglichen an-
hält besitze. Wir wollen vom bisherigen Standpunkt aus
nur bemerken, dafs da ak'unavatä im medium daneben
steht, ak'unaut für akunaus sich als die regelrechte form
ergibt. Femer gibt doch die Verwandlung eines t in s,
die in ein paar anderen flUen vorkommt (Spiegel §. 29
8. 147 f.), einigen anhält zu der vermuthung, dafs sie auch
hier eingetreten sei, zumal da s nach i und u bleibt (Sp.
§. 24 s. 146), während es nach a verschwand. So ist auch
zu vermuthen, dafs das t der secundairen tempora und des
ablativs im altpersischen, da ihm a vorherging, vorher zu
8 geworden war, ehe es ganz abfiel. Man vgl. das griech.
ovT(o aus ovrwQy das aus -tat hervorging und ähnliches und
berücksichtige, dafs dieser t-laut im zend nicht die reine
unaspirirte tenuis ist, sondern (gewöhnlich t umschrieben,
von Spiegel durch S) ein dem dh mit einem vokalischen
nachschlage ähnlicher laut, wozu man das ff der ags., th
der mittelengl. und s der neuenglischen 3. sing, praes. ver-
wurzelform auftreten sehen , so wird auch adithäs, adita derselben bildung
angehören, also in dieser aoristbildang (der vierten bei Benfey) auch wohl
in andern formen (akithäs, akjta n. s. w.) eine mischung ans zwei bildon-
gen anzunehmen sein.
398 Kahn
gleiche; auch Benfey fafst dies punktirte t aU den Zisch-
lauten sehr nahestehend auf (pluralbild. s. 24).
Diese beiden, ganz einzeln stehenden formen, deren s
ja möglicherweise ganz anderen grund haben kann, dienen
dem yerf. auch nur als brücke, um damit die paar formen
der 3. pl. impf, auf sa für san, sant in Verbindung zu brin-
gen, welche sich den griechischen auf aav wie iSidoaay
anschliefsen. Der Zusammenhang zwischen beiden wird
aber doch erheblich durch die Wahrnehmung gelockert, dals
*dem ak'unaus die 3. plur. act. ak'unava (für -vant) und
keine form mit sa zur seite steht. Die altpersischen for-
men auf sa sowie -aav und "Caai (in laaai) werden des-
halb wohl noch vorläufig ohne Vermittlung mit einem sin-
gularen s bleiben müssen.
Die endung us im plur. act. des perf., potent., preca-
tiv und der secundairformen der 3. klasse im sanskrit hatte
Pott etym. forsch. II, 657 f an das suff. vas des perf. act.,
nach dem verf. „sehr glaublich'^ angeknüpft. Da aber das
su£Pl vas selbst erst aus vat, vant hervorgegangen ist, wie
das griech. und skr. partic. perf. unwiderleglich darthun,
so könnte diese annähme wohl das u erklären, aber der
Ursprung des t aus s würde doch bleiben. Offenbar darum
scheint denn auch dem verf. „die annähme der grundform
ans (Aufrecht- Kirchhoff I, 107), gleichfalls ein perf. parti-
cipialsufSx , näher zu liegen^. Wer das liest, sollte mei-
nen. Aufrecht und Kirchhoff hätten die endung ans der
3. plur. auf ein particip perfecti zurückgeführt,, während
doch dort die erklärung derselben aus nt gegeben wird
und der satz „mehrfach ist das umbrische s aus t her-
vorgegangen^ die ganze auseinandersetzung einleitet. In
dieser den leser irre führenden weise citirt der verf. oft,
weshalb wir auf diese stileigenthümlichkeit besonders auf-
merksam machen; bei Scherer heifst: y^vergL Pott, Bopp
u. s. w. '^ ofl nicht: „die autorität dieser roänuer stützt
meine ansieht ebenfalls^, sondern „Pott, Bopp und andere
haben über denselben gegenständ gesprochen, sind aber
vollständig anderer ansieht als ich^. — Wenn übrigens die
secundairen formen auf an für ant (mit dem sogenannten
anzeige. 399
euphonischen s: auf ans) sohon das us als aus ans ent-
sprangen auf das natürlichste darlegen, da ä oft zu u
wird, so weisen die griechischen imperf. und aoriste üSiSov^
ißap, Jiatav neben skr. adadus, agus, asthus aufs deutlich-
ste auf den gemeinsamen Ursprung aus der einen form auf
ant hin. Wenn Scherer etwa meinen sollte, das spreche
ja fbr seine annähme eines ursprünglichen ans, da die
lautgesetze des sanskrit keinen wandel von t zu s kennen,
wie er zu glauben scheint, so weisen wir ihn auf den vo-
cativ der nomina auf mant und vant, der vedisch auf
mas und vas ausgeht, sowie auf das neutrum des part.
perf. auf vat, später vas hin (vgl. oben s. 387).
Soherer fährt s. 344 fort: „Aus der dritten plur. perf.
med. re des sanskrit ergiebt sich ein sufHx ra, im potential
und precativ ran, d. h. r(a) durch aut vermehrt wie oben
8 in grundf. saut. Wz. 91 zeigt dasselbe suflSx mit der ver*
mehrung in praes. ^^rate, imperf. a^^rata, imper. 9eratäm.
Und so nocji ähnliches bei Benfey ausf. gramm. s. 366:
vedische formen auf ram enthalten vielleicht die partikel
aiD. Im zend finden wir beide suffixgestalten und dazu
das active re, das ist r. Vermehrt durch s oder is; res,
ris, worin i wohl blos e vertritt wie Justi s. 361 §.37. 1".
Beginnen wir hier mit dem zend, so bleibt zunächst
unverständlich, was Seh. mit den beiden suffixgestalten,
die sich im zend finden sollen, meint, da darunter doch
wohl nur (das aus r6 erschlossene) ra und ran verstanden
sein könnten, während doch re und r^ erscheinen. Ver-
mehrt sollen sie durch s oder is zu res und ris sein. Nun
hatte aber Spiegel bereits gramm. s. 250 §.219 gesagt,
dafs die formen der 3. pl. pot. med. auf &res, äris auch als
Spielarten der endung an im activum und zusammenhän-
gend mit der endung us im sanskrit aufgefafst werden
könnten, was Benfey (pluralbild. s. 26 n. 1), dem Spiegels
buch erst während des druckes seiner arbeit zugegangen
war , übersehen hat. Dieser erklärt nun (a. a. o. s. 20 ff.)
are und ares für active und aus ursprünglichem ans für
ant entstandene formen, und wer den eintritt des are Dir
an in nominalthemen im zend anerkennt, wird sich unbe-
400 Kuhn
denklioh dieser ansieht aoschliefsen. Dafs dann aber die
bisherige auffassung der indischen endungen rö und rao, *
die bisher mit dem zendisehen are, ar^ verglichen wurden,
eine wesentliche stütze verliert, mufs man mit Benfey
(s. 27 f.) anerkennen. Nichts destoweniger glaube ich, dais
die bisherige erklärung aus formen der wz. as festgehalten
werden müsse, da die erklärung des unregelm&fsigen laut-
wandels von s zu r im sanskrit doch nicht so ganz uner-
klärlich ist, da agnir atra für agnis atra, agner asi flQr agnes
asi und alle derartigen anderen fälle sich doch auch nur
aus der innigen Verbindung, in die auslaut und inlaut tra-
ten, erklären. Dafs dann, nachdem der Übergang einmal
allgemein geworden, das rä, rate auch in einzelnen fällen
an consonantischen auslaut trat,* wie in vidrate u. a., kann
mich nicht von der Unrichtigkeit der erklärung überzeu-
gen. Ueberdies finden wir bei der wurzel as ein lautlich
sehr nahestehendes beispiel eines ungewöhnlichen Übergan-
ges, indem das participialfutnrum im ätm. ja bekanntlich
die 1. pers. sing, auf he statt se (dätihe) bildet. Und
wenn so der Übergang des s in h in ganz analogem Ver-
hältnisse möglich war, so kann auch der von s in r in
unserem falle nichts bedenkliches haben. Ferner habe ich
schon bei früheren gelegenheiten darauf aufmerksam ge-
macht, dafs das nebeneinanderstehen von perate, a^^rata
und xeiarai^ xiarai, xsiaxo^ xiavo^ dem man noch äsate
liaraij ^arav hinzufüge, sowie vidrate und iCaCi^ in denen
das griechische ursprüngliches (T in seiner weise behandelt
hat, doch eine so auffällige erscheinung ist, daia es doch
mehr als wunderlicher zufall wäre, wenn beide sprachen
grade in denselben verbis zu nicht identischen ausnabms-
formen gegriffen hätten. Der vereinzelt stehende lautwan-
del von s zu r im inlaut des sanskrit hat sein analogen
im altr- und mittelhochdeutschen, wo er zwar etwas weiteren
umfang gewonnen hat, aber dann ein stillstand eingetreten
ist, so dafs er nicht durchgreifendes gesetz wurde.
Eine fernere unregelmäfsigkeit bildet der scheinbar
active ausgang des potentialis und precativ auf ran; Bopp
hatte diese endung (vgl. gramm. II, 312 §• 468) f&r eine
anceige. 401
veretflmmelung aus ranta erklärt; wenn daftkr schon ap^rata
fQr a^eranta sprach, so hat sich jetzt dafür eine weitere
bestätigung in einigen andern potentialformen des ätm. ge-
fanden, so z. b. bharSrata fQr urspr. bhar^ranta, aus dem
einerseits die geläufige sanskritform bhareran, andrerseits
eben dies bharerata wurde, das sich R. X, 36, 9 findet:
brahmadvisö yiävag ^nö bharerata — die gottlosen mögen
das unglQck überallhin mit sich fortnehmen. Dabei mag
denn doch bemerkt werden, dafs die sogenannte verstOm- ^
melungstheorie bei betrachtung solcher formen nicht so
ganz im unrecht zu sein scheint. Das zeigt auch noch
die form auf rä, ram, die sich zuweilen neben ran findet,
namentlich bei wz. sr^ und drp; die form auf ram tritt
vor vokalen auf, die auf ran vor vokalen und consonanten,
im ersteren falle natürlich mit Verdoppelung des n. Da
beide formen sich nur, soviel ich weiis, in passiver bedeu-
tung finden, aber passiva in medialer form sind, so sind
sie natürlich durch dieselbe Verkürzung wie in dem eben
betrachteten falle aus ranta hervorgegangen, welches z. b.
noch in der form avavrtranta B. IV, 24, 4 erscheint (da-
neben vavrtran mehrfach vgl. Benfey Orient und occident
m, 240) ; das nn vor vokalen ist durch assimilation von
nt oder ns nach abwurf des auslautenden a entstanden,
das m aber ist aus äs hervorgegangen, nachdem auch das
auslautende s abgeworfen war, vergl. Bopp vergl. gramm.
n, 497 §.613; Benfey a. a. o. 231, wo übrigens adr^ran
als B. 1,50, 3 stehend angefahrt ist, während der text
adr^ram hat, wozu aber Säjana bemerkt, dafs eine andere
^äkhä: „ädr^rann asja k^tava:^ lese*). Nach darlegung die-
ses thatbestandes der formen ranta, rata, rann, ran, ram
wird wohl Scherers geduldiger nothnagel, die partikel am,
der mehrfach herhalten mufs, wo kein anderes mittel mehr
verschlagen will und den er selbst hier nur als „vielleicht^
angetreten bezeichnet, fallen müssen. Als äufserste Schwä-
chung des ursprünglicheren ranta erscheint übrigens noch
das vedische aduhra (3. plur. vergl. petersb. wb. s. v. duh:
*) Ebenso ist sUtt VII, 62, 6 ebenda VII, 76, 2 zu lesen.
Zeitechr. f. vgl. sprachf. XVIU. 6. 26
409 Kuhn
gandharvä apsarasö adnhra = adubata Pft. VII, 1, 8. 4 t ),
das also auch den auslautenden nasal verloren hat.
Was endlich die 3. pl. perf. med. auf rß oder irS be-
triffl;, die nach Scherer mit dem nominalsuffix ra gebildet
sein soll, so kann diese nach unserer auffassung von ranta,
rata, ran, rate nicht getrennt werden, sie scheint durch
falsche analogie gebildet und wie stave fQr stavate, pinve
fbr pinvate eintritt, so scheint rß fQr ursprüngliches rate
zu stehen und auch hier r fdr älteres s eingetreten. Die
regelrechte Verbindung mit der reduplicirten wurzel mittels
i bat dann wohl hier wie bei ran scbliefslich die unmittel-
bare Verbindung des cousonantischen auslauts der wurzel
mit r6 herbeigeftkbrt. Die nicht seltenen vedischen formen
des perfects auf rirö erklären sich aus rirat^ für *si$ant^
siäate, wie das mediale asthiran von wz. sthä aus dem
daneben stehenden asthiäata fikr asthiSanta. Scherer hat
von ihnen gar keine notiz genommen.
Scbliefslich sei bemerkt, dafs alle diese formen mit r
der älteren Volkssprache eigenthflmlich gewesen zu sein
scheinen und daher im klassischen sanskrit nur da erschei-
nen, wo sie sich wie im perfect und in den einzelnen fäl-
len wie ^erat^ u. s. w. schon gan? festgesetzt hatten. In
den dialekten mtkssen sie aber noch Ober den erheblichen
umfang hinaus, den sie schon in den veden zeigen, sich
ausgedehnt haben, denn im pali treten sie auch in der .
bindevocalischen conjugation mit bewahrung des themati-
schen a auf, so stehen im Dhammap. (ed. FausböU s. 365)
soKare, upapag^are, la^^are fQr pö^ante, upapadjant^ lag-
^ante (vgl. dissante neben dissare Mahäv. bei Spiegel Kam-
mav. VIII nota; nisevare Five Jät. s. 7, samakKhare
ebd. S.48).
Nachdem nun Scherer in der angegebenen weise die
formen der 3. sing, und plu'r. aufgezählt hat, fahrt er fort:
„Auf welche weise finden alle die aufgezählten formen ihre
einheit? Sind nicht ant, ans, ra, ta participialsufHxe? Sind
nicht a, i, ra, ta, s (as) locativ- und, was dasselbe besa-
gen will, ablativsuffixe? Werden wir nicht demgeroäfs auch
ant, ans im sinne unserer obigen erörterungen flQr solche
anzeige. 403
erklären müssen? Was haben wir demnach an ihnen allen,
wenn nicht locativendungen und deren combinationen oder,
anders gesagt, postponirte raurapartikeln ? "
Glaubt Scherer mit dresen kurzen fragen, nach vor-
anstellung der „sämmtlichen^ formen, wirklich seine neue
theorie, dafs die dritten personen locative von participien
seien, bewiesen zu haben? Das ist doch wohl nicht anzu-
nehmen, denn es kann ihm doch nicht entgangen sein,
dafs demjenigen, der vom bisherigen Standpunkt aus z. b.
bödhati analog wie bödhämi, bödhasi aus einer Verbindung
des Verbalthemas mit einem pronominalstamm erklärte,
diese erkläruog ungemein viel wahrscheinlicher erscheinen
mQsse, als wenn die Ursprache nun auf einmal den in den
beiden ersten personen eingeschlagenen weg verlassen ha-
ben und in der dritten mit dem locativ eines participii bei
genau entsprechender handlung und nur veränderter per-
8on eingetreten sein sollte. Wenn das wirklich glaublich
gemacht werden sollte, konnten nicht solche allgemeinen
andeutungen genügen, sondern der volle beweis .für jeden
einzelnen fall war zu liefern. Bleiben wir einmal bei der
3. pers. sing, praes. stehen: hier soll also, wenn wir den
verf. recht verstehen, z. b. bödhati aus einem partic. praet.
bödhata entstanden sein, das mit verlust des auslautenden
a zum thema bödhat wurde, an welches dann das locative
i trat. Diese form sollte also wohl „im erkennen (er)*^ ss
^er erkennt^ heifsen. Wie kam denn aber die Ursprache
dazu, das part. perf. pass. als praesentisches nomen ab-
stractum der handlung zu verwenden, oder gab es zu der
zeit, wo diese form sich gebildet haben soll, noch keinen
unterschied zwischen part. praes. act. und part. perf. pass.,
existirten nur verschiedene formen von participien mit noch
nicht ausgebildeter temporalbedentung und ohne unter-
schied von actiy und passiv? Trotzdem, dafs fast alle ari-
schen sprachen die form auf ta übereinstimmend zum tbeil
bis heute in der bedeutung eines part. perf. passivi bewahrt
haben? Und wie kam die spräche dazu, selbst wenn man
eine solche unterschiedslosigkeit der participialthemen zu-
geben wollte, das nomen agentis, das particip, zum nomen
26*
404 Kuhn
actioDis umzuwandeln? Warum griff sie nicht zu dem viel
einfacheren mittel, das reine nomen actionis, bödha, das
sie ja auch in den ersten und zweiten personen verwandte,
in den locativ zu setzen. War nicht bödhe „im erkennen
(er)** eine viel natürlichere bezeichnung? Wie erklärt Sche-
rer femer die nichtübereinstimmung zwischen dem voraus-
gesetzten part. bödhata und der wirklich existirenden form
buddha? Oder haben wir nur Scherer mifsverstanden und
legt er für unseren fall die participialform bödhant zu
gründe und wäre bödhati davon der regelrechte locativ?
Dann hiefse also bödhati etwa „im erkennenden (er)^ und
bödhat, etwa neutrum „das erkennende % wäre „dem er-
kennen^ gleichgesetzt. Wie steht es dann mit dvesti, des-
sen participialstarom doch dvisant ist, wonach also dviäati
erwartet werden mflfste? Wie mit krnöti fQr welches
krnvati, wie mit junakti fQr welches jungati, wie mit lunäti
för welches lunati stehen mOfste? Und wie steht es nun
mit den verwandten sprachen, die keine schwache form
des participii kennen? Wären also z. b. lat. amat, docet,
legit, audit = amanti, docenti, legenti, audienti, griech.
TVTITBI =s TVTlTOVTl^ Ttt^tjÖC = Tl&ivTl^ goth. glbaudiu =
gibith? Oder ist auch diese auffassung nur mifsverständnifs
unsrerseits? Fast scheint es so, nach dem zu urtheilen,
was Scherer Aber die Unterscheidung des numerus s. 345 f.
und s. 359 sagt. Danach war das erste: unterschiedsloser
gebrauch der 3. Singular, fbr das subject; sei es singular
oder {Jural, dann trat eine differenzirung der Suffixe (s. 359)
f&r die lebenden ein, während bei den leblosen die ur-
sprünglich gemeinsame, nun nur dem singular angehörige
form bestehen blieb („die construction des plur. neutri mit
dem singular des verbums dürfte der arischen Ursprache
zuzuschreiben sein^, sagt der verf. s. 346). Unsere erste
annähme, dafs aus dem partic. perf. die 3. sing, hervorge-
gangen sei, wäre also doch richtig, aber dafs die form
nicht stimme, haben wir schon gesehen; doch das war nur
ein beispiel der a-conjugation, in der mi-conjugation
stimmt es vielleicht besser: asti, hari wäre ein beispiel,
aber von as gibt es ja kein part. perf., also etwa dviä
anzeige. 405
partic. dvista, 3. sing. act. dvöSti, med. dviÖtS, das würde
stimmen bis auf den guna im activ, der wobi nur durch
die analogie der beiden anderen formen des Singulars her-
vorgerufen wurde. Sehen wir weiter zu: bibharti, bhrta
stimmt nicht; junakti, jukta stimmt nicht; krnöti, krta
stimmt nicht; tanöti, tata stimmt nicht; junftti, juta, lunäti,
luna stimmt nicht. Also mit dem singular scheint es
nicht zu gehen ; die diffcrenzirung der suffixe, die fllr sin-
gular und plural eintrat, ist nun aber wohl so zu verste-
hen, dafs für den letzteren das praesenssuffix verwandt
wurde; da stimmt freilich alles, also santi, partic. sant;
dvisau^i, dviäant; bibhrati, bibhrat; jun^anti, jungant;
krnvanti, krnvant; tanvanti, tanvant; junanti, junant, lu-
iianti, lunant. Diese Übereinstimmung der 3. plur. praes.
mit dem part. praes. ist nun aber auch der bisherigen for-
scbung nicht entgangen und Benfey z. b. (kl. skr.-gramm.
8. 2ü4 §. 355) sieht den participialstamm als identisch mit
dem der 3. plur. praes. an, indem diese das i aufgab und
nooiinalstamm wurde. Er hat also den umgekehrten weg
wie Scherer eingeschlagen, indem er das nonien aus dem
verbum entstehen liefs. Der Zusammenhang zwischen bei-
den formen ist wohl unläugbar, aber der versuch Scherers
nun, danach alle dritten verbalformen för nominalformen
ZU erklären, scheint mir als vollständig gescheitert ange-
sehen werden zu müssen.
Und wie stände es denn nun, von all dem abgesehen^
mit der begriffsentwicklung der form nach Scherer? Er
hat ja das partic. auf ant als aus dem locativischen an
(s. 340 f.) mit angetretenem ablativ d. i. nach ihm wieder
locativsuffix erklärt; soll die Ursprache „er erkennt^ wirk-
lich durch „erkennen -t- in + in + in^ ausgedrückt haben?
Wenden wir uns zu den modis, wie steht es da mit der
hypothese, „in welcher alle au%ezählten formen ihre ein-
heit finden?^ Im ä resp. a des conjnnctivs will Scfa. eine
locativendung mit der bedeutung des „wohin^ erkennen,
da wäre also etwa bödhäti aus ursprünglichem bödha+a
-H an H- 1 H- i =s „erkennen -f- auf hin + in -|- in -H in ? **
Soweit konnte man sich also noch ungefähr eine vorstel-
406 Kuhn
luDg von dem wege machen, auf dem sich der begriff ent-
wickelt hätte, beim potential und vielen der anderen for-
men, die hier unberührt geblieben sind, wüfste ich in der
that nicht, wie die entwickelung vor sich gegangen sein
sollte. Wir werden also erst eine bis ins einzelnste durch-
geführte darlegung Scherer's abwarten müssen, ehe wir
auf eine weitere Widerlegung eingehen können. Nur das
sei dazu bemerkt, dafs das locative a, welches auch hier
seine rolle spielen soll, nach unserem obigen nach weis
dieselbe hoffentlich ausgespielt haben wird.
Auf alle die folgerungen, welche Scherer aus seiner
erkl&rung zieht, weiter einzugehen, wäre müssige , arbeit,
so lange die erklärung selber noch so mangelhaft ist. Nur
auf eins möchten wir noch aufmerksam machen; wenn
Seh. nämlich s. 346 sagt: „Die Verwendung des locativs
für die blofse wurzel in der dritten person kann nach al-
lem, was vorausgegangen^ nicht mehr auffallen. Ein paar
analogieen mag man aus M. Müiler^s vorles. II, 13 — 17
entnehmen^, so hätte er auch Müller noch weiter citiren
sollen, der s. 24 (der engl ausgäbe von 1864) sagt: „Mr.
Garnett, however, after establishing the principle that tfae
participle present may be expressed by the locative of a
verbal noun, endeavours in bis excellent paper to show
that the original Indo-European participle, the Latin
amans, the Greek typtön, the Sanskrit bodhat, were
formed on the same principle: — that they are all in
flected cases of a verbal noun. In thi^, I believe, he häs
failed, as many have faiied before and after him, by ima-
gining that what has been found to be true in one portion
of the vast kingdom of speech must be equally true in
all. This is not so, and cannot be so. Language, thoagh
its growth is governed by intelligible principles throughout,
was not so uniform in its progress as to repeat exactly
the same phenomena at every stage of its life.^ Scherer
folgt hier wieder der weise des citirens, auf die wir schon
oben aufmerksam gemacht haben; hier war eine auf
Müller^s abweichende ansieht hinweisende bemerkung doch
wohl sehr am orte, um nicht den schein zu erwecken, als
anseige. 407
solle Malier mit der von Garnett und Scherer vertretenen
ansiebt einverstanden sein.
Scbliefslich geht Scherer in seiner Schwärmerei für
den verbalen locativ so weit, zu vermothen, dafs im aor.
auf im (vedisch fQr iäam), is, It*) auch ein locativ auf I
mit angehängter personalendung stecken möge. Dafs der
locativ auf i nur eine sehr seltene erscheinung in den veden
sei (tanvi, dhmätarl, €tarl) und der dual und plural dieses
aorists durchweg das s der wurzel as zeigen, scheint ihn
dabei gar nicht zu stören. Mich wundert dabei nur das
eine, dalis Scherer nun nicht auch das praesens und im-
perfectum der bindevocalischen conjugation auf dieselbe
weise erklärt hat, denn nach seiner auffassung ist ja a lo-
cativendung, folglich konnte doch mit viel gröfserem rechte
bödhämi (aus bödha + am -H i) bödha + s + i u. s. w. als
„im schlagen ich hier, im schlagen du hier^ u. s. w. erklärt
werden.
Der sechste und letzte aufsatz dieses abschnittes ver^
sucht es, nach den vorangegangenen Untersuchungen die
grundlinien der geschichte der arischen Ursprache zu ziehen.
Da wir vieles in jenen bekämpft haben, können wir natür-
lich auch hier den daraus gezogenen resultaten in den
wenigsten punkten beistimmen. Dazu kommt, dafs Scherer
auch hier wie in dem ganzen, buche im ausdruck oft so
kurz und dunkel ist und es selbst mehrfach nicht einmal
für nothig hält auf den ort, wo er die jeweilig besprochene
sprachliche erscheinung behandelt hat, zurückzuverweisen,
dals man sein buch, wie die Inder Pänini's sfltras, aus-
wendig gelernt haben müfste, um sicher zu sein, dafs man
ihn auch richtig verstehe.
Die erste periode kennt nach Scherer die blofse juzta-
position materieller wurzeln, in der sich feste, formelhafte
Verbindungen von solcher macht und bedentung bilden, dals
sie beibehalten wurden, als jene periode ihr ende nahm,
und dergestalt innerhalb einer Sprachentwicklung, die von
^) Es gibt ftlr die erste penon wohl nur die beiden beiepiele vadhim«
kramlm. Man vgl. jedoch die paiiformen auf i wie Ssi u. s. w.
406 Kuhn
gams andera mftcbten bewegt wurde, dae vorbild and mo-
8ter Ar neue formationen abgaben (s. 349).
Das sind die composita, die älteste sprachliche Urkunde,
die wir besitzen (s. 350).
Wo sind denn nun diese Urkunden? Der verf. gibt
uns hier auch nicht ein einziges beispiel davon und wir
sollen ihm an dies adelsgeschlecht (s. 349) ohne die adels-
diplome willig glauben? Es ist doch eine allseitig bekannte
thatsache, dafs die composita, die aDen oder auch nur
mehreren der indogermanischen Völker gemeinsam sind
(wenn man von der Stammbildung, nominal- und verbal-
flexion absieht, die schliefslich auch eomposition ist), eine
▼erschwindend kleine zahl sind, und aus diesen wenigen
resten soll man die gesetze der altarischen Wortfolge cor
zeit der wurzelperiode abstrahiren können? Dazu geht
Seh. wirklich muthig vor, aber er beschränkt sich auf das
Sanskrit und selbst hier scheint ihm der vorhandene bestand
nicht in seinem ganzen umfang bekannt, oder ignorirt er
nur, was seinen resul taten widerspricht? Sein resultat näm-
lich ist: „Object, prädicat, subject: dies die ahe Wortfolge'
(s. 353).
Hier wäre doch zunächst zu untersuchen gewesen, ob
die tatpuruäabildungen, deren erster theil ein im accusativ
gedachtes thema bildet, sich wirklich Aber ihre sechzehn
ahnen ausweisen können. Und sagt nicht Scherer selbst:
„Wie jung sind die accusative auf am!** (s. 348 vgl. s. 299)
und diese accusativbildungen finden sich doch in den veden
gar nicht selten in der eomposition (vergl. einige beispiele
bei Benfey vollst, gr. s. 265 §. 653 ; ihre zahl ist viel grö-
fser, mir fallen nur eben noch dhijäginva, vi^vaminva, ag-
nimindha, purädara, a^vamiäti ein, vgl. noch Pän. VI, 3, 70
und die värttika's dazu). Diese möchten doch also verhält-
nifsmäfsig jung sein, zumal sie offenbar aus blofser anrQk-
kung entstanden sind. Erwägen wir daher vä^ambhara
neben bharadväga, so möchte doch die entscheidung für
das höhere alter des letzteren ausfallen, und um so mehr
als das zend und das griechische diese bildung ebenfalls
in ziemlicher ausdehnung zeigen, vgl. Justi zusammens. d.
anzeige. 409
nomina 8. 42 — 45. 106 — 7. Jedenfalls geht daraus hervor,
dafs die Stellung des objects, als die bilduog der com-
posita aus stammen und nicht aus wurzeln stattfand, keine
feste gewesen sein könne. Um stftmme handelt es sich
nun aber freilich hier nicht, sondern um wurzeln; nur aus
ihnen liefse sich ein beweis herholen; Wörter wie bhüpa,
göpa würden den ausschlag zu gunsten von Scherers an-
sieht geben, wenn man nur sicher wSre, dafs der erste
theil im accusativ und nicht, was wahrscheinlicher ist im
genitiv, gedacht wäre, denn neben ihnen stehen bhüpati,
göpati und bhuvaspati, gay&mpati. Ehe also keine that-
sfichlichen beweise aus der spräche vorliegen, können wir
Scherer's vorangestellten satz nur f&r eine hypothese gelten
lassen und zwar fOr eine solche, der seine eigne autoritftt
entgegensteht, denn s. 217 hat er ja dvikS^ aus dvik tv4 i
ss= „es hafst dich^ erklärt, mithin selber dem object seine
stelle hinter dem prädicat angewiesen. Welchem Scherer
soll man nun glauben, dem von s. 217 oder dem von s. 353?
Einen analogen fall des Widerspruchs haben wir auf
8. 331 und 340, wo die bildung der a-conjugation fbr jün-
ger als die übrigen erklärt wird und an letzterer stelle
drei perioden der verbalbildung aufgestellt werden, von
denen die erste durch die verbalklassen 7, 9, 8, 5, 2, 3, die
zweite durch 1, ß, die letzte durch 4 und 10 vertreten ist.
Aber s. 222 hatte der verf. gesagt: „Keineswegs aber dürfen
wir annehmen, es [nämlich das dhi des imperativsj sei wo
der reine präsensstamm als 2. sing, imper. fnngirt, abgefal-
len oder mit dem stamme nicht verschmolzen. Hauptsäch-
lich die a-stämme, die sog. erste hauptconjugation des Sans-
krit, zeigen diese ausdrucksweise, und wir werden im ver-
bum noch ein beispiel haben, besonders aber beim nomen
beobachten, dafs die flexion der abstamme sich zu-
erst abgeschlossen hat und einen älteren zustand
repräsentirt als die flexion der übrigen^. Wenn
wir es hier nicht etwa mit einer jener oben s. 398 bespro-
chenen stileigenthümlichkeiten zu thun haben, so möchte
der Widerspruch allerdings etwas stark erscheinen und die
ganze Chronologie etwas unzuverlässig machen.
410 Kahn
Scherer sagt ferner, dafs er für das älteste gramma-
tische mittel nächst der geordneten Debeneinanderstellang
die reduplication halte. ^Ihre entstehung, fährt er fort,
dörfle in eine zeit zurückreichen, in welcher nar erst die
wurzelform consouant mehr vocal existirte. Was damals
Wiederholung der wurzel, war später Wiederholung des an-
lautenden consonanten mit dem wurzelvokal^.
Die möglichkeit dieser auffassung kann man wohl zu-
geben, doch kann die wurzelbildung mit auslautendem con-
ßonanten auch schon vorher eingetreten sein und jedenfalls
hat es eine zeit gegeben, wo wurzeln aus consonant + vo-
cal + con8onant, die volle wurzel rednplicirten, wie dies
die intensiva dardar, kankal käkal fQr kallbtl (älteres kar-
kar), badbadbäna, jamjamiti, nannamiti, namnamäna u. s. w.
zeigen, und die vedische länge im pf. dädhära u.a. (bei-
spiele bei Bf. vollst, gr. s. 373 n. 8) macht wahrscheinlich,
dafs auch die perfecta noch längere zeit dieser bildnng
gefolgt seien.
Wenn wir nun aber zugeben, dafs die reduplication
eins der ältesten grammatischen mittel für die verbalflexion
sei, so können wir dasselbe doch nicht für die nominal-
flexion zugeben (s. 355), da wir das, was s. 260 dafikr bei-
gebracht ist, nicht flQr richtig halten; ein plural mamaoder
mamas hat, wie wir glauben, nie existirt. Ueberdies läTst
sich vermuthen, dafs die spräche das bedürfnifs die plura-
lität concreter dinge auszudrücken viel früher gehabt habe
als den . ausdruck mathematischer werthe f&r dieselben, wie
es die pronomina sind.
Gegen die annahmen, auf welche die folgenden ent-
Wickelungen basirt sind, haben wir mehrfach im vorherge-
henden Widerspruch erhoben und können daher auch die
hier darüber vorgetragene historische entwicklung nicht
anerkennen.
Wenn Scherer ferner sagt (s. 358), dals, nachdem die
a-stämme sowohl des nomens als des verbums gebildet
waren, der kreis möglicher verbalbildungen geschlossen sei,
„d. h. keine neu entstandenen nomina konnten durch blofte
Vorsetzung vor die pronominalsufBxe verbale präsenastämme
anzeige. 411
werden^, so widerspricht dem das sanskrit, welches eine
ganze zahl derartiger Bildungen aufweist, die wie z. b.
krsnati, er bandelt wie Kräna, erst nach dieser periode ent-
standen sein mfissen, da es in ihr noch keinen Kräna gab;
das griech. Iqivvvhv^ durch welches man bekanntlich den
namen der Demeter Erinnys zu erklären suchte, steht doch
wohl auch auf derselben stufe und die skr. participialbil-
düngen wie bhrgaväna, takaväna ebenfalls. Weitere bei-
spiele findet man bei Benfey vollst, gr. §. 212 s. 98; kl. gr.
§. 180 f. und Vopadeva XXI, 7—9, wo z. b. noch pitarati
(▼OD pitar), löhitati neben löhitäjati, löhitäjate (von löhita)
rotb werden sich findet.
Am Schlüsse seiner skizze der vier epochen des alta-
rischen sagt Scherer: „Wie wenig in dieser flQchtigen
skizze und im vorliegenden aufsatze auch geleistet sein
mag gegenüber der aufgäbe, die wir — dank den fort-
schritten der vergleichenden linguistik — schon ins äuge
fassen dOrfen, gegenüber der aufgäbe einer geschichte der
arischen Ursprache: die grundlinien der flexionsgeschichte
scheinen mir doch gezogen'^.
Diese Selbstkritik harmonirt freilich nur in ihrem ersten
theile mit der unsrigen, aber sie bewegt sich selbst in nur
zu unvereinbaren gegensätzen, wie sie nur zwischen all und
nichts, hochmuth und bescheidenheit gefunden werden kön-
nen, als dafs sie nicht schon dadurch als nicht ganz un-
parteiisch und daher nicht ganz das richtige treffend er-
scheinen sollte. Jedenfalls empfiehlt es sich mehr, das nr-
theil der mitforscher abzuwarten als ihm, wenn auch schein-
bar noch so bescheiden, vorzugreifen. Wir können daher
uDsern lesern die entscheidung darüber, ob sie auch dem
zweiten theile von Scherer's obigem satze zustimmen wollen
oder nicht, überlassen.
A. Kuhn.
412 Fick
lira und porca das ackerbeet; fieUvrj die hirse,
malva die malve.
1. Lira f. das ackerbeet ist meines Wissens bis jetzt
den etymologen noch TöUig dunkel geblieben, und doch ist
es ein uraltes, wenn auch nicht indogermanisches, so doch
den europäischen sprachen gemeinsames wort, das für die
frühe ausbildung des ackerbaus in Europa einen weiteren
beleg giebt.
Es steht nämlich lira f&r Itsa und läfst sich in dieser
form in den meisten sprachen Nordeuropas nachweisen.
Betrachten wir zunächst die bedeutung des worts. lira
heifst der zwischen zwei furchen aufgeworfne boden eines
ackers, das beet, ackerbeet, sodann auch mit leichter Über-
tragung die ackerfiirche; lirätim furchenweis, Ur-äre den
samen in die fiirchen bringen. Dd-liru-s bedeutet eigentlich
^aus der furche gerathend beim pflügen'^, sodann überhaupt
^entgleisend^, endlich (und diese bedeutung ist allein über-
liefert) „aus dem (richtigen) gleise (im denken und handeln)
gerathen, yerrflckt, wahnsinnig^. Das denominativ von
delirus, delirare, ist dadurch interessant, dafs es noch hier
und da die ursprüngliche bedeutung „entgleisen, aus der
richtigen bahn kommen^ zeigt. So in „nil ut deliret
amussis^ freilich erst bei dem späten Ausonius. Von de-
lirus stammt dann noch, um die ableitungen des worts alle
zu nennen, dSlir-iu-m n. Wahnsinn.
Unter den reflexen des worts in andern sprachen ist
der altpreufsische der grundgestalt lts& am nächsten. Wir
lesen nämlich in dem deutsch -preufsiscben vocabular, her-
ausgegeben von Nesselmann, Königsberg 1868 unter no. 242:
Bete lyso unter einer gruppe von Wörtern, die auf den
ackerbau bezug haben, zwischen reen (rain) und pflüg.
Richtig giebt daher Nesselmann in der alphabetischen Ord-
nung an: lyso beet auf dem acker. j ist hier einfach zei-
chen für langes i, das auslautende o f&r altes femininales ä
ist eine eigenthümlichkeit des pomesanischen dialects der
preufsiscben spräche, deren übrige quellen in diesem fiedle
a zeigen. So lesen wir im vocabular menso fleisch, crauyo
miscellen. 413
blat, im katechismus mensa, krawia s. Nesselmano, voca-
bolar 8. 6. Der dialect, in welchem der katechismus ver-
fafst ist, würde demnach bieten: lisa f. ackerbeet, oder
geradezu die unveränderte grundform des wort. Eine ab-
geleitete form zeigt das litauische nämlich: lys-e f. das ist
lys-ja, als dessen bedeutung Nesselmann angiebt „garten-
beet, auch ein beet im roggenfelde ''. Im altbulgarischen
lautet das wort: l^cha f. ackerbeet, beet {noaaid^ area bei
Miklosich) mit dem bekannten übergange von ursprüngli-
chem 8 zwischen vocalen in eh. Die weiteren reflexe in
den übrigen slavischen sprachen sehe man bei Miklosich
unter lecha.
In der etwas weiteren bedeutung furche, geleise, der
wir auch bei Itra begegneten, finden wir endlich unser wort
im ahd. leisa, mhd. leise f. geleise, spur, auch im ahd. fora-
-leiso m. der die spur vorher tritt, Vorgänger, Wegweiser.
Im neuhochdeutschen ist nur die composition ge-leise, g^leis
erhalten. Xri'iov saat, feld läfst sich wohl nicht mit \hk
combiniren. Dagegen erhält ein anderes lateinisches wort,
das ebenfalls ackerbeet bedeutet, aus der griechischen pa-
rallelform sein licht. Nämlich
2. porca f. hat aufser der bedeutung ^sau^ als femi-
nin zu porcu-s, noch die ganz verschiedene „das zwischen
zwei furchen hervorragende erdreich, ackerbeet^. Dafs
nun die alten Latiner das ackerbeet „sau'^ genannt hätten,
wer möchte das glauben? Vielmehr liegt hier ein ganz
verschiedenes wort vor, das sich durch herbeiziehung eines
griechischen worts aufhellen läfst. Es bedeutet nämlich
im griechischen ngaaid f. das beet, allerdings nur das
gartenbeet, allein dies wird man doch nicht als wirkliche
differenz auffassen. Nun wird das so ähnliche nQaaov n.
lauch reflectirt durch lai porru-m f&r porsu-m, parsu-m.
Ist die annähme nun zu kühn, dafs ngaa-ia oder vielmehr
sein Stammwort, etwa ngaoo- lautend, reflectirt sei durch
ein lat. porro- f&r parso mit derselben bedeutung: beet?
An dieses porro- beet trat nun, wie im griechischen das
secundärsuffix -<a, so im lateinischen -ca, und so ward aus
porr-ca por-ca ackerbeet.
4U Pick
3. Da wir einmal auf die alterthQmer des ackerbaos
gerathen sind, mag hier noch der möglichkeit gedacht
werden, eine getreideart, von der man das sonst nicht ge-
glaubt, als gemeinbesitz aller europäischen Völker des in*
dogermanischen Stammes nachzuweisen. puXivt] f. hirse
begnOgte man sich bis jetzt mit lat. mil-iu-m n. hirse zu-
sammenzustellen; allein das wort findet sich auch im li-
tauischen. Hier heifst malnos pl. f. hirse, Schwaden. Der
Singular malna f. ist zuftllig nicht gebräuchlich, er würde
nach analogie von sora f. hirsekorn, pl. soros hirse, das
einzelne hirsekorn bedeuten. Dieses lit. mal-na ist nun
genau mit uikivtj identisch, indem das sufBx -iua im litaui-
schen nicht selten zu -na verkürzt erscheint, wie z. b. in
szlov-na-s berühmt verglichen mit ksl. slov-ifnü. Freilich
Uefse sich auch an entlehnung denken; bis diese jedoch
nachgewiesen, haben wir ein recht als europäische grund-
form malin& f. hirse aufzustellen.
4. Bin an fifMvfj malna anklingender pflanzenname,
das lat. malva f. die malve läfst sich als allgemein indo-
germanisch nachweisen durch die folgenden reflexe. Im
Sanskrit bezeichnen maruva und maruvaka m. verschiedene
pflanzen, besonders eine art majoran und ocimum, die in
ihrem habitus den malven nicht unähnlich sind. Dafs auch
das gr. fjiaXaxfj f. die malve hierher gehöre, dafs ^talaxri
ftr piaXfaxfi stehe, wird bewiesen durch fidXßaxa^ einen
accusativ entweder sg. von piaXßai, oder pl. von uakßaxov.
Die bedeutung wird sein: die weiche pflanze, vergt. verf.
Wörterbuch unter marva.
Allerlei.
xafoio^^ Titpa^, TiXarViS salzig, nXijofia same, UQ^^ua^
cpUog^ küoäo^'l hairto, fon, fani.
Bei einer erneuten durchmusterung des Wortschatzes
derjenigen sprachen, aus deren vergleichuog ich das lexikon
der indogermanischen grnndsprache zu reconstruiren unter-
nommen, fiel mir ein allerlei an parallelen in die bände,
miscellen. 415
das ich hier in bunter folge veröffentliche, wenn auch eini-
ges nicht ganz neu und nicht sehr bedeutend sein sollte.
1. xdqaio-g quer, schräg scheint auf ein älteres xagao-
zu gehen, das im lit. skersa-s quer, schräg erhalten scheint;
dazu gehört die ksl. praeposition cresü quer durch; femer
lat cerron- für cerson- ein querkopf, cerr-itus verrückt.
Wegen lit. skersa-s mufs man wohl skarsa als grundform
ansetzen.
2. niva^ brett, tafel kann nicht getrennt werden vom
skr. pinäka m. n. stock, stab; keule. In der bedeutung ist
eine kleine differenz; sie liefse sich ausgleichen durch an-
setzung der grundbedeutung: holzstück, latte.
3. nXarvg hat aufser „ breit ^ noch die bedeutung
scharf, salzig, bei Herodot heifst nXarv vSwg salziges was-
ser; in unsem lexicis wird dies nXarvq mit nXarvg breit
herkömmlich zusammengeworfen. Natürlich ist es ein an-
deres wort; im sanskrit entspricht genau patu scharf, ste-
chend von geschmack, patu n. salz, patu steht fQr partu;
man hat demnach anzusetzen ein indogermanisches partu
scharf von geschmack.
4. TtX-^a^a n. heifst fbllung, sodann aber „same^ wie
nif4nXi]ui füllen und schwängern, neTilfja&aL voll und
schwanger sein, nkrjöfia steht natürlich ilQr *nXrj^a^ und
diesem wort entspricht ksl. plem^ n. same, das nicht etwa
entlehnt ist und in reichen ableitungen in allen sl avischen
sprachen erscheint. Lat. pl^men-, plSmentu-m in compo-
sitis hat blofs die bedeutung „füllung^.
5. nQTJaua n. brand, ngrjfiaivu) für 7iQ9]^aV'ioi) heftig
wehen, von ni^Ttgtjui brennen, wehen. Dem entspricht ksl.
plamy, gen. plamen-e ro. brand, wie denn das ganze verb
Tigrj- brennen sich im slavischen sehr schön entwickelt
nachweisen läfst.
6. cpiXo-q ein vielversuchtes wort scheint mir am er-
sten folgender combination sich zu fügen. Skr. bhävaja
das causale von bhfi heifst bekanntlich auch pflegen, för-
dern, bhävajämi ich fordere, pflege ist = lat. faveo fSrdere,
pflege, skr. bhävajitar m. gönner entspricht fautor, alt favi-
tor m. gönner. Von bhü in diesem sinne stammt bhavila.
416 Fick, misceUen.
welches günstig, hold bedeutet wie bhayja. Hiermit scheiot
q>iXo-Q identisch und demnach för (f^iXo-g^ cpifiXo-g zu
stehen. Aus (pifiko-q f&r (psfiko-g erklärt sich denn auch
die länge des 7, hier und da bei Homer, Mit (filo^g o^er
vielmehr ursprünglichem bbavila identificire ich ferner mhd.
buole m. f. buhle; geliebter, geliebte, ursprünglich wie be-
kannt keineswegs mit übler nebenbedeutung.
7. logSo-g gekrümmt, gebogen sieht sehr seltsam aus;
ich stelle dazu das ebenso seltsame ahd. lerz, lurz link,
ohne über den Ursprung beider Wörter eine vermuthung
zu wagen.
8. Das thema *(s)kardan n. herz, das im goth. hatrto,
stamm hairtan n. herz vorliegt, findet sich auch im zend.
zarezdan n. herz, wo z eingeschoben ist.
9. Goth. fon feuer ist in meinem Wörterbuch unrichtig
zu skr. pavana feuer gestellt, da doch goth. o regelrecht
altes k reflectirt. Vielmehr gehört es zu altpreufsisch (vö-
cabular) panno f. feuer, panu-staclan feuerstahl, und zum
griechischen nävo-g m. brand, fackel; herzuleiten vom vb.
skr. pä trocknen. Das altpreufsische vocabular enthält
überhaupt eine fblle schöner alter themen und verdiente
eine sorgfältige behandlung. Ich nenne hier nur lauxno-s
pl. f. gestirne, das ich mit zend. raokhsna glänzend, subst.
m. glänz zusammenstelle, kirsna-n schwarz = skr. krsna
schwarz, pannea-n moosbruch sss goth. fani thema fanja-
koth, ags. fenn, fen, an. fen n., ahd. fenna und fenni f.
sumpf. In meinem Wörterbuch sind unter panka goth. fani
und ndaxo-g unrichtig zu skr« panka gestellt, womit sie
doch nur die wurzel gemein haben; vielmehr gehören nd-
cxo-g und lit. pöska f. sand und ksl. pesükü m. sand zu
skr. pSsu, p&suka m. sand, staub.
Göttingen, 14. decbr. 1868. A. Fick.
3m SJctlagJ^SWagajin in Sürid^ ijl crfd^tencn unb but^ aUe
.53xc
im(id)tbttrfn ^Ifaberte
bcr
iptt^tnUn 3Äettf^^eit
©erfaffct Tlnonymns.
I. X^eil: 1. u. 2. JBcfl ^ 12 ©gr.
S)ur(l^ atte ^ud^l^anblmtgen ju beate^en:
^er ^almtub
(Smaniul i^eutfc^^
«ibHot5«fat am »rüift^n SRufeum in Sonbon, SWitglieb ber «. «fiatifc^en ©efeafd^aft,
b« 2)e«tf(^en 8»x>rfl«iläiibff«ien ©efeUfd^aft, bet Boyal Society of Litoratnre u. \. »-
^\a bcr ficbentcn englifd^cn Auflage in'8 SDcutfd^c übertragen,
^ntorifirte Ausgabe,
gr. 8. ge^. 12 @gr.
£)iefe Heine Schrift giebt eine unbefangene 2)arfteaung beS ^onmx
Söeniaen gcfannten unb »on f o SHelen gef dbm&^ten merfwürbigen S3u*e|.
©iefelbe ^at in euglonb ungeheures ^uffel^n erregt unb ift m m
atte ©pxa^tn (guro»a'ö überfe^t worben. S)ie öorlicgenbe Ueberfejung
^at ber löerfaff« felbft an toielen <SteUen ergSnjt unb toerbejfert.
gerb. Tümmler*« ©erlag«bu(b^anblunfl in SöcrUn.
3m SJcrIagc bcr (Srcu^'f^cn ©u(^b«nblung in SWagbcburg ip
crfi^icncn unb bur4 atte l^ud^banblungen gu beatcbcn:
Altgriechische Märchen
der Odyssee.
Ein Beitrag zur vergleichenden Mythologie
von
Dp. G. Gerland.
geh. lOSgr.
!Dur($ alle 8u(^baublungen ifl unentgeltlid^ ju ermatten:
^fqeid^tti^ »Ott ^itd^ern unlk Jfttfd^nflen
aus bcm ®ebietc ber ©^jra^forfd^ung fototc ber Stteratur*
gefdötd^te, SDiptl^oIogte, @t\ä)i6)k unb SSülfertunbe.
2)affer6c ent^SIt äffe auf <^]pracbe unb Literatur (ctafrtf($e, orientaüfd^c
unb mobemc V^ilologic) \iäf bcaie^cnbcn ©d^riftcn unb ßeilfd^riftcn unferc«
9erlage9, ^nffinbigung neuer Unterne(^mungen, foivic eine Siflc ber bereite
t>ergrtffencn, unb enbltd^ bcr im greife ermägigtcn Sttd^er aud bcn genannt
ten Gebieten. 2)a9 i^crjcid^nig umfogt fafl 200 9lummem.
8er(in. %tth. £&mtttlet*^ Setla^^Bui^^anbluno»
((^arrtoig unb ©pgmann.)
Preisermässignng.
Jetzt I Thaler baar (früher 3 Thaler).
Libri ludicum et Ruth seC. versionem Syriaco-Hexa-
plarem ex codice Musei Britannici nunc primum editi^
Saeoe translati notisque illustrati. Ed. Th. S. Kordam.
avniae 1859.
Bestellungen bitte mir über Leipzig durch Herrn
K. F. Köhler zukommen zu lassen.
Kopenhagen. j8tto 3(^nKtr^.
3n ptxh. jDttmmler^ft iüerlogebn^l^anhlung ((^amDi^ ttnb (Sogmonn)
in ©crlin jinb crfdi^icncn:
2Frfnjtl(^arl), 9icuc (gtubtcn. 1868. a3eUrn>a|)ter. gr.8.
@c^. 1 S^lr. 20 ©gr.
3n^ialt: 2)a« „SWobctne*' in bet Äunfl. — ©tctor ^Ußo'ö fogialc
aiomanc. — (gbgar iUan 55oe. — 2)er ^iflorifd^c 8loinan. — 2)1« Siöonb»
gemälbc Äaulbad^'« im ?Rcue« SWufeum. — 2)cr \>olitifdJe 9?oman. — a>ic
Briefe bed 3uniu9. — XadtaS nnb bie d^aren. — (Srnfl ä^encm'd 9^>oßeI.
— a)ic ©orläufcr ©ariBalbi*«. — (Spoäftn ber bcutfdjcn ©efd^ic^tc — »itf*
flabcn bct (ScWidJtfdJrciBung. —
M^on bem gei^Doden f^euiUetomflen ber 9{attonaI«3cttvng Hegt ein
S3anb „wiener €5tubten" t)or, weld^e wir auf ba« «ngelcgenttid^fle OTen
cntpfe^fen, bie für fiunfl unb ffiiffenfd^aft ein ©ilbangStntercffe babcn. —
S)ie lebendt}oIl[e gönn ber (Snttoicflung aller %n[i(l^ttn, tottdft {tet6 in bie
tootte ©irfltt^feit hineingreift, ip nic^t ber geringflc SJorgng be« ©ndjefl unb
mirb tl^re Sngie^ungdfraft auf einen gebilbeten £eferlreid beioä^ren.'*
Siterar. (EentralBIatt.
In Ferd. Dümmler's Verlagsbuchhandlimg (Harrwiu and Gois-
mann) in Berlin ist im vorigen Jahre erschienen:
Sobler (Dt. Ifubmi^f Professor an der Hochschule zu
Bern), Ueber die Wortzusammensetzung mit einem Anhang
über die verstärkenden Zusammensetzungen. Ein Beitrag
zur philosophischen und vergleichenden SprachwissenschafL
1868. gr. 8, geh. 1 Thir.
Hl, Prof. Stein thal spricht sich im Eingange einer längeren Be-
urtheilong (Zeitschrift für Völkerpsychologie nnd Sprachwissenschaft VI. 3.)
dieser Schrift wie folgt aus: «Der Verfasser ist durch manchen sprach-
wissenschaftlichen Aufsatz in dieser wie in andern Zeitschriften schon
längst vortheilhaft bekannt. In der vorliegenden ausgeführten Monographie
tritt der Charakter seiner Bestrebungen noch deutlicher hervor, als dies
schon in den kleineren Arbeiten der Fall war. Indessen, wie sorgfaltig
er auch um die relative Vollständigkeit, noch mehr um die richtige und
genaue Darstellung der Thatsachen bemüht ist: nicht hier liegt der eigen-
thümliche Weräi seiner Bestrebungen. Der ist vielmehr in der begrifflidien
und idealen Durchdringung und Verknüpfung des Bestandes der "Diät-
Sachen zu erkennen. — Sprechen wir nun nach der einen Seite hin,
nämlich nach Seiten der Kenntnifs und Aufnahme der Thatsachen kurz
und schlechthin unsere Anerkennung aus, und prüfen wir nun nach der
andern Seite hin, inwiefern ihm nach der Ueberschan auch die Durch-
schau der Thatsachen gelungen isf Die Benrtheilung schliefst mit den
Worten: „Wer die angedeutete Aufgabe übernehmen wollte, würde in
des Verfassers Buch eine vortreffüche Grundlage finden.* —
A.W. Schade's Bochdrack«rei (L. Schade) ia Berlin, Stallaehrelbentr. 47.
'•i .-. ,s I
ZEITSCHRIFT
FÜR
VERGLEICHENDE
SPRACHFORSCHUNG
AUF DEM GEBIETE DES
DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND
LATEINISCHEN
HERAUSGEGEBEN
VOM
Dr. ADAXiBBaT KUHN,
PROFB880R AV CdLKISORBN OTlUrASIUM ZU BBBLDf.
BAND XVm.
SECHSTES HEFT.
^ BERLIN,
FERD. DÜMMLER'S VERLAOSBUCHHANDLUNO
(HABHWITZ UND GOSSMANN)
1869.
Inhalt. Seite
Lateinisches nnd romaniscbes. IV. Von G. I. As coli . . . . 417
Ans« ige: Revue de lingaittique et de philoIogie comparee, recueil
trimestriel de docameote poar servir i la science positive des
langaes, i IVthnologie, k la mythologie et k Thistoire. 1, 1 et 2.
Aneezeigt von Johannes Schmidt 446
Miscellen: Za den secand&rsuffizen -an, -ina, -inja, -tä, -tva, -vant.
Von A. Fiok ; 453
Nimif. Von Michel Br^al 456
Sach- nnd Wortregister. Von £. Kahn 457
Antiq. Yerzeichn. No. 88. Bibliotheca philolog.
3300 Nummern. Preis 2^ Sgr.
J. A. Stai^^dty in Berlin, Jägerstr. 53.
Bei A. Franck (F. Vieweg) in Paris erschien:
Oppert, J., älöments de la grammaire assyrienne.
Seconde Edition considerablement augmentöe.
1 Vol. in 8 de XXH et 128 pages. br. Preis 1 Thlr. 21\ Sgr.
Bei A. Franck (F. Vieweg) in Paris erschien;
M6moireB de la Sociötö de linguistique de Paris.
Tome Premier, premier et deuxi^me faocicules.
Gr. in 8^ de XX et 192 pages. br. Preis jeder Lief. 1 Thlr. 12]^ Sgr.
Gontenn dn pi^emier fascicnle: I. Statuts, r^glement, liste
des membres au 31. d^cembre 1867. — 11. £. Egger, De T^tat actnel
de la langue grecqae et des r^formes qa'elle sabit — III. F. Mennier,
De quelques anomalies que präsente la d^clinaison de certains pronoms
latins. — rV. D*Arbois de Jubainville, £tude sur le verbe auzi-
liaire breton Eaout avoir. — V. M. Br^al, Les progrbs de la gram-
maire compar^e. — VI. G. Paris, Vapidus fade. — VII. B. Mo-
wat, Les noms propres latins en atius.
Contenu da deaxieme fascicnle: I. E. Renan, Sur les formes
du verbe s^mitique. — II. C. Thnrot, Observations sur la significa-
tion des radicaux temporeis en grec. — III. L. Gaussin, Un mot snr
le Bhotacisme dans la langue latine. ~ IV. D'Arbois de Jubain-
ville, :6tude sur le futur auxiliaire en breton armoricain. — V. P.
Meyer, Phon^tique proven9ale. O. — VI. M. Br^al, Les donblets
latins. — Vn. R. Mowat, De la d^formation dans les noms propres«
VIII. G. Paris, gens, giens.
Troisi^me fascicnle sons presse:
Br^al, Le th^me pronominal da.
Plois, Le dieu Janus.
Thurot, La n^gation non.
Mowat, Sur les noms k signlfication hypocoristique.
P. Meyer, Les finales an et en.
G. Paris, Le peUt Poncet.
Vari^t^s, Thalassio par M. Robiou,
La racine ose, par d'Arbois de Jubainville.
Necesse, avayxrj par Michel Br^al.
Ascoli, lateinisches und romanisches. 417
Lateinisches und romanisches.
IV.
Die Corssen'sche beurtheilnng meiner aDsichten über die
lateinischen fortsetzer der indogermanischen und gr&ko-
italischen aspirateo«
Die im vorigen artikel (zeitschr. XVII, 241 — 281,
321 — 354) von mir vorgeschlagene theorie über die latei-
nische Vertretung der indogermanischen aspiraten hat Cors-
sen in den nachtr&gen zu dem eben erschienenen er^n
bände der zweiten ausgäbe seines buches über ausspracne,
vokalismus und betonung der lateinischen spräche (802 ff.)
aufs entschiedenste verworfen. Ein anderer* sich eng daran
anschliefsender aufsatz von mir (Le figure latine del de-
rivatore originario di nomi dMstrumento), der mit etwas
verschiedenem titel in De Gubernatis^ Rivista Orientale
erschien (vgl. Schweizer -Sidler zeitschr. XVII, }46 — 150),
und zugleich als dritter bogen des zweiten bandes meiner
Studj critici, woran ich nicht weiter drucken liefs, einigen
mitforschern mitgetheilt wurde , erfährt natürlicherweise
das nämliche loos (a. o. 166ff.). Die fQr die vergleichende
lautlehre, und nicht för sie allein, so erhebliche Wichtig-
keit des gegenständes läfst es nun, bei der autorität mei-
nes gegners, zweckmäfsig erscheinen, die Streitfrage so-
fort in diesen blättern etwas näher zu beleuchten. Dabei
werde ich mir die möglichste bflndigkeit und die reinste
objectivität zur strengen pflicht machen.
Gegen die gangbare ansieht, da(s der ursprünglichen
anlautenden media aspiVata die lateinische Spirans*), der
ursprünglichen inlautenden media aspirata hingegen die
einfache lateinische media durch entziehung der aspi-
*) Lat. und osk.-nmbr. h ond /, ferner orlat. k, p, f wurden im vorigen
artikel, und werden anch im gegenwärtigen, als Spiranten qnalificiert. So
erscheinen anch s. b. bei Schleicher italisches h nnd/ nnter den Spiranten;
und so gelten spätgriech. ;^, &^ <p u, dergl. als Spiranten, im gegensata«
an den eigentlichen aspiraten (vgl. Arendt, Cnrtins, Ebel u. a.). Bei Corssen
heifst es hingegen (a. o. 98, 185 f., vergl. 189): «spirans, also hauch-
laut-.
Zeitschr. f. vgl. spracht XVni. 6. 27
418 Ascoli
ration entspreche, und zwar so, dafs z. b. lat. f in fer-o
das ganze alte AA (bhar), lat. b in nubes hingegen blofs
die erste hälfte des alten bh (nabbas) fortsetze, habe
ich erstens geltend gemacht, dafs dadurch eine inco-
härenz in der unmittelbaren lateinischen Fort-
setzung der alten mediae aspiratae angenommen wird
(bh-, ph-, f-; -bh-, -b-; u. s. w.), woflQr keine analogie aus
irgend einer indogermanischen spräche aufgestellt werden
kann, da man sonst nirgends findet, dafs die regelmä-
fsige, in gerader linie sich fortentwickelnde Ver-
tretung eines gegebenen ursprünglichen lautes
ihrem genus und ihrer species nach verschieden ausfalle,
je nach der stelle, die derselbe laut im worte einnimmt
(a. o. 246), -
Dieser einwand ist nach Corssen von keiner bedeo-
tung. „Wenn aus kt> im anlaut (entgegnet er) sowohl p
als Oy aus a sowohl e als o geworden ist, so kann im la-
teinischen auch bh sich verschieden gestaltet haben zu f
und zu 6. Auch Ascoli läfst seine angeblichen urlateini-
schen Spiranten sich auf geschichtlich lateinischem sprach-
boden in doppelter weise gestalten, nämlich urlateinischen
Spiranten h zu lateinischem h und g und urlateinischen
Spiranten f zu lateinischem f und 6.^ a. o. 802 f.
Corssen meint also, dafs andere fälle im lateinischen
selbst vorliegen, welche zu der von mir gerügten inco-
härenz eine passende analogie darbieten, und dais die von
mir aufgestellten lautübergänge ihrerseits einer gleichen in-
cohärenz anheimfallen. Weder das eine^ noch das andere.
Uro vom letzteren anzufangen, so habe ich auf die deut-
lichste weise die doppelheit einer normalen sich direkt
fortentwickelnden Vertretung gerügt, die sich durch
folgende figur darstellen läfst:
Jjasse ich hingegen aus urspr. bh (um uns der kürze halber
auf dieses zu beschränken) einzig urlateinischee f entstehen,
wofbr der thatsächliche bestand des oskischen und des
lateinisches und romanisches. 419
umbrischen noch immer zeugt, später aber dies italische
f^ je nach der Stellung im worte, nach anderweitigen la-
teinischen nnd auiseritaUschen analogien («um, eram a. s. w.),
entweder als lat. f fortleben oder aber sich zu lat. fr ge-
stalten, wodurch man die folgende figur erhftlt:
bh
I
f- -b-
so ist dies augenscheinlich keine sich direkt fortentwik-
kelnde doppelte Vertretung eines gegebenen ursprüng-
lichen lautes. So kommt beispielsweise im gotischen: abu
neben af (a^o), im angels. sveger neben got. svaihro
(socrus) u. s. w. vor; dies bedeutet aber nicht, dafs man
f&r die gotische lautstufe:
urspr. p urspr. k
anzusetzen habe, Bondern, wie jedermann zugibt:
urspr. k
h
f b hg
Gesetzt femer, aus altem ko entstehe sowohl lat. p als lat. v
so würde anerkanntermafsen in solchen sporadischen fül-
len entweder eine einfache aphärese (*kvarmi-, vermi»)
oder eine besondere wechselwirkuDg zweier benachbarten
laute (torqv-, trep-; osk. pod = quod) vorliegen; dies
hfttte aber wahrlich mit einer regelmäfsigen, je nach der
Stellung im worte in gerader linie sich entwickelnden dop-
pelten Vertretung eines gegebenen ursprünglichen lautes
nichts gemein. Auch wird sich jeder unbefangene dar-
über wundem, wenn man der von mir gerügten incohärenz
die verschiedenen schattierangen der lat. refleze des urspr. a
entgegenstellt.
Zweitens habe ich gegen die gangbare ansieht über
die lateinische Vertretung der ursprünglichen mediae aspi-
ratae eingewendet, dafs durch die früher berührte incoh&-
27*
420 Aacoli
renz ein bedeutender spalt zwischen lateinischer zunge
einer- und griechisch-oskiscb-umbrischer zunge andererseits
entsteht^ der in jene Sprachperioden hinaufreichen
mflfste, in denen wir gewöhnlich eine vollkom-
menere Obereinstimmung der bezüglichen laut-
systeme suchen und finden, a. o. 246 f.
Auch dieser einwand ist nach Corssen hinfällig, in-
dem er sich darQber folgendermafsen ausspricht (a. o. 803):
„Zweitens soll durch die obige lehre ein spalt entstehen
zwischen der lautgestaltuog im lateinischen und im um-
brisch-oskischen. Das ist gar nicht befremdlich; ein sol-
cher spalt zeigt sich mehrfach zwischen diesen sprachen^
z. b« darin, dafs das relativpronomen im lateinischen mit
c, qu anlautet: quis, quod, im umbrisch-oskischen mit
p: pis, pod. Ein spalt soll auch durch jene lehre in der
lautentwicklung zwischen der lateinischen und der griechi-
schen spräche angenommen werden. Ein solcher findet
•ich aber thatsächlich vielfach zwischen diesen beiden spra*
chen, z. b. auch darin, dafs viele griechische Wörter die
tenuisaspiraten (ft Xt "^ enthielten, aber kein einziges in
der spräche wirklich bestehendes, einheimisches altlateini-
sches wort eine spur von einem dieser laute zeigt, dals im
griechischen 9 zwischen vokalen in zahlreichen f&llen
schwindet, wo es im lateinischen zu r wird, t> im griechi*
sehen ausf&Ut, wo es im lateinischen erhalten bleibt, aue-
lautendes ifi im griechischen zu n wird, wo es im lateini-
schen sich h&It, und so in zahlreichen anderen f&llen. Und
ebenso liegt zwischen der umbrisch-oskischen sprachsippe
und der griechischen spräche ein so tiefer spalt, dafs es
verfehlt ist, von einer griechisch-umbrisch-oskischen
zunge zu reden ^.
Die unter sich verschiedenen lautgestalten, wodurch
auch sonst das lateinische vom oskisch- umbrischen oder
das griechische vom lateinischen u. s. w. auseinandergehen
(befremdlich genug zählt indefs Corssen als sonstiges
beispiel eben die tenuisaspiraten), hat gewifs kein Sprach-
forscher weder übersehen noch geläugnet, indem niemand
daran denkt, lateinisch, griechisch, oskisch u. s, w. als eine
lateiniflches und romaniflohea. 421
und dieselbe spräche auszugeben. Dafs aber hierdurch ir-
gend etwas gegen meinen einwand gewonnen werde, mufs
ich aufs entschiedenste in abrede stellen. Denn wenn z. b.
der Lateiner nutus sagt, und der Grieche vvog^ so gibt
jedermann zu, dafs durch die beiderseitigen allgemein an-
erkannten Vorstufen: *nu8us, *vvkog *vvaogj die lauteinheit
noch diesseits irgend einer indogermanischen unitfttspe-
riode wiederhergestellt wird. Ebenso wird auch Corssen
Dicht umhin können, lat. quod und oskisch pod diesseits
der indogermanischen einheit auf kfood oder kooi als auf
ihre gemeinsame quelle zurfickzufübren , denn sonst w&re
ja selbst seine italische muttersprache (vgl. z. b. krit.
nachtr. 197,209) nicht mehr da. "Wenn wir hingegen, bei
der lateinischen Vertretung der ursprünglichen aspiraten,
uach der gangbaren ansieht folgende figur annehmen;
so steigt lat. b unmittelbar zu bh hinauf, d. h. es steigt die
besondere lateinische lautgestalt (als halbiertes bh) bis zur
ursprünglichen hinauf, ohne derjenigen iautstufe zu begeg-
nen, die das oskisch-umbrische nebst dem griechischen ein-
nimmt. Da aber insbesondere der oskisch-umbrische con-
sonantismus sonst mit dem lateinischen in der regel durch-
weg übereinkommt, so ist die kraft dieses von mir vorge*
brachten und keineswegs erschütterten einwandes sehr
hoch anzuschlagen.
Drittens habe ich gegen die gangbare ansieht über
die lateinische Vertretung der indogermanischen aspiraten
eingewendet, dafs die annähme: lateinische media ss alter
aspirata nach abzug der aspiration, bei lat. b = ursprüngl.
dh (über üdhar u. s. w.), wozu noch gewifs lat. 6 »s altem
th kommt, so viel als reine Unmöglichkeit ist, da es ein
wirklieh verzweifeltes mittel wäre, wenn wir noch dafbr,
wie es Curtius fQr lat. f und b = urspr. dh gewagt hat,
zu einem umsprunge von dh und <A, oder genauer von i%
zu &A, unsere Zuflucht nehmen wollten, a. o. 247.
Auch dieser einwand ist nach Corssen nicht stich-
422 Aseoli
haltig, indem er eDtgegnet: „Wenn de in 6, g in b^ c
in p amscblng, wie thatsächlioh feststeht, so sieht man
nicht ein, weshalb denn die folgerang, bh könne in ähnli-
cher weise ans dh*) umgelautet sein (s. olf. s. 160), so ver-
zweifelt sein soU.^ ausspr. u. s. w. 1% 803.
Mein kritiker beruft sich dabei auf eine von ihm a. o.
160 aufgestellte vermuthung, wonach f aus dh und gh durch
dhv und ghv entstanden wäre, so wie 6 aus dD und gv
oder p aus ko. Hier mufs nun vor allem bemerkt werden,
dafs es etwas ganz verschiedenes ist, ob man z. b. bei ru-
ber (radhir&) das lat. 6 als die direkte fortsetzung des
ersten dementes eines aus dh umgelauteten bh auffalst, wie
man nach der von mir beanstandeten und von Corssen
a. o. 802 f. vertheidigten ansieht zu thun hat, oder aber
nach Corssen a. o. 160 dh durch dhe zu f umlauten lälst.
Dais übrigens, meiner meinung nach, f aus dhv keine laut-
parallele zu b aus de und dergl. ausmachen würde, will
ich hier der kürze halber nicht weiter verfolgen; mufs aber
ferner hervorheben: dais es sich bei b aus gv u. s. w. um
sporadische f&Ue handelt, wof&r sich im lateinischen selbst
die ursprünglichere lautgestalt mehrmals vorfindet (duo
bis), während sich hingegen anl. tat. f an der stelle von
urspr. dh als ausnahmslose regel ergibt und ftlr lat. b ur-
sprünglichem dh gegenüber eine ganze reihe dem inlaute
zukommender falle sich aufstellen läfst, ohne dafts ein ein-
ziges lateinisches beispiel für die dto-gestalt nachgewiesen
werden könne; ferner aber, dafs bei italischem oder latei-
nischem p aus uro, b aus ge^ das v auch sonst auf indo-
germanischem gebiete zum Vorschein kommt (pod *kvod
neben got. h va; be-n- *gve-n- neben got. qva-m- u.s.w.),
während für das von Corssen ersonnene dhv nicht die ge-
ringste stütze irgendwo zu finden ist.
Also von meinen drei einwänden gegen lat. 6 als hal-
*) Bei Corssen aus versehen: dh könne in ähnlicher weise aus 6Ä. —
So steht bei ihm aus versehen, s. 802 letzte zeiie: / zu lat. k und ^ (statt:
k SU lat. h und <7).
lateinisches und romanifiches. 423
biertes bh u. 8. w. ist kein einziger auf irgend eine weise
durch Corssen's entgegensteliungen entkräftet worden.
Lat. f wollte Corssen ausspr. I\ 68, krit. nachtr. 209 f.
als eine labiale aspirata mit starkem hauche (also wahr-
scheinlich nicht als eine blofse fricativa, als eine blofse
Spirans) gelten lassen; und es sollte nach ihm entweder
das vorwiegende A-element dieser aspirata, sowohl im an<
laute als im inlaute, deren labialen bestandtheil verdrängen,
oder aber das labiale element den sieg davon tragen. Da-
gegen bemerkte ich (a. o. 248 f.): 1) dafs wir somit zwi-
schen zwei entgegengesetzten lautgestalten schwanken, die
sich etwa auf folgende weise veranschaulichen iiefsen: bhh
bbh^ ohne übrigens zu solcherlei annahmen durch die über-
lieferte beschreibung der ausspräche auf irgend eine weise
berechtigt zu sein; — 2) dafs wenn wir sagen, von f bleibe
entweder h oder b zurück, wir entweder eine lautchemische
Operation ansetzen, die gewifs zu den erwiesenen dingen
keineswegs gehört, oder aber die ausspräche von f jener
von skr. bh gleichstellen; — 3) dafs die Schwierigkeit in be-
treff der lateinischen labialen Vertretungen der alten den-
talaspirateu dadurch nicht beseitigt wird.
Corsseu^s erwiederung lautet jetzt zu 1): dafs ein sol-
ches schwanken sich auch *darin zeige, dafs kv im lateini-
schen sich einerseits zu p, andrerseits zu v gestaltet, aus-
lautendes s bald abfällt, bald zu r wird, ursprüngliches a
sich einerseits zu e, andrerseits zu o abschwächt, a. o. 803.
Ich kann aber wahrlich zwischen den beiden unter sich
streitenden aussprachen und der daraus folgenden zwiefa-
chen halbierung einer und derselbeu aspirata einerseits, und
den jetzt zu nennenden lautlichen erscheinungen : verschie-
dene nüancierungen des grundvocals, Wechselwirkung oder
apbäresis bei der lautgruppe Ar, ekthlipse eines urlatein. s
Cspeses spes) und spätere regelmäfsige Umgestaltung des
urlat. s zw r (*genesis generis) andrerseits, gar keine pas-
sende analogie erblicken. So war im prakrit die reine
einheit des ursprüngl. und skr. a gewifs nicht erhalten;
dals aber daselbst aus skr. gh sowohl h als g entstehen
könne, ist mir nicht bekannt. Und es bleibt noch immer
424 Ascoli
der absolute maogel irgend einer traditionellen stütze zu
Corssen's annähme übrig, worauf wir später zurückkom-
men. — Zu 2) aber entgegnet Corssen ebendaselbst:
^Zweitens nähme (nach Ascoli) jene ansieht eine lantche-
mische Operation an. Dieser nicht glücklich gewählte
bildliche ansdrnck kann nur bedeuten: trennnng der
beiden bestandtheile eines durch einen buchsta-
ben bezeichneten lautes. Die trennbarkeit der aspi-
rierten verschlufslaute haben schon die indischen gramina*
tiker erkannt. Jede mediaaspirata besteht aus zwei in der
ausspräche auf einander folgenden und deutlich wahrnehm-
baren lautbestandtheilen , dem durch Sprengung des ver-
schlusses in der mundhöhle entstehenden anlautenden, gnt-
toralen, labialen oder dentalen, tönenden platzlaut oder ex-
plosivlaut und dem nachstürzenden also auslautenden star-
ken hauche. Dafs dieser hauch, der asper, sich abschwä-
chen kann zu einem lenis, wird doch niemand bestreiten
wollen; und aus dieser abschwächung der energie bei der
ausspräche ist doch die entstehung der medien </, 6, d in
fast allen indogermanischen sprachen aus den ursprünglichen
mediaaspiraten ghj 6A, dh eben so erklärlich wie andere
lautschwächungen^. Diese entgegnung gränzt ans unglaub-
liche. Denn meine worte lauten: „dafs wenn wir sagen, von
f bleibe entweder h oder b zurück, wir entweder eine laut-
chemische Operation ansetzen, die gewifs zu den erwiesenen
dingen keineswegs gehört, oder aber die ausspräche
Ton f jener von skr. bk gleichstellen'^. Ich habe
also nie in abrede gestellt, dals aus altem bh irgendwo ein
einfaches b zurückbleiben könne, habe eben in der von
Corssen gewürdigten arbeit (a. o. 258 ff.) über die trenn-
barkeit der aspirierten ezplosivae gehandelt, und nur das
bestreiten wollen, was ich noch immer getrost bestreiten
kann, dafs aus einem lat. f, nach extrahierung eines h ein
b zurückbleiben solle, et viceversa. Dies und blofs dies
habe ich auf die deutlichste weise als eine unglückliche
lautchemische Operation zurückgewiesen. Wenn jetzt Cors-
sen (a. o. 135, 171, 803 f.) seine ansieht oder ausdrucksweise
dabin modificiert, dafs lat. f ein reibelaut ist, der inlautend
lateinisches und romanisches. 425
durch die mittelstufe eines weichen dem gr. ß ähnlichen
labialen lautes zu 6 wird (wodurch er onbewufst mit mir
völlig Qbereinstimmt), ferner aber lat. f noch immer aus
einem anlautenden labiodentalen tonlosen laut und dem
nachdringenden starken hauche bestehen läfst, und meine
in rede stehenden einwände noch immer hartnäckig bekämpft,
so führt er wahrlich dadurch weder in der Sache selbst,
noch in seiner Stellung als polemiker eine glückliche ände-
ruDg herbei. Er besteht unter anderem hartnäckig darauf^
dafs man h aus f als den zweiten bestandtheil seines dop-
pelreibelautes einzuräumen habe; und man weifs nur nicht,
ob er h aus f auch im spanischen, im armenischen, im
rumunischen u. s. w. auf eben diese weise erklärt wissen
will. Wenn er endlich (zu 3) wegen f (6) aus ursprüng-
lichem dh a. o. 804 bemerkt: „gerade weil f eben ein la-
biodentaler oder dentallabialer laut war, wenn auch mit
vorwiegend labialem lantbestandtheil , lag er ja in der mitte
zwischen dentalen und labialen lauten, ist also ganz vor-
züglich geeignet als mittelstufe den Übergang von dh durch
f zu b zu* erklären", und dabei auch seine eigene hypo-
tbese von f (b) aus dh oder von f aus gh durch dhv gho
(s. oben) gänzlich vergifst, so erachte ich dagegen jeden
einwand als überflüssig.
Nachdem mein gegner auf diese weise „Ascoli^s sämmt-
liühe einwände als hinfällig und unerheblich erwiesen hat",
die jedoch sämmtlich in ihrer vollsten kraft noch fortbe-
stehen, greift er die von mir vorgeschlagene theorie über
die lateinische Vertretung der indogermanischen mediae aspi-
ratae an, die ich durch folgende tabelle veranschaulicht
habe:
indogerm. aspir. gh
urit. und urgr. asp. x
urlat. Spirant. h
lat. Vertretung h- g- -g- •
Diese aufstellung mit ihrer vierfachen Stufenfolge er-
klärt nun Gorssen (a. o. 804) als eine künstliche vom
boden der sprachlichen thatsachen auf dem gebiete
dh
bh
f
f- -b-
f
f- -b-
426 Ascoli
der alten italischen sprachen ganz loBgerissene theo-
retische hypothese.
Was aber zuerst das vierfache in meiner stafenfolge
anbelangt, so sind die erste und vierte stufe (z. b. indog.
nnd skr. AA, lat. f^ b) weiter nichts als wirklich in
spräche und schrift vorhandene thatsachen; und
die beiden dazwischen liegenden stufen, also z. b. bei der
iabialaspirata die lautstufen tp (als gr. und urit. tenuis asp.)
und f (als iirlat. spirans) besagen eigentlich blofs dies: dais
z. b. der stunjme italische reibelaut f (ein solcher ist lat. f
fQr Corssen selbst, s. dessen lauttabelle a. o. 32) aus der
ursprünglichen media aspirata bh durch die mittelstufe der
tenuis aspirata pA, die im altgriechischen (und zigeuneri-
schen) fortlebt, entstanden ist; was schwerlich von anderen
Sprachforschern wird bestritten werden. Uebrigens ist, von
urlat. p abgesehen, selbst die dritte stufe (A f als oskisch-
umbr. und urlat. Spiranten) durchaus historisch, und somit
stellt sich einer^its meine künstliche vierfältigkeit
als etwas in der that überaus einfaches und natür-
liches heraus, andrerseits wird aber der Corsstfn'sche Vor-
wurf, meine hypothese sei vom boden der sprachlichen
thatsachen auf dem gebiete der altitalischen sprachen los-
gerissen, schon weit über die hälfte widerlegt. Sehen wir
nun die positiven einwände an, die Corssen vom altitalischen
Standpunkte gegen meine theorie vorzubringen vermag.
Folgende thatsachen wären also nach ihm gegen die-
selbe geltend zu machen: „Es gibt kein achtes, altla-
teinisches wort, das den laut einer der tenuisaspiraten
Xi tV- oder cp enthielte. Die älteren Kömer konnten daher
diese laute in den aus dem griechischen entlehuten Wörtern
nur durch c, (, p in der ausspräche wiedergeben; erst seit
Cicero^s Zeitalter umschrieben sie diese laute durch die
schriftzeichen cA, f A, pA. Die griechischen buchstaben
für jene laute X, ft^, 0 sind, als die Römer das griechische
aiphabet der unteritalischen Griechen aufnahmen, und auch
später nicht in dieser geltung in das lateinische ai-
phabet mit aufgenommen worden, weil die altlateini-
sche spräche die tenuisaspiraten gar nicht kannte. Es gibt fer-
lateiBisches und romanischcB. 427
Der kein ombrischcs, oskisches, sabelliscbes, toIs-
kiscbes oder faliskisohes wort, so weit unsere bis-
herige kenntnifs dieser dialekte reicht, in welchem ein den
griechischen tenuisaspiraten ;^, \^ oder (p gleicher con-
sonantischer laut bezeichnet oder erweislich wäre. Die
alphabete dieser italischen volksstämme, die ebenfalls ans
dem griechischen stammen, haben daher auch die griechi-
schen schriftzeichen X, &, 4> niemals bei sich eingo«
bürgert; sie weisen dieselben nirgends auf in wortformen
an gleicher stelle mit verwandten griechischen Wörtern.
Daraus folgt der schlufs, dafs die italischen sprachen
seit der zeit, wo sie das griechische aiphabet aufnahmen,
die tenuisaspiraten nicht kannten. Die folgerung:
laute, die in keiner der italischen sprachen als
\Tirklich vorhanden zur erscheinuug kommen, sind trotz-
dem uritalisch gewesen, kann kein unbefangener
für folgerichtig ansehen*, a. o. 804f.
Die Sachlage ist aber nun diese: wir haben die altita*
liechen fricativae (bestimmter Spiranten) h und f vor uns;
es gilt die art und weise zu bestimmen, wie diese stummen
fricativae aus den ursprfknglich tönenden aspirierten explo-
sivae entstanden sind; die Qbergangsstufen müssen natOr-
lieber weise vorhistorisch sein, denn sonst wäre kein pro-
blem mehr da*). Die italischen sprachen haben aber die
griechische schrift zu einer zeit angenommen, wo ihr laut-
bestand im allgemeinen, und speciell in betreff der Vertre-
tung der ursprünglichen aspiraten, anerkanntermafsen der-,
jenige war, dessen entstehung man eben erforschen will.
H und f waren also anerkanntermafsen reibelaute (Spi-
ranten) als man zur darstellung der altitaliscben laute das
griechische aiphabet annahm; folglich konnte man weder
fQr h und f die griech. doppellautigen aspiraten (x d. i. kb,
cp d. i. ph) gebrauchen, noch später x und cp durch h
*) Solche vorhistorische mittelstafen kann natürlich Corssen selbst nicht
entbehren. Vorhistorisch wären beispielsweise dessen oben gewürdigte lant-
ansetzungen dhv und ghv. Weiter hoifst es a. o. 140: „Dafs zwischen dem
ursprttngl. labialen verschlufslant bh und zwischen dem italischen labioden-
talen reibolaut / einmal die mittelstufo eines labialen aspirierten
reibe! au t CS gelegen hat, davon wird weiter unten (wo?) noch die rede
sein <*.
428 Ascoli
und f umschreiben. Hiermit wird aber nicht im minde-
sten die theorie erschüttert, nach welcher z. b. f aus bh
durch ph entsteht, folglich die zolässigkeit einer urita-
lischen tenuis aspirata nicht im mindesten geffthrdet. Dem
fehlschlusse, den Corssen gegen mich construiert, mufs ich
daher den folgenden entgegenstellen: ,,Um beispielsweise
den übergangslaut zwischen urspr. hh und altit. f aufzu-
decken, mufs man, dem Corssen'schen kriterium zu folge,
nach dem fremden buchstaben fragen, wodurch die Italer
ihr /*, nachdem es f ward, schriftlich bezeichnet haben^.
Auf der von mir aufgestellten theorie, die Corssen als
künstlich, haltlos und willkürlich kennzeichnet, mufs
ich jetzt folglich, bei der nichtigkeit der dagegen vorge-
brachten einwände, umsomehr bestehen. Sie empfiehlt sich,
wie mich dünkt, durch ihre strenge consequenz, durch ihre
allseitigen geschichtlichen stützen und durch die einleuch-
tende einfachheit der dadurch erzielten physio-etymol. er-
kl&rungen. Denn wenn wir so überaus deutlich (selbst nach
Corssen: -6- aus f) von der lat. media -6- durch die frica-
tiva f zu urspr. bh hinaufsteigen (tibi, tefe, tubhjam),
weiter zwischen urital. f und urspr. bh die griech. tenuis aspi-
rata uns begegnet (amf-r, aucfi^ abhi), und man folglich
-b-, f, <3r, bh
erhält, so ergibt sich als nothwendige parallele dazu (z. b.
bei mingo, *meiho [mejo], 6-/a;^-^(ö, migh):
und weiter, z. b. bei arduo-, *arpuo, 6q&6(;^ wz. ardh
vardh:
-d-, p (d. i. fricatives &\ & (d, i. th), dh;
endlich wird durch die stufe des fricativen & (p), das sich
bald zu einem (i-laut, bald zu einem /-laut auch in anderen
sprachen gestaltet, der lateinischen doppelvertretung von
urspr. dh (über, üdhar; beide Vertretungen neben einan-
der: arf- [arb-] neben ard-, wz. urspr. ardh):
b ' f I ^ ^^' *• ^"^*** ^^' * ^^' ^' **^^' ^^
jede Schwierigkeit entnommen, und z. b. urlat. mepio-
(medius) mit osk. mefio- ohne allen zwang vereinbart.
lateinisches nod romaniscbes. 429
Das heifst weder, nach Corssen^s beliebtem ausdrucke,
synkretisieren, noch die heiligkeit des lateinischen indi-
viduums antasten; noch weniger heifst dies eine einheitliche
gräkoitalische grundsprache voraussetzen, indem man als
bewiesen annimmt, was vielleicht durch fernere sorgsame
Untersuchungen einmal erwiesen werden wird (a. o. 805),
oder ein sprachliches dogma auf dem irrglauben eines grä-
koitalischen th weiterbauen (a. o. 167); sondern es heifst
einfach, die mit zwingender consequenz gewonnenen resul-
tate unbefangener und gewissenhafter forschung an den tag
legen. Kein lautphantom, wie sich bei einer weiteren
bald zu berührenden frage mein gegner ausdrückt, ist da-
bei erdichtet worden; wohl aber sind Corssen's *dhf) *ghv
zwischen urspr. dh gh und ital. f (s. oben) reine lautphan-
tome; ein sehr furchtbares und schadenbringendes lautphan-
tom ist ferner Corssen^s /*, das kein /*, kein pA, auch kein
bh sein soll, und mit seiner mysteriösen ausspräche so vie-
les zu erklären und so vieles umzustofsen sich anmafst.
Auf dieses einbildungsprodukt zu verzichten, wäre es, wie
mich dünkt, hohe zeit, da weder die bereits erörteten laut-
geschichtlichen facta, noch die traditionellen und epigra-
pbischen andeutungen, die Corssen geltend macht und die
wir jetzt berühren wollen, f&r sein lautliches monstrum ein
einziges wort sprechen.
Die traditionelle hauptstütze f&r sein doppellautiges f
(stummer labiodentalreibelaut mit nachstürzendem starken
hauche) glaubt Corssen in Quintilian's bekannter stelle ge-
funden zu haben: nam et illa, quae est sexta nostrarum,
paene non humana voce, vel omnino non voce potius, in-
ter discrimina dentium efflanda est: quae, etiam
quum vocalem proxime accipit, quassa quodammodo,
utique quoties aliquam consonantem frangit, ut in hoc
ipso frangü^ multo fit horridior. Aus Quintilian's Wor-
ten soll nach Corssen a. o. 137 zweierlei erhellen: „einmal,
dafs bei der bildung der enge in der mundhöhle zur aus-
spräche des lateinischen /" die zahne betheiligt waren, und
'das können nach dem oben gesagten nur die oberzähne
gewesen sein, zweitens, dafs bei der ausspräche desselben
430 AieoU
sich eiD starker rauher hauch durch die gebildete enge
hindurohdrängte, besonders rauh, wenn dem anlautenden f
ein consonant folgte wie in frangit^. Der starke hauch,
der dem labiodentalen bestandtheile nachstürzen soll, wSre
also aus Quintilian^s efflanda est zu folgern, denn aus
quassa und horridior wird doch Corssen wohl die hor-
ribilit&t des hauches, nicht aber den hauch selbst angedeu-
tet wissen wollen. Wirklich heifst es auch bei ihm a. o.
138: ^Quintilian's aussage, dafs es ein starker hauch war,
mit dem f gesprochen wurde, wird bestätigt durch die
äufserung des Terentius Scaurus über f und h: ^jUtraque ut
flatus est^. Efflare könnte nun buchstäblich sowohl her-
ausblasen als heraushauchen bedeuten; dafs aber der
hauch im grammatikalischen sinne (die aspiratio) durch
flare, efflare ausgedrückt werde, finde ich nirgends; es
erhellt im gegentheil, eben aus des Scaurus werten (utraque
ut flatus est), dafs unter flatus unmöglich die aspiratio
verstanden werden konnte, sonst würden sie ja heifsen,
dafs h und f eins und dasselbe ist; vielmehr ergibt es sich
entschieden aus denselben, dals ihm flatus als eine gene-
rellere benennuDg gilt, worunter sowohl ein blase- oder
wehuDgslaut wie unser modernes /*, als ein leiser hauchlaut
mitbegriflen werden kann, eben wie unter spirans bei
modernen Sprachforschern. Keinem unbefangenen wird es
daher in den sinn kommen, dafs inter discrimina den-
tium efflanda est bedeute: zwischen den Schei-
dungen der zahne, und zugleich behaucht, sondern
es wird jedermann ein&tch darunter verstehen: durch die
Scheidungen der zahne herauszublasen, heraus-
zustofsen. Was aber weiter die horribilit&t der aus-
spräche betrifit, so mufs man den context der in rede ste-
henden quintilianischen stelle wohl beachten. Sie befindet
sich nämlich unter eigentlich grammatikalischen betrach-
tungen nicht; sondern es ist dort von der den Lateinern
unerreichbaren gratia sermonis attici die rede (XII, 10, 35),
und es heifst unmittelbar davor (XII, 10, 27. 28): Latina
mihi facundia, ut inventione, dispositione, consilio, ceteris*
hujus generis artibus similis graecae, ac prorsus discipula
lateinisches und romanisches. 431
ejQS videtur; ita circa rationem eloquendi vix habere imi-
tationis locum. Namque est ipsis statim sonis durior:
quando et jucundissimas ex graecis literis non babemus,
vocalem alteram, alteram condonantem, quibus nullae apnd
eos dalcius spirant: quas mutuari solemas, quoties illorum
nominibuB atimur. Quod cum contingit, nescio quomodo
bilarior protinus renidet oratio, ut in Epbyris et Ze-
phyris. Qoae si nostris literis scribantnr, surdum quid-
dam et barbamm efficient, et velat in locum earum succe-
dent tristes et horridae, quibus Graecia caret. Mithin
schrieb der römische rhetor, fQr dessen ohr das griech. ^
als jucundissima litera klang, dem vaterländisohen {c oder)
u, griech. i; gegenüber, eine ausspräche zu, die tristis und
horrida war, so wie die des vaterländischen f griech. (p ge-
genüber. Man vergl. weiter unten des Mar. Victorinus er»
schreckende beschreibung des so leise lautenden römischen h.
Weder in Quintilian's noch in des Scaurus aussage
ist also fQr das doppellautige Corssen'sche f irgend eine
stütze vorhanden ; die bestimmungen der späteren gramma-
tiker stehen aber eqtschieden dagegen. Nach Marius
Victorinus ist lat. f weiter nichts als ein leiser blaselaut
(F literam imum labium supremis imprimentes- dentibus
reflexa ad palati fastigiam lingua leni spiramine pro-*
feremus, wobei spiramen wohl wie in ventorum spi-
ramina [soffio] zu fassen ist; und stünde es auch in der
bedeutnng eines grammatikalischen Spiritus, d. h. sollte
auch, was mir unmöglich scheint, durch leni spiramine
blofs ein besonderer zug und nicht die gesammte ausspräche
des f angedeutet sein, so wäre jedenfalls spiramen lene
kein Spiritus asper sondern ein spiritus lenis, d. h.
so viel als null, was leicht zugegeben werden kann)*); und
aus Priscian's werten (hoc tantum scire debemus, quod non
fixis labris est pronuntianda f quomodo ph [^], atque hoc
solum interest) ist keine doppellautige, sondern bestimmt,
eine einlautige ausspräche für lat. f zu entnehmen, da ge-
*) Macrobins (ed. Keil V, 606): ...fallo, fefelli. F enim apnd Latinos
Saau non est, qnia non habent consonantes Saaeiaq^ et F digammon est
AioXimv, quod Uli solent magis contra vim aspirationis adhibere: taotam
abest Qt pro «^ habendum sit.
432 Ascoli
wifs zu Priscian^s zeit gr. ^, das schon zu Quintilians zeit
anter die „süfsesten^ laute gerechnet werden konnte, längst
keine wirkliche aspirate mehr war, sondern eine einfache
Spirans (vergl. Cnrtius grundz. 2. ausg. s. 370). Uebrigens
weifs ich nicht, ob in Corssen's auseinandersetzung, die
a. a. o. dahin zielt, die labialit&t des f zu beweisen, die Zeug-
nisse der beiden letzteren grammatiker zur eigentl. feststel-
lung eines doppellautigen f mit angewendet sein sollen.
Es bleiben noch die epigraphischen Zeugnisse Qbrig.
Dafs der labiale bestandtheil des f im altlateinischen noch
entschieden kräftig war, soll sich daraus ergeben, „daüs
er in den formen [tic^ com-fluont das labiale m der
Präposition com- erhalten, in den Schreibungen im fronte
und imfelix das n von in, in- zum labialen m sich assi-
miliert haf. a. o. 138. Dagegen, dafs im altlateinischen
eine kräftigere labialaussprache des f als z. b. die des heu-
tigen italienischen f anzunehmen sei, hätte ich principiell
nichts einzuwenden. Den ganz vereinzelten Schreibungen:
com-fluont, im fronte und imfelix (bei comfluont und
im-fronte ist übrigens die doppelconsonanz /I fr in erwä-
gung zu ziehen) kann ich indefs eine lautgeschichtliche
Wichtigkeit eben aus dem umstände nicht beimes-
sen, den weiter Cors^en daf&r geltend machen will. Es
heifst nämlich bei ihm (a. o. ebend.): „So hat auch der
labiodentale reibelaut t?, der sich vom f nur dadurch
unterscheidet, dafs bei jenem die stimme mitt&nt, bei
diesem nicht, jener tönend, dieser tonlos ist, das m der
Präposition com- erhalten in den altlateinischen formen
com-vovisse, com-valem^. Sowohl bei com-valem
als bei im- fei ix werden wir vielmehr ganz entschieden
vor schwachem labial- oder labiodentallaut ausnahmsweise
statt f» geschriebenes m erblicken. Wie dem auch Übri-
gens sein mag (denn die geringere oder gröfsere labial-
krafl des f oder des f) ist bei gegenwärtiger frage von
keinem gewichte), so muis jetzt auf ein neues monstrum
hingewiesen werden, das uns hier durch die angäbe ange-
kündigt wird, t> unterscheide sich von dem doppellautigen
f nur dadurch, dafs jenes tönt und dieses tonlos ist (vgl.
a. o. 173). Also auch t?, woftkr sich das lateinische von
latemischefl und romanisches. 433
anfaog ao mit einer yokalischen buehstabenvertre-
tung begnügt hat, ein doppellautiger stark gehauchter
reibelaut, wie wir noch ausdrücklicher sogleich erfahren
werden, d. i. etwas bis zu Corssen's krit. nachtragen (200)
ganz unerhörtes und allen etymologischen betrachtungen
trotz bietendes, wovor Corssen selbst zurückzuschrecken
scheint, indemiyjte»-ir-nicht nur kein wort mehr darüber
verlautet, solWern auch durchaus richtige sätze aufgestellt
werden, die natürlicher weise der annähme eines doppel-
lautigen stark gehauchten v aufs grellste widersprechen
(„das lat. f> lautet im allgemeinen wie das deutsche ir, das
griechische ^'^ u. s. w. ausspr. 323). Man höre aber endlich,
wie es nach Corssen geschehen soll, dafs in der regel m-^
oder m-t? im lateinischen nicht vorkömmt: „'W'enn dagegen
in Zusammensetzungen wie con-fero, an-fractus n. a.
m vor f zu n geworden ist und in in-fero, in-fectus
das n vor f sich nicht zu m assimiliert hat, so konmit das
nicht daher, weil f an d (?) angeklungen hätte. Es war
hier vielmehr derselbe lautliche grund wirksam, der in
con-venire, con-vehi, con-vocare u. a. das m iFon
com- vor v zu n schwächte und schon in altlateinischen
formen co-ventionid und co-venumis ganz schwinden
liefs. Der hauch, mit dem der tönende labiodentale reibe-
läut V gesprochen wurde, hat hier die Schwächung des m
zu n und das schwinden desselben bewirkt; 'der hauch, mit
dem der tonlose labiodentale reibelaut f gesprochen wUjrde,
hat trotz des entschieden labialen lautbestandes
des /" vorhergehendes n in in-fero^ in-fectus u.a. nicht
in den labialen nasal m übergehen, ihn in der form iferos
ganz schwinden lassen*^, a. o. 138. Wir haben also, nach
Corssen, z. b. in con-voco oder con-fero folgende com-
bination vor uns:
m + fester labialbestandtheil + h,
und k soll durch transsultorische Wirkung das m auf
eine weise modificieren, wogegen sich der da-
zwischen liegende lautbestandtheil entschieden
sträubt. Damit wird von Corssen's doppellautigen reibe-
lauten der höchste gipfel des unglaublichen erreicht.
Zeitechr. f. Tgl. sprachf. XYm, 6. 28
434 Ascoli
Lat. f bat gewifs vom italieniscben und deutschen f
kaum verschieden gelautet, und dadurch erklärt es sich,
warum das lateinische zu dessen schriftlicher darstellung
das gr. digamma dem gr. (p (ph) vorgezogen hat. Eine
genaue lautcorrespondenz bot freilich weder das eine noch
das andere schriftzeichen dar; wäre aber das lat f ein
stummer stark gehauchter labiodentaler reibelaut gewesen,
wie es Corssen will, so hätte doch das lateinische eher zu
(p (ph) als zum digamma (leises e) seine Zuflucht genommen.
Es griff das lateinische ftkr sein ziemlich leises f zum di-
gamma und nicht zum gr. 9), so wie es für sein leises h
nicht zum gr. x» sondern zu dem Spiritus asper (H) griff *).
Es darf zuletzt bei diesem abschnitte die bemerkong
nicht unterlassen werden, dafs Corssen, der so wiederholt
und hartnäckig sämmtliche tenues aspiratae den italischen
sprachen überhaupt abspricht, mit sich selbst in einige
Verlegenheit geräth. Denn es heifst bei ihm a. o. 96 ff.:
„Die italischen alphabete haben den laut der gutturalen
oder palatalen aspirata ch und den blofsen hauch-
lau t h nicht durch besondere schriftzeichen geschieden
Diese thatsache weist darauf hin, dafs der laut
ch in der lateinischen spräche und den ihr zunächst ver-
wandten dialekten eine geringe rolle spielt, dafs er schon
in der zeit, als die Italiker ihre alphabete von den Griechen
*} Welche gefahren man ttbrigens l&uft, wenn man nicht bei einzelnen
angaben der lat. grammatiker die gesundeste kritik su rathe zieht, kann man
beispielsweise ans der jetzt anzuführenden steUe des Mar. Victorinos, wovon
bei Corssen unter h nichts verlautet, leicht ersehen. Latein, h ist natürlich
auch nach Corssen, schon in der augusteischen zeit und frilher, überaus
flttditig und unstät (a. 0. 103, 107, vergl. 108, 109, 112 f.); also je jünger
Marius Yictorinus ist, desto leiser sollte von ihm die ausspräche des h an-
gegeben werden. Nun schreibt er sie hingegen folgendermafsen vor: H.
qnoque inter litteras otiosam Grammatici tradidenint, eamque aspirationis
notam conjunctis vocalibus praefici, ipsi autem consonantes tantum quataor
praeponi, quotiens Graecis nominibus Latina forma est, persuaserunt, id est,
c. t. r. p. ut Chori, Thymos, Phyllis, Rhombus, quae proAindo spiritu, an-
helis fkncibna, ezploso ore fundetur (Mar. Vict. grammatici et rhetoris d»
orthographia etc. [Genevae]. Apud Petrum Sanctandreanum CIO. 10. LXXXLIV,
p. 11 — 18). Aus diesen Worten könnte man eine so voluminöse aspirata ber-
auspressen, die selbst ein Hottentote nicht auszusprechen im stände wtoe. —
Beiläufig mag hier bemerkt werden, dafs es nicht richtig ist, mit Corssen
a. o. 96 dem phdnikischen alphabete, die Unterscheidung zwischen h und eh
abzusprechen.
lateiniscbes und romanisches. 435
überkameD, im verschwinden begriffen war und sich
vielfach zu dem hauchlaute h verflQchtigt hatte
Da auch die Latiner das schriftzeichen des do-
Tischen alphabets von Cumae M^ zur bezeichnung der gut-
turalen oder palatalen aspirata nicht in ihr aiphabet
aufnahmen, so folgt schon aus dieser thatsache, dafs dieser
laut schon frühzeitig im altlateinischen im ver-
schwinden begriffen war, und dafs das schrifltzeichen H
vorwiegend den blofsen hauchlaut bezeichnete^.
Nun weifs man jetzt zwar, dafs der ausdruck aspirata
bei Corssen nicht wie bei allen anderen Sprachforschern
die aspirierte explosiva noth wendig zu bedeuten hat, und
wirklich erscheint altlatein. ch in der lauttabelle auf s. 32
unter den stummen fricativlauten. Wir haben jedoch mit
einem italischen und altlateinischen laute hier zu thun,
wofiir Corssen im griech. x ^^^ passendes äquivalent er»
blickt und der jedenfalls zwischen kh und h die mittelstufe
einnimmt. Ist aber mit einem solchen cA, das man doch
etymologisch neben urspr. gh und gr. x wird stellen müssen
(vagh,^6;^*, vech-, veh-)> die stufe der tenuis aspirata
und überhaupt die tenuis aspirata für das uritalische nicht
zugegeben? Sollte es auf diesem wege nicht leicht sein,
den beweis zu fahren, dafs mein gegner mit meinem ganzen
Systeme unbewufst einverstanden ist?
Uebrigens stehe ich schon jetzt, von Corssen^s un»
willkürlichen concessionen abgesehen, wegen der von mir
vertretenen lautentwickelungen auch in bezug der lat. fort-
setzung der indogerm. mediae aspiratae nicht so verlassen
da, wie er es (a. o. 802) meint ; denn es hat Ebel vor mir,
wie ich an den betreffenden orten angedeutet habe (ebend.
252, 278), h als Vorgänger des inlautenden einem ursprüng-
lichen gh entsprechenden lat. g aufgestellt, indem er z. b.
lat. g in ango mit dem got. g in juggs neben juhiea
zeitscbr. VI, 205 physiologisch vergleicht, und es hat weiter
derselbe gelehrte (was freilich an und fQr sich minder entr
scheidend wäre) urlat. ah-jo mih-jo zeitschr. XIII, 280
angesetzt, wie dies auch Fick gleichzeitig ipit mir in seinem
wörterb. der indog. grundspr. durcbgef&hrt hat — Nim
28*
436 Asooli
mflssen wir aber einen heiklicheren boden betreten, indem
wir zu dem kapitel der italischen, resp. lateinischen fort-
aetzang gräkoitalischer (d. h. einstweilen zugleich altgrie-
chischer und uritalischer) oder selbst indogermanischer von
hause aus stummer aspiraten fibergehen.
Wenn also, wie einstimmig anerkannt wird, italische
fortsetzer der alten mediae aBpiratae vorhanden sind, in
denen das hauchelement jener laute fortlebt, und wenn sich
folglich das italische auch hierdurch an das griechische
näher anschliefst, vom keltischen, germanischen und litu-
slavischen aber charakteristisch unterscheidet, so ist nicht
zu ersehen, warum man principiell der italischen zunge
die analogen correspondenzen alter von hause aus stummer
aspiraten (tennes aspiratae) absprechen soll. Vielmehr ist
a priori die sparsame anwesenheit alter von hause aus
stummer aspiratae, so wie im indischen und griechischen,
auch fbr das italische einzuräumen, und deren Vertretung
oder fortsetzung mit jener der alten mediae aspiratae, so
wie im griechischen, zusammenfallen zu lassen. Also wie
im griechischen sowohl aus altem bh als aus altem ph oder
aspiriertem p anerkanntermafsen einzig (p wird, folglich
g>iQia (bhar), xBtpaltj (kapäla), a(pdH(a = fallo (sphal),
wodurch man neben
bh, gr. <jp, altit. f
auch die reihe
ph, gr. 97, altit. f
erhalten wQrde, so ist femer neben
dh, gr. .», altit. f (lat. -fc-)
auch die parallele
th, gr. ;5^, altit. f (lat. -6-),
endlich neben
S^9 P'X^ altit.* (lat. -J-)
auch die parallele
kh, gr. ;f , altit. h (lat. -g-)
theoretisch anzusetzen. Factisch lassen sich aber f&r
die labiale von hause aus stumme altitalische aspirate we-
nigstens fallo und fungus, neben a(fdlho, ünoyyoq^
a(p6yyoe^ nicht so leicht aus dem wege räumen. Will jetzt
UteiniacheB und romanisches. 437
Gorssen a. o. 100 f. eroteres aus eineoi monstrum herleiten,
das er sbhal schreibt, so vergifst er unter anderm dabei,
daTs falljen auf ursprflnglicbo tenuis (spal, sphal, cTigpaA)
hindeutet; und wegen fungus cnoyyog u. s. w. (so wie
auch wegen der von Corssen a. o. 123 beanstandeten Zu-
sammenstellung spes- u. s. w., gr. cß^q^^ indog. svas) werde
ich mir erlauben, auf meine erörterung zeitschr. XVII, 354
zu verweisen. Hier wQrde also die nothwendig auch im
lateinischen lautzustande unversehrt erhaltene stumme Spi-
rans aus alter stummer aspirate vorliegen, die auch bei
frans u. s. w. neben gr. dQav(o vorhanden ist, falls Curtius,
wie mir scheint, recht hat, 9Qav aus tgav durch einflufs
des f) zu deuten. FOr die regelmäfsig nach den theoreti-
schen Schemen alterierte lat. Vertretung der urital. tennis
aspirata liefsen sich femer mit grösserer oder geringerer
Wahrscheinlichkeit: congius *conhio- xoyxos ^ankha,
unguis *onhui- ovvx- nakha (a. o. 329 ff.), hordeum
*hor(s)p- ^gharsth- (gerste xgi&ij a. o. 341 f.) aufstellen.
Daran schliefst sich weiter die von anderen forschem vor-
geschlagene Vereinbarung des lat. -tro mit ital. -fro, lat.
-bro (d. h. urspr. -tra, griech. -tqo und zugleich -i9-(^o,
ital. -tro und zugleich *-thro -fro), die ich unter den
eben angedeuteten betrachtungen theoretisch zu be-
gründen und durch Vermehrung solcher beispiele, in de-
nen beide lautgestalten auf italischem boden nebeneinander
vorkommen und eine doppelte bildung anzunehmen schon
a priori^ ihrer logischen beschaffenheit wegen, höchst be-
denklich erscheint, facti seh zu sichern gesucht.
Nun spricht sich Corssen a. o. 167 f. (vgl. ebend. 805)
über solche versuche dahin aus, es habe „Ascoli nichts
gethan, als Kühnes annähme, dafs in manchen fUlen die
suffixformen -bro, -bra, -bri, -ber aus ursprünglichem
-tra entstanden sein können, die mit vorsieht und zurQck-
haltung ausgesprochen war, verallgemeinert und auf die
spitze getrieben^; breitet sich seinerseits über das
nichtVorhandensein eines lA in den italischen sprachen, wie
sie uns vorliegen, und über anderes aus, das ersp&ter
wiederholt und worüber er bereits oben antwort erhalten
4B8 ^ Asooli
hat*); läfst ferner auch hier auf die behaaptuog, die aspira-
tion der tenuis eei dem lateiDischen fremd, die notiz noch
einmal folgen über die art und weise wie x^ ^9 <^ '^^ den von
den Romern aufgenommenen griech. Wörtern gestaltet oder
umgeschrieben wurden (vgl. a. o. 8ü4 und krit. nachtr. 187),
so dafs es wirklich den schein hat, es solle auch diese
notiz einen besonderen einwand ausmachen oder wenigstens
dem vorangehenden satze eine kräftige stOtze verleihen.
Meinerseits kann ich nicht umhin darauf zu bestehen, dai'ä
dies alles auf folgende nichtssagende tautologie hinansgeht:
bei der annähme des griechischen alphabetes hat sich das
lateinische die drei griechischen buchstaben Xi ^% V i^i^bt
angeeignet, weil es die durch dieselben dargestellten laute
nicht mehr besals (wohl aber deren gesetzmäfsige fortsetzer);
und bei der Umschreibung griechischer Wörter fehlten folg-
lich später dem latein. alpbabete so wie der lateinischen
Sprache die genauen correspondenzen zu ;^, ^, if. Es laug-
net aber ja niemand, dafs den italischen sprachen, wie sie
uns jetzt vorliegen^ die tenues aspiratae fehlen, indem sie
uns eben daher h und nicht kh oder das von Corssen selbst
zugestandene ch u. s. w. darbieten ; und es fordert ja nie-
mand, dafs der Römer, um der etymologischen lautcorre-
spondenz willen, gr. Xt <p durch h und f hätte umschreiben
sollen.
Auch dagegen mufs sich unsere disciplin verwahren,
dais man, insbesondere vor laien und halblaien, wie Corssen
es bei dieser gelegenheit und sonst gethan, das eigentliche
lautproblem auch nur im vorbeigehen aus seinen fugen
bringt. So spricht er sich a. o. I67f., indem er *fro (-bro)
*) Was Corssen sagt, dafh ich ihm in den scbnh schiebe, er hätte still-
schweigend ein italisches -thro angenommen, beruht auf einem mifsversttad-
nifs. Ich wiederhole nämlich, an der angegebenen stelle, mit Corssen's eigenen
werten, dafs er weder lat. th noch irgend eine lat. aspiration der tenuid oder
tenuis aspirata zugibt; und füge hinzu, dafs, wie mir scheint, Corssen's
wiederlegung (und zwar folgender satz in derselben: »das lateinische/, das
sich im inlaute gewohnlich zu b gestaltet, ist nur aus den media -aspiraten
bh, dhf gh entstanden, nicht aus den tenuis-aspiraten ph, <A, ch oder ans den
tenuis p, f, c**) auch dahin lautet, dafs selbst wenn man, als blofse hypo-
these, ein italisches -thro zugeben wollte, dies noch nicht zu lat. -bro füh-
ren wttrde, indem lat. /, woraus -6-, nur aus bh u. s. w. entstehe.
Uteiniflches and romanisches. 489
ao8 -tro bestreitet, folgeDdermafseD aus: ,, AngenommeD,
diese drei Wörter (fallo, fongus, funda) wären ursprlbiglich
lateinische, nicht aus dem griechischen übertragene, so
wOrde aus ihnen doch nichts weiter folgen, als dafs der
ursprüngliche tonlose labiale verschluTslaut p sich durch
den einfluls eines anlautenden s zu dem tonlosen labio-
dentalen reibelaut /'gestaltete; es würde daraus nicht folgen,
dafs jedes p in jeder lautverbindung zum labiodentalen reibe»
laut werden konnte, nicht folgen, dafs jede tenuis, d. h. jeder
labiale, gutturale oder dentale verschinfslaut im lateinischen
zur tenuisaspirata oder zu dem entsprechenden stark ge-
hauchten verschinfslaut habe werden können, also auch
nicht folgen, dafs t zu th und dieses dann weiter zu f ge-
worden sei^. Niemand hat aber, meines wissens, so vieles
behauptet; wie ja auch niemand aus der ähnlichkeit
der bedeutung die einerleibeit von -tro und -bro hat
schlieisen wollen, so dafs die vielen worte, die Corssen
weiter gegen diesen eingebildeten fehlschlufs vergeudet,
blofs dazu dienen können, ihn selbst und andere zu ver-
wirren. Die frage ist nur die: ob wie im griechischen
^ß-Qo neben -r(>o, mit blofs sporadisch auftretender, durch
die nachfolgende liquida bewirkter aspiration der dental-
tenuis, so auch nrital. -thro neben -tro zugegeben werden
kann, aus welchem -thro sich dann regelmäfsig -fro und
lat. -bro ergibt; und auf lat. f (*sf) = griech. cyqp, ur-
sprünglichem oder wenigstens vorausgegangenem sp gegen-
über, wird dabei als auf einen analogen fall, d. h. auf einen
fall gräkoitaliscber behauchung einer tenuis in einer dazu
besonders geeigneten lautverbindung, verwiesen. Mag nun
Corssen, gegen Ebel, L. Meyer, Kuhn, Schweizer -Sidler,
J. Schmidt und mich, diese lautentwickelung nicht einräu-
men; mag ihm ferner natürlich erscheinen, dafs in pal-
pebra und palpetra, libra und litra, pablo- und
patlo- u. s. w. immer zwei grundverschiedene bildungen
vor uns liegen; mag er endlich uraltes *pä-kara oder
pä-bhara (d. i.: wurzel + nom. agent.) fdr eine unbedenk-
lich annehmbare morphologische combination erachten,
— das kann man alles sehr leicht auf sich beruhen lassen;
440 Aacoli
aber eine karikatur der in rede siehenden fragen wQnschte
man in einem ernsten bnche niemals zu treffen.
Aehnlich spricht sich Corssen a. o. ebend. wieder aus:
„Wenn nun Aseoli sogar die sufHxformen -cro, -cra,
-cri, -cer ebenfalls auf -tra zurückfähren will, so thut er
dies ebenfalls lediglich auf grund der ähnlicbkeit der be-
deutung; den beweis, dais in der lateinischen spräche der
Üteren und der klassischen zeit oder in den verwandten
italischen dialekten jemals c aus t entstanden sei, bleibt er
schuldig, natürlich, weil dieser lautwechsel niemals stattfand^.
Der wirkliche thatbestand ist nun aber folgender (vgl.
zeitschr. XVII, 149): Aus urspr. -tra ist wie im griechi-
schen (-TQOj -rAo, '&ko) so auch im uritalischen: -tlo
entstanden; gegen die lautverbindung il hat aber wenigstens
das lateinische eine entschiedene abneigung; folglich habe
ich die frage hingestellt, ob man nicht annehmen dürfe,
dafs aus dieser besonderen gestalt unseres snffixes, nämlich
aus -tlo, sich altes -clo ergebe, d. h. auch im altitalischen
die nämliche Wandlung stattfinde, die im späteren Italien
zur regel wird (vetlo-, veclo-), daf&r femer, immer
versuchsweise, auf das inschriftliche sclis neben stlis und
auf umbr. pers-klo- neben osk. pes-tlo- hingewiesen,
endlich die lexikalischen begegnungen (po-cIo pa-tra
u. s. w.) verzeichnet, die fär eine solche gleichung das wort
f&hren möchten. Daran hätte ich anch jetzt kein wort
zu ändern. Indem ich ausdrücklich eine eigentliche beweis-
fthrung weiteren Studien vorbehielt (s. 46) und deren
Schwierigkeiten ausdrücklich hervorhob (s. 45. 47), bin ich
also auch bei der erwägung dieser schon früher von Ebel
und L. Meyer vorgeschlagenen lautgleichung beflissen ge-
wesen, dem wissenschaftlichen ernste treu zu bleiben, und
habe keineswegs lediglich aufgrund der ähnlichkeit
der bedeutung zwei verschiedene lautgestalten verein-
baren wollen. Bei spätlat. cl neben tM (veclus neben ve-
tulns u. 8. w.) ist Corssen seinerseits (a. o. 39 gegen Schu-
chardt) auf die sonderbare hypothese gekommen, dafs diese
Sprech- und Schreibweise durch suffizver mengung,
nicht durch phonetischen lautübergang entstanden
lateinisches ond romanisches. 441
sei. Und auch hier irrt er ferner, indem er seinem leser
(a. o. 168) ohne weiteres sagt, man wolle c aus t entstehen
lassen. Auch im späteren Italien wäre z. b. ca aus ta
etwas ganz unerhörtes, während hingegen cl aus tl als
r^elmäTsige Umwandlung daselbst vorkommt. Ebenso
wflrde niemand lat. t aus p oder o (k) ohne weiteres be-
haupten wollen, während doch selbst Corssen lat. st aus sp
und sc (sk) aufstellen mufs oder will (a. o. 278).
Nachdem also eine ruhige und gewissenhafte Würdigung
der Corssen^schen kritik mich zu gar keiner änderung in
meinen theoretischen aufstellungen und den damit zusammen-
hängenden etymologischen salzen bat bewegen können, die
übrigens nach Corssen's aussprach sammt und sonders reine
irrthümer oder haltlose und irrige folgerungen
sind a. o. 168, 805, 811*), ich zugleich auch einen
weiteren ziemlich wichtigen beitrag zur beur-
theilung seiner eigenen hier einschlägigen hypo-
theseii, und überhaupt seiner art und weise die
geschichte der lateinischen consonanten zu hand-
haben geliefert zu haben glaube, bleibt es mir noch übrig,
die einwände zu erwägen, die in seinem neu erschienenen
buche gegen meine behandlung einzelner Wörter zu finden
sind.
1. hordeum . friare. Die von mir a. o. 342, nach
Schleicher's und Euhn's Vorgang, vertretene grundform
hörst- (*/£()(Ti^a) soll mit der hypothese der tenuisaspi-
raten zusammenstürzen (a. o. 796). Da aber diese hy-
pothese, wenigstens f&r mich, immer fortbesteht, so mufs
ich mich einstweilen mit der bemerkung begnügen, dafs
hordeum nach Corssen anfangs (a. o. 100) aus skr. wz.
ghars (ghars), später aber auf einer urspr. wz. ghard
(a. o. 159, unter berufung von s. 100), endlich (a. o. 514)
wieder aus skr. wz. ghars (gharä) stammt. — Was Cors-
sen's hypothetisches ghar, reiben, anbetrifft, woraus er
*) Auch einleuchtende, keinem principiellen anstände aasgesetzte ety-
mologieen scheinen keine gnade geftinden zn haben; so s. b. skr. tarh =
lat trahere. Es läfst Corssen seine von mir a. o. 272 verworfene got pa-
rallele noch immer (a. o. 99) nnwidermfen bestehen.
442 Aflooli
friare u. s. w. herleiten will, so mufs ich auf dem ebend.
344 f. von mir bemerkten bestehen. Dem versuche, friare
u. 8. w. aus einem vermeintlichen ghar zu erklären, steht
ferner das endergebnifs der Untersuchung Qber lat. f = or-
spr. gh entgegen , wonach diese lautcorrespondenz der lat.
Schriftsprache so viel als fremd bleibt. ^
2. fames. Skr. bhas, worauf ich fames ab „die
fressende^ a. o. 346 zurückf&hre, heifst nach dem petersb.
worterbuche: kauen,' zerkauen, zermalmen, verzehren (vgl.
bhasita, bhasman), und bei dessen lautgerechter neben-
form psä tritt der hunger (psäta, hungrig*)) bestimmt
hervor. Die „zusammeogehörigkeit^ der wz. bhas mit wz.
psä wird gewifs kein kundiger bestreiten (s. z. b. petersb,
wtb, IV, 1194. V, 227; Benfey vollst gr. s. 73, gloss. z.
ehrest. 210; Pott wurzelwörterb. I, s. 2); Corssen's Willkür
mufs sie aber a. o. 80t „mindestens in frage stellen^ und
räumt fQr bhas nur die bedeutung essen nach Benf. gloss.
z. ehrest, ein, so dafs er dabei verharren kann, „dafs eine
Wurzel, die essen bedeutet, am wenigsten geeignet ist, den
zustand zu bezeichnen, der entsteht, wenn man nichts zu
essen hat oder lange nichts gegessen hat^.
3. longus. Ffir die Vereinbarung von lat. longus
mit skr. dirgha und altpers. draiiga ist jetzt Corssen
a. o. 211 gezwungen, den nämlichen grad von Wahrschein-
lichkeit zuzugeben, den ich daflQr (zeitschr. XYI, 122,
XVII, 280) annehme; dabei wirft er mir indefs vor, dafs
ich ihm einen blofsen druckfehler zur schuld anrechne.
Wenn man aber bei der besprechung von longus neben
dirgha einwirft, wie Corssen beitr. 148 es that, dafs Wur-
zel dhar bei longus zu blofsem / einschrumpfen wfirde,
und folglich bei dem vermeintlichen dhirga (statt dirgha)
an WZ. dhar denkt, so hat man nicht im mindesten das
recht, das arge versehen dem setzer in die schuhe zu
schieben.
*) [Freilich reicht die im petersb. wtb. dafür angeführte aneicht Hali-
jndha's schwerlich daau aas diese bedeutung genügend zn sichern.
Anm. der red.]
lateinisches und romaniscbea. 443
4. WZ. fa- neben «da-. Wegen der doppelgestalt
(fa- neben -da-), die nach anderer Sprachforscher Vorgang
auch ich fQr die wz. urspr. dha im lateinischen annehme,
spricht sich Corssen a. o. 800 f. folgendermafsen aus: „Für
die angebliche wurzelgestalt fa- neben da-, skr. dha- fahrt
Ascofi an, dafs ja auch im lateinischen ruf-us neben
ru(dh)-tilas stände nach meiner ansieht. Dagegen ist
zu sagen, dafs in ru(dh)-tilu8 der dental dh durch den
folgenden dental t verhindert wurde in f umzuschlagen.
Die wortform ru-tilu-s beweist also gar nicht, dafs im
lateinischen ursprüngliches anlautendes dh- ein und derselben
Wurzel sich zugleich zu f und zu d gestaltet habe^. Cors-
sen vergifst aber seltsamer weise dabei, dafs ich an eben
der von ihm citierten stelle (zeitschr. XVII, 337 f.) auch
von einem dritten beispiele rede, wo die doppelgestalt
dadurch noch auffallender wird, dafs sie nicht,
wie gesetzmäfsig bei fa- neben -da- (fa-c-ere, con-
-de-re), durch die verschiedene Stellung im worte
bedingt ist, nämlich von arf- (arb-) neben ard- aus
urspr. ardh, eine doppelgestalt, die er in Überein-
stimmung mit mir ohne irgend ein bedenken a. o.
170f. angenommen hat. .
5. triticum. Ich habe zeitschr. XI, 451 die mög-
lichkeit angedeutet, triticum auf wz. tra „erhalten^ zu-
rückzuführen, die auch „erhalten^ als „nähren^
bedeutet haben könne. Dagegen bemerkt Corssen
4||. o. 514: „Ja möglich ist das freilich. Aber so wenig
servare „erhalten^ jemals die bedeutung „ernähren^ hat,
so wenig mufs tra-, weil es „erhalten^ bedeutet, deshalb
auch „ernähren^ bedeuten. Diese letztere bedeutung ist nir-
gends erweislich fbr wz. tra- und wortformen von dersel-
ben, kann also auch nicht in tri-ti-cu-m ohne weiteres
vorausgesetzt werden^. Nun werde ich es mir nicht erlauben,
meinen gegner wegen der bedeutungen von wz. tra auf eine
andere schrift von mir, wovor er gcwifs zurückschrickt, zu
verweisen; aber Justins orthodoxes Wörterbuch (vgl. Pott wz.
wb. 1,104) sagt ihm doch: „thrä(=8kr. trä), schützen, er-
nähren, thräiti, nahrung, thrätar, beschützer, emährer,
444 Ascoli
th räj a, ernäbrung ( th r äj öd r i gh u~, die bettler ernährend)^.
Uebrigens lassen sich zu gunsten der etymologje des Varro
Tiel bessere aoalogieen als die Ton bor de um anfthren,
aaf die sich Corssen hat beschrSnken müssen.
6. plebes. Ob ich unrecht gehabt habe, die that^
Sache hervorzuheben, dafs Corssen in einem und demselben
buche plßbes auf zwei verschiedene arten erkl&re, ohne
bei dem zweiten versuche auf den ersten ausdrücklich zu
verzichten oder durch irgend eine andeutung darauf zu
verweisen, mögen andere entscheiden. Meinerseits setzte
ich lat. p leb es mit anderen forschem dem gv.TtX'^d'og gleich,
indem der dentalaspirate in nlrj&og (über deren ursprüng-
liche gestalt, ob dh oder th, niemand ein endgiltiges urtheil
bei dem jetzigen zustande der forschung zu f&Ilen vermag)
nach mir und anderen Sprachforschern, sei es nun urspr.
dh oder lA, im ersteren falle auch nach Corssen, lat. -6-
eben so wie in über ovd-ag (-bro '&qo) u. s. w. regelmälsig
entspricht Nun lautet der Corssen'sche speciell gegen
mich gerichtete einwand wie folgt (a. o. 165): „Ascoli
kommt neuerdings auf die gleichsetzung von ple-b-es mit
gr. nMj'&O'Q {7t?Si-&-og) zurück (zeitschr. XVI, 120). Da
aber sonst der griechischen neutralen suffixform ^og im la-
teinischen neutrales -os, -us entspricht, so würde jenem
griechischen werte ein lateinisches neutrum *ple-b-08
entsprechen, aber nicht das femininum ple-b-es^. Das
gestehe ich wiederholt gelesen zu haben, bevor ich meinen
äugen glauben zu schenken vermochte. Denn ersten^
sollte eine solche gräkoitalische betrachtung gegen meines
gegners grundsätze sein, und ihm plebSs, in grammatika-
lischer hinsieht, zu urspr. neutr. prathäs oder pradhäs
eben so gut gefallen als z. b. dies zu urspr. neutr. diväs
(vgl. z. b. a. o. 233); — zweitens aber verhält sich plö-
bes, der form und dem genus nach, genau so zu 7tXrj9og
wie sedös zu fiSog (sadas) oder nubös zu vicpog (nabhas).
Somit sind, wie es mir scheint, s&mmtliche stellen er-
ledigt, worin in Corssen's buche irgend eine von mir her-
rührende ansieht bestritten wird, und ich sehe dem urtheile
unbefangener mitforscher mit voller Zuversicht entgegen.
lateinisches and romanisches. 445
Meinem Tersprechen, bei dieser antikritik ganz objectiv
za verfahreD, bin ich übrigens, wie ich mir schmeichle,
möglichst treu geblieben. Nur eine persönliche bemerkung
will ich mir jetzt zum Schlüsse erlauben. Die achtung und
die dankbarkeit, zu denen ich mich prof. Corssen gegenOber
verpflichtet fQhle, werden gewifs durch unsere lautgeschicht-
lichen differenzen nicht geschmälert. Jedoch wfirde ich
der aufrichtigkeit eintrag thun, wenn ich läugnen wollte,,
dafs die widerlegungsversnche, die meine ansichten durch
diesen gelehrten erfahren haben, mich s&mmtlich, sowohl
dem Inhalt als der form nach, in nicht geringes erstaunen
versetzen mufsten.
Mailand, 10. november 1868. 6. I. Ascoli.
Anm. (1869). Ueber die abhandlang, die Corssen so leichten Spieles ab-
gefertigt zu haben glaubt, welcher jedoch die der indogermanischen Chresto-
mathie beigegebenen nachtri^^e nnd berichtigangen manches verdanken, sprach
sich Schleicher ebendas. 862 folgendermafsen aas: »Vgl. hierftber Ascoli in
Kahns zeitschr. XVII, 241 flg. Der dort entwickelten theorie steht jedoch das
keltische im wege*. Da Inders die in diesen worten gerUgte Schwierigkeit
dem hingeschiedenen meister selbst keineswegs anUberwindlich , ihm femer
mein Schema im wesentlichen als za recht bestehend vorkam, so mag es mir
erlaabt sein, dessen eigene worte darttber ans einem vom 19. november 1868
datierten brief an mich hier mitzatheilen, nnd zagleieh die bemerkang daran
anzaknttpfen, dafs ich bei der geschichte der lateinischen fortsetzer von nxspr.
gh, dh, bh aasdrtteklich von urital. und urgriech, asp. (XVU, 254), oder
von entwickelangen, die sowohl in Italien als in Griechenland stattfinden
(eb. 327), spreche, folglich das frühere oder spätere scheiden des italischen
oder keltoitalischen vom griechischen für mich im grnnde bei gegenwärtiger
firage dorchaas gleichgiltig ist. Ich lasse nan Schleicher's worte, vielleicht
sein letztes wort in der Wissenschaft, folgen:
»Soll ich ganz offen sprechen, so mnfs ich bekennen, dafs ich, eben
weil mir jetzt die zeit feit dise äofserst schwinge fhige reiflich za verfol-
gen, zn einer^ klaren, entschidenen ansieht noch nicht gekommen bin.
Meiner kelto-italischen gnmdsprache mafs ich wol die alten aspiraten noch
zn schreiben, die frage nach der vertretnng der aspiraten in der italischen
grandsprache stellt sich für mich also so: was ist hier ans dem gh, dh,
bh der italo-keltischen spräche geworden? Hier kann nnn immer noch die
antwort in Irem sinne anfs fallen, nnr kommt das griechische längst nicht
mer in betracht, da dises, nach meiner ansieht, schon längst als besondere
spräche seine eigene wege c^eng, ehe es nnr eine italische grandsprache
gab (vgl. das schema, comp. s. 9). Um fttr dise die Vertretung der aspi-
raten zn ermitteln haben wir ans anfsschliefslich an die altitalischen spra-
chen zn halten, aUe ans dem griechischen her geholten analogieen haben,
meiner meinnng nach, hier gar keine bedentung. Hier gehen wir also
weit anfs einander. Dennoch glanbe ich vor der band entschiden, dafs wo-
nigstena ir schema: indogermanisch (ich sage italokeltiach)
.44C Schmidt
bk
I
itAliach f
Uteiniscb f b
KD recht besteht. Dts scheinen mir die tatsacben an die band za geben*'.
Revue de lingnistiqne et de philologie compar^e, recaeil trimestriel de
docameiitfl ponr serrir )^ la science positive des langnea, k Vethnolo-
gie, h la mythologie et k Thistoire. Tome premier I et n, Fasci-
cule, loillet et Octobre 1867. Paris. Maisonneuve et C'«.
Jeder deutsche Sprachforscher wird mit befriedigang
die ausbreitung unserer Wissenschaft — und keine darf
wohl mit mehr recht eine deutsche genannt werden als
gerade die sprachwissenBchaft — auch aufserhalb Deutsch-
lands wahrnehmen. Als ein erfreuliches zeichen dieses
immer wachsenden interesses im auslande begrQfsen wir
das erscheinen der Revue de linguistique, deren zwei er-
sten hefte uns vorliegen. Sie beginnt mit einem artikel
von H. Chavöe: La science positive des langues indo-eu-
rop^ennes, son präsent, son avenir. Der verf. gibt zunächst
eine darstellung der indogermanischen Ursprache, welche
sich im wesentlichen an Schleichers compendium anscbliefst.
Allein er Iftfst sich auch auf selbständige, leider nicht sehr
glückliche nenerungen ein. So heifst es p. 12: Mais il (Par-
yaque) avait en outre la voyelle de la force par ex-
cellence, une yoyelle que garde le sanskrit, mais qae nons
n'avons plus en Europe, la yoyelle R . . . . Assez souvent
ce R se change, soit en 'A, soit en ü, mdme sur le ter-
rain de la langue m^re; et c'est ainsi que Bhrg fl^cbir,
rompre, devient Bhag et Bhug. Mais le plus souvent,
au Heu de s^afifaiblir ainsi, le R se renforce en R demi-
consonne dans les groupes Ra, Ri, Ru, Ar, Ir, Ux.
Vous trouverez par exemple, k c6tä de Rdh, s'ätendre
fortement, crottre, s^älever non-seulement Ardh etUrdh,
mais encore Rudh, avec la meme origine et la mdme si-
gnifioation. A son tour, la demi-consonne R s'afFaiblit (?)
parfois en JK vocal. p. 13 La diphthonge ai est d*or-
dinaire un renforcement de i, comme dans la proDOQ-
anzeige. 447
ciation de Vi anglais terminant uoe syllabe ou la coneti-
tuant ä lui seol, tandis que fti est souvent une pure aug-
mentation de ai, äquivalent k a+ai.
Im allgemeineD richtiger ist der consonantenbestand
der Ursprache erörtert. Was sollen wir aber von mediae
aspiratae denken ^tenant le milieu de Taxe entre B et P, .
entre D et T, entre G et K« (p. 18)? Wie der verf. in
dem vocalsystem der Ursprache eine iQeke gefunden zu
haben glaubt, welche er durch den vocal r ergänzt, so
sieht er auch eine lücke in den consonantischen lautge-
setzen (p. 20): Et pourtant le code des lois positives des
▼ariations phoniques präsente encore 9a et lä quelques
lacnnes. Ainsi la loi de polaritä ou d^echange par appel
du son contrastö (F rempla^ant V, Z prenant la place de
S etc.), loi d'une application de tous les instants dans les
idiomes germaniques, n^a pas mSme ^te soup^onnöe
par les Allem an ds. Ainsi encore la loi du passage de*
y (j allemand) initial ä g (pron. gue) devant les voyelles,
dans un grand nombre de mots germaniques (YAbh de-
venant gab; YUt devenant guth et goth; YAs deve-
nant gas, ges et gos etc.). C'est k combler ces lacunes
que la Revue mettra d'abord tous ses soins.
Uns armen DeutiBchen werden noch mehrfache zurecht*
Weisungen zu theil. Nach erörterung des lautsystemes geht
der verf. nämlich auf die Stammbildung ein und verkündet
mit greisem pompe: De lä trois Clements dans le substantif
anssi bien que dans ses fr^res le participe et Tadjectif: 1^
un verbe (?), 2^ un pronom, 3^ nn signe du rapport que
le pronom soutient avec le verbe. Ce n'est pas le lieu
(warum nicht?) de dire en quelles graves erreurs est
tombee T^cole allemande de linguistique pour n^avoir pas
aper^u cette loi fondamentale de la derivation. Eine in
der that bewundernswürdige Unbefangenheit! Die wurzeln
werden als verba betrachtet, alle nomina von den verbis
abgeleitet (hingegen lat. donatus direct von donum ab-
geleitet s. 26) ; die conjugation ist auch nur une mani^re de
därivation. Und diese Verwirrung von wurzeln und verben,
Wortbildung und Stammbildung gibt d^n verf. die berech-
448 Schmidt
tigang die deutsche Wissenschaft schwerer irrthömer zu
zeihen I Herr Chav^e v^ermifst femer la reconstitution des
familles natnrelles des vocables et la Classification physio-
logique, de leurs racines ou chefs de famille. La cause
en est, si je ne me trompe, dans Tabsence (tomplMe, chez
les fondateurs de la science nouvelle, de toute ideologie
positive (s- 32).
Diese ideologie positive wird dann in einem zwei*
ten artikel (p. 138 ff.) vorgetragen. Sie besteht darin, dafs
alle indogermanischen wurzeln auf zwei grundbedeutungen
presser und tendre zurückgeführt werden, und um dem
allerdings sehr gerechtfertigten argwohne, dais dies eine
sehr leichte mühe ist, zu begegnen versichert uns herr
Chavöe, dafs es un long travail de v^rification gewesen
sei; mais j'acquis enfin la certitude que mon hypoth^e
n^^tait qu^une anticipation de la loi. Dafs den gründem
unserer Wissenschaft diese ideologie positive fehlt, ein Vor-
wurf, welcher in den anzeigen am Schlüsse der beiden
fascikel Curtius und Pott noch ausdrücklich insinuiert wird,
halten wir ftkr keinen mangel. Zum tröste möge Übrigens
dem verf. gereichen, dafs er nicht der erste erfinder solcher
ideologie ist. Schon im jähre 1833 hat Karl Ferd. Becker
(das wort in seiner organischen verwandelung s. 94 ff.) als
den urbegriff aller wurzeln den der bewegung angenommen
und aus diesem alle übrigen herzuleiten versucht Was
davon zu halten sei, haben Pott (ungleichh. menschl. ras^
sen 212 f., etymol. forsch. 11% 238) und Heyse (syst, der
spr. 132) genügend erklärt
Wenden wir uns nun zu einem anderen artikel: Snr
la declinaison indo-europ^enne et sur la d^clinaison des
langues classiques en particulier par M. de Caix de Saint-
Aymour. Von einem gründlichen eingehen auf den gegen-
ständ ist auch hier wenig zu bemerken, desto mehr aber
von Unrichtigkeiten und kühnen behauptungen. So erfah-
ren wir (p. 52): que certains cas etaient form^s par des
verbes, on plut6t par un seul verbe. Ces cas sont Tin-
strumental, le dativ et Pablatif du pluriel, et le Suffixe
verbal qui sert k les former est bhi. Ce bhi ... est issu
anzeige. 449
d'un verbe aryaque bha briller, luire etc. Neu wird den
lesern dieser Zeitschrift auch sein, dafs skr. -ös (suffix d.
gen. loc. du.) bei einigen stammen in ö „contrahiert^ ist
z. b. manas-ö (p. 57), dafs im gotischen der dual nur
bei den verben erhalten ist (ib.), dafs skr. man-as iui voc.
sein nominatW'S ni(;ht abwirft (p. 58), dafs der nom. plur.
▼on altbaktr. vak vaksö lautet (p. 205), dafs in osk. cen-
8t-ur (so wird p. 207 getheilt) das -ur endung des nom.
plur. sei, dafs l in skr. ^iras-l und ü in skr. sunü (nom.
acc. du.) aus-as contrahiert seien (p. 209), dafs conso-
nantische stamme im griechischen den nom. acc« du. auf
'Sg oder -17 bilden (p. 210), dafs die accusative piras und
bbarat fQr pirasam nnd bharatam stehen (p. 212) u.a.
Höchst ergötzlich und zugleich charakteristisch für die
grOndlicbkeit, mit welcher der verf. die von ihm citierten
werke benutzt, ist die auseinandersetzung Aber den nom.
plur. der griech. a-stämme. Schleicher (comp. ^ s. 534) sagt
darüber wörtlich: yfinnot und ^evxral sind gebildet wie ol
und a/, älter voi, Tai. Diese bildung ist schwer zu deu-
ten, wahrscheinlich ist z. b. roi aus ta-j-as, fem. ra/ aus
tä-j-as zu erklären, d.h. stamm ta-, tä- wie oft, durch
j erweitert und suffix -as; durch abschleifung blieb von
diesem tajas, täjas nur tai, täi, d. i roi^ taL Mög-
licherweise hat hier streben nach dissimilation von den
locativformen -o/^, -aiq aus -oicTi, -aiai mitgewirkt^. Hö-
ren wir nun hm. de Caix de Saint-Aymour (p. 206): ces
genres ont un nominatif pluriel fortement contractu en -oi
et -tti [sie!] 9, plus anciennement 'toi et -tai^ selon M.
Schleicher (op. cit. p. 534). „Cette forme est difficile ä
Interpreter", ajoute aussitöt le m^me auteur, „et, vraisem-
blablement, on doit expliquer le masculin to/ par ta^j-as,
et le feminin tat par tä-j-as? Puis trouvant sans doute
cette explication insuffisante, il se tourne d'un autre cöt6,
et propose de faire venir „avec efFort" et par dissimila-
tion 'Ol et -ai de la forme de locatif oig et aig, Nous
sommes de Tavis du savant professeur d'I^na quand il re-
jette sa premiöre explication de roi venant de ta-j-as.
Cette explication serait ä poine süffisante pour les th^mes
Zeitschr. f. vergl. sprachf. XVIH. 6. 29
450 Schmidt
oonsonnantiques en -r; mais que seraient devenus koy^^roi^
'AB(pah^ou etc.? — Nou8 ne pouvons non plus accepter
la seconde explication de Tauteur du Compendium etc.
Risum teneatis amicil Nach dem verf. ist die sache höchst
einfach: Les noms qui se declinent comme rosae, do-
rinini et pueri ont perdu Ts par contraction: rosae :=
rosft-«, domini == domini-es ou domiat-s. Das i
des umbrischen aco. plur. ist aus s entstanden d^apr^s une
habitude constante de cet idiome (p. 213). Jeder leser wird
gewifs mit dem referenten bedauern, dafs kein einziges
weiteres beispiel dieser neu entdeckten gewohnheit mitge-
theilt ist. Verf. fahrt dazu als beleg aus der Lex Julia
municipalis eafdem omnia an, einen offenbaren Schreib-
fehler, welcher daher auch C. I. L. I, p. 120 z. 2 in ea»
dem emendiert ist. Bien que ce soit un neutre (wo also
ein s niemals vorhanden war!), il est hon de remarquer
cette forme de provincialisme. Ich bemerke zum Schlüsse,
dafs ich nur einen sehr kleinen theil der gröbsten ver-
stöfse, welche jedem leser auch bei flüchtiger durchsiebt
auffallen werden, gerügt habe.
Sehen wir nun das inhaltsverzeichnifs an, ob sich
nicht ein artikel finden läfst, welcher uns der traurigen
pflicht des ewigen tadelns entbebt. Wir erblicken den
namen des herrn Oppert. Ein geborener Deutscher, er
wird also doch von den arbeiten deutscher Wissenschaft
notiz nehmen! Les variations du v aryaque. Als einlei-
tung werden uns einige allgemeine bemerkungen mitge-
theilt, die von vorn herein dem leser eine grofse acb-
tung einfiöfsen müssen, da sie nur als ausflufs sehr gründ-
licher und umfassender Studien begreiflich sind: On ne
peut plus nier que, si la seienee doit admettre des langues
indo-europeennes, eile doit ögalement declarer qu'il n'y a
pas de nations indo-europeennes. Höchst überraschend!
Die indogermanischen sprachen sind mischsprachen , der
Sprachschatz des lateinisehon besteht nur zu 40 proc. aus
arischen werten, 60 proc. sind aufser-indogermanisch und
5 proc. semitisch ; von den griechischen werten sind 65 proc.
arisch, 20 proc. semitisch (15 proc. sonst reconnus). In der
anzeige. 451
that man weifs nicht, was man mehr bewundern eoU, die
grofsartigen resultate der Studien des brn. Oppert oder die
beispiellose bescheidenheit und selbstverläugnung, in wel-
cher er sich versagt auch nur den geringsten beweis für
seine bebauptungen , nur die kleinste kleinigkeit aus dem
ihm ohne zweifei zu geböte stehenden ungeheuren mate*
riale beizubringen, fiinigermafsen erschüttert wird diese
bewnnderung indes durch die folgenden mittheihingen,
welche die forsch ungsmethode Opperts darthun. Hr. Oppert
belehrt uns nämlich, dafs im lateinischen oft v in m über-
gehe: mare s= skr. vari (siel), maritus = skr. va-
rita, mas hingegen = skr. vräa, mederi und mirus
f&r midrus kommen von wz. vid, morari von wz. vas,
mos von vasa ce qui est etabli, minnere von wz. van^
clamare von pru, amita von avus, promulgare von
vulgus, caminus au Heu de cavinus de kav (s^miti-
que) u. 8. w. Dafs dieser lautwandel in Deutschland schon
von Bopp und anderen behauptet und zum theil mit den»
selben beispielen belegt ist, dafs diese annähme aber auch
schon längst, zuletzt von Corssen verworfen ist (krit. beitr.
237 ff.; vgl. auch Breal Mem. de la soc. de linguistique
de Paris I, p. 75 : nous n'avons pas un seul exemple cer-
tain d'un v sanscrit representä en latin par un m), davon
weifs oder sagt wenigstens der „persönliche schüler von
Bopp^^) kein wort. Weiter: Le v aryaque se condense
en p apr^s s dans les mots: sponte de sva suus, de
svante sorte d'ablatif (!!) **), spirare de svas, skr.
^vas, spe-s (sie!) de la m^me racine, sperno de svar,
skr. svrnämi. Woher ist dies svrnämi geschöpft? Bei
Westergaard findet sich nur svaratil) sonare, 2) in
*) 8o nennt sich Oppert in seinem Discours fait k la bibliothöque Im-
periale le 28. d^cembre 1865 (L'Aryanisme et de la trop grande part qa'on
a füt h Bon inflnence) : Bopp . ., dont j'ai TbonneuT d'dtre T^^ve personnel-
lement (p. 7). Den werth dieses disconrs hat Whitney in einem vortreff-
lichen artikel »Key and Oppert on Indo- European Philology'' gebührend
gewürdigt. Diesem an mehrere deutsche gelehrten versandten artikel fehlt lei-
der die angäbe des Journals, in welchem er erschienen ist, er trügt die pa-
ginimng 621 — 564 (vielleicht North-American review).
**) Merkwürdiger weise findet sich genau dieselbe herleitung von sponte
bei Friedr. Schlegel, spräche und weish. der Indier. Heidelb. 1808, s. 16.
29*
458 Schmidt, anzeige.
Vedis: laudar^, cantare, 3) vexari dolore, flere? 4) ire, sc
movere Nigb.; ebenso bei Benfey (S.-V. gloss.)*). Un-
begreiflich ist, wie ein in Deutschland geborener gelehrter,
ein „persönlicher schQler von Bopp'^, aller deutscher arbeit
zum trotz dergleichen für Wissenschaft ausgeben kann.
Nur zu begreiflich aber, wenn derselbe versichert, dafs
die resultate der Sprachwissenschaft nicht dürfen pretendre
ä prendre place parmi les grandes r^veiations de Thistoire
(Discours p. 6), femer que la philologie comparee ne sau-
rait fitre la science de Pavenir (p. 10), endlich que la sci-
ence n'avancera plus notablement (p. 8). Wenn man un-
ter Sprachwissenschaft solche arbeiten versteht, wie sie
Oppert hier vorlegt, so darf die selbsterkenntnifs, welche
sich in obigen urtheilen ausspricht, allgemeiner Zustimmung
versichert sein.
Doch der räum ist gemessen und ewiges tadeln ein
trauriges geschäft. Wir brechen also hier die erörterung
der einzelheiten ab und sprechen zum Schlüsse noch unser
bedauern aus, dafs die in den verschiedenen abhandlungen
aufgef&hrten worte oft in so incorrecter form gegeben sind.
Schon den griechischen werten widerfahren sonderbare
Schicksale, noch weit mehr aber den indischen und alt-
deutschen.
Durch Untersuchungen wie die vorliegenden, welche
mehr geistreiche theorien als gediegene detailforschung bie-
ten, mag vielleicht ein zahlreiches publicum bestochen wer-
den, dem kleineren kreise der gelehrten wird wenig damit
gedient. Hoffen wir, dafs die Übersetzung der meister-
werke deutscher Sprachwissenschaft in Frankreich anregung
zu gründlicheren Sprachstudien geben werde. Wer
heutzutage sprachliche Untersuchungen veröftentlicht, mufs
sich gefallen lassen, dafs man sie mit dem mafse heutiger
Wissenschaft mifst. Diese aber kennt kein verschiedenes
maafs f&r verschiedene länder. Wenn daher unser will-
*) Whitney sagt a. a. o. p. 654: M. Oppert has done nothing on the
score of which he can lay claim to repute as a Sanskritist, nor is he known
88 « comparative philologiat. — [svfQftti findet sich bei Westergaard s. v.
syf laedere, occidere. Anm. der red.]
Fick, miflcelUD. 453
komiiieusgrors der neuen Zeitschrift unfreundlich erscheinen
mag, ungerecht ist er sicher nicht. Auch ist der tadler
keineswegs der schlechteste freund.
Johannes Schmidt.
Zu den secundärsuffixen -an, -ina, inja, -ta,
-tva, -vant.
1) Das secund&rsufüx -an, -an zeigt sich am dent-
lichsten im zend. Hier haben wir folgende bildungen die-
ser art: puthran m. einen söhn habend, von puthra m.
söhn, dat. puthräne; mäthran m. Vorleser, verkündiger Ton
mäthra m. wort, gen. mätbränö, plur. nom. mäthrana^-ca;
hazanhan m. räuber von hazanh n. gewalt, raub; bävanan
m. titel des Mobed, der das Hom im mörser zerstölst,
eigentlich der mörser- versehene von hävana m. mörser;
endlich das adjectivische vi^an einen hansstand besitzend
von VI9 haus. Diese zendwörter sind so bedeutsam, weil
sie zugleich auf ein weitverbreitetes suf&x im sanskrit licht
werfen. Es ist nämlich dies suiBx -an identisch mit dem
skr. suf&x -in. Zend. putbr-an m. familienvater ist as skr.
putr-in einen söhn habend, zend. mäthr-an m. Vorleser =
skr. mantr-in spruch kennend, rath habend; endlich ha-
zanb-an m. räuber steht parallel dem skr. sähas-in m. räu-
ber, von skr. sahasa n. gewalt. Auf europäischem bodeu
entsprechen lat. -ön und griechisch -coy, gen. -wv-oq^ wo
diese suffixe von bereits fertigen nomen neue bilden. So
entspricht ydcxQ-wv ro. dickbauch, starken bauch habend
dem skr. jathar-in starken bauch habend, der monalsname
'YÖQ'WV m. wassermonat dem skr. udr-in wasserreich, und
der eigennamc l^lvSqwv für 'J^viqwv von a-v^Q- mann deckt
sich mit dem sabinischen namen Ncron- Nero von ner
mann. Das lange ö kann uns nicht befremden, da wir ja
im zend neben -an die starke form -an in der flexion
finden.
2) Das secundärsuffix -ina, welches besonders gern an
stoffuamen tritt und aus ihnen adjective bildet mit der be-
456 Bn^al, miscellen.
affiz an dieselben Wörter getreten, hier noch einen platz
finden. Dem skr. pivas-vant strotzend von plvas n. fett
entspricht nirj-eig für nift^'^evT-^ Tiifea-jrepv- fettreich von
nJ^aa- fett in nif((S'TB()0'g, mia-regog und sonst; ferner
decken sich wenigstens in der form skr. kakra-vant mit
rädern versehen und xvxlozfBVT- kreisförmig; ebenso zend.
vläa-vant giftig von viäa gift und ioetg {fir j:i(fO'j:e\T', das
beiwort des eisens bei Homer, wohl mit recht von den
alten „dem roste log ausgesetzt^ erklärt; endlich skr.
Ichäjft-vant schattig, schattengebend und axio-jr^vr-^ axioetg
schattig, schattengebend.
Göttingen, 14. decbr. 1868. A. Fick.
Nirnis.
Dafs nimis eine comparativbildung wie magis, po-
tis, pris (in pris-cus, pris-tinus) ist, darf als ausge-
machte Sache gelten (Zeitschrift III, 278). Auch hat prof.
Pott schon in der ersten ausgäbe seiner etymologischen
forschungen (I, 194) richtig erkannt, dafs die anfangssilbe
die negativpartikel ne, nr(ne-scius, ni-si, ni~hil) ent-
hält. Wie sollen wir aber mis erklären?
Ein wort wie nimis, dessen gesammtbedeutung „viel,
zu viel** ist, und dessen erste Silbe die negation ausdrückt,
mag wohl als zweiten theil ein wort enthalten haben, wel-
ches „wenig, zu wenig ^ bedeutete. Nun aber kann das
griechische fieiov im lateinischen nicht anders als meios,
mios lauten. Die zusammenziehung von mios zu mis ist
dieselbe wie bei satis, potis. Nimis heifst demnach
wörtlich: „nicht wenig, viel% und daraus entwickelte sich
wie beim griechischen ayav der begriff „zu viel". Aus
nimis entsprang das adjektiv nimius, wie aus pris sich
priscus, pristinus weiter gebildet haben.
Neben /jslov besteht im griechischen der comparativ
nkeiov: so mag es auch früher neben mis im lateinischen
ein plis gegeben haben. Festus p. 204: plisima, plu-
rima.
Paris, den 27. april 1869. Michel Breal.
inbceUen. 455
sehe zeigt ueben dem alten, stark zusauimeogeschwunde-
nen -yua-8, -inä-s massenhaft das suffix -ini-s d. i. inja-s,
und so entspricht z. b« zemini-s dem zend. zemaenja irden,
jilyvini-s von (Qbrigens entlehntem) alyva Ölbaum ge-
nau dem griechischen klaheo-g. Ob nun aber das sufl^x
-ainja sich schon vor der Sprachentrennung aus -aina ent-
wickelt, oder ob die entstehung von -ainja aus -aina sich
in den einzelsprachen selbständig und von einander unab-
hängig vollzogen habe, darüber soll hier nichts aufgestellt
werden.
4) Das secundärsuffix -tä bildet abstracta im sinne
unseres -heit von adjectiven, und war bereits der Ursprache
eigen, denn es findet sich im sanskrit, im latein, im deut-
schen und slavischen, wenn auch z. b. im latein nicht sehr
häufig. Dort haben wir z. b. juven-ta f. identisch mit
goth. jun-da f. jugend; dagegen entsprechen sich skr. ^ün-
ja-tä f. und ksl. sujeta f leere; skr. dirgha-tä und ksl.
dlügo-ta f. länge, skr. püriia-tä f. vollheit, fülle und ksl.
plüno-ta, ahd. fullida, mbd. vullede f. fülle, vollheit, für
fuluida, indem goth. full-a- voll bekanntlich für fuln-a-
steht.
5) Das suffix -tva, im sanskrit so überaus häufig ver-
wandt, um abstracta aus adjectiven zu bilden, ganz wie
-tä, scheint sich in den übrigen sprachen, wenn überhaupt,
nur sehr sporadisch zu finden. So wäre es z. b. sehr ver-
lockend das goth. frijathva, besser friathva f. liebe mit
skr. prijatva n. das liebsein, liebhaben zu identificiren. Al-
lein während das skr. wort aus prij-a lieb (für pri-a von
pri durch a) und tva zusammengesetzt ist, möchte goth.
friathva eher eine primärbildung und fri-athva zu trennen
sein. Dem gothischen salithva f. nur im plural salithvos,
herberge, wohnung, ziromer entspricht das ksl. selitva f.
Wohnung (habitatio Miklosich) und scheint tva in diesem
Worte allerdings secundäres affix zu sein.
6) Das griechische affix -^€i'r- entspricht so völlig
dem skr. -vant, dafs es fast überflüssig scheinen möchte,
sich deckende bildungen dieser art in beiden sprachen auf-
zusuchen. Doch mögen die wenigen beispiele, wo dieses
458
Sachregister.
bedeutung des a, a des conjunctivs
Dach Scherer 405. 406.
Consonanten. Aalaat. idg. bh im
lat. dnrch f oder h, nicht durch b
vertreten 14; altidg. b 19; die lant-
Terbindung uv im lat. und ihre Um-
gestaltungen 106 — 108, namentlich
ihr Übergang zu üb 107 f.; Vertre-
tung von altem v durch qt 212, in
ff^öq nicht durch «r bedingt 212,
ist nur dialektisch und local 218;
i-ähnliche uatnr des 1 bewirkt um-
lant im ostfränk. 281 ; Übergang von
n in 1 für das griech. und lat. we-
nig gesichert 289; Übergang von
inlaut. lat. h zu g wohl immer mit
nasaliertem vocal verbunden 289;
Übergang von m in n 860; Übergang
von j in V im skr. 866; Übergang
von -t in -s im iranischen und seine
beziehnng zu dem zendlaute ( 897 f.,
Übergang von -t in -s im skr. 399
(cf. 887); sporadischer lautwandel
vun inlaut. s zu r im skr. und hoch-
deutschen 400. — .ausspräche des
lat. f 429 — 434, im besonderen: die
Zeugnisse der grammatiker 429 — 432,
epigraphische Zeugnisse (lautverbin-
dnng mf und deren Verhältnis zu
nf) 432. 438. — Vgl. auch noch
unter: Aspiraten.
Consonanteneinschub. Einschub
von d zwischen n — r, 1 — r 288.
Copula. Auslassung derselben 888
—391. 894.
Dativ. Bedeutung und gebrauch des
indogerm., speciell vedischen dativs
mit besonderer berücksichtigung der
dativischen infinitivformen 81 — 105.
— Ursprung des dativsuffixes äi, 8
870 f. (cf. 101).
Denominativa. Yerba auf latein.
-erare, got. -izon, ahd. -isdn und
ihre verwandten in den übrigen in-
dogerm. sprnchen 52 ff. — lat. de-
nominativa auf -io 25 ; spuren einer
abgeleiteten -o - conjugation im lat.
und osk. 205 f.; denominativa in
der dritten lat. conjugation 808. —
denominativa des sanskrit, durch
blofsen antritt der personalendnngen
an den nominalstamm gebildet 411.
Deutsche dialekte. Dialekt von
Job. Pauli's Schimpf und Ernst 40
— 51: lautverhältnisse 4 1 ; beroer-
kenswerthe Wörter 42 — 51. — Vo-
calverhiütnisse des ostfrttuk. dialekts :
Umstellung der diphthonge mhd. ie,
uo, Üe (nhd. ie, ü, U), im ostMnk.
dialekt und deren analoga in ande-
ren älteren und neueren mundart«n
268 — 276; Verengung ursprünglicher
und secundärer diphthonge und de-
ren analoga in andern dialekten
277—288.
Dual. Entstehung des dualen au
290. 291.
Ersatzdehnung im nom. sg. 875 ff.;
in vedischen 2. und 8. pers. des
activs von aoristen der 5. bildung
(nach Bopp, der ersten nach Benfey)
bei consonantisch auslautenden wur-
zeln 878 ff. (Beufe/s ansieht von
diesen aoristformen und die gründe
gegen dieselbe 881). — Eraatzdeh-
nung ist kein durchgreifendes gesetz
geworden 380.
Erweichung Von consonanten. Er-
weichung von tennes im wurzelan»-
laut im griech. 2; diese erweichung
durch nebeneinanderatehen von wux^
zeln mit auslaut. k und g schon för
die indogerm. zeit wahrscheinlich
gemacht 241. — erweichung von
aulaut. lat. p zu b nicht unbedenk-
lich 15. — erweichung inlaut te-
nues im lat sehr häufig 20. — er-
weichung von anlaut. c im lat 21,
89. — erweichung von anlaut p
vor 1 im litauischen 80.
Fränkisch. Spuren des altfränk. in
der vocalisation der von den Römern
überlieferten deutschen namen 183.
184.
Gemination. Gemination der tenuis
im lateinischen 1 — 40 (übersieht
sämmtlicher lat. wortformen mit ge-
minierter tenuis 39. 40). — gemi-
nation in der lat. Orthographie über-
haupt in Verwirrung gcrathen 8. —
Vgl. auch noch: Oskisch.
Genitiv. Genitiv sg. der a- stamme
151. genitivsufßx -as 373. geni-
tiv-ablativ auf äi fUr -äs in den
brähmaya 371.
Genus 150—153. Scharfe begriff-
liche Scheidung der drei genera sehr
mifslich 152. — Verbindung ma»-
culiner und femin. formen der pro-
Sachregister.
459
noin. mit DeatrU im zend und ihre
Analoga im deutschen 857. 858.
Germanisch. Spaltungen der deut-
schen gmndsp räche in ihrem ver-
bältnis zu den uns erhaltenen sprach-
zweigen 168 ff. — Charakteristik
der einzelnen abzweignngen : altur-
deutsch 169 — 172; mittelurdeutsch
178 — 177 (beziehungen der Skan-
dinavier zu den Sudgermanen 177,
zu den Goten 178. 179); neuui^
deutsch 178 — 184. — verschiedene
arten der Übereinstimmung zwischen
den einzelnen german. dialekten und
ihre gründe 186.
Hilfsvocal a in gotischen flexions-
formen, seine analoga im italieni-
schen, neugriech. und slawischen,
seine theilweise entstehung aus ana-
logie 881 f.
Imperfectum. Vedische 3. und 8.
pers. des imperfects auf -iis, -äit
68. 54.
Indogermanisch. Methodische
gmndsfttze für die aufütellung indo-
germ. formen 74—77. — verschie-
dene beziehungen der einzelnen
indogerm. hauptzweige zu einander
(„ancipität der sprachen**) 168.
Infinitiv. Infinitivsuffix -taväi 870.
— Weiteres ttber den Infinitiv siehe
unter Dativ.
Instrumental pl. der -a- und -&-
Stämme im skr. 872.
Lautverschiebung. Hohes alter
der beiden letzten, dem deutschen
allein eigenthttmlichen stufen der
lautverschiebnng bewiesen durch die
von den Römern überlieferten namen
166 ff.
Locativ. Locativ sing. 865 — 868:
angeblich vedische locative auf ä
von -a- und -a-stämmen 865 f. ; loc.
der -i- und -ü -stamme 866; locativ
der -i- Stämme auf ä und Su 866,
der -u- Stämme auf &u 361, 866;
locativ der fem in. auf -§m 867 ;
locativformen mit -i, -i 867, 868
(cf. 407); locativ sg. des zend 867.
368, des litauischen 368; fehlen
des locativzeichens bei stammen auf
-an in den reden 884. — Locativ
pl. auf -SU, zend. *-8va 864.
Medium. Die endungen des mediums
nicht aus denselben grundformen
hervorgehend wie die des acttvums
841. 842.
Mythologisches. Mythus von Zeus
-Semele und sein Zusammenhang
mit dem mythen- und märchenkreis
von Purüravas-Urva^i, Amor-Psyche
und den schwanenjungfrauen 56 — 66.
— beziehungen in diesen märchen,
die auf die Vorstellungen von donner
und blitz hinweisen 57. 58. 61. 68.
~ aufsteigen zum himmel 56. 59.
60. 62 f. — fraglich, ob die Melusi-
nensage zu derselben grnppe 64.
Namen. Erklärung einiger neudeut-
scher familiennamen 79. 80. 159.
222 f. 229. 281. 282. — germani-
sche kosenamen 216 — 286.
Nasal. Nasal im auslaut eintretend
fUr schwindendes -e im grtech. und
den indischen dialekten 888. 884.
einschnb eines nasals 845.
Neugriechisch. Abwerfhng und
ausstofsung von vocalen, consonan-
ten und ganzen Silben in der neu-
griech. Volkssprache 114. — accent-
regeln des altgriech. im neugriech.
fifters verletzt 117. — paragogische
formen im neugriech., namentlich
tzakon. verbum 147. — ausfall von
a zwischen vocalen in flexionaen-
dungen des neugriech. verbums 147.
— Weiteres s. unter Tzakonisch.
Nominativ. Bezeichnnngsweisen des
nominativs nach Scherer 874 ff.:
unbezeichneter nominativ 874, 875
(dagegen nominativzeichen -s auch
bei femininis 874); angebliche no-
minativbezeichnung durch vocal Ver-
stärkung des bildungssufBxes 875 ff.;
das nominativzeichen -s 881 — 884.
Oskisch. Altoskische inschriften in
griechischer schrift: 1) grabschrift
von Sorrento 187. 188. 2) grab-
schrift von Anzi 189— 210,241— 250
(alter derselben 245. 249; Übersicht
ihrer besonders alterthümlichen for-
men, darunter namentlich mangelnde
erweichung eines auslautenden t)
246 — 248. 8) weiheinschrift eines
helmes zu Palermo 250—258.
Vocale: irrige bezeichnung kurzer
osk. e und o durch rj und w 191;
if im oskischen zur bezeichnung
eines langen I 194. 209; parasiti-
sches i hinter t, d, n, I im oski-
460
Sachregister.
sehen und volskiscben und dessen
•naloga im roman. nnd albanes.
208 f.
Consonanten: gemination zur be-
Zeichnung gesch&rfter ansspracbe in
bochbetonter silbe 188; bedentang
des Zeichens f- als eines zirischen
getrennt gesprochenen vocalen ein-
tretenden baacblaates and seine ana-
log« (h, /- ) in den Übrigen italischen
dialekten 192 f.
Declination: altoskische (wie alt-
lat.) nom. sg. auf -as von mttnnli-
chen a-stämmen 242, ef.244; gen.
sg. dieser stAmme 242 ; verschiedene
nominativformen der stamme anf
-io 255. 266.
Umbrisch - oskisch-volskische infi-
nitive auf -om, -am 205. — classen
der abgeleiteten conjagation im
08k. 248. 249. — griech. worter
und namen im oskischen 200.
Participialfutarum 388. 390.
Participialperfect des alterSni-
schen ist vielleicht eher ein aor.
medii 889.
Participium auf -ant (and v-ans)
885 ff.
Perfectum. Bildung der italischen
perfectformen 808.^811 (vgl. 207).
— vedische 1. pers. sg. perf. auf 'ä
weist nebst griecb. a und den for-
men mit -&u auf älteres -am 826.
Personalausdruck. Fehlen des-
selben bei der dritten person 388
— 896.
Personalendungen. Erster person :
1. pers. plor. auf .m im got praes.
entstanden aus *ms, maa, nicht aus
"^-ma (lit. -me) 830. ahd. -mds,
seine nebenformen und seine ent.
stehuDg 383 — 889; angebliche lat.
1. pl. auf mds 888; die griecb. for-
men -^if; und -/fCK 388. 884. —
-mah§, z. -maidhS, giiecb. ^ftix7a
und die verwandten endungen 346.
847.
Zweiter person : -dhl des impera-
tivs 346. — vedisches -thä, -thana
des plurals im präsens, -tä, -tana
des plurals im imperativ 356. —
•sva des medialen imperativ» 358.
Dritter person 387 ff. 396—407:
endung -e 396; endung -i des sg.
aor. pass. 396 f.; altpers. -sa, griech.
-aar, -ffaffft 898 ; skr. -us, hui898 f.
— formen der 8. pL mit r (-r§, -ran
u. s. w.) 899—402: die skr. formen
-rS, -ran n. s. w. sind von den zend-
formen -are, -ar^ u. s. w. zn trennen ;
jene gehören zn wz. as 400; form
-ran(n), -rata, -ram, -ra 400 ff. ; form
-rS, -rire des peifects 402; form -are
im plli 402. — Zusammenhang
zwischen 8. pL anf -anti und part.
anf -ant 405. — Scherers theorie
Über die formen der 8. person 402
—407.
Personalpronomen: formen des
selbstAnd. Personalpronomens 850 ff.
Plural. Acht arten des plaralaua-
dmcks nach Scherer 852 — 860, im
besonderen: endung 'i (-Sni, -ini,
-&ni) der nentra und ihre neben-
formen 3 56 ff., endung -iSas 858; an-
geblich flexionslose plorale der neu-
tralen -as-stämme 884.
PositionslKnge. Wesen derselben
285 f.
PrKsens. Das i in den flexionsen-
dungen des präsens 842 f
Präsensstämme mit -to im lat. 36.
Pronominaldeclinatlon: sma in
der pronominaldedination 353. 861
— 864. locatlvendung (sm)in 368.
Reduplication. Contraction redu-
plicierter formen im skr. und deut-
schen 308 f. (cf. 806. 807). — volle
reduplication von wurzeln aus con-
schant + vocal + conson. 410.
Runen. » Aelteste ** runeninschriflen
153— 157. — Charakter der darin
vorliegenden spräche z. th. alter-
thUmlicher als das gotische, jeden-
falls aber nordisch, nicht deutsch
(bewahrung der thematischen vo-
cale, epenthetisches und paragogi-
sches a, nominativzeichen r) 155.
166. — Inschrift des steine von
BjGrketorp 157.
Snffixa. Lat. -it 12; sufBx -ka in
primärei bildung selten 13; neutra-
les suff. lat. -tus, skr. -tas 23; lat
-uUo meist deminutiv von -ön 80;
laU -tur 38 ; skr. adj. auf -aja =
slav. -ij ,' verkürzt i 54. 55; -wXo
71; lat. -ivo im verhältnifs zu -uo
106; lat. -vo 201; osk. und lat.
adj. auf -ito durch vermxttelnng de-
nominativer verba auf -io von -i
SachregiBter.
461
stummen nnd consonantischen stam-
men 202; -at nnd -as, -vat und
-vas als dialektische nebenfurmen
211; vedisch -at (-vat) auch -an I
(-van)^ vertretend 211; suff. -ist«,!
-isfha mitunter Steigerung der wur- '
zelsilbe bewirkend 213; ital. -aiio, j
-aio, -ejo und skr. Sja 802; skr.
-BÄt, -sä 864; -mant und -vant
885 ff.; ijis 886; Verwandtschaft
von Suffix -väs und -vant 387;
Wechsel von -are und -an zendischer
nominalthemen 899; -ina lit. nicht
selten zu -na verkamt 414; lat.
-bro, -bra, -bri 487 — 440, -cro,
-cra, -cri 440. — Uebereinstim-
mende bildungen in verschiedenen
indogerm. sprachen mit folgenden
sufifixen : secund. suff. zend. -an, -Sn,
skr. -in, lat.-ön, ^tar, gen.-w)'o;458;
secund. suff. *-ina, *aina {-iroq, ksl.
-inu, -inü — lat. -inus, got. -eina-,
ksl. ^nü 454 1 seine Weiterbildung
•inja, *ainja (zend. nom. aeni-s,
-»ffo;, lit. nom. ini-s)454f.; secund.
suff. -tä und -tva455; -vant, -J^tii
455 ff.
Tzakonisch. Bisherige arbeiten
Über diesen dialekt 185. — tzakon.
worter, die sich bei Hesychius wie-
derfinden 186. 187; die auch im
albanesischen vorkommen 138. 189.
— Yocale: Übergang von anlaut. t
in a 140; von ;, a» in i, 140; von
au in 01/ 141 ; von anlaut. a in f
142, von ( und ij in ov 145. —
Gonsonanten :
dem lakon. p für <t
entsprechend, fällt tzakon. meist ab,
erscheint aber wieder vor vocalen
186; Übergang von rp in & 140; der
laut seh häufig im tzakon., wie im
epirotischen und makedon. neugrie-
chisch und im albanesischen 148,
entsteht aus q nach dentalen 148.
— tzakon. -iyyov = gemeingriech.
-tvut (mit dieser endung gehen ital.
verba in die griech. dialf^kte Süd-
italiens über) 141; -Uxov bildet
tzakon. transitiva 141. — Declina-
tion: acc. und nom. pl. nur durch
den artikel unterschieden 144 ; dativ-
formen von Thiersch für das tzakon.
mit unrecht angesetzt 145. 146;
gen. sing, der fem. in a impurum
endigt tzakon. theils auf c, theils
auf Ti 146. - Verbum 146 f. —
Stellung des tzakon. zum altdorischen
und lakonischen 148. 149.
Verba, abgeleitete. Siehe Deno-
mi nativa.
Vocale. Schwächung des wurzelvo-
cals im zweiten gliede von compositis
im lat. 6, unterbleibt zuweilen 6,
findet sich nicht im osk. 6 ; i und
u im Wechsel im lat. 12; Schwä-
chung von a zu 1 vor doppelcon-
sonanz im lat. 37. — entstehung von o
aus u im lat. 258 — 268 : entstehung
von 6 durch synizese von ou 258.
259; Verkürzung dieses o zu $ 305;
unmittelbarer Übergang von ü in 5
gehört der Volkssprache an, in der
Schriftsprache kein sicheres beispiel
260, 268 (cf. 298); lat. o =: griech.
i; (durch Übergang von a in v vor
q) 260, 261. — ahd. o einigemal
Schwächung aus a 266; Schwächung
von skr. a zu u vor r 286; Über-
gang von a in i im zweiten crliede
lat. composita durch u vermittelt
287; vocalkürze im altlat. vor spä-
terer, z. th. et^rmologisch begründe-
ter doppelcon8onauz294; ouslaut. -ä
der Ursprache durch griech. -a, lat.
•a, kaum durch griech. -w, lat. -ö
vertreten 827 (cf. 876); ahd. S aus
ia durch zusammenziehung redupli-
cierter formen 880 (cf. 887); zend.
h aus a 875.
Vocalreihen. üebergang deutscher
wurzeln aus der a- in die i-reihe 10.
Vocal Verlängerung in offener silbe
im inlaut (sufi*. -iman neben -iman
u. ä.) 851 ; vocalverlängeruDg vor v
866.
Vocativ der fem. auf ä 869.
Wu r z e 1 n. Weiterbildung von wurzeln
durch g 21, durch labiale 21, durch
k 22, durch x '^^t d^^'c^ ^ ^^i
durch bh 24.
Zahladverbia des latein. auf -iens,
-ies 886.
ZahlwOrter. Ursprüngliche form
der Zahlwörter für 5, 7, 8, 9, 10
in den indogerm. sprachen 290.
462
Wortregister.
IL Wortregister.
A. OermaiuBche sprachen.
l) fiotlsch.
basi 16.
bellaginea 806.
fana 6.
fani 416.
foa 416.
friathva, frijathva 455.
gasuljan 262.
gavigan 26.
giiita 88.
bairto 416.
hlains 28.
hlaiv 28.
hvana 381.
ioa 881.
iU 831.
izvia 845, 859.
JQDda 455.
JOB 839.
leibvan 207.
mitb 862.
eueb. Kasna 174.
nehva 160.
qitbus 88.
reikfl 806.
riqis 78.
ea 874 f.
sai 869.
sakan 804.
galithvoB 455.
sauls 262.
eibja 804.
sigU 804.
sulja 262.
thana 381.
thata 831.
tlilaihan 804.
nnSi uDsis 845, 859.
varjan 206^
vegs 26.
reis 389, 847.
▼ens 807.
vigs 26.
yindan 22.
2) Althochdeutsch.
paccho 18.
parran, parmnga 815.
bfböz 279.
pl&an 27.
pmob 8.
egida 35.
egju 35.
eihhon 802.
fedara 28.
Hehan 304.
fttllida 455.
gäm, gern 330.
gSnc, gianc 380.
gramizon 818.
grint 318.
gröz 180.
hl€o 23.
hlin^n 28.
hlosdn, hlosdn 803.
hraban 21.
bruoh 21.
hwenan 881.
ihha 881, 850.
inan 331.
kelä 24.
kliban 10.
koufön 802.
leisa 418.
lerz, lurz 416.
matt& 4.
reibhan 207.
riuzan 276.
saf 20.
sama 853.
samant 862.
skivero 11.
scoz 802.
scritescuoh 158.
sS 869.
Blim 28.
stören, storran 261.
8t4m, stSm 330.
sügan 20.
swelli 262.
taoUa 281.
uoberon 52.
wafsa 31.
Tvag& 26.
wäga 26.
wagan 26.
wagdn 26.
wari 206.
wegan 26.
, weban 288.
I wibil 80.
t wini 807.
wir, wer 889.
3) Hittelhochdentsch.
blaewen, blaejen 27.
buole 416.
genieten 267.
gruonen 271.
hüren 280.
klembem 10.
krSgen, kriegen 267.
krSnwel, krewel 279.
küle 280.
loben 111.
manger, mangaere, men-
gaere 159.
matte, matze 4.
Mennor 174.
muoder 274.
pfdcben 19.
Bcbiech 266.
schritescbuoch , scbrittel-
schnocb 158.
Bihte 17.
toum 279.
triel 281.
tücbe 277.
viehte 266.
vroot 274.
waberen 81.
w&gen 26.
waege 26.
wücbz 13.
wuor 274.
4) Meahochdevtsoh.
bttben 268.
barsch 315.
blatt 261.
börste 315.
derselbe 853.
ergroffen 267.
faUen 487.
fischmenger 159.
fleischmenger 159.
frag 272, 274.
Wortregister,
463
gerate 487.
herbst 211.
karst 211.
kehren 211.
kleister 23.
lache 79, 80.
laub 112.
mieder 274.
machen 19.
machig, mafflg 19.
pfUtze 79.
rttuchern 108.
Schlittschuh 158.
schrittschuh 158.
steigern 108.
stochern 108.
5) Oberdeutsche dia-
lekte.
NB. Die unbezeichneten
Wörter sind ostfränkisch.
alem. ausser, aunser 48.
bftb&z 279.
mcht-n 266.
g-groff*m 267.
g-nfei*n 266.
alem. gvetterlen 45.
sttdhess. gritib 270.
gr^uD, grkuna 271.
hAl-n 280.
kftl 280.
krftl 279.
krbign 267.
alem. krüssen 48.
l^ttg'ln, loug-ln 274.
Upfel 50.
bair. schwäb. maden 42.
sOdhess. mKich 270.
alem. matte 42.
m^ttda' 274.
mir {= wir) 889, 851.
nMlara' 281.
bair. rechbrett 42.
ruifs'n 276.
schM', sehöich 266.
siOg-n 274.
Schweiz, sinnen (signare)
802.
wetterauisch schtraiten
168.
tAmisch 279.
tÄk^n 277.
t^U-n 281.
alem. todtenbaum 41. 42.
trWl-rl 281.
wä 280.
wöüa 274.
6) Alts&chsisch.
darth 272.
7) Hittelnieder-
deutsch.
vadderspel 45.
8) Heoniederdentsch.
bäwe'n 108.
preufs. broidesch 276.
dette 381.
westmi. donrt 272.
fraug 272, 274.
aachen. bausch 275.
icke 831.
westfftl.jaug 272.
klibe 10.
l&ke 79.
laven 112.
hiuterpomm. mank 274.
puchen, pochen 19.
sap 20.
striden 158.
stridscbo, stridschau 158.
mecklenb. unfraadig 274.
9) Miederlindisch.
lak 79.
10) Angeüächsisch.
bl&van 27.
broc 8.
greit 180.
grimetan 318.
grindan 318.
grist, grest 818.
meatta 4.
IDEngUsch.
to blow 27.
monger 159.
niyself u. s. w. 353.
same 353.
stride 158.
12) Altnordisch.
brök 3.
bust 315.
grand 318.
granda 818.
greuna 818.
hli5 28.
hrdkr 21.
hurt$ 261.
kall 233.
lids 259.
log 306.
lysa 259.
Nanri 174.
rökr 58.
svalir 262.
svoli 262.
sylla 262.
ther 851.
v&fa 31.
vafrlogi 81.
V&fu6r 31.
Vit 853.
13) Norwegisch.
de 852.
roe 339, 352.
mar 339, 852.
mit 839, 352.
14) Schwedisch.
löftesmann 112.
15) Dinlsch.
kttlling 238.
464
Worti«gister.
l ) Altgrieohuch.
ayav 456,
a<y^o^ 187.
lakoD. annvQ IS 6.
akriTor (Hes.) 137.
Hol. ähnna 10.
ä^a 862.
dftfttq 845.
a^7/? 878.
aia;iAi7<rirw 140.
dm<rkX(X)oq 72.
dnoftvaatü 19.
an:7^7a (Hes.) 189.
ä^oi^^oraiui;? 71.
da/alua) 52.
a<r/ aililo) 52.
ai^»or (Hes.) 187.
avödv 54.
at^dctf 54.
djff 878.
^«xAa 15.
ßaxTijg(a 15.
ßdxTQOv 15.
^arycta (Hes.) 187.
ßotqvq 286.
Ukon. ßiQxioq 186.
/9A,;^i7 22.
ßQd^ßo^ra^iq 70.
ßotturriffiq (Hes.) 19.
ßf^dxou 8.
Hol. /9^aico? 813.
ßvndrti 18.
^i/xii7? (Hes.) 19.
ßtaTidvtiQa 70.
^aoTi;^ 88.
;^Z^a 24.
^'A/yij 24.
^'IftTToi^ (Hes.) 28.
7^1040$ 24.
/Vi7<rtnno? 71.
yoyyi'A^C 141.
yvivia 140.
lakon. daßfXoi 186.
^o^a 78.
^;^« 350.
fSaipof: 262.
ViTo; 444.
«i^Tat, farai 400.
^laui'« 188.
»xfir 108.
ifii 850.
dor. ^|U^w 146.
B. Griechisch.
ffiOQtfv (Hes.) 141.
n 878.
roc, o; 218.
*Enafivv6SoToq 71.
^;r^ 81, 263, 297.
fnoyxoq 140.
iQivi'vttv 411.
f^xaros (Hes.) 187.
Evddfnnnoq 71.
r/fi»' 804.
^i?,, 212.
lyuet; 845.
f/Tiioloq 80.
^Hii.at<rtoq 21 2 ff.
^otir^iöi; 261.
0-{}avio 437.
^w^ia 260.
^i';a> 262.
Xdfiivai 108.
if^bf; 808.
^ofK (beiw. d.ei8eii8)456.
^o; (rost) 456.
fffCMT» 400.
nalvui 71.
xaxdc 84.
achftisch xocXaC«» 140.
£ai'Jalo9 72.
KdvS»Xoq 71.
xa^Ti'O^ 9.
xa^noc 211.
xa^ü'i'Of 415.
Kaaadvd{^a 70.
JiCaa^i^neta 70.
Xa<7rMxy€ft^a 70.
xai'lo; 141.
xc^ara», xfaraft 400.
xe^aio, xiaxo 400.
xiAci/^oc 307.
xclfi/crraviu^ 70.
xtXtvatMia 70.
Xei-Tai'^o? 71.
xiiixoq (Hes.) 21.
xaAi£ 137.
xXUfü 23.
xUru« 28.
XO;';|fOC 487.
xoxxoq 4.
X0|ii«ir 112.
X0|M1/ 112.
xö^al 21.
xo^cui-i; 21.
Koqxo(joq 21.
xoirxrl/taTta 261.
xoTTara 5.
XOT1U17 89, 188
lakon. xoirai'a (manuscr.
xovafia) 186.
xgdl^Wi xixQaya 21.
xf^dfißif 138.
x^f'ac 140.
x^«/TTa>r 287.
x^i^i7 487.
XQtal^ia 21.
xt-^TOf, xr^Tjj 261.
Xayaf^oq 811.
ia/cMTcrow 811.
Xayytvii 811.
Aa^ro? 811.
Aax^? 818.
U7€»r 118.
A«»i5 10.
Xinoq 118.
%» 311 ff.
lijror 413.
XkTiagriq 10.
A/äo? 10.
XCq, XiToq 23.
Ätaffo« 23.
X^Toq 28.
lo^do; 416.
At;/aio$ 78.
AvTt^Qffaq 70.
üfatjuaxTi/s 71.
/ia^fidaao» 71.
Mcufid/ffq 71.
/uouexoar, ftaxodr
ftaXax'^ 414.
fidXßcuta 414.
fidcffta 5.
^aTTi;a, ^aTTt'i; 5.
fiaxTifiq 5.
^act'a»,i/arTt'a»(Hes.) 7.
/uci^wv 287.
fiflov 456.
^a^ii; 414.
^fia 362.
/i6i)<TifiO& (Hes.) 141.
^0^6? (Hes.) 141,
lakon. ^ot'ia 189.
fivxjiq, /ivxfiros 19, 20.
fiVKoq 19, 20.
^t'XTl)^ 19.
|Mi)£a 19.
fjivqfirfi 261.
lakon. ^v^Toiil^ 136.
fiuxdoficu 14.
xir 14.
Wortregifiter.
465
fl^KO^ 14.
fumHOQ 14.
v4fntw 805.
irflqpof 444.
90fA0^ 805.
rvfttf^fi 889.
eJ90c 11.
6 874 f.
0|7ri7(»oc 140.
oyMoq 140.
o/xi<Ao9 140.
oifo; 88.
opv^ 487.
ol^rij 85.
o^vq 35.
on(a9m 878.
ono« 20.
09x17 (Hes.) 187.
^OgaCXoxoqr 70.
*0^»Tao;ro? 70.
oc (demonstr.) 875.
oifiaii 262.
ovKtf, oiiTo»? 897.
navoq 416.
ncMTxoc 416.
n*Q 87.
Hi^iiAcoic 71.
nni'^w 6.
ffi}vo$ 8.
ntitiq 415.
9i^y(s| 456.
tcAaTv? (salzig) 415.
nXiiav 456.
nXfja/ia (same) 415.
3il^4>o« 299, 444.
noXvq 286.
n^our*» 418.
9iMu<a*ya> 415.
ngtifffta 415.
TT^lrOQ 188.
n^oat», 9r^o<r<rM 878.
n^ontalXaoq 72.
nQtmrvia 72.
ffTf^oi' 28.
^yrvfn 811 ff.
pijyo; 818.
<ya/ij 2.
eayfiu 1» 2.
aayoq 2. .
iraxxoc 2.
<rrc«oc 2.
kaiyst. aaqfAoi 187.
(TOTTW 1| 2.
WZ. a/7c^ 487.
Zeitacbr. f. ygl.sprachf.
(riV» 262.
lakon. anqfioi 187.
«riyjTw 12.
«r/lfii'^o? 72.
ünalXi» 261.
<r»cvn{c<i' 259.
tfir/9>o« (Hes.) 11.
^»i^XiliM 261.
<rxi/loir 261.
«ro^o; 199 ff.
<r:i/ilc^o; 261.
Oitoyyoq 486 f.
<rnoAa; 261.
<rnvga&oq 261.
aff^Lpw 6.
(Ti^o^oc 5.
irrvnfi, avvnnfi 12.
<rTt;9c;rcu>v 12.
ffTV9/9a2;«i 261.
«riv^w 12.
avyxv^la 140.
«rvxoy 21. ^•
iFvXdw 261.
<n'9/?i} 261.
aq>aXXw 486 f.
tf^cdayo; 815.
Offiirdorri 299.
aqioyyoq 486.
oqiodqtq 815.
ir^of 212.
«rw^R^tt»!' 71.
ttol. Ta/i; (^ TaO ^46.
Toila/^^^aH' 69.
ToXaufltpqw» 69.
T/rd« 261.
tU^i; 80.
1^9)17 80.
T»'fOC 80.
ttol. rolq (s=3 TOuO ^^5.
ttol. dor. %vKOP 21.
vanivB-oq 18, 14.
1/A17 262.
lUa 262.
tfjid 29, 81.
vntuiq 29.
vmtgala 140.
WZ. vo) 288.
9)a90(, qpci^o? 6.
i^lXoq 415.
^o^ci^Q 261.
q>0(fvpw 261.
909 v; 261.
^lUZor 261.
q>vQto 261.
(pvcxfi 187.
xvni. 6.
j^ooc 160.
j^icui 160.
Xttd 160.
jlf^o^Jo^ 818.
urv/1} (sohmetterling) 187.
iixviviv^C 27.
«XVJSTCOOC S7«
«»VC 85«
«c 864.
2) levKrieohiieh.
NB. Die Wörter, bei de-
nen der dialekt nicht be-
flonders angegeben ist.
Bind mit ananahme der
mit einem steme bezeich-
neten tzakoniech.
n6tqi 187«^
aS(fd 187, 188.
kypr. adf^oq 188.
d&fi (i. e. 1x^0 ^89, 140.
dd-vui (i. e. d&uk) 189,
140.
axxo 186.
aXifza 187. ^-^*»*v.
dporavla 140.
dnouxaXi 140.
/SSnyyf 187.
ßaUdov 189.
ßt^döi 186.
ßividffMa 142.
^ot)l< 188.
T'a^o 188.
maked. ^«'ai'to 140.
VovAa 141.
*rovX( 141.
^^'ttiWa 140.
da/?€l< 186.
Si fii 146.
V^'xaTC 187.
fyxov 189.
^{oxa 189.
*(txyw («=■ Sfix^v) 114.
^/u/ov 146.
^naM^ttxa 141.
^aT^e 142.
V^^o« 114.
*f(lXOVfiak 115.
•Ea^Jo« 188.
CatKxov 189.
Caot; 189.
itfifidQwa 142.
♦,5 (altgr. aO 145.
*'^4 (= ^^Ae»> 114.
30
466
WortetgiMer.
&IU UO.
""BiaXooq 114.
nafixat 189.
♦xaT^iic* 189.
naxctvov 189.
sttdit gr. ktcei 189.
niXXa 142.
xxtooiiila 188.
•noqSi^v» 188.
xo^Jovxxot' 188.
Kovßapt 18(*
xovJUUxa 137.
xouTOulc 188.
ugafißvvPi 188.
kiet.x^a^TKOi/Tfffsi'a 13$.
»«/< 140.
*idfjiv^ 188.
Aa<po^a 142.
*lttonQiPoq 188.
♦A/« 114.
n/^a 188.
n«^aC«i 188.
n» 114.
*^«iT* 114.
/<eli}^xoii'» 189.
^i 146, 146.
^wC« 188, 189.
sttdit. gr. finiidSi, 189.
kypr. ^iT^^? 188, 189.
^ov^a 188.
I ftoitrdov 188.
' */ioi'rev;|ro? 188.
fAOvyrciXia 186.
^> flOVf^lxKOV 141.
ftnXfyyov 140.
finoQTixf 188.
I fiinovaC, (Anal 139.
I *ftvya 188.
I yarvaxa 142.
^yaroi'p^w 142.
W 146.
I fO*oi; 189.
l*ol/o« 114.
ooxo 187.
ov^* 140.
7xa*il^ayoi' 141.
Tioumxxov 141.
*n^« (= «tjioiy«»?) 114.
7ff()atxxoi> 141.
7lt(^OV 141.
*7f(^7raia^ 114.
^TTcrailor'Ja 187.
*nov(fvaQ^ 138.
*nQaftfiaja 116.
♦Wväia 113—118.
n^t»*«^» 188.
^rr^ivoxoxxta 188.
*n^6aJov 114.
*^turacu 114.
*aaytorf «rcc/ceix» 142.
, <Fäyo 142.
*axovTiXa 188,
I (Tx^^tti avxQla 140.
'*ff/ilyw 114.
' ffoftain 137.
I sUdit. gr. suspirevo 141.
♦ffÄir» 142.
*<r/«^^x»a 114.
*<r/ctf^^M 114.
xa^? (altgr. •ni<j) 145.
T^axwr^a, TCaxoiFf « 148.
*i}i^ 144.
Tf/, Ti}(» 144 f. (i»t loi^i
zu achreiben 145).
alUthen. 117; 144.
ror, TOi«^ 144.
10 V (altgr. Tor) 146.
kret. Tiri; 144.
ral 139.
*9a;t«v (=3 7 di/itf/ic»») 1 14 .
ifovxxa 137.
*90v<rxa 187.
90i;Tirfa 139, 140.
Xa/ieXi 138.
*;|ra^i7lb<; 138.
. */a/iffijlo? 138.
I ifftovxuQovda 187.
! *^ffvxot(f- 137.
1 ^i/zi/jt^^^ov^'» 137.
C. Albanesisch.
bi]]Jdka 142.
bitsi 139.
borige 188.
eigjent 142.
^ etseig 139.
grabii 138.
guli 188.
kapsoig 189.
katsi, ketsi 139.
raelingore , meiingone 189.
ment 138.
mft« 189.
miza 138.
morti 141.
njo 139.
stjegula 188.
tse, tsi 139.
wajtoig 189.
D. Italische sprachen.
1) Uteipisch.
abies 299.
abB 378.
ac 82, 867.
accipiter 27, 28.
acervns 291.
acidoB 86.
acie« 201.
: acutnen 28.
, acuo 28.
' acapedins 28.
acoB (schneUigkeit) 28.
i acas (nadel) IB.
,ad 81.
Adauta 88.
adgrettus, adgretus 32, H6,
aegrotns 205.
aequuB 303.
af 298.
WZ. ag 241; in composi-
tis 210, vgl. 815.
ancora 259.
apere 160.
apinda, apploda 12.
apud 160.
aquifolin.«! 28.
Wortregister.
467
aquila 28.
aqiiipenser 28.
arca 200.
arcere 200.
Argen tin US 454.
arguo 25, 288.
argtttos 26.
arx 200.
ast 888.
atqae 82, 867.
atU (Väterchen) 7.
atta (der auf den fufs-
sohlen geht) 89.
attegia 82.
uutor 38.
baca, bacca 14.
baccalia 16.
bacc(h)ar 8.
baccina 16.
baculum 15.
balo 22.
beccuB 4.
Beneditus 38.
blatero 22.
blatta (schabe) 86.
blatta (purpnr) 89.
blattio, blatio 22.
Bonifacius , Bonifatius
297.
bracca, braca 8, 9.
bubile 108.
Bubona 108.
bubsequa 108.
Buca 18.
bncca 18, 19.
bucco 18.
bucina, buccina 18.
callis 307.
candeo 72.
Candidas 72.
calere 211, 260.
capis 202.
catU 26.
catnlus 26.
catns (i. e. acutus) 248.
catus, cattus 26.
caulis 141.
causa 287.
cavea 160.
cera 807.
Ceres, Cercris 211.
cerroy cerritus 415.
cette 82.
CipuSy Cippas 1 1 .
cippus 10.
clino 23.
coccum 4.
coctana 5, 24, 84.
codex 802.
colina 260.
commingo 20.
comperco 160.
conctos 258.
condnmnari 287.
confestim 815. 0
conforio 261.
congins 487.
connus 259.
consnl 287.
consulo 287.
corayeront 259.
comix 21.
corrupio, corripio 287.
corvus 21.
cosniitto 86.
cotidie, cottidie 25.
cotonea 259.
cottana, co(t)tona 5, 34.
cotnmium 89.
cracca 16.
cracentes 16, 21.
cras 140.
crates 261.
crocatio 21.
crocio 2t.
crocito 21.
cujus 802.
culina 260.
cupio II, 12.
cuppes, cuppedo 1 1 f.
custo.s 205.
WZ. -da (condere u. s. w.)
443.
DEDA 300.
delicare 207.
delirus, delirare u. b. «r.
412.
diee 294.
dies 444.
dissipat '29.
diu 301.
dins 300.
dives 12.
domos (gen. sg.) 260.
duuDiTinim 801.
ecastOT 27.
ecce 27, 87.
eccere 27.
ecquis u. s. w. 87.
ego 350.
emnngo 19.
' enim 196.
Epona 160.
eqairine 27.
1 erodiU 259.
ex 878.
exfociont 258.
;facere 448.
fallo 298, 486 f.
'fames 442.
!famuluB 298.
i'fastidiom 315.
j fastigium 315.
Tastigo 816.
'fasttts 815.
fateri 205, 248.
fatisco 160.
t'aveo 415.
favissae 160.
♦feo 298.
festino 316.
ilacctts 16, 17, 26.
flagro 16.
flare 261.
flavns 16.
ilecto 36.
flexumines 802.
fiexuntes 302.
flocces 26, 27.
floccns 26, 27.
ilnere 288.
focue 262, 805.
folium 261.
fons 260.
fore 260, 298, 805, 810.
forem 260, 298.
fores 260.
foria 261.
Tormica 261.
Fortona 260.
fovea 160.
foveo 305.
fraceo 26.
fraces 26'
fragesco 26.
' fraus 437.
frendo 813.
friare 442.
! friguttlo 7.
Ifrundes 260.
Ifhinte 260.
funda 299.
fungus 436 f.
Ifunte 260.
jftirfur 313.
30*
468
Wortregiiter.
lüuimias 801.
glis, glitis 28.
glittiu (Paul, gilttis; rar.
glutis, gUctis) S8, 24.
I^oria 11.
gluo S4.
glas 24. *
glnten 24.
C^atinum 24.
glatio, ginttio 24, 25.
gltttns, glattes 24.
gncilis 16, 21.
gimeillo 21.
gracaltts, gracculus 21.
grandit 180.
grocoio 21.
groma 289.
gabemator 89,
gola 24.
gorgnlio 89.
gntto 88.
gutta 88.
gattttr 88.
gnttnniiiun 89.
guttBS 89.
habere 249.
hice^ hicce 8, 27.
hoc 82.
homo 282.
hordeum 487, 441.
ht^ns 802.
illnstris 268.
imiteri 808.
Imperator 195.
mfestttB 814.
inglayiea 24.
insipat 29.
interdla 801.
interdins 800.
invitare 297.
invitua 296, 297.
iste 888.
jacio 806.
jociu 288, 298« 805.
jogalis 259.
jonbere 109.
juba 109.
jubar 108, 109.
jabeo 109 ff., 160.
jangere 160.
Juppiter 8.
javare 109 ff.
jayenta 465.
jiixta'160.
labor 289.
laedere 808.
lamentem 28.
laDgneo 811.
lappa 10.
latus 28.
laurea 142.
laus 28.
lex 806.
libet 12.,
lioeri i07.
licet 207.
limas 28.
lippoa 10, 28.
lira 412.
llttera, litera 28.
litoB, liUoB 22, 28.
locus 210.
loDgns 442.
prftnest. losna 259.
labet 12.
InpuB 159.
lympha, lumpa 289.
maccas 14.
macistratoB 258.
mactea 4, 24, 84.
macto 5.
madeo 86.
inadldos 86.
maWa 414.
mango 169.
manifestas 315.
mappa 5.
inatta 4.
mattea, mattya 4, 88.
mattici 6.
mattas, matos 86.
mavolo 804.
Mavora 804.
me 850.
memoria ( grabdenkmal )
198.
milium 414.
miseret 808.
mitto 86.
molocrum 259.
moneta (appellativ) 806.
mucor, maccor 19, 20.
mucos, macctis 19.
moscerda 25.
(g)nascor 25.
necessarios 160.
necessitedo 160.
necto 86, 160.
Nero 458.
nimis 456.
Dimios 456.
nitor 22.
nizns 22.
Nodotns 205.
DOS 860.
nubes 444.
nacquam 87.
nomenu 805.
nammos 805.
nuper 87.
ob 81, 268, 297.
obsipat 29.
occa 85.
occo 85.
ocior 28, 86.
ocalas 85.
ostendo 86.
padsci 241.
pango 241.
pannas 6.
pappa 7.
Parca 160.
pario 6.
paro 6.
pavere 808.
pecco 84, 85.
pecto 36.
pectos 28.
peUo 141.
pejor, peaaimas 84, 86.
pendere 299.
-per 87.
perdo 84.
pessum dare, p. ire 85.
pinus 12.
pios 198.
placare 804.
plango 241.
plaado 12.
plebes 299, 444.
plecio 86.
plisima 456.
pluueram 810-
polliceri 207.
Poloces 259.
popina 159.
populos 805.
por 260.
porca (ackerbeet) 418.
porcere 160.
porricere 207.
Posilla 259.
precari 804.
prisciu 466.
pristiniu 466.
promellere 297.
promnlcum 297.
promulgare 297.
prope 159, 160.
propinqnaB 160.
Proaerpina , Prosepnais
801.
prozimns 169, 160.
pndet 808.
pnlex 80.
piuus 189.
pnteuB 79.
qaattaor 26.
qnicqiiam 82.
quippe 82.
quippiam 82.
qaisquiliae 261.
qaot 25.
qnotannis 299, 800.
qnotidie 25, 299, 800.
recddi 8.
religio 806.
remnlcnm 297.
repperi 8.
rettali 8.
rez 806.
robigo 258.
Roma, Boama 259, 294.
rofiis 448.
rutilns 448.
Saccus 1 — 8, 88.
saeculcm 804.
sagitta 294.
sagum 1, 88.
salpicta, salapitta, eal-
pitta 88 f., 89.
salvus 200.
sapa 12, 20.
sapinns, sappinus 12.
8apo 12.
sarcire 200.
sarte 900.
Satnrniis, 8AIITVRNVS
806.
Bclis 440.
scloppns 7.
Bcortam 262.
scQtella 188.
Becare 804.
secQS 296.
sedeB 444.
seUa 262.
semper 87.
seruB 807.
sesconciam 260.
Wortregister.
469
setitis 296.
unguis 487.
siccuB 17.
▼acca 18.
Silva 262.
vaccinium 13, 14.
soboles 260.
vacillo, vaccillo 25.
vafer 288.
solea 262.
vagio 18.
solidus 200, 262.
Valium 206.
solitim 200, 262.
valvoluB 206.
soUistimiim 200.
vapidus 9.
Bollna 200.
vapor 9.
BOlam 262.
vappa 9.
sortns 269.
vappo 80.
spes- 487.
Venus 807.
Bpoliare 261.
venustus 807.
spolium 261.
verus 807.
stipa 12.
vespa 81.
Btipo 12.
vincio 22.
stliB 440.
vinculnm 22.
süoppus 7.
vis (du willst) 801.
Btodia 269.
vita 28.
stolidüB 86.
vitare 297.
stroppns 5.
viUs 22.
struppuB 5.
Vitorius, -a 38.
stultas 86.
vitta 22.
Btupa, Btuppa 12.
vocatio (== vacatio) 286
saad 244.
vocivus 286.
sab 29, 31.
volva 206.
snccerda 26.
voto (=s veto) 286.
saccidia 81.
Vulcanus 215.
sucala 25.
sacns, succns 20.
sncinnm, snccinnm 21.
2) ItaUenisch.
sugo 20.
crai 140.
snpat 29.
calabr. nacare 142.
super 29.
nannare 142.
superos 29.
pescrai, pescherai 140.
supinus 29.
sajo 142.
snppiis (wurf im Würfel-
scodella 188.
spiel) 29.
suppus (rttckgeneigt) 29.
3) franxSfUeh.
snpparus, -um 5, 6.
chou 141.
snstineo 86.
taedet 808.
sept 84.
sous 84.
tarn 87.
tappula, tapulla 7.
Tappulus, -a 8.
4) Umbrisch.
te 850.
enem, eine 196 f.
tip(p)ula 29, 80.
habe, habetu 249.
Tities 802.
beriiei 248.
topper 37.
kapire, capif 202.
tondeo 261.
nesimo 160.
triticum 448.
persklo- 440.
tugurium 82.
pihatu u. s. w. 198.
tum 87.
siom 850.
turbare 261.
tiom 860.
470
Wortregister.
5) Oskisch. Sabellisch.
Yotekisoh.
NB. Die unbezeichneten
vrörter sind oskisch.
acum 241.
sab. aisos 808.
amfret 248.
ArAv<rxh[rofi]l9%l9B.
ßqarwfi 194 f.
dlumpa 289.
ftvlttfil 196 f.
eftans 249.
embratur 196.
iffot 191.
fatiom 248.
fefaeust 811.
Genetaf 249.
heriiad 248.
hipid, hipust 249.
{nfm, in|im| 196 f.
{dU inf 196 f.
ITo/a; 194, 242 f.
xaniäicinft 202 f.
xw . axfQfi^ 241.
kuxfix 207 f.
IHatud <207.
lioxaxf^r 241.
LucetiuB 249.
Maiiof, Mahiis u. s
244.
Harai 242.
Maraiicis 242.
Maraies 242.
Maras 194, 243.
Meiaian[ai] 243.
memnim 197.
ola 198.
patensins 297.
altsab. peien 198.
pestlo- 440.
piibiof 198.
volsk. pihom 198.
alUab. pio 198.
nur 191.
potiad, potfana 248.
Puntols 242.
Salavs 200.
Sestes 255, 256.
aororom 199 ff.
svam 244.
Tanas 194, 248.
Trebs, Treblts 264.
F^Q^re^<; 187 f.
Vfrrfis 188.
J^oXkof-mfi 204 ff.
E. Arische sprachen.
1 ) Sanskrit.
akar, akat 879.
akrthSe, akfta 397.
aksi 85.
äti 31.
aditbäs, adita 397.
adahra 401.
adf^raro 401.
ana 844.
apadran 89.
äpf^it 64.
api 268, 297.
abhä^i, abhan^i 880.
ama 344, 366.
amS 844.
amSt 844.
arai, araüa u. s. w. 356.
ajam, ijam 344, 382.
WZ. ardh 299.
alfbhi, alambbi 380.
avajss 880.
avavftranta 401.
avas- 373.
avri (wz. var) 897.
a^arSit 58.
äfvamisti 70.
WZ. as 882 f.
äsaparjiit 58.
isa 881 ff.
asora 882.
asSa 344, 381 ff.
asUvIt 54.
asthiran 402.
asma 845, 368.
asmäbhis 351, 872«
aham 345.
ahraja 65.
adam 396.
Sdi (wz. dS) 396.
S9Dpdtvan 27.
äs iwz. as) 381.
Ssate 400.
1, i (interjection) 869.
itjSi 81.
idam 331.
imani 381, 368.
ijant 866.
ijam 868.
isira 803.
istäje 81.
WZ. iks 88.
im, I 367 f.
ivant 866.
uksan 18.
upa 263, 297.
upaja4 380.
uparis- 873.
Q pilaris 54.
ulkfi 215.
, usädbbis 211.
' us^ar 18.
et 871.
eUri 368, 407.
WZ. Sdh 299.
edhi 287.
eva (gang) 303.
kati 25.
katbs (ved. für kath&m)
826.
WZ. kar 85.
WZ. kart 261.
kartan 868.
WZ. kars, kfs 211.
karava 21.^
kSrfja, kSrsja 16.
kijant 866.
kivant 366.
kiipjSmi 12.
krkana 21.
kpkara 21.
krkavska 21.
kryd 16.
kf9JSmi 16.
krsna 416.
k^^ati 411.
krakara 21.
kramim 407.
gadgada 35.
gala 24.
g^vis^i 70.
girati, giUti 24.
gum 286.
Wortregister.
471
guhS (adv.) 865.
gÖsSti 70.
WZ. ghars 441.
WZ. gbus 88.
katur 373.
WZ. Itand 72.
WZ. Kar S07.
ItSrijSi 85.
Kira 807.
^thara 88.
iigSmi 880.
gisi 81.
^sSmi 88.
takav&na 411.
taksan 18.
tanvl 407.
tava 361.
tiHliSmi 880.
turvi^e 82.
WZ. trS 443.
tris 878.
WZ. tvar 261.
tras^r 18.
dar, dart 878, 879.
dftivara 70.
dsdhsra 410.
dimane 82.
diranS 82.
dirgha 218, 442.
WZ. du (gehen) y07.
dfira 807.
drfijS 81.
drSghijas, drSghistha 218.
drSvaka 307.
dvi- 346.
dvis 878.
dhSnnanS 82.
WZ. dhan 814.
dhArya96 82.
dhinStari 868, 407.
WZ. dhvar 261.
nakha 487.
nadjsia 872.
WS. nabh 305.
nabhas 444.
niprijSjitS 58.
nira^ajit 58.
panka 416.
pa(a 415.
patra 28.
p^jatS 35.
pirifarit 54.
pariB- 878.
WZ. parK 160.
WZ. pi (trocknen) 416.
p&Bu, päsuka 416.
pSpd 34.
pitarati 411.
pinfika 415.
< pitttje 81.
puru, paln 286.
I purüravas 58.
\ pUBJ^g 81.
WZ. pü 193.
pliban 80.
WZ. psS 442.
psfita 442.
bäkura 15.
WZ. bandh 365.
bSkiirä 15.
WZ. bukk 18.
bukkana 18.
bukkSra 18.
WZ. bhaks 14, 18.
WZ. bhag 14, 18.
bharerata 401.
bhärma^e 82.
bhavila 415.
WZ. bhas 442.
bhasita 442.
bhasman 442.
bhasmasiS 864.
bhSTajSmi (pflegen, f5r-
dem) 415.
WZ. bhid 365.
WZ. bhl 366.
WZ. bbu^ 18.
bhrgaväna 411.
bhrsti 815.
bhSridhrat 78.
bbra'9at9 16.
bhrd9jati, bh^^'ati 16.
mattä 86.
mathnSmi 86.
madhjS (adv.) 865.
I mamat 850, 851.
I mamva, mamvaka 414.
I mSm 850.
.milkha 18.
I WZ. muK, munkfimi 19.
;meghä 20.
• m^hämi 20.
I WZ. mraks 38.
ija^ithsja 82.
IjäviBtha 212 ff.
Ijavisthja 214.
Ijavijaa 218.
Ijndhäje 81.
jdvan 212 ff.
jnsma 868.
jnsmfibhis 850, 372.
' ra^s 78.
I ratharjftmi 53.
' rantidiva 70.
WZ. rabh 289.
rasa 366.
rä^an 306.
retas 28.
, WZ. labh 289.
I WZ. likh 22, 28.
<lipi 23.
] WZ. 11 22.
Hepa 10.
jlöhitati 411.
j WZ. vak (vfivakre) 26.
I vaktari 368.
I vatea 18.
I WZ. vad 55.
I vadhim 407.
I vajim 847.
WZ. var (bedecken") 206,
I 307.
vara94a 206.
varkas 215.
vavftran 401.
WZ. vaB (bleiben, eein)
807.
vasants (im frUhling)865.
väfä 13.
yS9ati 13.
vS9rä 13.
vftudsjasi 54.
Vidmdne 82, 103.
vidrate 400.
visjgiayi 361, 866.
Vita (geliebt, erwttnscht)
296.
vit^'S 81.
9ankha 487.
9arid 211.
9arSit, v{ 9ärai8 58.
9iprä 11.
9U8ka 17.
9eratS, a9Srata 400.
9rtd 211.
9^pa 11.
WZ. 9rath 261.
wz; 9rä, 9räi, 9x5 (9ar)
211.
9röta8 28.
ea (pron. itamm) 864,
878, 388.
sa (nom. sg.) 874 f.
sakS 868.
WZ. sad (gehen) 88.
472
Wortregister.
ftadaa 444.
WZ. sap 88.
aapAfjSmi 68.
Mbhi 804.
Mbh^ja 212.
aain 863.
868.
(adv.) 866.
WS. aar 807.
■arasi 868.
Murva 200.
Bavitar 806.
aas, 80 (st. Ba) 874 f.
sasmin 864.
WZ. sah 804.
sahas 62.
sä (sss sa, sas) 876.
sätäye 81.
sänavi 861, 866.
sSd5 861.
sikaU 17.
sima 868.
ridati 806.
sfinaW 861, 866.
WZ. skfi 261.
sthavljas, sthaviafha 218.
sthfUa 218.
WZ. spand 299.
sma 868, 862 f.
smil 862.
smaa 861.
WZ. am 106.
srötas 28.
sTa 212.
ha 846.
hi 846.
WZ. hu 88.
hrviji^ ^^•
hrvisS (flu hvpfii^) 66.
h6 (wz. aa) 400.
2)PUi.
amhe 861.
tamhe 862.
majam 889, 861.
3) Altpenisch.
ak'unaoa 897.
adarsnans 897.
abis 878.
drafiga 442.
patis 878.
4) AltbaktriselL
apasa 878.
ahma 846.
ti 869 f.
ftis 872.
Im 869.
ufbaSlbijSnii 17.
khsma 847.
Kathrus 878.
sarezdan 416.
WZ. tns 261.
WZ. thrf 448.
thrüU 448.
thrftar 448.
thrija 444.
thräjödrighn 444.
Dlo 860.
nfm^ni, nSm^ 867.
nfoi^nls 867.
paitis 378.
pairis 878.
frasa 878.
maf 862 f.
javan 212.
jfisma 847.
jfis 849.
raokhsna 416.
vaeti 22.
via 878.
Vita, evita 296.
ftlraSaU 218.
haXia 17.
hakho 88.
harn, häm 862 f.
hikn 17.
highnu 17.
hasko 17.
h^ 874 f.
faS, haflUt 876.
F. Lita- slawische sprachen.
1) AltprenTsUolL
kirsnan 416.
lanxnos 416.
iyso 418.
mes 861.
pannean 416.
panno, panustaclan 416.
sen 862.
2) LtUnUch.
ake ja 86.
akö'czoa 86.
alyya 466.
blak« 86.
bluak 80.
bluinia 80.
eaml 861.
gUtha 28.
jtia 889.
kitaa 26.
krökiu 21.
kvdpaa 9.
lapaa 118.
limph 10.
lipüa 10, 28.
lyae 413.
malnoa 414.
m^a 839, 861.
86.
pakTimph 9.
paraz^na 464.
parazinia 464.
pöska 416.
plakh 241.
pnazinia 464.
aakaf 12, 20.
akeraaa 416.
ah 362.
Bunkh 20.
sünkti 20.
auph 29.
teph 80.
Umaoja 68.
t&mi 861.
▼ibalaa 80.
▼apsä 81.
v^tis 22.
Zemina 454.
3) Lettisch.
blaktifl 86.
glist 28.
glläts 28.
gmds 24.
jQfl 889.
ni§8 889.
4) KireheiiBlawisclL
bogomoli 66.
bozij 65.
bu6ati 18, 19.
cresii 415.
dlugota 466.
Wortregister.
4
glina 24.
SQsati 20.
glibati 24.
sfisicT 20.
glutiti 26.
svinü 464.
jesmi 861.
viti 22.
kolesati 68.
voidi 56.
kotnka 26.
vrabij 66.
Ucha 418.
vametf 86.
ISpü 10.
vüdodö 66.
metn§ 86.
zeminü 464.
mravij 65.
my 889, 861.
pad§ 86.
peaükü 416.
5) Serbteeh.
plamy, plamene 416.
glib 24.
plemf 415.
plünota 466.
povarij 66.
6) leuloYenlsch.
sapogu 88.
emo 861.
Belitva 466.
slav^ 66.
sokti 12, 20.
7) BBhmiBCli.
B^jeta 465.
Inpen 118.
473
O. Keltische sprachen.
1) GallUcli.
ßi^arovdt 194 f.
tnatara 86.
2) Altiri8€h.
ammi 850.
ammiD 849.
br^th 194.
ni (nofl) 850.
3) Gaeltecli.
bächar 8.
briogais 8.
4) Altwetech.
sych 17.
A. W. Schade's Bncbdrnckerei (L. Schade) in Berlin, StaUschreiberstr 47.
Verbe88eruogeD.
8. 17 z. 5 V. u. lia: mhd.
8. 85 z. 14 V. u. lia: ega.
0. 88 K. 10 V. u. lis: ^a^haras.
8. 54 z. 7 — 6 T. a. lis: vftndsjasi.
8. 55 s. 8 lis: frfvajatpati.
»..55 z. 14 Hb: CAOBRS 11^0^%.
8. 55 z. 2 V. u. lia: Kor^n*.
$•76 z. 9 V. u. lia: parnt.
8. 78 z. 16 V. n. lia: ra^.
8. 83 z. 18 lia: torvifS und dbörvapi.
8. 108 anm. z. 7 v. u. lis: tremolare.
8. 191 z. 14 lis: JSraiTifiKi.
8. 192 z. 12 lis: geaprochen (statt: geschrieben).
8. 192 z. l ▼. u. lis: jiv/- viTxli[voft'],
8. 207 z. 7 ▼. a. setze ein komma hinter: I, 559f.).
8. 282 z. 10 ▼. Q. lia: mhd. no.
8. 288 z. 7 ▼. u. tilge den stem vor: dgyo^,
8. 818 z. 10 lis: Xaxic
8. 868 z. 15 hintei: nom. acc. pL aetze hinzn: der andern genenu
8. 858 z. 11 lis: im genns.
8. 859 z. 21 hinter: formation aetze hinzu: mit I.
8. 861 z. 17 ▼. o. and s. 866 z. 18 v. n. lis: visvavi.
8. 868 z. 15 T. a. lis: ijam tfkr: es.
8. 878 z. 15 ▼. n. lis: paris-.
8. 874 z. 15 lis: sofern sie.
8. 875 z. 16 vor: aus setze hinzn: nach.
8. 880 z. 15 ▼. n. Us: abhad^.
8. 896 z. 5 IIa: perf. itm.
8. 898 z. 22 lis: s ans t.
8. 407 z. 16 lis: «im erkennen ich hier, im erkennen dn hier*.'
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handschriftlichen Gestaltungen der Chanson de Geste
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ihre Vorstufen.
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(bUmaim, Onilelmus, de Diodori Sieilli fontibus commentationis criticae
capita quattuor. Dissertatio inauguralis historica. gr. 8. geh. 16 Sgr,
D6inhardt*8, Heinrich, kleine Sehriften. Ausgewählt und herausge-
geben von Heruann Schmidt, gr, 8. geh. 2 Thlr. 20 Sgr.
Holstein, Hugo, de Plinii ndnoris elocatione disputatio altera, irr. 4.
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Jahrbftcher für elassisclie Pllilolo^e. Herausgegeben ron Alfred
Fleckeisen. Fünfter Sapplementband. Zweites Hefe gr.8. geh. 28Sgr.
JBJLBORf Lndovicuty de Graeci seriDOllis nominum deminutione et ampli-
ficatione flexonim forma atque asa. gr. 8. geh. 20 Sgr.
Kloti, BicarduB, de nimero anapaestieo qaaestiones metricae. DUser-
tatio inauguralis. gr. 8. geh. 12 Sgr.
iküif^ Dr. €rnfl, Dberrel^rer an bct t. ©. ?anbe«Wnre ju Orimmc,
®tie^ifc^e Sc^ulgtammatil auf (S^runb ber (Srgebnijfe bet ber«
gUic^enben ^Sprac^forfc^ung bearbeitet, gr. 8. ge^. 22^- 6gr.
^arau9 befonber« abgebrucft:
9otmettle(te» gr. 8. ge^. 12 @gr.
09ntajr. gr. 8. gcji. 15 @gr.
BIrantBy JoiaphUB, M. Tnlli Gieeronis epistolamm emendationes. gr. 8.
geh. 10 Sgr.
Müller, Lucian, Oesehichte der klaBsischen Philologie in den Nieder-
landen. Mit einem Anhange über die lateinische Versification der
Niederländer, gr. 8. geh. 1 Thlr. 20 Sgr.
Nntihom, F., die Entstehnngsweise der Homerischen Gedichte.
Untersnchangen über die Berechtigung der auflösenden Homerkritik.
Mit einem Vorwort von J. N. Madwio, Professor in Kopenhagen, gr. 8.
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Aristophanis fabulae superstites et perditarum fragmenta ex recensione
et cum prolegomenis Guilelmi DiirDOBFn. Editio qninta correcdor.
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Bitschl, Friedrich, neae Plantinische Excnrse. Sprachgeschichtliche
Untersuchungen. I. Heft: Auslautendes d im alten Latein, gr. 8.
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Sauppe, Guttavns, lexilogns Xenophontens sive Index Xenophonteos
grammaticus. gr. 8. geh. 1 Thlr.
Schaubach, A., Gymnasiallehrer zu Meiningen. Worteriinch ZJk Siebells'
Tlroeininm poeticnm. gr. 8. geh. Vf Sgr.
$d)tUer^ l^ermann^ ^rofeffor am S)^ceutn in (£ar(«ruK bie Ü^tif^en Bec^
maf e bed ^otag. ^a^ ben (Srgebniffen ber neueren iRetrit fi& ben
@<^utgebrau$ bargejIeSt. 8. ge^. 5 @gr.
Scholia in Lncani bellnm civile edidit Hermaitnus Usbher. Pars prior.
Et. s. t.: M. Annaei Lncani commenta Bemensia edidit HERMAinxua
ÜSENER. gr. 8. geh. 2 Thlr. 20 Sgr.
Siebelis, Dr. JohaXLnen, Professor am Gymnasium sn Hildbnrghansen,
Tirociniam poeticnm. Erstes Lesebuch aus lateinischen Üichtem.
Für die Quarta von Gymnasien zusammengestellt und mit kurzen
Erläuterungen versehen. Achte Auflage, besorgt von Dr. Rich. Habx-
NiCBT, Gymnasiallehrer in Plauen, gr. 8. geh. 74 Sgr. Mit einem
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Composition geprüft und erklärt, gr. 8. geh. 1 Thlr. 10 Sgr.
Verhanalnngeii aer sechsnndzwanzigsten Yersammlnng dentscher
Philologen nnd Schnlmänner in Würzburg vom 30. September bis
3. October 1868. Mit 2 Hthographirten Tafeln, gr. 4. geh. 3 Thhr.
Weidner, A., Conrector zu Merseburg, Commentar zn Vergil's Aeneis
Buch I. u. n. Mit Excursen über Gegenstände der Veigil'schen
Grammatik und Metrik, gr. 8. geh. 2 Thlr. 20 Sgr.
Westphal, Rudolph, Prolegomena zn Aeschylns Tragödien, gr. 8.
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Znxnpt, A. W., das Clebnrtsjalir Christi. Geschichtlich-chronologische
Untersuchungen, gr. 8. geh. 2 Thlr.
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